Metal-CD-Review: HALÉN – Idleness (2020)

Alben-Titel: Idleness
Band: Halén (mehr)
Veröffentlichung: 03. April 2020
Land: Schweden
Spielart / Stil: Power Metal
Label: Keins / Independent

Lineup:

Ola Halén – Gesang, Alle Instrumente

Track-Liste:

1. There’s no Use (04:48)
2. Daydream (03:39)
3. Tears (04:49)
4. Empire (05:19)
5. Labyrinth (05:02)
6. Dreams (04:44)
7. AnyMore (02:47)
8. Wonders (04:19)
9. Blown Away (04:28)

Da war aber jemand ganz und gar nicht faul.

Nein, das Bandprojekt HALÉN hat noch keine allzu weitreichende Geschichte – und man muss es vielleicht auch nicht unbedingt kennen. Dem geneigten Power Metal-Fan sollte ein Name wie Ola Halén – seines Zeichens das einzige offizielle Mitglied der Band – aber dennoch ein Begriff sein. Speziell natürlich in Bezug auf die ebenfalls aus Schweden stammende (und schon seit längerem vermisste) Genre-Combo INSANIA, die um die Jahrtausendwende herum mit einigen hochkarätigen Alben durchstartete. Zwar tat sie dies zunächst noch ohne Ola Halén – doch, ob Zufall oder nicht; liefen sie erst mit der Verpflichtung des markanten Gesangstalents zu ihrer absoluten Höchstform auf. Das erste Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit (FANTASY – A NEW DIMENSION, siehe Review) kann auch heute noch als eines der besten Power Metal-Alben überhaupt bezeichnet werden, je nach Perspektive – und auch danach sah es eigentlich rundum gut aus für die Band, trotz des bereits wesentlich schwächeren AGONY – GIFT OF LIFE (Review). Was daraufhin – und nach dem Jahr 2007 – passierte, weiß indes niemand so genau – schließlich zogen sich nicht nur INSANIA, sondern auch deren Frontmann Ola Halén zurück. Immerhin, mit seinem Nebenprojekt SHADOWS PAST konnte er 2013 wieder einen Erfolg feiern (PERFECT CHAPTER, siehe Review) – doch wirklich angekommen schien er nicht.

Ob er dies heute ist, darüber kann man ebenfalls nur munkeln – fest steht nur, dass er mit HALÈN ein weiteres Soloprojekt an den Start gebracht hat, und nach dem eher kruden NACKSKOTT (Review) nun IDLENESS vorlegt, das zweite offizielle Album der Ein-Mann-Band. Interessant, und sicher nicht jedem bekannt ist dabei; dass das auf IDLENESS enthaltene Material aber nicht grundsätzlich neu ist – sondern teilweise schon auf den frühen SHADOWS PAST-Demos enthalten war. Sei es drum – offenbar befand der Schwede das Material für so gut, dass es an der Zeit wäre für eine Aufarbeitung. Wobei, und das ist durchaus bemerkenswert; er wirklich alle anfallenden Arbeiten am Alben selbst übernahm. Gut, bis auf das Mastering – von einem wahren Multitalent (das nicht nur singen, sondern auch alle entsprechenden Instrumente handhaben kann) ist aber in jedem Fall zu sprechen. In wie weit das Album dabei wirklich punkten kann, ist natürlich eine andere Frage. Immerhin hatte HALÉN bereits mit und auf NACKSKOTT gezeigt, dass er durchaus ein Faible für etwas; man nenne sie ungewöhnlichere Töne zu haben scheint – zumindest im Sinne der eigentlichen Stil-Verortung im Bereich des Power Metals.

Immerhin, mit dem vorliegenden IDLENESS kann diesbezüglich schon einmal Entwarnung gegeben werden. Das 9 Titel enthaltene Werk ist weit davon entfernt, wie ein krudes musikalisches Experiment oder ein zusammengewürfeltes Sammelsurium an ausrangierten Nummern zu klingen, oder anders gesagt: IDLENESS klingt eindeutig nach dem Ola Halén, der man kennt und liebt. Mit einer Nummer wie BLOWN AWAY liefert er sogar ganz explizit ein Fest für all jene, die die früheren INSANIA feierten – was nur gut und richtig ist, und einstweilen tatsächlich Erinnerungen an das großartige FANTASY – A NEW DIMENSION wach werden lässt. Aber auch davon abgesehen sieht es gut aus für IDLENESS – das mit Titeln wie THERE’S NO USE, EMPIRE oder DREAMS einige waschechte Power Metal-Kracher an den Start bringt. Kracher, die all das haben was INSANIA ausgezeichnet hatte – und womöglich noch mehr. Schließlich muss man bedenken, dass hier tatsächlich nur ein einziger Mann am Werk ist. Das wiederum fällt nicht auf, was allemal positiv zu verstehen ist: seien es die schmackigen Gitarren inklusive vieler genialer Riff- und Solistrecken, der prägnante und gut hörbare Bass, das variable Drumming oder die unterstützende Keyboard-Elemente – hier gibt es wahrlich einiges höchst interessantes, und vor allem perfekt vorgetragenes auf die Lauscher. Gut, die Ballade ANYMORE und vielleicht auch das allgemein eher zurückhaltende WONDERS gehören nicht zu den besten Momenten des Albums – doch das ist insgesamt eher zu verschmerzen.

IDLENESS avanciert so zu einem kleinen Geheimtipp für alle Power Metal-Enthusiasten, die gerne auch mal hinter die Kulissen schauen – und nichts gegen eine Priese Eigenwilligkeit und dem für HALÉN typischen Mäandern zwischen verschiedenen Stimmungen einzuwenden haben. Und überhaupt: wenn selbst eine sonst obligatorische Ballade wie TEARS zündet – und das vor allem in Bezug auf den ebenso glaubwürdigen wie schlicht packenden Leadgesang – will das schon etwas heißen. Im handwerklichen Sinne ist HALÉN jedenfalls nichts vorzuwerfen, selbst der allgemeine Soundeindruck ist in Anbetracht einer Independent-Produktion höchst solide. Man kann damit eigentlich nur hoffen, dass Ola Halén in Zukunft auch wieder ein paar größere Releases an den Start bringen wird oder sonst irgendwie Aufmerksamkeit erlangt – denn verdient hätte er es allemal.

Anspieltipps: THERE’S NO USE, EMPIRE, DREAMS, BLOWN AWAY


„Gut, und vor allem: einzigartig.“

Metal-CD-Review: HALEN – Nackskott (2016)

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Alben-Titel: Nackskott
Künstler / Band: Halén (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 16. Dezember 2016
Land: Schweden
Stil / Genre: Power Metal
Label: Keins / Independent

Alben-Lineup:

Ola Halén – Vocals
Olle Lindroth – Drums

Track-Liste:

1. Cut Her by Surprise (05:33)
2. Perish (05:30)
3. Alive (06:18)
4. Relentless Soul (04:58)
5. Foolish Pain (04:10)
6. Nocturne (05:44)
7. Fucked App (04:46)
8. Desperation & Dynamics (06:26)
9. Moonstruck (05:34)
10. Minns Mig (06:12 )

Von Genickschüssen und anderen Schmerzen.

Es war einmal vor einigen Jahren… als eine ohnehin schon gut aufgestellte Power Metal-Band aus Stockholm plötzlich Zuwachs in Form eines gewissermaßen einzigartigen Frontsängers bekam. Die Rede ist natürlich von INSANIA, einer 1992 gegründeten Band – die Genre-Liebhaber schon mit ihren frühen Werken WORLD OF ICE (1999) sowie SUNRISE IN RIVERLAND (2001) überzeugen konnte. Ihr eigentliches Meisterstück realisierten die Schweden aber erst im Jahre 2003, und zwar mit dem großartigen FANTASY – A NEW DIMENSION (Review) – einem Album, auf dem ein bis dato weitestgehend unbekannter Ola Halén erstmals in die breitere Öffentlichkeit trat. Zweifelsohne mit einem einschneidenden Erfolg: das Album kann bis heute problemlos als eines der besten überhaupt bezeichnet werden (siehe Liste der besten Power Metal-Alben), und Ola Halén hätte keinen besseren Genre-Einstand hinlegen können.

Und auch wenn er sich nie gänzlich aus der Szene verabschiede, wurde es bald darauf schon wieder verdächtig ruhig um den vielversprechenden Sänger. Zwar trat er 2007 noch einmal auf dem INSANIA-Album AGONY – GIFT OF LIFE (Review) auf, und agierte weiterhin als Leadsänger seiner zweiten Band SHADOWS PAST – doch ein weiterer Paukenschlag wie auf und mit FANTASY – A NEW DIMENSION sollte dem Schweden seltsamerweise verwehrt bleiben. Seitdem ist allerdings schon wieder über ein Jahrzehnt vergangen – sodass sich Ola Halén gedacht haben könnte, es noch einmal zu versuchen.

Und das geschieht nun mit dem Soloprojekt HALÉN und der ersten korrespondieren Veröffentlichung NACKSKOTT. Das bedeutet so viel wie Genickschuss, wobei es nicht bei dieser einen Auffälligkeit bleibt. Ein Blick auf das nicht gerade einladende Cover und die Bezeichnung der enthaltenen Titel geben einen weiteren Aufschluss darauf, dass hier irgendetwas anders ist – anders als bei Ola Halen’s bisherigen Projekten. Und tatsächlich klingt NACKSKOTT ein wenig so wie die fleischgewordene Fantasie eines zweifelsohne talentierten, aber weitestgehend verkannten und verzweifelten Musikers.

Denn auf den ersten Anflug einer frischen Brise und den hohen Wiedererkennungswert der sicher einzigartigen Stimme von Ola Halen folgt sogleich die Ernüchterung: auch wenn textlich Abstand von allzu typischen Power Metal-Klischees genommen wird, ist das Album rein inhaltlich nicht sonderlich interessant. Das ist indes noch nichts das schlimmste, denn auch akustisch bleibt NACKSKOTT weit hinter den potentiellen Erwartungen zurück. So klingt das Ganze bei weitem nicht so wie eine ausgefeilte, in allen Einzelheiten perfekte Produktion eines langjährig aktiven Genre-Enthusiasten – sondern im schlimmsten Fall wie eine Demo einer unbekannten Band. Immerhin einer mit einem positiv hervorstechenden Leadsänger, doch alle Instrumente sowie speziell das einstweilen etwas zu vordergründige Keyboard mit seinen symphonischen Spielereien bedienen die absolute Genre-Basis; nicht mehr und nicht weniger.

Und das ist dann doch etwas ernüchternd, zumal Ola Halen mit INSANIA oder auch SHADOWS PAST ganz andere Voraussetzungen hatte. Weitaus treffendere, möchte man sagen. Denn auch wenn es sich bei NACKSKOTT um ein Herzensprojekt des Musikers handeln mag, fühlt es sich zumindest für den geneigten Genre-Hörer wie ein qualitativer Abstieg an. Und das nicht nur aufgrund der halbgaren Produktion. So sorgen nur wenige Momente – wie etwa das stärkere MOONSTRUCK – für ein Aufhorchen.

Schlussendlich ist somit vor allem eines festzustellen: Ola Halen’s Stimme mag einzigartig sein, und sein gesangliches Auftreten meist einzigartig gut – doch reicht das allein nicht aus, um ein Solo-Album sinnig zu füllen. Im Gegenteil, irgendwann wird das Ganze sogar eine auffällig anstrengende Angelegenheit. Wie schön wäre es daher, wenn Ola Halen wieder Mitglied einer auf ihn zugeschnittenen Genre-Combo werden würde. Doch man wird ja wohl noch träumen dürfen, respektive einem Album wie FANTASY – A NEW DIMENSION hinterhertrauern.

Absolute Anspieltipps: ALIVE, DESPERATION & DYNAMICS, MOONSTRUCK


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„Gesanglich stark und einzigartig – davon abgesehen aber eher simpel und nicht zuletzt dezent exzentrisch.“