Filmkritik: „Wie Ich Lernte, Bei Mir Selbst Kind Zu Sein“ (2019)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Buchvorlage
Regie: Rupert Henning
Mit: Karl Markovics, Valentin Hagg, Sabine Timoteo u.a.
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 140 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Tragikomödie
Tags: Kind | Junge | Familie | Aufwachsen | Fantasie

Die Kraft der Fantasie, oder: Young Sheldon auf Abwegen.

Inhalt: Der zwölfjährige Paul Silberstein wächst als jüngster Spross einer altösterreichischen Zuckerbäckerdynastie im Österreich der späten 1950er Jahre auf. Leicht hat er es dabei beileibe nicht – von seinem strengen Vater wird er drangsaliert, von seiner Mutter und seinem älteren Bruder größtenteils ignoriert. Doch mit Pauls Weg in die Pubertät kommt auch ein Drang, sich den ihm aufgezwungenen Regeln zu widersetzen – was ihm leider nicht viel mehr bringt als einen Aufenthalt im hiesigen Jesuiten-Internat. Auch hier versucht man, den jungen Freigeist in seine Schranken zu weisen – mit bestenfalls mittelmäßigem Erfolg. Paul rebelliert, auf seine ganz eigene Art und Weise – und träumt davon, sich endlich von den ihm auferlegten Fesseln loszureißen. Den nötigen Willen, und sicher auch die nötige Intelligenz und vor allem Redegewandtheit hat er – doch was hilft all das, wenn er schlicht niemanden hat, der ihn unterstützt ?

Kritik: WIE ICH LERNTE, BEI MIR SELBST KIND ZU SEIN ist eine Coming Of Age-Tragikomödie aus der Feder von Uli Brée und Rupert Henning, die sich für ihr Drehbuch auf die gleichnamige, teils autobiografisch angehauchte Erzählung des österreichischen Autors und Multi-Talents André Heller (Link) gestützt haben. In der Zusammenschau ist dabei vor allem eines herausgekommen: ein recht ambitioniertes, ungewöhnliches, unterhaltsames – und vor allem nicht zu unterschätzendes Werk mit einem Hang zu Genre-Veteranen der Marke Jean-Pierre Jeunet (DIE KARTE MEINER TRÄUME).

Ein Vergleich wie dieser mag (zu) hoch gegriffen erscheinen. Vielleicht aber auch nicht – schließlich beweist WIE ICH LERNTE… schon in seinen ersten Minuten, dass in diesem Fall mit etwas gänzlich anderem gerechnet werden müsste als einer typischen Coming Of Age-Geschichte. Und selbst wenn man sich bemüht eben diesen Begriff anzuberaumen; so gilt er doch bestenfalls für die Ausgangssituation und das grobe Story-Konstrukt – und nicht etwa für die erfrischende Ausführung. Immerhin ist die ebenso lebhaft wie; man nenne es durchtrieben – und sorgt dafür, dass es WIE ICH LERNTE… relativ problemlos in die Riege jener beachtenswerter Genre-Filme aufsteigen kann, die das gewisse Etwas haben.

Denn, und das sollte man festhalten: trotz seiner teils enorm skurrilen Einschübe wird der Film niemals albern. Vielmehr behält er seinen ernsten Grundton mindestens unterschwellig bei – und sorgt so immer wieder für Situationen, bei denen man nicht weiß ob man lachen oder weinen soll. Gerade das macht den Film so anders, und auch: so ehrlich und emotional. Als weiterer Bonus fungiert hier selbstverständlich auch die konsequente Einhaltung der kindlichen Erzählperspektive, die für ein erhöhtes Maß an Empathie und das im schlimmsten Fall längst vergessene, mit dem Hauptcharakter geteilte kindliche Entdeckergefühl sorgt. Dass WIE ICH LERNTE… dabei auch noch ein Auge auf allerlei menschliche und zwischenmenschliche Probleme wirft, interessante Fragen rund um das Aufwachsen und den Selbstfindungsprozesses nicht nur bei Kindern stellt; und dabei generell als kleines Plädoyer für Andersartigkeit gewertet werden kann rundet das Gesamtpaket hervorragend ab.

Wenn man schon bei den Vorzügen des Films ist, sollte man eines gewiss nicht vergessen respektive außer Acht lassen: die schier unglaubliche Leistung der beteiligten Darsteller, die hier alle – und das trotz oder gerade wegen der teils recht eingeschränkten Möglichkeiten einer Charakterbildung – über sich hinausgewachsen sind. Allen voran gilt hier natürlich der Jungdarsteller Valentin Hagg zu nennen, der den Film fast schon allein stemmt – und das auf eine derart bravouröse und charmante Art und Weise, das einem das Herz aufgeht. Immerhin: als allzu leicht zu spielen dürfte man diese Rolle wohl eher nicht bezeichnen, vor allem was den Spagat zwischen den verschiedensten Emotionen mit vereinzelten Höhepunkten in Richtung so selten gesehener Ausbrüche (beispielhaft: eine etwas andere Tanzeinlage als Kompensationstheraphie) – doch selbst in Anbetracht dessen gibt es hier nicht zu meckern, im Gegenteil.

Glücklicherweise ist das auch auf die gesamten anderen handwerklich-technischen Aspekte des Films zu beziehen, der insgesamt betrachtet nicht nur gut aussieht – sondern auch über das besondere Fingerspitzengefühl hinsichtlich der markanten Kamerafahrten oder des Soundtrack einige zutiefst positive Eindrücke generieren kann. Wenn, ja wenn da nicht doch zwei Dinge wären, die den Filmgenuss etwas schmälern: die doch recht ausführliche Spieldauer von knapp über 2 Stunden, die man eventuell – und je nach Facón – ruhig noch etwas hätte einstampfen können; sowie das in Sachen Symbolik und Bildsprache doch noch etwas ausufernde, fast schon surreale Züge annehmende Grande Finale. Selbiges steht schließlich doch etwas konträr zu den vorangegangenen, deutlich geschickteren und subtileren Eindrücken.

Insgesamt betrachtet aber sollte man WIE ICH LERNTE… eine Chance geben – ob man sich nun als Freund von Coming Of Age-Geschichten bezeichnet oder nicht. Schließlich gilt, und das ist in diesem Fall tatsächlich so: es ist für (fast) jeden etwas dabei.

Bilder / Promofotos / Screenshots: Piffl Medien GmbH

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„Ein Film wie sein Hauptprotagonist: erfrischend anders.“

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Filmkritik: „Das Leben Ist Schön“ (1998)

Originaltitel: La Vita E Bella
Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Roberto Benigni
Mit: Roberto Benigni, Horst Buchholz, Marisa Paredes u.a.
Land: Italien
Laufzeit: ca. 117 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Tragikomödie, Drama
Tags: Zweiter Weltkrieg | Nazis | Konzentrationslager | Kind | Junge | Spiel

Eine These geboren aus der Schnittmenge eines frommen Wunsches und der Wahrheit.

Inhalt: Eigentlich könnte es nicht viel besser laufen im Leben des jüdischen Guido (Roberto Benigni): nachdem er all seinen Charme eingesetzt hat um die Liebe seiner angebeteten Dora (Nicoletta Braschi) zu gewinnen, bekommen die beiden alsbald ihr erstes Kind und verbringen einige schöne Jahre im idyllischen Italien. Doch als sich der Schrecken des Faschismus immer weiter ausbreitet, kann sich auch Guido nicht mehr vor den Nazis verstecken – und wird gemeinsam mit seinem Sohn Giosué (Giorgio Cantarini) in ein Konzentrationslager gebracht. Aus Liebe zu ihrer Familie entscheidet sich daraufhin auch Dora, den beiden zu folgen – woraufhin eine lebensgefährliche Odyssee durch ein von den Nazis kontrolliertes System beginnt. Ein System, aus dem es offenbar kein Entkommen gibt. Aufgeben will Guido dennoch nicht, im Gegenteil: für seinen Sohn erfindet er ständig neue Geschichten, die ihn vom harten KZ-Alltag ablenken. So legt er ihm auch nahe, dass sie ihre Gefangenschaft nur bis zum Ende durchhalten müssten – gäbe es doch einen sagenhaften Preis für den vermeintlichen Gewinner…

Kritik: Filme, die in irgendeiner Art und Weise den Zweiten Weltkrieg und insbesondere die Gräueltaten der Nazis aufgreifen; waren schon immer wichtig und sind über die seit der Befreiung vergangenen Film-Jahrzehnte entsprechend zahlreich vertreten. Umso schwieriger erscheint es, sich einige besondere Juwelen herauszupicken. Juwelen oder auch besonders herausragende Kriegs- respektive Anti-Kriegsfilme, die im besten Fall nicht nur die nötige Aufarbeitung vorantreiben und dabei sowohl den Tätern als auch den Opfern gerecht werden – sondern auch eine gewisse Form der Alternative aufzeigen. Eine Alternative, die an den einstweilen fragwürdig erscheinenden Verstand der menschlichen Spezies appelliert – und eine, die keine Staatsangehörigkeit, Religionszugehörigkeit oder anderweitige Ideologien voraussetzt.

Fest steht: das, und noch einiges mehr hat der italienische Schauspieler und Filmemacher Roberto Benigni mit seinem Meister- und vielleicht auch Lebenswerk DAS LEBEN IST SCHÖN anstandslos geschafft. Vielleicht auch, und das ist das besondere; da der Film weitaus weniger von einer typischerweise einem Kriegsdrama zuzuordnen Erzählstruktur und Dramaturgie hat als man es erwarten würde – und die Mixtur aus einer zu Beginn noch gefühlten Alltags-Komödie, der oftmals nur implizierten (dabei aber dennoch alles aussagenden) Darstellung der darauf folgenden Schrecken des Krieges sowie der trotz allem hochgehaltenen und dabei extrem anrührenden Vater-Sohn-Beziehung im Sinne eines ebenso innovativen wie unterhaltsamen und lehrreichen Films aufgeht. Anders gesagt: selten, oder vielleicht auch noch niemals zuvor hat es ein Kriegsdrama mit einer alles andere als gängigen Auslegung einer Opferrolle geschafft einen derart emotional mitreißenden – und entgegen der Weltkriegs-Thematik auch explizit lebensbejahenden – Eindruck zu erzeugen.

Dass der Film dabei nicht nur mit seinem mutigen Konzept überzeugt – sondern beispielsweise auch in Bezug auf die hervorragenden Kostüme, Kulissen und die grundsätzliche optische Gestaltungsarbeit – rundet die Sache ab. Natürlich gilt das auch für die Leistung der beteiligten Darsteller – auch, oder vielleicht auch gerade wenn Roberto Benigni eigentlich nicht viel mehr macht als sich selbst zu spielen. Zwar wird das LEBEN IST SCHÖN nicht jedermann direkt zusagen, woran die stellenweise gewöhnungsbedürftige (in diesem Fall aber natürlich absolut gewollte) Albernheit nicht ganz unschuldig ist – und dennoch wird sich spätestens gegen Ende niemand mehr der schier ungeheuren emotionalen Wirkungskraft dieser Tragikomödie erwehren können. Und schon damit sollte Roberto Benigni  genau das erreicht haben, was er wollte.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © D.R.

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„Eine etwas andere (und vor allem anders erzählte) Tragikomödie, die im Gedächtnis bleibt.“

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Filmkritik: „Der Verlorene Bruder“ (2015)

Filmtyp: Spielfilm (TV-Produktion)
Basierend Auf: Der Verlorene (Roman)
Regie: Matti Geschonneck
Mit: Noah Kraus, Katharina Lorenz, Charly Hübner u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 93 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama / Komödie
Tags: Nachkriegszeit | Flüchtlinge | Familie | Verlorener Sohn | Bruder

Willkommen im Land des Lächelns.

Kurzinhalt: Wie so viele Familien sind gegen Kriegsende auch die Blaschkes aus ihrer Heimat im Osten in Richtung Westdeutschland geflüchtet. Einmal in der westfälischen Provinz angekommen, haben sie sich mit ihrem expandierenden Lebensmittelhandel eine recht ansehnliche Existenz aufgebaut – und mit Sohn Max (Noah Kraus) einen entsprechend quirligen Familienzuwachs bekommen. Und doch gibt es da etwas, was vor allem Mutter Elisabeth (Katharina Lorenz) nicht aus dem Kopf geht: ihr erster Sohn Arnold, der als Kleinkind in den damligen Wirren der Flucht verlorenging. Während Vater Ludwig (Charly Hübner) so gut es geht versucht über den Verlust hinwegzusehen und ihn mit seinen beruflichen Plänen zu verdrängen; erreicht die Familie eines Tages doch noch die Nachricht, dass Arnold möglicherweise gefunden wurde. Doch um wirklich sichergehen zu können, muss sich die Familie einigen langwierigen testverfahren unterziehen… was vor allem dem jungen Max eher missfällt.

Kritik: Seine eher einseitige inhaltliche Gewichtung und das plötzliche bis plumpe Finale geraten dem VERLORENEN BRUDER leicht zum Nachteil. Davon abgesehen handelt es sich um ein gleichermaßen solides wie sympathisch erzähltes Nachkriegs-Drama mit komödiantischen Elementen, die sich vor allem aus der kindlichen Erzählperspektive des Hauptprotagonisten ergeben. Die atmosphärischen Kulissen und die engagierten, teilweise sogar hervorragenden darstellerischen Leistungen runden das Ganze ab – ob nun im Sinne einer für das Fernsehen produzierten Tragikomödie, oder einer zumindest für deutsche Verhältnisse überraschend stimmigen Coming Of Age-Geschichte.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Universum Film Home Entertainment

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„Eine nicht spektakuläre, aber doch grundsolide deutsche Nachkriegs-Dramödie mit dem gewissen Etwas.“

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Filmkritik: „Baby Bump“ (2015)

Auch bekannt als: Guziukas
Regie: Kuba Czekaj
Mit: Kacper Olszewski, Agnieszka Podsiadlik, Caryl Swift u.a.
Land: Polen
Laufzeit: ca. 89 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Junge | Kind | Mutter | Familie | Pubertät | Sexualität | Erwachen

Ein etwas anderer Kindheits- und Jugendtribut.

Vorsicht – in BABY BUMP wird scharf geschossen.

Kurzinhalt: Mit dem Eintritt in die Pubertät beginnt sich das Leben des jungen Mickey (Kacper Olszewski) markant zu verändern. Doch nicht nur, dass er Probleme mit seinem eigenen Körper entwickelt und sein sexuelles Erwachen unmittelbar bevorsteht; auch das Verhältnis zu seiner Mutter (Agnieszka Podsiadlik) und seinen Schulkameraden wird das eine ums andere Mal komplett auf den Kopf gestellt. Klar scheint: Mickey ist gefangen zwischen seinem bisherigen Dasein als kleiner Junge, der sich nach mütterliche Fürsorge sehnt – und dem von nicht immer überzeugenden männlichen Vorbildern geformten Bild des Mannes, zu welchem er sich möglicherweise entwickeln wird. Um sein Gefühlschaos besser verarbeiten zu können, bedient er sich einfach seiner ohnehin recht ausgeprägten Fantasie…

Kritik: Wie viele Filmemacher sich insgesamt schon an einer filmischen Umsetzung respektive cineastisch aufbereiteten Interpretation zum Thema des Erwachsenwerdens versucht haben, steht in den Sternen. Fest steht nur, dass es zahlreiche waren – und das Genre des Coming Of Age-Films ein gleichermaßen spannendes wie zeitloses ist. Während ein Großteil der entsprechenden Werke am ehesten innerhalb der Bereiche des Dramas und der Komödie zu verorten ist, gibt es jedoch auch einige Ausreißer – wie ein vergleichsweise kuriose Genre-Erguss mit dem Titel BABY BUMP. Der extravagante polnische Film von Kuba Czekaj hatte seinen ersten internationalen Auftritt im Rahmen des Filmfestival Cottbus – und ist gleich in mehrerlei Hinsicht dafür geeignet, für Aufsehen zu sorgen.

Denn auch wenn sich selbst ein BABY BUMP die unspektakuläre Zuordnung zum Genre des Dramas, oder eher der Drämödie gefallen lassen muss; bietet der Film ausreichend Anhaltspunkte um nicht mit anderen verwechselt werden zu können. Anders gesagt: BABY BUMP ist auffällig wild, anarchistisch; und wenn man so will sogar verstörend. Mit dafür verantwortlich ist hier die explizite Vermengung von Traum und Realität, durch die er immer wieder dezent surrealistische Züge annimmt – die man sonst eigentlich von ganz anderen Werken gewohnt ist. Sicher, von der ganz großen Filmkunst ist das Werk von Kuba Czekaj noch weit entfernt. Vornehmlich, da sich der Film stark auf seine durchtriebene symbolische Ebene verlässt – selbige insgesamt betrachtet aber eher ernüchternd ausfällt. Und: die es schlicht nicht vermag, den mit handfestem Inhalt geizenden Film sinngemäß über seine lange Laufzeit zu füllen. Der Gedanke, dass sich das Ganze auch oder vielleicht sogar besser als Kurzfilm geeignet hätte; ist jedenfalls nicht gänzlich von der Hand zu weisen.

Doch für ein markantes und vor allem alles andere als alltägliches Aha-Erlebnis reicht es allemal. Dabei ist das Gelingen des Films in erster Linie auf den durchaus unterhaltsamen Faktor der handwerklichen Aspekte zu beziehen. Die außergewöhnliche Kameraführung, die geschickten Schnitte, die Einbeziehung der Umgebung und diverser zweckentfremdeter Objekte; die bunten eingeworfenen Text- und Gedankenfetzen, der unkonventionelle Soundtrack – BABY BUMP macht technisch einen angenehm unkonventionellen, gleichzeitig aber niemals zu forciert wirkenden Eindruck. Nicht ganz unbeteiligt daran sind sicher auch die beiden Hauptdarsteller, das ungewöhnliche Duo aus den polnischen Talenten Kacper Olszewski (als Sohn) und Agnieszka Podsiadlik (als Mutter) – die in ihren Rollen mit weniger Eigenregie, dafür aber mit der perfekten Umsetzung der Anleitungen des Regisseurs glänzen können.

Selbiger sollte schließlich genau wissen, was er hier von seinen beiden Figuren verlangt – wobei man zumindest einstweilen das Gefühl entwickelt, als gehe das Konzept auf. Schließlich entstehen im Verlauf des Films durchaus Momente, in denen die anberaumte Themen-bezogene Symbolik tatsächlich greifbar wird. Ein riesiges Ei – welches als Kokon und als zweite Geburtsstätte eines Heranwachsenden dient – zählt hier noch zu den harmlosen Varianten. Die (täuschend echt wirkende) Enthauptung eines Huhns fällt dagegen schon in die Kategorie einer deutlich krasseren, sich im Kontext des Films aber fast schon selbsterklärenden Bildersprache. Trotz der auffällig starr agierenden, oder eher den absichtlich mit einer weniger vielfältigen Mimik ausgestatteten Darstellern kann man sich jedenfalls sehr gut vorstellen, dass beim Dreh einige kuriose Momente entstanden sind.

Im Film selbst hält sich der Spaß allerdings in klaren Grenzen – explizite komödiantische Einschübe oder gar solche, die lauthalse Lacher erzeugen gibt es höchst selten. Analog zu einigen teils recht verstörenden Szenen – die sich indes weniger auf eine explizit dargestellte Sexualität, als vielmehr die Amputation etwaiger Körperteile beziehen – kommt der unterschwellige Leitspruch von BABY BUMP also genau richtig. Aufwachsen, das ist nun wirklich nichts für Kinder. Zumindest nicht in Bezug auf die ureigene Atmosphäre dieses Films – der hierzulande auch mit einer entsprechenden Altersfreigabe ab 16 eingestuft wurde. Unterhalten kann er aber, und dass auf eine höchst rebellische Art und Weise. Nicht allzu zart besaitete, sowie generelle Freunde des kuriosen sollten demnach ruhig mal einen Blick riskieren.


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„Weder für Kinder noch den typischen Kinogänger – und gerade deshalb eine vergleichsweise erfrischende Erfahrung.“

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Filmkritik: „Is Anbody There ?“ (2008)

Originaltitel: Is Anybody There ?
Regie: John Crowley
Mit: Michael Caine, Bill Milner, Anne-Marie Duff u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 94 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Tragikomödie
Tags: Altenheim | Pflegefamilie | Großvater | Magie | Kind | Junge

Wenn Freundschaften auch generationsübergreifend funktionieren.

Kurzinhalt: Der junge Edward (Bill Milner) lebt mit seinen Eltern (Anne-Marie Duff, David Morrissey) in einem großen Einfamilienhaus in England, das trotz seines offenbar recht maroden Zustands vollständig in ein privates Altersheim umfunktioniert wurde. Hier pflegt die Familie alte und gebrechliche Menschen als regelrechte Lebensaufgabe – wobei sie insbesondere jenen helfen möchten, die aufgrund verschiedenster Umstände nicht mehr allzu lange zu leben haben. Eines Tages taucht mit dem kauzigen Clarence (Michael Caine) aber jemand auf, der mit seinem Leben noch ganz und gar nicht abgeschlossen hat – und das Leben der Familie folglich ordentlich durcheinander wirbelt. Überdies scheint der früher als erfolgreicher Zauberkünstler umherziehende Clarence einen besonderen Draht zum jungen Edward zu entwickeln. Wohl auch, da der allein aufgrund der ungewöhnlichen Wohnsituation seiner Familie ein Dasein als Außenseiter fristet – und aufgrund der angedeuteten Vernachlässigung seiner Eltern somit erst Recht an den Geschichten und dem Geheimnis des alten Mannes interessiert ist.

Kritik: Ganz im Stil von großen Filmklassikern wie DER ALTE MANN UND DAS KIND erzählt die von Regisseur John Crowley auf die Leinwand gebrachte Tragikomödie IS ANYBODY THERE ? die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem gebrechlichen Ex-Zauberkünstler und einem kindlichen Außenseiter, die aufgrund spezieller Umstände zusammenfinden. Trotz der alles andere als neuen Idee spricht dabei einiges für den Erfolg oder eher das Gelingen des Films, welcher seine beiden Hauptprotagonisten von Altstar Michael Caine sowie dem vielversprechenden Nachwuchstalent Bill Millner (unter anderem SON OF RAMBOW) verkörpern lässt. Der krude Charme des anberaumten Schauplatzes, die grundsätzliche Thematik über den Sinn des Lebens (und dem, was darauf noch folgen könnte) sowie der ausgeprägte Erzählfokus auf den jungen Edward und seine besondere Familienkonstellation machen jedenfalls Lust auf mehr. Überdies entfaltet die Mischung aus Witz und Emotionalität schnell einen gewissen Reiz – ebenso sehr wie die behandelten oder potentiell seitens des Zuschauers entstehenden Fragen in Bezug auf die Meta-Ebene des Films. Was bedeutet es, wenn man tagtäglich nicht nur von alten Menschen; sondern gar vom Tod umgeben ist – und das schon als Kind ? Und andersherum: kann das Leben selbst im hohen Alter noch Spaß machen, welche Dinge gilt es eventuell noch aufzuarbeiten ? Sicher sind Fragen wie diese höchst interessant, zumal sie nicht nur innerhalb einer Generation kursieren – womit sich der Kreis zum Protagonisten-Paar des Films schließt, das ebenfalls schnell einen gemeinsamen Nenner findet.

Und doch ist IS ANYBODY THERE ? – oder auch der fragende Ruf nach dem, was möglicherweise auf das Leben selbst folgen könnte – nicht gänzlich frei von inszenatorischen Schwächen. Auffällig und offensichtlich dabei ist speziell, dass den Machern gute Ideen nicht gerade auf der Hand lagen – und der Film so einige (auch längere) Durststrecken aufweist. Etwas problematisch, aber nicht zwingend negativ auszulegen ist auch das völlige Fehlen einer Form der filmischen Magie; wie man sie eventuell von und in einem Film wie diesem vermutet hätte. Sicher ist es angenehm  Dramen zu erleben, die ausnahmsweise mal nicht allzu kitschig inszeniert werden und analog dazu mit offensichtlichen Mitteln auf die Tränendrüse drücken – doch im Falle des regelrechten Gegenentwurfs von IS ANYBODY THERE ? könnte sich schlicht ein etwas zu gleichförmiger Eindruck einstellen. Aus dem emotionalen Vollen schöpft der Film jedenfalls nicht – und die wenigen interessanteren Zwischentöne, die vornehmlich aus der Interaktion der beiden kauzigen Hauptprotagonisten entstehen; reichen nicht aus um den Film über seine volle Laufzeit zu tragen. Jene fehlende Geschicklichkeit ist es auch, die IS ANYBODY THERE ? relativ vorhersehbar ausfallen lässt – sodass es kaum verwunderlich ist, dass auch das große Finale eher enttäuscht als eine nachhaltige Wirkung zu etablieren.

In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt dann auch der technische Part. Immerhin, man war sichtlich bemüht möglichst authentische Bilder zu liefern – der absichtlich auf altbacken getrimmte Look, die entsprechenden Kostüme und eine insgesamt unaufgeregte Atmosphäre hätten aus IS ANYBODY THERE ? zumindest theoretisch etwas viel größeres machen können. Doch die absolut unspektakuläre Kameraführung, der eher nichtssagende Soundtrack, die fehlende künstlerische Raffinesse; und nicht zuletzt die gefühlte Lustlosigkeit der beteiligten Verantwortlichen verhindern in diesem Falle vieles.


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„Eine etwas andere, gleichzeitig aber auch etwas anstrengende und langatmige Tragikomödie.“

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Filmkritik: „Schnitzel Geht Immer“ (2017)

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Regie: Wolfgang Murnberger
Mit: Armin Rohde, Ludger Pistor, Therese Hämer u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Komödie
Tags: Arbeitslos | Alltag | Gameshow | Gewinn | Spende

Vielleicht nicht immer, aber immer öfter.

Kurzinhalt: Irgendwann muss jeder einmal Glück haben. Das gilt sicher auch für die beiden langjährigen Freunde Günther Kuballa (Armin Rohde) und Wolfgang Krettek (Ludger Pistor), die schon seit längerer Zeit arbeitslos sind. Nach einem weiteren obligatorischen Besuch beim hiesigen Jobcenter jedoch geschieht es: gerade als die beiden ihrer Arbeitsberaterin einen Streich spielen, kommt diese herbeigeeilt – und wird dabei fast von einem nahenden Fahrzeug erfasst. Das kann Wolfgang gerade noch abwenden, schiebt die Rettung aber seinem Kumpel Günther zu – der daraufhin als Held gefeiert wird. Doch nicht nur das. Die Dame vom Arbeitsamt will den beiden Schwerenötern nun doch helfen, wenn auch nur ein wenig – und verrät ihnen höchst geheime Details zu einer kommenden Quizsendung. So gewappnet wollen die beiden wenigstens ein paar Tausend Euro erspielen, um sich wieder selbstständig machen zu können. Doch es kommt alles ganz anders als erwartet, oder eher anders als geplant

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Kritik: Weniger ist manchmal mehr – und das gilt nicht nur für den Plan der beiden Hauptprotagonisten von und in SCHNITZEL GEHT IMMER. So hält sich der mittlerweile dritte Film der sogenannten SCHNITZEL-Trilogie von Wolfgang Murnberger eher zurück – und präsentiert eine nicht sonderlich spektakuläre, dafür aber recht unterhaltsame und kurzweilige Geschichte zweier befreundeter Arbeitsloser. Dabei ist gewiss kein Vorwissen aus den beiden Vorgängern EIN SCHNITZEL FÜR DREI und EIN SCHNITZEL FÜR ALLE notwendig – man kommt auch so in den Genuss des sowohl von einer angenehmen Situationskomik als auch einer gewissen Tragik gekennzeichneten Porträts der beiden kauzigen Hauptfiguren.

Dass der Film gerade diesbezüglich hervorragend funktioniert, liegt vor allem an den rundum sympathischen Auftritten von Armin Rhode und Ludger Pistor – zwischen denen die Chemie einfach stimmt. Und die sich sicher auch selbst in ihren Rollen wiederfinden – und sei es nur teilweise. Dass kommt dem ohnehin schon vorhandenen Realitätsbezug und der Aktualität des Films nur zugute: allzu übertrieben, wild oder platt gerät SCHNITZEL GEHT IMMER zu keinem Zeitpunkt. Stattdessen gibt es immer wieder amüsante Seitenhiebe auf das Leben und Erleben aus der Sicht von Menschen ohne Beschäftigung, die sich dennoch nicht den Spaß am Leben verbieten lassen wollen – und die trotz ihrer eigenen Misere durchaus bereit sind, anderen aus der Patsche zu helfen.

Werte wie Freundschaft und Treue werden in SCHNITZEL GEHT IMMER demnach großgeschrieben – wobei sich die einstweilen anberaumte Herzlichkeit stellenweise auch auf den Zuschauer zu übertragen vermag. Das gilt insbesondere für das eingeschobene Porträt einer alleinerziehenden Mutter, die ihrem Fußball-spielenden Sohn gerne mehr Wünsche erfüllen würde – dazu finanziell aber einfach nicht in der Lage ist. Eine solide Kamera-Arbeit und greifbare Schauplätze, die so gesehen aus der Nachbarschaft stammen; runden das Ganze ab. Schlussendlich: SCHNITZEL GEHT IMMER bietet einige vergleichsweise unkomplizierte, dabei aber nicht gänzlich substanzlose Minuten Unterhaltung zwischen Spaß und Tragik – und wirkt dabei in jeder Hinsicht ausbalanciert.


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„Leichte, aber nicht unsympathische Kost für Zwischendurch – hier kann man nicht viel falsch machen.“

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Statt eines Trailers gibt es an dieser Stelle den Link zur ARD-Mediathek, in der der Film bis zum 17.02.2017 kostenlos anschaubar ist.

Filmkritik: „Birnenkuchen Mit Lavendel“ (2015)

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Originaltitel: Le Goût Des Merveilles
Regie: Eric Besnard
Mit: Virginie Efira, Benjamin Lavernhe, Lucie Fagedet u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Tragikomödie
Tags: Frankreich | Provence | Land | Heimat | Autismus | Asperger

Willkommen auf Wolke 37.

Kurzinhalt: Nach dem Tod ihres Mannes kümmern sich Louise (Virginie Efira) und ihre beiden Kinder Emma (Lucie Fagedet) und Felix (Léo Lorléac’h) allein um den familiären Landwirtschaftsbetrieb in der idyllischen französischen Provence. Doch trotz der guten Pflege und des Verkaufs diverser Erzeugnisse reichen die Einnahmen nicht aus, um die Kredite bei der Bank zu bedienen. So schlägt sich Louise Tag für Tag durch, und überlegt Teile ihres Landes notgedrungen an den befreundeten Paul (Laurent Bateau) zu verkaufen. Eines Tages aber fährt sie den zufällig in der Gegend umher wandernden Pierre (Benjamin Lavernhe) mit ihrem Auto an. Glücklicherweise wird der dabei nicht schwer verletzt. Doch anstatt sich über die Unachtsamkeit der jungen Frau zu beschweren, scheint er sich schnell auf seltsame Art und Weise zu ihr hingezogen zu fühlen. Auch über den ersten ungewöhnlichen Kontakt hinaus verhält sich Pierre dabei alles andere als gewöhnlich – was bei Louise zunächst eine gesunde Skepsis auslöst, ihr und vor allem ihren beiden Kindern aber offensichtlich gut bekommt. So bringt der Fremde einen frischen Wind in das Leben der Witwe, sensibilisiert sie für Dinge die sie im Laufe der Jahre vernachlässigt hat – und hilft ihr ganz nebenbei bei dem Unterfangen, ihren Bauernhof mitsamt all den Birnenbäumen und Lavendelfeldern zu retten.

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Bewertung: Zugegeben, der für den deutschen Markt erdachte Titel BIRNENKUCHEN MIT LAVENDEL erscheint in Anbetracht der Bedeutung des französischen Originaltitels LE GOUT DES MARVEILLES (in etwa: der Geschmack eines Wunders) nicht ganz glücklich gewählt. Umso überraschender und tiefschürfender ist das, was Eric Besnard hier mit einem wahnwitzig starken und sympathischen Figuren-Ensemble auf die Beine stellt. Ohne bemerkenswerte komödiantische Anteile, aber doch mit einer gewissen Leichtigkeit und viel Platz für sensationelle Landschaftsbilder rückt die hervorragend gefilmte Tragikomödie eine etwas andere zwischenmenschliche Beziehung in den Vordergrund – und brilliert dabei vor allem mit dem gleichermaßen lebendigen wie aufwühlenden Porträt der mit einer Form des Asperger-Syndroms lebenden Hauptfigur Pierre. Die wird von Benjamin Lavernhe gespielt – der sonst eigentlich eher im Bereich des Theaters unterwegs ist, hier aber eine wunschlos glücklich machende Performance abliefert.

LE GOUT DES MARVEILLES ist damit alles andere als eine typisch-klischeehafte Romanze oder eine Liebeskomödie mit formelhaft agierenden Charakteren – was angenehm zu sehen ist, den Film speziell von der internationalen Konkurrenz abhebt und ihn im besten Fall auch nachhaltig wirken lässt. Potentielle Kernbotschaften gerade in Bezug auf das Erleben von Personen die ihren Partner verloren haben, die oftmals zu unnötigem Schubladendenken neigende Gesellschaft sowie das Streben nach finanzieller Absicherung ohne einen ganzheitlichen Blick runden das Ganze ab. Anders gesagt: abgesehen von seinen hie und da doch noch sporadisch auftretenden Längen und den kaum vorhandenen Wendungen, Überraschungen oder expliziten Höhepunkten macht der Film vieles richtig. LE GOUT DES MARVEILLES mag kein Meisterwerk sein, erscheint aber aus seiner inhaltlichen und handwerklichen Warte heraus ansprechend – und hat durchaus das Zeug dazu, als zunächst unscheinbarer französischer Geheimtipp durchgehen zu können.


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„Eine idyllisch inszenierte, angenehm ruhige und zutiefst sympathische französische Tragikomödie mit starken Figuren.“

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Filmkritik: „Mickybo Und Ich“ (2004)

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Originaltitel: Mickybo And Me
Regie: Terry Loane
Mit: Ciarán Hinds, John Joe McNeill, Niall Wright u.a.
Land: Australien, Großbritannien, Irland
Laufzeit: ca. 91 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Kindheit | Irland | Unruhen | Politik | Freundschaft

Wenn zumindest Freundschaften Grenzen überwinden.

Kurzinhalt: Belfast, Nordirland um das Jahr 1970 – die Stadt ist zweigeteilt, und politische Unruhen erschüttern das Land. Das scheint den beiden Jungen Mickybo (John Joe McNeill) und dem ein Jahr älteren Jonjo (Niall Wright) jedoch kaum etwas auszumachen – obwohl sie von der jeweils anderen Seite der Stadt stammen und unter unterschiedlichen Umständen aufgewachsen sind, treffen sie sich heimlich und werden sogar beste Freunde. Vermutlich auch, da sie beide für zwei große Western-Helden schwärmen: Butch Cassidy und Sundance Kid. Als die Lage in der Stadt immer unruhiger und ihre Freundschaft das ein ums andere Mal aufs Spiel gesetzt wird, beschließen Mickybo und Jonjo gemeinsam auszureißen – ihr Ziel ist das weit entfernte Australien.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! MICKYBO UND ICH ist der erste Spielfilm des Regisseurs und Drehbuchautors Terry Loane, der sich mit der Geschichte einer besonderen (Kinder-)Freundschaft auf die Theater-Vorlage MOJO MICKYBO von Owen McCafferty stützt. Das besondere an der Geschichte ist dabei nicht unbedingt die porträtierte Freundschaft selbst, die Dank ihrer glaubwürdigen Inszenierung und den gleichermaßen rauen wie süßlich-verträumten Bildern auch dazu in der Lage ist, eigene Kindheitserinnerungen zu wecken – sondern vielmehr der anberaumte Hintergrund der Erzählung. Der ist schließlich recht brisant, und bezieht sich auf den von 1969 bis 1998 stattgefundenen Nordirland-Konflikt – und damit auch den bedrohlichen Streit zweier Bevölkerungsgruppen. Terry Loane macht sich diese Ausgangssituation zunutze um noch einmal überdeutlich aufzuzeigen; dass sich trotz der oft engstirnigen Ansichten der Eltern gerade Kinder lieber eine eigene Meinung bilden, durchaus auch auf Tuchfühlung mit dem vermeintlichen Gegner gehen – und Freundschaften auch dort entstehen können, wo sie es aus einer politisch-gesellschaftlichen Sicht heraus eigentlich nicht sollten oder dürften.

Sicher ist es nichts neues, Kinder als regelrechte Welt-Verbesserer zu zeigen – doch die Art, wie Terry Loane hier vorgeht; ist durchaus besonders. Zumal MICKYBO UND ICH beileibe nicht auf ein einziges Themengebiet zu beschränken ist, über weite Strecken authentisch und glaubwürdig wirkt – und auch im Bereich der Kinokunst selbst großes bewerkstelligt wird. Speziell in Bezug auf die rundum stimmigen, oftmals in einem krassen Kontrast zueinander stehenden Bilder mit einstweilen zutiefst beeindruckenden Kamerafahrten, den hochkarätigen Soundtrack und die bravouröse Leistung der beiden Haupt- und Jungdarsteller wird ein überraschend hohes Niveau etabliert – was so nicht unbedingt von einem vergleichsweise kleinen, relativ unscheinbaren Film zu erwarten war.

Am eindringlichsten aber bleibt das Porträt der Freundschaft inklusive des übergeordneten Spiels mit dem Genre und der wenn man so will unentschlossenen Atmosphäre. Was in diesem Fall aber nicht negativ zu verstehen ist, denn: dem Zuschauer bleibt kaum etwas anderes übrig; als in Anbetracht der zahlreichen amüsanten und eine gewisse Nostalgie ausstrahlenden, dann aber doch wieder bitter-bösen Momenten hin- und hergerissen zu sein. Dabei lässt Terry Loane auch den Coming Of Age-Aspekt des Films niemals zu kurz kommen. MICKYBO UND ICH beschreibt eben nicht nur ein bloßes geografisches Vorankommen der beiden Hauptprotagonisten, sondern vielmehr eine emotionale Reise mit vielen Höhen und Tiefen – die man metaphorisch durchaus mit dem Prozess des Erwachsenwerdens gleichsetzen könnte. Das funktioniert glücklicherweise auch vollkommen ohne einen wie-auch-immer gearteten moralischen Zeigefinger, der Film macht letztendlich nicht viel mehr als die Realität abzubilden. Oder eher eine fiktive, aber dennoch über alle Maßen glaubwürdige Geschichte vor dem Hintergrund einer tatsächlichen menschlichen Katastrophe anzuführen.

Fazit: Die Chancen stehen gut, dass man sich an MICKYBO UND ICH erinnern wird – sei es in Bezug auf seine markante Gesamtwirkung, oder aber einzelne und besonders gute Szenen. Allein der Bankraub gegen Mitte des Films  schafft aufgrund der geschickten Vermengung von Realität und Fiktion eine gewisse Denkwürdigkeit – und steht stellvertretend für die regelrechte Poesie der Erzählung. Einer Poesie, die sowohl schöne als auch bitterböse Momente bereithält, dabei aber niemals überkandidelt wirkt und ganz und gar grundlegende Emotionen bedient, mit denen sich ein Großteil der Zuschauer identifizieren kann. Es gilt demnach, eine absolute Empfehlung auszusprechen – für die Ausarbeitung der Geschichte selbst, sowie ganz explizit auch den technisch-handwerklichen Part mit seinen satten Bildern und dem hervorragenden Schauspiel.

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„Ein eindringliches Porträt einer Freundschaft – und ein echtes Kleinod.“

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Filmkritik: „Angels Sing Aka Mein Nachbar Der Weihnachtsmann“ (2013)

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Originaltitel: Angels Sing
Regie: Tim McCanlies
Mit: Harry Connick Jr, Connie Britton, Willie Nelson u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 87 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Weihnachten | Festtage | Familie | Schicksal | Liebe

Wenn Fluch und Segen nah beieinander liegen.

Kurzinhalt: Da der texanische College-Professor Michael Walker (Harry Connick Jr.) kurz vor der Weihnachtszeit vor dem Verkauf seines Hauses steht, sucht er für sich und seine Familie eine neue Bleibe. Einerseits darf das Budget der Familie dabei nicht übersteigen werden – andererseits aber möchte er vor allem seinen Sohn David (Chandler Canterbury) glücklich machen, während ihn seine Frau Susan (Connie Britton) bei jeder Entscheidung zur Seite steht. Wie es der Zufall will, trifft Michael eines Tages auf einen kauzigen alten Hausbesitzer namens Nick (Willie Nelson) – der sein Anwesen gerne verkaufen möchte. Und das sogar zu einem Spottpreis – wenn der Käufer nur seinen Vorstellungen entsprechen und die spezielle Tradition des Hauses fortsetzen würde, die eng mit dem Weihnachtsfest verbunden ist. Doch offenbar stehen Michael und das Weihnachtsfest in keinem guten Verhältnis – Gründe dafür finden sich in der Vergangenheit und seiner Beziehung zu seinen Eltern (Kris Kristofferson und Fionnula Flanagan). Und so sträubt sich der Familienvater sichtlich, sich im Rahmen der kommenden Festlichkeiten entsprechend zu engagieren… bis sich ein weiterer Schicksalsschlag ereignet.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Wenngleich der deutsche Titel des amerikanischen Spielfilms ANGELS SING eher ungünstig gewählt wurde und am ehesten auf einen Film für ein deutlich jüngeres Publikum inklusive einer großen Portion Weihnachts-Klamauk schließen lässt, ist MEIN NACHBAR DER WEIHNACHTSMANN in Wahrheit eine gleichermaßen realitätsnahe wie bittersüße Tragikomödie. Eine solche; die auf einer gleichnamigen Romanvorlage von Turk Pipkin basiert und eine Amerikanische Familie in den Mittelpunkt stellt, welche schon so manch schlimmen Schicksalsschlag verkraften musste. Die Folge: speziell der Vater hadert mit den weihnachtlichen Festlichkeiten, für ihn sind sie mit einer schrecklichen Erfahrung verbunden – und auch sein 10-jähriger Sohn droht aufgrund eines Sterbefalls in der Familie ähnlichen Denkmustern zu verfallen.

Dennoch, und trotz der einstweilen emotional aufwühlenden Situationen inszeniert Regisseur Tim McCanlies seinen Film stets mit einer gewissen Leichtigkeit. ANGELS SING ist eben kein tiefenpsychologisches Drama, sondern vielmehr eine Mischung aus einer lockeren saisonalen Komödie und einer großen Portion Herzschmerz – was ihn nicht unbedingt von zahlreichen anderen Filmen des Genres abhebt. Immerhin: die Figuren sind durchgehend sympathisch, speziell Harry Connick Jr als etwas eigenwilliger Familienvater und sein Filmsohn Chandler Canterbury überzeugen dabei mit ihrem niemals angespannten, weitestgehend glaubwürdigen Spiel. Leicht problematisch ist in diesem Zusammenhang wohl nur die Rolle des mysteriösen Nick, gespielt von Willie Nelson. Nicht unbedingt aufgrund der Besetzung – aber doch in Bezug auf die Ausrichtung des Films, der so letztendlich doch noch den Schliff eines verkappten Fantasy-Märchens mit einem nicht nur sprichwörtlichen guten Geist erhält.

Schließlich wirkt der Film eher wie eines derjenigen Werke, die einen besonderen Moment der Selbstreflexion oder auch Selbst-Erkenntnis im Rahmen einer in diesem Sinne passenden Jahreszeit in den Vordergrund stellen – ganz ohne eine zusätzliche Meta-Ebene anzuberaumen oder sich der Phantasterei hinzugeben. Das ist einerseits ein echter Zugewinn, zumal der Film eben nicht überproduziert ist und angenehm unspektakulär inszeniert wird – anderseits aber verhindert das kaum, dass er einen leicht faden Beigeschmack hinterlässt. Und das liegt hauptsächlich an den störenden, plötzlich alles andere als bodenständigen Untertönen in Bezug auf die westliche Lebensart. Sicher sollte die Darstellung hier etwas zugespitzt ausfallen; doch verfehlt der Film eventuell seine eigentliche (d.h. universelle) Intention, wenn das Weihnachtsfest eben nicht mit Nächstenliebe verbunden wird – sondern vielmehr mit einer ärgerlichen Kommerzialisierung, einem pompösen Kitsch und eventuell auch einer gewissen Portion Wahnsinn.

Vielleicht wäre man also besser beraten gewesen, die Geschichte nicht unbedingt an einem potentiell polarisierenden christlichen Feiertag wie Weihnachten festzumachen – wäre da nicht die Buchvorlage. So lässt es sich ANGELS SING getreu seines Titels natürlich auch nicht nehmen immer wieder etwaige Singstimmen erklingen zu lassen, die den ein oder anderen Weihnachts-Hit schmettern. Gerade das wird nicht jedem gefallen, zumal man das Gefühl hat als wären sich die Macher selbst uneinig darüber gewesen wie diese Elemente darzustellen wären. Mal inszenieren sie die Gesänge (und auch andere, nicht ganz so traditionelle Bräuche wie das Zupflastern von Häusern mit Elektro-Schmuck) als nötige atmosphärische Anhängsel einer vermeintlich besinnlichen Zeit – und mal zeigen sie selbst auf, wie nervig und unnötig ein eben solches Gebaren sein kann. Interessanterweise aber kommt man dennoch zu einem einstimmigen Ergebnis: ob von Leid geplagt oder vom Leben beschenkt, ob Christ oder Angehöriger einer anderen Religion, ob gottesfürchtig oder Atheist – irgendwann packt es sicher alle, das Weihnachtsfieber. Was hier in den Bereich der Tragik, und was in den Bereich der Komödie fällt; darüber erlauben sich die Macher kein Urteil – es bleibt Auslegungssache.

Fazit: ANGELS SING ist ein Paradebeispiel für einen Film der Marke weder-noch. Weder handelt es sich um einen typischen und im besten Falle Herz-erwärmenden Weihnachtsfilm für die ganze Familie, noch um ein unabhängig wirksames Drama vor einem saisonalen Hintergrund. Vielmehr ist der Film eine Mischung aus beidem, sodass Lachen und Weinen in diesem Falle nah beieinander liegen. Allerdings, und das ist eine klare Schwäche; ohne jemals wirklich aus dem emotionalen Vollen zu schöpfen. Eigentlich hätten die guten Leistungen der Darsteller dafür gesprochen – doch letztendlich wird man schlicht zu wenig warm mit dem Porträt und dem Schicksal der Familie; was auch der vergleichsweise simplen Story, den zu häufigen Gesangseinlagen und den stark vereinfachten Charakterporträts geschuldet ist. Zudem geht vieles geht in der einstweilen kruden Mischung aus angestrengt-überdrehtem Weihnachts-Spektakel und ernsthafter Schicksalsbewältigung unter – man sieht, auch hier kann sich der Film nicht wirklich entscheiden. Man sollte sich also selbst ein Bild machen, eine klare Empfehlung kann diesbezüglich aber nicht ausgesprochen werden.

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„Vieles geht auf, anderes bleibt auf der Strecke – ein Mittelding in jeder Hinsicht.“

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Filmkritik: „Der Sohn Von Rambow“ (2007)

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Originaltitel: Son Of Rambow
Regie: Garth Jennings
Mit: Bill Milner, Will Poulter, Jules Sitruk u.a.
Land: Frankreich, USA, Großbritannien
Laufzeit: ca. 96 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Komödie, Drama
Tags: Kindheit | Vorbilder | Inspiration | Träume | Rambo

Helden mal anders.

Kurzinhalt: England, zu Beginn der 80er Jahre. Der junge Will (Bill Milner) lebt mit seiner verwitweten Mutter Mary (Jessica Hynes), seiner Schwester und seiner pflegebedürftigen Großmutter innerhalb der strengen Glaubensgemeinschaft der Bretheren. Doch auch wenn sich Will längst mit den hiesigen Gepflogenheiten arrangiert hat, läuft nicht alles rund – vor allem nicht in der Schule. Eines Tages, als Will aus religiösen Gründen wieder einmal den Klassenraum verlassen muss; trifft er auf den störrischen Außenseiter Lee (Will Poulter). Trotz dessen, dass die beiden scheinbar Welten trennen kommen die beiden schnell auf einen gemeinsamen Nenner: sie haben ein Faible für den Film. Während es bei Will vor allem die Neugier, die Abenteuerlust und der Reiz des Verbotenen ist; scheint Lee das Filmen in die Wiege gelegt – weshalb er seinen neuen Freund kurzerhand für eine seine zahlreichen Hobby-Projekte einplant, dass er bald auf einem Talent-Wettbewerb präsentieren möchte. Kurz darauf bekommt Wills Mutter Besuch vom Vorstand der örtlichen Glaubensgemeinde, repräsentiert von Bruder Joshua (Neil Dudgeon)…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Garth Jenning’s SON OF RAMBOW (was kein Rechtschreibfehler ist, sondern eher lizenzrechtliche Gründe hat) geht es vordergründig um eine Etappe im Lebensweg der beiden vor-pubertären Hauptfiguren Will und Lee – und um den Konflikt zwischen vorgegebenen Regeln und einem aufkeimenden Freiheitsdrang. Das besondere: auch wenn SON OF RAMBOW im Kern als klassisches Coming Of Age-Drama fungiert, erzählt Garth Jennings seine Geschichte zweier Freunde dennoch erfrischend anders. Ein Grund dafür ist seine auffällig lockere, einstweilen auch mal explizit makabere Herangehensweise an eine Vielzahl von Themen – die dem Film einen überraschend humoristischen Anstrich verpassen. Einen, der dabei aber niemals allzu plump daherkommt – und einen, der die durchaus vorhandenen kritischen Untertöne nicht zu schmälern vermag. Gerade diese Mixtur macht SON OF RAMBOW letztendlich aus. Wie sicher auch sein Fokus auf das Medium Film an sich, welcher mit einer ganz ähnlichen Form der ungezwungenen Melancholie eingefangen wurde wie einst ein CINEMA PARADISO. Schließlich ist auch SON OF RAMBOW ein quasi-Garant dafür, dass man sich als Zuschauer problemlos in die Rolle der beiden Protagonisten versetzen kann – und dabei auch die ein oder andere eigene Kindheitserinnerung aufflammen könnte.

Doch selbst wenn das nicht der Fall ist, macht es Spaß den beiden ungleichen Freunden zuzusehen – und ihre ansteckende Begeisterung für das Kino und den Film zumindest für einen Moment zu teilen. Analog dazu erhält man aber auch ein Gefühl dafür, was es bedeutet sich schon im Kindesalter mit unterschiedlichen familiären und ansatzweise auch gesellschaftlichen Konfliktsituationen auseinandersetzen zu müssen – man trifft es also recht genau wenn man sagt, SON OF RAMBOW mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu betrachten. Im späteren Verlauf hat der Film sowohl klare Stärken als auch dezente Schwächen – der Auftritt der Figur Didier Revol (Jules Sitruk) beispielsweise passt zum Konzept des Films, fühlt sich aber dennoch etwas zu forciert an. Voll punkten kann Garth Jennings dann mit jenen Szenen, in denen sich Traum und Realität vermischen – was auch der insgesamt höchst gelungenen Gestaltungsarbeit zu verdanken ist. Noch mehr als die geschickte Farb-Akzentuierung, der angenehme Schnitt oder der passig erscheinende Soundtrack fällt dann wohl nur noch die Leistung der beiden Jung-Darsteller Bill Milner und Will Poulter ins Gewicht – die bis dato kam Erfahrungen im Filmgeschäft hatten und dennoch hervorragend abliefern. Ihr spiel wirkt zu jedem Zeitpunkt authentisch und auf eine ganz eigene Art und Weise charmant.

Fazit: Ob als traditionelles Coming Of Age-Drama mit einem starken Fokus auf die Charaktere, eine Grenzen-überwindende Freundschaft und die Kraft der Imagination; oder aber als Hommage an das Medium Film an sich – SON OF RAMBOW überzeugt in nahezu jeder Hinsicht. Neben der gut ausgearbeiteten, vielschichtigen Geschichte bleibt vor allem das an den Tag gelegte Handwerk im Gedächtnis – der Film wirkt wenig beeindruckt von der Masse, und zeichnet einen ganz eigenen Stil. Gleichzeitig kann er sein Potential in Bezug auf viele Zuschauergruppen ausspielen: als reiner Kinderfilm hat er ebenso gute Karten wie als nostalgisch angehauchte Tragikomödie für Erwachsene. Im besten Fall schaut man ihn also im Kreise der Familie – so haben alle etwas davon.

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„Rebellisch, außerordentlich charmant und unterhaltsam – schon jetzt ein Klassiker.“

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