Filmkritik: „Unter Der Sonne Australiens“ (2006)

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Originaltitel: Romulus, My Father
Regie: Richard Roxburgh
Mit: Eric Bana, Franka Potente, Kodi Smit-McPhee u.a.
Land: Australien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Australien | Outback | Familie | Zusammenhalt | Probleme

Wenn die Australische Sonne nicht für jeden scheint.

Kurzinhalt: In den sechziger Jahren lebt der ursprünglich aus Jugoslawien stammende Aussteiger Romulus (Eric Bana) zusammen mit seinem Sohn Raimond (Kodi Smit-McPhee) auf einer Familienfarm im australischen Outback. Eigentlich sollte auch Raimonds Mutter Christina (Franka Potente) ein Teil der Familie sein – doch aufgrund von immer stärker werdenden Depressionen und dem Drang nach Freiheit sieht sie sich gezwungen, für eine Zeitlang nach Melbourne zu ziehen. Hier beginnt sie dann tatsächlich, ihre Heirat mit Romulus zu bereuen – und verliebt sich neu. Die Folge der neuen Liebschaft ist bald darauf auch eine Schwangerschaft – wobei es somit nur noch an der speziellen Charakterkonstellation liegt, das Chaos perfekt zu machen. Schließlich ist Christinas neuer Freund der charismatische Mitru (Russell Dykstra), dessen Bruder Hora (Marton Csokas) wiederum der beste Freund von Romulus ist…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Richard Roxburgh’s UNTER DER SONNE AUSTRALIENS inszeniert sich als eher ruhiges Drama mit Roadmovie-Flair, bei dem neben passigen Landschaftsaufnahmen vor allem die Charaktere sowie deren einstweilen abstrus erscheinende Interaktionen im Mittelpunkt stehen. Als Ausgangspunkt und Ruhepol der Figurenkonstellation fungiert dabei das intensiv porträtierte Verhältnis zwischen einem liebenden Vater und seinem Sohn – denn schließlich haben beide stark mit den Problemen und der darauf folgenden Abwesenheit der Mutter und Ehefrau zu kämpfen. Was den Film besonders macht ist dabei nicht unbedingt die grundsolide erzählte, letztendlich aber alles andere als neue Geschichte – sondern vielmehr das an Tag gelegte Handwerk, und das in allen Bereichen. Vor allem die beiden Hauptdarsteller Eric Bana und Kidi Smit-McPhee füllen ihre Rollen sehr gut, ja wenn nicht gar überragend aus – und sorgen erst dafür, dass man wirklich geneigt ist sich explizit in das Szenario hineinzuversetzen. Wäre da nicht die hier etwas überraschende Ausnahme in Form einer dezent deplatziert wirkenden Franka Potente – und noch dazu  in der vielleicht wichtigsten Rolle des Films – könnte man also durchaus von einer perfekten Besetzung sprechen.

Analog dazu sorgt auch die Kamera-Arbeit sowie die Farb- und Szenengestaltung dafür; dass man sowohl einen Hauch der Atmosphäre Australiens, als auch den Flair des anberaumten Handlungszeitraums in den Sechziger Jahren in sich aufsaugen kann. Das lässt der sich einstweilen etwas schleppend entwickelnden Geschichte doch noch den nötigen Raum, sich vollends zu entfalten – auch; oder gerade weil vor allem für den kindlichen, hin- und hergerissenen Hauptcharakter des Raimond Empathie entstehen wird. Und das im besten Fall nicht zu knapp – sodass man UNTER DER SONNE Australiens am ehesten als gelungenes Coming Of Age-Drama auffassen sollte. Einem solchen, bei dem die Geschichten der Eltern eher als Subplots fungieren – und bei der der Fokus weniger auf die Identitäts- und Beziehungsprobleme der Eltern, als vielmehr deren Auswirkungen auf den Sohn porträtiert werden.

Fazit: Auch wenn UNTER DER SONNE AUSTRALIENS kein Meisterwerk geworden ist; hat Richard Roxburgh hier ein mehr als nur solides Coming Of Age-Drama auf die Beine gestellt. Der Film ist erzählerisch dezent ausgeführt, enorm bildgewaltig – und wird von geradezu poetischen Untertönen begleitetet. Noch dazu hat er einen hohen Wiedererkennungswert, ist mit gewissen Alleinstellungsmerkmalen versehen und zeigt sich absolut unbeeindruckt vom Mainstream – was allemal angenehm ist. Aufgrund seiner ungekünstelten Emotionalität, dem starken Fokus auf die Charaktere und den hervorragenden schauspielerischen Leistungen kann der Film somit problemlos als vergleichsweise anspruchsvoller Genre-Geheimtipp eingestuft werden.

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„Ein angenehm atmosphärisches Drama unter der Sonne Australiens.“

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Filmkritik: „Der Große Tom“ (2007)

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Originaltitel: Der Große Tom
Regie: Niki Stein
Mit: Wolf-Niklas Schykowski, Aglaia Szyszkowitz, Elisa Schlott u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: unbekannt / nicht geprüft
Genre: Drama
Tags: Kinder | Armut | Soziales | Brennpunkt | Verwahrlosung

Wenn Kinder früh erwachsen werden (müssen).

Kurzinhalt: Der 12-jährige Tom (Wolf-Niklas Schykowsky) hat es alles andere als leicht. Während sein Vater die Familie bereits vor einigen Jahren verlassen hat, kümmert sich nun auch seine Mutter immer weniger um ihn und seine beiden jüngeren Schwestern. Es scheint gar, als würde sie nur noch ab und zu in der Wohnung auftauchen – um die Wäsche zu waschen oder in liebloser Manier eine Pizza auf den Tisch zu legen. Tom sieht seine Aufgabe fortan darin, sich um seine beide Schwestern zu kümmern – und kommt deshalb immer häufiger zu spät zum Unterricht. Doch das ist nicht das einzige Problem, schließlich übernimmt er die Rolle eines Alleinversorgers – und droht an dieser für ein Kind absolut ungeeigneten Aufgabe zu zerbrechen. Allein der Gedanke, dass es sich hierbei um einen vorübergehenden Zustand handeln muss motiviert ihn – sowie die Hoffnung, dass seine Mutter ihre offensichtlichen Probleme doch noch in den Griff bekommen wird.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Kinderarmut und auch -verwahrlosung sind real, auch in Deutschland. Unter anderem deshalb inszenierte der vor allem durch zahlreiche TATORT-Folgen bekannte Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein (eigentlich Nikolaus Stein von Kamienski) das stille, aber dennoch explizit anprangernde Gesellschafts-Drama DER GROSSE TOM – das sich auf eine wahre Geschichte beruft, die sich ähnlich wie im Film gezeigt in Berlin zugetragen hat. Und auch wenn er damit kein filmisches Neuland betritt und grundsätzlich nur ein stellvertretendes Einzelschicksal ausformuliert, welches sich so tagtäglich in Deutschland und auch überall sonst abspielen kann, abspielen wird – vermag es DER GROSSE TOM durchaus, den Zuschauer aufzurütteln und für das übergeordnete Problem-Thema der sozialen Verwahrlosung zu sensibilisieren. Gut ist, dass er dabei weitestgehend auf gängige Klischees verzichtet und mit der Geschichte dort ansetzt, wo man es zunächst weniger vermuten würde – und ein beklemmendes Gefühl für die nur vermeintlich temporäre Ausnahmesituation entstehen lässt, in der sich die drei Kinder befinden.

Interessant ist auch, dass der Film keine vorgefertigten oder vereinfachten Antworten gibt; auch die Mutter nicht als plumpe Hassfigur deklariert – und sich der Zuschauer selbst ein Bild machen kann über jene Gründe, die in einem Fall wie diesem zu einer Vernachlässigung geführt haben könnten. Insofern wirkt DER GROSSE TOM viel eher wie eine erschreckende Dokumentation, und nicht wie ein handelsübliches und möglicherweise perfide auf die Tränendrüse drückendes Drama. Dazu passt auch die behutsame, vergleichsweise schlichte Herangehensweise innerhalb der Inszenierung: Bilder und Schnitt sind ruhig, dem Soundtrack wird so gut wie keine Bedeutung zugemessen, kein Moment wird in Bezug auf seine Emotionalität künstlich aufgeblasen. Die hervorragenden Leistungen der jungen Darsteller runden das Ganze ab – insbesondere dem Nachwuchstalent Wolf-Niklas Schykowski nimmt man seine zwischen Hoffnung und Verzweiflung pendelnde, sicher nicht leicht zu spielende Rolle problemlos ab.

Fazit: Auch wenn sich DER GROSSE TOM mit einer gleichermaßen wahren wie erschütternden Begebenheit befasst, drei unschuldige und aufgrund der Situation erst Recht liebenswerte Kinder in den Mittelpunkt stellt und etwaige gesellschaftliche Missstände mal direkt, mal eher unterschwellig ausführt; hat man kaum das Gefühl als würde es Niki Stein nur um die Erzeugung von Mitleid gehen. Viel eher entsteht eine gewisse Form des Respekts – gegenüber den porträtierten Charakteren und im übertragenen Sinne auch jenen Kindern, die tatsächlich Schicksale wie die hier gezeigten durchleben; durchleben müssen. Insofern kann man dem Film hoch anrechnen, dass er als auf die Leinwand gebanntes Denkmal für vernachlässigte Kinder fungiert und noch einmal nachdrücklich auf das aufmerksam macht, was eigentlich niemanden entgehen sollte. Auf der Gegenseite findet sich dagegen wenig zu kritisierendes. Eventuell könnte man ihm ankreiden, dass er selbst für ein möglichst authentisches Drama einstweilen etwas zu bieder wirkt – und der Unterhaltungswert im Sinne eines Spielfilms klar hinter den offensichtlichen Aussagen als quasi-Doku hintenan stehen muss.

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„Kein noch nie dagewesenes Meisterwerk – aber ein höchst solider deutscher Film.“

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Filmkritik: „Durch Den Tod Versöhnt / End Of The Spear“ (2005)

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Originaltitel: End Of The Spear
Regie: Jim Hanon
Mit: Louie Leonardo, Chad Allen, Chase Ellison u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 108 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Eingeborene | Ureinwohner | Urwald | Missionierung | Kontakt

Zwischen Bäumen, Speeren und Bibeln.

Kurzinhalt: Im Jahre 1956 versucht der christliche Missionar Steve Saint (Chad Allen) in einem vom dichten Bewuchs umgebenen Dschungel-Dorf einem einheimischen Stamm die christliche Nächstenliebe näherzubringen – den sogenannten Huaorani. Dabei scheint es ihm weniger wichtig, die Glaubensgemeinschaft der Christen zu vergrößern – er möchte den Stamm lediglich davor bewahren, sich selbst respektive im Kampf mit verfeindeten Nachbarstämmen auszulöschen. Mit dabei sind einige Freunde, sowie auch seine Familie – wobei er einen besonders guten Draht zu seinem 8-jährigen Sohn Steve (Chase Ellision) hat – und ihm auf dieser Mission eine ganz andere Lebensweise als die ihm bisher bekannte aufzeigen möchte. Eines Tages kommt es aber zu einem Zwischenfall: Nate wird trotz seiner Friedfertigkeit und seiner Bemühungen dem Stamm zu helfen ermordet, wie auch einige seiner engsten Freunde. Der zunächst fassungslose Steve hat allen Grund zu Trauern – und dennoch spürt er schon früh das Verlangen, die außergewöhnliche Arbeit seines Vaters fortzusetzen; nicht zuletzt da er sein Leben gab für das, an was er glaubte.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! DURCH DEN TOD VERSÖHNT; oder im Original END OF THE SPEAR ist ein Drama von Jim Hanon, der sich für seinen zweifelsohne besonderen Film auf eine gleichnamige Buchvorlage gestützt hat. Die wiederum stammt von Steve Saint – also jener tatsächlich existierenden Person, mit deren Charakterisierung sich der Film befasst. Größtenteils geht es dabei um das Jahr 1956, in dem die sogenannte Operation Auca stattgefunden hat. Der Film wird aus einer Rückblende des nunmehr gealterten, damals 8-jährigen Steve Saint erzählt – und legt seinen Fokus dabei explizit auf das außergewöhnliche Aufeinandertreffen zweier Kulturen. Dabei fällt vor allem eines schnell und positiv auf: Regisseur Jim Hanon hat es trotz einiger eigentlich für sich sprechender Szenen vermieden, vorschnell Partei für die eine oder die andere Seite zu ergreifen. Wohl auch, da es so gut wie unmöglich erscheint, in Anbetracht des für den gewöhnlichen Zuschauer zutiefst exotischen Szenarios standardisierte Attribuierungen vorzunehmen. Nein, END OF THE SPEAR wird weitestgehend neutral erzählt – und kann daher weder als Rechtfertigung für das Vorgehen der Christen in Bezug auf etwaige Missionarstätigkeiten, noch als Werbefilm für traditionelle Lebensarten verstanden werden.

Schließlich geht es abseits von den mannigfaltigen (und im Film lediglich angeschnittenen) politischen, religiösen und moralischen Hintergründen ohnehin eher um die Menschen, die an der Operation beteiligt waren – und das auf beiden Seiten. Neben dem glaubhaft und nachvollziehbar dargestellten Engagement der Missionare erhält man so auch einen überraschend authentisch wirkenden Eindruck in die Lebensweise eines Indianerstammes – mit allen dazugehörigen fremden Elementen, aber sicherlich auch Grausamkeiten. Eingebettet wird die Geschichte in simple; gleichzeitig aber auch malerische und geradezu poetische Bilder – beispielsweise wenn die markante gelbe Propellermaschine über den satt-grünen Dschungelwäldern und tiefblauen Flüssen ihre Erkundungs-Runden dreht. Gerade diese Szenen werden einem auch ohne die inhaltlichen Bezüge im Gedächtnis bleiben – auch, da die musikalische Untermalung stets passig erscheint und mit ihrer Mixtur als eher klassischen und sphärisch-verträumten Elementen eine intensive Atmosphäre etabliert. Jim Hanon ist so vor allem eines gelungen: keine seine veranschlagten Szenen wirkt aus dem Kontext gerissen oder gar lieblos inszeniert. Vielmehr entsteht ein höchst atmosphärisches Gesamtbild, welches den Zuschauer selbst in den Momenten in denen die Handlung in den Hintergrund rückt intensiv zu fesseln vermag.

Fazit: Die Botschaft, die man sich als Zuschauer aus END OF THE SPEAR mitnimmt; wird zweifelsohne eine jeweils andere sein. Aber genau darin liegt auch eine der klaren Stärken des Films – der mit seiner ungewöhnlichen und wahren Geschichte, den wuchtigen Bildern, dem stimmigen Soundtrack und nicht zuletzt dem grandiosen Schauspiel zu überzeugen weiß. Vor allem der junge Nachwuchs-Darsteller Chase Ellison liefert hier schlicht überragend ab – was den Film in seiner Endwertung noch einmal ausdrücklich positiv beeinflusst. Dafür, dass er gerade einmal 10 Millionen US-Dollar gekostet hat und man sicher nicht direkt an ihn denkt, wenn es um die vielleicht besten Filme aus dem Jahr 2005 geht – schneidet er schlicht überraschend gut ab und kann problemlos als Geheimtipp bezeichnet werden. Ob nun aus Sicht einer bestimmten Interessengruppe wie den beiden hauptsächlich im Film behandelten; oder aber auch – und das ist das schöne – ganz unvoreingenommen.

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„Ein außergewöhnlicher Film über eine außergewöhnliche Begebenheit.“

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Filmkritik: „E.T. – Der Außerirdische“ (1982)

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Originaltitel: E.T. The Extra-Terrestrial
Regie: Steven Spielberg
Mit: Henry Thomas, Drew Barrymore, Dee Wallace u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 126 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Science Fiction, Drama
Tags: Außerirdischer | Junge | Familie | Gefahr | Nach Hause

So rührend wollte noch niemand nach Hause telefonieren.

Kurzinhalt: Als eines Tages eine Gruppe Außerirdischer auf der Erde landet um zu forschen, werden sie jäh von einer handvoll auf den Plan gerufener FBI-Agenten und NASA-Wissenschaftler unterbrochen. Da die fremden Wesen vermutlich gefangengenommen wären, fliehen sie – und lassen dabei aus Versehen ihren jüngsten Spross zurück. Der flüchtet sich daraufhin in eine nahe Vorstadtsiedlung, und trifft alsbald auf den 10-jährigen Elliot (Henry Thomas). Nach dem ersten Schreck scheinen sich die beiden tatsächlich anzufreunden – woraufhin Elliot den Außerirdischen auf den Namen E.T. tauft. Auch stellt er ihn seinen Geschwistern vor, die zunächst verdutzt reagieren – sich aber ebenfalls schnell mit der liebenswerten Kreatur anfreunden. Die stellt sich schnell als echter Vielfraß heraus, sodass die Küche und die hiesigen Kinderzimmer des öfteren auf den Kopf gestellt werden – und doch schaffen es die Kinder, ihn vor ihrer Mutter zu verbergen. Nach und nach lernt E.T. sogar die menschliche Sprache, woraufhin er einen besonderen Wunsch äußert: er will nach Hause telefonieren, und wieder mit seinen Eltern vereint werden. Problematisch ist nur, dass die Wissenschaftler dem Wesen bereits auf den Fersen sind – und so ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Es war einmal im Jahre 1982, als ein vielversprechender Nachwuchs-Regisseur E.T. ins Rennen schickte – die Geschichte um ein seltsames außerirdisches Wesen, das sich mit dem jungen Elliot (Henry Thomas) anfreundet. Einige Millionen Zuschauer, 4 Oscars und mehr als drei Jahrzehnte später ist die eigentlich von Drehbuchautorin Melissa Mathison (DER SCHWARZE HENGST, DER INDIANER IM KÜCHENSCHRANK) erdachte Geschichte noch immer in aller Munde – und Regisseur Spielberg längst eine Hollywood-Legende. Eine einstweilen umstrittene, das bleibt kaum aus – doch in jedem Fall war die frühere Schaffensperiode des Amerikaners von so manchem auch heute noch gern gesehenen Highlight gekennzeichnet. Nach dem WEISSEN HAI, UNHEIMLICHE BEGEGNUNGEN DER DRITTEN ART und dem ersten INDIANA JONES sollte E.T. der erste waschechte Familienfilm der bunten Filmografie Spielberg’s sein – einer, der im Laufe der Jahre und Jahrzehnte andere Filmemacher nicht von ungefähr inspirierte (siehe zum Beispiel JOEY oder DER FLUG DES NAVIGATORS). Doch selbst wenn man den mittlerweile in Stein gemeißelten Kultstatus des Films einmal gedanklich außen vor lässt, so finden sich mindestens drei Gründe warum er als Kinder- respektive Familienfilm brillant funktioniert und angenehm zeitlos wirkt. Ob nun in der Originalen, oder anlässlich des 20sten Jubiläums digital überarbeiteten Fassung.

Der erste Grund, oder auch die erste markante Stärke von E.T. liegt wohl in seiner gelungenen Art der Inszenierung; und damit auch der erzielten Gesamtwirkung. Spielberg hat es schließlich geschafft die Geschichte sowohl jüngeren Zuschauern zumuten zu können, als auch ältere zu begeistern. Und somit im besten Fall genau das abzuliefern, was auch angedacht war – eine generationsübergreifende Familienunterhaltung. Anders und in Gegensätzen gesagt: E.T. ist für ein jüngeres Publikum geeignet, und das ganz ohne die erwachsenen Mitseher durch eine zu simple oder gar infantile Machart zu vergrätzen. Der Zweite Grund für die zeitlose, intensive und verträumte Wirkung ist in Falle von E.T. ein regelrechtes Doppel-Feature – und wird durch die Rolle des jungen Elliot und dessen Darsteller Henry Thomas begründet. Zweifelsohne handelt es sich um eine sympathische, durch und durch glaubwürdige Rolle, die dazu noch die perfekte Identifikationsmöglichkeit für jüngere Zuschauer offeriert – und die durch den damals erst 10-jährigen Schauspieler respektabel verkörpert wurde. Der dritte Hauptgrund für das Funktionieren von E.T. als Familienfilm mit allerhand sehenswerten Elementen ist dann schlicht in der überragenden Cinematographie zu suchen und zu finden: Spielberg ließ hier eher ruhige Bilder für sich sprechen, verzichtete auf hektische Schnitte oder allzu drastisch-künstliche Effekte – sodass bereits das erste Aufeinandertreffen von Elliot und E.T. denkwürdig ausfällt und die eher behutsame Erzählweise unterstreicht.

Abgesehen davon vermag es E.T. auch in so gut wie allen anderen Bereichen zu überzeugen – und sei es in Bezug auf die gelungene Maskenarbeit. Markant: E.T. sieht grundsätzlich eher fremdartig und dezent gruselig aus; was zu einer der vielen quasi nebenbei präsentierten Botschaften des Films führt: der erste Eindruck (der in diesem Fall gar von dem ein oder anderen Angst-Schrei garniert wird) kann täuschen. Der Soundtrack stammt von John Williams und entzündet eine seltsame Mischung aus Bombast und Emotionen – die aber gut funktioniert, und nur in vereinzelten Szenen etwas zu dick aufgetragen wirkt. Das gilt teilweise auch für die wohl kritischste Rolle des Films, die von Gertie – die von einer noch sehr jungen Drew Barrymore verkörpert wird. Hierbei kann man sich kaum des Gefühls erwehren, als sei vieles explizit auf eine gewisse kindliche Niedlichkeit getrimmt – die in Anbetracht der einstweilen zu abgebrühten Sprüche schlicht wenig glaubwürdig wirkt und so dezent im Gegensatz zum handfesten Porträt von Elliot steht.

Was bleibt, ist die eigentliche Geschichte – die im Endeffekt zwar nicht sonderlich überraschend ausfällt, dafür aber alles hat was ein guter Kinderfilm braucht. Und sogar noch etwas mehr – schließlich stehen den schon eher üblichen Elementen wie der Selbsterkenntnis, der grenzenlosen Freundschaft oder der Bereitschaft für andere einzustehen noch die Aspekte der Science Fiction zur Seite. Die sollten dann zwar tatsächlich nur jüngere begeistern – doch allein die berühmten Fahrrad-Flugszenen vor der Kulisse des Vollmondes oder die Darstellung des Raumschiffes gegen Ende sollten jedem in Erinnerung bleiben. Ein Film, der den Spagat zwischen kindgerechter Erzählweise und; man nenne sie einmal Bonus-Elementen für Erwachsene noch besser hinbekommen hat war der spätere FLUG DES NAVIGATORS (Review). Doch irgendwer musste es schließlich erst vormachen – was die Wichtigkeit von E.T. nochmals unterstreicht.

Fazit: E.T – der Außerirdische, oder: wie schreibt man Filmgeschichte. Stephen Spielbergs‘ frühes Werk schafft den Spagat zwischen dem (Sparten-)Dasein als reiner Kinderfilm und einer generationsübergreifenden, so gut wie jeden begeisternden Familienunterhaltung. Auch wenn das Szenario einstweilen fantastisch und dezent abgehoben erscheint, so wartet der Film mit eher bodenständigen Kernaussagen auf – die auch die kleinsten verstehen sollten; und die es im besten Fall vermögen die Erwachsenen zu Tränen zu rühren. Inszenatorisch und handwerklich macht E.T. alles richtig – von der behutsamen Art der Kameraführung über die gelungene Kulissen- und Maskenarbeit bis hin zu den starken und rundum sympathischen Charakteren gibt es nichts zu mäkeln. Grundsätzlich könnte man E.T. ’nur‘ als ausgezeichneten Film mit kleineren Schwächen betrachten – doch sein wegweisender Status und die gut zu beobachtende Tatsache, dass er viele andere Genre-Werke beeinflusste führen unweigerlich dazu; dass er sich den Status eines zeitlosen Meisterwerkes verdient hat.

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„E.T. ist abenteuerlich, spannend und fantastisch – aber auch angenehm ungekünstelt, ehrlich und rührend. Ein Zeitloser, wichtiger Kinder- und Familienfilm.“

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Filmkritik: „The Boys Are Back – Zurück Ins Leben“ (2009)

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Originaltitel: The Boys Are Back
Regie: Scott Hicks
Mit: Clive Owen, Laura Fraser, George Mackay u.a.
Land: Großbritannien, Australien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Familie | Schicksalsschlag | Kinder | Zerrissen | Pläne

Die Rückkehr ins Leben.

Kurzinhalt: Familienvater Joe (Clive Owen) musste schon so manchen Schicksalsschlag verarbeiten – seine Scheidung gehörte da noch zu den harmloseren. Für ihn hat die Trennung schließlich nur einen markanten Nachteil: sein älterer Sohn Harry (George MacKay) lebt nun bei seiner Ex-Frau England. Während sich Joe also nach wie vor als erfolgreicher Sportreporter verdingt und sich zudem um seinen anderen Sohn Artie (Nicholas McAnulty) kümmern kann, geschieht eines Tages ein weiteres Unglück: seine neue Ehefrau Katy (Laura Fraser) kommt plötzlich unter tragischen Umständen ums Leben. Spätestens nach diesem Zwischenfall bekommt Joe immer mehr Schwierigkeiten, sein Privatleben in den Griff zu bekommen – und es auch noch mit seiner Arbeit als Sportreporter zu vereinen. Als sein älter Sohn Harry für einen Besuch nach Australien kommt, geraten die Dinge endgültig aus den Fugen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Es ist immer so eine Sache mit Filmtiteln, denn manchmal wollen sie einfach nicht so Recht zum präsentierten passen. Das ist sicher auch bei THE BOYS ARE BACK der Fall – der für den deutschen Markt noch mit dem Zusatz ZURÜCK INS LEBEN ausgestattet wurde, kurioserweise. Denn wo eingedeutschte Titel oftmals versagen, trifft es jener Zusatz schon recht genau. Clive Owen muss sich als gleichermaßen sympathischer wie verzweifelter Familienvater Joe gegen zahlreiche Schicksalsschläge stellen – und sich schlussendlich auch zurück ins Leben kämpfen. Doch ob nun in der Originalfassung oder der durchaus vernünftig synchronisierten: es handelt sich in jedem Fall um ein grundsolides Familien-Drama mit einer überschaubaren Rahmenhandlung und eher wenig Überraschungen – dafür aber einem umso stärkeren und auch intensiveren Charakterfokus.

Jene Charakterporträts, und analog dazu auch die Leistungen der beteiligten Darsteller sind es letztendlich; die den Film tragen respektive über seinen Fall oder Aufstieg entscheiden. Mit Clive Owen in der Hauptrolle hat man dabei eine Art Überraschungswahl getroffen – eine, die aber verdächtig gut aufgeht und den sonst eher rauen Darsteller von einer deutlich verletzlicheren Seite zeigt. Im zur Seite stehen die beiden Kinderdarsteller Nicholas McAnulty und George MacKay, die bis zu diesem Zeitpunkt entweder gar keine oder nur kleinere Rollen gespielt hatten. Doch als ungleiches Geschwister-Paar liefern die beiden speziell in Anbetracht dessen eine hervorragende Leistung ab – zumal ihre betreffenden Rollen in THE BOYS ARE BACK sicher nicht zu den leichteren gehören. Dieses Charakter-Trio steht daher auch folgerichtig im Mittelpunkt der Geschichte – und kann dabei mindestens einen Anflug von Empathie auslösen; im besten Fall sogar noch mehr.

In Bezug auf die andern technisch-handwerklichen Aspekte gibt man sich ebenfalls keine Blöße – und überzeugt neben der guten Kameraführung und einem angenehmen Schnitt mit grandiosen Landschaftsaufnahmen; die in den offenbarten Zusammenhängen auch gern mal für sich sprechen könnten. Alltags-Szenen wie die von Hauptcharakter Joe’s Arbeitsstätte oder die schweifende Blicke auf die zweite Heimat der Familie in Großbritannien lockern das Ganze auf, während der emotionale Soundtrack viele Bilder passend untermalt. Ein Problem ist indes, dass die zahlreichen Orts- und Zeitsprünge etwas unvorteilhaft inszeniert werden und man die somit entstehen Lücken selbst füllen muss. Ähnliches gilt ansatzweise auch für einige Grund-Elemente der Story respektive die Anwandlungen der Charaktere: man kann sich nicht des Gefühls erwehren, dass hie und da markante Details ausgelassen werden. Das mag des öfteren beabsichtigt sein, doch speziell in Anbetracht des offenen Endes hätte man zumindest zuvor für ein wenig mehr Klarheit sorgen können – analog zu einer etwas zielstrebigeren Gangart.

Fazit: THE BOYS ARE BACK schreit eigentlich geradezu danach, ein hoffnungslos schnulziges Familien-Drama mit viel Kitsch und Pathos zu sein – doch überraschenderweise halten sich derlei unerwünschte Auswüchse in Grenzen. Zwar ist die Geschichte sehr emotional und mitunter stark anrührend, doch wird die diesbezügliche Gesamtwirkung eher geschickt und unaufdringlich generiert. Fakt ist: genau so macht man ein gutes, im besten Fall nachhaltig wirkendes Drama. Und wenn sich dann auch noch der Cast sehen lässt und das an den Tag gelegte Handwerk überzeugt – dann kann man eigentlich kaum noch etwas falsch machen. THE BOYS ARE BACK ist somit genau das richtige für einen eher nachdenklichen Filmabend, der dem Zuschauer tiefe Einblicke in ganz besondere zwischenmenschliche Zusammenhänge innerhalb einer Familie ermöglicht.

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„Die Story ist nicht neu, aber die Umsetzung überzeugt – auch durch die eher besonnene Herangehensweise.“

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Filmkritik: „Herr Der Fliegen“ (1990)

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Originaltitel: Lord Of The Flies
Regie: Harry Hook
Mit: Balthazar Getty, Danuel Pipoly, Edward Taft u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Abenteuer, Drama
Tags: Ausflug | Absturz | Einsame Insel | Kinder | Überleben

Der HERR DER FLIEGEN will es noch einmal wissen.

Kurzinhalt: Nach einem Flugzeugabsturz gelangt eine Gruppe von jungen Militär-Kadetten auf eine einsame Insel mitten im Nirgendwo – und muss sich ganz ohne die Hilfe von Erwachsenen zurechtfinden. Zwar hat einer der Piloten überlebt, doch ist er den Kindern aufgrund seiner Verletzung keine große Hilfe. So versuchen sich die Kinder, mit der im besten Fall nur temporären Ausnahme-Situation zu arrangieren – und erste Regeln für ein gerechtes Zusammenleben aufzustellen. Doch obwohl die Kinder gerade in dieser Situation zusammenhalten sollten, zeichnet sich alsbald ein Konkurrenzkampf ab: der erfahrene und grundsätzlich besonnene Ralph (Balthazar Getty) wird immer wieder vom jüngeren Jack (Chris Furrh) herausgefordert. Der gründet bald darauf eine eigene kleine Splittergruppe – und streift fortan als Jäger über die Insel. Doch was zunächst nur der Nahrungsbeschaffung dienen sollte, wandelt sich nach und nach in einen echten Überlebenskampf für alle Beteiligten.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Bei der vorliegenden 1990’er Fassung von HERR DER FLIEGEN handelt es sich bereits um die zweite offizielle Verfilmung des Buchstoffes von William Golding. Die erste stammt aus dem Jahre 1963, ist etwas altehrwürdiger – und wurde noch komplett in Schwarzweiß gedreht (siehe Filmkritik). Und obwohl bereits diese ursprüngliche Fassung eine zeitlose, gute und zudem keinen bis kaum Verbesserungsbedarf anmeldende war; hat man sich gute 27 Jahre später doch noch für eine Neuverfilmung entschieden – mit der Folge einer entsprechend gespaltenen Zuschauergemeinde. Immerhin hat sich das Team um Regisseur Harry Hook (der bis dahin nur mit einem einzigen Film in Erscheinung getreten war) wie zuvor schon Peter Brook relativ streng an die Buchvorlage gehalten – sodass die inhaltlichen Unterschiede der beiden Versionen überschaubar bleiben. Markantere Unterschiede finden sich daher vor allem in Bezug auf den Cast – und die handwerklichen Aspekte, die die einsame Insel nun erstmals in Farbe erstrahlen lassen und auch einige geschickt platzierte Zeitlupen-Effekte vorsehen.

Dennoch gibt es hie und da auch inhaltliche respektive inszenatorische Abweichungen – die sich zunächst nur in einem eher kleinen Rahmen bemerkbar machen; aber letztendlich doch eine immense Wirkung auf den Film im gesamten haben können. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass die 1990’er Version keine klassischen Schul- oder Chorjungen mehr porträtiert – sondern eine Gruppe Kinder aus einer Art Militärakademie. Analog dazu wird auch nicht mehr das im Original vieldeutige Kyrie gesungen und als Teil des Soundtracks genutzt. Bereits eine kleine Änderung wie diese kann zu gänzlich anderen Assoziationen führen. In diesem Falle vornehmlich weniger zweckdienlichen – da man beispielsweise automatisch davon ausgeht, dass diese Kinder andere Voraussetzungen haben in der Wildnis zu überleben.

Gelangt man zu den Umständen des Absturzes, werden ebenfalls nur angedeutete Informationen gegeben wie im Original – doch hat in der 1990’er Version überraschenderweise einer der Piloten überlebt. Wer allerdings davon ausgeht, dass sich das markant auf das Verhalten der Kinder auswirken müsste täuscht sich – im Endeffekt ändert sich nicht viel, zumal der Pilot schwer verwundet ist und die Kinder so gesehen weiterhin alleine über die Insel herrschen. Was genau diese Änderung zu bedeuten hat, wird es später offenbar – nämlich dann, wenn man jenem Piloten einen letzten denkwürdigen Auftritt beschert und ihn zum Monster der Insel macht. Jenes letztendlich nicht durch eine einzelne Person vertretene Monster hatte als Manifestation der Angstgefühle schon im Original eine große Bedeutung. Doch wie sich nunmehr zeigt, war die Art der Darstellung hier eine wesentlich subtilere, stilvollere – und somit auch dezent wirkungsvollere.

Ein weiterer, und gleichzeitig auch der letzte gravierende Unterschied findet sich in Bezug auf den Tod des Charakters Simon – eine der Schlüsselszenen des Originalfilms. Auch hier gilt: wieder weiß das Original zu überzeugen, vor allem in der Retrospektive. Hier wurden die Ereignisse als Folge eines gegenseitigen Aufstachelns im schwachen Licht eines Lagerfeuers dargestellt; während die Neuverfilmung erst gar nicht die Vermutung aufkommen lässt, dass es sich um einen Irrtum gehandelt haben könnte. Die Folge; mit der der Bogen zur eher militaristischen Darstellung der Kinder geschlagen wird, ist die einer schnelleren und noch offensichtlicheren Verwandlung der Kinder – die bereits nach kurzer Zeit nicht vor einem Mord zurückschrecken. Wenn man so will könnte man auch von einer Holzhammermethode sprechen – das Original ging hier deutlich geschickter vor, und ließ den Zuschauer zunächst anhand von subtilen Stimmung das Ausmaß des Schreckens begreifen.

Doch hat die Neuverfilmung auch Vorzüge – die sich allerdings hauptsächlich auf die technischen Aspekte beziehen. Zum einen ist es angenehm, die Insel in Farbe und damit automatisch auch etwas greifbarer zu erleben; was im Zusammenspiel mit den etwas großzügigeren Kameraschwenks und den gefühlt etwas erweiterten Schauplätzen auf der Insel zu einer intensiven Film-Erfahrung führt. Eher überraschend ist, dass auch die Zeitlupeneffekte ihren Zweck ganz und gar nicht verfehlen und dem Film keinen künstlich-modernen Anstrich verliehen. Im Gegenteil: in den zwei entscheidenden Momenten in denen sie eingesetzt werden, sind sie schlicht beeindruckend – und untermauern das inhaltlich bereits angedeutete. In Bezug auf die Leistungen der Darsteller und den Soundtrack gibt es verständlicherweise weitere Unterschiede – doch vom letztendlich erzielten Eindruck nehmen sich Original und Neuverfilmung hier nicht viel.

Fazit: Wie auch immer man generell zu Neuverfilmungen stehen mag – voreilige Schlüsse in Bezug auf entsprechende Werke zu ziehen scheint nur selten ratsam. Schließlich kann es sich trotz aller Bedenken lohnen, sowohl dem Original als auch der Neuverfilmung eine Chance zu geben. Und sie vielleicht auch unabhängig voneinander zu betrachten – wie bei den beiden Versionen von HERR DER FLIEGEN. Im Grunde hätte man der sehr guten Originalversion von 1963 nichts hinzufügen brauchen – und doch wirkt die Neuverfilmung alles andere als lieblos oder so, als wäre sie aus weniger ehrenwerten Gründen realisiert worden. Sicher bleibt es hier vor allem bei den technisch-handwerklichen Vorzügen, während der Inhalt zumeist deckungsgleich bleibt – mit Ausnahme einiger Entscheidungen, die man vielleicht anders hätte treffen sollen. Anders gesagt: die Neuverfilmung ist keinesfalls besser als das Original; die angewandte Holzhammermethode und Vereinfachung in Bezug auf die zu entdeckenden Kernelemente nicht immer angenehm – und doch fühlt sich die 1990’er Version des Films nicht an, als könnte oder sollte man gänzlich auf sie verzichten. Nur wenn man sich für ausschließlich eine Fassung entscheiden müsste, dann sollte die Wahl vielleicht doch eher auf das Original fallen.

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„Über den Sinn oder Unsinn dieser Neuverfilmung lässt sich streiten – doch auch diese Version des klassischen Buchstoffes ist über weite Strecken gelungen.“

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Filmkritik: „Herr Der Fliegen“ (1963)

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Originaltitel: Lord Of The Flies
Regie: Peter Brook
Mit: James Aubrey, Tom Chapin, Hugh Edwards u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 92 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Abenteuer, Drama
Tags: Ausflug | Absturz | Einsame Insel | Kinder | Überleben

Wer oder was ist der HERR DER FLIEGEN ?

Kurzinhalt: Kurz nachdem eine Gruppe englischer Schulkinder zu einem Urlaubsausflug mit einer Propellermaschine aufgebrochen ist, kommt es zu einem schwerwiegenden Zwischenfall. Das Flugzeug wird von einem Blitz getroffen und stürzt ab, scheinbar auf offener See. Doch die Kinder haben Glück im Unglück: ganz in der Nähe befindet sich eine einsame Insel, auf die sie sich gerade noch so retten können. Weniger Glück hatten indes die Piloten: von ihnen fehlt zunächst jede Spur; sodass die Kinder vollkommen auf sich alleine gestellt sind. Nach und nach sammeln sich die Überlebenden um Ralph (James Aubrey) und Piggy (Hugh Edwards), die eine erste Versammlung einberufen und einen Anführer bestimmen. Die Wahl fällt schnell auf Ralph – doch speziell Jack (Tom Chapin) aus der kleineren Chorgruppe der Schule scheint davon wenig begeistert. Als es zur Bewältigung der ersten Aufgaben kommt, gründet Jack die Jäger – jene Gruppe, die sich fortan auf die Suche nach Tieren machen würde um für Nahrung zu sorgen. Doch das allgemeine Unheil nimmt bald seinen Lauf… und die Verwilderung der Kinder nimmt immer groteskere Züge an.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! HERR DER FLIEGEN basiert auf dem gleichnamigen Roman von William Golding, und ist sowohl in der Ursprungs- als auch 1969 erstmals umgesetzten Filmform mit einem enormen Kultstatus versehen. Warum das so ist, wird schnell offenbar: die hier behandelte, in jeder Hinsicht dramatische Geschichte ist nicht nur eine vergleichsweise zeitlose – sondern auch eine, die die Leser respektive Zuschauer in einer etwas anderen Art und Weise berührt als es in Anbetracht des übergeordneten Genres üblich wäre. Schließlich geht es nicht um das typische Aufarbeiten eines Unglücks oder Schicksalsschlages, sondern vielmehr um das zeitlich unbestimmte Erleben einer verzweifelten Situation. Einer solchen, in der eine handvoll unbeaufsichtigter Kinder potentiell lebenslang auf einer einsamen Insel gefangen ist – ohne Aussicht auf Rettung, dafür aber mit der ständigen Gefahr einer völligen Eskalation der bereits von Beginn an wackeligen Hierarchie und des eigentlichen Zustands der Kinder.

Eine solche Prämisse schreit dabei nicht unbedingt nach einem breiten Publikum – was die Sache umso spannender macht. Überhaupt: wer hier gähnende Langeweile erwartet; der wird schnell eines besseren belehrt, denn gerade der Faktor einer größtmöglichen Authentizität macht den Film aus. Im Fokus steht dabei das Porträt der Kinder, die zunächst noch davon ausgehen bald gerettet zu werden. Schnell macht sich jedoch auch Angst breit – die sich in einem undefinierbaren Monster manifestiert und letztendlich auch zum Kernaspekt dieses Films avanciert. So zeigt HERR DER FLIEGEN gleichermaßen behutsam wie analytisch auf, welche Entwicklung die Kinder fernab der Zivilisation, allein unter sich und ohne größere äußere Einflüsse durchmachen. Durch das Fingerspitzengefühl der Macher; sowie der relativ strikten Orientierung an der Buchvorlage ist die erzielte Wirkung eine vergleichsweise intensive, im weiteren Filmverlauf mehr und mehr verstörende – was mit ein Grund ist weshalb man HERR DER FLIEGEN weniger als Film im eigentlichen Sinne, denn vielmehr als erschreckend realistische Sozialstudie betrachten könnte.

Eine; und das ist das besondere – die sich nicht nur auf die schiere Ausnahmesituation auf der Insel bezieht, sondern auch als Parabel auf die Gesellschaft verstanden werden kann. Speziell in Bezug auf die Rollenverteilung der Kinder ergeben sich hier vielerlei Parallelen – wie etwa beim eher stillen und introvertierten Außenseiter Simon, der als einer der wenigen einen kühlen Kopf bewahrt (Filmzitat: „vielleicht gibt es gar kein Monster, vielleicht sind es wir selbst“) und sich letztendlich gegen die Masse stellt. Welchen Preis er, oder aber der resolute Anführer Ralph für ihr Verhalten zahlen müssen steht auf einem anderen Blatt – und wird erst dann offenbar, als Jack seinen einen Urinstinkt (die Angst) gegen andere (das pure Überleben und den blinden Jagdtrieb) eintauscht und damit ebenfalls zahlreiche Anhänger um sich schart. Diese Form der Bildung einer tumben Masse; jene gefährliche Gruppendynamik ist es schließlich auch die für das eigentlich entstehende Gänsehaut-Gefühl von HERR DER FLIEGEN verantwortlich ist. Weil sie, und das sei noch einmal erwähnt; sowohl auf die Situation auf der Insel allein bezogen werden kann – aber eben auch auf diverse Gesellschaftsstrukturen. Vornehmlich solchen, in denen Menschen möglicherweise mit dem Leben bezahlen müssen wenn sie anders denken oder handeln als die meisten – auch ohne, und das ist das erschreckende: dass es eine entsprechende Hierarchie (wie etwa eine Diktatur) befürwortet.

Die Bildqualität ist entsprechend des Erscheinungsjahres nicht immer optimal – doch durch den reinen Schwarz-Weiss-Ton gewinnt das Projekt zusätzlich an Wirkungskraft und wirkt zeitlos. Spezielle Einzelszenen, wie etwa in Bezug auf den Tanz um das Lagerfeuer brennen sich schnell in das Gedächtnis – weil sie inhaltlich gut untermauert; aber auch schlicht hervorragend inszeniert werden. Somit entsteht das Gefühl, als müsste man sich tatsächlich als stiller Beobachter auf der Insel befinden. Eine besondere Bedeutung wird auch dem insgesamt dezenten Soundtrack zuteil, der mit dem perfekt auserwählten klassischen Chorstück Kyrie weitere Deutungsebenen zulässt.

Fazit: Die 1963’er Verfilmung zu HERR DER FLIEGEN glänzt in vielerlei Hinsicht – und was eher selten ist, sogar im direkten Vergleich mit der Buchvorlage. Die Prämisse ist außergewöhnlich, das Porträt der Charaktere intensiv, die erzielte Wirkung aufrüttelnd – und der damit erzielte Unterhaltungswert im Sinne eines ungeschönten Survival-Trips einer Gruppe Kinder enorm. Für die technisch-handwerklichen Aspekte sprechen die zeitlose Optik, der passige Soundtrack sowie das Schauspiel aller beteiligten Kinderdarsteller – das ohne Zweifel als konkurrenzlos betrachtet werden kann. Lediglich ein kleiner Wermutstropfen, der gleichzeitig eine Höchstwertung verhindert; bleibt: einstweilen kommt das Gefühl auf als würde der Schauplatz zu stark eingegrenzt. Eventuell hätte man die Kinder noch tiefer in die Wildnis der Insel vordringen lassen; sowie einen stärkeren Fokus auf die Nahrungs- und Wasserbeschaffung (als unbedingte, aber interessanterweise leicht vernachlässigte Elemente des Überlebenskampfes) legen sollen. Sei es drum – HERR DER FLIEGEN ist ein außergewöhnliches Kleinod und ein Meilenstein der Filmgeschichte.

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„Ein zu Recht kultiges Survival-Drama – und zugleich eine der vielleicht besten Buchverfilmungen überhaupt.“

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Filmkritik: „You’ll Be A Man“ (2013)

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Originaltitel: Tu Seras Un Homme
Regie: Benoît Cohen
Mit: Aurelio Cohen, Jules Sagot, Eléonore Pourriat u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 87 Minuten
FSK: noch nicht geprüft
Genre: Tragik-Komödie
Tags: Familie | Sohn | Babysitter | Konflikte | Zusammenleben

Der Mann als Lebemann, Babysitter und Familientherapeut.

Kurzinhalt: Wenn man den 20-jährigen Théo (Jules Sagot) beschreiben sollte, dann müsste man in jedem Fall festhalten dass er in keine vorgefertigte Schublade passt. Während seine Freunde drauf und dran sind Theater-Schauspieler zu werden, ist seine Zukunftsperspektive eher offen – momentan kommt es für ihn nur darauf an, sich irgendwie über Wasser zu halten. So gerät er eines Tages auch an eine Stelle als Babysitter, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. Er soll auf den 10-jährigen Léo (Aurelio Cohen) aufpassen, während sein viel beschäftigter Vater (Grégoire Monsaingeon) auf Dienstreisen ist. Was Théo jedoch noch nicht weiß ist, dass die Mutter des Jungen (Eléonore Pourriat) ebenfalls im riesigen Anwesen der Familie wohnt – und theoretisch ausreichend Zeit für ihren Sohn hätte. Doch offenbar steht es nicht besonders gut um ihre Gesundheit, sodass sie sich grundsätzlich zurückzieht und den neuen Babysitter als zusätzliche Hilfe schnell akzeptiert. Das Problem: obwohl sich Théo gut um seinen neuen Ziehsohn kümmert, weichen seine Ansichten teilweise enorm von denen seines Auftraggebers ab. Der fühlt sich schließlich gar nicht mehr so wohl als er sieht, wie gut sich Théo bereits nach kurzer Zeit eingelebt hat und bereits vollständig als neues Familienmitglied akzeptiert wurde…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Filme über das Heran- oder Aufwachsen von Kindern oder Jugendlichen in ganz bestimmten Lebenssituationen gibt es relativ häufig. Wenn man so will, haben sie sogar ein eigenes Genre: den sogenannten Coming Of Age-Film. An der Spitze der entsprechenden Genre-Vertreter stehen dabei oftmals Dramen, die sich explizit mit einem besonderen Lebensweg oder einem Einzelschicksal eines jungen Menschen auseinandersetzen. Nicht mehr ganz so häufig; aber nicht automatisch minder bedeutsam sind dabei auch jene Werke, die zusätzlich Elemente der Komödie verarbeiten. Eine Verquickung dieser beiden Genre-Ausrichtung bietet auch Benoît Cohens TU SERAS UN HOMME, eine französische Tragik-Komödie aus dem Jahre 2013.

Was auf Deutsch in etwa so viel bedeutet wie du wirst ein Mann sein ist dabei aber nicht nur ein Film über das Schicksal eines Kindes – auch wenn es die Inhaltsangabe sowie das Artwork zunächst vermuten lassen. Vielmehr handelt es sich um ein Porträt einer aberwitzigen Familien- respektive Charakterkonstellation, die einstweilen groteske Züge annimmt. Und eine, in der nicht der 10-jährige Léo der Titelheld ist – sondern sein neuer Babysitter Théo. Der will als Babysitter eigentlich nur etwas Geld dazuverdienen, um sich mit Ach und Krach über Wasser zu halten – doch tritt im Endeffekt weit mehr los, als man es hätte vermuten können. Eben dieses Porträt ist es dann auch, welches TU SERAS UN HOMME zu einem vergleichsweise ungewöhnlichen, intensiven Drama mit einem starken Charakterbezug sowie Kammerspiel-artigen Anleihen macht.

Gut ist, dass Benoît Cohen die Balance zwischen Elementen des Drama und der Komödie hält – und der Film so weder zu nichtssagend noch zu albern geworden ist. Vielmehr wird TU SERAS UN HOMME dafür sorgen, dass man ihm mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachten wird – eben so, wie es vermutlich auch beabsichtigt war. Wenn sich Théo also beispielsweise in die Frau seines Auftraggebers verliebt und ihrem Sohn ein besserer Vater ist als der eigentliche, während Théos tatsächliche Freundin mit seinem Auftraggeber anbändelt und ihm den Posten als Babysitter streitig macht – dann sorgt das nicht nur für eine reichlich groteske Charaktersituation, sondern auch für reichlich zwischenmenschlichen Zündstoff. Solcher, der von Cohen weitestgehend neutral und aus einer gefühlten Beobachter-Perspektive heraus geschildert wird – und gerade deshalb nur äußerst selten gestellt wirkt. Der Faktor der Authentizität und die Möglichkeiten der Übertragung der Charakter-Elemente auf das Leben des Zuschauers können daher als große Pluspunkte des Films betrachtet werden.

Schließlich ist das vorhandene Angebot hierfür weitaus größer als wirklich intensiver in die Geschichte und das Schicksal von Léo einzusteigen – einem Charakter, der letztendlich etwas zu kurz kommt im turbulenten Familienporträt; und sei es nur gefühlt. Während die anderen alle eine markante, im Film verdeutlichte Wandlung durchmachen oder ihr Handeln zumindest weitreichend hinterfragen, bleibt seine Rolle eher einseitig. Dennoch kann man nicht abstreiten, dass das Handeln der anderen einen teils markanten Einfluss auf ihn hat; wobei man eben diesen unbedingt noch etwas stärker hätte fokussieren sollen.

In Bezug auf die technischen und handwerklichen Aspekte gibt es dagegen wenig zu bemängeln. Die Schauplatzwahl ist stimmig und bietet mit dem großen Anwesen und den späteren Szenen am Meer ausreichende Möglichkeiten, die Bilder auch mal für sich sprechen zu lassen. Die Optik insgesamt, sowie auch der Schnitt geben dem Ganzen den nötigen Feinschliff – einen, der zumindest alles andere als trist oder eintönig ist. Der Soundtrack kommt überraschend peppig daher – und serviert neben dramaturgisch passenden Untermalungen das ein oder andere feurige Popmusikstück. Noch wichtiger als etwaige technische Aspekte sind in diesem Fall aber die Darsteller – die hier glücklicherweise alle überzeugend abliefern. In erster Linie, da sie vergleichsweise glaubwürdig agieren und grundsätzlich sympathisch sind.

Fazit: Im Falle von TU SERAS UN HOMME liegen die Grenzen des komischen, des makaberen und des tragischen nah beieinander. Cohen hat letztendlich eine äußerst unterhaltsame Tragik-Komödie abgeliefert, die sowohl zum Nachdenken anregt als auch den ein oder anderen Schmunzler bereithält. Wichtig scheint nur festzuhalten, dass es sich nicht um einen klassischen Coming Of Age-Film handelt – aber eben auch keine klassische Komödie über das Heranwachsen. Vielmehr ist es ein wenig von beidem; wobei ihn vielleicht gerade das interessant macht.

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„Ein etwas anderes Familiendrama mit starkem Hauptcharakter.“

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Filmkritik: „Children Of Men“ (2006)

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Originaltitel: Children Of Men
Regie: Alfonso Cuarón
Mit: Clive Owen, Julianne Moore, Michael Caine u.a.
Land: USA, Großbritannien
Laufzeit: ca. 109 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Sci-Fi, Thriller, Drama
Tags: Apokalypse | Endzeit | Kinderlosigkeit | Kampf | Hoffnung

Ein Leben ohne Kinder ist… verdammt übersichtlich.

Kurzinhalt: Im Jahre 2027 scheint es eher schlecht um den allgemeinen Zustand der Menschheit bestellt – seit nunmehr 18 Jahren wurde kein Kind mehr geboren, die Gründe dafür sind umstritten. Analog zur somit ausbleibenden Zukunft laufen die Menschen teilweise Amok, und die politische Lage ist weltweit angespannt. In London versucht man noch, eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten – unter anderem mit einer strengen Einwanderungspolitik und scharfen Kontrollen. Hier lebt auch Theo (Clive Owen), der die letzten Jahre eher bescheiden verbracht hat – bis er seine ehemalige Geliebte Julian (Julianne Moore) wieder trifft und sie ihn um einen Gefallen bittet. Es geht um nicht weniger, als äußerst schwierig zu bekommende Transit-Papiere für ein junges Mädchen (Clare-Hope Ashitey) zu organisieren. Ein Mädchen, das sich auch noch illegal im Land aufhält und ein großes Geheimnis in sich trägt. Eines, dass nicht nur den sonst hart gesottenen Theo aus der Fassung bringt – sondern sich möglicherweise nutzen ließe, um die Welt zu verändern.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Das, was Regisseur Alfonso Cuarón in CHILDREN OF MEN auftischt ist alles andere als leichte Kost: angesiedelt in einer gleichermaßen nahen wie düsteren Zukunft ist die Geburtenrate längst komplett verebbt. Die Folge: die Welt wurde in ein Chaos gestürzt, überall herrschen Krieg und Verzweiflung; Hoffnung auf bessere Zeiten gibt es nicht. Bis, ja bis doch noch ein Kind geboren wird – unter vergleichsweise tragischen, in vielerlei Hinsicht aber auch komplizierten Umständen. Dem Regisseur gelingt dabei vor allem eines: die Zeichnung eines starken Charakter-Ensembles, dass sowohl im engeren (das heißt, der Gruppe um die schwangere Frau) als auch im weiteren Kreis (allen, die mehr oder weniger kurze Auftritte haben) überzeugen kann. Überhaupt überrascht insbesondere Clive Owen als Hauptdarsteller, der hier eine gleichermaßen sympathisch-kernige wie glaubwürdige Leistung abliefert – wie auch Julianne Moore in ihrem eher kurzen Auftritt. Nun nehme man nur noch eine Prise einer glaubwürdig gezeichneten, dystopischen Zukunftsvision hinzu – und fertig ist das gelungene Thriller-Drama vor apokalyptischen Hintergrund.

So einfach es auch erscheint – in diesem Fall geht das Konzept über weite Strecken auf. Die in CHILDREN OF MEN porträtierte Welt ist schließlich nicht nur reichlich düster – sondern auch erschreckende glaubwürdig; und geizt nicht mit allerlei prekären Seitenhieben. Vor allem solche, in denen politische Interessen eine nicht unerhebliche Rolle spielen – und bei denen es oftmals darum geht, dass Menschenrechte auch heute noch mit Füßen getreten werden. Aber auch völlig unabhängig von etwaigen weltgeschichtlichen Parallelen und der beileibe nicht vollständig erörterten Kinderlosigkeit der gesamten Weltbevölkerung schafft es CHILDREN OF MEN, zu faszinieren – und sei es in einem eher tristen, nachdenklich stimmenden Zusammenhang. Man kann kaum anders als sich von der bedrohlichen Stimmung des Films gefangennehmen zu lassen, dabei den Blick auch immer wieder auf das hintergründige Geschehen zu werfen – ohne, dass dabei qualitative Abstriche gemacht werden müssten. Besonders die hervorragend eingefangenen, im wahrsten Sinne des Wortes dreckig inszenierten Szenen im späteren Gefangenenlager hinterlassen hier einen nachhaltigen Eindruck und sprechen für den investierten Aufwand.

Sicher, hier und da scheint der Film vor allem inhaltlich etwas spärlich ausgestattet; und speziell der vergleichsweise abrupte Auftakt vermag es den Zuschauer dezent zu überrumpeln. Doch ist man erst einmal drin im Geschehen und hat sich mit den Charakteren vertraut gemacht, geht die Formel doch noch auf. Man sollte sich lediglich klarmachen, dass Regisseur Alfonso Cuarón den Fokus klar auf die Personen um das ungeborene respektive neugeborene Kind und deren Interaktionen mit der Umwelt legt – anstatt weiterführende Informationen zur hier gezeichneten Welt zu liefern. Das wäre in Anbetracht der stimmigen Bilder und der eben nicht allzu spektakulären, wenig effekthascherischen Erzählart zwar ebenfalls denkbar gewesen – hätte aber vermutlich den Rahmen gesprengt. So sollte man nehmen, was man bekommt – eine gleichermaßen bodenständige wie drastische Schilderung über eine handvoll Menschen, die im Chaos und durch den Wink des Schicksals neue Hoffnung schöpfen – und so gesehen eigentlich nur für ihre Grundrechte einstehen.

Fazit: CHILDREN OF MEN ist ein gleichermaßen emotionales wie spannendes Drama über eine Dystopie die erschreckend erscheint – wenn sie so eintreten sollte aber immerhin nur eine eher kurzlebige wäre. Neben der Tatsache, dass das Szenario trotz der nicht vollständig überdachten respektive explizit dargelegten Prämisse überraschend glaubwürdig und vor allem wirkungsvoll ist; gelingt es den Machern vor allem das Empathie entsteht – für die hauptsächlich beteiligten Charaktere, und das Neugeborene Kind als Hoffnungsträger der gesamten Menschheit. Die stets enorm Detail-verliebte und einen gewissen Aufwand nicht verhehlende optische Gestaltung, der passig-dezente Soundtrack und das hervorragende Schauspiel runden die Sache nach oben hin ab. CHILDREN OF MEN ist ein Muss für alle, die wie auch immer geartete Endzeit-Filme mögen – dabei aber nur allzu gern auf einen oftmals gängigen, eher oberflächlichen Hollywood-Bombast verzichten können.

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„Ein äußerst düsterer, intensiver, starker Endzeit-Film mit markanten Figuren.“

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Filmkritik: „Vergissmichnicht“ (2010)

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Originaltitel: L’Age De Raison
Regie: Yann Samuell
Mit: Sophie Marceau, Jonathan Zaccaï, Marton Csokas u.a.
Land: Belgien, Frankreich
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Karriere | Familie | Kindheit | Übereinkunft | Leben

Manchmal lohnt sich ein Blick zurück… oder ?

Kurzinhalt: Pünktlich zum 40. Geburtstag der beruflich erfolgreichen Margaret (Sophie Marceau) stellt sich plötzlich unerwarteter Besuch ein. Ein pensionierter Notar (Michel Duchaussoy) überreicht ihr einen mysteriösen Brief – der sich überraschenderweise als ihr eigener herausstellt. Nur, dass sie ihn vor etwa 33 Jahren geschrieben hat… als Kind, und mit dem Ziel ihr späteres Ich zu erreichen. Zunächst will Margaret nichts mit derartigen Kindereien zu tun haben – doch nach und nach lässt sie sich auf ihr eigenes, vor 3 Jahrzehnten begonnenes Experiment ein. So sinniert sie nicht nur über die Vergangenheit und lässt alte Erinnerungen aufleben; sie beginnt auch sich intensiver mit den Texten zu befassen und über ihr jetziges Leben nachzudenken. Denn so ganz möchte das damals geschriebene nicht mit ihrem heutigen Status als eher kaltblütige Geschäftsfrau harmonieren…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Die Star-besetzte Tragik-Komödie VERGISSMICHNICHT (nicht zu verwechseln mit VERGISSMEINNICHT) von Yann Samuell befasst sich mit dem Leben einer emanzipierten Erfolgsfrau – und einem längst vergessenen Selbst-Experiment, welches sie schon als 7-jährige ins Leben gerufen hat. Dabei ist die Idee, eine erwachsene Frau auf dem Weg alter Briefe mit ihrem jüngeren Ich kommunizieren zu lassen; nicht gänzlich neu. Doch scheint sie in diesem Fall – und als Hauptaufhänger der sentimentalen Story – durchaus aufzugehen. Schließlich ist das Problem der fehlenden Selbstreflexion ein zeitloses; und die Art, wie Regisseur Yann Samuell es verpackt durchaus charmant. Vor allem aber scheint sie kindgerecht – was bei einem Blick auf die Altersfreigabe ab 0 noch nicht besonders verwunderlich erscheint. In Anbetracht der eigentlichen Zielgruppe des Films aber könnte dennoch Verwirrung entstehen – VERGISSMICHNICHT ist schließlich nicht als Kinder- oder Familienfilm konzipiert. Deswegen, und aufgrund anderer Faktoren bleibt der Film weit hinter seinen Möglichkeiten zurück – und wirkt dabei nicht nur extrem seicht, sondern vor allem auch sehr klischeehaft.

Denn eine intensive Charakterzeichnung sieht der Film nicht vor – trotz der theoretisch starken Hauptfigur, die von einer noch stärkeren und äußerst wandelbaren Sophie Marceau verkörpert wird. Ohnehin scheint es, als wurde den inhaltlichen Faktoren weitaus weniger Aufmerksamkeit geschenkt als den stilistischen; hier eher verzierenden. So hat Yann Samuell neben einigen wehmütig inszenierten Kindheitserinnerungen und einem Blick für möglichst malerisch-idyllische Aufnahmen in warmen Erdtönen (die folgerichtig mit der nicht nur sprichwörtlichen Kälte der Business-Welt kollidieren) vor allem eines zu bieten: eine riesengroße Portion Herzschmerz. Die wird jedoch kaum aus den Schicksalen der Protagonisten generiert, sondern vielmehr aus dem Wust der vehement auf die Tränendrüse drückenden Stilmittel. Seien es die überschwängliche Nostalgie, der allgemeine Reiz der (kindlichen) Unschuld oder die stets im Hintergrund agierenden Streich-Orchester – VERGISSMICHNICHT schöpft handwerklich und inszenatorisch aus dem Vollen. Problematisch und nur allzu offensichtlich ist, dass das Ganze so aber auch nicht an Gehalt oder Tiefe gewinnt – und die Tränen hier vergleichsweise künstlich herbeigeführt werden.

Sicher, VERGISSMICHNICHT will keine Charakterstudie oder ein tiefgreifendes Drama über den Sinn oder Unsinn des Lebens sein – sondern eher ein modernes Märchen. Eines, das mit seinen emotionalen Bildern und einer zutiefst melodramatischen Stimmung zum Träumen einlädt, und nebenbei auch noch eine wertvolle Botschaft enthält. Dennoch wird einen das Gefühl kaum verlassen, als sei das in diesem Falle etwas zu wenig. Zumal der eigentliche Selbstfindungsprozess, die endlich stattfindende Selbstreflexion insgesamt eher unglaubwürdig wirkt und aufgrund der Briefe zu sehr forciert wird. Überhaupt erscheinen Parallelen zu Werken wie DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE alles andere als weit hergeholt. Vergleichsmöglichkeiten fänden sich auch ganz grundsätzlich einige – sodass VERGISSMICHNICHT letztendlich wenig originell wirkt und sich beinahe ausschließlich auf den magischen Prozess des Titel-gebenden Briefaustausches verlässt. Der scheint dann aber auch tatsächlich nur im Bereich des fantastischen aufzugehen. Warum sich die Hauptprotagonistin offenbar gar nicht mehr an ihre eigenen Briefe erinnern kann, oder wie sie schon als 7-jährige einen derart festen und zukunftsweisenden Entschluss fassen konnte; bleibt weitestgehend offen.

Fazit: Was vielversprechend und mit einem gewissen französischen Charme (der sich bereits im verspielten, alles andere als typischen Intro bemerkbar macht) beginnt, entpuppt sich im weiteren Verlauf als etwas zu platte Angelegenheit. Eine, die bestenfalls passabel unterhält – dafür aber umso stärker auf die Tränendrüse drückt. Das eigentliche Dilemma des Films bleibt die einstweilen relativ schwer zu verkraftende Überladung durch diverse Stilmittel und die künstlich herbeigeführte Emotionalität – während die eigentlich wichtigen inhaltlichen Aspekte und auch die Charakterzeichnung auf der Strecke bleiben. Anders gesagt: vermutlich wäre VERGISSMICHNICHT ein Paradebeispiel für einen Film, der sprichwörtlich viel Lärm um Nichts macht. Immerhin sollten die optische Aufmachung, die leicht märchenhafte Erzählart und die wichtige Botschaft ihn zumindest für ein jüngeres Publikum interessant machen. Für eine Durchschnittswertung und eine eingeschränkte Empfehlung reicht es also noch.

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„Passable Idee, starke Besetzung, charmanter Ansatz – aber holprige, unglaubwürdige und emotional gekünstelte Umsetzung.“

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