Filmkritik: „Adams Äpfel“ (2005)

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Originaltitel: Adams æbler
Regie: Anders Thomas Jensen
Mit: Ulrich Thomsen, Mads Mikkelsen, Nicolas Bro u.a.
Land: Dänemark, Deutschland
Laufzeit: ca. 94 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Komödie, Drama
Tags: Resozialisierung | Verdrängung | Glaube | Schicksal | Wandlung

Der ungerechte Weg des Gerechten.

Kurzinhalt: In einer abgelegenen Dorfkirche widmet sich der hiesige Pfarrer Ivan (Mads Mikkelsen) einem eher besonderen Projekt – er soll Straftäter und andere belastete, vom Leben gezeichnete Menschen wieder auf den rechten Weg führen und im besten Fall resozialisieren. Das funktionierte bisher offenbar ganz gut – bis Adam (Ulrich Thomsen) auftaucht, ein überzeugter Skinhead mit ominöser Vergangenheit. Der scheint nicht nur wenig Lust auf Ivan und sein Resozialisierungsprogramm zu haben – er nimmt sich vor, hinter die Fassade des immer fröhlichen und allen zur Seite stehenden Ivan vorzudringen. Tatsächlich scheint der seine gute Laune des öfteren nur vorzutäuschen – Adam erfährt immer mehr über den kauzigen Pfarrer und seine offenbar alles andere als glückselige Vergangenheit. Adams selbst auferlegte Aufgabe besteht fortan darin, den Charakter des offenbar gut schauspielernden Pfarrers zu brechen – und ihm die Wahrheit vor Augen zu führen. Doch hätte er wohl kaum mit dem rechnen können, was er damit lostritt…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! ADAMS ÄPFEL ist der Titel einer etwas anderen, vornehmlich tiefschwarzen Komödie des Drehbuchautors und Regisseurs Anders Thomas Jensen (DÄNISCHE DELIKATESSEN). Obwohl das dänische Multitalent bereits zahlreiche Drehbücher verfasst hat handelt es sich hier um eines jener seltenen Werke, bei denen er auch selbst Regie geführt hat – und um eines, bei dem er sich seiner Kreativität keinen Riegel hat vorschieben lassen. Entsprechend ungewöhnlich, rebellisch und teilweise auch grotesk ist ADAMS ÄPFEL ausgefallen – eine Komödie, bei der allerdings nicht auf schnelle Lacher abgezielt wird; sondern eher auf das Porträt einer besonders skurrilen Figurenkonstellation in einer Ausnahmesituation. Rasante Szenenabfolgen oder einen oberflächlichen Slapstick wird man hier also vergebens suchen – was gut ist und eine willkommene Abwechslung garantiert. Dennoch bleibt ADAMS ÄPFEL eine Komödie, und sorgt durch allein durch seine makaberen Figuren für so manchen Lacher – mit dem Unterschied, dass es sich eben doch nicht um den typischen deutschen oder amerikanischen Genrefilm; sondern um eine durch und durch dänische Produktion handelt. Auffallend sind in diesem Zusammenhang nicht nur der einstweilen anarchistische, manchmal schwer zu verkraftende Humor oder die merkwürdig anmutenden Anwandlungen der Protagonisten – sondern vor allem auch der stets im Hintergrund mitschwingende, zunächst schwer zu kategorisierende Unterton.

So braucht der Film durchaus etwas Anlaufzeit, um vollends zu zünden – und den Zuschauer in die richtige Richtung zu lotsen. Jene gefühlte Sperrigkeit ist es indes auch, die den Film auszeichnet; ihn einzigartig macht – und dazu führt, dass eine vergleichsweise tiefgründige Komödie entstanden ist. So kommen auch gewisse religiöse Bezüge und philosophische Anleihen nicht von ungefähr: die eigentliche Idee des Films ist, den Hauptprotagonisten als modernen Hiob zu charakterisieren – und ADAMS ÄPFEL als Geschichte zu entwerfen, die zeitlos-wichtige und markante Fragen aufwirft. Sicher auch solche, die explizit in Verbindung mit dem Christentum stehen – eine entsprechende Symbolik gleich mit inklusive. Aber, und das ist das schöne; funktioniert der Film auch ohne den weiterführenden religiösen Bezug. Ob mit oder ohne ein höheres Zutun: Fragen wie die hier gestellten werden im Regelfall alle Menschen interessieren; ebenso wie die markanten Charakterentwicklungen. Vom guten alten Schicksal und der Vorhersehung, über schwere Traumata und Verdrängungsmechanismen bis hin zu regelrechten Wundern (zur Not auch aus der psychologischen Sichtweise heraus) – ADAMS ÄPFEL hat einiges zu bieten, und verpackt diese Elemente in einem gleichermaßen unterhaltsamen wie intelligenten Rahmen.

Einen, der endlich einmal wieder ein etwas kleineres Zielpublikum anspricht; mancherlei Regel bricht und schlicht das Gegenteil von dem ist, was man gemeinhin als Popcorn-Kino bezeichnet. Dass der Film so  gut gelingt, liegt dabei nicht nur am guten Drehbuch – sondern insbesondere an den Figuren und den beteiligten Darstellern. Auch wenn die Riege der Protagonisten stets überschaubar bleibt, reicht sie aus um für eine angenehme Verwirrung zu sorgen – und den Zuschauer mit so manch merkwürdiger Charakter-Eigenschaft zu konfrontieren. Solche, die es sich vor allem im ungewöhnlichen Zusammenspiel der Figuren zu entdecken lohnt; und die im Zusammenspiel mit den teils absolut unkorrekten, sich nicht um Minderheiten scherenden und trockenen Witzen für so manches Kopfschütteln sorgen werden. Auch wenn Darsteller Mads Mikkelsen die Hauptrolle innehat, diese mehr als solide verkörpert und mit seiner Figur der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist; so stiehlt ihm sein Kollege Ulrich Thomsen als Adam im Grunde genommen die Show. Speziell seine Leistung und sicher die Wandlung seines Charakters ist es, die dem Film noch einen draufsetzt – auch wenn es seine zeit dauert und vieles im Sinne einer für den Zuschauer nicht immer direkt sicht- und spürbaren Katharsis stattfindet.

Fazit: Es gibt nicht allzu viel, was man ADAMS ÄPFEL vorwerfen könnte. Eventuell könnten sich einige an der eher behäbigen Gangart, der Kammerspiel-artigen Inszenierung oder den einstweilen geschmacklosen Witzen stören – wahrscheinlicher aber ist, dass die etablierte Atmosphäre den eigentlichen Knackpunkt markiert. Denn die ist tatsächlich sehr wechselhaft, verwirrend; und manchmal sogar etwas unangenehm – vornehmlich immer dann, wenn zwischen Ernst und Witz keine klaren Grenzen liegen. Merkwürdig ist auch, dass man in Bezug auf die vermeintlich göttlichen Interventionen deutlich weniger subtil vorgeht als es sonst der Fall ist; eben so wie man wichtige Aussagen des Films etwas klarer (und im besten Fall unter Einbeziehung aller beteiligten Protagonisten) hätte ausformulieren müssen. Dennoch bleibt es bei einem empfehlenswerten Film – sofern man auf eine gewisse Behaglichkeit verzichten kann und sich einfach mal wieder etwas anders unterhalten wissen möchte.

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„Nur bedingt als Komödie zu verstehen – als makaberer Genre-Mix mit grandiosen Darstellern und Parabeln gar biblischer Ausmaße aber umso interessanter.“

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Filmkritik: „Die Kinder Des Monsieur Mathieu“ (2003)

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Originaltitel: Les Choristes
Regie: Christophe Barratier
Mit: Gérard Jugnot, François Berléand, Jacques Perrin u.a.
Land: Frankreich, Deutschland, Schweiz
Laufzeit: ca. 96 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Tragik-Komödie
Tags: Lehrer | Chor | Schule | Heim | Autoritär | Alternativ | Singen

Ein kleines aber feines Epos über die Kraft der Musik.

Kurzinhalt: Als der Dirigent Pierre Morhange (Jacques Perrin) eines Tages einen Blick in das alte Tagebuch seines damaligen Lehrers Clément Mathieu (Gérard Jugnot) wirft, findet er sich plötzlich inmitten seiner Kindheit wieder. Damals besuchte er ein Internat für schwer erziehbare Kinder, in dem er keine leichte Zeit hatte – bis ein gewisser Clément Mathieu als neues Mitglied des Lehrkörpers auf den Plan trat. Denn der setzte im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten Rachin (François Berléand) keineswegs auf streng autoritäre Erziehungsmethoden oder gar angewandte Gewalt – sondern auf Verständnis und die Kraft der Musik. Diese komponierte er wann immer es ging selbst, bis er eines Tages ein ungewöhnliches Experiment wagte: er rief einen Kinderchor ins Leben, der die Kinder bestärken und für ein wenig Abwechslung im tristen Internats-Alltag sorgen sollte. Im Zuge dessen traten jedoch schnell einige Schwierigkeiten auf – etwa in Form des hiesigen Internatsleiters, der die Methoden von Mathieu alles andere als gutheißen konnte. Aber auch nur, bis es eines Tages doch noch zu einer größeren Aufführung kommen sollte – die für reichlich Aufsehen sorgte. Kurzerhand verkündete der unverbesserliche Internatsleiter, dass es sich dabei allein um seine Idee gehandelt hatte – Mathieu ließ ihn zum Wohle der Kinder gewähren, und freute sich dass er und die Kinder es so weit gebracht hatten. Aber als es bald darauf zu einem schwerwiegenden Zwischenfall im Internat kam, stand das gut gemeinte Chor-Projekt jedoch erneut auf wackeligen Beinen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! DIE KINDER DES MONSIEUR MATHIEU ist eine französische Tragik-Komödie aus der Feder von Christophe Barratier. Der Film, der im Original schlicht LES CHROSTES heißt und 2003 erstmals in den französischen Kinos aufgeführt wurde; befasst sich in erster Linie mit einem: der Musik. Grundsätzlich geht es darum, wie ein idealistischer Lehrer als Neuzugang in einem autoritären Heim für schwer erziehbare und Waisenkinder auf eher unkonventionelle Methoden setzt – und es gerade so vermag, sich das Vertrauen und den Respekt der Kinder zu verdienen. So zeitlos und vielleicht auch magisch die Geschichte anmutet, so weit geht sie in der Historie zurück: das Drehbuch stützt sich auf ein frühes Werk des französischen Drehbuchautors Georges Chaperot, dessen Film DER NACHTIGALLENKÄFIG eine ganz ähnliche Geschichte erzählte wie nun auch DIE KINDER DES MONSIEUR MATHIEU. Das allerdings mit mindestens einem markanten Unterschied: der besagte Film stammt aus dem Jahr 1945, ist also in jeder Hinsicht ein echter Klassiker.

Doch auch das filmische Revival aus dem Jahr 2003 kann sich sehen lassen – sicher auch, da Regisseur Christophe Barratier offenbar nicht nur die Vorlage lieb gewonnen; sondern als Kind selbst ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie die im Film vorgestellten Protagonisten. Die Folge ist ein zutiefst anrührendes, größtenteils absolut authentisch wirkendes Werk; das nicht nur der Musik einen cineastischen Tribut zollt – sondern auch einem außergewöhnlichen (fiktiven) Charakter, der sich trotz aller Widrigkeiten und Vorurteile durchsetzt. Nicht, weil er auf Erfolg aus ist oder andere möglicherweise zwielichtige Ziele verfolgt – sondern schlicht deshalb, um als einfacher Mensch und Pädagoge die Welt ein kleines Stückchen zu verbessern. Diese wenn man so will rebellische, aber durch und durch gerecht erscheinende Haltung ist es, die den Film auszeichnet – und auch dem Zuschauer ein gewisses Gefühl von Optimismus vermittelt. Schließlich ist ein mutiges Aufbegehren gegen etablierte, aber offensichtlich marode Systeme und Normen wichtig – wie sonst sollten überhaupt etwaige vielleicht längst überfällige Denkprozesse in der Gesellschaft angestoßen werden ? Im Gegensatz zu anderen, man nenne sie Pionieren der Gesellschaft ist die Geschichte des MONSIEUR MATHIEU eher eine kleine; und keine die revolutionäre Folgen nach sich zieht – was aber dennoch nichts an der enormen Wirkungskraft des Films ändert.

Ein Film, der dabei weit mehr beinhaltet als jene wichtigen gesellschaftskritischen Ansätze – denn die sind grundsätzlich nur das Sahnehäubchen auf einer einfachen, aber eben doch zutiefst bewegenden Geschichte. So wird der Zuschauer ein gutes Gefühl für die Situation bekommen, in der die Kinder stecken. Anders gesagt: weder werden etwaige kritische Umstände verharmlost, noch werden die potentielle Missstände in einer schier unerträglichen Härte ausgeführt – was sich durchaus angeboten und die aufrüttelnde Wirkung des Films eventuell noch zusätzlich unterstützt hätte. Immerhin: ein einzelnes Charakter-Schicksal dient hier stellvertretend für eine zusätzliche Brisanz. Doch in erster Linie sollte und soll DIE KINDER DES MONSIEUR MATHIEU ein herzerwärmender Film sein, der kaum auf eine spezifische Zielgruppe zugeschnitten ist. Gerade deshalb gibt es auch keine Hindernisse, wenn es um den Einstieg in den Film-eigenen Kosmos oder die Verständnis-Ebene gibt – die Geschichte wird universell erzählt, und könnte genauso gut an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit stattfinden. Vielleicht ja sogar heute – was zu weiteren wichtigen Denkansätzen führt. Vor allem aber ist die hier dargebotene Musik, die für eine zusätzliche Wirkungsebene sorgt die weit über den reinen Unterhaltungs-Faktor hinausgeht. Sei es in den Momenten in denen die Kinder tatsächlich singen (was ihnen im weiteren Verlauf des Films immer besser gelingt) oder jene in denen nur die instrumentale Filmmusik von Bruno Coulais gespielt wird – die Zahl der potentielle Gänsehaut-Momente ist beachtlich.

Hinzu kommt, dass der Film auch sonst keinerlei Schwächen offenbart –  auch nicht hinsichtlich der Technik oder des investierten Handwerks. Allein die Kameraführung und die Gestaltung der einzelnen Szenen wirkt absolut stimmig, die Schauplätze und Kostüme werden atmosphärisch in Szene gesetzt; die Leistung der beteiligten Darsteller ist enorm. Allen voran kann hier Gérard Jugnot in der Hauptrolle überzeugen – sein Spiel wirkt nicht nur hinreichend authentisch, sondern auch in einem besonderen (und eher seltenen) Maße warmherzig. Doch sicher sollte man auch die Leistungen der zahlreichen Kinder-Darsteller würdigen – von denen sich besonders einer, nämlich Jean-Baptiste Maunier (der hier den Wunderknaben mit der schönsten Stimme verkörpert) in die Herzen der Zuschauer spielt. Und nicht nur das – das 1990 geborene Talent legte nach seinem Auftritt in diesem Film eine recht steile Karriere vor, die noch lange nicht vorüber sein sollte.

Fazit: Sicher, ganz nüchtern betrachtet ist DIE KINDER DES MONSIEUR MATHIEU eine vergleichsweise einfach gestrickte und sehr anrührend erzählte Geschichte mit einer Art Weltvebesserungsmoral, die in der Realität sicher schwer umzusetzen war und ist. Hier hilft es wiederum enorm, den Film als das zu betrachten was er im Kern darstellt – eine Art modernes Märchen rund um das Thema der Musik. Und eben kein moralinsaures Gesellschaftsdrama – auch wenn er diesbezügliche Inhalte ebenfalls anschneidet und mit einer gewissen Lockerheit in den großen Erzähl-Topf wirft. Betrachtet man den Film von eben jener dezent fantastisch angehauchten Warte heraus, und übernimmt es als Zuschauer selbst gewisse Parallelen zu zeichnen – dann kann man eigentlich nichts mehr falsch machen. In erster Linie soll DIE KINDER DES MONSIEUR MATHIEU schließlich nicht den Kopf des Zuschauers beschäftigen – sondern das Herz.

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„Ein Gesellschaftsdrama trifft auf ein modernes Märchen, in dem Optimismus und Traurigkeit nah beieinander liegen – nicht zuletzt aufgrund des einmaligen Soundtracks.“

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Filmkritik: „Family Man – Eine Himmlische Entscheidung“ (2000)

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Originaltitel: The Family Man
Regie: Brett Ratner
Mit: Nicolas Cage, Tea Leoni, Makenzie Vega u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 125 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Familienfilm / Komödie
Tags: Weihnachten | Börse | Familie | Kinder | Alternative

Weihnachten – die Zeit der Chancen.

Kurzinhalt: Der eifrige Jack (Nicolas Cage) steht im Verlauf seines Lebens vor einer schwerwiegenden Entscheidung. Sollte er die Chance nutzen und sich seiner Karriere widmen, oder aber die Beziehung mit seiner Jugendfreundin Kate (Tea Leoni) ausweiten ? Jack entscheidet sich für ersteres – und verdrängt jegliche Gefühle, die er noch für Kate hegt. Tatsächlich wird er so ein recht erfolgreicher, wohlhabender Börsenmakler – doch gerade in der Weihnachtszeit plagen ihn Zweifel. Dann plötzlich will es eine Fügung des Schicksals, dass Jack eine eher ungewöhnliche Chance erhält: er soll für eine unbestimmte Zeit in ein alternatives Leben schlüpfen. Eines, in dem er sich nicht für die Karriere, sondern für seine Freundin Kate entschieden hat. Und so findet sich der reichlich verwunderte Jack nach dem Aufwachen in einem ihm fremden Haus wieder… mit einer bekannten, aber immerhin 13 Jahre gealterten Frau an seiner Seite. Anstatt eines schicken Wagens und einer Börse voll Geld findet er dann auch noch 2 Kinder vor – seine Kinder…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Im selben Jahr, in dem Nicolas Cage einen eher raubeinigen Auto-Experten in NUR NOCH 60 SEKUNDEN verkörperte, erschien noch ein anderer Film mit ihm in einer Hauptrolle – FAMILY MAN. Wie es der Titel bereits impliziert, spielt er hier einmal nicht den abgebrühten Helden – sondern vielmehr einen erfolgreichen aber innerlich zerrissenen Wallstreet-Broker, der durch einen Wink des Schicksals einen Blick in eine alternative Version seines Lebens werfen kann. Und auch wenn das zunächst nach einem eher typischen Werk der Marke was-wäre-wenn und nach einer weiteren Version des Kult-Klassikers IST DAS LEBEN NICHT SCHÖN klingt, funktioniert das Konzept überraschenderweise gleich auf mehreren Ebenen. Schließlich ist FAMILY MAN nicht nur eine unterhaltsame bis tragische Familienkomödie, die mit ihrem skurrilen Selbstfindungsprozess perfekt in die Weihnachts-Saison passt – sondern auch eine Art Abrechnung mit den Auswüchsen des Kapitalismus. Eine vergleichsweise simpel gestrickte, eher auf Unterhaltung denn auf tiefgreifende inhaltliche Ansätze zurückgreifende zwar – aber dennoch fühlt es sich gut an, einmal einen quasi-Weihnachtsfilm zu sehen der nicht unbedingt nur auf die menschlichen Fehler eines einzelnen hinweist. Stattdessen fungiert der Hauptcharakter als zeitloses Fallbeispiel für einen rein Erfolgs-orientierten Menschen der vergessen oder verdrängt hat; dass es möglicherweise auch noch andere, wichtigere Werte im Leben eines einzelnen geben sollte.

Rein inszenatorisch wirkt FAMILY MAN dabei wie eine abgespeckte Version eines Klassikers wie UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER – mit einem nicht ganz so markanten Hauptdarsteller, etwas weniger originellen Ideen und sicherlich auch einigen kleineren Durststrecken. Diese entstehen vor allem zu Beginn des Films respektive der wundersamen Reise ins andere ich – wo man viel Zeit verbringt, einen reichlich verdutzt dreinschauenden Nicolas Cage zu zeigen; der nicht so recht glauben will was da um ihn herum geschieht. Erst im weiteren Verlauf nimmt der Film dann an Fahrt auf, wird deutlich emotionaler – und auch witziger; schließlich verfügt der Hauptcharakter noch immer über allerlei Wissen über Menschen, die ihn nun nicht mehr kennen. Schade ist nur, dass dieser Fakt nur selten ausgenutzt wird – eigentlich bleibt es nur bei einer Szene mit seinem eigentlichen Chef, die in dieser Hinsicht punkten kann. Immerhin sieht es in Bezug auf die gar nicht mal so typischen und damit sicher auch wieder situationsgerechten Dialoge schon wieder deutlich besser aus.

Rein technisch und handwerklich braucht sich das Projekt dann ebenfalls nicht zu verstecken – eben weil es so bodenständig daherkommt und statt auf Spezialeffekte eher auf hübsche Szenenaufbauten und ein gewisses Gefühl der Heimeligkeit setzt. Fraglich bleibt nur, ob man mit Nicolas Cage tatsächlich den Richtigen für diese Rolle verpflichtet hat – sein Spiel wirkt einstweilen etwas starr und hölzern. So bleibt es hauptsächlich an seinem weiblichen Gegenpart Tea Leoni, einen Großteil des Charmes zu versprühen. Weitere Höhepunkte finden sich immer dann, wenn die junge Makenzie Vega (die wohl für die größten Empathien sorgen kann) Szenen mit ihrem Film-Vater hat – wobei es fast schon wieder schade ist, dass er derer nur so wenige sind. Der gelungene Soundtrack von Altmeister Danny Elfman rundet das Ganze dann in emotionaler Hinsicht ab – mit der Gefahr, dass doch mal die ein oder andere Träne fließt; auch wenn es sicher wesentlich eindringlichere, magischere Weihnachtsfilme gibt. Dennoch: ein klein wenig von eben jener Magie schimmert auch hier durch.

Fazit: FAMILY MAN ist ein gelungener, überraschend substanzieller Weihnachtsfilm. Einer, der zwar keine nennenswerten qualitativen Spitzen aufweist; sich aber dennoch sehen lassen kann – vor allem natürlich in der Weihnachts-Sasion, wo die Sensibilität für das behandelte Thema noch einmal deutlich präsenter ist. So vermag es FAMILY MAN mit seinem ansprechenden Mix aus emotional-anrührenden und dezent komödiantischen Elementen nicht nur über weite Strecken gut zu unterhalten – sondern vermittelt auch eine wichtige und zeitlose Botschaft. Diese sollte im vorliegenden Fall verständlich genug ausfallen, dass der Film auch im Kreise der gesamten Familie verköstigt werden kann oder sollte.

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„Ein rundum solides, dezent anrührendes Werk zur Weihnachtszeit.“

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Filmkritik: „Hope And Glory“ (1987)

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Originaltitel: Hope And Glory
Regie: John Boorman
MitSebastian Rice-Edwards, Geraldine Muir, Sarah Miles u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: 112 Minuten
FSK: Ab 12 Jahren freigegeben
Genre: Drama / Komödie
Tags: Zweiter Weltkrieg | London | Bomber | Luftwaffe | Kinder | Bevölkerung

Ein schrecklich-schöner Anti-Kriegsfilm.

Kurzinhalt: Im Jahre 1939 ist auch England nicht mehr vor den Schrecken des von Adolf Hitler initiierten Zweiten Weltkriegs gefeit. Dennoch versuchen die Menschen ihren Alltag so gut es geht zu meistern – wie die Familie der Rowans, die in einem Vorort von London lebt. Als der Familienvater Clive (David Hayman) eines Tages jedoch selbst in die Armee eingezogen wird, verbleiben seine Frau Sue (Geraldine Muir) und seine drei Kinder Grace (Sarah Miles), Dawn (Sammi Davis) und Bill (Sebastian Rice-Edwards) allein zurück. Gerade der 9-jährige Bill, nunmehr der einzige Mann im Haus, wächst dabei über sich hinaus – sodass der Familienzusammenhalt und der Wille, all das Grauen möglichst unbeschadet zu überstehen, immer weiter wächst. So erlebt die Familie während des von der deutschen Luftwaffe geführten Blitzkriegs immer wieder Momente der Todesangst – doch den Lebensmut, den würde sich keiner der Anwesenden in den von Bomben bedrohten Wohngebieten nehmen lassen. Als dann kurz vor Ferienende auch noch die hiesige Grundschule getroffen und zerstört wird, ist die Freude besonders bei den Kindern groß…

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Kritik: Die Schrecken des Krieges trifft auf eine standhafte, vor Lebenslust geradezu sprühende englische Bevölkerung. Eines ist bei einer Plotbeschreibung wie dieser klar – HOPE AND GLORY ist wie kein zweiter ein Film der gemischten Gefühle. Eben so, wie es auch von Regisseur und Drehbuchautor John Boorman beabsichtigt war; der in diesem durchaus besonderen Antikriegsdrama zum Teil autobiografische Erfahrungen verarbeitet. Ob man dies dem Film – das entspreche Wissen um seine Vita vorausgesetzt – nun anmerkt oder nicht, spielt dabei aber kaum eine Rolle. HOPE AND GLORY ist ein auf einer universellen, emotionalen Ebene funktionierender Film; der weder als explizite Biografie noch Chronologie des Zweiten Weltkriegs in Bezug auf England verstanden werden soll. Vielmehr setzt der Film auf die zutiefst ambivalente, glaubwürdig transportierte Stimmung der Einwohner Londons; die zum entsprechenden Handlungszeitpunkt noch nicht wussten, in wie weit England tatsächlich in den weiteren Verlauf des Krieges einbezogen werden würde. Das Ergebnis ist ein Film, der teilweise wie eine beschwingte Familienkomödie wirkt – wäre da nicht jener besagte, bedrohliche Schreckenshintergrund als Rahmen für die stets glaubwürdige Ereignisse.

HOPE AND GLORY ist dabei eine der wenigen Filme jener Machart, die dabei nicht nur als ganzheitliches Erlebnis im Gedächtnis bleiben werden – sondern einer, der auch in vielen einzelnen Szenen eine ungeheure filmische Wirkung; eine filmische Wucht offenbart. Momente wie die, in der ein deutscher Pilot von der englischen Verteidigung abgeschossen wird und per Fallschirm inmitten der staunenden Bevölkerung notlandet; oder die, in denen der vom Krieg heimgekehrte Familienvater eine Marmeladendose der deutschen Angreifer den anderen als köstliches Mitbringsel schmackhaft machen möchte, sind dabei besonders bezeichnend. Diese herrlich erfrischend, herrlich einzigartig inszenierten Szenen sind dabei nicht nur besonders unterhaltsam – sie zeugen erneut von der filmischen Ambivalenz, den vom Filmstil her geradezu kabarettistisch dargebotenen Akten der Menschen vor dem Hintergrund der vor allem in der Ferne stattfindenden Katastrophe. John Boorman gelingt es hierbei, sich niemals im Ton oder Stil zu vergreifen – alles wirkt in sich stimmig, stets nachvollziehbar; und bewegt sich selbst in den markanteren Momenten einer alles übergreifenden Heiterkeit niemals in Bereichen des Lächerlichen, Bloßstellenden.

Doch nicht nur die in diesem Sinne wunderbar unspektakuläre Handlung und die menschlichen Charaktere wissen in diesem Fall durchweg zu überzeugen. Einen weiteren Vorteil erhält der Film dadurch, dass er zumeist aus einer kindlich-unschuldigen Perspektive heraus erzählt, respektive erlebt wird – und so aus einer wenig sterilen Sichtweise der Dinge profitiert, die dennoch nicht dazu führt dass etwaige Hintergründe verharmlost werden. Dabei erscheint es besonders erwähnenswert, welchen Anteil die Darsteller an der filmischen Gesamtwirkung haben. Es ist schier unglaublich, mit welcher Ausdrucksstärke der junge Darsteller Sebastian Rice-Edwards die Rolle des Bill spielt; die des zweifelsohne wichtigsten Charakters des Films. Und dass offenbar ohne dass er zuvor in anderen Produktionen mitwirkte; was sicherlich eine kleine Überraschung ist. Auch der restliche Cast erzeugt vor allem eine Wirkung: eine durch und durch sympathische, die es dem Zuschauer schnell ermöglicht, sind in die jeweiligen Situationen einzufinden und sich vielleicht sogar in ihnen wieder zuerkennen. Derweil macht der Film alles, was er möglicherweise an Alterserscheinungen in Bezug auf die allgemeine Bildqualität offenbart, durch die vielen liebevollen Szenenaufbauten und großartig eingefangenen Alltagsszenen locker wieder wett. Überaus stimmig ist auch der Soundtrack, welcher hie und da die ein oder andere klassische Note einstreut, sobald es etwas melancholischer zugeht – oder aber den guten alten Swing präsentiert, wenn es gilt; die Kriegspausen nachzuerleben.

Fazit: HOPE AND GLORY ist eines jener Kriegsdramen, die sich wie der gut 10 Jahre später erschienene DAS LEBEN IST SCHÖN oder auch DER ZUG DES LEBENS in eine besondere Kategorie des Kriegs- bzw. Antikriegsfilms einordnen. Einer, dessen zugehörige Werke alle eines gemeinsam haben: sie sind erfrischend andersartig und unkonventionell erzählt – und wirken dennoch, oder gerade deswegen nicht minder glaubwürdig oder weniger ernsthaft als andere, sich als durch und durch seriös verkaufende Kriegsdramen. Neben den entsprechenden Ideen gehört schon eine ordentliche Portion Mut dazu, Filme wie diese zu produzieren – bei denen es gilt, die Gratwanderung zwischen (oberflächlichem) Klamauk und historisch relevanter Kriegsparabel stets zu meistern. In diesem Fall hat das wunderbar geklappt – HOPE AND GLORY unterhält nicht nur blendend, auch die ernsteren Elemente kommen nicht zu kurz. Eine absolute, zeitlose Empfehlung.

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„Andersartiger, mutiger, lebensbejahender Anti-Kriegsfilm mit starkem Hauptcharakter“

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Filmkritik: „Kabluey“ (2007)

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Originaltitel: Kabluey
Regie: Scott Prendergast
MitScott Prendergast, Lisa Kudrow, Teri Garr u.a.
Land: USA
Laufzeit: 86 Minuten
FSK: Noch nicht geprüft
Genre: Drama / Komödie
Tags: Nanny | Familie | Alleinerziehend | Schräg | Vaterfigur | Söhne | Mutter

Da sieht einer blau.

Kurzinhalt: Leslie (Lisa Kudrow) hat es als Mutter ihrer beiden quirligen Kinder Cameron (Cameron Wofford) und Lincoln (Landon Henninger) nicht leicht. Ihr Mann ist Soldat und über längere Zeit im Irak stationiert, sodass sie alle im Alltag auftretenden Probleme allein bewältigen muss. Obwohl sie eine starke Frau ist, fällt ihr das immer schwerer – sodass eine Notlösung in Form einer Nanny in Betracht zieht. Doch wie sollte sie eine solche bezahlen ? Eines Tages jedoch erhält sie einen Wink des Schicksals – personifiziert durch den kauzigen Bruder ihres Mannes, Salman (Scott Prendergast). Sie entschließt sich, ihn als Nanny zu beschäftigen – doch hat einige Zweifel, da Salman nicht gerade mit beiden Beinen im Leben steht. Doch nach und nach entwickelt sich ein gegenseitiges Vertrauen… und Salman scheint die Aufgabe doch besser zu meistern als anfangs gedacht. Wie passend, dass er dann auch gleich noch einen weiteren Job findet – als seltsam anmutendes Firmenmaskottchen einer noch seltsameren Firma.

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Das Leben kann verdammt hart sein…

Kritik: KABLUEY ist alles – nur kein gewöhnlicher Film. In Anbetracht der eher simplen Grundidee und den teilweise nur schleppend vorankommenden, verdächtig unspektakulären Szenen könnte man zunächst schlimmes befürchten – doch es gilt, sich voll und ganz auf das unkonventionelle Werk von Scott Prendergast einzulassen. So wird man schnell gefangengenommen von einem eigentümlichen, aber doch angenehmen Unterton – der die volle emotionale Bandbreite eines Familiendramas mit der Lockerheit einer Komödie verbindet. KABLUEY ist demnach am ehesten als Tragikkomödie zu bezeichnen – eine, der ein Blick für das Besondere, Ungewöhnliche; letztendlich aber irgendwie doch vollkommen normale nicht abhanden kommt und den Zuschauer mit ihrem ungeheuren Charme in den Bann zieht. Es macht schlicht einen Heidenspaß, den schrägen Salman auf seiner Suche nach einem Arbeitsplatz zu begleiten – und ihn schon bald darauf in einer eher merkwürdig anmutenden Anstellung in Aktion zu sehen. Dass der Titel-gebende Antiheld in ein seltsames Kostüm schlüpfen muss und stets an einer einsamen Landstraße herausgelassen wird um seine Werbezettel zu verteilen, sind dabei nur zwei der geschickt inszenierten Merkwürdigkeiten im Film. Merkwürdigkeiten, die letztendlich alle einen unterschwelligen Sinn ergeben und im ganz eigenen Filmkontext ihre volle Wirkung entfalten können.

Das ist gleichzeitig auch der Clou des Films: er wirkt wie auf die Leinwand gebannte Poesie. Unterhaltsame, belustigende Poesie; die gleichermaßen schräg wie inhaltlich nachvollziehbar umgesetzt wird. Wenn Salman also einsam an der Straße steht; wegen des unbequemen Kostüms nicht einmal seine Flyer festhalten kann – weiß man als Zuschauer nicht so recht, ob man nun lachen oder weinen soll. Zu absurd wirkt die Lage, in der er sich befindet – beziehungsweise sich immer wieder selbst hineinbugsiert. Doch auch die Wandlung der einsamen, blauen Firmenfigur ohne Identität hin zum angeheiterten Familien-Clown auf einer Kinderparty und als geheimer Rächer stellt Scott Prendergast stets nachvollziehbar dar – ohne sich dabei jemals stilistisch zu vergreifen. Das schöne oder auch markante ist, dass jener Scott Prendergast in diesem Fall nicht nur die Regie führte – sondern auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle übernahm – und seine Fähigkeiten als filmisches Allround-Talent so bestens unter Beweis stellen konnte. Auch die anderen Darsteller, allen voran Lisa Kudrow als verzweifelte Mutter, liefern hier durchweg überdurchschnittliche Leistungen ab. Eine positive Bemerkung müssen dann auch noch die gut ausgewählten, stimmig inszenierten Schauplätze und Kulissen erhalten – beispielsweise das furchteinflössende Gebäude der Firma. Gepaart mit den Kleinstadtaufnahmen, der soliden Kameraführung und dem unspektakulären, aber doch zweckdienlichen Soundtrack ergibt sich so ein technisch rundum zufriedenstellendes Gesamtbild.

Fazit: KABLUEY ist ein überraschend solide, substanzielle Tragikkomödie über einen etwas anderen jungen Mann, der sich als temporärer Schutzengel und Begleiter für eine Kleinfamilie einsetzt. Überraschende Wendungen, kleinere Nebenstorys mit hohem Unterhaltungswert (der Job, die Geburtstagsparty, das Fremdgehen), tolle Darsteller und ein rundum gelungenes technisch Gesamtbild machen diese US-Amerikanische Low-Buget Produktion zu einem echten Geheimtipp – die einzig mit einem eher schwachen Ende enttäuscht. Für Fans und Freunde des unkonventionellen, schrägen – aber keinesfalls gehaltlosen. Weniger ist manchmal eben mehr.

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„Familiendrama mal anders“

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Filmkritik: „Das Wundersame Leben Des Timothy Green“ (2013)

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Originaltitel: The Odd Life Of Timothy Green
Regie: Peter Hedges
Mit: Jennifer Garner, Joel Edgerton, Cameron C.J. Adams u.a.
Land: USA
Laufzeit: 105 Minuten
FSK: Ab 6 freigegeben
Genre: Drama / Fantasy
Tags: Timothy Green | Pflanze | Junge | Eltern | Adoption | Erziehung | Liebe

Ein Pflanzenkind auf Abwegen.

Inhalt: Cindy (Jennifer Garner) und Jim (Joel Edgerton) wünschen sich nach langer und erfolgreicher Partnerschaft nichts sehnlicher als ein eigenes Kind. Nur so wäre ihr Familienglück komplett – doch offenbar können die beiden auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen. Völlig entmutigt über die neuesten Untersuchungsergebnisse hat Jim eine ungewöhnliche Idee, mit der er Cindy aufmuntern will. Und so setzen sich die beiden zusammen, und schreiben ihre Wunschvorstellungen von einem Kind auf kleine Notiz-Zettel, als stillen Wunsch ans Universum. Prompt werden die Zettel in eine Holzschatulle gepackt und im nahen Garten vergraben – bis es in einer Nacht plötzlich stürmisch wird. Obwohl es in der Gegend schon seit langem nicht mehr geregnet hat, schüttet es in jener Nacht wie aus Eimern – zumindest im näheren Umfeld des Hauses der beiden. Dann passiert das unglaubliche: offenbar aus dem Nichts erscheint ein kleiner, etwa 10-jähriger Junge, der sich dem überraschten Paar als Timothy vorstellt. Doch nicht nur das, er nennt die beiden von jetzt auf gleich Mama und Papa – und behauptet, an der absolut richtigen Adresse zu sein. Erst denkt das verdutzte Paar an einen bloßen Zufall – doch bei näherer Betrachtung des Gartens und Timothy selbst, an dessen Beinen frische Efeu-Blätter gedeihen, gibt es nur noch eine mögliche Lösung: es handelt sich um ein waschechtes Wunder.

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Kritik: Der neueste Streich aus dem Hause Disney ist DAS WUNDERSAME LEBEN DES TIMOTHY GREEN – die magische Geschichte eines kleinen Jungen, der einem völlig verzweifelten kinderlosen Paar als wahres Wunderkind erscheint. Als Regisseur und Drehbuchautor fungiert dabei Peter Hedges, der vor allem mit seinem Drehbuch zum Filmerfolg GILBERT GRAPE – IRGENDWO IN IOWA auf sich aufmerksam machte. Das war allerdings schon 1991 – seitdem hat man von ihm nicht mehr viel gehört, mit Ausnahme von ABOUT A BOY (ebenfalls Drehbuch) und der eher mittelmäßigen Komödie DAN – MITTEN IM LEBEN (als Regisseur). Seiner Aussage nach ist TIMOTHY GREEN ein lang gehegter Traum – endlich könnte er einen Film im Stile von ET machen; der gleichermaßen als Drama, Familienfilm und als leicht fantastisches Märchen durchgehen würde. Mit der großzügigen Unterstützung von Disney sicher kein Problem – doch die Frage ist, ob der Film tatsächlich das Zeug dazu hat, ein echter Klassiker zu werden. Ein Klassiker, der sowohl etwas fürs Herz, als auch inhaltliche Raffinessen zu bieten hat – was in der heutigen Zeit alles andere als selbstverständlich ist. Selbst in Anbetracht eines großen, prestigeträchtigen Namens wie Disney – die sich in der jüngsten Vergangenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, und sich vor allem aufgrund ihrer früheren Werke einen besonderen Platz im Herzen vieler Zuschauer gesichert haben.

Wie aber sieht es mit der jungen Kino-Generation aus ? TIMOTHY GREEN hat hier insofern einen Vorteil, als dass es sich endlich einmal wieder um einen Familienfilm handelt, der dieser Bezeichnung auch gerecht wird. Ganz unabhängig vom Alter des Zuschauers wird hier ein Szenario porträtiert, dass für jeden greifbar und nachvollziehbar ist. Die jüngeren werden sich vor allem am lockeren Charme des Films, dem komödiantischen Unterton und vor allem auch der coolen Art von Timothy Green, der offensichtlich ein wenig anders ist aber sich dennoch oder gerade deswegen nicht unterkriegen lässt; erfreuen. Die älteren dagegen werden die Geschichte der Eltern, inklusive des lang gehegten Kinderwunsches und der nunmehr (temporären) Erfüllung desselben begrüßen – und entsprechend mitfiebern und -mitfühlen; wenn nicht gar die ein oder andere Träne vergießen. Für alle Zuschauergruppen gleichermaßen wirksam ist dann sicherlich das große Finale – das mit Begriffen wie der Vergänglichkeit, dem Abschied, dem Loslassen und der Motivation spielt, und mit der schnellen Aufeinanderfolge einer großen Traurigkeit und einem frohen Neubeginn auf die große Berg- und Talfahrt des Lebens anspielt.

Bei aller Liebe ist der Film selbst jedoch weniger eine Berg- und Talfahrt, als man es hätte vermuten oder erwarten können. Vielmehr handelt es sich um eine relativ ruhige Fahrt auf einem gemäßigten Niveau – was vor allem an einer, nennen wir es übergeordneten Restriktion liegt. Es scheint fast so, als seien den Machern gewisse Auflagen gemacht worden, die eine möglichst große Gleichförmigkeit und politische Correctness sicherstellen sollten. Das ist zwar bei beinahe jedem größeren (und finanziell aufwendigerem) Projekt so, doch in diesem Fall ist es besonders auffällig. Neben der relativ handzahmen Handlung, die leider kaum emotionale Höhepunkte anzubieten vermag (mit Ausnahme des ersten Treffens und des Abschieds, versteht sich) gesellen sich so viel weniger neue und erfrischende Ideen hinzu als altbackene Klischees. Das hat zur Folge, das TIMOTHY GREEN weitaus weniger wie ein lang gehegter Lebenstraum eines Regisseurs wirkt, sondern vielmehr wie ein glattgeschliffener, möglichst nicht aneckender Hollywood-Blockbuster mit einer mittelgroßen Portion Herzschmerz.

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Doch es gibt noch zwei weitaus gravierende Probleme an und in TIMOTHY GREEN. Dass ein Disney-Film einstweilen etwas kitschig und aufgrund einer größeren Massenkompatibilität vereinfacht gehalten ist, darüber kann man noch hinwegsehen – nicht aber über die auffällige Unentschlossenheit der Macher, die offenbar nicht genau wussten wohin die Reise mit TIMOTHY GREEN genau gehen sollte. So hat der Film weitaus weniger magische Momente als vielleicht erwartet – und auch ganz allgemein fehlt ein gewisses Etwas; jenes Etwas, was Disney in früheren Jahren zu einer ganz besonderen und eigenständigen Filmfirma machte. Das wäre vielleicht gar kein so großes Problem – wäre da nicht die grundsätzliche Idee des Films, die nun einmal darauf basiert, dass ein Kind aufgrund reiner Liebe aus einem Garten erwächst. Es bleibt leider bei jener fantastischen Begebenheit – dazwischen schlägt der Film deutlich bodenständigere Töne an, und macht die augenscheinliche Magie schnell zum Alltag. Der (vermeintliche) Clou: gerade dann, wenn es am schönsten ist; muss das Pflanzenkind wieder entschwinden – warum, das wird indes nicht wirklich offenbart. Gerade jüngere Zuschauer sollten hier Probleme bekommen, das gezeigte einzuordnen und nachzuvollziehen.

Überhaupt fehlt in diesem Kontext die Darstellung eines Timothy, wie er selbst es im Film postuliert: eine, die ihn als Teil eines immer wiederkehrenden Kreislaufs darstellt. Eine; die ihn als Retter, Hoffnungsgeber und noch so vieles mehr hätte darstellen können. Das passiert zwar im Film – jedoch nur auf einer äußerst unterschwelligen Ebene. So verkommt er vielmehr zu einer Art Entscheidungshilfe für zwei Parteien: für die Eltern, die sich vergewissern ob sie wirklich geeignet sind ein Kind großzuziehen – und für das Adoptionsamt, dass aufgrund der Geschichte endlich einwilligt; warum auch immer. Immerhin ist gerade das leicht überraschend – das ein Amt so gespannt einer Geschichte wie dieser lauscht, und diese im Endeffekt noch zugunsten der Klienten auslegt, gehört schließlich auch schon in den Bereich der Phantasterei; und passt somit wieder bestens zum Grundtenor des Films. Die Idee, das Ganze aus einer Art Rückblende zu erzählen, ist an sich nicht verkehrt – doch in diesem Kontext verpufft sie, und rechtfertigt das tatsächliche Ende letztendlich mit plumpen Mitteln. So kommt, was kommen musste: TIMOTHY GREEN ist weder ein besonders magischer und / oder fantastischer Familienfilm, noch ein tief bewegendes Drama mit einer ausreichenden Anzahl von realitätsnahen Anhaltspunkten. Stattdessen wird vereinfacht und geglättet was das Zeug hält; und natürlich tief in die Klischeekiste gegriffen – sodass man sogar eine leidige Liebesgeschichte (zwischen Timothy und einem älteren Mädchen) über sich ergehen lassen muss. Sicher ist diese wunderbar unschuldig und charmant dargestellt, doch wäre es um ein vielfaches effektiver gewesen, Timothy stärker in der Interaktion mit seinen anderen, gleichaltrigen Mitmenschen zu zeigen.

Neben jener Unentschlossenheit, die dazu führt dass TIMOTHY GREEN schnell zu einem weder-noch-Film avanciert; ist das zweite große Problem schnell benannt. Hierbei geht es um die gesamte Charakter-Riege und damit einhergehend das Verhalten der beteiligten Figuren. Kurzum: selten hat man ein derart unglaubwürdiges Porträt erlebt; selbst wenn man den Film allein auf seine Fantasy-Komponente beschränken würde. Insbesondere die (plötzlichen) Eltern wirken oftmals starrer und gefühlskälter als sie es sein sollten; und Timothy wirkt für einen offensichtlich besonderen Jungen noch viel zu gewöhnlich. Das Ganze spitzt sich mehr und mehr zu, als Timothy lediglich zu einer Art Prestigeobjekt degradiert wird (als hoffnungsvolles Sport- und Musiktalent beispielsweise) – hier kommt die durch und durch amerikanische Machart so richtig zum Zuge. Dass jener kleine Junge wirklich von seinen neuen Eltern geliebt wird, davon ist im Grunde wenig zu sehen – man gibt sich distanziert, immer korrekt und emotional standhaft. Dabei scheint ohnehin beinahe egal zu sein, was auf der Leinwand geschieht – innerhalb weniger Minuten ist alles wieder vergessen, nichts hat Bestand; es gilt nichts zu hinterfragen.

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Selbst der technische und handwerkliche Part des Films ist im besten Fall mittelmäßig ausgefallen. Abgesehen von den viel zu gewollt wirkenden Darstellung der beiden Eltern, verkörpert von Jennifer Garner und Joel Edgerton; bleibt vor allem CJ ADAMS als bemerkenswertes Nachwuchstalent hoffnungslos unterfordert. Das ärgerliche: der Cast wirkt durch und durch sympathisch und ist selbst in den kleineren Nebenrollen perfekt besetzt, doch sieht das Drehbuch schlicht keine dringend benötigten Freiräume vor. Rein optisch hat TIMOTHY GREEN ebenfalls nicht viel zu bieten – bis auf ein paar amerikanische Vorstadtansichten und kurze Waldausflüge bleiben die Blätter an den Beinen von Timothy das einzige markante visuelle Highlight; sowie eventuell noch ein Wettereffekt zu Beginn (Regen, der plötzlich nach oben verschwindet). Das ist beileibe etwas zu wenig – zumal keine außergewöhnlichen Kamerafahrten, Perspektiven oder ganz generell ein kunstvoller oder verspielter Umgang mit der technischen Inszenierung verwirklicht werden. Die Erlebnisse von TIMOTHY GREEN werden so nicht nur inhaltlich, sondern auch rein visuell schnell zum unspektakulären Alltag. Letztendlich bleibt vieles am Soundtrack hängen, der viele Schlüssel-Szenen prägt und vor dem Verfall rettet – doch auch hier gilt: ähnliches hat man so schon zuhauf und vor allem besser gehört. Besonders markant wird dies am Ende des Films deutlich, wenn mit der Kamera über einen Laub-Baum geschwenkt wird. Im Gegensatz zu anderen Filmen, wo dem Zuschauer noch einmal Raum und Zeit gegeben werden soll das Gezeigte sacken zu lassen; ertönt hier der pompöse Soundtrack ohne dass man geneigt ist, großartige Reflexionen zuzulassen.

Fazit: TIMOTHY GREEN ist ein Film mit guten Voraussetzungen – so guten, dass es verdammt wehtut, das letztendlich filmische Ergebnis zu erleben. Was ein wenig wie eine moderne Version von KONRAD IN DER KONSERVENBÜCHSE hätte werden können, wird zu einem Disney-Blockbuster ohne Sinn und Verstand. Und vor allem, was selbst in Anbetracht der Umstände leicht überraschend ist: ohne Herz. Der ständige Griff in die Klischee-Kiste verhindert das Entstehen wirklich großer und echter Emotionen; man wird weder mit einer außergewöhnlichen Portion Magie konfrontiert, noch mit einem ansprechenden Drama. Der allgemein lockere Unterton und die wenigen komödiantischen Elemente dienen wenn überhaupt als Zierde – doch können sie allein keinen Film wie diesen stemmen. Überhaupt wirkt der Film alles andere als geistreich: erfrischende Ideen oder bemerkenswerte alleinstehende Szenen finden sich keine; vieles wird soweit es nur geht vereinfacht, glattgebügelt, und zu guter Letzt noch bis in den hintersten Winkel amerikanisiert. Das war wohl nichts – auch wenn geneigt ist, TIMOTHY GREEN mögen zu wollen; gelingt dies einfach nicht. Es sind der offensichtlichen Schwachpunkte zu viele.

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Filmkritik: „Wo Die Wilden Kerle Wohnen“ (2009)

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Originaltitel: Where The Wild Things Are
Regie: Spike Jonze
Mit: Max Records, Catherine Keener, Mark Ruffalo u.a.
Land: USA
Laufzeit: 101 Minuten
FSK: Ab 6 freigegeben
Genre: Fantasy / Drama
Tags: Kinderbuch | Filmische Umsetzung | Portierung | Plüschwesen

Hier wäre mehr einfach mehr gewesen.

Inhalt: Der junge Max (Max Records) fühlt sich einsam und ungerecht behandelt. Wo er eben noch halbwegs fröhlich im Schnee spielte, steht er plötzlich traurig und schluchzend da – denn nach einer Schneeballschlacht mit Freunden seiner Schwester (Pepita Emmerichs) wurde sein selbstgebautes Iglu zerstört. Dieses Ereignis hat dabei lediglich den Konflikt zugespitzt, in dem sich Max seit längerem befindet – weder seine Schwester, noch seine Mutter (Catherine Keener) können ihn in letzter Zeit noch trösten. Da sich das Gefühl, unerwünscht zu sein weiterhin in Max manifestiert; läuft er nach einer weiteren Auseinandersetzung mit seiner Mutter prompt davon – und kommt daraufhin auch erst einmal nicht wieder zurück. Denn: er reist in das Land der wilden Kerle, in dem er schnell Freundschaft mit den dort lebenden Plüschwesen schließt. Hier muss er sich nicht mit den sorgen seines Alltags herumschlagen – sondern kann Schlag auf Schlag Abenteuer erleben. Doch letztendlich muss Max feststellen, dass er auch hier nicht davor gefeit ist, sich irgendwann einmal seinen Problemen stellen zu müssen…

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Kritik: WO DIE WILDEN KERLE wohnen ist die Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs von Maurice Sendak, welches aus vergleichsweise sehr wenig Text, dafür aber zahlreichen fantasievollen Illustrationen besteht. Eindeutig ist, dass es sich hier um eine der eher schwierigen Buchvorlagen handelt – denn wie sollte man eine derart spärliche Handlung auf einen abendfüllenden Film ausdehnen, ohne dabei den Geist des Originals zu verraten ? Der war schließlich dahingehend ausgerichtet, den Kindern möglichst viel Raum für ihre eigene Fantasie zu lassen. So standen den Machern grundsätzlich zwei Wege offen: entweder, man hätte das (kurze) Buch auf eine entsprechende Filmlänge ausdehnen, oder aber gänzlich neue Dinge hinzuerfinden müssen. Die Entscheidung, die letztendlich getroffen wurde, verheisst eigentlich nur gutes – WO DIE WILDEN KERLE wohnen orientiert sich sehr stark am Buch, und ist vielmehr ein stilles, eindringliches Drama denn ein überladener Fantasyfilm geworden.

Allerdings offenbart bereits diese Ausrichtung ein Problem, denn wo das Buch noch von allen erdenklichen Altersklassen konsumiert werden konnte, tendiert der Film eher zu einer etwas düstereren, emotional angespannten Erzählweise. Auch das Erscheinungsbild und die Präsenz der kuscheligen Monster ist in diesem Fall nicht zu verachten – zu junge Zuschauer könnten sich schnell fürchten, und zusätzlich von den filmischen Inhalten überfordert werden. Bei einer Vorlage wie dieser kommt es eben ganz darauf an, aus welchem Blickwinkel man das Geschehen betrachtet – Erwachsene werden so weitaus mehr als eine simple Abenteurreise in WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN entdecken. Dass all das, was sich innerhalb der abenteuerlichen Welt von Max abspielt, in irgendeiner Form auch mit seiner eigenen Realität zu tun hat, wird immer wieder deutlich – der Film geht jedoch nur allzu schwammig mit dieser Prämisse um. Kinder werden so nur wenige Assoziationen treffen können, Erwachsene schon eher – doch um das Gezeigte wirklich nachvollziehen zu können, oder schlicht halbwegs gut und anspruchsvoll unterhalten zu werden; dafür fehlt es an weiteren weiteren Anhaltspunkten.

Denn: WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN sieht keinerlei Spielereien mit verschiedenen Erzählperspektiven vor – und kümmert sich weder um eine stimmige Einführung der Figuren, noch um einen abwechslungsreichen Filmfluss. Nach einer kurzen Einführungsphase zu Beginn wird sich die restliche Laufzeit mit den Erlebnissen innerhalb der Fantasiewelt beschäftigen – und das Erlebte schnell als rasche Erfahrung ohne großen Reflexions-Wert abstempeln. Die Reise von Max verkommt so zu einem regelrechten Tagesausflug, der mit dem verlassen des Hauses beginnt – und endet, als er am selben Abend quasi geläutert nach Hause zurückkehrt. Von einem wirklichen Zwiespalt, von einer wirklich einschneidenden Erfahrung auf dem Weg ins Erwachsenendasein fehlt schlicht jede Spur. Vielleicht war dergleichen auch gar nicht vorgesehen – doch auch als reiner Unterhaltungsfilm, der einen ungewöhnlichen Ausflug eines kleinen Jungen darstellt, funktioniert WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN nur mittelprächtig. Denn so spannend, ereignisreich und emotional bewegend wie vielleicht erwartet ist besagte Reise dann doch nicht – dafür geschieht einfach zu wenig, der Film verläuft über weite Strecken zäh; mitunter wirkt es sogar als würden sich einzelne Szenen wiederholen.

Im Gegensatz zum Buch, wo der Fantasie entsprechende Anstöße gegeben werden; vertröstet der Film den Zuschauer so von einer auf die nächste Szene. Sicher, ein Film wie dieser hat ebenfalls eine Fantasie-anregende Funktion – andererseits kann man nicht alle mehr oder weniger offensichtlichen Schwächen durch dieses hehre Ziel alleine begründen. Allerdings kann man sich darauf ausruhen – und dem Zuschauer nur ein grobes Gerüst servieren; auf dass er möglichst viel daraus entnehmen, viel damit ‚anfangen‘ kann. Einen positiven Eindruck hinterlassen indes die gesamte optische Aufmachung des Films, und die Leistung des jungen Hauptdarstellers Max Records. Schade – mit einem Team wie diesem, und einer derart fantasievollen optischen (nicht inhaltlichen) Inszenierung hätte man wahrlich ein zeitloses filmisches Meisterwerk erschaffen können.

Fazit: Gewöhnungsbedürftige Plüschwesen als imaginäre Abziehbilder, entsprungen aus der Fantasiewelt eines kleinen Jungen – was in Buchform noch tadellos funktionierte, gerät im Film zu einer echten Geduldsprobe. Einer Geduldsprobe mit einer fraglichen Zielgruppe, einem zähen Filmfluss und – je nach Altersklasse – einem im Endeffekt nicht wirklich zufriedenstellenden Ergebnis. Für die kleinsten fehlt es noch an einer zusätzlichen Portion Abenteuer, Wildheit (bei einem Titel wie diesem eigentlich obligatorisch), Witz und Charme – die eher düsteren Elemente und der konfliktbehaftete Unterton überwiegen. Eine Botschaft wie die hier ansatzweise übertragene hätte man zweifellos auch mit einer etwas weniger ernsten Herangehensweise transportieren können. Ältere Zuschauer dagegen werden zwar mehr Anhaltspunkte vorfinden – doch feststellen, dass WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN etwas halbherzig vorgeht, viele Dinge (wie die Familiensituation) nur vereinfacht und schablonenhaft vorstellt – und es dem Zuschauer überlässt, etwaige markante Lücken (hinsichtlich der Story, der Charakterporträts) zu füllen.

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Filmkritik: „A Bag Of Hammers“ (2010)

Filmtitel: A Bag Of Hammers
Regie: Brian Crano
Mit: Jason Ritter, Chandler Canterbury, Jake Sandvig u.a.
Laufzeit: 87 Minuten
Land: USA
FSK: Noch keine Angabe
Genre: Drama / Komödie

Eine ungewöhnliche Konstellation und die Lust am Leben.

Inhalt: Ben (Jason Ritter) und Alan (Jake Sandvig) sind seit ihren Kindheitstagen beste Freunde. Obwohl die beiden grundsätzlich gute und liebenswerte Menschen sind, betreiben sie gemeinsam ein recht zwielichtiges Geschäft. Selbiges besteht darin, sich als Angestellte auszugeben die sich um abgestellte Autos kümmern – doch kurz darauf verschwinden Ben und Alan mit den möglichst gewinnbringenden Fahrzeugen. Sie verkaufen sie weiter, und sichern so ihren Lebensunterhalt – sehr zum Missfallen einiger Verwandter und Freunde der beiden. Doch scheinen sie ihr Geschäft vielmehr als kindliche Vorstellungen eines Jobs auszuleben, denn als echtes Verbrechen anzusehen – so ist auch das schlechte Gewissen nicht wirklich ein Problem. Eines Tages jedoch ändern sich die Dinge – eine arbeitslose Mutter mietet sich mit ihrem Sohn (Chandler Canterbury) direkt neben den beiden ein; schafft es aber kaum die Miete zu bezahlen. Geschweige denn, sich im Zuge der Jobsuche um ihr Kind zu kümmern – das so vermehrt die Aufmerksamkeit der beiden ewig junggebliebenen Nachbarn sucht. Die müssen sich alsbald entscheiden. Bleiben sie bei ihrem ungewöhnlichen Leben als Diebe, die glücklicherweise noch nicht erwischt wurden – oder werden sie lernen Verantwortung für sich selbst, und letztendlich auch für andere zu übernehmen ?

Kritik: Nein, A BAG OF HAMMERS ist keine groß angelegte Hollywood-Produktion mit einem unerschöpflichen Budget, sondern ein in Deutschland noch wenig bekannter, kleiner US-Independent-Film, dem der grundsätzliche Touch einer Feel-Good Komödie innewohnt. In Wahrheit ist er jedoch weit mehr als das, denn auch explizit Drama-relevante Inhalte kommen in Brian Crano’s Werk um zwei ulkige Kleinkriminelle nicht zu kurz. Gute Voraussetzungen also, ein kleines Genre-Highlight zu servieren, dem eine spürbare Ungewöhnlichkeit und gewisse filmische Freiheiten innewohnen. Und tatsächlich scheinen die Macher die Chance zu nutzen, und präsentieren bereits mit dem Storyrahmen selbst eine Grundlage, die für Jedermann greifbar und nachvollziehbar dargestellt wird. Es geht, wie so oft; um Geldsorgen – und eine etwas andere Art des Erwachsenwerdens. Denn Erwachsen wird hier nicht nur der von Chandler Canterbury (u.a. KNOWING) gespielte Nachbarsjunge, sondern vor allem auch Ben und Alan, die sich eigentlich bereits in ihren Mittzwanzigern befinden. Gerade das Porträt dieser beiden jungen Männer fällt überaus gelungen aus – indem es die verharmlosend-kindliche Seite der beiden in humoristischer, und das langsame Erwachen in einer grundsätzlich ernsten Manier schildert. Die Inszenierung wirkt in beiden Fällen authentisch, und bietet reichlich Identifikationspotential für den Zuschauer. Diese beiden Charaktere, die sich durch das gute Spiel von Jason Ritter und Jake Sandvig massig Sympathiepunkte einheimsen (und das trotz oder gerade wegen der makaberen kleinkriminellen Handlungen) wirken wie direkt aus dem Leben gegriffen, könnten dementsprechend quasi Nachbarn sein – ob nun hierzulande oder in den USA.

Allerdings sollte man im Falle von A BAG OF HAMMERS keine vielschichtig ausgearbeitete Tragik-Komödie erwarten – denn diesen Status kann sich der Film letztendlich nicht einheimsen. Das muss er aber auch gar nicht – denn in Anbetracht des geringen Budgets und der Wirkung als regelrechtes ‚Hobbyprojekt‘ funktioniert er tadellos, zumindest wenn man nicht allzu hohe Ansprüche an das Werk stellt. Der Ball wird folglich eher flach gehalten, gerade was die Ausarbeitung der ohnehin geringen Handlungsstränge und den Umfang der Erzählung im allgemeinen angeht – doch das wesentliche wird erfasst. Der erste Teil des Films erlaubt so fast aussschließlich einen Einblick in das ungewöhnliche (aber merklich verharmloste) Leben der beiden auffällig kindlichen Hauptprotagonisten, während der zweite darauf ausgelegt ist, weitaus ernstere Töne anzuschlagen. Was teilweise überraschend gut funktioniert – wie in einer erfrischend inszenierten, emotional bewegenden Szene in der eine schlechte Nachricht überbracht werden muss. Oder aber in den ersten Annäherungsversuchen zwischen den beiden Freunden und dem verzweifelten Nachbarsjungen. Teilweise aber läuft man hier eindeutig Gefahr, sich in allzu schnellen, versimpelten Abhandlungen zu verlieren – absolut lebenseinschneidende Ereignisse verkommen so zu Nebensächlichkeiten, und die schiere Unmöglichkeit in den USA das Sorgerecht für ein lediglich halb verwaistes Kind zu erhalten wird erheblich trivialisiert. Glücklicherweise kann man über einen Großteil dieser vereinfachten Darstellungen hinwegsehen, entwickelt der Film auch so einen enormen Charme – als Werk, welches mit einem gewissen Augenzwinkern zu betrachten ist.

Dann klappt es auch mit der recht erfrischenden, aufheiternden Gesamtwirkung – die sich vor allem aus dem Umstand entwickelt, dass sich drei vom ‚typischen‘ Leben ausgrenzende Charaktere (ob selbstgewählt oder durch ein tragisches Schicksal) einander annähern und eine enorme Willenskraft aufzeigen. Einen Willen, sich zum guten zu verändern, auf gegenseitiges Vertrauen zu setzen und letztendlich auch eine Art Patchwork-Familie zu gründen. Die technischen Aspekte von A BAG OF HAMMERS bewegen sich dabei stets auf einem annehmbaren Niveau; will heissen keinem wirklich kinoreifen – aber auch keinem, bei welchem man sofort ein Low-Budget-Projekt vermuten würde. Die Kameraführung ist hier und dort etwas zu ruckelig, besondere Szeneneinstellungen gibt es kaum; doch im Großen und Ganzen überzeugt das Projekt sowohl auf optischer als auch akustischer Ebene. Und in erster Linie auf der Darstellerischen: gerade das große, ungewöhnliche ‚Trio‘ aus Jason Ritter, Jake Sandvig und Chandler Canterbury harmoniert tadellos, sorgt für den ein oder anderen Lacher, die ein oder andere Träne – und für ein größtmögliches Maß an Empathie.

Fazit: A BAG OF HAMMERS ist eine vergleichsweise ‚harmlose‘ Komödie mit erhöhten Drama-Anteilen, die im Sinne einer Low-Budget-Produktion tadellos funktioniert, und es stellenweise sogar schafft das Herz des Zuschauers zu berühren. Das Wechselspiel aus eher komödiantischen Einlagen und ernsteren Grundtönen funktioniert nicht über alle, zumindest aber über weite Strecken. Alles was man erreichen wollte, hat man erreicht – im Sinne eines abendlichen TV-Spielfilms, der einen beabsichtigt positiven Nachgeschmack hinterlässt. Lediglich der etwas anspruchsvollere Zuschauer wird im Regen stehen gelassen und sieht sich mit einer Vielzahl von explizit trivialisierten Inhalten und schnell abgehandelten ‚Unmöglichkeiten‘ konfrontiert. Kein zeitloses Highlight, aber doch eine kleine Filmperle die es zu entdecken lohnt.

Filmkritik: „Der Flug Des Navigators“ (1986)

Originaltitel: Flight of the Navigator
Regie: Randal Kleiser
Mit: Joey Cramer, Veronica Cartwright u.a.
Laufzeit: 90 Minuten
Land: USA
FSK: Ab 6
Genre: Kinderfilm (Action / Science Fiction)

Ein Disney-Kinderfilm auf epischen Pfaden.

Inhalt: Der 12-jährige David (Joey Cramer) war nur kurz draussen unterwegs – nachdem er jedoch wie gewohnt seinen Nachhauseweg antritt, findet er sich jedoch in einer reichlich merkwürdigen Situation wieder. Seine Eltern sind umgezogen, und merklich gealtert – für David eine schiere Unmöglichkeit. Doch was seine Eltern ihm berichten, klingt noch viel unglaublicher: angeblich war er für ganze 8 Jahre verschwunden. 8 Jahre – doch David hat keine Erinnerungen an diese Zeit, er selbst glaubt noch immer daran dass er lediglich für ein paar Minuten unterwegs war. Beinahe zeitgleich wird ein mysteriöses Raumschiff entdeckt – wie sich bald herausstellt gibt es eine Verbindung zu David und seinem Verschwinden. Dass Schiff wird in eine nahegelegene Basis der NASA gebracht, und David steht schnell im Fokus der Wissenschaftler – glauben sie, durch ihn mehr über das seltsame Flugobjekt und seinen Erbauer herausfinden zu können. Doch David merkt schnell, dass die Forscher weniger an seinem Wohl, als vielmehr an ganz eigennützigen Dingen interessiert sind – weshalb er sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit macht. Dabei wäre er grundsätzlich allein – gäbe es nicht eine Mitarbeiterin, die ihm verbotenerweise zur Seite steht: Carolyn (Sarah Jessica Parker), die ausserdem noch einen speziellen Roboter namens R.A.L.F. mit sich herumführt.

Kritik: Es war einmal in einer Zeit… einer Zeit, in der das Label ‚Disney‘ noch nicht für jeder x-beliebige Fliessbandproduktion herhalten musste, und einem Großteil der produzierten Kinderfilme noch so etwas wie eine ‚Seele‘ innewohnte. Genau in einem damit eng in Verbindung stehendem Kino-Jahrzehnt, den 80’er Jahren nämlich, entstand Randal Kleiser’s DER FLUG DES NAVIGATORS, ein aufwendiger Science-Fiction-Film für ein explizit jüngeres Publikum. Das besondere: der Film erhielt eine (angemessene) FSK-6 Freigabe, beinhaltet aber grundsätzlich Themen, die von einer potentiell weitreichenderen Bedeutung und Aussagekraft sind, sodass der Film auch bei älteren Zuschauern großen Anklang fand – und noch immer findet. Und das ist beileibe kein Wunder: nicht nur, dass mit der mysteriösen Zeitreisen-Geschichte ein vergleichsweise komplexer Inhalt geboten wird, auch die über dieses Storygerüst transportierten Inhalte und Aussagen sind zweifelsohne als zeitlos zu attribuieren; und werden dabei sinngemäß kindgerecht und ‚magisch‘ präsentiert. 

Stichwort kindgerecht: natürlich sollte man bei einem Film wie DER FLUG DES NAVIGATORS nicht erwarten, dass es sich um einen Film handelt, der durch-und-durch logisch ist und einer jeden Sinnesfrage hinsichtlich der porträtierten Ereignisse standhält. Im Gegenteil, gerade älteren Zuschauern werden teils riesige Plot-Löcher auffallen, die kaum sinnig gestopft werden – sodass je nach Interesse und Ambition als Zuschauer zahlreiche Fragen auftauchen werden. Jedoch gilt es erst gar nicht, den Film unter ganz und gar wissenschaftlichen Aspekten zu betrachten – die hier aufgefahrenen, teils abgefahrenen Prämissen sind schlicht als Teil des Mikrokosmos‘ des Filmes hinzunehmen. Dies wird ohnehin weniger ein Problem in den Reihen der eigentlich angepeilten Zielgruppe sein – die jüngeren Zuschauer werden sich schnell an das fantastische Szenario gewöhnen, und weniger die Frage nach dem ‚wie ist das möglich‘, als vielmehr nach dem Ausgang der Geschichte stellen.

Die wird im übrigen von einem 12-jährigen Jungen und seinem Schicksal getragen – und das beinahe im Alleingang. Dass sich einstweilen einige skrupellose Wissenschaftler einmischen, oder ihm eine junge Wissenschafts-Assistentin zur Seite steht, ist vielmehr als Beiwerk zu betrachten – DER FLUG DES NAVIGATORS ist ein Film über besagten ‚Navigator‘ David, und natürlich: seinem manchmal etwas befremdlich-witzigen außerirdischen Kumpel, der ihm diese Position zugewiesen hat. Doch die beiden vertragen sich gut, und teilen so unweigerlich ein gemeinsames Schicksal, dass von Außenstehenden natürlich nur allzu gern verstanden werden würde. Ein offenbar ‚auserwählter‘ Mensch und eine (freundliche) außerirdische Lebensform – letztendlich darf und soll sich niemand in dieses Erlebnis einmischen, die so zu einer Coming-Of-Age Geschichte unter der Ägide einer kindgerechten Science-Fiction wird. Genau diese Herangehensweise sorgt dafür, dass automatisch Fantasien und Träume von kindlichen Zuschauern aufgegriffen und auf die Leinwand projiziert werden: wie wäre es doch, einmal die Position von David einzunehmen und ein echtes Raumschiff zu steuern ?

Auch der technische Part macht im FLUG DES NAVIGATORS eine ausnahmslos gute Figur. Die Effekte sind stellenweise atemberaubend, besonders das Design des Raumschiffes und dessen Bewegungen wissen zu beeindrucken – wie auch die spätere Rückreise durch die Zeit. Der aus heutiger Sicht etwas altbackene ’80-er-Jahre-Look‘ ist nicht als qualitativer Mangel, sondern vielmehr als Stilmittel, als ‚Geist‘ einer längst vergangenen Film-Epoche zu verstehen – man darf keine kristallklaren Bilder erwarten, doch das ist in diesem Falle vielleicht auch ganz gut und Recht so. Genau hier setzt auch der (zeitlose) Soundtrack von Komponist Alan Silvestri an, der das gezeigte sinngemäß mit einer stimmigen 80-er-Jahre Sound-Kulisse verziert. Ein besonderes Lob ist auch den Darstellern zuzusprechen, allen voran Joey Cramer, der als Kinderdarsteller die Hauptrolle in diesem Werk innehat. Auch Sarah Jessica Parker hat einen äußerst sympathischen Auftritt – der noch weit entfernt von ihren späteren TV-Eskapen anzusiedeln ist. Einen, oder zwei Kritikpunkte gibt es dann allerdings doch: die Stimme des ‚Ausserirdischen‘ Max ist in beinahe jeder Sprachfassung recht aufdringlich, nervig und überzogen – ganz besonders in der Deutschen. Und auch die sich an Bord befindlichen ‚Kreaturen‘ wurden recht laienhaft in Szene gesetzt.

Fazit: DER FLUG DES NAVIGATORS ist ein (Kinder-)Film mit einer Aussage, mit einer unmittelbar greifbaren ‚Magie‘ – und somit eines der einzigartigsten, gewagtesten und besten Werke aus dem Hause Disney. Einen riesigen Pluspunkt gibt es für das höchst emotionale, bewegende Ende und die universellen Botschaften. Wer glaubt, eine simple Alien-Entführungsgeschichte (die wäre dann auch nichts für Kinder) vorgesetzt zu bekommen, der irrt sich gewaltig. Eine Ode an die Fantasie und universelle Zusammenhänge (und -Werte), die uns alle miteinander verbinden.

Filmkritik: „The Guard – Ein Ire Sieht Schwarz“ (2011)

Originaltitel: The Guard
Regie: John Michael McDonagh
Mit: Brendan Gleeson, Don Cheadle, Liam Cunningham u.a.
Laufzeit: 96 Minuten
Land: Irland
FSK: Ab 16
Genre: Thriller-Komödie

„Den bringt so schnell nichts aus der Ruhe…“

Inhalt: Sergeant Gerry Boyle (Brendan Gleeson) arbeitet als Kleinstadt-Polizist in Irland. Viel hat er hier offenbar nicht zu tun, und wenn es mal wie bei einem schweren Autounfall kracht, dann geht er meist mit einem seltsamen Sinn für Humor ans Werk. Eines Tages aber ändern sich die Dinge: ein makaberer Mord sorgt für Aufruhr, und tatsächlich soll es nicht bei diesem einen Fall bleiben. Ein Drogengeschäft internationalen Ausmaßes bahnt sich an – ein Grund für FBI-Agent Wendell Everett (Don Cheadle) in Boyle’s Revier einzudringen und ihm unter die Arme zu greifen. Doch der ist alles andere als begeistert, und handhabt die Dinge auch weiterhin am liebsten so, wie er es gerne hätte. Nebenbei muss er sich noch um seine schwerkranke Mutter kümmern, das Verschwinden eines Partners aufklären der gerade einmal einen Tag im Dienst gewesen ist – und mit seinen ganz eigenen Dämonen kämpfen.

Kritik: The Guard ist eine unterhaltsame, schwarzhumorige Komödie; eingebettet in einer eher simplen Thriller-Story um Polizisten, Gangster und Drogen. Das besondere: Regisseur John Michael McDonagh setzt augenscheinlich vielmehr auf Tradition als auf allzu ‚moderne Maßnahmen‘ oder aktuelle Trends des Kinos in Bezug auf das Genre der Komödie. So entsteht vorrangig ein Eindruck der ‚guten alten (Film-)Schule‘, die noch wenig auf hektische Effekthascherei oder auf Hochglanz polierte Optik setzte. Und in der Tat – währen da nicht die unzähligen komödiantischen Elemente, die als Katalysator für den hohen Unterhaltungswert dienen, wäre The Guard in erster Linie ein leicht depressiv gestimmtes Drama mit einem expliziten Fokus auf dessen Charaktere. Dies liegt zweifelsohne an der desolaten Szenerie, die in einem zeitlos-regnerischen Irland angesiedelt ist – und dazu noch fernab von größeren Städten spielt und größere Menschenmassen gar nicht erst in ihre Nähe lässt. Und, sicher nicht zu vergessen; am Porträt des beinahe omnipräsenten Hauptcharakters, der stets aus einer merkwürdig anmutenden Lethargie heraus handelt. Besonders wenn es um ‚Fremde‘ geht, die ihm in sein Handwerk pfuschen wollen, kennt er kein Pardon – am liebsten regelt er die Dinge nach seiner Facón. Wer den Plot kennt weiss allerdings, dass genau das passiert – ein FBI-Agent, dazu noch mit schwarzer Hautfarbe, wird ihm alsbald als Partner an seine Seite gestellt. Es geht schließlich um einen großen Coup, der internationale Ausmaße annimmt – klar, dass die irische Provinz-Polizei damit nicht alleine gelassen wird.

Hierin liegt dann auch der Reiz von The Guard: ausgehend vom Standpunkt des provenzalischen, eigenbrötlerischen Polizisten wird die so eher zur Nebensächlichkeit verkommende (Haupt-)Geschichte um Drogen und Co. stets mit einer ordentlichen Prise schwarzen Humors präsentiert. Anzumerken ist, dass der Humor zwar durchaus unterhaltsam, viele Szenen überaus witzig sind – er sich jedoch fernab von nervigen Teeniehumor-Eskapen oder plumpen Schenkelklopfern bewegt. Ganz im Sinne der trüben Szenerie könnte man vielleicht sogar von einer besonderen Art des ‚Galgenhumors‘ sprechen, gerade im späteren Verlauf des Films. So gerät der Humor-Anteil des Films eher anspruchsvoll, und resultiert oftmals aus den originellen Dialogen – was gerade in Zeiten von unsäglichen plumpen Komödien, die lediglich aus Aneinanderreihungen von Stolperszenen, Fäkalhumor und Sexismus bestehen, als eine echte Wohltat gesehen werden kann. Gut, dass der hierbei tragende Charakter von einem Schauspieler gespielt wird, dem man das Tragen eines Filmes auch zutrauen würde: Brendan Gleeson. Wer Filme wie Brügge Sehen Und Sterben gesehen hat, weiss; dass er schlicht ein absolutes Unikat ist – der seine Figuren stets in einem Wechselspiel aus oberflächlichen Eigentümlichkeiten und einer tiefer gehenden Ernsthaftigkeit agieren lässt.

Und das gelingt ihm gut – allerdings so gut, dass er aufgrund seiner enormen Präsenz so gut wie alle anderen Charaktere (anders als in Brügge Sehen…) ins Abseits drängt. Diese Tatsache wirkt nicht ganz so gravierend, da diese ohnehin nicht viel zu ‚melden‘ haben – ein etwas weniger egozentrischer Touch wäre dem Film aber sicherlich gut bekommen. Das größte Problem von The Guard bleibt aber seine fade Story, die in einem Satz zusammengefasst werden könnte. Während sich die ‚frischen‘ Ideen ausschließlich auf die Dialoge, die Schauspielkunst und Teile einiger uriger Szenen beschränken, hat man es schlicht und einfach versäumt, dem Ganzen einen halbwegs interessanten oder anspruchsvollen Rahmen zu verpassen. Eine Story um Drogenschmuggler und etwas… ‚besondere‘ Polizisten mit eigentümlichen Ansichten und Verhaltensweisen hat man schon hundert Mal gesehen – besonders gravierend kommt hinzu, dass The Guard grundsätzlich keine Anstalten macht, diesen Storyrahmen mit besonderen Twists oder Überraschungen aufzupeppen.

Fazit: In The Guard wird eine klare Linie gefahren, die natürlich auch zu einer enormen Vorhersehbarkeit führt. Zwar nutzt der Regisseur die heimischen Voraussetzungen und Gepflogenheiten der Kultur, lockert das Ganze mit winzigen Nebengeschichten a’la die der kranken Mutter auf – doch einen Innovationspreis hat er allein dafür wahrlich nicht verdient. So kommt es, dass ein eigentlich ’sehr guter‘, besonderer Film zu einem solchen mutiert, der sich allerhöchstens im gehobenen Mittelmaß zuhause fühlt. Um die technischen Aspekte wird nicht viel Aufheben gemacht – doch dafür dass der Film keinesfalls von ihnen lebt, bewegen sich Optik, Schnitt und Sound auf einem mehr als annehmbaren Niveau. The Guard besteht eben – so gesehen – einzig und allein aus der Darbietung von schwarzem Humor, verkörpert durch die von Brendan Gleeson gespielte Galionsfigur des im Leben gescheiterten Polizisten. Unter diesem Gesichtspunkt macht er eine gute Figur – mehr aber eben auch nicht. Leicht spezielles, irisches Genrekino für Fans (und solche die es werden wollen) von Brendan Gleeson und Filmen wie Brügge Sehen… – an selbigen reicht The Guard allerdings nicht heran.