Filmkritik: „Split“ (2017)

Originaltitel: Split
Regie: M. Night Shyamalan
Mit: James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Betty Buckley u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 117 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Thriller, Horror
Tags: Identität | Schizophrenie | Persönlichkeit | Gespalten | Kampf

Guck mal wer da spricht… oder lauf am besten weit, weit weg.

Kurzinhalt: Eines Tages, als die junge Casey (Anya Taylor-Joy) und ihre beiden Freundinnen Claire (Haley Lu Richardson) und Marcia (Jessica Sula) gerade von einer Einkaufstour zu ihrem Auto zurückkehren; taucht plötzlich ein unbekannter Mann (James McAvoy) auf. Nachdem er die einzige andere männliche Person in der Nähe betäubt hat, setzt er sich plötzlich zu den drei Mädchen ins Fahrzeug – und betäubt auch diese. Als die drei in einem kleinen und offenbar gut gesicherten Raum wieder zu sich kommen, scheint ihre Lage recht ausweglos – zumal sie bald darauf ihren Peiniger kennenlernen. Der stellt sich den dreien kurzerhand als Kevin vor, stellt erste aggressiv durchgesetzte Forderungen – und legt im weiteren Verlauf ein zunehmend merkwürdig erscheinendes Verhalten an den Tag. Eines, das weit über das zu erwartende Verhalten eines typischen Kidnappers hinausgeht; was auch die Mädchen bemerken – und sich diese Tatsache irgendwie zunutze machen wollen. Doch wie sich zeigt müssen sie bei ihrer angestrebten Flucht nicht nur das Handeln eines einzigen Mannes in Frage stellen… sondern gleich das von 23 Personen, die sich unglaublicherweise alle im selben Körper befinden.

Kritik: 23 und mehr Persönlichkeiten in nur einem Körper, wie soll das denn gehen ? Diese und andere Fragen stellte sich jüngst der erfolgreiche amerikanische Regisseur und Drehbuchautor M. Night Shyamalan, dem spätestens nach seiner Arbeit am Mystery-Thriller THE SIXTH SENSE (1999) so gut wie alle Türen in Hollywood offenstehen. Nach einigen klar auf ein Mainstream-Publikum ausgerichteten – und auch sonst eher mäßigen Popcornkino-Werken wie unter anderem AFTER EARTH oder DIE LEGENDE VON AANG (siehe Review) – scheint sich das 1970 geborene Multitalent nun wieder etwas mehr zu trauen. Schließlich erzählt SPLIT die Geschichte eines Mannes mit mehr als nur einer handvoll zusätzlicher Persönlichkeiten – und verspricht dabei, ein durchdachter Psycho-Thriller mit einer gleichermaßen starken wie markanten Hauptfigur zu sein. Eben so, wie man es schon in potentiellen Vorbildern a’la IDENTITÄT (2004) sehen konnte – oder aber in Shyamalan’s früherem Werk UNBREAKABLE, zu dem SPLIT letztendlich auch einen stärkeren Bezug aufbaut als vermutet. Somit scheint es tatsächlich so, als hätte Shyamalan eine größere Vision die über den beiden auf den ersten Blick völlig verschiedenen Handlungsuniversen von UNBREAKABLE und SPLIT schwebt – wobei es eigentlich kaum noch überraschend ist, dass bereits entsprechende Nachfolger geplant sind.

Mindestens eines ist ihm dabei hoch anzurechnen: dass er viele der bei einer Filmproduktion anfallenden Arbeiten selbst übernimmt, und somit nicht nur Regisseur und Drehbuchautor fungiert – sondern auch als Produzent und sogar Darsteller. Anders gesagt: Shyamalan übernimmt die volle Verantwortung für seinen Erfolg oder sein Scheitern, und ist stets darauf bedacht dass seine Filme eine unverkennbare Handschrift tragen. Gerade das ist ihm im Falle von SPLIT auch gelungen – dank der hervorragenden Kameraführung, der stimmigen Inszenierung der Schauplätze und dem wenn man so will ausgelassenen Spiel der Darsteller besitzt der Film durchaus eine unverwechselbare Identität; übrigens ganz im Gegensatz zum wunderlichen Hauptprotagonisten. Ob das aber ausreicht, um einen auch mal etwas zäh vorankommenden Film wie diesen zu tragen ist eine andere Frage – unter Umständen sogar eine entscheidende. Schließlich macht sich mindestens ein gravierenderes Problem bemerkbar, abgesehen von einigen kleineren und im Genre eher üblichen Unstimmigkeiten: SPLIT weiß schlicht nicht so Recht, was er nun sein möchte. Denn auch wenn es zunächst verdächtig danach aussieht, bleibt es nicht bei dem Versuch einer halbwegs authentischen Darstellung in Richtung eines verstörenden Psycho-Thrillers. SPLIT nimmt vor allem in Bezug auf sein pompöses Finale wesentlich wildere Züge an, und driftet dabei fast schon in Bereiche die man bei einem vergleichsweise ernsten Grundton wie dem hier vorgelegten definitiv vermeiden sollte.

Somit sind es auch nicht die 23 Persönlichkeiten respektive deren plötzlicher Wechsel, die zu einem Problem in Richtung einer unbedingt zu vermeidenden Lächerlichkeit avancieren – auch wenn die dahinterstehende Psychologie durchaus etwas glaubwürdiger und nachvollziehbarer hätte dargelegt werden können. Immerhin beschränkt sich Shyamalan auf eine übersichtliche Anzahl der in Erscheinung tretenden Personen, was gut ist und dem Film keineswegs negativ ausgelegt werden sollte. Weitaus ernüchternder wiegt der sich trotz dessen aufdrängende Fakt, dass SPLIT letztendlich doch mehr von einem Horrorfilm mit Übermensch-Syndrom (dieser Begriff wird wohl noch eine große Rolle spielen) oder wahlweise auch eines fantastisch anmutenden Schauermärchens hat. Eines, das trotz der offensichtlichen Übertreibungen darauf beharrt einen unbedingten Bezug zur Realität zu haben (was auch die großzügigen wissenschaftlichen Abhandlungen innerhalb des Films vermuten lassen) und den Zuschauer eben damit zu schocken. Und dieses Konzept geht hier nicht wirklich auf, was umso enttäuschender ist wenn man die noch immer vorhandenen Vorzüge des Films betrachtet.

Allen voran ist hier sicherlich Hauptdarsteller James McAvoy zu nennen – der den verschiedenen Persönlichkeiten nicht nur ein ausdrucksstarkes Gesicht mit einem entsprechend grandiosen Mienenspiel, sondern auch so etwas wie eine Seele einhaucht. Auch seine Kollegin Anya Taylor-Joy, die als einzige Gefangene über den Staus typischer (und ärgerlicher) Opfer-Klischees hinauskommt; macht ihre Sache gut – wobei man allerdings noch etwas mehr aus ihrem Charakter, den Flashbacks in Bezug auf ihre eigene Vergangenheit und den Dialogen hätte herausholen müssen. Im Zusammenspiel mit der bereits erwähnten, technisch hervorragenden Umsetzung und dem subtilen Soundtrack macht SPLIT so zumindest hinsichtlich seines Gesamteindrucks einen mehr als annehmbaren Eindruck. Einen, der aber noch so viel stärker hätte ausfallen können; ausfallen müssen. Ob es die Nachfolger besser machen, wird sich zeigen – es wäre jedenfalls nicht der Regelfall.

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„Letztendlich sind es ausgerechnet die Identitätsschwierigkeiten des Films an sich, die noch größeres verhindern.“

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Filmkritik: „Maleficent – Die Dunkle Fee“ (2014)

Originaltitel: Maleficent
Regie: Robert Stromberg
Mit: Angelina Jolie, Elle Fanning, Sharlto Copley u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Fantasy, Abenteuer
Tags: Dornröschen | Märchen | Fee | Schloss | Dornenwald | Prinz

Wenn selbst Feen einmal vom rechten Pfad abkommen…

Kurzinhalt: Es war einmal eine junge Fee mit dem Namen Maleficent (Isobelle Molloy) – die in einem friedlichen Waldkönigreich lebte und trotz ihrer beeindruckenden Teufelshörner keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Aus dem benachbarten Menschenreich erschien ihr eines Tages der junge Stefan (Michael Higgins), mit dem sie sich schnell anfreundete. Doch wenngleich Maleficent das erste Mal so etwas wie echte Zuneigung für einen Menschen empfand und Stefan offenbar ähnlich fühlte; entschied er sich letztendlich doch dazu, sein Glück in der Welt der Menschen zu suchen. Und tatsächlich: nach einigen Jahren scheint ihm sein eigentliches Ziel in greifbare Nähe zu rücken. Der alternde König Henry (Kenneth Cranham) will kurz vor seinem Tod einen würdigen Nachfolger bestimmen – und bietet schlichtweg demjenigen die Thronfolge an, der ihm den Kopf von Maleficent bringen würde. Die ist nunmehr erwachsen geworden (Angelina Jolie), und fällt auf Stefans (Sharlto Copley) erneute Annäherung herein – woraufhin sie ihre mächtigen Flügel verliert. Die präsentiert Stefan kurzerhand dem König – und wird so zum neuen Herrscher. Doch eigentlich hätte er damit rechnen müssen, dass Maleficent eines Tages auf Rache schwören würde…

Kritik: MALEFICENT – DIE DUNKLE FEE ist ein bombastisch aufgemachter Fantasy-Blockbuster aus dem Hause Disney, dessen Geschichte sich eindeutig auf das bekannte DORNRÖSCHEN-Märchen der Gebrüder Grimm beziehungsweise des eigentlichen französischen Verfassers Charles Perrault stützt. Immerhin: trotz des wie so oft anzuberaumenden Vorurteils, dass Hollywood schon längst die Ideen ausgegangen sind und nach wie vor unendlich viele Sequels, Remakes und Spin-Offs produziert werden oder eher werden müssen; kann man MALEFICENT durchaus etwas zugute halten. Die Verantwortlichen haben nicht bloß altbekanntes kopiert respektive stumpf neu aufgelegt – sondern sich darüber hinaus auch eigene Gedanken gemacht. Die moderne Disney-Version von DORNRÖSCHEN, die man auch als Realfilmversion des Disney-Klassikers DORNRÖSCHEN UND DER PRINZ aus dem Jahre 1959 betrachten könnte; sieht somit tatsächlich einige neue Inhalte und interessante Twists vor. Zu erwarten war indes, dass sich das eigentliche Novum von MALEFICENT eher auf seine großzügig ausgenutzten Möglichkeiten hinsichtlich einer möglichst bombastischen Visualisierungsarbeit entdecken lässt.

Glücklicherweise verkehrt sich diese in Hollywood gerne mal zum Scheitern verurteilte Herangehensweise im Falle von MALEFICENT aber nichts ins negative – zumindest längst nicht so, wie es eventuell zu befürchten war. Schließlich ist die hier gezeichnete Fantasy-Welt trotz ihrer ausufernden Farbenspiele, den einstweilen etwas zu sehr auf kindlich getrimmten Märchenwesen und der im Akkord eingesetzten CGI-Effekte nett anzusehen – und wirkt insgesamt weitaus inspirierter und stimmiger als etwa die Welten von AVATAR, ALICE IM WUNDERLAND oder SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN. Auch der Soundtrack von James Newton Howard macht eine sehr gute Figur – und ist mit seiner magischen, dabei aber niemals allzu kitschigen oder aufdringlichen Atmosphäre irgendwo zwischen den Werken von P.J. Hogan (etwa: PETER PAN) und Danny Elfman (etwa: EDWARD MIT DEN SCHERENHÄNDEN) zu verorten. Das Problem ist lediglich, dass sich in der hübschen Welt von MALEFICENT weitaus weniger abspielt als anderswo – und viele Elemente im Reich der Feen und Fabelwesen ihre einzige Daseinsberechtigung in Form eher oberflächlicher Schauwerte haben.

Doch dafür überzeugt MALEFICENT immer dann, wenn es um seine zwischenmenschlichen Untertöne geht – die einstweilen sogar ganz und gar existentielle Ausmaße annehmen können. Dabei geht es vornehmlich weniger um die beiden Königreiche an sich, ihre Bewohner oder die Tatsache; dass sie aus einem hier nicht wirklich erläuterten Grund verfeindet sind – sondern in erster Linie um zwei besondere Charaktere und ihre innerliche Zerrissenheit. Die enthaltenen Botschaften bezüglich der ganz großen Themen wie Selbsterkenntnis, Verrat und Liebe sind dabei einerseits angenehm kindgerecht verpackt und mit klaren Fronten versehen – andererseits und je nach Facón aber auch tiefer interpretierbar. Einen großen Bonuspunkt gibt es beispielsweise dafür, dass die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Aurora und einem plötzlich auftauchenden Prinzen eben nicht als patente Lösung für alle sonst typischen DORNRÖSCHEN-Probleme anbietet – sondern stattdessen ein anderer Weg gefunden wird. Die Blöße gibt sich Disney dieses Mal jedenfalls nicht – weder in Bezug auf die dargestellten Inhalte, noch auf die handwerklichen Aspekte oder die letztendlich etablierte Gesamtwirkung.

Selbst die relative One-Women-Show von Angelina Jolie ist dem Film nicht zwingend negativ anzukreiden – zumal ihre schauspielerische Leistung hier uneingeschränkt überzeugend ausfällt, und sich ihre eingefleischten Fans zu Recht über ihren ausgedehnten Auftritt freuen können. Etwas schade ist nur, dass alle anderen Beteiligten durch ihre gleichermaßen starke wie einnehmende Präsenz dezent in den Hintergrund rücken – wie etwa Sam Riley (CONTROL) in seiner durchaus sympathischen rolle des verzauberten Vogels Diaval, die man ruhig noch hätte ausbauen können. Das abgelieferte Porträt von Elle Fanning dagegen gehört sicherlich nicht zu den besten ihrer Karriere – was aber weniger an ihr selbst, als vielmehr am wenig Spielraum vorsehenden Drehbuch liegt.

Schlussendlich: die ganz große, einst für Disney typische Magie bleibt zwar aus – aber dennoch hält MALEFICENT als Fantasy-Blockbuster mit großen Schauwerten locker, was er verspricht. Dank seiner herrlich bunten Fantasy-Welt, seiner leicht abgewandelten DORNRÖSCHEN-Geschichte, seinem durchaus charmanten Witz und den nicht uninteressanten Botschaften bietet er einige höchst unterhaltsame Film-Minuten für die ganze Familie.

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„Bunt, abenteuerlich, unterhaltsam – eine überraschend gelungene Neuauflage des bekannten Märchens.“

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Filmkritik: „Baby Bump“ (2015)

Auch bekannt als: Guziukas
Regie: Kuba Czekaj
Mit: Kacper Olszewski, Agnieszka Podsiadlik, Caryl Swift u.a.
Land: Polen
Laufzeit: ca. 89 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Junge | Kind | Mutter | Familie | Pubertät | Sexualität | Erwachen

Ein etwas anderer Kindheits- und Jugendtribut.

Vorsicht – in BABY BUMP wird scharf geschossen.

Kurzinhalt: Mit dem Eintritt in die Pubertät beginnt sich das Leben des jungen Mickey (Kacper Olszewski) markant zu verändern. Doch nicht nur, dass er Probleme mit seinem eigenen Körper entwickelt und sein sexuelles Erwachen unmittelbar bevorsteht; auch das Verhältnis zu seiner Mutter (Agnieszka Podsiadlik) und seinen Schulkameraden wird das eine ums andere Mal komplett auf den Kopf gestellt. Klar scheint: Mickey ist gefangen zwischen seinem bisherigen Dasein als kleiner Junge, der sich nach mütterliche Fürsorge sehnt – und dem von nicht immer überzeugenden männlichen Vorbildern geformten Bild des Mannes, zu welchem er sich möglicherweise entwickeln wird. Um sein Gefühlschaos besser verarbeiten zu können, bedient er sich einfach seiner ohnehin recht ausgeprägten Fantasie…

Kritik: Wie viele Filmemacher sich insgesamt schon an einer filmischen Umsetzung respektive cineastisch aufbereiteten Interpretation zum Thema des Erwachsenwerdens versucht haben, steht in den Sternen. Fest steht nur, dass es zahlreiche waren – und das Genre des Coming Of Age-Films ein gleichermaßen spannendes wie zeitloses ist. Während ein Großteil der entsprechenden Werke am ehesten innerhalb der Bereiche des Dramas und der Komödie zu verorten ist, gibt es jedoch auch einige Ausreißer – wie ein vergleichsweise kuriose Genre-Erguss mit dem Titel BABY BUMP. Der extravagante polnische Film von Kuba Czekaj hatte seinen ersten internationalen Auftritt im Rahmen des Filmfestival Cottbus – und ist gleich in mehrerlei Hinsicht dafür geeignet, für Aufsehen zu sorgen.

Denn auch wenn sich selbst ein BABY BUMP die unspektakuläre Zuordnung zum Genre des Dramas, oder eher der Drämödie gefallen lassen muss; bietet der Film ausreichend Anhaltspunkte um nicht mit anderen verwechselt werden zu können. Anders gesagt: BABY BUMP ist auffällig wild, anarchistisch; und wenn man so will sogar verstörend. Mit dafür verantwortlich ist hier die explizite Vermengung von Traum und Realität, durch die er immer wieder dezent surrealistische Züge annimmt – die man sonst eigentlich von ganz anderen Werken gewohnt ist. Sicher, von der ganz großen Filmkunst ist das Werk von Kuba Czekaj noch weit entfernt. Vornehmlich, da sich der Film stark auf seine durchtriebene symbolische Ebene verlässt – selbige insgesamt betrachtet aber eher ernüchternd ausfällt. Und: die es schlicht nicht vermag, den mit handfestem Inhalt geizenden Film sinngemäß über seine lange Laufzeit zu füllen. Der Gedanke, dass sich das Ganze auch oder vielleicht sogar besser als Kurzfilm geeignet hätte; ist jedenfalls nicht gänzlich von der Hand zu weisen.

Doch für ein markantes und vor allem alles andere als alltägliches Aha-Erlebnis reicht es allemal. Dabei ist das Gelingen des Films in erster Linie auf den durchaus unterhaltsamen Faktor der handwerklichen Aspekte zu beziehen. Die außergewöhnliche Kameraführung, die geschickten Schnitte, die Einbeziehung der Umgebung und diverser zweckentfremdeter Objekte; die bunten eingeworfenen Text- und Gedankenfetzen, der unkonventionelle Soundtrack – BABY BUMP macht technisch einen angenehm unkonventionellen, gleichzeitig aber niemals zu forciert wirkenden Eindruck. Nicht ganz unbeteiligt daran sind sicher auch die beiden Hauptdarsteller, das ungewöhnliche Duo aus den polnischen Talenten Kacper Olszewski (als Sohn) und Agnieszka Podsiadlik (als Mutter) – die in ihren Rollen mit weniger Eigenregie, dafür aber mit der perfekten Umsetzung der Anleitungen des Regisseurs glänzen können.

Selbiger sollte schließlich genau wissen, was er hier von seinen beiden Figuren verlangt – wobei man zumindest einstweilen das Gefühl entwickelt, als gehe das Konzept auf. Schließlich entstehen im Verlauf des Films durchaus Momente, in denen die anberaumte Themen-bezogene Symbolik tatsächlich greifbar wird. Ein riesiges Ei – welches als Kokon und als zweite Geburtsstätte eines Heranwachsenden dient – zählt hier noch zu den harmlosen Varianten. Die (täuschend echt wirkende) Enthauptung eines Huhns fällt dagegen schon in die Kategorie einer deutlich krasseren, sich im Kontext des Films aber fast schon selbsterklärenden Bildersprache. Trotz der auffällig starr agierenden, oder eher den absichtlich mit einer weniger vielfältigen Mimik ausgestatteten Darstellern kann man sich jedenfalls sehr gut vorstellen, dass beim Dreh einige kuriose Momente entstanden sind.

Im Film selbst hält sich der Spaß allerdings in klaren Grenzen – explizite komödiantische Einschübe oder gar solche, die lauthalse Lacher erzeugen gibt es höchst selten. Analog zu einigen teils recht verstörenden Szenen – die sich indes weniger auf eine explizit dargestellte Sexualität, als vielmehr die Amputation etwaiger Körperteile beziehen – kommt der unterschwellige Leitspruch von BABY BUMP also genau richtig. Aufwachsen, das ist nun wirklich nichts für Kinder. Zumindest nicht in Bezug auf die ureigene Atmosphäre dieses Films – der hierzulande auch mit einer entsprechenden Altersfreigabe ab 16 eingestuft wurde. Unterhalten kann er aber, und dass auf eine höchst rebellische Art und Weise. Nicht allzu zart besaitete, sowie generelle Freunde des kuriosen sollten demnach ruhig mal einen Blick riskieren.


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„Weder für Kinder noch den typischen Kinogänger – und gerade deshalb eine vergleichsweise erfrischende Erfahrung.“

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Filmkritik: „Is Anbody There ?“ (2008)

Originaltitel: Is Anybody There ?
Regie: John Crowley
Mit: Michael Caine, Bill Milner, Anne-Marie Duff u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 94 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Tragikomödie
Tags: Altenheim | Pflegefamilie | Großvater | Magie | Kind | Junge

Wenn Freundschaften auch generationsübergreifend funktionieren.

Kurzinhalt: Der junge Edward (Bill Milner) lebt mit seinen Eltern (Anne-Marie Duff, David Morrissey) in einem großen Einfamilienhaus in England, das trotz seines offenbar recht maroden Zustands vollständig in ein privates Altersheim umfunktioniert wurde. Hier pflegt die Familie alte und gebrechliche Menschen als regelrechte Lebensaufgabe – wobei sie insbesondere jenen helfen möchten, die aufgrund verschiedenster Umstände nicht mehr allzu lange zu leben haben. Eines Tages taucht mit dem kauzigen Clarence (Michael Caine) aber jemand auf, der mit seinem Leben noch ganz und gar nicht abgeschlossen hat – und das Leben der Familie folglich ordentlich durcheinander wirbelt. Überdies scheint der früher als erfolgreicher Zauberkünstler umherziehende Clarence einen besonderen Draht zum jungen Edward zu entwickeln. Wohl auch, da der allein aufgrund der ungewöhnlichen Wohnsituation seiner Familie ein Dasein als Außenseiter fristet – und aufgrund der angedeuteten Vernachlässigung seiner Eltern somit erst Recht an den Geschichten und dem Geheimnis des alten Mannes interessiert ist.

Kritik: Ganz im Stil von großen Filmklassikern wie DER ALTE MANN UND DAS KIND erzählt die von Regisseur John Crowley auf die Leinwand gebrachte Tragikomödie IS ANYBODY THERE ? die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem gebrechlichen Ex-Zauberkünstler und einem kindlichen Außenseiter, die aufgrund spezieller Umstände zusammenfinden. Trotz der alles andere als neuen Idee spricht dabei einiges für den Erfolg oder eher das Gelingen des Films, welcher seine beiden Hauptprotagonisten von Altstar Michael Caine sowie dem vielversprechenden Nachwuchstalent Bill Millner (unter anderem SON OF RAMBOW) verkörpern lässt. Der krude Charme des anberaumten Schauplatzes, die grundsätzliche Thematik über den Sinn des Lebens (und dem, was darauf noch folgen könnte) sowie der ausgeprägte Erzählfokus auf den jungen Edward und seine besondere Familienkonstellation machen jedenfalls Lust auf mehr. Überdies entfaltet die Mischung aus Witz und Emotionalität schnell einen gewissen Reiz – ebenso sehr wie die behandelten oder potentiell seitens des Zuschauers entstehenden Fragen in Bezug auf die Meta-Ebene des Films. Was bedeutet es, wenn man tagtäglich nicht nur von alten Menschen; sondern gar vom Tod umgeben ist – und das schon als Kind ? Und andersherum: kann das Leben selbst im hohen Alter noch Spaß machen, welche Dinge gilt es eventuell noch aufzuarbeiten ? Sicher sind Fragen wie diese höchst interessant, zumal sie nicht nur innerhalb einer Generation kursieren – womit sich der Kreis zum Protagonisten-Paar des Films schließt, das ebenfalls schnell einen gemeinsamen Nenner findet.

Und doch ist IS ANYBODY THERE ? – oder auch der fragende Ruf nach dem, was möglicherweise auf das Leben selbst folgen könnte – nicht gänzlich frei von inszenatorischen Schwächen. Auffällig und offensichtlich dabei ist speziell, dass den Machern gute Ideen nicht gerade auf der Hand lagen – und der Film so einige (auch längere) Durststrecken aufweist. Etwas problematisch, aber nicht zwingend negativ auszulegen ist auch das völlige Fehlen einer Form der filmischen Magie; wie man sie eventuell von und in einem Film wie diesem vermutet hätte. Sicher ist es angenehm  Dramen zu erleben, die ausnahmsweise mal nicht allzu kitschig inszeniert werden und analog dazu mit offensichtlichen Mitteln auf die Tränendrüse drücken – doch im Falle des regelrechten Gegenentwurfs von IS ANYBODY THERE ? könnte sich schlicht ein etwas zu gleichförmiger Eindruck einstellen. Aus dem emotionalen Vollen schöpft der Film jedenfalls nicht – und die wenigen interessanteren Zwischentöne, die vornehmlich aus der Interaktion der beiden kauzigen Hauptprotagonisten entstehen; reichen nicht aus um den Film über seine volle Laufzeit zu tragen. Jene fehlende Geschicklichkeit ist es auch, die IS ANYBODY THERE ? relativ vorhersehbar ausfallen lässt – sodass es kaum verwunderlich ist, dass auch das große Finale eher enttäuscht als eine nachhaltige Wirkung zu etablieren.

In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt dann auch der technische Part. Immerhin, man war sichtlich bemüht möglichst authentische Bilder zu liefern – der absichtlich auf altbacken getrimmte Look, die entsprechenden Kostüme und eine insgesamt unaufgeregte Atmosphäre hätten aus IS ANYBODY THERE ? zumindest theoretisch etwas viel größeres machen können. Doch die absolut unspektakuläre Kameraführung, der eher nichtssagende Soundtrack, die fehlende künstlerische Raffinesse; und nicht zuletzt die gefühlte Lustlosigkeit der beteiligten Verantwortlichen verhindern in diesem Falle vieles.


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„Eine etwas andere, gleichzeitig aber auch etwas anstrengende und langatmige Tragikomödie.“

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Filmkritik: „Dobermann“ (1996)

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Originaltitel: Dobermann
Regie: Jan Kounen
Mit: Vincent Cassel, Tchéky Karyo, Monica Bellucci u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 103 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Action, Thriller, Komödie
Tags: Bankraub | Verbrecher | Bande | Feldzug | Massaker

Vorsicht, der könnte beißen.

Kurzinhalt: Geschenke zum feierlichen Anlass einer Geburt sind sicher nichts ungewöhnliches. Doch dass ein neugeborenes französisches Baby ausgerechnet einen Revolver in die Wiege gelegt bekommt, schon eher. Eben das ist Yann Lepentrenc (Vincent Cassel) in jungen Jahren passiert, offenbar in weiser Voraussicht – denn Jahre später wird er zum berühmt-berüchtigten DOBERMANN, einem furchtlosen Killer und keine Gelegenheit auslassenden Gangster. Gemeinsam mit seiner gehörlosen Freundin Nathalie (Monica Belucci) plant er so manchen Diebeszug – und spannt dabei des öfteren einige seiner ebenfalls fähigen, dabei aber stets etwas unberechenbaren Kumpanen ein. Dass das auch die hiesige Polizei auf den Plan ruft, ist kein allzu großes Wunder – doch bisher haben es der DOBERMANN und seine Leute noch immer geschafft, einer Festnahme aus dem Weg zu gehen. Eines Tages jedoch wittert ein gewisser Inspektor Christini (Tchéky Karyo) seine große Chance. Würde er den DOBERMANN allein festmachen, würde er vermutlich nicht nur befördert werden – man würde vielleicht auch eher geneigt sein, über seine einstweilen recht ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden hinwegzusehen…

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Kritik: Wenn man einen Film im Verlaufe des kreativen Entstehungsprozesses auf den schlichten Namen DOBERMANN tauft, hat man eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder, man plant eine harmlose Dokumentation über die hiesige Flora und Fauna – oder inszeniert sogleich eine fleischgewordene Kampfansage. Zu welcher Alternative der bis dato unbekannte Regisseur Jan Kounen in Bezug auf seine erste größere Regie-Arbeit tendierte, bleibt indes nicht lange ein Geheimnis. Glücklicherweise, sollte man meinen – denn ganz offensichtlich verstand sich der Franzose schon früh auf fachmännische Kunstgriffe, trotz der Ermanglung vorheriger Erfahrungen. So fand die Titel-gebende Hunderasse in DOBERMANN gleich als doppelte Metapher Verwendung: zum einen als lautes Gebell in Richtung anderer Regisseure und Filmemacher, die vielleicht nicht den Mut hatten und haben etwas vergleichbares auf die Beine zu stellen – und zum anderen in Richtung des Zuschauers, der mit der hier dargestellten Charakter-Riege tatsächlich ein Rudel wild gewordener, dezent irrer Hauptprotagonisten vorgesetzt bekommt.  Dass im Verlaufe des Films dann auch noch ein echter Hund eine Rolle spielt (allerdings kein Dobermann), ist damit schon wieder eine der weniger spannenden Angelegenheiten. Auch wenn der Abgang des Tieres so sicher nicht zu erwarten war – und lediglich zu einer der unzähligen Kuriositäten des Films zu zählen ist.

Denn: mit DOBERMANN legt es Kounen im wahrsten Sinne des Wortes darauf an, öffentlich seine Zähne zu fletschen. Und das ganz ohne Rücksicht auf potentielle Verluste. Dass der Film nicht gerade dem entspricht, was man im allgemeinen von einem handelsüblichen Actioner (oder noch spezifischer: einem Film über einen Bankraub) erwarten würde; ist dabei noch die kleinste Auffälligkeit. Analog zur unkonventionellen, dabei fast schon gleichermaßen gewöhnungsbedürftigen wie auch erfrischenden Machart gesellen sich schließlich auch noch eine mitunter schmerzliche Portion Brutalität; sowie allerlei Überschreitungen der Grenzen des guten Geschmacks hinzu. Unter anderem deshalb stand er hierzulande auch für viele Jahre auf dem Index für jugendgefährdende Medien – bis er 2011 wieder freigegeben wurde. Das mag noch lange kein Qualitätsmerkmal sein, gibt aber schon einmal die grobe Marschrichtung von DOBERMANN vor. Um einen allzu tumben, nur auf heftigste Gewaltausschreitungen ausgelegten Film oder einen puren Slasher handelt es sich aber auch nicht – sondern vielmehr um ein zumindest von seiner Struktur her an andere Actioner erinnerndes Machwerk, noch dazu mit einer echten Story und äußerst lebendigen Charakteren. Fest steht aber: eher zart besaitete sollten einen großen Bogen um DOBERMANN machen. Andererseits sollten die, die ihn dennoch oder gerade deshalb sehen möchten; unbedingt nach der ungeschnittenen Fassung Ausschau halten.

Denn nur dann kann DOBERMANN eine mitunter ureigene und dezent verstörende, aber dennoch unterhaltsame Atmosphäre etablieren. Eine, die gerade deshalb entsteht; da der Film respektive das Gezeigte niemals zu abwegig erscheint – entgegen der teils enormen Eskapaden, die sich speziell im Blick auf die Charakterporträts ergeben. Trotz der gegenwärtigen Anarchie steckt so auch immer ein potentielles Fünkchen Wahrheit in DOBERMANN und seinen absichtlich überzeichneten Figuren – was auch die hie und da auftretenden Seitenhiebe unterstreichen, die in erster Linie die französische Polizei (oder eher die Polizeiarbeit im gesamten) betreffen. Wie geschickt der Film dabei vorgeht, oder ob man in einem Film wie diesem überhaupt erst nach Botschaften suchen sollte ist eine ganz andere Frage. Fakt ist nur, dass Kounen bei keiner Gelegenheit Samthandschuhe anzieht – und der Film auch ohne weiterführende oder gar politische Bezüge das Zeug dazu hat, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Mit verantwortlich ist hier allerdings nicht die Story, die im Vergleich sogar als das schwächste Glied in der Kette der DOBERMANN-Anarchie daherkommt. Sicher, es gibt einen roten Faden – doch eine allzu außergewöhnliche Idee, nachvollziehbare Ambitionen der Protagonisten oder überraschende Wendungen werden nicht präsentiert. Und doch schafft es DOBERMANN, selbst diesen potentiellen Nachteil auszunutzen. Denn: wo kein wirklicher Einstieg in ein Handlungsuniversum stattfindet und wo ganz absichtlich in einem übertriebenen Comic-Stil erzählt wird; entstehen auch keine Probleme hinsichtlich einer wie auch immer gearteten Glaubwürdigkeit. Anders gesagt: man braucht erst gar keine Fragen zu stellen, sondern kann sich stattdessen voll ganz auf die Figuren und ihre wenn man so will spontan wirkenden Aktionen einlassen. Die sind dann auch das eigentliche Highlight von DOBERMANN – auch wenn Kounen hier nicht wirklich Kultpotential erreicht, und gerade die Dialoge noch etwas prägnanter hätten ausfallen können. Immerhin biedert er sich so nicht allzu auffällig bei Kollegen wie Tarantino an, und sorgt mit hie und da eingestreuten Sprüchen (wie etwa seitens des Polizisten, der immer mal wieder ein englisches Statement von sich gibt) für die nötigen Aha-Momente.

Ein besonderes Augenmerk sollte aber auch der visuellen Umsetzung gelten – denn hier ist Kounen gar zu einer absoluten Höchstform aufgelaufen. Von den rasanten, aber niemals zu hektischen Schnitten über die teils ungewöhnlichen Nahaufnahmen bis hin zur Szenenwahl und der Farbgebung stimmt einfach alles. Und das so sehr, dass selbst eine eher simple Choreografie – wie die einer Gruppe Polizisten, die eine Treppe Richtung Bank hinunterpirscht – zu einem kleinen Highlight avanciert. Ein sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffender, letztendlich aber ebenfalls äußerst passiger Soundtrack und die bezeichnende Auftritte von Vincent Cassel als DOBERMANN und Tchéky Karyo als sein Widersacher Christini runden das Ganze nach oben hin ab.

Schlussendlich: DOBERMANN ist ein höchst unterhaltsames, wenn man so will einfach gestricktes aber schlicht herrlich durchtriebenes Machwerk für Freunde des etwas anderen Actionkinos. Vornehmlich eines solchen, in dem gerne Regeln gebrochen und Grenzen neu ausgelotet werden – etwa die des guten Geschmacks. Das DOBERMANN dennoch einen verdächtig stilvollen Eindruck hinterlässt, liegt wiederum nicht an etwaigen einzelnen Aspekten – sondern vielmehr am rundum stimmigen Gesamtpaket.


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„Ein mehr als ordentlicher und ordentlich anarchistischer Indie-Film-Happen aus Frankreich.“

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Filmkritik: „Die Insel Der Besonderen Kinder“ (2016)

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Originaltitel: Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children
Regie: Tim Burton
Mit: Eva Green, Asa Butterfield, Samuel L. Jackson u.a.
Land: USA, Belgien, Großbritannien
Laufzeit: ca. 123 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Abenteuer, Fantasy, Familie
Tags: Kinder | Insel | Außenseiter | Fähigkeiten | Geheimnis

Von besonderen Kindern – und der Kraft des Multiversums.

Kurzinhalt: Was wäre eine Kindheit nur ohne das Erlebnis fantasievoller Geschichten ? Auch der junge Jacob (Asa Butterfield) hatte stets das Glück, vielen abenteuerlichen Erzählungen seines geliebten Großvaters Abraham (Terence Stamp) lauschen zu können. Dabei waren das längst nicht nur die typischen Monstergeschichten – häufig ging es auch um eine Insel, auf der mehrere offenbar besonders befähigte Kinder verborgen von der Außenwelt leben und sich vor irgendetwas verstecken. Diese Vorstellung gefiel Jacob vor allem, als er noch jünger war – doch im Laufe der Zeit wurde sein Interesse an den fantastischen Geschichten zusehends geringer. Unglücklicherweise kommt der Tag, an dem er das bitter bereuen würde viel zu schnell: als Jacob 16 ist, wird sein Großvater unter mysteriösen Umständen getötet. Jedoch nicht, ohne Jacob zuvor noch etwas verheißungsvolles zuzuflüstern – woraufhin er sich unter einem Vorwand zu der Insel aufmacht, auf der sein Opa während des Zweiten Weltkriegs tatsächlich in einem Kinderheim wohnte. Jacob will schließlich nicht nur herausfinden, was es mit dem Tod seines Großvaters auf sich hat – sondern auch was an all den Geschichten wirklich dran war…

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Kritik: Zweifelsohne – der groß angelegte Fantasy-Blockbuster DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER wurde nicht nur von Fans des gleichermaßen bunten wie exzentrischen Regisseurs Tim Burton heiß erwartet. So konnten sich auch einige, die sich schon mit der gleichnamigen Buchvorlage des US-Amerikanischen Autors Ransom Riggs befasst hatten; auf die bestenfalls gelungene Portierung des ungewöhnlichen Stoffes freuen. Interessant ist, dass die entsprechende Vorlage aus dem Jahre 2011 stammt – und damit zu den deutlich jüngeren gehört, die erstmals einen Weg auf die große Kinoleinwand finden. Doch auch wenn sich die Frage, in wie weit Tim Burton und sein Gefolge dem Originalstoff auch tatsächlich treu geblieben sind direkt anbietet; soll diese Rezension den Film eher als alleinstehendes Werk betrachten. Schließlich muss DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER auch als eben solches funktionieren – im glücklichsten aller Fälle, versteht sich. Wenn analog dazu auch die Kenner der Buchvorlage nicht allzu sehr vergrämt werden, scheint die Sache schon halbwegs geritzt.

Und tatsächlich sieht es vor allem auf den ersten Blick nicht schlecht aus für DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER. Fakt ist, dass der Film die versprochene und wenn man so will typische Handschrift von Tim Burton trägt – und das nicht nur in Bezug auf die vergleichsweise bunte Farbgebung oder die magisch anmutenden Schauplätze. So erhält auch das bei Burton häufiger auftretende, übergeordnete Thema des Erwachsenwerdens seinen Platz – ebenso wie weitere unverkennbare Details, die sich speziell in Bezug auf die Darstellung der Nebencharaktere äußern. Doch während das einigen bereits reichen könnte, sieht es in Bezug auf eine eventuell von manchen gewünschte letzte Konsequenz a’la Burton nicht ganz so gut aus. Anders gesagt: es steckt zwar ein Tim Burton in DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER – aber eben auch nicht mit Nachdruck oder in der Form, dass er in irgendeiner Art und Weise für Aufsehen sorgen könnte.

Ob der Film als somit spürbar weniger schrulliges, aber trotzdem gut durchdachtes und wirksam präsentiertes Fantasy-Abenteuer durchgehen kann ist eine andere Frage – bei der längst nicht nur die diskutable Einflussnahme von Tim Burton zu Rate zu ziehen ist. Eine vorschnelle Beurteilung bietet sich hier allerdings nicht an. Erst Recht nicht da es scheint, als müsste man den Film in zwei unterschiedliche Kernkompetenzen gliedern.

Die eine besteht schlicht daraus, einen möglichst abenteuerlichen und unterhaltsamen Fantasy-Streifen auf die Beine zu stellen. Und das mit allem was dazu gehört – etwa einer möglichst auch emotional packenden Geschichte, ansprechenden Kulissen, liebenswerten Charakteren mit Identifikationsmöglichkeiten; und nicht zuletzt einer handwerklich und technisch zufriedenstellenden Umsetzung. Und tatsächlich: gerade in dieser Hinsicht sammelt DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER markante Pluspunkte. Die Geschichte ist ungewöhnlich genug um den Zuschauer schnell in ihren Bann zu ziehen, die Schauplätze und die schnellen Wechsel zwischen verschiedenen Orten und Zeiten werden perfekt inszeniert, die Bandbreite an vorgestellten Charakteren ist vielfältig und interessant. Hinzu kommt, dass die Entscheidung Asa Butterfield (u.a. ENDERS GAME) für die Hauptrolle zu besetzen eine ganz und gar vortreffliche war. Auch wenn sein Charakterporträt sicherlich nicht zu den spektakulärsten gehört, holt er das Maximum aus den ihm gegebenen Möglichkeiten – und sorgt im Zusammenspiel mit der ebenfalls gelungenen Darbietung von Eva Green als autoritäres Vogelwesen schnell für entsprechende Sympathien.

Etwas schade ist dagegen, dass die anderen Kinder – also vornehmlich die, die DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER erst zu einer solchen machen; eher weniger Aufmerksamkeit erhalten und im schlimmsten Fall zu bloßen Randfiguren avancieren. Solchen, deren Fähigkeiten man früher oder später zwar noch gut gebrauchen könnte – doch ein wenig mehr Hintergrundinformationen oder auch eigene kurze Subplots hätten dem Film sicher gut getan. Stattdessen bringt er umso mehr Energie und Zeit für seinen Einführungspart auf – der damit etwas länglicher ausfällt als nötig. Wie schwer man derartige, sicherlich kleinere Schwächen gewichtet muss man für sich selbst entscheiden – was sicher auch für die sich anbahnende, große Liebesgeschichte des Films gilt. Dabei stört es nicht gar nicht mal, dass sie als in Hollywood fast schon obligatorische Maßnahme grundsätzlich vorkommt – doch die Art und Weise wie sie inszeniert wurde schon eher. Deutliche Probleme finden sich hier schließlich nicht nur in Bezug auf die relativ beliebig und vorschnell wirkende Entstehung – sondern vor allem im Hinblick auf den weiteren, zusehends immer unglaubwürdigeren Verlauf. Dass Asa Butterfield und seine Kollegin Ella Purnell als Love-Interest Emma in den gemeinsam Szenen ihre schwächsten Momente haben, spielt hier ebenfalls mit hinein.

Doch ganz egal wie man es auch dreht und wendet: unter dem Strich ist DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER ein sichtlich aufwendiger, interessanter; und dabei vor allem visuell und akustisch ansprechender Fantasy-Streifen geworden – der seine auffälligsten Schwächen in der Handhabung der Charakterporträts hat. Das gilt zumindest für den einen Kernaspekt des Films und für all jene, denen bereits das reicht – oder die sich gar nicht erst näher mit dem zweiten Kernaspekt befassen wollen. Der besteht vornehmlich aus allem, was DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER wirklich besonders macht – wortwörtlich, aber auch in Bezug auf den Film im gesamten.

Anders gesagt: es geht um die Dinge, die sich so nur im Universum des Franchise abspielen – und die zumindest theoretisch das Zeug dazu gehabt hätten, die Zuschauer nachhaltig zu fesseln und zu wilden Interpretationsausflügen anzuregen. Denn: wen würde es nicht interessieren, wie es sich wirklich mit den seltsamen Zeitblasen verhält ? Wie lange gibt es sie schon, wie genau funktionieren sie wirklich, wer kann sie erschaffen und warum ? Und warum entscheidet man sich ausgerechnet für eine vergleichsweise komplizierte Variante wie diese, was bedeutet die Bürde vorerst nicht altern zu können ? Was hat es mit den Kindern auf sich, woher kommen ihre Fähigkeiten ? Wurden sie von ihren Familien verstoßen, liefen sie eines Tages davon; weiß die Außenwelt zumindest von deren Existenz ? Man merkt schnell: gerade in der potentiell ansprechenden Disziplin des Fantastischen scheitert DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER geradezu kläglich – was sicher eine kleine Überraschung ist.

Ein nennenswert intensives Filmerlebnis erlaubt die arg oberflächliche Erzählweise jedenfalls nicht. Mehr noch: dank der fehlenden Herausgabe von Details ergeben sich mitunter drastische Logik-Probleme. Entweder bleibt zu viel offen, oder ergibt nach näherem Hinsehen schlicht keinen Sinn. Insbesondere die Darstellung der Zeitreise-Mechanik wirkt dabei besonders unausgegoren und stets so, als wäre sie nur darauf ausgerichtet ein bestmögliches Happy-End für (fast) alle Beteiligten zu erreichen. Das erinnert an andere Filme mit einer ähnlichen Herangehensweise: wenn gewisse Dinge nicht anders zu erklären sind, bedient man sich einfach der Zeitreisenthematik – allerdings ohne dann zumindest diese zu erklären; und sei es nur in einem noch so merkwürdigen Ansatz. Es ist eben nicht unwichtig, ob man sich auch wirklich Gedanken um die Elemente macht; die man in (s)einem Film verpackt.

Schlussendlich: DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER ist eine kleine Enttäuschung. Vornehmlich deshalb, da es sich um ein nur auf den ersten Blick herausragendes Fantasy-Abenteuer handelt – das immerhin mit einem sehr guten handwerklichen Part und einer bildgewaltigen Inszenierung glänzt. Geht es aber um eine tiefere Einsicht in das anberaumte fantastische Universum, den letzten Feinschliff an den Charakteren und das schlicht außergewöhnlich spannende, auch nachhaltig faszinierende – so schlagen Tim Burton’s Ambitionen fehl.


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„Der Film unterhält, ja – das verschenkte Potential ist jedoch massiv.“

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Filmkritik: „Quarantäne 2: Terminal“ (2011)

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Originaltitel: Quarantine 2: Terminal
Regie: John Pogue
Mit: Mercedes Masohn, Josh Cooke, Mattie Liptak u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 82 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Horror
Tags: Flugzeug | Hangar | Virus | Epedemie | Zombies | Infizierung

Hurra, Hurra, die Pest ist da… ?

Kurzinhalt: Eigentlich hatte sich Stewardess Jenny (Mercedes Masöhn) auf einen ruhigen Arbeitstag an Bord eines weiteren Passierfluges eingestellt. Als einer der hiesigen Fluggäste plötzlich ernste Anzeichen einer Krankheit zeigt und sich zudem äußerst aggressiv verhält, ist es allerdings ganz schnell vorbei mit der angestrebten Alltagsroutine. Was folgt, ist ein dringend erforderliches Ruhigstellen der betreffenden Person; sowie eine eilige Notlandung auf einem Ausweichflughafen – was die Passagiere zu Recht beunruhigt. Doch es zeigt sich, dass es sich hierbei erst um die Ruhe vor dem Sturm handeln sollte… denn offenbar sind auch noch andere Fluggäste krank geworden. Umso überraschter ist die Truppe, als sie am Flughafen nicht in das vorgesehene Terminal gelangt – sondern stattdessen in einem sonst nicht der Öffentlichkeit zugänglichen Bereich des Flughafens festgehalten wird.

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Kritik: Es gibt sie immer wieder – Filme, denen man relativ schnell ansieht dass irgendetwas nicht stimmt. Dabei ist jene Form der gefühlten Ermangelung aber nicht unbedingt nur auf den jeweiligen Inhalt zu beziehen – denn meist hapert es gleich in mehrerlei Hinsicht. Und eben dafür könnte auch QUARANTÄNE 2: TERMINAL ein Paradebeispiel sein. Immerhin: der Horrorfilm mit Zombie-Anleihen, der von John Pogue stammt und als Nachfolger des ersten QUARANTÄNE-Streifens aus dem Jahre 2008 fungiert; hätte zumindest theoretisch das Zeug dazu gehabt als überdurchschnittliches Genre-Futter zu fungieren. Doch gerade in Anbetracht der simplen Prämisse, den eher übersichtlichen Schauplätzen und den offenbar nur geringen zur Verfügung stehenden Mitteln hätte den Machern eines definitiv nicht abhanden kommen dürfen: das Fingerspitzengefühl.

So zeigt QUARANTÄNE 2 recht schnell und mit Nachdruck auf, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Noch nicht ganz so gravierend ist, dass sich die technischen und inszenatorischen Aspekte bestenfalls auf einem gehobenen B-Movie-Niveau bewegen – doch dass die eigentliche Geschichte absolut unspektakulär und vorhersehbar bleibt schon eher. Die unausweichliche Folge: weder sollte man hier mit noch nie gesehenen Elementen rechnen, noch mit einer besonders gelungenen Umsetzung altbekannter Inhalte. Anders gesagt: Zombie-ähnliche Epidemien wurden anderswo schon zigmal gezeigt, und das meist besser – QUARANTÄNE 2 verpasst es schlicht, mehr und vor allem anspruchsvolleres aus seinem vergleichsweise ungewöhnlichen und eigentlich viele Möglichkeiten offerierenden Schauplätzen (zunächst im Flugzeug, später in einem großen Hangar) zu machen. Als reiner Spaßfilm taugt QUARANTÄNE 2 indes auch nicht – denn dafür nimmt er sich schlichtweg zu ernst.

Hinzu kommt, dass sich die Verantwortlichen nicht einmal ob einiger besonders interessanter Charakterporträts bemüht haben – allein die Zusammenstellung wirkt hier eher bemüht und stereotyp. Analog dazu fallen auch die Leistungen der beteiligten Darsteller nicht sonderlich glanzvoll – und schon gar nicht erinnerungswürdig – aus. Am ärgerlichsten aber wirkt QUARANTÄNE 2 immer dann, wenn er es tatsächlich einmal schafft eine nennenswerte Spannung und Atmosphäre zu etablieren (vornehmlich in seinen dunklen und klaustrophobischen Momenten) – diese dann aber spätestens mit den fürchterlich-unglaubwürdig dargestellten Infizierten inklusive einiger typisch-plumper Effekthaschereien wieder zerstört. Was bleibt, ist reichlich verschenktes Potential – und ein eher zu überspringender Horrorfilm der Marke unspektakulär.


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„Hier gehören nicht nur die Protagonisten in Quarantäne.“

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Filmkritik: „Schnitzel Geht Immer“ (2017)

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Regie: Wolfgang Murnberger
Mit: Armin Rohde, Ludger Pistor, Therese Hämer u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Komödie
Tags: Arbeitslos | Alltag | Gameshow | Gewinn | Spende

Vielleicht nicht immer, aber immer öfter.

Kurzinhalt: Irgendwann muss jeder einmal Glück haben. Das gilt sicher auch für die beiden langjährigen Freunde Günther Kuballa (Armin Rohde) und Wolfgang Krettek (Ludger Pistor), die schon seit längerer Zeit arbeitslos sind. Nach einem weiteren obligatorischen Besuch beim hiesigen Jobcenter jedoch geschieht es: gerade als die beiden ihrer Arbeitsberaterin einen Streich spielen, kommt diese herbeigeeilt – und wird dabei fast von einem nahenden Fahrzeug erfasst. Das kann Wolfgang gerade noch abwenden, schiebt die Rettung aber seinem Kumpel Günther zu – der daraufhin als Held gefeiert wird. Doch nicht nur das. Die Dame vom Arbeitsamt will den beiden Schwerenötern nun doch helfen, wenn auch nur ein wenig – und verrät ihnen höchst geheime Details zu einer kommenden Quizsendung. So gewappnet wollen die beiden wenigstens ein paar Tausend Euro erspielen, um sich wieder selbstständig machen zu können. Doch es kommt alles ganz anders als erwartet, oder eher anders als geplant

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Kritik: Weniger ist manchmal mehr – und das gilt nicht nur für den Plan der beiden Hauptprotagonisten von und in SCHNITZEL GEHT IMMER. So hält sich der mittlerweile dritte Film der sogenannten SCHNITZEL-Trilogie von Wolfgang Murnberger eher zurück – und präsentiert eine nicht sonderlich spektakuläre, dafür aber recht unterhaltsame und kurzweilige Geschichte zweier befreundeter Arbeitsloser. Dabei ist gewiss kein Vorwissen aus den beiden Vorgängern EIN SCHNITZEL FÜR DREI und EIN SCHNITZEL FÜR ALLE notwendig – man kommt auch so in den Genuss des sowohl von einer angenehmen Situationskomik als auch einer gewissen Tragik gekennzeichneten Porträts der beiden kauzigen Hauptfiguren.

Dass der Film gerade diesbezüglich hervorragend funktioniert, liegt vor allem an den rundum sympathischen Auftritten von Armin Rhode und Ludger Pistor – zwischen denen die Chemie einfach stimmt. Und die sich sicher auch selbst in ihren Rollen wiederfinden – und sei es nur teilweise. Dass kommt dem ohnehin schon vorhandenen Realitätsbezug und der Aktualität des Films nur zugute: allzu übertrieben, wild oder platt gerät SCHNITZEL GEHT IMMER zu keinem Zeitpunkt. Stattdessen gibt es immer wieder amüsante Seitenhiebe auf das Leben und Erleben aus der Sicht von Menschen ohne Beschäftigung, die sich dennoch nicht den Spaß am Leben verbieten lassen wollen – und die trotz ihrer eigenen Misere durchaus bereit sind, anderen aus der Patsche zu helfen.

Werte wie Freundschaft und Treue werden in SCHNITZEL GEHT IMMER demnach großgeschrieben – wobei sich die einstweilen anberaumte Herzlichkeit stellenweise auch auf den Zuschauer zu übertragen vermag. Das gilt insbesondere für das eingeschobene Porträt einer alleinerziehenden Mutter, die ihrem Fußball-spielenden Sohn gerne mehr Wünsche erfüllen würde – dazu finanziell aber einfach nicht in der Lage ist. Eine solide Kamera-Arbeit und greifbare Schauplätze, die so gesehen aus der Nachbarschaft stammen; runden das Ganze ab. Schlussendlich: SCHNITZEL GEHT IMMER bietet einige vergleichsweise unkomplizierte, dabei aber nicht gänzlich substanzlose Minuten Unterhaltung zwischen Spaß und Tragik – und wirkt dabei in jeder Hinsicht ausbalanciert.


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„Leichte, aber nicht unsympathische Kost für Zwischendurch – hier kann man nicht viel falsch machen.“

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Statt eines Trailers gibt es an dieser Stelle den Link zur ARD-Mediathek, in der der Film bis zum 17.02.2017 kostenlos anschaubar ist.

Filmkritik: „Arrival“ (2016)

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Originaltitel: Arrival
Regie: Denis Villeneuve
Mit: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 116 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction
Tags: Zukunft | Aliens | Außerirdische | Kontaktaufnahme

Wenn die Antworten (nicht) auf der Hand liegen.

Kurzinhalt: Als die Erde Besuch von insgesamt zwölf außerirdischen Raumschiffen in riesiger Gesteinsform bekommt, ist das Chaos und eine groß angelegte Panik vorprogrammiert. Doch es scheint, als würden die Besucher nicht in feindlicher Absicht kommen. Immerhin verhalten sie sich ruhig, und versuchen mit den Menschen zu kommunizieren – weshalb die Regierung Colonel Weber (Forest Whitaker) beauftragt, die erfahrene Linguistin Louise Banks (Amy Adams) sowie den Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) ins Boot zu holen. Beide machen sich daraufhin mit höchst unterschiedlichen Erwartungen auf nach Montana – und landen in einem Camp, welches ganz in der Nähe des Landungsplatzes eines der schwebenden Schiffe liegt. Die ersten Kontaktversuche erweisen sich jedoch als schwierig. Hinzu kommt, dass die Regierungen anderer Länder ähnliche Projekte führen – sich aber offenbar schon für eine handfeste Auseinandersetzung rüsten. Dabei scheint sich nur Louise für die fremdartigen Wesen sensibilisieren zu können. Langsam aber sicher entwickelt sie ein Verständnis für die fremdartigen Kreaturen und ihre wahren Absichten…

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Kritik: Einer der überraschenderen Neuveröffentlichungen des Kinojahres 2016 horcht auf den Namen ARRIVAL. Das Science Fiction-Epos von Denis Villeneuve, der sich für sein Werk auf eine Kurzgeschichte des US-Amerikanischen Genre-Autors Ted Chiang gestützt hat; ist schließlich kein pompös angelegtes Effektspektakel – sondern ein eher ruhiges, atmosphärisches und in seinen besten Momenten dezent an INTERSTELLAR (zur Filmkritik) oder gar an 2001 – A SPACE ODSYSEE (zur Filmkritik) erinnerndes Werk. Und damit auch eines, welches einen vergleichsweise starken Fokus auf seine inhaltliche und stilistische Komponente legt – und nicht bei jedem Zuschauer gleichermaßen gut ankommen wird.

Tatsächlich dauert es auch einige Zeit, bis der Film vollständig an Fahrt aufnimmt. Zunächst gibt man sich eben doch eher formelhaft – und beweist mit der eindeutigen Fehlbesetzung von Forest Whitaker als Colonel Weber, sowie dem wenig aussagekräftigen Auftritt von Jeremy Renner als Ian Donelly überraschend wenig Fingerspitzengefühl. Und auch in Bezug auf den Soundtrack respektive die Soundkulisse des Films gibt es dezent störende Faktoren – an einigen Stellen legt es ARRIVAL einfach zu sehr darauf an, mit lauten akustischen Mitteln um Aufmerksamkeit zu buhlen. Das wirkt nicht selten arg prätentiös, was in einem deutlichen Gegensatz zu den allgemein eher zurückhaltenden optischen Aspekten steht. Anders gesagt: ARRIVAL sieht schlicht atemberaubend gut aus – und das auch ohne allzu dick aufzutragen.

Richtig stimmig wird das Bild aber erst, wenn ARRIVAL auch inhaltlich anzieht. Das geschieht vornehmlich im letzten Drittel, in dem die gesamte vorangegangene Handlung gehörig auf den Kopf gestellt wird – und der Zuschauer erstmals explizit dazu angehalten wird, mitzudenken. Im Mittelpunkt steht hierbei die Themen Kultur und Kommunikation, allerdings in einem etwas größeren Ausmaß als sonst üblich – sodass neben der sogenannten Sapir-Whorf-Hypothese (Wikipedia-Link) auch die Zeit als vierte und in diesem Fall nur vermeintlich unkontrollierbare Dimension eine Rolle spielen wird. Etwas schade bleibt, dass derlei Ambitionen vergleichsweise spät kommen, der Zuschauer nach einigen Durststrecken plötzlich überrumpelt wird – und der Film so insgesamt weniger rund wirkt als es eigentlich möglich gewesen wäre. Das gilt ansatzweise auch für das dezent halbgare Finale, bei dem man das Gefühl hatals bliebe der ein oder andere Aspekt auf der Strecke.

Immerhin: gerade Amy Adams überzeugt als eigentliche Hauptdarstellerin in der Rolle von Dr. Louise Banks – mit dem kleinen aber in Form einer etwas eingeschränkten emotionalen Bandbreite – und die intelligenten Denkanstöße vermögen es, den Zuschauer auch über die Laufzeit des Films hinaus zu beschäftigen. Ein zeitloser Paukenschlag der Science Fiction mag ARRIVAL zwar nicht geworden sein – doch um einen der angenehmeren Genre-Vertreter der letzten Jahre handelt es sich allemal.


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„Vergleichsweise substanzielle und hervorragend gefilmte Science Fiction speziell für Genre-Fans.“

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Filmkritik: „Lauf Junge Lauf“ (2013)

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Originaltitel: Lauf Junge Lauf
Regie: Pepe Danquart
Mit: Kamil Tkacz, Andy Tkacz, Elisabeth Duda u.a.
Land: Frankreich, Deutschland
Laufzeit: ca. 107 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama, Kriegsfilm, Historie
Tags: Zweiter Weltkrieg | Holocaust | Flucht | Vertreibung | Überleben

Wer nicht läuft, stirbt.

Kurzinhalt: Während des Zweiten Weltkrieges werden nicht wenige, hauptsächlich deutsche und polnische Juden auf engstem Raum im sogenannten Warschauer Ghetto zusammengepfercht. Und auch wenn es beinahe unmöglich erscheint, schafft es der erst neunjährige Srulik (Andrzej und Kamil Tkacz) eines Tages aus eben jenem abgegrenzten und streng bewachten Bereich zu fliehen – woraufhin eine außergewöhnliche Odyssee mit ungewissem Ausgang beginnt. Zunächst bleibt ihm kaum etwas anderes übrig, als sich in den nahe gelegenen Wäldern zu verstecken und das mögliche Ende des Krieges abzuwarten. Doch alsbald steht für ihn fest, dass er es nicht alleine schaffen kann. So entschließt er sich, den Kontakt mit anderen Menschen zu suchen – von denen er nie genau wissen kann, wie vertrauenswürdig sie sind. Glücklicherweise jedoch scheint die zu diesem Zeitpunkt allein lebende Bäuerin Magda (Elisabeth Duda) dem Jungen helfen zu wollen. Mit einem neuen Namen und dem gleichzeitigen Verleugnen seiner eigentlichen Religion beginnt der Junge daraufhin, auch bei anderen Bauern nach Arbeit und Brot zu fragen – immer mit dem Ziel das Ende des Krieges noch zu erleben, und eines Tages die verbleibenden Mitglieder seiner Familie wiederzufinden.

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Kritik: LAUF JUNGE LAUF ist ein deutsch-französisches Kriegsdrama von Pepe Danquart, der sich bei seiner Schilderung einer Flucht in Zeiten des Zweiten Weltkriegs auf eine gleichnamige Buchvorlage von Uri Orlev stützt. Eben daraus ergibt sich auch die relative Besonderheit des Films: die auf einer wahren Begebenheit beruhenden Ereignisse werden konsequent aus einer kindlichen und somit recht unbefangenen Erzähl-Perspektive heraus geschildert. Das mag vor allem in Anbetracht der unzähligen anderen bereits abgedrehten Genre-Filme kein gänzliches Novum mehr sein, und führt an einigen Stellen des Films zu kleineren Problemen in Bezug auf die Glaubwürdigkeit – doch letztendlich macht LAUF JUNGE LAUF damit eine überraschend gute Figur. Sicher auch, da der Film auf eine sonst übliche Schwarzweißmalerei verzichtet, viele stimmungsvolle Bilder und einen dazu passenden Soundtrack liefert; und mit den bis dato unbekannten Haupt- und Nachwuchsdarstellern Andrzej und Kamil Tkacz den wohl größten Glücksgriff landete. Erst die Leistung der beiden Zwillinge führt dazu, dass man den gesamten handwerklichen und technischen Part des Films unbesorgt absegnen kann – was für die inhaltliche Komponente und die damit erzielte Wirkung indes leider nur in Teilen gilt.

Sicher, im Bereich der Kriegsfilme und der bestenfalls eindringlichen Weltkriegsdramen sollte man allgemein weniger von einem im Filmgeschäft üblichen Konkurrenzverhalten, als vielmehr um ganz und gar persönliche Geschichten mit einer allgemeinen Bedeutung ausgehen. Doch so wertvoll und wichtig die einzelnen Geschichten auch erscheinen mögen – es bleibt auch hier nicht aus, dass sich die Geschichten irgendwann wiederholen und jemand anderes schon entsprechend vorgelegt hat. LAUF JUNGE LAUF bietet dem Zuschauer so gesehen nichts, was man nicht bereits in Filmen wie dem ebenfalls aus einer Kinderperspektive erzählten DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA (Review), DIE KINDER VON PARIS (Review) oder dem eher unbekannten EDGES OF THE LORD hat sehen können – und diese drei Beispiele stammen ebenfalls aus der jüngeren Filmgeschichte. Ein vorschnelles Urteil darüber, ob sie ihre Sache wirklich besser machen; erscheint indes nicht wirklich angebracht. Es gilt wie so oft, sich selbst ein Bild zu machen – wovon im Falle von LAUF JUNGE LAUF nicht explizit abzuraten ist. Ein Status als Meisterwerk oder ganz und gar besonderes Kriegsdrama wird ihm allerdings ebenfalls verwehrt bleiben.


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„Ein gutes, aber nicht herausragendes Kriegsdrama.“

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