Filmkritik: „Julia“ (2008)

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Originaltitel: Julia
Regie: Erick Zonca
Mit: Tilda Swinton, Saul Rubinek, Kate del Castillo u.a.
Land: Frankreich, USA
Laufzeit: ca. 138 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Thriller, Drama
Tags: Entführung | Täter | Opfer | Lösegeld | Odyssee

Das große Empathie-Experiment.

Kurzinhalt: Julia (Tilda Swinton) ist eine junge, vom Leben bereits gezeichnete Frau. Neben schweren Alkoholproblemen und komplizierten Beziehungskisten fehlt es ihr vor allem an einer Perspektive – nur ihr bester Freund Mitch (Saul Rubinek) hält nach wie vor zu ihr und versucht, sie auf den richtigen Weg zu bringen. Und so nimmt sie eines Tages auch endlich an einer Sitzung der anonymen Alkoholiker teil, um zumindest eines ihrer großen Probleme loszuwerden. Doch zunächst trifft sie dabei auf Elena (Kate Del Castillo), eine verwirrt wirkende Frau die JULIA kurzerhand von ihren Problemen erzählt – und von ihrem Sohn Tom (Aidan Gould). Bald schon macht sie JULIA ein eher unmoralisches Angebot, von dem beide etwas hätten: sie solle Tom entführen, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Obhut seines Großvaters befindet – und dafür eine kleine Entlohnung kassieren. JULIA ist aus ihrer Verzweifelung heraus interessiert, und kann ohnehin jeden Cent gut gebrauchen. Doch realisiert sie schnell, dass sie das Spiel nach ihren ganz eigenen Regeln gestalten und noch viel mehr aus der Sache herausholen könnte… wenn sie nur auf’s Ganze ginge.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Auch wenn man Erick Zonca’s JULIA grob in die Kategorie der sogenannten Entführungsfilme einstufen kann, wird schnell klar dass die internationale Produktion weniger von einem klassischen Genre-Film hat als es zunächst zu vermuten wäre. Es beginnt bereits damit, dass man geneigt ist die eigentliche Entführerin und Titelfigur JULIA nicht vorschnell als skrupellose Verbrecherin abzustempeln – auch wenn ihre harschen Aktionen durchaus dafür sprechen. Stattdessen legt es Erick Zonca darauf an, von Beginn an ein möglichst vielschichtiges und glaubwürdiges Figurenporträt zu etablieren – eines, dass sich fernab von üblichen schwarz-weiss respektive gut-böse Zeichnungen bewegt und so zu einem gewissen moralischen Dilemma führt. Dieses wird folgerichtig direkt auf den Zuschauer übertragen – der seinen Glauben an das gute und speziell das gute in der Titelfigur nicht verlieren will; aber dennoch stets mit geradezu unerträglichen Handlungen derselben konfrontiert wird. Aber wie man sich auch entscheidet, es gilt bis zum Ende des Films abzuwarten – der sowohl in Bezug auf die eigentliche Handlungsebene, aber auch die Figurenzeichnung niemals still steht.

Die eigentliche Herausforderung dabei ist, den Weg dorthin zu verarbeiten – der gleichermaßen spannend wie grausam ausfällt; jedoch ohne jemals wirklich zu weit zu gehen. Schließlich beginnt die Geschichte mit der Einführung der psychisch angeschlagenen Titelfigur, die aus finanziellen Gründen eine Verzweiflungstat begeht – und in der Folge eine fast schon paradoxe Beziehung zu ihrem jungen Entführungsopfer aufbaut. Interessant und lobenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass Erick Zonca nicht nur auf ein möglichst glaubwürdige Charakterzeichnung aus ist – sondern sich auch Gedanken über das große wie hinter der Entführung und dessen Verlauf gemacht hat. Dass macht sich dann nicht nur im eigentlichen zeitlichen Verlauf der Ereignisse bemerkbar – sondern auch in Feinheiten wie der Darstellung einer gewissen Unsicherheit auf Seiten der Entführerin; die hier immerhin eine Ersttat begeht und entsprechend impulsiv bis konfus agiert.

Auch wenn dabei der Ablauf der Entführung selbst einiges an Nervenkitzel bietet; bleibt die Interaktion des ungleichen Film-Paares vordergründig und ausschlaggebend. So verspricht JULIA ihrem Entführungsopfer, ihn zu seiner leiblichen Mutter in Mexiko bringen zu wollen – was sich schnell als Lüge herausstellt und sie noch mehr in die Ecke der skrupellosen Entführerin stellt. Gleichzeitig aber scheint das Opfer langsam aber sicher – und durch die erzwungene Gemeinschaft – zu beginnen, eine Art Mutterfigur in JULIA zu sehen. Diese Entwicklung macht sich vor allem in der zweiten Filmhälfte (die in Mexiko verortet ist) bemerkbar, die immer brisantere; fast schon groteske Züge annimmt. So bleibt es nicht bei nur einer titelgebenden Entführung, es kommt eine weitere hinzu – und auch die Riege der beteiligten Charaktere vergrößert sich. Hier scheint sich JULIA dann doch noch zu überschlagen – viele Dinge geschehen, ohne dass näher auf sie eingegangen wird; geschweige denn man eine Chance erhält sie zu hinterfragen. Dieser Aspekt gilt dann leider auch in Teilen für die Beziehung der beiden Hauptfiguren – die sich zwar entwickelt, aber oftmals ohne ausschlaggebende Faktoren.

In wie weit man das Gesehene für Voll nimmt oder auch nicht, hängt natürlich auch von den darstellerischen Leistungen und den Dialogen ab. Die fallen aber durchweg positiv aus; was in erster Linie an der durchaus großartigen Leistung von Tilda Swinton liegt. Alle Nebenfiguren können ebenfalls überzeugen, wäre da nicht ein kleiner Wermutstropfen. Ausgerechnet das Entführungsopfer respektive der Kinderdarsteller Aidan Gould bleibt eher blass – zumindest in einem solchen Maße, dass gewisse charakterliche Entwicklungen nicht so recht mit seiner eher schwachen Präsenz harmonieren wollen. Eventuell hätte man hier auf einen anderen, erfahrenen Darsteller zurückgreifen sollen; was die Wirkung des Films sicher noch etwas verstärkt hätte. Davon abgesehen macht der restliche technisch-handwerkliche Part eine gute Figur – was sich vor allem in den überaus ästhetischen, kraftvollen Bildern niederschlägt. Die sind schließlich nicht nur da – sondern werden stets von inhaltlichen Elementen untermalt und dienen zusätzlich als sinnbildliche Erweiterung der charakterlichen Emotionen. Auch der Soundtrack lässt sich hören und gerät niemals zu aufdringlich.

Fazit: JULIA überzeugt als Entführungsfilm der etwas anderen Art – und spielt wie kein zweites Krimi-Drama mit dem Begriff der Empathie. Das gelingt Regisseur und Drehbuchautor Erick Zonca vor allem durch die weitestgehend gelungene Figurenzeichnung und seine starke Hauptdarstellerin; die stets irgendwo zwischen dem Dasein einer skrupellosen Entführerin, einer verzweifelten Allerweltsfrau und einer selbstlosen Mutterfigur hin- und herpendelt. Das, was man dem Film dennoch vorhalten könnte wäre; dass er einstweilen etwas abgehoben erscheint – und speziell gegen Ende nicht mehr so recht weiß was er eigentlich sein will. Hier geht es dann eben doch etwas zu turbulent zu… was ein wenig mit der vorangegangenen Atmosphäre bricht, aber immerhin einen hohen Unterhaltungswert mit sich bringt.

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„Krimi trifft auf Roadmovie trifft auf Drama – eine ungewöhnliche Mischung, die ohne Tilda Swinton vermutlich nur halb soviel wert wäre.“

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Filmkritik: „Fenster Zum Sommer“ (2011)

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Originaltitel: Fenster Zum Sommer
Regie: Hendrik Handloegten
Mit: Nina Hoss, Fritzi Haberlandt, Mark Waschke u.a.
Land: Finnland, Deutschland
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama, Thriller
Tags: Schicksal | Liebe | Tod | Zeitsprung | Prädestination

Das Fenster zur Unentschlossenheit.

Kurzinhalt: Als die gerade erst von ihrem Ex-Freund getrennte Juliane (Nina Hoss) zu ihrem ersten Sommerurlaub mit ihrem neuen Freund August (Mark Waschke) aufgebrochen ist, ereignet sich etwas merkwürdiges. Nachdem sie an der Seite ihres Geliebten eingeschlafen ist, wacht sie nicht wie erwartet an seiner Seite auf – sondern sieht sich um einige Monate in der Zeit zurückversetzt. Nach dem anfänglichen Entsetzen versucht sie, festzustellen was passiert ist – und ihren Freund wiederzufinden. Doch der weiß noch gar nichts von seinem (späteren) Glück. Überhaupt ist Juliane zu diesem Zeitpunkt noch mit ihrem Ex-Freund Philipp (Lars Eidinger) zusammen, der entsprechend verdutzt auf ihr merkwürdiges Verhalten reagiert. Was sie noch mehr schockiert ist allerdings, dass ihre bei einem Unfall tödlich verunglückte beste Freundin Emily (Fritzi Haberland) wieder lebt. Juliane plant, sich möglichst genau so zu verhalten wie sie es vor einigen Monaten bereits getan hat; auch um ihren späteren Freund kennenzulernen – den Tod ihrer Freundin will sie aber verhindern. Doch kann sie wirklich gegen eine Macht wie die des Schicksals ankommen ?

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Was allein vom Titel her eher nach einem seichten Heimatfilm klingt, ist in Wahrheit ein durchaus vielversprechender Drama-Thriller mit der bekannten deutschen Schauspielerin Nina Hoss in der Hauptrolle. In seinem FENSTER ZUM SOMMER stützt sich Regisseur Hendrik Handloegten (unter anderem auch für zwei TATORT-Folgen verantwortlich) auf eine gleichnamige Buchvorlage von Hannelore Valencak, die aus dem Jahre 1967 stammt. Eine, die durchaus fantastische Züge annimmt – sodass auch der 2011 realisierte, mit einem Budget von immerhin 3,2 Millionen Euro doch recht üppig finanzierte Film vor allem eines in den Mittelpunkt stellt. Denn neben der allseits und in jeder Szene omnipräsenten Nina Hoss dreht es sich in FENSTER ZUM SOMMER um eine Zeitreise – eine der etwas anderen Art. Und sicherlich auch eine, die so manch geheimen Wunschtraum entsprechen mag: die plötzliche Reise der Titelfigur Juliane ist nicht physischer, sondern rein spiritueller Natur – etwa so, wie man sich eine Seelenwanderung vorzustellen hat. Und so findet sie sich einige Monate in der Zeit zurückversetzt wieder – in ihrem einige Monate jüngeren Körper, aber mit all dem zwischenzeitlich angeeigneten Wissen.

Die Erwartungen in Anbetracht dieser Prämisse sollten – auch wenn es sich um kein allzu ausgeklügeltes und hintergründiges Werk mit etwaigen Deutungsansätzen, sondern eben doch nur um ein eher stilles Drama mit Thriller-Elementen handelt – geradezu mannigfaltig sein. Speziell natürlich in Bezug auf die Möglichkeiten, die sich aus einem solchen Wissensvorsprung ergeben würden – und in Bezug auf das Seelenleben des weiblichen Hauptcharakters. Wie wäre mit einem solchen Wissen umzugehen, wem würde man sich anvertrauen ? Was würde man anders machen, was wiederholen ? Mit eben dieser Frage beschäftigt sich FENSTER ZUM SOMMER zwar, allerdings – und das ist das große aber – nur in einer äußerst heruntergebrochenen Form. Einer, die sich im wesentlichen allein auf das unausweichliche Schicksal bezieht – immerhin sowohl im positiven als auch negativen Sinne. So wird Juliane nicht nur ein zweites Mal mit einem ihr nun gar nicht mehr so fremd vorkommenden Mann anbändeln – sondern auch ein weiteres Mal miterleben müssen, wie ihre beste Freundin bei einem Unfall umkommt. Und das trotz der Versuche, eben dies zu verhindern – der zeitliche Ablauf verschiebt sich etwas, doch das eigentliche Ereignis scheint unausweichlich.

Und so scheint das Stichwort hinter FENSTER ZUM SOMMER schlicht Prädestination zu lauten – ein Phänomen, welches in letzter Zeit wieder eine wahre Renaissance im Filmbereich erlebt, und das nicht erst seit dem auf den Punkt betitelten PREDESTINATION (Review). Grundsätzlich handelt es sich um eine spannende, immer auch den Bereich der Metaphysik ankratzende Thematik – die man allerdings auch weitaus weniger kompliziert behandeln kann; wie es nun auch FENSTER ZUM SOMMER zeigt. Denn bis auf die Tatsache, dass der hier gemachte Zeitsprung als Story-Aufhänger fungiert; gibt es keinerlei weitere Ansätze auf die Idee einzugehen – stattdessen, und sicher auch um mögliche Logik-Lücken zu füllen oder entstehende Fragen von vorneherein zu verhindern; verpasst man dem Ganzen schlicht eine Riesenportion Herzschmerz. Das mag grundsätzlich gar keine schlechte Idee gewesen sein, gerade da etwaige Beziehungsgeflechte unter dem Gesichtspunkt der Prädestination ganz anders betrachtet werden können – doch stellt FENSTER ZUM SOMMER eindeutig eine unspektakulärere, seichtere und stellenweise sogar explizit kitschige Variante vor.

Davon abgesehen bietet FENSTER ZUM SOMMER einen grundsoliden handwerklichen Part – auch wenn die teils opulenten Bilder oftmals nicht halten können, was sie versprechen. Doch speziell in Bezug auf die Leistungen der Darsteller, respektive die One-Man-Show von Nina Hoss gibt es nichts zu beanstanden. Wo genau die 3,2 Millionen Euro eingeflossen sind die die Produktion veranschlagt hat; bleibt allerdings weitestgehend offen respektive kaum ersichtlich. Schließlich ist das Ganze über weite Strecken wie ein Kammerspiel inszeniert – mit einem stärkeren Fokus auf Charakterszenen, und keineswegs auf Spezialeffekte oder explizit aufwendigere Szenen.

Fazit: So richtig durchdacht und nennenswert ausgearbeitet erscheint das FENSTER ZUM SOMMER nicht. Trotz der anberaumten übergeordneten Thematik, trotz des fantastischen Elements (welches erst dafür verantwortlich ist dass der Film überhaupt Interesse generiert) bleibt er verdächtig bodenständig und hat eben doch mehr von einer typischen Romanze, als es einem entgegen möglicher Erwartungen lieb sein könnte. Wer erwartet, interessante Denkanstöße zum Thema der Prädestination oder überhaupt nennenswerte Gedankenspiele serviert zu bekommen, wird gnadenlos enttäuscht. Anders gesagt: FENSTER ZUM SOMMER ist ein weder-noch-Film mit starken Figuren – aber einem Drehbuch, das wahrlich jeder schreiben können. Und das, obwohl es tatsächlich sogar relativ frei von der Vorlage adaptiert wurde – was weitere Möglichkeiten hätte zulassen sollen. Vielleicht hat man sich einfach nicht getraut und ist doch lieber auf Nummer sicher gegangen ? Das Ergebnis ist nicht katastrophal, aber insgesamt doch eher enttäuschend.

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„Insgesamt etwas zu unausgegoren.“

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Filmkritik: „Max Manus“ (2008)

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Originaltitel: Max Manus
Regie: Espen Sandberg, Joachim Rønning
Mit: Aksel Hennie, Agnes Kittelsen, Julia Bache-Wiig u.a.
Land: Norwegen, Dänemark, Deutschland
Laufzeit: ca. 118 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Kriegsfilm / Drama
Tags: Zweiter Weltkrieg | Nazi-Deutschland | Norwegen | Finnland | Besetzung

Die größten Helden sind die, die diesen Titel nicht für sich beanspruchen.

Kurzinhalt: Als der junge Frontsoldat Max Manus (Aksel Hennie) in den frühen 40er Jahren von einem Kriegseinsatz zurück in seine norwegische Heimat kommt, stellt er fest dass nunmehr auch sein eigenes Heimatland von den machthungrigen Nationalsozialisten besetzt ist. Auch wenn die Regierung dabei zu einer raschen Kapitulation bereit war, regt sich Widerstand – vor allem in der hiesigen Bevölkerung. Der Widerstand wird schnell zu einer immer größeren Bewegung – einer, zu der sich alsbald auch Max Manus zählt. Gemeinsam mit einigen sehr engen Freunden ist er Teil einer geheimen Untergrundorganisation, die Sabotageakte auf wichtige Ziele plant – auch unter Aufopferung des eigenen Lebens. Im weiteren Kriegsverlauf sind die Erlebnisse der Widerständler mal von durchschlagenden Erfolgen, mal von schweren Niederlagen geprägt – bis sich die Lage ein weiteres Mal zuspitzt. Schließlich hat es der findige Gestapo-Offizier Siegfried Fehmer (Ken Duken) auf den organisierten Widerstand abgesehen, und kommt mit seinem Spürsinn tatsächlich nah an die beteiligten Männer heran.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Filme über den Zweiten Weltkrieg gibt es bekanntlich wie Sand am Meer. Umso schwieriger ist es für Filmemacher, auch in der heutigen Zeit noch bisher unbeleuchtete Aspekte auf die Leinwand zu bringen, geschweige denn die Wichtigkeit und Intensität früherer Genre-Klassiker zu erreichen. Doch zumindest in Bezug auf den ersten Punkt scheint das Konzept des norwegischen Regisseur-Duos aus Espen Sandberg und Joachim Rønning aufgegangen zu sein: mit ihrem Porträt eines norwegischen Widerstandskämpfers zeigen sie eine sicherlich nicht allzu oft behandelte Kriegsgeschichte. Eine, die sich speziell mit den Bestrebungen des Nazi-Regimes befasst, das Dritte Reich auch möglichst weit gen Norden auszuweiten – und eine, die der hiesigen Bevölkerung und deren Durchhaltewillen einen verdienten Tribut zollt. Als Galionsfigur, und stellvertretend dafür dient die (auf wahren Begebenheiten beruhende) Lebensgeschichte des Norwegers Max Manus, der sein Leben dem Kampf für Freiheit verschrieben hat – und selbst in Zeiten schwerer persönlicher Schicksalsschläge nicht von seinen Vorhaben abzubringen ist.

Und auch wenn sich Espen Sandberg und Joachim Rønning in MAX MANUS eher auf die rekonstruierten Ereignisse während der aktiven Kriegsphase beziehen und die Biografie des Titelhelden auf eben diesen Zeitraum beschränken, haben sie eines ganz sicher erreicht. MAX MANUS ist einer der mitunter Charakter-intensivsten Kriegsfilme überhaupt geworden – was in Anbetracht der inhaltlichen Gewichtung des Films doch leicht überraschend ist. Die glaubwürdige Figurenzeichnung, der immer wieder auf das Innenleben der Protagonisten schwenkende Fokus, die Darstellung des freundschaftlichen bis brüderlichen Zusammenhaltes innerhalb der Widerstandsbewegung – hier stimmt nicht nur die eigentliche Qualität des offerierten, sondern auch das Timing und die Dramaturgie. So hat der Film neben seinem ohnehin und durch die Rekonstruktion einiger markanter Kriegsereignisse vorhandenen Spannungsbogen auch immer wieder bemerkenswerte Charaktermomente anzubieten. Solche, die jedoch nicht nur auf das gute Drehbuch zurückzuführen sind – sondern speziell auch auf die Leistung des Hauptdarstellers Axsel Hennie als MAX MANUS. Schließlich verkörpert der seine historische Figur derart glaubwürdig und intensiv, dass man glaubt er würde sich in seiner Rolle verlieren – sie scheint ihm wie auf den Leib geschneidert. Man kommt kaum umher, hier von einer mehr als nur gelungenen Leistung zu sprechen – einer, der die anderen Darsteller leider nicht mehr viel hinzuzufügen haben. Aber auch diese verkaufen sich glücklicherweise nicht unter Wert (Ken Duken beispielsweise überrascht als glaubwürdiger Gestapo-Spürhund mit zwei Gesichtern); und bestätigen den Eindruck des rundum perfekten Casts.

Was bleibt, ist die eigentliche Geschichte; respektive die Beleuchtung einiger markanter Kriegsereignisse aus der Sicht des norwegischen und finnischen Widerstandes. Zwar kann man hier nicht von einer ähnlich intensiven, aufrüttelnden oder auch schockierenden Wirkung sprechen wie bei anderen Kriegsfilmen, die beispielsweise auch den Holocaust mit einbeziehen und etliche Gräueltaten der Nazis noch expliziter aufzeigen – doch andererseits ist es eine willkommende Abwechslung und so gesehen auch eine Notwendigkeit, andere (und im schlimmsten Fall eher vergessene) Kriegsaspekte wie etwa die verschiedenen Widerstandsbewegungen genauer zu beleuchten. Im Falle des norwegischen Widerstandes jedenfalls ist dies den Regisseuren; auch wenn sie sicher alles andere als eine sich vollständig anfühlende Geschichte anbieten, durchaus gelungen – auch, da sie das nötige Gespür für die Gewichtung der einzelnen Erzähl-Elemente nicht vermissen lassen. Der solide Spannungsbogen wird somit nicht nur von den starken Charakterporträts untermauert, sondern auch von den immer wieder eingeschobenen dramatischeren Szenen und den durchaus fulminanten und stimmig inszenierten Action-Momenten.

Der positive Eindruck der inhaltlichen Schwerpunkte und das regelrechte Spiel mit verschiedensten Eindrücken und Emotionen setzt sich indes auch in Bezug auf die visuelle Ausarbeitung des Films fort. Diese vermag es trotz einer gewissen Opulenz eine dichte Atmosphäre zu generieren – und lässt dabei auch den nötigen Blick für Details nicht vermissen. Beeindruckend sind hier schließlich nicht nur die Kostüme und Kulissen, sondern auch der Aufbau der Sets und die Einbeziehung der Drehorte – sodass speziell die Hafenszenen (trotz teils ersichtlicher Trickserei) erstaunlich realistisch wirken. Einige Massenszenen mit unzähligen Statisten sprechen abermals dafür, dass man hier keinen allzu lieblosen oder auch beliebigen Kriegsfilm inszenieren wollte – sondern einen, dem man den investierten Aufwand auch ansieht.

Fazit: MAX MANUS ist nüchtern betrachtet keiner der spektakuläreren Kriegsfilme – und dennoch handelt es sich um ein vergleichsweise wertvolles Genrewerk. Zum einen, da die Nazi-Besetzung in Bezug auf die nördlichen Regionen vergleichsweise selten in bekannteren Kriegsfilmen mit größeren Budgets behandelt wird, analog dazu etliche Widerstandsbewegungen selten in den Fokus gerückt werden – und zum anderen, da er sowohl markante Qualitäten hinsichtlich seiner Charakterzeichnung als auch die rundum gelungene optische Gestaltungsarbeit anzubieten hat. Von allzu viel Kitsch und Pathos wird ebenso wie von einer sonst oft vorhandenen Oberflächlichkeit abgesehen, die etablierte Wirkung aus Spannung und Dramatik geht auf – und das sehr gute, wenn nicht gar auszeichnete Schauspiel rundet die Sache nach oben hin ab.

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„Ein charakterstarker, spannender und brillant in Szene gesetzter Kriegsfilm – eine echte Überraschung.“

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Filmkritik: „Fando Und Lis“ (1968)

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Originaltitel: Fando Y Lis
Regie: Alejandro Jodorowsky
Mit: Sergio Klainer, Diana Mariscal u.a.
Land: Mexiko
Laufzeit: ca. 96 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Fantasy, Drama
Tags: Pärchen | Liebe | Leben | Tod | Tar | Hölle

Zwischen Genie und Wahnsinn in vier Akten.

Kurzinhalt: Fando (Sergio Klainer) macht sich mit seiner Geliebten Lis (Diana Mariscal) auf, um die sagenumwobene Stadt Tar zu finden. Denn hier soll alles besser sein als in der restlichen, teilweise völlig zerstörten Welt – wenn nicht gar wie im Paradies. Problematisch ist nur, dass Lis schwer krank ist und deshalb auf einem selbst gebauten Wagen von Fando geschoben werden muss. Auf ihrem Weg begegnen sie allerlei merkwürdigen Gestalten – doch scheint die wahre Gefahr von ihnen selbst auszugehen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Alejandro Jodorowsky, der sich mit seinem quasi-Biopic THE DANCE OF REALITY (Review) zuletzt selbst ein filmisches Denkmal gesetzt hatte; gilt schon längst als leibhaftige Kult-Figur des auf die Leinwand gebannten Surrealismus. Wohl auch, da der 1929 geborene Regisseur, Drehbuchautor und Freigeist mit EL TOPO (1970) und DER HEILIGE BERG (1973) zwei bis heute unvergleichliche und unerreichte Ausnahme-Filme geschaffen hat, die interessierte Cineasten über Generationen beschäftigen sollten. Ebenfalls in aller Munde ist eine nie fertiggestellte Verfilmung von DUNE, der man stattdessen eine Dokumentation gewidmet hat (JODOROWSKY’S DUNE). Doch begann sein eigentlicher Werdegang als Filmschaffender schon früher, genauer gesagt mit seinem Kurzfilm LA CRAVATE aus dem Jahre 1957 – bis es jedoch zu seinem ersten abendfüllenden Spielfilm kommen sollte, vergingen noch einmal knapp 10 Jahre. Das erste handfeste Anschauungswerk der (sicher eigentümlichen) Marke Jodorowsky horcht auf den Namen FANDO UND LIS – und basiert; was ebenfalls kein Zufall ist, auf dem gleichnamigen Theaterstück von Fernando Arrabal. Denn nicht nur, dass die beiden Ausnahme-Talente und Freigeister eine Passion verbindet – beide hatten ihre cineastische Blütezeit um das Jahr 1970. Und so lange die Ära des Kinos schon zurückzuliegen scheint, so viele Jahre Pause insbesondere in einer Filmografie wie der von Alejandro Jodorowsky auftauchen – man kann sich einfach nicht des Gefühls erwehren, dass hier Filmgeschichte geschrieben wurde.

Dabei fällt es vergleichsweise schwer, die tatsächlichen Ursprünge dieser Faszination zu ergründen – was gerade aus heutiger Sicht und mit dem Wissen um die späteren Werke Jodorowsky’s sogar unmöglich sein könnte. Dennoch lohnt es sich zweifelsohne, einen retrospektiven Blick auf einen frühen Film wie FANDO UND LIS zu werfen – vielleicht auch einfach nur, um sich zu wundern. Darüber, wie ein alles andere als konventioneller Film wie dieser wohl beim damaligen Publikum angekommen ist, welches Potential man in Jodorowsky erkannte – und natürlich auch darüber, wie verquer der Film letztendlich gestrickt ist.

So gesehen erscheint es beinahe unabdinglich, den Film in mehrere (Deutungs-)Ebenen aufzuspalten; erst Recht wenn man sich eine wie auch immer geartete Bewertung heranwagt. FANDO UND LIS ist somit nicht nur ein Drama in Form einer nur schwer greifbaren Charakter- und Lebensstudie, dass sich auf einer tatsächlichen Handlungsebene abspielt – sondern auch ein surrealistischer Kunstfilm mit viel Symbolik und mehreren Interpretationsebenen. Betrachtet man zunächst nur die erste, oberflächliche Ebene; so ist zumindest eines schnell festzustellen: Jodorowsky scheint sich in FANDO UND LIS vielmehr seinen unterschwelligen, gleichermaßen philosophischen wie verstörenden Deutungsebenen hinzugeben; die eigentliche Handlung ist vergleichsweise schnell erzählt. Es geht schlicht um ein Pärchen, welches auf dem Weg in eine sagenumwobene Stadt namens TAR ist – und auf eben jenem Weg auf so manchen Stolperstein trifft. Das ist die grobe Handlung des Films – die demnach weder einen Anfang noch ein wirkliches Ende hat. Etwaige Dialoge oder markantere Zwischenstopps könnte man noch chronologisch und zwecks eines roten Fadens in die richtige Reihenfolge bringen – doch nützt auch das nicht viel. Ohne die zweite, weitaus mächtigere Ebene des Films bleibt FANDO UND LIS ein erschreckend langatmiges, und zudem handwerklich kaum beeindruckendes Werk; dass die Nerven des Zuschauers gleich in mehrerlei Hinsicht strapazieren könnte.

Das Problem: es kann durchaus sein, dass der Zuschauer tatsächlich nicht viel mehr im Film sieht (oder besser gesagt: für sich herausholen kann) als die eben erwähnte Tatsachen-Ebene. Das hat zur Folge, dass FANDO UND LIS alles andere als ein Film für Jedermann ist – aber auch, dass man ihn vergleichsweise kritisch beäugen muss. Schließlich werden hier kaum nennenswerte Anhaltspunkte offeriert, ganz im Gegensatz zu seinen späteren, schon greifbareren Werken – ohne ein jegliches Vorwissen in Bezug auf Jodorowsky als Mensch, oder seine möglichen Ambitionen sich in einer eher niedergeschlagenen Art und Weise mit dem Leben zu befassen (Krieg spielt hier sicher eine nicht unwichtige Rolle) wird man während der gesamten knapp 90 Minuten des Films eher auf dem Schlauch stehen. Und sich; wie bereits schon weiter oben erwähnt, reichlich wundern – über den oberflächlich betrachtet verdächtig substanzlosen Film, die karge Optik, die hektischen Schnitte, die nervenaufreibende Filmmusik und die immer wiederkehrenden fremdartigen Elemente. Von denen gibt es in FANDO UND LIS reichlich zu sehen – nur tragen sie selten etwas zum Handlungsverlauf oder zur Charakterzeichnung bei. Sie sind einfach da – und könnten je nach Facón anders interpretiert werden. Die entscheidende Frage ist nur, ob man als Zuschauer auch das nötige Interesse, den nötigen Willen dafür mitbringen kann.

Denn wirklich reizvoll im eigentlichen Sinne erscheint FANDO UND LIS nicht. Zwar stellt sich einstweilen eine dezent hypnotische, im Sinne eines (Alp-)Traums fesselnde Atmosphäre ein – doch erscheint sie hier eher zusammenhanglos und aus reinen Versatzstücken generiert. Als großes Ganzes funktioniert der Film noch am ehesten als abstrakte Liebesgeschichte, die eine Reise zu einem bestimmten (aber nicht unbedingt existierenden  Ort) als Aufhänger nutzt – und bei der man einstweilen (und wenn man aufmerksam genug ist) tatsächlich einige interessante Zwischentöne heraushören kann. Insbesondere die ständigen Konflikte, die gegen Ende des Films einen traurigen Höhepunkt erreichen; dienen hier als Hauptorientierungspunkt.

Natürlich ist es auch möglich, weit mehr in FANDO UND LIS zu sehen als das bereits erwähnte. Hier gilt es dann allerdings, eine entsprechende Vorliebe für das Genre des Surrealismus mitzubringen – und auch sonst ein eher hart gesottener Filmzuschauer mit einem gewissen Abstraktionsvermögen zu sein. Dann, und nur dann erlangt man einen möglicherweise völlig differenten Blickwinkel auf den Film, und könnte die hier stattfindende Reise mit einem anderen Prozess in Verbindung bringen: dem des Sterbens. Demnach würde die Reise nach TAR nur dann erfolgreich sein, wenn sie wie im Film gezeigt scheitert – und man hätte ein Happy-End, wenn auch ein etwas anderes als man es erwartet hätte.

Neben allen sicherlich diskutablen inhaltliche Faktoren ist es derweil schade zu sehen, dass FANDO UND LIS nicht gerade vor einer großen Handwerkskunst strotzt. Im Gegenteil, das Ganze wurde aus der Erinnerung Jodorowsky’s an Arrabal’s Theaterstück rekonstruiert, und das mit einem so gut wie überhaupt nicht vorhandenen Budget. Als Schauplatz dient die Natur, respektive eine karge Steinwüste – in der nur selten Hand angelegt wurde, um der ein oder anderen Szene eine größere Identität zu verliehen. Auch die eingebrachten surrealen Elemente wirken nicht immer stilsicher: insbesondere das brennende Klavier zu Beginn wirkt recht plump und dezent abgekupfert, die Kostüme sind nicht herausragend, Effekte oder besondere Kamera-Kniffe sind nicht vorhanden. Es sei denn, man zählt den stark gewöhnungsbedürftigen Schnitt hinzu. Während man über die Leistungen der Darsteller nicht wirklichen sprechen kann (die Dialoge sind marginal, ihr Gebaren ohnehin so abstrus dass man keine gängigen Maßstäbe ansetzen kann), fällt vor allem der Soundtrack negativ auf. Wobei man nicht wirklich von einem Soundtrack sprechen kann – sondern vielmehr von endlos gesampelten Sound-Fetzen, die im Mittelteil des Films beispielsweise aus einem niemals enden wollenden Geräusch surrender Mücken, oder einer Art Tür-Knarren vermengt mit einem Schweine-Quietschen bestehen. Das, sowie die weitere nicht selten aufdringliche Soundkulisse führen schnell dazu, dass man geneigt ist den Lautstärkeregler ganz schnell nach unten zu drehen; Kunst hin oder her.

Fazit: Eigentlich entzieht sich ein Film wie FANDO UND LIS einer regulären (Film-)Wertung. Dennoch soll als Ergebnis dieser Rezension genau dieser Versuch unternommen werden – auch, um ihn von Jodorowsky’s späteren Werken abzugrenzen. FANDO UND LIS ist wie ein auf die Leinwand gebannter Traum, von dem man nie so Recht weiß ob es sich um einen Wunsch- oder Alptraum handelt – mit entsprechend verwirrenden Bild- und Soundelementen, völlig abstrusen Zwischenereignissen und einer handvoll Fragezeichen. Was genau man in diesen Film hineininterpretieren kann oder vielleicht auch sollte, ließe sich wohl am besten bei einer Tasse Tee mit Jodorowksy selbst erörtern – für den normalsterblichen Zuschauer bleibt FANDO UND LIS eher ein einstweilen merklich anstrengender, handwerklich und inszenatorisch wenig aufregender Film über die Wirren des Lebens. Ein unvergleichlicher zwar – doch reicht das allein nicht aus, um ihn als Meisterwerk abzustempeln.

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„Alles andere als ein alltägliches Erlebnis, über das sich auch heute noch streiten ließe.“

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Filmkritik: „Drachenläufer“ (2007)

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Originaltitel: The Kite Runner
Regie: Marc Forster
Mit: Khalid Abdalla, Atossa Leoni, Ahmad Khan Mahmidzada u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 122 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Afghanistan | Krieg | Frieden | Freundschaft

Lasst Drachen steigen – und die Welt wird ein kleines Stückchen besser.

Kurzinhalt: Die beiden Freunde Amir (Zekeria Ebrahimi) und Hassan (Ahmad Khan Mahmoodzada) wachsen gemeinsam in Afghanistan auf. Eigentlich sind ihre gemeinsamen Tage recht glückliche – zumindest bis die beiden älter werden und sich ihre unterschiedliche Herkunft bemerkbar macht. So gehört Hassan der Hazara-Minderheit an, und wird deshalb des Öfteren von anderen Jungs aus der Nachbarschaft schikaniert. Es kommt sogar so weit, dass er eines Tages von einer Gruppe Jugendlicher vergewaltigt wird – während Amir das Geschehen aus einer sicheren Entfernung beobachtet und seinem Freund nicht zur Hilfe eilt. Mehr noch: der sonst eher schüchterne Amir, der der allgemein angeseheneren Pashtunen-Kaste angehört; stellt Hassan als Übeltäter hin – und sorgt dafür, dass Hassan’s Familie nicht mehr für die seine arbeiten darf. Die beiden Freunde werden getrennt – und hören über viele Jahre nichts mehr voneinander. Jahre später, als Amir längst in die USA geflüchtet ist um an seiner Tätigkeit als Autor nachgehen zu können; plagt ihn aber noch immer ein schlechtes Gewissen. Nachdem er sein erstes größeres Werk veröffentlicht hat, erhält er plötzlich einen Anruf – ein alter Freund und Mentor namens Rahim (Shaun Toub) bittet ihn, ihm bei einem persönlichen Anliegen zu helfen. Überraschenderweise dreht sich dieses um Hassan’s Sohn. Die Geister der Vergangenheit holen ihn doch noch ein – wenn auch in einer eher unerwarteten Form. Hinzu kommt, dass sich die allgemeine Lage in Afghanistan deutlich verändert hat…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! DRACHENLÄUFER basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage von Khaled Hosseini, der sogar einen kleinen Gastauftritt in Marc Forster’s (MONSTERS BALL, WENN TRÄUME FLIEGEN LERNEN) größtenteils hoch gelobter Verfilmung innehat. Hoch gelobt ist sie wohl zu Recht – und trotz, oder sogar gerade wegen der teilweise entstandenen erhitzen Gemüter und auf den Plan gerufener Fundamentalisten. DRACHENLÄUFER plädiert schließlich für all jene grundsätzlichen Werte, die durch die Wirren des Krieges und des allgemeinen Wahnsinns oftmals in Vergessenheit geraten – mit schwerwiegenden Folgen. Hauptsächlich geht es um eine Freundschaft, die auf die wohl härteste aller Proben gestellt wird – und sich im Laufe der Jahre zwar verliert, letztendlich aber doch wieder eine enorme Bedeutung erhält. Dabei spielt es durchaus eine Rolle, wo das Ganze spielt – im Gegensatz zu anderen Filmen einer vergleichbaren inhaltlichen Ausrichtung ist die in DRACHENLÄUFER erzählte Geschichte nicht ganz so leicht zu verallgemeinern oder auf andere Situation zu übertragen. So bringt der Schauplatz in Afghanistan mitsamt diverser historischer und politischer Hintergründe einiges an Konfliktpotential mit sich – wobei es Marc Forster und sein Drehbuchautor David Benioff (TROJA) aber grundsätzlich vermeiden, etwaige Pauschal-Urteile zu fällen. Im Gegenteil, sie gehen möglichst neutral vor; erzählen die Geschichte eher nach einer vorgegebenen Faktenlage (seitens der Buchverlage) und gehen gar nicht erst allzu sehr ins politische Detail. Dennoch werden einige wichtige Randdaten und Entwicklungen ersichtlich, wodurch vor allem eines geschieht: es wird ein Interesse generiert. Ein in diesem Falle eher positives; was den Zuschauer dazu anhält sich einmal näher mit der Geschichte Afghanistans auseinanderzusetzen und nicht immer nur die Dinge zu sehen, die einem von diversen Nachrichtenagenturen vorgesetzt werden.

Als Paradebeispiel und Symbol des Friedens fungiert dabei sicherlich der titelgebende DRACHENLAUF, der hier fast schon märchenhaft porträtiert wird und die Unbefangenheit der Kindheit Amir’s und Hassan’s repräsentiert. Analog dazu ist DRACHENLÄUFER auch grob in zwei Film-Hälften unterteilt: die eine befasst sich mit der Kindheit der beiden Hauptprotagonisten, und zeigt noch das für die Trennung ausschlaggebende Schlüssel-Ereignis – während die andere einen inzwischen erwachsenen Amir zeigt, der aus einem Heimatland fliehen musste und sich in den USA niedergelassen hat. Doch ist DRACHENLÄUFER nicht nur in Bezug auf das Porträt der beiden Hauptcharaktere zweigeteilt, sondern sicher auch hinsichtlich der politischen Hintergrundsituation: als Amir als erwachsener wieder in sein Heimatland zurückkehrt (so gesehen, um seine Schuld zu begleichen) sind einige Jahre vergangen – er muss sich als Taliban verkleiden, und findet überall wo stolze Bauwerke stehen sollten nur noch Schutt und Geröll vor. Immer wieder bemerkenswert dabei ist, wie Marc Forster auch das Innenleben der Protagonisten beleuchtet – und man an den entsprechenden, zumeist verzweifelten und nach Antworten suchenden Gedanken teilhaben kann. Vermutlich gelänge dies nur halb so gut, würden alle Beteiligten Darsteller nicht eine herausragende Leistung abliefern: vor allem die beiden Kinderdarsteller überzeugen auf ganzer Linie; und das, obwohl sie zuvor noch nie vor einer Kamera standen.

Hinzu kommt ein hervorragender technischer Part, bei dem durch wenige Mittel großes generiert wird. Beispielsweise sorgt allein die stimmige Kameraführung dafür, dass der Film enorm an Atmosphäre gewinnt – das gleiche gilt für die aufwendigeren Kamerafahrten, die gut gesetzten Nahaufnahmen und Zooms, die Landschaftsaufnahmen und den äußerst geringen Einsatz von Special Effects (Stichwort Drachenlauf).

Fazit: Wie sehr ein grundsätzlich humanistisches Werk wie DRACHENLÄUFER polarisieren kann, zeigt sich spätestens mit dem schier unglaublichen Fakt; dass einige der beteiligten Darsteller Morddrohungen erhielten. Und das nur, weil sie in einem Film mitspielten von dem sich einige auf die Füße getreten fühlen. Das geht nicht nur explizit gegen die eigentliche Intention des Films (und der Buchvorlage), sondern zeigt einmal mehr welche Gefahr von etwaigen Fanatikern ausgeht; ganz gleich welcher Nationalität oder Religion sie sich zugehörig fühlen. DRACHENLÄUFER ist ein in Filmform verpackte Botschaft des Friedens, und somit ein durchaus (ge-)wichtiger Film – der davon abgesehen auch noch einen hohen emotionalen Unterhaltungswert bereithält und handwerklich hervorragend gemacht ist.

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„Ein inhaltlich spezifischer, aber universell wirksamer und wichtiger Film.“

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Filmkritik: „Undertow – Im Sog Der Rache“ (2004)

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Originaltitel: Undertow
Regie: David Gordon Green
Mit: Jamie Bell, Devon Alan, Josh Lucas u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 110 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama / Thriller
Tags: Vater | Verbrechen | Familie | Geheimnis

Hier wird wahrlich einiges heruntergesogen.

Kurzinhalt: Das Leben der Munn’s war nicht immer einfach – erst Recht nicht, als die geliebte Ehefrau und Mutter der Familie starb. Unter anderem deshalb, und um mit seiner Vergangenheit abzuschließen beschließt John (Dermot Mulroney) mit seinen beiden Söhnen Chris (Jamie Bell) und Tim (Devon Alan) in eine ländliche Gegend von Georgia zu ziehen. Die sind allerdings nicht besonders glücklich über die aktuellen Entwicklungen – sodass Chris des öfteren Probleme mit der hiesigen Polizei bekommt und speziell Tim sich immer mehr zurückzieht. Zu allem Überfluss wird eines Tages auch noch John’s Bruder Deel (Josh Lucas) aus dem Gefängnis entlassen – und bittet um Zuflucht in der Familie. John ist skeptisch, willigt aber unter der Bedingung ein, dass Deel im Haushalt helfen müsste. Lange geht das dann aber auch nicht gut, denn Deel scheint etwas ganz bestimmtes von seinem Bruder zu wollen – und ist dafür wenn nötig auch bereit, Gewalt einzusetzen.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Eigentlich startet David Gordon Green’s UNDERTOW mit einer vielversprechenden Prämisse – einer, die sich explizit mit einer verqueren Familiensituation und dem offensichtlichen Leid der einzelnen Beteiligten auseinandersetzt. Sowohl die Gedankenwelt des Vaters, als auch die der beiden Kinder lassen einen schnell auf ein intensives Charakter-Drama schließen – das mit der anberaumten Konfrontation des Vaters mit seinem kriminellen Bruder alsbald in einem zusätzlichen Höhepunkt münden würde. Auch die Idee, dem Film eine zusätzliche Thriller-Komponente zu spendieren scheint durchdacht, der allgemeinen Atmosphäre des Films dienlich – und wenn jemand wie Terrence Malick das Ganze mitproduziert, sollten eigentlich alle Zeichen auf grün stehen. Das Problem: UNDERTOW hat zwar gute Voraussetzungen; die auch noch von einem vielversprechenden und zweifelsohne talentierten Cast gekrönt werden – scheitert aber hinsichtlich seiner Ausführung. Und das so sehr, dass die grundsätzlich düstere und desolate Stimmung des Films alsbald ins lächerliche kippt.

Und das liegt in erster Linie am vergleichsweise hanebüchenen Drehbuch, welches von Regisseur David Gordon Green und seinem Kollegen Joe Conway geschrieben wurde. So schön und ehrenwert es auch erscheint, dass UNDERTOW keine Literaturverfilmung ist oder sich auf explizite Vorbilder bezieht – auch Originale sind nicht vor Schwächen gefeit. Dabei geht es gar nicht mal um die (vielversprechenden) Eckdaten oder die bereits erwähnte, durchaus spannende Prämisse – sondern vielmehr um die inhaltliche Entwicklung des Films. Denn spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem der Familienvater John von seinem kriminellen Bruder Deel ermordet wird und der ältere Sohn entscheidet mit seinem jüngeren Bruder zu fliehen – gerät UNDERTOW zu einem echten Ärgernis. Zwar versucht man, diese und so gut wie jede andere im Film dargestellte Handlung entsprechend zu erklären und nachvollziehbar zu gestalten; doch gelingt das nur selten. Beispielsweise scheint sich David Gordon Green vor allem hinsichtlich seines eigentlichen Hauptcharakters Chris (Jamie Bell, unter anderem bekannt aus BILLY ELLIOT) des öfteren zu widersprechen. Eigentlich als viel zu schnell erwachsen gewordener Teenager mit allerlei Lebenserfahrung und handwerklichem Geschick porträtiert, scheint eine jede von diesem Charakter getroffene Entscheidung völlig an den Haaren herbeigezogen. Das gleiche gilt für seine Funktion als Beschützer seines jüngeren, offenbar stärker als er in Mitleidenschaft gezogenen Bruders: zwar will er ihn beschützen; doch augenscheinlich nur vor ihrem neuen gemeinsamen Verfolger. Der sichtlich bedenkliche gesundheitliche Zustand seines Bruders scheint dagegen kein Anlass zu sein, sich Hilfe von Außen zu suchen. Die viel zu simple Erklärung dass er Angst hat, von der Polizei fälschlicherweise des Mordes bezichtigt zu werden; reicht hier einfach nicht aus.

Ebenso abstrus wie die Verhaltensweisen der Charaktere sind dann auch der Plot und die investierte handwerkliche Arbeit. Teilweise sind sogar offensichtliche Film-Fehler erkennbar, die man sonst mit der Lupe suchen muss – wie in Bezug auf eine völlig misslungene Konfrontations-Szene auf einem alten Müllplatz. Hier sieht man Deel, wie er seinen älteren Neffen überzeugen will, ihm die Goldmünzen auszuhändigen – mit gutem Zureden, aber dennoch einem Messer in der Hand. Eventuell haben sich auch die Macher gedacht, dass dies keine glaubhafte Darstellung wäre – sodass das Messer in der nächsten Szene plötzlich verschwunden ist. Doch dann, und nach einem weiteren Schnitt taucht es doch wieder auf – das darf einfach nicht passieren. Auch erscheint es merkwürdig, dass der jüngere und kranke Bruder mit seinem älteren Beschützer Schritt halten kann – eigentlich sollte ihm das sein gesundheitlicher Zustand verbieten oder zumindest erschweren. Immerhin können die beiden so immer wieder vor ihrem Verfolger fliehen – dafür, dass die beiden allerdings Todesangst haben müssten; wirken sie oftmals merkwürdig besonnen. Die Tatsache, dass sich das leidliche Haupt-Element des Films (die Flucht) dann auch noch andauernd wiederholt – indem der Verfolger immer wieder ausgeschaltet wird und die beiden wieder einige hundert Meter davonlaufen – macht es auch nicht besser. Das Ende setzt dem Ganzen dann allerdings erst Recht die Krone auf: nach einer weiteren völlig abstrusen Kampf-Szene werden die beiden Kinder plötzlich zu ihren bisher überhaupt nicht erwähnten Großeltern gebracht. Trotz zweier Toter gibt es also ein klares (aber eben nicht wirklich stimmiges) Happy-End, dass alle potentiell noch offenen Fragen unsanft niederschmettert.

Hinzu kommen allerlei technische Aspekte, die den Filmgenuss ebenfalls dezent trüben können – wie in Bezug auf den hakeligen und inkonsequenten Schnitt; der den Zuschauer zunächst noch nah an den Rand eines epileptischen Anfalls bringt – es dann aber eher gediegen angehen lässt. Selbst der Soundtrack von Altmeister Philipp Glass ist eine herbe Enttäuschung: nicht nur, dass die hie und da eingespielten Stücke nicht so recht zum Geschehen und der Atmosphäre des Films passen wollen; sie sind zusammenfassend schlicht deutlich zu unspektakulär.

Fazit: Abgesehen von seinem starken, aber hoffnungslos unterforderten Cast und der zunächst vielversprechenden Prämisse weiß UNDERTOW nur verdächtig wenig anzubieten. In erster Linie, weil der gesamte Handlungsverlauf zu den kuriosesten, trotz des ernsten Grundtons geradezu lachhaftesten überhaupt gehört – aber auch, da David Gordon Green ein jegliches Gespür für eine ausgewogene Balance zwischen einem Charakter-intensiven Drama und einem packenden Thriller abhanden gekommen ist. In der vorliegenden Form kann er schließlich keinem der beiden anberaumten Genres gerecht werden – und verzettelt sich stattdessen in einer von der Idee her spannenden, in der Ausführung aber völlig abstrusen Reise zweier junger Protagonisten auf der Flucht vor ihrem kriminellen Onkel. Die trotz Low-Budget-Charme verdächtig laienhafte Inszenierung, zahlreiche Logikfehler, eine ausbleibende charakterliche Tiefe und das absolute Hintenan-stehen der essentiellen Aspekte (Verlust der Mutter, sozialer Rückzug, Depression, Bedeutung der Münzen) runden die Sache nach unten hin ab.

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„Eines der enttäuschendsten und ärgerlichsten Thriller-Dramen überhaupt.“

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Filmkritik: „Taare Zameen Par – Ein Stern Auf Erden“ (2007)

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Originaltitel: Taare Zameen Par
Regie: Aamir Khan
Mit: Darsheel Safary, Aamir Khan, Tanay Chheda u.a.
Land: Indien
Laufzeit: ca. 165 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Kinder | Schule | Lehrer | Gesellschaft | Kritik

Ein Regie-Debüt und Lebenswerk.

Kurzinhalt: Auf den ersten Blick wirkt der 8-jährige Ishaan Awasthi (Darsheel Safary) wie ein ganz normaler indischer Junge. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass er doch etwas anders ist als die vielen anderen Kinder seines Alters. Schließlich entdeckt Ishaan die Welt auf seine ganz eigene Art und Weise, und bringt seine Eltern das eine ums andere Mal zur Verzweiflung. Doch was es ist, was ihn des öfteren seinen Tagträumen hinterherjagen lässt und dazu führt, dass er dem Unterrichtsstoff in der Regelschule kaum folgen kann bleibt zunächst offen – Fakt ist nur, dass Ishaan’s Eltern ihm eine bestmögliche Zukunft ermöglichen wollen. Deshalb schicken sie ihn kurzerhand auf ein Internat, wohl auch da sie davon ausgehen dass ihrem Sohne einfach nur die nötige Disziplin fehlt. Doch auch hier hat Ishaan Schwierigkeiten – sogar noch gravierendere als zuvor. Er scheint sich nun endgültig von der Außenwelt abzukapseln und durch das Raster des auf möglichst funktionierende Schüler ausgelegten Schulsystems zu fallen – bis eines Tages ein neuer Kunstlehrer (Aamir Khan) seine Tätigkeit am Internat aufnimmt. Tatsächlich scheint er eine der wenigen Personen zu sein, die tatsächlich einen echten Draht zu den Schülern herstellen können – und so auch zu Ishaan. Nachdem er mehr über den Jungen und seine bisherigen Schwierigkeiten erfährt, entschließt er sich ihm und seiner Familie zu helfen.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! TAARE ZAMEEN PAR ist der Titel eines indischen Films und Regie-Debüts von Aamir Khan – der zuvor vor allem als Schauspieler in diversen Hindi-Produktionen aufgefallen ist. Offenbar reichte ihm das aber nicht mehr – sodass er neben seiner Hauptrolle erstmals auch hinter der Kamera Platz nahm. Und das mit einem durchaus ehrenwerten Ziel: TAARE ZAMEEN PAR ist als gesellschaftskritisches Drama über das indische (und nicht nur das) Schulsystem ausgelegt; und beschäftigt sich anhand eines Fallbeispieles mit dem Schicksal eines Jungen, der ohne eine entsprechende Förderung und Unterstützung wohl vollständig durch das Raster der standardisierten Bildungsinstitute gefallen wäre. Vor allem geht es dabei aber um die Frage, ob man Kinder wie den heimlichen Filmheld Ishaan tatsächlich als Heranwachsende mit eine Art Handicap betrachten sollte (was hier aus gesellschaftlicher Sicht durchaus zuträfe) – oder, ob nicht auch sie es verdient hätten dass man sich näher mit ihnen auseinandersetzt, mögliche Talente entdeckt und ihnen alternative Wege aufzeigt, um sich zu verwirklichen. Allein dass sich Aamir Khan in seinem ersten Film derart intensiv mit einem eher sperrigen Thema wie diesem auseinandersetzt, verdient Anerkennung – doch hat man im Falle von TAARE ZAMEEN PAR stets das Gefühl, dass noch mehr dahintersteckt. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob er als Kind tatsächlich ähnliche Erfahrungen gemacht hat oder ihn ein genereller Unmut über etwaige gesellschaftliche Missstände beschäftigt – der Film wirkt überraschend authentisch und ehrlich, und schließlich auch so als würde eine Riesengroße Portion Herzblut in ihm stecken.

Das liegt sicher auch daran, dass TAARE ZAMEEN PAR zwar explizite gesellschaftskritische Elemente beinhaltet und sich einige deshalb auf den Fuß getreten fühlen könnten – er aber viel eher an das Gute im Menschen appelliert als zu jeder Situation den moralischen Zeigefinger zu erheben. Auch die recht erfrischende, gleichermaßen rebellische wie liebevolle Machart des Films ist angenehm – und zwar so sehr, dass die zunächst recht mächtig anmutenden 165 Minuten Gesamtlaufzeit wie im Fluge vergehen werden. Und das liegt nicht nur daran, dass wie für viele Filme aus Indien üblich auch in diesem Fall einige Tanz- und Gesangsintermezzi vorkommen; was für einige eher befremdlich wirken könnte. Und doch macht sich diesbezüglich schnell eines bemerkbar: mit den Musical-Elementen aus TAARE ZAMEEN PAR könnten selbst jene, die bisher gut auf dieses stilistische Element verzichten konnten; eines besseren belehrt werden. Wohl auch, da es ausnahmsweise mal nicht um den ganz großen Liebes-Kitsch geht – sondern vielmehr um menschliche Interaktionen im allgemeinen. So kann selbst eine zunächst nüchtern erscheinende Szene in einem Klassenraum zu einer kultverdächtigen, und trotz potentieller Sprachbarrieren mitreißenden Performance avancieren. Immer mit von der Partie ist dabei natürlich Aamir Khan – der es als vergleichsweise präsenter und engagierter Darsteller gerade noch schafft, seinem jüngeren Kollegen Darsheel Safary den benötigten Raum zu geben und ihm nicht völlig die Show zu stehlen.

Dass analog zu den angenehmen menschlichen Aspekten und Aussagen des Films auch noch der technische Part überzeugt, spricht in diesem Fall für sich. Die bereits erwähnten Darsteller spielen ihre Rollen stets glaubhaft und so, dass man kaum umherkommt sie direkt liebzugewinnen. Die allgemeine Optik lädt mit satten Farben und stimmigen Schauplätzen ein, ein wenig in der Welt von TAARE ZAMEEN PAR zu versinken – ebenso wie der höchst gelungene Soundtrack. Wenn dann hie und da alle Aspekte ineinanderlaufen, speziell in Bezug auf die gut choreographierten und aufwendig erscheinenden Musical-Szenen – bleiben kaum Wünsche mehr offen. Einzig die Tatsache; dass der Film zwar durchaus als modernes Märchen funktioniert – aber doch einige etwas zu kitschige Momente hat – trübt den kunterbunten Filmgenuss dezent. Davon abgesehen kann oder sollte TAARE ZAMEEN PAR durchaus im Kreise der Familie gesehen werden – schließlich sollten einem lebensbejahenden Werk wie diesem alle etwas abgewinnen können.

Fazit: Die zugrundeliegende Geschichte von TAARE ZAMEEN PAR mag vorhersehbar sein – doch wirkt sich das kaum auf die etablierte Wirkung dieses gleichermaßen spaßigen wie kritischen Dramas aus. Das Hauptaugenmerk gilt schließlich den wichtigen Botschaften und sicher auch dem Weg dorthin – der hier besonders unterhaltsam ausfällt und ein perfekte Balance zwischen eher ernsten und auch mal dezent komödiantischen Elementen offeriert. Um es im Geiste des Films zu sagen: jedes Kind ist etwas besonderes, wobei es sich manchmal lohnen oder sogar unausweichlich sein kann näher auf eben jene Besonderheit einzugehen. Und an wem sollte das – in Anbetracht oft festgefahrener gesellschaftlicher Umstände und Sichtweisen – liegen, wenn nicht an jedem einzelnen ?

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„Kritisch, authentisch, unterhaltsam, lebensbejahend und auch handwerklich ein Genuss.“

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Filmkritik: „Den Himmel Gibt’s Echt“ (2014)

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Originaltitel: Heaven Is For Real
Regie: Randall Wallace
Mit: Kelly Reilly, Greg Kinnear, Connor Corum u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Religion | Gott | Jesus | Glaube | Familie

Was wäre, wenn…

Kurzinhalt: Wie alle anderen ist auch die Familie Burpo nicht vor etwaigen Schicksalsschlägen gefeit. Nachdem die Mutter Sonja (Kelly Reilly) bereits eine Tochter verlor; und das noch vor der Geburt – steht es einige Jahre später plötzlich schlecht um ihren Sohn Colton (Connor Corum). Gerade noch rechtzeitig schaffen es die Eltern ins Krankenhaus – wo Colton behandelt wird, aber offenbar auch eine seltsame spirituelle Erfahrung macht. Die beschäftigt fortan vor allem seinen Vater Todd (Greg Kinnear), der neben seiner zahlreichen anderen Jobs auch Prediger in der hiesigen christlichen Kirche ist. Sein Sohn behauptet schließlich nicht weniger, als den Himmel besucht zu haben – was man erst als bloße Phantasterei betrachtet, nach der Schilderung einiger Dinge die Colton aber eigentlich gar nicht wissen kann erneut hinterfragt.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Es gibt zumeist zwei Arten von Filmen, bei denen man schnell merkt das etwas anders ist. Anders im Sinne einer thematischen Gewichtung; oder noch besser gesagt einer spirituellen Marschrichtung. In der Tat ist die Rede von Filmen, die nicht nur für mehr oder weniger strenge Anhänger des Christentums geeignet sind – sondern solchen, die von gläubigen Christen gemacht und auf ein entsprechendes Publikum zugeschnitten wurden. DEN HIMMEL GIBT’S ECHT ist einer eben jener Kandidaten – wobei er zur eher guten; das heißt allgemein problemlosen Fraktion der christlichen Filme gehört. So offeriert der Film eine zwar deutlich christlich geprägte, aber weitestgehend neutral erzählte Ansicht einer Familie – die mehrere Schicksalsschläge überstehen muss. Diese Ereignisse, die sich vor allem auf den Tod geliebter Familienmitglieder und Mitmenschen beziehen; führen dann auch zum eigentlichen Kern des Films: es geht um die Auseinandersetzung mit dem Leben, und der ständigen Neubewertung des für den einen mehr, für den anderen weniger wichtigen Glaubens.

Dabei geht DEN HIMMEL GIBT’S ECHT trotz seiner klar dem Christentum zuzuordnenden Kernelemente und seiner deutlicheren Ausführung der für den Filmtitel ausschlaggebenden Inhalte (resultierend aus einer Nahtoderfahrung eines Kindes) recht bodenständig vor –  und schildert die auf einer wahren Begebenheit basierenden Ereignisse (die auf einer entsprechenden Buchvorlage basieren) stets glaubwürdig. Diese Wirkung wird vor allem dadurch erzielt, dass DEN HIMMEL GIBT’S ECHT vielmehr wie ein Tatsachenbericht oder auch die Chronologie einer Familie aufgebaut ist – und alle weiterführenden, potentiell metaphysischen Inhalte kaum bewertet werden. Es bleibt letztendlich dem Zuschauer überlassen, was er sich aus einer Geschichte wie dieser hier mitnimmt und was er in sie hineininterpretiert. Sei es, dass er sich tatsächlich Gedanken über den Sinn oder Unsinn des Glaubens und speziell des Christentums macht, sich mit der Frage beschäftigt ob es nach dem Tod noch ein weiteres, anderes Leben geben könnte – oder ob er das Ganze vergleichsweise nüchtern und lediglich als Familiendrama mit einer eher religiösen Gewichtung betrachtet. Jedem bleibt die Gewissheit, mit DEN HIMMEL GIBT’S ECHT einen vergleichsweise wertvollen Film über das Leben und vor allem auch das Zusammenleben gesehen zu haben; ob mann nun Anhänger einer speziellen Glaubensrichtung ist oder nicht.

Dafür sorgt nicht nur das gute Drehbuch – sondern auch das durch und durch sympathische Porträt der Charaktere, die zahlreichen menschlichen Interaktionen sowie die mitunter tiefschürfenden und alles andere als platten Dialoge. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der interessanten Situation, dass der Glaube des Familienvaters ausgerechnet durch eine ihn als Prediger eigentlich bestätigende Erfahrung in Frage gestellt wird – und niemand so Recht weiß, wie mit einem Erlebnis wie diesem umzugehen ist. Dass die eigentliche spirituelle Reise – ob sie tatsächlich so wie hier gezeigt stattgefunden hat oder nicht – dann doch mit einigen zusätzlichen Effekten und christlichen Symbolen ausstaffiert wird, stört in diesem Fall auch nicht. Zum einen, da die Effekte für ein Low-Budget-Projekt wie dieses gar nicht mal schlecht aussehen; und zum anderen da man dem Zuschauer selbst immer wieder nahelegt, dass es sich vielleicht doch nur um eine Art ‚Echo‘ des Lebens handeln könnte – und keine gänzlich neue Erfahrung. Das der Filmsohn dann (und nach der Erfahrung) allerdings doch über Wissen verfügt, dass er nicht haben könnte oder sollte, mündet im wohl einzigen dezent übernatürlichen Element des Films. Doch die Filmcharaktere (und sicher auch die echten Menschen hinter der Geschichte) leben vor, wie man selbst mit einer Erfahrung wie dieser umzugehen hätte. Es gilt vorsichtig gegenüber vorschnellen Urteilen zu bleiben – und sich vor allem auf das hier und jetzt zu konzentrieren.

Das wenige, was man dem Film dann doch vorwerfen könnte wäre dass er einstweilen deutlich zu Pathos-geladen und emotional überschwänglich daherkommt – nicht wenige Szenen werden von einer lautmalerisch-klassischen, schon alleinstehend zu Tränen rührenden Filmmusik untermalt; einige Szenenbilder wirken wie aus einem etwas zu kitschigen Bilderbuch für Bibelfreunde. Auch fehlt es dem Film inhaltlich an einem gegensätzlichen Element – der Auftritt einer eher wissenschaftlich orientierten Psychologin gerät eher nebensächlich und viel zu kurz.

Fazit: DEN HIMMEL GIBT’S ECHT ist kein neuer TREE OF LIFE geworden – und will das auch gar nicht sein. Vielmehr geht es um ein kurzes, einstweilen anrührendes Porträt einer christlichen Familie, die sich aufgrund eines Schicksalsschlages intensiver als je zuvor mit ihrem Glauben auseinandersetzen muss. Das geschieht zwar nicht völlig kitsch- und klischeefrei, doch überwiegt der positive Nutzen und die Tatsache, dass das Ganze eben kein religiöser Propagandafilm geworden ist. Zweifel sind eben immer berechtigt – wobei es gut ist, dass sich auch die Macher dieses Films nicht zu schade sind das einzugestehen.

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„Ein erfrischend offen gehaltener, frei zu interpretierender Film nicht nur für Christen und Gläubige.“

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Filmkritik: „Boyhood“ (2014)

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Originaltitel: Boyhood
Regie: Richard Linklater
Mit: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 165 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Kindheit | Jugend | Aufwachsen | Erziehung | Werdegang | Leben

Magie hin oder her – was steckt wirklich drin ?

Kurzinhalt: Bereits in jungen Jahren sehen sich der junge Mason (Ellar Coltrane) und seine Schwester Samantha (Lorelei Linklater) mit zahlreichen Veränderungen konfrontiert. Schließlich hat sich seine Mutter Olivia (Patricia Arquette) nicht nur von seinem Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) getrennt, sondern muss aus beruflichen Gründen auch immer wieder umziehen. Dennoch sehen die beiden Kinder ihren Vater an fast jedem Wochenende, und der neue Freund ihrer Mutter scheint auch ein netter Kerl zu sein. Es könnte alles so schön sein – aber wie so oft hält das Leben so manche Überraschung bereit. Und so zeigt BOYHOOD in chronologischer Reihenfolge auf, welche Höhen und Tiefen das Leben in einer Zeitspanne von 12 Jahren bereithalten kann.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Richard Linklater’s BOYHOOD ist einer jener Filme, die in diesem Jahre nicht nur in aller Munde sind – sondern auch einer derjenigen Kandidaten, der bei den diesjährigen Oscarverleihungen für Furore gesorgt hat. Einer der wichtigsten Gründe dafür beruht auf einem eher ungewöhnlichen, von Linklater anberaumten Konzept. Ein Konzept, welches darauf ausgelegt war die Hauptdarsteller respektive deren Reifeprozess tatsächlich und über einen Zeitraum von unglaublichen 12 Jahren zu begleiten – auf dass der eigentliche Grundpfeiler des Films entstehen würde. Anders gesagt: die Darsteller bleiben größtenteils sie selbst und passen sich nicht irgendeinem wild konstruierten Plot an – vielmehr ist es umgekehrt. BOYHOOD orientiert sich grob an einigen markanten Zeiträumen im Leben der aufwachsenden Darsteller, und bettet diese stimmig in ein groß angelegtes Drama über das Erwachsenwerden ein. Ein fiktives Drama zwar, dass bis auf das markante Verfahren bezüglich der Darsteller noch immer nach den üblichen Gesetzen des Films inszeniert wird – aber gerade so einen unglaublichen Zugewinn hinsichtlich seiner Glaubwürdigkeit verzeichnen kann. So wird man als Zuschauer geladen, einen breiten Abschnitt im Leben einer US-Amerikanischen Familie zu begleiten. Mit vielen Höhen und Tiefen, die allesamt direkt aus dem Leben gegriffen scheinen – und deren Bedeutung eine zwar nicht direkt von Linklater bewertete, aber doch spürbare Auswirkungen auf den Erziehungs- und Sozialisierungsprozess Heranwachsender haben. Im besten Fall ist BOYHOOD also ein aufregend andersartiger Film irgendwo zwischen einem realistischem Biopic und einem behutsam inszenierten Coming-Of-Age-Drama, welches vielmehr eine beobachtende denn eine urteilende Position einnimmt und dem Zuschauer entsprechende Freiräume lässt. Im besten Fall.

Die andere Seite der Medaille dagegen offenbart, dass es sich Linklater vielleicht doch etwas zu einfach macht – und sich zu großen Teilen auf das anberaumte Konzept der Begleitung seiner Darsteller verlässt. Sicher ist das eine unumstößliche Besonderheit – letztendlich aber auch eine, die nur halbherzig umgesetzt wurde. Schließlich porträtiert Linklater nur den physischen Alterungsprozess der Darsteller im Sinne eines authentischen Begleitens. Alle anderen Elemente (d.h. die eigentliche Rahmenhandlung) sind zwar glaubwürdig inszeniert und passen offenbar wie maßgeschneidert auf die Physiognomie der Darsteller – bleiben aber rein fiktiver Natur und lassen BOYHOOD dann doch eher in Richtung eines zutiefst gewöhnlichen Dramas driften. Eines Dramas, dass unter gewöhnlichen Umständen (d.h. einem regulären Casting) sogar vergleichsweise schlecht abschneidet – und sich als verdächtig flach und unpersönlich erweist. Sicher kann es vorteilhaft sein, dem Zuschauer einen größtmöglichen Interpretationsspielraum zuzugestehen – doch in diesem Fall wird neben so gut wie überhaupt nicht vorgenommener Attribuierungen selbst auf einen Spannungsbogen verzichtet. Anders gesagt: BOYHOOD ist weder Fisch noch Fleisch; und erweist sich als Mogelpackung der zwar besonderen, aber nicht minder ärgerlichen Sorte. Die Tatsache, dass man für immerhin 12 Jahre zu einem Teil des Geschehens wird, macht es schließlich auch nicht viel besser. Im Gegenteil: das Ganze wirkt noch gestraffter und konstruierter – wie sonst sollte man einen derart langen Zeitraum in ein Endprodukt von gerade einmal 2 oder 3 Stunden Laufzeit stecken. Vermutlich wäre es weitaus interessanter gewesen, hätte man tatsächlich ein rundum ‚echtes‘ Porträt des Hauptdarstellers Ellar Coltrane abgeliefert – von seinem wahren Leben, dass sicherlich spannendere Einblicke ermöglicht hätte als dieser arg konstruierte Versuch eines oberflächlichen Plots. Aber dann wäre BOYHOOD definitiv eine Biografie in Filmform geworden – eine Biografie eines unbekannten, die sich sicher schwerer hätte vermarkten lassen.

Doch selbst wenn man einmal völlig weggeht vom eigentlichen (und sicherlich streitbaren) Grundkonzept des Films, gibt es gleich eine handvoll von Elementen die Linklater eher schlecht als recht gelungen sind. Dabei ist vor allem das offenbar nicht gehaltene Versprechen des Filmtitels selbst zu nennen – BOYHOOD porträtiert nicht wirklich das Leben eines Jungen auf dem Weg ins Erwachsenendasein, sondern vielmehr das Leben und die kleinen Schicksalsschläge und Erfolgserlebnisse einer kleinen Familie. Einer Familie, deren Mitglieder in Bezug auf die inhaltliche Gewichtung des Films beinahe gleichwertig sind; und bei der ein besonderes Augenmerk auf tatsächliche Interaktionen und kaum auf potentielle Gefühlswelten gelegt wird. Das mag seine Vorteile haben, bestätigt aber einmal mehr dass man in BOYHOOD eigentlich zu erwartende Inhalte nicht zu sehen bekommt. Wer erwartet in die Gedankenwelt eines Kindes einsteigen zu können oder das Geschehen zumindest aus einer expliziten kindlichen Perspektive geschildert zu bekommen; wer daran erinnert werden möchte was Jungs im Kindesalter alles anstellen können – der wird gnadenlos enttäuscht. Selbst das spätere, arg zusammengestückelte Porträt der nunmehr Jugendlichen gelingt Linklater nicht wirklich. Zwar werden hie und da Elemente wie Alkohol oder Drogen ins Bild gerückt – doch oftmals nur recht plakativ und ohne einen näheren Bezug, ohne dass man diese ersten teils verbotenen Erfahrungen aus der Welt der Erwachsenen nachvollziehen kann. Weiterhin scheint es, als würden Linklaters Figuren beinahe ohne eine wie auch immer geartete Sexualität aufwachsen – was eventuell auf die Prüderie der hiesigen Filmindustrie zurückzuführen ist, sich aber gerade bei einem möglichst alle Bereiche des Erwachsenwerdens abdeckenden Film wie BOYHOOD vergleichsweise schlecht macht. Die Alternative, die man in BOYHOOD anzubieten vermag ist dann eigentlich nur noch peinlich: im Sinne einer größtmöglichen politischen Korrektheit werden vor allem Aspekte wie das Büffeln in Bezug auf das Schulsystem, und der Karriere-bezogene Aufstieg beleuchtet. Das hierbei entstehende Porträt eines von Linklater indirekt als perfekt abgestempelten US-Bürgers (der zwar auch mal Dinge ausprobiert und Identitätskrisen hat, sich letztendlich aber doch perfekt in das System einfügt) ist schlicht viel zu schnell durchschaut.

Fazit: BOYHOOD bricht nur bezüglich eines Anhaltspunktes aus gängigen Film-Konventionen heraus – dem 12-jährigen Begleiten der Hauptdarsteller und die Anpassung der filmischen Inhalte an ihren Entwicklungsstand. Davon abgesehen bleibt der Film erschreckend flach – sowohl auf der inhaltlichen als auch der transportierten Interpretationsebene. Das nicht gehaltene Titel-Versprechen, die ärgerliche Gewichtung hinsichtlich des zu beobachtenden Alters (die eigentliche Kindheit selbst spielt eine absolut untergeordnete Rolle, vielmehr ist es die Bildung an sich), die durchgehende politische und moralische Korrektheit, die viel zu offen gehaltenen inhaltlichen Aspekte – all das führt zu einem reichlich unspektakulären; wenn nicht gar ärgerliche Ergebnis. Eines das zumindest handwerklich über viele Zweifel erhaben ist und mit stimmig eingefangenen Bildern sowie einem flotten Soundtrack zu glänzen vermag – doch reicht das allein nicht aus. Beinahe jeder handelsübliche Coming-Of-Age-Film wird BOYHOOD hinsichtlich seines Inhalts und seiner Wirkungskraft schlagen können – auch ohne, dass dabei gleich ein Lebenszeitraum von 12 Jahren oder eine Familiengeschichte im Gesamten abgedeckt werden muss. Schlussendlich: selbst ein eher kunstvoll denn möglichst authentisch inszeniertes Familiendrama wie THE TREE OF LIFE beinhaltet gefühlt mehr BOYHOOD als BOYHOOD – was Richard Linklaters Projekt zu einem absolut zu vernachlässigenden Film und einem regelrechten Fremdschäm-Kandidaten für die Oskar-Verleihung macht.

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„Auch satte 12 Jahre Drehzeit lassen einen typisch amerikanischen Film wie BOYHOOD nicht gehaltvoller oder beeindruckender erscheinen.“

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Filmkritik: „Die Karte Meiner Träume“ (2013)

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Originaltitel: The Young and Prodigious T.S. Spivet
Regie: Jean-Pierre Jeunet
Mit: Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Robert Maillet u.a.
Land: Frankreich, Kanada
Laufzeit: ca. 105 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Abenteuer, Drama
Tags: Junge | Reise | Begabung | Wissenschaft | Anerkennung | Familie

Träume einer unterschätzten Generation.

Kurzinhalt: Der junge T.S. Spivet (Kyle Catlett) lebt mit seiner Familie auf einer abgelegenen Farm in den Bergen Montanas. Wann immer er Zeit hat geht er hier seinen eher ungewöhnlichen Lieblingsbeschäftigungen nach: er zeichnet detaillierte Bilder und Grafiken, fertigt Karten oder Modelle an und überlegt, wie er das als unlösbare Konzept eines Perpetuum Mobile  verwirklichen könnte. Doch bekommt seine offensichtliche vorhandene Begabung nicht von allen Seiten Zuspruch – während sein Lehrer ihn für einen notorischen Besserwisser hält und seine Eltern ihn zwar gewähren lassen aber nicht unterstützen; schafft er es mithilfe eines Kollegen seiner Mutter bereits in jungen Jahren einige seiner Werke zu publizieren. Eines davon erregt dann plötzlich doch eine enorme Aufmerksamkeit, weshalb er den sogenannten Baird Award des berühmten Smithsonian Instituts gewinnt. Das Problem: die Vorsitzenden wissen nicht, dass es sich bei dem tüchtigen Erfinder um ein Kind von gerade einmal 10 Jahren handelt – welches wohl kaum für eine Preisvergabe wie diese zugelassen worden wäre. T.S. beschließt dennoch, den Preis in Empfang zu nehmen – seinen Eltern aber nichts von seinem Vorhaben zu erzählen. So macht er sich eines Morgens auf den Weg ins weit entfernte Washington D.C. – als blinder Passagier auf einem Güterzug.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Als Roadmovie der eher unkonventionellen Art präsentiert sich DIE KARTE MEINER TRÄUME des französischen Regisseurs und DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE-Schöpfers Jean-Pierre Jeunet. Mit seinem ambitionierten Projekt stützt er sich auf die gleichnamige Buchvorlage von Reif Larsen, die auch heute noch als Bestseller gilt – und die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der sich den Sinn und Unsinn der Welt auf seine ganz eigene Art und Weise erschließt. Und auch wenn es wie so oft dezente Unterschiede zwischen der Vorlage und der Verfilmung gibt, so schien Jean-Pierre Jeunet genau der richtige Mann für die filmische Umsetzung des interessanten und die Kraft der Fantasie beflügelnden Stoffes zu sein. DIE KARTE MEINER TRÄUME ist schließlich sowohl – und ganz nüchtern betrachtet – die Geschichte eines auf eine besondere Weise begabten Jungen; als auch ein regelrechtes Feel-Good Movie mit dezent märchenhaften Ansätzen. Anders gesagt lässt sich ein Film wie dieser auf mindestens zwei Ebenen betrachten: einer der tatsächlich stattfindenden Reise; und einer eher kunstvollen, in der nicht nur allerlei Gedanken und Charakterzüge auf eine bemerkenswerte Art und Weise visuell dargestellt werden – sondern auch eine regelrechte Ode an die kindliche Unschuld und Vorstellungskraft abgeliefert wird.

Die besondere Gratwanderung die der Regisseur dabei begeht; ist wohl auch einer der bemerkenswertesten Aspekte des Films – auch wenn er der einen Seite weitaus mehr Beachtung schenkt als der anderen. So vermag es DIE KARTE MEINER TRÄUME den Zuschauer nicht wirklich allein aufgrund seiner Geschichte an den Bildschirm zu fesseln – sondern vielmehr aufgrund seiner aufregenden Inszenierung und der Kraft des beeindruckenden Porträts des vorgestellten Hauptprotagonisten. Demnach werden Zuschauer, die eine möglichst glaubhaft dargestellte Ausreißer-Geschichte eines Kindes oder gar ein tiefschürfendes Drama über die gesellschaftliche Integration Andersdenkender erwarten; eventuell enttäuscht. Eher herrscht ein dezent verklärender Blick vor, der das Ganze doch wieder in Richtung eines modernen Märchens bewegt – was aber nicht schlimm ist, da es Jean-Pierre Jeunet auch so gelingt einige wichtige Botschaften zu transportieren. Geradezu spielerisch bringt er so auch immer wieder gesellschaftliche Missstände auf den Punkt; beispielsweise wenn sich eine Person (in diesem Fall stellvertretend ein Kind mit einer besonderen Begabung) aus einer engstirnigen Sicht heraus nicht normal verhält und daraufhin nicht ernstgenommen wird oder wenn besondere Charaktereigenschaften aus einer reinen Profitgier heraus ausgenutzt werden.

Wohl nur in diesem Punkt schien es Jean-Pierre Jeunet> dann auch dezent zu übertreiben – da vor allem der Endteil des Films allein Aspekten wie diesen vorbehalten ist und sich im Vergleich zum Auftakt und Mittelteil etwas fremdartig anfühlt. Hauptsächlich aber kann man kaum anders, als mit einem Lächeln aus einer Filmvorstellung wie dieser herauszugehen – wofür nicht nur die leicht überspitzt wirkende Darstellung der Familiensituation; sondern hauptsächlich das warmherzige Porträt des jungen T.S. Spivet verantwortlich ist. Ein Porträt, welches stark von der erbrachten darstellerischen Leistung abhängig ist – umso überraschender ist das, was das Nachwuchstalent Kyle Catlett hier bereits abgeliefert hat. Der restliche Cast und alle technischen Aspekte lassen ebenfalls nur Zufriedenheit zu – wobei es vor allem die malerischen Landschaftsaufnahmen und die Liebe zum Detail sind (man betrachte nur einmal das zur Cowboy-Ahnengalerie umfunktionierte Wohnzimmer des Vaters), die für angenehme visuelle Reize und das Aufkommen einer stimmigen Atmosphäre sorgen.

Fazit: DIE KARTE MEINER TRÄUME ist ein überraschend vielschichtiger Film, der nicht nur mit seiner aufregenden und verspielten Inszenierung punkten kann – sondern auch mit seinem auf den ersten Blick speziellen; letztendlich aber doch universellen und für das Gute im Menschen plädierenden Inhalt. Auch wenn der Film dabei stets eher wie ein modernes Märchen denn an ein authentisches Roadmovie aufgemacht ist, sorgen das bewegende Porträt des Hauptcharakters und die größtenteils aus kindlicher Sicht erzählte Geschichte voller Höhen und Tiefen für den ein oder anderen ergreifenden Moment. Und selbstverständlich auch für einen unterhaltsamen Filmabend, der in diesem Fall auch im Kreise der Familie stattfinden kann oder vielleicht sogar sollte. Nicht nur aufgrund der FSK-Freigabe ab 0 – sondern vielmehr ob der doch angenehm kindgerecht, aber niemals kindisch verpackten Botschaften.

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„Eine Reise mit geradezu märchenhaften, aber stets charmant inszenierten Auswüchsen.“

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