Filmkritik: „Bully – Diese Kids Schockten Amerika“ (2001)

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Originaltitel: Bully
Regie: Larry Clark
Mit: Brad Renfro, Nick Stahl, Rachel Miner u.a.
Land: Frankreich, USA
Laufzeit: ca. 113 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama, Thriller
Tags: Jugend | Jugendliche | Drogen | Sex | Exzesse | Alltag | Mord

Verf***t und zugenäht.

Kurzinhalt: Die Jugendlichen Marty Puccio (Brad Renfro) und Bobby Kent (Nick Stahl) sind auf den ersten Blick zwei ganz normale Teenager von nebenan – doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die beiden eine eher ungewöhnliche Freundschaft pflegen. Eine, die nicht wirklich auf Gegenseitigkeit beruht und zumeist nur eines zum Ergebnis hat: das der mit harter Hand erzogene Bobby seinen alltäglichen Frust an Marty auslässt und ihn wann immer es geht erniedrigt. Das Problem: der schüchterne Marty schafft es einfach nicht, sich von seinem Peiniger loszulösen. Eines Tages lernen die beiden dann zwei Frauen kennen – doch auch hier gehen ihre Meinungen weit auseinander. Während Bobby nur eine weitere kurzweilige Beschäftigung erwartet, scheint sich Marty tatsächlich in eine der beiden zu verlieben. Der alles kontrollierende Bobby aber hat natürlich auch dagegen einiges einzuwenden – sein tagtäglicher Psycho-Terror gegen Marty geht weiter. Aber auch nur solange, bis sich die Gemüter einstweilen weiter erhitzen und ein schockierender Mord verübt wird…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! BULLY ist ein Film des US-Amerikanischen Regisseurs Larry Clarke, der sich für seine etwas andersartige Geschichte einer verqueren Jugend auf eine Buchvorlage von Jim Schutze stützt. Das besondere ist, dass die hier geschilderten Ereignisse auf wahren Begebenheiten basieren – welche genau und in welchem Umfang bleibt jedoch schleierhaft. BULLY ist schließlich ein Drama, bei dem es schwer zu eruieren ist welche Elemente der reinen Fiktion des Regisseurs, und welche dem Kopf des eigentlichen Buchautors entsprungen sind. Fakt ist wohl nur, dass das Ergebnis über weite Strecken arg verkrampft und überzeichnet wirkt. Sei es die hier stark überbordernde Jugendsprache oder das bitterböse Porträt derselben Jugendlichen, die einiges auf dem Kerbholz haben und sich alle tagtäglich strafbar machen – Elemente wie diese lassen vieles entstehen; nur keinen wirklich glaubhaften Einblick in ein noch so problembehaftetes Leben einiger Jugendlicher. So bleiben auch jegliche Sympathien auf der Strecke; das Interesse an den Charakteren entsprechend gering. Es scheint, als hätte Larry Clarke nicht unbedingt auf eine möglichst glaubwürdige Art der Inszenierung gesetzt – dafür aber auf eine umso provokantere und regelrecht abstoßende. Zu welchem Sinn und Zweck ist eine andere, vom Zuschauer jeweils selbst zu beantwortende Frage. Doch man sei gewarnt: selbst als auf rebellisch getrimmtes Machwerk einer verlorenen Generation eignet sich BULLY nur äußerst bedingt.

Dafür spricht auch die nicht unbedingt gelungene Dramaturgie des Films; die sich zu großen Teilen auf den baldigen Mord respektive dessen Planung bezieht. Das wichtige Porträt der ungewöhnlichen Freundschaft (oder: Hassliebe) der beiden Hauptprotagonisten dagegen bleibt relativ flach und wird schnell abgehandelt. Das Problem: so schemenhaft und auf bestimmte Charakterzüge zurechtgestutzt die Protagonisten wirken; so vorhersehbar und unspektakulär sind letztendlich auch alle weiteren Entwicklungen. Zumindest diesbezüglich scheint sich Larry Clark wieder explizit an der Vorlage orientiert zu haben – schließlich verpasst er es, BULLY mit unterstützenden handwerklichen Raffinessen auszustatten. Ein Markenzeichen, ein Element im Sinne eines Wiedererkennungswertes gibt es dann aber doch; auch wenn es sich um ein mehr als fragliches handelt: der Regisseur scheint einstweilen völlig in seine abstruse Vision einer vor äußeren Einflüssen gefeiten Parallelgesellschaft einzutauchen, und schenkt dementsprechend auch potentiell anstößigen Elementen seine volle Aufmerksamkeit. Nacktheit, Sex, Gewalt und Drogenexzesse – sicher werden viele Jugendliche irgendwann einmal mit Themen wie diesen konfrontiert; doch scheint es als würde Larry Clarke seine verqueren Ansichten nicht als Element des Films; sondern vielmehr als allgemeingültig darstellen. Entsprechend einfach macht er sich auch, wenn es um das Porträt der Eltern geht – die sich in BULLY entweder gar nicht um ihre Sprösslinge kümmern; oder aber viel zu streng oder gar gewalttätig vorgehen.

Doch auch in technischer Hinsicht macht BULLY keine gute Figur. Ausschlaggebend ist hierbei nicht, dass das Projekt am ehesten wie eine Low-Budget respektive Independent-Produktion wirkt – sondern beispielsweise Elemente wie das einer mehr als schwindelerregenden (im wahrsten Sinne des Wortes) Kamerafahrt in der Mitte des Films, die ihren Zweck völlig verfehlt. Davon absehen wirkt der Film weitestgehend fad und unspektakulär, ein wie auch immer gearteter Aufwand wurde nicht betrieben. Film-eigene Musik gibt es nicht – man setzte vornehmlich auf hie und da eingespielte Rapmusikstücke. Zumindest die Darsteller (von denen zwei ehemalige Kinderstars sind) machen ihre Sache so gut es eben geht und das Drehbuch es zulässt; auch wenn die Grenzen des hier dringend notwendigen Method-Actings schnell erreicht sind beziehungsweise nicht ausreichend ausgeschöpft werden.

Fazit: BULLY macht es sich größtenteils zu einfach. Ob nun als relativ platte Form einer Gesellschaftskritik, als unglaubwürdiger Tatsachenbericht oder als eigenwilliges Porträt einer Institution wie der der Jugend – der Film schafft es kaum, das Interesse des Zuschauers zu wecken geschweige denn ihn nachhaltig zu beeindrucken. Der nicht von ungefähr als umstritten geltende Regisseur Larry Clark lässt sowohl ein Mindestmaß eines filmischen Gespürs als auch ein wie auch immer geartetes Interpretationsangebot vermissen  – stattdessen serviert er ein gleichermaßen festgefahrenes wie verstörendes Porträt einer verrohten Jugend, und geht dabei nicht selten unangenehm voyeuristisch vor. Somit bleibt am Ende nur die Tatsache, dass Clarke (der sich auch für den schon weitaus bekannteren Jugendfilm KIDS verantwortlich zeichnet) ein rebellischer Filmemacher ist – wogegen grundsätzlich nichts einzuwenden ist. Doch wenn man diese rebellische Haltung immer wieder aufgreift und immer wieder betonen muss; und dabei alle anderen qualitativen Maßstäbe außer Acht lässt – spricht das nicht gerade für das Handwerk eines Meisters.

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„Ob er nun auf wahren Begebenheiten basiert oder nicht – BULLY ist ein provokanter Film, der davon abgesehen keine wirklichen Stärken ins Feld führt.“

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Filmkritik: „A Painted House“ (2003)

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Originaltitel: A Painted House
Regie: Alfonso Arau
Mit: Scott Glenn, Arija Bareikis, Robert Sean Leonard u.a.
Land: Mexiko
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Drama
Tags: John Grisham | Verfilmung | Die Farm | Landleben | Arbeiter

Willkommen auf der Farm.

Kurzinhalt: Eigentlich führen die Chandler’s ein beschauliches und abgeschiedenes Leben auf einer großen Farm. Auch der 10-jährige Luke (Logan Lerman) hilft seinen Eltern Kathleen (Arija Bareikis) und Jesse (Robert Sean Leonard) so gut er kann – doch kommt die Familie nicht umhin, in den Hauptzeiten der Ernte Hilfsarbeiter einzustellen. Besonders häufig sind das die sogenannten Hill People, von denen nun auch einige ein Lager nahe des Hofes der Chandlers aufschlagen. Eine davon ist die 17-jährige Tally (Audrey Marie Anderson), die sich schnell mit Luke anzufreunden scheint. Zusätzlich verpflichtet der Familienvater Jesse auch einige Mexikaner – Arbeitskräfte hat er damit genug. Doch es kommt, wie es kommen muss – in glühenden Sonne erhitzt sich so manches Gemüt. Bald darauf kommt es zu ersten handfesten Streitereien zwischen den Arbeitern, den Mexikanern und den eigentlichen Siedlern der Gegend – ein Streit der sich zuspitzt, als es um eine als verboten angesehene Liebschaft zwischen dem Mexikaner Miguel (Miguel Pérez) und der jungen Tally geht.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! A PAINTED HOUSE ist ein Film des mexikanischen Regisseurs Alfonso Arau, der sich auf die gleichnamige Romanvorlage (deutscher Titel: DIE FARM) von John Grisham bezieht. Der berühmte Schriftsteller ließ sich für dieses Buch teilweise von seinen eigenen Kindheitserfahrungen aus dem Spätsommer des Jahres 1952 inspirieren – und auch wenn A PAINTED HOUSE nur dezente autobiografische Inhalte aufweist, so steht vor allem eine größtmögliche Authentizität im Vordergrund. Und somit auch eine Form der vermittelten Glaubwürdigkeit, die sich im stimmigen Porträt einer hart arbeitenden Familie widerspiegelt und dabei nicht selten gesellschaftlich-politische Hintergründe auffährt. Schließlich dienen hier zwei (nicht unmotivierte) Morde als eigentlicher Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, die somit auch deutliche Züge eines Thrillers annimmt. Das besondere dabei ist jedoch, dass ein Großteil der Geschehnisse aus der Sicht des kindlichen Protagonisten Luke geschildert wird – und man als Zuschauer zumeist seinen Wissensstand teilt.

Entsprechend beklemmend ist es mit anzusehen, wie er dann schließlich Zeuge eines Mordes wird – und es kaum vermag einzuschätzen, wie er sich verhalten sollte; erst Recht nicht in Bezug auf die Tatsache dass auch er bedroht wird. Somit ist A PAINTED HOUSE auch ein Film der Marke Kind beobachtet Mord – ein vergleichsweise ruhig und authentisch erzählter, der weniger auf Effekthascherei denn auf möglichst intensive und glaubhaft inszenierte Charakterporträts setzt. Doch offenbart sich hier auch das ein oder andere Problem: oftmals wirkt es, als beschränkte sich der Film ausschließlich auf eben jenes Element des beobachteten Mordes; er präsentiert sich nicht als ganzheitliche Kindheitserinnerung. Das hätte zwar und mitunter den Rahmen des Films gesprengt – doch ein wenig mehr Hintergrundinformationen, weitläufigere persönliche Einblicke oder auflockernde Nebengeschichten (wie die Szenen in der Stadt, oder die des verlorenen Onkels) hätten dem Film sicher gut getan und ihn etwas schwergewichtiger wirken lassen. So bleibt er hinsichtlich seiner Wirkungskraft – und trotz der Morde und der kindlichen Erzählperspektive – etwas zu oberflächlich und inhaltlich eingeschränkt. Dabei hätte die Buchvorlage noch so viel mehr hergegeben – sei es drum.

Immerhin kann man sich als Zuschauer ein recht genaues Bild von der hier vorgestellten Situation eines Familienlebens machen – und sich letztendlich auch eine Meinung darüber bilden; was es mit einem Titel wie A PAINTED HOUSE auf sich haben könnte. Rein technisch bewegt sich das Projekt auf einem grundsoliden, insgesamt aber recht unspektakulären Niveau – aufwendigere Szenen gibt es kaum, vielmehr wirkt der Film tatsächlich wie eine Art Dokumentation oder Tatsachenbericht. Das war sicher auch genau so beabsichtigt, doch ein paar besondere Kniffe hier oder da wären sicher nicht verkehrt gewesen. So müssen hauptsächlich die nett eingefangenen Landschaftsaufnahmen dafür sorgen, dass man sich auch von den optischen und akustischen Elementen her an den Film erinnert – was etwas enttäuschend ist. Immerhin lassen die Leistungen der Darsteller keine Wünsche offen – sie unterstützen den insgesamt glaubwürdigen Gesamteindruck.

Fazit: Im Falle von A PAINTED HOUSE kommt es wohl ganz darauf an, was man erwartet. Erwartet man eine epische angelegte Romanverfilmung respektive detailliert ausgeführte und zeitlose Kindheitserinnerung; so wird man vermutlich eher enttäuscht sein. Betrachtet man das Ganze dagegen als unabhängiges Drama mit ungekünstelten Ansichten eines Familienlebens und der Andeutung politischer Hintergründe; so kann das Wagnis A PAINTED HOUSE durchaus funktionieren. Wenn auch nur auf einer leicht überdurchschnittlichen Qualitäts-Ebene, die leider Gottes nicht vollständig vor gängigen Klischees gefeit ist.

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„Glaubwürdig, Basis-orientiert und dezent melancholisch – eine etwas andere Kindheitserinnerung.“

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Filmkritik: „Der Gott Des Gemetzels“ (2011)

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Originaltitel: Carnage
Regie: Roman Polanski
Mit: Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz u.a.
Land: Frankreich, Spanien, Polen, Deutschland
Laufzeit: ca. 79 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre:
Tragikkomödie
Tags: Familie | Kinder | Eltern | Streit | Unterhaltung | Theaterstück

Der Gott des Gemetzels, oder: man erntet was man sät…

Kurzinhalt: Nach einem handfesten Streit zwischen zwei 11-jährigen finden sich die Eltern der beiden Kinder in einem vermittelnden Gespräch wieder. Doch alsbald scheinen die Diskussionen, die das einladende Paar Michael (John C. Reilly) und Penelope Longstreet (Jodie Foster) mit ihren Gästen Alan (Christoph Waltz) und Nancy Cowen (Kate Winslet) in ihrer New Yorker Wohnung führen; auszuufern. Schnell geht es gar nicht mehr um das, was ihre Kinder alles getan oder unterlassen haben – sondern vielmehr um ganz andere Themen. Es beginnt mit angeschnittenen Nebensächlichkeiten, wird einstweilen immer persönlicher – und avanciert zu einer besonderen Herausforderung für alle Beteiligten, die selbst in jenen Momenten in denen bereits alles geklärt scheint nicht voneinander ablassen können oder wollen. Hat DER GOTT DES GEMETZELS die Kontrolle übernommen ?

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Kritik: Achtung, Spoiler ! DER GOTT DES GEMETZELS könnte ein Filmtitel für eine abgedrehte Slasher-Action aus dem besten Trashfilm-Segment sein – oder aber die Bezeichnung für ein dezent historisch-philosophisch angehauchtes Arthaus-Werk in bester Kammerspiel-Manier. Worauf das Ganze im Falle von Regisseur Roman Polanski und seiner Leinwand-Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Yasmina Reza dann tatsächlich hinausläuft, ist nicht wirklich eine Überraschung. Es wird zwar durchaus gemetzelt, jedoch keineswegs in einem dem Filmtitel entsprechenden reißerischen Sinne – sondern vielmehr auf einer psychologischen Ebene, und der des Dialogs. Genau daraus bestehen schließlich auch die knapp 70 Minuten des Films: aus allerlei Wortgefechten, die sich die gerade einmal vier beteiligten Protagonisten liefern. Und auch wenn der eigentliche Grund für das ungewöhnliche Aufeinandertreffen zweier Familien ein eher unschöner ist, so gerät er nur allzu schnell zur Nebensache – und führt zu einer ganz grundsätzlichen Diskussion über das Leben in all seinen Facetten.

Umso schneller die Kinder der beiden Paare, und somit auch das eigentliche Gesprächsthema erst einmal vom Tisch sind; geht es dann auch erst richtig los – zunächst noch mit spitzfindigen Bemerkungen auf der einen, oder aber einen übertriebenen Freundlichkeit auf der anderen Seite. Das schöne, oder auch besonders gelungene am Film ist dabei der anberaumte, alles andere als übliche Spannungsbogen: DER GOTT DES GEMETZELS bleibt ein psychologisches Kammerspiel im kleinen (und auch örtlich recht beschränkten) Rahmen, und offeriert von der Handlung allein noch keine sichtbaren Höhepunkte. Vielmehr ist es die schiere Intensität der Dialoge, die im Verlauf des Films immer weiter zunimmt – und irgendwann (und durch die Einwirkung von zusätzlichen enthemmenden Substanzen) regelrecht ausufert. Dabei, und das ist eine weitere Stärke der Verfilmung; verbindet Polanski gekonnt Elemente des Dramas mit denen der Tragik-Komödie – Lachen und Weinen, oder zumindest ein reflektiertes Nachdenken liegen im Falle des GOTT DES GEMETZELS nah beieinander.

Denn so unterhaltsam-pointiert die Dialoge, so abstrus die Situation im Gesamten, so makaber einige der Züge der Charaktere auch anmuten – der eher ernste Grundtenor des Films lässt sich niemals völlig ausblenden. Eben das führt auch dazu, dass man sich einstweilen inmitten des Geschehens – oder sogar in einem einzelnen Charakter – wiederfindet, und entsprechende Empathien entwickeln kann. Und selbst wenn man den Charakteren nur Antipathien entgegenbringen kann (was gar nicht mal so unwahrscheinlich ist), so bleiben die hier offenbarten Charakterporträts eine der wesentlichen Stärken der Verfilmung. Sie wirken nicht nur recht glaubwürdig, sondern entziehen sich auch einer vorschnellen Attribuierung. Wer hier im Recht ist, oder es bestenfalls sein könnte ist nicht immer leicht zu bestimmen; respektive spielt es keine Rolle mehr wenn spätestens die Schluss-Pointe des Films aufzeigt, dass es auch ganz anders geht. Wenn sich die Erziehenden einer Gesellschaft schon auf eine Ebene begeben, auf der sie ihrem immer wieder zu belehrenden Nachwuchs in nichts nachstehen – warum lassen sie dann ausgerechnet jene von den Kindern an Tag gelegte Leichtigkeit in Bezug auf ihre Selbstreflexion vermissen ?

Rein technisch gesehen bietet DER GOTT DES GEMETZELS dagegen keine wirklich ungewöhnlichen oder auffallenden Maßnahmen – sondern schlicht nur gelungene. Eine davon ist, dass das Geschehen trotz des eingeschränkten Handlungsspielraums niemals allzu starr wirkt – was an der gelungenen Kameraführung, den stimmigen Schnitten und den den Charakteren zusätzlich zugute kommenden Nahaufnahmen liegt. Maßnahmen, die einem nicht ganz so talentierten Regisseur in ihrer Wirkung auch wesentlich hektischer – oder noch langatmiger – hätten ausfallen können. Polanksi findet dagegen genau die richtige Mischung, und sorgt für eine entsprechende Bühne; auf der sich seine Charaktere vollends entfalten können. Dass das so gut funktioniert, ist dann hauptsächlich auf die Leistungen der Darsteller zurückzuführen – denen man so gut wie alles abnimmt, was sie hier von sich geben. Das einzige klitzekleine Problem mit der Glaubwürdigkeit findet sich lediglich in Bezug auf die Anfangsphase des Films, in der das eine Pärchen des öfteren geneigt ist, zu gehen – sich aber immer wieder hinreißen lässt, doch noch zu bleiben. Aber gut, andernfalls wäre es erst gar nicht zu einer solch ausufernden Diskussionsrunde gekommen. Einer, die ein wenig an die Stimmung innerhalb einer Selbsthilfegruppe erinnert – bei der allerdings niemand die Position eines Moderators oder Schlichters einnimmt…

Fazit: DER GOTT DES GETZELS ist ein gleichermaßen unterhaltsames wie nachdenklich stimmendes Kammerspiel der besonders dialogintensiven und charakterbezogenen Art. Die Stärken der Verfilmung liegen dabei vornehmlich auf den gelungenen Pointen und dem unvergleichlichen Spannungsbogen in Form des immer weiter ausufernden Dialogs – der aufzeigt, dass sich die zunächst eher bedeckt haltenden Eltern vielleicht doch gar nicht so sehr von ihren handgreiflich gewordenen Sprösslingen unterscheiden. Denn auch sie scheinen sich einstweilen – und wenn die Situation eine entsprechend kritische ist – gegenseitig anzugreifen; auch sie teilen lieber aus als einzustecken und sich mögliche Fehler einzugestehen. Sicher hätte man dem Ganzen noch mehr gesellschaftskritisches Potential entlocken können, denn einstweilen ist es doch nur ein gewisser Aberwitz der die Szenenbilder dominiert – aber sei es drum. Unterhaltsam, mindestens doppeldeutig und sicherlich auch auf seine ganz eigene Art und Weise spannend ist der Film allemal – wenngleich man eine Vorliebe für eher minimalistisch inszenierte Werke mitbringen sollte, die einen Schwerpunkt auf Charakterporträts und Dialoge legen. Wer allerdings ohnehin gerne ins Theater geht oder sogar die Vorlage kennt; für den ist auch die filmische Version von DER GOTT DES GEMETZELS ein Muss.

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„Ein ungewöhnliches, aber auch ungewöhnlich spannendes Kammerspiel.“

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Filmkritik: „Upside Down“ (2012)

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Originaltitel: Upside Down
Regie: Juan Solanas
Mit: Jim Sturgess, Kirsten Dunst, Timothy Spall u.a.
Land: Kanada, Frankreich
Laufzeit: ca. 109 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Science Fiction / Drama
Tags: Zwei Welten | Schwerkraft | Oben Und Unten | Beziehung | Einzigartig

Es kommt eben doch auf den… Schwerpunkt an.

Kurzinhalt: Der junge Adam (Jim Sturgess) lebt in einem Universum, welches im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig ist. Anstatt in den blauen Himmel schauen zu können, sieht er bei einem Blick nach oben eine andere, zweite Welt – die scheinbar über seiner schwebt und zum Greifen nah erscheint. Das Problem ist nur, dass die beiden nebeneinander existierenden Welten über eine jeweils eigene Schwerkraft verfügen – und so nicht möglich ist, von der einen zur anderen zu wechseln. Und doch plant Adam, genau das zu tun – er hat sich in eine dort lebende Frau (Kirsten Dunst) verliebt. Um sie nach vielen Jahren wieder  sehen zu können, bewirbt sich Adam bei dem einzigen Unternehmen, welches die beiden Welten miteinander verbindet – und geht bei der Kontaktaufnahme so manches Risiko ein. Denn nicht nur, dass es verboten ist nicht-beruflichen Kontakt zu einem anderen Bewohner der jeweils anderen Welt aufzunehmen – gelangt Materie von der einen in die andere Welt droht sie dort innerhalb weniger Stunden zu verbrennen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Es war einmal ein groß angekündigter Blockbuster, der neben einer hübschen und fantasievollen Optik auch noch etwas ganz anderes zu bieten hatte. Natürlich ist die Rede von Juan Solanas Mammutprojekt UPSIDE DOWN, und jener den Film gewissermaßen auszeichnenden Prämisse – die nicht weniger als ein spektakuläres Weltbild vorsieht, in der sich zwei gegenüberliegende Welten in einer seltsamen Form der Koexistenz befinden. Doch nicht nur, dass die beiden Welten in einem äußerst geringen Abstand zueinander stehen, eine Umlaufbahn und so gesehen auch eine gemeinsame Atmosphäre teilen – es gilt ein spezielles Gesetz der Schwerkraft. Dieses sieht vor, dass sich Welt A und Welt B trotz aller anderen Gemeinsamkeiten keine gemeinsame Schwerkraft teilen, die jeweiligen Bewohner also nur von ihrer Seite aus von der Gravitation angezogen werden. Das bedeutet auch, dass man nur schwerlich auf die jeweils andere Seite wechseln kann – von dessen Oberfläche man folglich herunterfallen würde. Es sei denn natürlich, man bedient sich der Materie der anderen Seite; und beschwert sich damit. Dann ist man zwar dort – steht aber im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Kopf, wie es auch der Haupt-Protagonist des Films des öfteren macht.

Das klingt nach einer gleichermaßen interessanten wie verwirrenden Prämisse – wobei man derlei Atttribuierungen vornehmlich zu Beginn des Films in den Raum werfen kann. Schließlich beginnt der UPSIDE DOWN noch im Vorspann mit gewissen Erklärungsansätzen zur Welt und deren Funktionsweise, bevor es auch relativ schnell hinübergeht zu einer ersten, offenbar verbotenen Kontaktaufnahme zweier Kinder die durch das seltsame Welten-Konstrukt voneinander getrennt sind. Dabei sorgt nicht nur der inhaltliche Ansatz für einen reichlich fantastischen und erfrischenden Eindruck – auch die geradezu malerischen Bilder schaffen es, auch wenn sie komplett aus dem Computer stammen; eine markante Form des Interesses zu entfachen. Und sei es allein darin begründet, dass man einfach wissen möchte was die Ideengeber und ausführenden verantwortlichen aus einer Idee wie dieser gemacht haben; ein entsprechendes Budget natürlich mit eingeschlossen. Doch dann geschieht es – zunächst nur Stück für Stück, und später in einem schier unerträglichen Maße.

Die Rede ist von nicht weniger als der eigentlichen Gewichtung des Films – der überraschenderweise nur wenig von einem Science Fiction-Werk hat. Ja, nicht einmal die Zeichnung der angedeuteten, dystopischen Gesellschaft mit einem Zwei-Klassen-System (welches sich praktischerweise auch gleich räumlich trennen lässt) wird nennenswert ausgeführt – sodass es eigentlich nur bei den wenigen bereits zu Beginn des Films eingestreuten Informationen bleibt, die man über die Welt erhalten wird. Sicher, über das wie, wo und warum einer solchen Doppel-Welt hätte man nicht unbedingt eine nähere Ausführung erwarten können – schlicht, da es sich viele Filme vergleichsweise einfach machen mit derartigen Prämissen, und nur noch selten gewagte Geniestreiche abgeliefert werden. Verständlicherweise führt eben diese Vorgehensweise auch dazu, dass der Film nicht wenige Logikfehler respektive ungeklärte Angelegenheiten in den Raum wirft – bei denen man des öfteren nur den Kopf schütteln wird. Aber all das wäre vielleicht noch gar kein so großer Beinbruch, nicht nur weil man vergleichbares gewohnt ist – sondern auch, da der Film noch ganz andere Stärken hätte etablieren können.

Doch bleibt es auch hier bei einem schlichten hätte – denn ausgerechnet hinsichtlich seiner Zeichnung der vorgestellten Welt versagt UPSIDE DOWN völlig. Zwar sind einige der Bilder respektive Stillleben – die auch noch von einem entsprechend atmosphärischen Soundtrack untermalt werden – nett anzusehen, doch inhaltlich untermauert werden sie zu keinem Zeitpunkt. Schließlich werden nicht einmal die einfachsten, einigen automatisch auf den Fingern brennende Fragen behandelt – in Bezug auf das vorherrschende Gesellschaftssystem, der regelrechte Hass auf die jeweils andere Welt und vieles mehr. Die eigentliche Frechheit aber folgt erst, denn es stellt sich alsbald heraus warum der Film auf diesen – und nicht wenigen anderen – Gebieten versagt. Denn: es ist genau so gewollt. UPSIDE DOWN ist vordergründig eine schlichte Romanze, die eine eher gewöhnliche Liebesgeschichte unter außergewöhnlichen, letztendlich aber vollkommen unwichtigen Umständen erzählt. Ob diese Tatsache aber ausreicht, um die teils gravierenden Missstände zu rechtfertigen – das muss wohl ein jeder für sich selbst entscheiden.

Hinzu kommt, dass die darstellerischen Leistungen bestenfalls als solide zu bezeichnen sind – wobei auch die eher schmerzliche Figurenzeichnung ein Wörtchen mitzureden hat. Sowohl die im Film geäußerten Dialoge, als auch einige höchst unglaubwürdige Reaktionen und Verhaltensweisen der Charaktere führen schließlich eher zu weiterem Kopfschütteln – und nicht zu einem Aufkommen von Empathie. Davon abgesehen bleibt UPSIDE DOWN zwar recht bildgewaltig – bietet insgesamt aber weniger optische Raffinessen als erwartet. Vielmehr steht die eine oder die andere Welt Kopf – was zunächst noch ungewöhnlich und faszinierend anmuten mag, doch irgendwann nutzt sich auch dieser Effekt ab.

Fazit: Der hinter UPSIDE DOWN stehende Gedanke ist zwar nachzuvollziehen –  warum die Verantwortlichen sich aber erdreistet haben und die vermeintliche Kernbotschaft des Films (ungefähr: Liebe überwindet alle Grenzen) hinsichtlich ihrer Wichtigkeit über alle anderen Aspekte gehievt haben, bleibt ein Mysterium. So muss man sich spätestens im Verlauf des Abspanns ernsthaft fragen, wozu man sich überhaupt die Mühe gemacht hat; wenn die Botschaft eine explizit universelle ist und es eigentlich gar keine Rolle spielt, wo und unter welchen Umständen sich das Ganze zugetragen hat. Wahrlich, die hier investierte Zeit hätte man sich sparen können – passenderweise gleich im doppelten Sinne. Zum aus der Sicht des Zuschauers, der sicher weit mehr erwartet hätte als eine simple bis krude Love-Story in einem oberflächlichen Sci-Fi-Gewand – und zum anderen aus der Sicht der Macher, die die gleiche Wirkung mit einem Kurzfilm etablieren können. Zumindest wäre man in einem solchen Fall weniger verschwenderisch mit einer eigentlichen spannenden Prämisse wie dieser umgegangen, hätte nicht so viel potentiell interessantes angeschnitten respektive offengelassen (in Bezug auf alles, was die beiden Welten betrifft) – und die Zuschauer somit auch weniger verärgert. Es ist schade, aber – bis auf ein paar schöne Bilder und eine überraschend typische Liebelei (die weder der Einfall des frühen Unfalls inklusive Gedächtnisverlust noch das schier katastrophale Ende aufwertet, im Gegenteil) gibt es in UPSIDE DOWN nicht viel zu holen.

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„Neben vielen enthaltenen Peinlichkeiten wurde schlicht zu viel Potential verschenkt.“

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Filmkritik: „Die Beste Mutter / Äideistä Parhain“ (2005)

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Originaltitel: Äideistä Parhain
Regie: Klaus Härö
Mit: Topi Majaniemi, Mikael Nyqvist, Maria Lundqvist u.a.
Land: Finnland
Laufzeit: ca. 96 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Drama
Tags: Zweiter Weltkrieg | Kriegskinder | Flucht | Versteck | Familie

Die Flucht vor den Schrecken des Krieges.

Kurzinhalt: Während des sich immer weiter zuspitzenden Zweiten Weltkrieges beschließen viele Eltern, ihre Kinder an einen potentiell sichereren Ort zu bringen. So soll auch der junge Eero (Topi Majeniemi) von Finnland nach Schweden evakuiert und in die Hände einer unbekannten Pflegefamilie gegeben werden. Damit ist er nicht alleine – auf seiner Reise, die von einem Sozialdienst organisiert wird; begleiten ihn viele andere Kinder aller Altersgruppen. Trotz des großen Trennungsschmerzes versucht Eero nach vorne zu blicken – was ihm allerdings ungleich schwerer fällt, als er bei seiner vorübergehenden Familie ankommt. Denn die hatte eigentlich ein Mädchen erwartet, was besonders im Fall der Pflegemutter für eine heftige Abneigungsreaktion sorgt. Nur der Familienvater scheint sich gut damit arrangieren zu können – ihm ist es egal, wen er aufnimmt; solange er nur helfen kann. Doch auch wenn die ungewöhnliche Reise etwas abenteuerliches hat, beginnt Eero die Tage zu zählen – auf dass er schnellstmöglich wieder zu seiner Mutter nach Finnland zurückkehren kann.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! DIE BESTE MUTTER befasst sich mit dem Schicksal eines Jungen; welches stellvertretend für zahlreiche, in Kriegszeiten von ihren Eltern getrennten Kinder steht. Wie es der Filmtitel bereits impliziert, steht dabei auch die Frage nach dem Erleben der schrecklichen Ereignisse aus Kindersicht in einem zentralen Fokus. Wie sehen es junge Kinder wie Eero, wenn sie aus ihrem familiären Umfeld herausgerissen und zumindest temporär in die Obhut Fremder übergeben werden ? Würden sie in ihrem Schmerz eines Tages ihre Eltern dafür zur Verantwortung ziehen – oder werden sie die Trennung rückblickend als notwendige Maßnahme betrachten und ihnen dankbar sein ? In geradezu malerischen Bildern wird der Zuschauer dazu angehalten, genau diese Frage zu beantworten – für den damals 9-jährigen Hauptprotagonisten (der das Ganze in einer Art Rückblende erzählt), aber sicher auch ein stückweit für sich selbst.

Dabei schafft der Film gleich zweierlei: zum einen befasst er sich historisch akkurat mit einem wichtigen, oftmals vernachlässigten Aspekt des Zweiten Weltkriegs, transportiert dabei essentielle Botschaften – und zum anderen generiert er auch eher nüchtern und Themen-unabhängig betrachtet eine beeindruckende, zum Schneiden dichte Atmosphäre. Eine, die für reichlich Spannung sorgt; wobei man jedoch keinesfalls von schnellen Handlungsabfolgen ausgehen sollte – vielmehr geht es um zwischenmenschliche Spannungen und das Aufeinandertreffen von verschiedenen Weltbildern. Ein entsprechendes Augenmerk gilt daher auch vornehmlich den beteiligten Charakteren, die auf verschiedenste Art und Weise miteinander interagieren. Die Darstellung jener für den Film wichtigen Kernaspekte gelingt Regisseur Klaus Härö verdächtig gut – eben weil er eine gewisse Form der Poesie in seinen Bildern mitschwingen lässt, dem Zuschauer entsprechende Freiheiten zugesteht.

Ebenfalls sehr sehenswert sind so gut wie alle technischen und handwerklichen Aspekte des Films. Angefangen beim Stilmittel der Schwarz-Weiss Optik in der heutigen Zeit (die unterstreichen, dass die Erinnerungen noch immer äußerst lebendig sind) über die opulenten Landschaftsaufnahmen bis hin zur den Leistungen der Darsteller; vor allem in Bezug auf die erschreckende Glaubwürdigkeit des Porträts der Pflegefamilie – die investierten Mühen haben sich in diesem Fall definitiv ausgezahlt. Nicht zuletzt dem Soundtrack sollte eine gesonderte Erwähnung vorbehalten werden – der sich eher stiller und emotionaler Elemente bedient, und das Geschehen akkurat unterstreicht. Ein sehr gutes Zeichen ist sicher auch, wenn man geneigt ist der Filmmusik bis zum Ende des Abspanns zu lauschen; wofür sich hier eine perfekte Gelegenheit bietet.

Fazit: DIE BESTE MUTTER ist nicht nur ein Kriegs-Drama, sondern auch eine Filmperle die es in sich hat – eben weil man eher behutsam vorgeht und das Geschehen umso greifbarer erscheinen lässt. Sicher sind Filme über den Zweiten Weltkrieg immer etwas besonderes und entziehen sich zumindest teilweise einer Bewertung, nicht zuletzt als Versatzstücke einer allgemeinen Aufarbeitung – und doch kann man sich durchaus vergreifen; inhaltlich wie stilistisch. In diesem Fall jedoch stehen die Zeichen klar auf grün – dieses gleichermaßen nostalgische wie zeitlose Kleinod sollte man gesehen haben. Erst Recht wenn man Wert auf ausgefeilte Charakterporträts mit entsprechenden darstellerischen Leistungen legt, und auf eine gewisse inhaltliche Schwere aus ist.

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„Eine etwas andere, wichtige Ansicht auf die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges.“

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Filmkritik: „48 Engel“ (2007)

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Originaltitel: 48 Angels
Regie: Marion Comer
Mit: Shane Brolly, John Travers, Ciaran Flynn u.a.
Land: Irland

Laufzeit: ca. 92 Minuten
FSK: noch nicht geprüft
Genre: Drama / Thriller
Tags: Junge | Eltern | Krankheit | Krebs | Reise | Selbstfindung

Wenn ein Engel allein nicht ausreicht…

Kurzinhalt: Der 9-jährige Seamus (Ciaran Flynn) erhält bereits in jungen Jahren die wohl schrecklichste aller Diagnosen – er leidet an einer besonders schweren Form von Krebs, wobei eine Aussicht auf Heilung so gut wie unmöglich ist. Doch scheint er selbst das Ganze weitaus nüchterner zu betrachten als seine Eltern – die es einfach nicht wahrhaben wollen dass ihr Sohn schon so früh aus dem Leben scheiden soll. Während sie die Krankheit ihres Sohnes also so gut es geht verdrängen, macht sich dieser auf eine bemerkenswerte Reise; vielleicht seine letzte. Sein Ziel: er will Gott begegnen, noch bevor dieser ihm begegnet. Dabei trifft er bald auf den jugendlichen James (John Travers), der erst kürzlich seinen Vater verloren hat – und der sich offenbar auch aufgemacht hat, ein unbestimmtes Ziel zu verfolgen. Doch bleibt es nicht dabei, die beiden treffen auf einen weiteren Mann (Shane Brolly) – der schnell auf die Hilfe seiner beiden jüngeren Begleiter angewiesen ist. Doch im Gegensatz zu den beiden scheint zumindest er einen dubiosen Hintergrund zu haben – wer er wirklich ist und was er vorhat, erfahren die beiden zunächst nicht.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! 48 ENGEL ist ein Roadmovie der etwas anderen Art – in dem sich drei völlig unterschiedliche Charaktere begegnen und eine Art Schicksalsgemeinschaft bilden. Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte bezieht sich dabei nicht hauptsächlich auf das, was das ungewöhnliche Trio auf seiner Reise erlebt – sondern vielmehr mit dem Innenleben, den jeweiligen Motivationen, Gedanken und Ansichten der Beteiligten. Situationsbedingt erfährt man immer mehr über den mysteriösen Unbekannten und die innersten Erwartungen des Trios; was im Endeffekt eine spannende und psychologisch interessante Angelegenheit ist. So kann man 48 ENGEL gleichwohl als Drama mit Coming-Of-Age-Hintergrund betrachten (wobei Seamus dem bemerkenswertesten Reifeprozess unterworfen ist), als auch als Thriller mit gut ausgearbeiteten Charakteren. Das klingt gut – ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn obwohl diese Elemente allein für einen sehenswerten Genre-Film absolut ausgereicht hätten, bekommt der Film gerade im späteren Verlauf noch eine hier eher unpassende politische Komponente verpasst. Analog dazu, oder als quasi-Vorbereitung ist der Film auch in zwei gefühlte Hälften aufgeteilt: die erste behandelt demnach relativ ausschließlich die Geschichte des jungen Seamus, bringt dem Zuschauer seine tragische Situation näher und lässt ihn an der baldigen Reise des Jungen teilhaben – während in der zweiten Hälfte plötzlich eine ganz andere Geschichte in den Fokus rückt.

Hier geht es dann vornehmlich um den als seltsamen Fremden eingeführten Erwachsenen, der nicht ganz dem entspricht was die beiden anderen erwartet respektive sich erhofft haben. Warum die Gewichtung plötzlich derart schwankt, wird alsbald klar; schließlich scheint die Regisseurin Marion Comer spätestens hier zu einem wahren Rundumschlag auszuholen. In eben jener Form, dass plötzlich explizit politische und gesellschaftskritische Töne angeschlagen werden, die sich auf nicht weniger als eine Ära des Bürgerkrieges in Irland beziehen – und die eigentliche Geschichte ganz oder zumindest teilweise überschatten. Leider harmonieren die beiden Ansätze (der Mikrokosmos der Krankheit, der Makrokosmos des Bürgerkriegs und die daraus entstehende Essenz) nicht wirklich miteinander; vielmehr fühlt es sich an als hätte Marion Comer Stoff für zwei Spielfilme gehabt – der dann doch Platz in einem einzigen finden musste. Nicht zuletzt die handwerklichen Aspekte scheinen diesen Eindruck erneut zu bestätigen: während man in der ersten Hälfte noch auf stilistische Kniffe wie Traumsequenzen und stimmige Fade-Outs setzt, bleibt dergleichen in der zweiten vollständig aus – was man kaum allein auf die inhaltliche Analogie (Tag-Träume werden zur bitterbösen Realität) zurückzuführen kann. Überhaupt wirkt die Kamera-Arbeit im gesamten relativ starr und uninspiriert, die Erzählperspektive aus Kindersicht ist wenig geschickt und kaum konsequent umgesetzt. So sorgen allein die schönen Landschafts- und Naturaufnahmen für eine gewisse Atmosphäre – wenn auch eher als malerische Einzel-Bilder denn in einem nennenswerten Zusammenhang.

Fazit: 48 ENGEL serviert dem Zuschauer eine grundsätzlich interessante Geschichte um einen krebskranken Jungen und eine ungewöhnliche Reise zur Selbstfindung – zunächst. Was hier noch ausschließlich als stilles, aber nicht minder ergreifendes Drama funktioniert, bekommt durch die anderen beteiligten Protagonisten und die nach und nach angedeuteten Thriller-Elemente einen zusätzlichen Reiz – doch irgendwann kippt die Stimmung. Offenbar wusste man kaum, welchen Schwerpunkt man im weiteren Verlauf des Films setzen wollte. Das letztendliche, stark politisch motivierte Ergebnis jedenfalls wirkt im Vergleich zum bodenständigen Auftakt des Films geradezu ernüchternd; ebenso wie das eigentliche, nicht wirklich runde Ende des Films. Letztendlich überlässt er es – trotz der zahlreichen Angebote und angeschnittenen Themen – allein dem Zuschauer, das recht vage Geschehen noch einmal zusammenzufassen und eine greifbare Quintessenz anzuberaumen. Immerhin, diesbezügliche Angebote sind zahlreich vertreten – ob man sie nun eher im kleinen oder doch in den größeren Zusammenhängen sucht. Dennoch kommt man nicht um das Gefühl herum, dass man mit einem Film wie diesem noch viel mehr – oder eher andere – Möglichkeiten gehabt hätte. So reicht es noch für das gehobene Mittelmaß; was gleichermaßen solide wie auch schade ist. Erst Recht in Anbetracht der erfrischend-andersartigen Grundidee und den Leistungen der drei beteiligten Hauptdarsteller, denen man ihre Rollen zu jedem Zeitpunkt abnimmt.

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„48 Engel, oder eher: 2 Mal halbgare 24.“

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Filmkritik: „12 And Holding – Das Ende Der Unschuld“ (2005)

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Originaltitel: Twelve And Holding
Regie: Michael Cuesta
Mit: Conor Donovan, Jesse Camacho, Jeremy Renner u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 94 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Unschuld | Kindheit | Aufwachsen | Schicksal | Freundschaft

Wer hat gesagt dass es leicht ist, erwachsen zu werden ?

Inhalt: Der Weg ins Erwachsenendasein ist nicht leicht – erst recht nicht, wenn man bereits in der Kindheit mit gewissen Problemen belastet ist. Und so stehen auch die jeweils 12-jährigen Kinder Jacob (Conor Donovan), Leonard (Jesse Camacho) und Malee (Zoe Weizenbaum) vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen. Leonard war wie viele andere Mitglieder seiner Familie schon immer etwas dicker und wird deswegen von seinen Mitschülern gehänselt, Malee sucht – obwohl es für Außenstehende befremdlich wirkt – eine Art Vaterersatz im alleinstehenden Gus (Jeremy Renner); und Jacob musste mit ansehen wie sein Zwillingsbruder Rudy in einer verhängnisvollen Nacht durch einen von Jugendlichen geworfenen Brandsatz getötet wurde. Auch wenn ihre Schicksale nicht direkt miteinander in Verbindung stehen, so haben sie doch alle mit einer verlorenen Unschuld zu tun – die hoffentlich später, manchmal aber eben auch deutlich früher eintritt und das Leben der weder kindlichen noch erwachsenen Freunde gehörig auf den Kopf stellt.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Michael Cuesta’s DAS ENDE DER UNSCHULD ist ein Coming-Of-Age-Drama wie es im Buche steht – und gleich drei gleichermaßen bemerkenswerte wie emotional aufwühlende Geschichten von vom Schicksal gebeutelten Heranwachsenden porträtiert. Tatsächlich funktioniert die bodenständige Inszenierung, und hauptsächlich auch die recht zunächst geschickt anmutende Verwebung der einzelnen Geschichten anständig – wenn auch nicht perfekt. Das wiederum hat mehrere Gründe, von denen sich ein wichtiger auf den Status des Projekts als Low-Budget-Produktion bezieht. Denn: dass dem Film ein Budget von angeblich 400.000 US-Dollar zur Verfügung stand sieht man nicht wirklich, im Gegenteil. Die gesamte Aufmachung von DAS ENDE DER UNSCHULD erinnert eher an ein aus einem Hobby heraus entstandenes B-Movie-Projekt als an ein leinwandtauglich inszeniertes Drama. Dabei bleibt fraglich, in wie weit dies den produktionsrelevanten Aspekten allein geschuldet ist – und welchen Anteil die Verantwortlichen selbst an der regelrechten kinematografischen Tristesse tragen. Schließlich fallen auch Dinge als eher amateurhaft auf, die wenig mit zur Verfügung stehenden Mitteln; als vielmehr der eigenen Inspiration in Verbindung gebracht werden können. Sei es das ständige Bedienen von allgemeinen Klischees, die schwachen Dialoge oder der kritische Faktor der kaum aufkommenden Empathie – vieles in und an DAS ENDE DER GEDULD wirkt in einem regelrechten Schnellschuss-Verfahren durchgeboxt und nur selten so, als hätte man sich wirklich Gedanken über das wie und was gemacht.

Doch nicht nur bezüglich der optischen und handwerklichen Aspekte (von denen eigentlich nur die Kameraführung und der Schnitt überzeugen können) kommt der Film einstweilen ins Stottern, auch inhaltlich scheint man sich nicht wirklich im klaren darüber gewesen zu sein; wohin die Reise letztendlich gehen sollte. Zu den 3 präsentierten Haupt-Geschichten kommen schließlich noch einige weitere Nebengeschichten hinzu – die man jedoch allesamt wieder mit einer gewissen Irrelevanz attribuiert, wenn es am Ende doch eine der eingangs erwähnen Geschichten ist, die man deutlicher in den Fokus rückt. Dabei sind die behandelten Themen die man in DAS ENDE DER UNSCHULD letztendlich behandelt, relativ deutlich erkennbar: es geht nicht nur um den Faktor der Pubertät als ‚Erwachen‘ der Kinder aus ihrer Unschuld, es geht um Schicksalsschläge und was man aus ihnen macht; es geht um einen Versuch für etwaige persönliche und gesellschaftliche Missstände einen schuldigen zu finden. Anders gesagt: der Film spielt mit der Frage was als unausweichliches Schicksal abzustempeln ist, und welchen Einfluss man als einzelner auf sein und das Leben anderer nehmen kann – oder vielleicht auch sollte. Zu einer greifbaren Quintessenz bringt es der Film jedoch nicht – hinsichtlich seiner Interpretationsansätze bleibt er ebenso vage wie in Bezug auf den eigentlichen Schwerpunkt der Geschichte.

Fazit: DAS ENDE DER UNSCHULD mag ein ambitioniertes Drama über den Prozess des Erwachsenwerdens und die Wirren des Lebens an sich sein – doch ein Großteil seiner potentiellen Wirkungskraft verpufft aufgrund zahlreicher, dabei grundsätzlich vermeidbarer Negativaspekte. Vielleicht hat man sich in diesem Fall einfach zu viel vorgenommen – die vermeintliche Komplexität der Geschichten und deren Vernetzung sowie der ein ums andere Mal doch deutlich erhobene moralische Zeigefinger jedenfalls sprechen klar dafür. Hätte man sich nur auf eine der vorgestellten Geschichten fokussiert, inhaltlich nicht ganz so weit ausgeholt und sich dafür handwerklich mehr verausgabt – dann hätte hier ein solides Drama entstehen können, welches den Zuschauer auch entsprechend mitreißt. So bleibt es bei einer stark eingeschränkten Empfehlung – und einer Wertung im Mittelfeld.

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„Die (wesentlich unspektakulärere) Coming-Of-Age-Version von Iñárritu’s BABEL.“

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Filmkritik: „Der Weiße Hengst“ (1952)

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Originaltitel: Crin Blanc
Regie: Albert Lamorisse
Mit: Alain Emery, Jean-Pierre Grenier
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 47 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Abenteuer / Drama / Kinderfilm
Tags: Pferd | Junge | Freiheit | Natur | Instinkt | Wunsch | Magie

Eine Ode an das Leben und die Freiheit.

Kurzinhalt: In der einsamen Region von Camargue in Frankreich gibt es nicht viel – aber doch eine stattliche Anzahl von wilden Pferden, auf die es allerlei Viehzüchter abgesehen haben. Eines von ihnen ist auch der kräftige CRIN BLANC, ein Tier; welches sich offenbar nicht gerne gefangennehmen lassen will – und so nach den gescheiterten Versuchen der Viehzüchter für vogelfrei erklärt wird. Bald darauf entdeckt der kleine Fischersjunge Folco den entlaufenen Hengst – und will sich seiner annehmen. Tatsächlich schafft er es, dass Vertrauen des Tieres zu gewinnen, was von den gescheiterten Viehzüchtern mit Argwohn beobachtet wird. Es scheint, als wollten sie das Tier entweder für sich – oder für niemanden. Eine Jagd mit ungewissem Ausgang beginnt…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Vom gleichen Regisseur wie der berühmte Kurz- und Kinderfilm DER ROTE BALLON stammt ein weiterer, noch früherer Kult-Film einer längst vergangenen Kino-Epoche. Albert Lamorisse’s DER WEISSE HENGST wurde 1952 erstmals in den französischen Lichtspielhäusern uraufgeführt; wobei der bedeutende Kurzfilm bis heute nichts von seinem Reiz verloren hat. In geradezu malerischen schwarz-weiß-Bildern wird die Geschichte eines wilden Pferdes erzählt, welches mit einem Fischersjungen namens Folco (Alain Emery) in Kontakt kommt – woraufhin sich eine langsam gedeihende, wenn man so will instinktive Freundschaft entwickelt. Bezeichnend; und sicher auch ausschlaggebend für den Kurzfilm ist dabei, dass er sich wie kaum ein zweiter mit dem Thema der Freiheit und der Natur auseinandersetzt – und durch die Interaktion des ohnehin freiheitsliebenden Pferdes mit einem sich eine bessere Welt erträumenden Jungen den Zuschauer zu einer gleichermaßen nostalgischen wie zeitlosen Reise einlädt.

Eine, die vor allem über die schiere Wucht der ungekünstelten Bilder funktioniert – und weniger durch ihre schnell zusammengefasste Handlung, die spärlichen Sprachfetzen oder die hie und da eingestreute Stimme eines Erzählers. Nur der Soundtrack, der hier ebenfalls eine essentielle Rolle spielt; wird zwecks einer emotionalen Unterstützung herangezogen – was auch wunderbar klappt. Sicher mag der Kurzfilm einstweilen und aus einer streng entmystifizierten Sichtweise heraus minimalistisch erscheinen, ebenso wie seine Botschaft – und dennoch ist gerade diese wichtig und derart universell, dass man dabei nicht von ungefähr an eine auf die Leinwand projizierte Form der Poesie denken wird.

Fazit: Ob es nun die schier atemberaubende handwerkliche Arbeit, die absolut natürlichen und teils sogar spektakulären Szenen mit den Tieren oder die allgemeine unterschwellige Magie ist, die einen vergessen lässt dass der Film aus einem nunmehr altehrwürdigen Kinojahr stammt – am Ende zählt der vermittelte Eindruck, und der lässt sich auch nach so vielen Jahren noch sehen.

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„Ein emotional wuchtiger Kurzfilm, der eine gleichermaßen ergreifende wie ungekünstelte Symbiose zwischen Mensch, Tier und Natur porträtiert.“

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Filmkritik: „Das Ende Der Geduld“ (2014)

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Originaltitel: Das Ende Der Geduld
Regie: Christian Wagner

Mit: Martina Gedeck, Mohamed Issa, Hassan Issa u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama / Thriller
Tags: Kirsten Heisig | Gericht | Jugendliche | Neukölln | Straftäter

Irgendwann ist es erreicht, das Ende der Geduld…

Kurzinhalt: Die Jugendrichterin Corinna Kleist (Martina Gedeck) ist konsequent, wenn es um die Ahndung von Fällen jugendlicher Gewalt geht. Mit ihrem neuen Konzept, welches eine noch schnellere und transparentere Bestrafung innerhalb des unübersichtlichen Juristen-Dschungels vorsieht; macht sie sich aber nicht nur Freunde – und stößt auf teils heftigen Widerstand. Dennoch hält sie eisern an ihrer Vision fest – und will so auch dem bald 14-jährigen Rafiq (Mohamed Issa), der als Drogenkurier für seinen älteren Bruder unterwegs war; eine Chance in Form einer gerechten Strafe geben. Doch auch wenn Rafiq grundsätzlich einsieht dass er einen Denkzettel wie diesen verdient hat; mischt sich sein großer Bruder, der libanesische Clanboss Nazir (Hassan Issa) immer wieder in den Prozess ein – und versucht einen Teil der begangenen Straftaten zu vertuschen. Der immer heftigere Konflikt scheint sich dabei auch immer deutlicher im Privatleben der Beteiligten zu manifestieren. Nicht zuletzt Corinna Kleist muss so – und trotz ihrer guten Absichten – beginnen, um ihr eigenes Leben zu fürchten.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! DAS ENDE DER GEDULD ist ein Spielfilm, der teilweise auf einer wahren Begebenheit basiert – und grob das Leben und Wirken der Berliner Juristin Kirsten Heisig beleuchtet, die sich im Jahre 2010 unter seltsamen Umständen das Leben nahm. Ihr zuvor veröffentlichtes, gleichnamiges Buch diente dabei ebenfalls als Grundlage für die heute vorgestellte ARD-Produktion. Ein großer Teil der Aufmerksamkeit des Buches, und folglich auch des Films gilt dem sogenannten Neuköllner Modell; ein Konzept, welches eine härtere und vor allem schnellere Strafverfolgung von jugendlichen Intensiv-Tätern vorsieht. Genau hier setzt der Film auch an – und zeigt nicht nur wie es zu jenem neuerlichen Konzept kam; sondern schildert auch anhand eines (fiktiven) Präzedenzfalles, welche Schwierigkeiten aber auch potentielle Vorteile das knapp 4 Jahre alte Modell in seiner anfänglichen Anwendung offenbarte. Bemerkenswert dabei ist, dass die nicht selten verloren wirkende Position der Juristin im Zusammenspiel mit den jugendlichen Kriminellen und dem trägen Räderwerk der Politik ein interessantes gesellschaftliches Spannungsfeld offenbart. Eines, das nichts von seiner Aktualität und Brisanz verloren hat – und trotz des anberaumten Fokus nicht ausschließlich auf Jugendliche mit einem Migrationshintergrund festzunageln ist.

So kann der Spielfilm DAS ENDE DER GEDULD den Zuschauer im besten Fall für ein eher unangenehmes und sich bestenfalls hinter verschlossenen Türen behandeltes Thema sensibilisieren, und zu Diskussionen über den Sinn oder Unsinn einer vergleichsweise frühen und harten Strafe für junge Intensivtäter anregen. Abgesehen von dieser potentiellen Stärke sieht es dann aber vergleichsweise düster aus: wer erwartet einen expliziten Blick auf das Leben und Wirken von Kirsten Heisig werfen zu können wird ebenso enttäuscht wie alle, die sich in Bezug auf eine wie auch immer geartete Ursachenforschung etwas mehr gewünscht hätten als das Bedienen gängiger Klischees. DAS ENDE DER GEDULD bleibt in dieser Hinsicht verdächtig oberflächlich, und macht es dem Zuschauer mit seinem schwankenden und niemals wirklich tiefgreifenden Fokus vergleichsweise leicht – vielleicht auch ein stückweit zu leicht. Ein noch stärkeres Herausarbeiten der ursprünglichen Intention von Kirsten Heisig sowie eine noch kritischere Herangehensweise an das Thema hätten dem Film so noch weitaus mehr Zündstoff geben können.

Fazit: DAS ENDE DER GEDULD ist eine solide Produktion des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens im Rahmen der Themenwoche Toleranz – mit inhaltlichen Schwächen, einem Hang zur Vereinfachung und einem unspektakulären, aber insgesamt zufriedenstellenden handwerklichen Part. Allen, die auch nur ansatzweise an der Thematik interessiert oder vielleicht sogar direkt involviert sind, kann der Film als zusätzliches und leicht verständliches respektive oberflächliches Anschauungsmaterial dienen – doch ob er auch den zufällig zuschaltenden Gelegenheitszuschauer sinnig abholt, ist eine andere Frage.

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„Ein quasi-Biopic welches zum Nachdenken anregt und ein ungutes Gefühl hinterlässt – berechtigterweise.“

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Filmkritik: „Mud – Kein Ausweg“ (2012)

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Originaltitel: Mud
Regie: Jeff Nichols
Mit: Matthew McConaughey, Tye Sheridan, Jacob Lofland u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 130 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Insel | Flüchtiger | Verbrecher | Kinder | Familie | Unschuld | Moral

Ein Abenteuer, mit dem so niemand gerechnet hätte.

Kurzinhalt: Der 14-jährige Ellis (Tye Sheridan) lebt mit seinen Eltern am Ufer eines Flusses in Arkansas, wo er eine sehr naturbezogene Kindheit verbringt. Doch läuft hier nicht immer alles so, wie er es sich wünschen würde – seine Eltern streiten sich immer häufiger, und auch seine Versuche einem älteren Mädchen zu imponieren schlagen fehl. So verbringt er einen Großteil seiner Zeit mit seinem besten Freund Neckbone (Jacob Lofland), und unternimmt gemeinsam mit ihm allerlei Entdeckungsreisen. Dabei kommt den beiden zugute, dass sie relativ frei über ein kleines Boot verfügen können – und so auch den Fluss mit all seinen Geheimnissen erleben und erforschen können. Eines Tages dann stoßen die beiden auf einer kleinen Insel auf ein Boot, das hoch in einem Baum hängt. Da sie sich alleine wähnen wollen sie es als Erweiterung ihres Abenteuerspielplatzes beanspruchen – doch plötzlich erscheint ein mysteriöser Mann (Matthew McConaughey), der das Boot für einen ganz bestimmten Zweck benötigt. Auf die ersten Annäherungsversuche und das Bestreben der Kinder herauszufinden wer dieser Fremde tatsächlich ist; folgt dann eine stillschweigende Vereinbarung der ungewöhnlichen Art: die beiden Jungs beschließen, dem Fremden zu helfen und seiner Bitte nach etwas Nahrung und später auch zahlreichen Teilen für seine Boots-Reperatur nachzukommen. Selbst als sie erfahren, dass der Fremde ein gesuchter Mörder ist bleiben sie hilfsbereit – auch, da sie immer mehr über den mysteriösen Mann und seine Hintergründe erfahren. Als dann auch noch herauskommt dass nicht nur die Polizei hinter ihm her ist, scheinen sich die Dinge aber mehr und mehr zuzuspitzen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! In einem Gewand schier atemberaubender Landschaftsbilder kommt MUD daher – ein Drama mit Thriller-Elementen, in dem ein Heranwachsender und sein bester Freund eher zufällig auf einen mysteriösen Fremden treffen. Jener Fremde ist dabei ein von der Gesellschaft ausgestoßener, sowohl von der Staatsgewalt als auch von anderen gesuchter – der die zufällige Begegnung mit den beiden Kindern ausnutzt um sich aus seiner Misere zu befreien. Das funktioniert in diesem Falle aber nicht im Sinne eines PERFECT WORLD, in dem ein junges Kind von einem flüchtigen Verbrecher als Geisel genommen wird – sondern vielmehr auf einer größtenteils freiwilligen, vielleicht aus reiner Neugier entstehenden Ambition. Die Kinder sehen in dem Fremden keinen unnahbaren oder gar gefährlichen Erwachsenen, sondern schlicht einen Menschen in einer Notlage – der unter anderem mit denselben Problemen zu kämpfen hat wie sie selbst. Auf jener interessanten Ausgangssituation eines Geben und Nehmens baut MUD auf; und präsentiert sich dabei gleichermaßen als atmosphärisches Drama, als packender Thriller – und als überraschend profunder Coming-Of-Age Film der etwas anderen Art.

Dabei sind Filme, in denen von der Gesellschaft stigmatisierte Verbrecher mit etwas anderen Augen betrachtet werden, nicht gänzlich neu – wie es bereits das oben anberaumte Filmbeispiel PERFECT WORLD aufzeigt. Und dennoch haben sich bisher nicht allzu viele an ähnlichen Projekten versucht, was nicht unbedingt für die Popularität des Themas spricht. Dennoch, oder gerade deshalb fällt es relativ leicht, sich von einem Film wie MUD gefangennehmen zu lassen – und ein kaum alltägliches Geschehen aus einer etwas anderen, für einen Großteil der Erwachsenen verborgenen Perspektive zu betrachten. MUD spielt dabei geschickt mit seiner Erzählweise – und lässt den Zuschauer zunächst ebenso im unklaren über den mysteriösen Fremden wie die eigentlichen Hauptprotagonisten. Die Tatsache; dass man sich insgesamt einem eher ruhigen, stets glaubhaften Erzählton ohne künstliche Schock-Momente oder unglaubwürdigen Charakterzügen orientiert – führt in diesem Fall schnell dazu, dass man ein großes Maß an Empathie sowohl für die kindlichen, als auch den erwachsenen Hauptdarsteller aufbringen wird. Und; dass MUD – wie es der Filmtitel bereits impliziert – relativ geerdet wirkt. Glattgeschliffen, auf bestimmte Zuschauergruppen zurechtgestutzt oder im Sinne des Drehbuchs vereinfacht wirkt hier nichts – im Gegenteil, es scheint als hätten die Macher hier alles zum Ausdruck bringen können, was sie sich vorgenommen hatten.

Und das ist in erster Linie weniger auf die Geschichte eines flüchtigen Verbrechers zu beziehen, der intensiver betrachtet gar keiner ist – sondern hauptsächlich auf das Porträt der beiden ihm begegnenden Charaktere. MUD stellt die Begegnung des ungewöhnlichen Trios zwar explizit in den Mittelpunkt, doch macht es sich schnell bemerkbar dass es sich dabei nur um einen weiteren klugen Schachzug handelt. Würde MUD ein typischer Thriller sein, würde wohl alles auf einen großen Höhepunkt respektive eine finale Konfrontation zwischen dem Fremden, der Staatsgewalt und den übrigen Häschern hinauslaufen – was tatsächlich auch genau so passiert. Aber; und das ist der Clou: hat man dabei nicht das Gefühl, als ob es sich um die eigentliche Geschichte handelt. Die spielt sich nämlich eher im Hintergrund ab, und beschäftigt sich mit allem was die beiden Heranwachsenden Protagonisten auf ihrem Weg in das Erwachsenendasein an Erfahrungen mitnehmen – und wie sie ganz unabhängig von einer jeglichen höher gestellten Einflussnahme (sei es seitens der Eltern oder der Gesellschaft als abstrakte Erziehungsfigur) mit ihnen umgehen. Doch natürlich werden auch diese Faktoren nicht gänzlich ausgeblendet, als Gegenpol der im übertragenen Sinne fantastischen Welt in die man sich zurückziehen kann (auf die Insel) dient hier die harsche Realität mit allerlei familiären Problemen und ganz existenziellen Fragen. Die Anteilnahme der beiden Hauptcharaktere an den Ereignissen, vor allem die von; weist dabei stets nachvollziehbar auf den Reifungsprozess hin, den die beiden auf ihrem Weg ins Erwachsenendasein durchlaufen.

Auch der handwerkliche Part von MUD lässt kaum Zweifel daran zu, dass hier ein echtes filmisches Kleinod entstanden ist. Besonders herausragend sind in diesem Zusammenhang die Leistungen der Darsteller, allen voran die der beiden Jungdarsteller Tye Sheridan (TREE OF LIFE) und Jacob Lofland. Auch Matthew McConaughey macht als mysteriöser Fremder eine gute Figur – auch wenn man hier und da das Gefühl hat, als hätte man seinem Charakter ruhig noch ein paar mehr Ecken und Kanten spendieren können. Ebenso grandios wie das Schauspiel ist zweifelsohne auch alles, was mit den optischen Aspekten des Films zu tun hat. Allein die Schauplatzwahl mit ihrem stimmigen Bezug zur Natur, die malerisch eingefangenen Landschaftsbilder und die gute Kameraführung lassen keinerlei Wünsche offen, und sorgen dafür dass der Film – trotz vergleichsweise geringer Mittel und einem gar nicht mal so großen Aufwand – ein echter Hingucker ist. Allzu schnelle Schnittfolgen hat MUD nicht nötig, ebenso wenig wie einen reißerischen Soundtrack – der hält sich eher bedeckt im Hintergrund und macht hie und da durch ein paar melancholische Klänge auf sich aufmerksam.

Fazit: Auch wenn der Titel es geradezu anbietet, sollte man es tunlichst vermeiden MUD in den Zusammenhang mit irgendwelchen perfiden Wortspielen zu bringen. Denn das hat der Film beileibe nicht verdient – handelt es sich um ein enorm gutes Drama mit einer spannen und niemals allzu überzogen wirkenden Thriller-Komponente und einem wertvollen Coming-Of-Age-Hintergrund. Das einzige, was in diesem Fall eine Höchstwertung verhindert ist die Tatsache, dass der Film bei seiner recht umfassenden Spieldauer von über 2 Stunden doch die ein oder andere Länge aufweist. Andererseits möchte man sich kaum ausmalen, wie er in einer merklich kürzeren Fassung wirken würde – sodass man durchaus dran bleiben und wenn nötig einen langen Atem mitbringen sollte. Freunde von explizit actionreicher oder spektakulärer Kost sollten aber ohnehin einen großen Bogen um dieses Werk machen.

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„Stilles, atmosphärisches und geerdetes Coming-Of-Age-Drama vor einer interessanten Kulisse.“

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