Filmkritik: „Shin Godzilla“ (2016)

Originaltitel: Shin Gojira
Regie: Hideaki Anno
Mit: Hiroki Hasegawa, Satomi Ishihara, Yutaka Takenouchi u.a.
Land: Japan
Laufzeit: ca. 120 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction / Drama
Tags: Godzilla | Monster | Japan | Zerstörung | Katastrophe

Da stampft er wieder.

Kurzinhalt: Als sich im Küstengebiet Japans einige seltsame Zwischenfälle ereignen, sind die Verantwortlichen schnell alarmiert. Viel mehr als der Dinge zu Harren die da noch kommen bleibt ihnen allerdings nicht übrig – denn zunächst bleibt die eigentliche Ursache unklar. Bis, ja bis die schlimmsten und als Geschwätz abgetanen Befürchtungen einiger weniger doch noch wahr werden: es scheint sich um ein gleichermaßen riesiges wie mysteriöses Seeungeheuer zu handeln. Eines, von dem man nicht genau weiß was es als nächstes vorhaben könnte – doch auch so sind die durch die Kreatur verursachten Zerstörungen enorm. Schließlich scheint sich der Organismus in spezieller Weise weiterzuentwickeln, sodass die alsbald als GODZILLA getaufte Kreatur auch an Land geht und sich bald darauf in Richtung des Landesinneren aufmacht. Neben dem Versuch, möglichst viele Informationen über die Bestie einzuholen werden eifrig Pläne geschmiedet, wie man den nicht nur massiven wirtschaftlichen Schaden hinterlassenden GODZILLA aufhalten könnte – und das im besten Fall ohne die Zivilbevölkerung zu gefährden.

Kritik: Die Japaner und ihr gleichermaßen kultiges wie heißgeliebtes GODZILLA-Franchise – es kennt kein Ende. Während man das furchteinflößende Leinwandmonster in der westlichen Welt höchstens alle paar Jahre zu Gesicht bekommt (entweder in Form von starbesetzten amerikanischen Blockbustern, oder aber durch die hie und da ausgestrahlten alten japanischen Filme), scheint die Faszination im Heimatland der ursprünglich im Jahre 1954 von Ishiro Honda ins Leben gerufenen Kreatur ungebrochen. Sicher auch, da man den Mythos GODZILLA seit jeher mit durchaus realen Ereignissen innerhalb der jüngeren japanischen Geschichte in Verbindung bringen konnte; woran auch SHIN GODZILLA nichts ändert – in Anbetracht der noch nicht allzu lange zurückliegenden Katastrophe in Fukushima sogar eher im Gegenteil. Jedoch, und diese Herausforderung galt es speziell in Bezug auf SHIN GODZILLA zu meistern – hatte das Franchise bereits mit einigen Alterserscheinungen zu kämpfen und drohte sich zumindest aus einer künstlerisch etwas gehobeneren Sicht, in einem unwiederbringlichen Maße abzunutzen. Die vielen über die Jahre gesammelten, dabei aber nicht immer besonders herausragenden Filme zum Thema erledigten hier wohl ihr übriges – sodass SHIN GODZILLA tatsächlich als eine Art Wendepunkt fungiert.

Schließlich standen die Chancen in beide Richtungen gut. Entweder, man würde das Franchise langsam aber sicher zu Grabe tragen – oder aber es doch noch einmal neu beleben. Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl und gewissen stilistischen Raffinessen, versteht sich – wofür in Anbetracht von SHIN GODZILLA niemand geringeres als Hideaki Anno auserkoren wurde. Vielen dürfte das japanische Ausnahmetalent aber eher nicht als Meister des Kaiju-Films geläufig sein – sondern vielmehr als Schöpfer der Anime-Serie NEON GENESIS EVANGELION und des einige Jahre später realisierten Reboots in Form von 4 neuen Filmen. Realfilme hat er zwar auch einige gedreht, doch rangieren diese eher unter ferner Liefen – wie etwa der 2004 erschienene und recht alberne Spielfilm CUTIE HONEY (siehe Review). Dass er dennoch für die Wiederbelebung des GODZILLA-Franchise auserkoren wurde hat andere Gründe – vornehmlich solche, für die man schon etwas tiefer graben muss. So hat ihn seine gleichermaßen intensive wie durchdachte Arbeit an EVANGELION durchaus für ein zumindest oberflächlich vergleichbares, so gesehen endzeitlich-apokalyptisches Szenario wie das in SHIN GODZILLA porträtierte qualifiziert. Auch die nahe Verbindung zu Kollegen wie Hayao Myazaki (Studio Ghibli), daraus resultierende Projekte wie GIANT GOD WARRIOR (siehe Artikel) und die Liebe zur traditionellen japanischen Kinotechniken – die sich in etwa im weitestgehenden Verzicht auf im Westen nur zu gern genutzte CGI-Effekte beziehen – machte ihn zu einem interessanten, ja wenn nicht dem einzigen in Frage kommenden Kandidaten.

Ob ihm das große Unterfangen auch gelungen ist, ist dagegen eine ganz andere Frage. Eine, die man wohl auch nicht ohne eine gewisse Trennung beantworten kann; denn: SHIN GODZILLA hat höchst unterschiedliche Kompetenzen – und darüber hinaus noch solche, die man hierzulande gänzlich anders bewerten oder einstufen würde als im eigentlichen Entstehungsland.

Immerhin: in Bezug auf das an den Tag gelegte Handwerk und die Art der Inszenierung sollte das Urteil schon eher eindeutig ausfallen respektive ohne das in Betracht ziehen weiterer Faktoren gefällt werden können. Anders gesagt: ob man der von Hideaki Anno verwirklichten GODZILLA-Variante optisch etwas abgewinnen kann, ist stark geschmacksabhängig. So ist es einerseits angenehm und höchst erfrischend zu sehen, dass man einen sogenannten Blockbuster auch ohne allzu teure und rein am Computer hergestellten Special Effects realisieren kann – wenn im Ausgleich dazu ein großes Augenmerk auf Handarbeit gelegt wurde. Doch während das Konzept vor allem in Bezug auf die stattfindende Panik und Zerstörung wunderbar aufzugehen scheint, fallen gerade die Ansichten der Kreatur selbst zutiefst gewöhnungsbedürftig aus. Mindestens, sollte man sagen – denn gerade der GODZILLA der ersten bzw. zweiten Evolutionsstufe sieht dank seiner unecht wirkenden Haut und der riesig-glasigen Augen alles andere als furchteinflößend aus. Eher befremdlich, was sicher auch Sinn und Zweck der Gestaltungsarbeit war – doch das letztendliche Ergebnis offenbart dann wohl doch etwas zu viel des Guten.

Ähnliches gilt auch für den weiteren mit der Kreatur verbundenem Lauf der Geschichte. Zwar sieht GODZILLA hier schon wesentlich besser und so gesehen auch wirkungsvoller aus – doch die relative Starrheit seiner Bewegungen sowie die wieder überaus künstlich erscheinenden besonderen Fähigkeiten (wie die im Westen eher nicht bekannten Energieausstöße in Form von alles zerstörenden Strahlen) sorgen eher für ein müdes Lächeln denn für eine wirkliche Atmosphäre. Das gilt hingegen nicht für den ganz und gar hervorragenden Soundtrack von Shiro Sagisu, der schon des öfteren mit Hideaki Anno zusammenarbeitete – und auch dieses Mal eine kleine Meisterleistung abliefert. Dass gerade durch die gespielten Stücke zusätzliche Seitenhiebe auf das EVANGELION-Franchise erkennbar werden, ist hier wohl nur ein i-Tüpfelchen. Während die verpflichteten Darsteller einen soliden Job machen; fällt die sonstige handwerkliche Arbeit nicht sonderlich spektakulär, aber doch weitestgehend zufriedenstellend aus. Die Wahl und Gestaltung der Schauplätze ist gelungen, die Kamera-Arbeit überzeugt durch teils gewagte aber niemals überdreht inszenierte Ansichten, die zwischengeschobenen Aufnahmen diverser Stadtansichten und der Panik der Bevölkerung erfüllen ihren Zweck.

Woran sich die Geister in Bezug auf SHIN GODZILLA scheiden werden sind aber ohnehin nicht die technischen Spezifikationen oder das zumindest dezent in Frage zu stellende handwerkliche Geschick der Verantwortlichen – sondern vielmehr die letztendliche Gewichtung des Films. Die sieht schließlich vor, dass weitaus mehr geredet als gehandelt wird – und das auf so gut wie allen Ebenen. Entsprechend ausschweifende Action-Szenen oder inhaltlich allzu rasant voranpreschende Abschnitte (bei denen eine hohe Aufmerksamkeit gefragt wäre) sollte man also keineswegs erwarten. SHIN GODZILLA ist ein ungewöhnlich politischer Film geworden, bei dem analog zu realen Bedrohungssituationen wie der in Fukushima versucht wurde; ein möglichst realistisches Porträt der handelnden Verantwortlichen zu zeichnen. So ist die Kamera stets nah am Geschehen, auch wenn nicht viel mehr geschieht als das hektische Zusammentragen von Informationen wie zum Auftakt des Films. Dementsprechend kann es durchaus vorkommen, dass mehrere Protagonisten wild durcheinander reden und dabei nicht immer sinniges respektive wichtiges von sich geben – was in Anbetracht des doch enormen Fokus auf die entsprechenden Konversationen irgendwann zu einer recht ermüdenden Angelegenheit werden kann.

Das potentielle Problem: zu einer dahingehenden Erlösung des Zuschauers kommt es nicht wirklich – selbst die wenigen Action-Szenen werden durch das Einstreuen minutiöser Planung und der Abschätzung aller erdenklichen Eventualitäten garniert. Anders gesagt: jeder, der etwas zum Thema zu sagen hat kommt auch zu Wort. Ob eine Vorgehensweise wie diese tatsächlich Vorteile mit sich bringen kann, bleibt fraglich. Fakt ist nur, dass SHIN GODZILLA gerade dadurch einen äußerst zähen Fluss bekommt, erst Recht natürlich aus der Sicht des westlichen Zuschauers. Dabei hätte es gar nicht erst ein Mehr an weiteren ellenlangen und im schlimmsten Fall substanzlosen Actionszenen sein müssen, mit denen man im Westen gerne mal etwas zu oft und aufdringlich konfrontiert wird – doch ein wenig mehr Witz oder Charme hätte man durchaus einbringen dürfen. Ja, selbst die Charaktere bleiben allesamt relativ unsympathisch und erscheinen kaum greifbar – was abermals im krassen Gegensatz zu diversen Star-Allüren der Marke Hollywood steht und grundsätzlich erfrischend ist, doch eine wie auch immer geartete Empathie entsteht so kaum. Und: dass eigentlich nur die allerletzte Szene des Films für ein wenig Aufsehen sorgt (genauer gesagt bei einer Nahaufnahme des Schwanzes des nunmehr eingefrorenen GODZILLA) und dezent auf eine der maßgeblichen Themengebiete von END OF EVANGELION verweist, ist in Anbetracht der in dieser Hinsicht kaum genutzten vorangegangenen zwei Stunden (!) fast schon ein Schlag ins Gesicht.

Mit dem Wissen um das langjährig erfolgreiche und allseits beliebte GODZILLA-Franchise, die Vorliebe für aus internationaler Sicht etwas eigen erscheinenden Stilmittel und nicht zuletzt die vergangenen Atomkatastrophen wird so vor allem eines klar: SHIN GODZILLA ist nicht nur ein zutiefst japanischer Film, sondern auch einer der fast ausschließlich für das hiesige Publikum gemacht wurde. Schlussendlich besitzt der Film so eine deutlich geringere universelle oder auch Faszinationskraft als etwa das vergleichsweise offene und prinzipiell für jedermann zugängliche EVANGELION-Franchise – sodass es äußerst wahrscheinlich ist, dass SHIN GODZILLA auf dem internationalen Markt nur wenig Erfolg haben wird. Ob das schade ist oder eine zu vernachlässigende Feststellung, muss ein jeder für sich ausmachen. Fest steht wohl nur: die Geschichten um und mit GODZILLA werden weitergehen – jetzt erst Recht.

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„Eine eher Japan-exklusive Monster-Mär mit teils gravierenden Problemen hinsichtlich der Gestaltung und inhaltlichen Gewichtung.“

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Filmkritik: „Das Neunte Leben Des Louis Drax“ (2017)

Originaltitel: The 9th Life Of Louis Drax
Regie: Alexandre Aja
Mit: Aiden Longworth, Jamie Dornan, Sarah Gadon u.a.
Land: USA, Kanada, Großbritannien
Laufzeit: ca. 108 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama, Thriller, Horror
Tags: Junge | Kind | Mutter | Unfälle | Koma | Kommunikation

Wenn selbst neun Leben nicht genug sind.

Kurzinhalt: Den jungen Louis Drax (Aiden Longworth) als Pechvogel zu bezeichnen scheint noch leicht untertrieben – schließlich hat er seit seiner Geburt immer wieder merkwürdige Unfälle, die ihm fast das Leben kosten. Trotzdem scheint sich der mit einer lebhaften Fantasie ausgestattete Junge nicht den Lebensmut nehmen zu lassen, und blickt relativ gelassen auf die zahlreichen Zwischenfälle. Bis, ja bis es an seinem neunten Geburtstag zu einem weiteren und wohl auch dem bisher schlimmsten Unglück kommt. Nicht nur, dass seine mittlerweile getrennt lebenden Eltern ausgerechnet an seinem Geburtstag einen heftigen Streit vom Zaun brechen – inmitten eines darauf folgenden Gerangels stürzt Louis von einer schwindelerregend hohen Klippe. Unglaublicherweise überlebt er den Sturz, doch nach seiner Rettung aus dem eiskalten Wasser liegt er schwer verletzt im Koma. Als er kurz darauf in die aus derartige Fälle spezialisierte Klinik von Dr. Allan Pascal (Jamie Dornan) eingewiesen wird; setzen der Arzt und seine Mutter (Sarah Gadon) alles daran, dass es dem kleinen Patienten bald wieder besser gehen würde. Höchst merkwürdig erscheint indes, dass der Vater (Aaron Paul) seit dem Vorfall verschwunden ist…

Kritik: Filme, in denen komatöse Patienten in einem ersten aber nicht hoffnungslosen Zustand auf eine Rettung warten gibt es eigentlich gar nicht so wenige – eine entsprechende Bandbreite zwischen eher klassischen medizinischen Dramen und geradezu fantastisch anmutenden Ausflügen in die Bereiche der Metaphysik inklusive. Manchmal können die Grenzen aber auch fließend ausfallen, wie im etwas sperrig betitelten DAS NEUNTE LEBEN DES LUIS DRAX vom frisch gebackenen Horror-Spezialist Alexandra Aja. Der hatte sich speziell durch seine gelungene Neuverfilmung des Klassikers THE HILLS HAVE EYES einem Namen gemacht, war daraufhin aber auch an einigen mindestens diskutablen Werken beteiligt – wie etwa dem puren Trash-Vergnügen in der Gestalt von PIRANHA 3D (siehe Review) oder dem schonungslosen Remake von MANIAC (Review). Unter anderem deshalb fühlt es sich etwas überraschend an, ihm nun bei einer Umsetzung eines für ihn und seine bisherige Filmografie eher ungewöhnlichen Stoffes beizuwohnen. Schließlich basiert DAS NEUNTE LEBEN DES LUIS DRAX auf einer gleichnamigen Buchvorlage der Autorin Liz Jensen, und richtet seinen Fokus explizit auf das Erleben eines kindlichen Hauptprotagonisten in einer nicht nur medizinischen Ausnahmesituation.

Die ersten Minuten des Films offenbaren dabei schnell einen weiteren Überraschungsmoment, denn: es gelingt dem Regisseur durchaus, den Zuschauer mit seinem etwas anderen Einblick in die Gedankenwelt eines kleinen Jungen zu fesseln. Der dezente Ausflug in Richtung einer klassischen Coming Of Age-Geschichte, die gleichermaßen frische wie unkonventionelle Erzählweise irgendwo zwischen einer kindlichen Poesie, fast schon komödiantischen Einschüben und einer subtilen Dramatik geht zunächst wunderbar auf – und macht neugierig auf den weiteren Verlauf des Films. Im selbigen kommt es jedoch, wie es kommen muss: nicht alle der an den Tag gelegten Ideen sind gut respektive sonderlich effektiv, und vor allem hinsichtlich der angepeilten Kohärenz des Films hapert es. Stellenweise sogar gewaltig – was umso deutlicher auffällt, wenn man den eigentlichen Überraschungseffekt des Films zu Rate zieht. Schließlich hat gerade der zwei kaum miteinander vereinbare Seiten, oder anders gesagt: für DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX ist er Fluch und Segen zugleich.

Denn: so unerwartet die eigentliche Wendung sein mag, eigentlich hat sie nur wenig mit dem zuvor etablierten Atmosphäre des Films am Hut. Streckenweise könnte man somit den Eindruck gewinnen, als handelte es sich bei DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX um zwei oder drei ineinander verwobene Filme – die nicht immer miteinander harmonieren, und bei deren Verknüpfung einiges auf der Strecke bleibt. Sicher ist es mutig, eine wie hier gezeigte Symbiose aus verschiedenen Genres anzustreben – doch letztendlich wirkt die Mixtur aus Elementen des Coming Of Age-Films, des Dramas, des Thrillers; aber eben auch der Fantasy und des Horrors schlicht etwas zu wild und unentschlossen. Somit bleibt kaum aus, dass sich ein vergleichsweise seltener Gesamteindruck einstellt: die Grundidee inklusive der überraschenden Auflösung bleibt der wohl größte Vorteil in und an LOUIS DRAX, wohingegen der Weg zu eben jener Auflösung auffällig holperig wirkt – und zudem einige Längen aufweist.

Immerhin: Alexandra Aja begeht somit schon einmal nicht den Fehler, viel Lärm um nichts zu machen. Eigentlich ist es hier sogar genau andersherum: die Ausschmückungen um den Kern der Geschichte herum sind es, die für Verdruss sorgen – und nicht die Geschichte an sich. Ein ebenso ambivalentes Gefühl stellt sich auch ein, wenn man die handwerklichen Kniffe, den Soundtrack und die Leistungen der Darsteller in Betracht zieht. Schließlich gilt auch hier: für sich betrachtet macht vieles einen guten Eindruck. Das gilt insbesondere für die teils hervorragenden Aufnahmen, die atmosphärisch inszenierten Schauplätze, die eingestreuten Special Effects oder aus dem Kontext gerissene Einzel-Momente – wie etwa die gruselige Verfolgung einer Schlamm-Spur im Krankenhaus, oder aber die Szenen des Hauptcharakters mit einer zunächst nicht zuzuordnenden Gestalt in Form eines allwissenden Erzählers.

Im Zusammenspiel folgt jedoch die relative Ernüchterung: DAS NEUNTE LEBEN DES LOUIS DRAX will schlicht etwas zu viel, und verhaspelt sich dabei dezent in Bezug auf seine eben nicht oder nur kaum vorhandene Konsequenz. Leicht kritisch muss wohl auch die Leistung des Nachwuchstalentes Aiden Longworth in der für ihn eventuell etwas zu großen Hauptrolle betrachtet werden – auch hier sind einige deutliche Abstriche zu machen. Die angepeilte Emotionalität, das ganz große Einfühlen im Sinne einer übergreifenden Empathie bleibt jedenfalls aus.

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„Eine gute Idee trifft auf eine schwache und inkonsistente Umsetzung.“

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Filmkritik: „Baby Bump“ (2015)

Auch bekannt als: Guziukas
Regie: Kuba Czekaj
Mit: Kacper Olszewski, Agnieszka Podsiadlik, Caryl Swift u.a.
Land: Polen
Laufzeit: ca. 89 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama, Komödie
Tags: Junge | Kind | Mutter | Familie | Pubertät | Sexualität | Erwachen

Ein etwas anderer Kindheits- und Jugendtribut.

Vorsicht – in BABY BUMP wird scharf geschossen.

Kurzinhalt: Mit dem Eintritt in die Pubertät beginnt sich das Leben des jungen Mickey (Kacper Olszewski) markant zu verändern. Doch nicht nur, dass er Probleme mit seinem eigenen Körper entwickelt und sein sexuelles Erwachen unmittelbar bevorsteht; auch das Verhältnis zu seiner Mutter (Agnieszka Podsiadlik) und seinen Schulkameraden wird das eine ums andere Mal komplett auf den Kopf gestellt. Klar scheint: Mickey ist gefangen zwischen seinem bisherigen Dasein als kleiner Junge, der sich nach mütterliche Fürsorge sehnt – und dem von nicht immer überzeugenden männlichen Vorbildern geformten Bild des Mannes, zu welchem er sich möglicherweise entwickeln wird. Um sein Gefühlschaos besser verarbeiten zu können, bedient er sich einfach seiner ohnehin recht ausgeprägten Fantasie…

Kritik: Wie viele Filmemacher sich insgesamt schon an einer filmischen Umsetzung respektive cineastisch aufbereiteten Interpretation zum Thema des Erwachsenwerdens versucht haben, steht in den Sternen. Fest steht nur, dass es zahlreiche waren – und das Genre des Coming Of Age-Films ein gleichermaßen spannendes wie zeitloses ist. Während ein Großteil der entsprechenden Werke am ehesten innerhalb der Bereiche des Dramas und der Komödie zu verorten ist, gibt es jedoch auch einige Ausreißer – wie ein vergleichsweise kuriose Genre-Erguss mit dem Titel BABY BUMP. Der extravagante polnische Film von Kuba Czekaj hatte seinen ersten internationalen Auftritt im Rahmen des Filmfestival Cottbus – und ist gleich in mehrerlei Hinsicht dafür geeignet, für Aufsehen zu sorgen.

Denn auch wenn sich selbst ein BABY BUMP die unspektakuläre Zuordnung zum Genre des Dramas, oder eher der Drämödie gefallen lassen muss; bietet der Film ausreichend Anhaltspunkte um nicht mit anderen verwechselt werden zu können. Anders gesagt: BABY BUMP ist auffällig wild, anarchistisch; und wenn man so will sogar verstörend. Mit dafür verantwortlich ist hier die explizite Vermengung von Traum und Realität, durch die er immer wieder dezent surrealistische Züge annimmt – die man sonst eigentlich von ganz anderen Werken gewohnt ist. Sicher, von der ganz großen Filmkunst ist das Werk von Kuba Czekaj noch weit entfernt. Vornehmlich, da sich der Film stark auf seine durchtriebene symbolische Ebene verlässt – selbige insgesamt betrachtet aber eher ernüchternd ausfällt. Und: die es schlicht nicht vermag, den mit handfestem Inhalt geizenden Film sinngemäß über seine lange Laufzeit zu füllen. Der Gedanke, dass sich das Ganze auch oder vielleicht sogar besser als Kurzfilm geeignet hätte; ist jedenfalls nicht gänzlich von der Hand zu weisen.

Doch für ein markantes und vor allem alles andere als alltägliches Aha-Erlebnis reicht es allemal. Dabei ist das Gelingen des Films in erster Linie auf den durchaus unterhaltsamen Faktor der handwerklichen Aspekte zu beziehen. Die außergewöhnliche Kameraführung, die geschickten Schnitte, die Einbeziehung der Umgebung und diverser zweckentfremdeter Objekte; die bunten eingeworfenen Text- und Gedankenfetzen, der unkonventionelle Soundtrack – BABY BUMP macht technisch einen angenehm unkonventionellen, gleichzeitig aber niemals zu forciert wirkenden Eindruck. Nicht ganz unbeteiligt daran sind sicher auch die beiden Hauptdarsteller, das ungewöhnliche Duo aus den polnischen Talenten Kacper Olszewski (als Sohn) und Agnieszka Podsiadlik (als Mutter) – die in ihren Rollen mit weniger Eigenregie, dafür aber mit der perfekten Umsetzung der Anleitungen des Regisseurs glänzen können.

Selbiger sollte schließlich genau wissen, was er hier von seinen beiden Figuren verlangt – wobei man zumindest einstweilen das Gefühl entwickelt, als gehe das Konzept auf. Schließlich entstehen im Verlauf des Films durchaus Momente, in denen die anberaumte Themen-bezogene Symbolik tatsächlich greifbar wird. Ein riesiges Ei – welches als Kokon und als zweite Geburtsstätte eines Heranwachsenden dient – zählt hier noch zu den harmlosen Varianten. Die (täuschend echt wirkende) Enthauptung eines Huhns fällt dagegen schon in die Kategorie einer deutlich krasseren, sich im Kontext des Films aber fast schon selbsterklärenden Bildersprache. Trotz der auffällig starr agierenden, oder eher den absichtlich mit einer weniger vielfältigen Mimik ausgestatteten Darstellern kann man sich jedenfalls sehr gut vorstellen, dass beim Dreh einige kuriose Momente entstanden sind.

Im Film selbst hält sich der Spaß allerdings in klaren Grenzen – explizite komödiantische Einschübe oder gar solche, die lauthalse Lacher erzeugen gibt es höchst selten. Analog zu einigen teils recht verstörenden Szenen – die sich indes weniger auf eine explizit dargestellte Sexualität, als vielmehr die Amputation etwaiger Körperteile beziehen – kommt der unterschwellige Leitspruch von BABY BUMP also genau richtig. Aufwachsen, das ist nun wirklich nichts für Kinder. Zumindest nicht in Bezug auf die ureigene Atmosphäre dieses Films – der hierzulande auch mit einer entsprechenden Altersfreigabe ab 16 eingestuft wurde. Unterhalten kann er aber, und dass auf eine höchst rebellische Art und Weise. Nicht allzu zart besaitete, sowie generelle Freunde des kuriosen sollten demnach ruhig mal einen Blick riskieren.


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„Weder für Kinder noch den typischen Kinogänger – und gerade deshalb eine vergleichsweise erfrischende Erfahrung.“

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Filmkritik: „Is Anbody There ?“ (2008)

Originaltitel: Is Anybody There ?
Regie: John Crowley
Mit: Michael Caine, Bill Milner, Anne-Marie Duff u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 94 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Tragikomödie
Tags: Altenheim | Pflegefamilie | Großvater | Magie | Kind | Junge

Wenn Freundschaften auch generationsübergreifend funktionieren.

Kurzinhalt: Der junge Edward (Bill Milner) lebt mit seinen Eltern (Anne-Marie Duff, David Morrissey) in einem großen Einfamilienhaus in England, das trotz seines offenbar recht maroden Zustands vollständig in ein privates Altersheim umfunktioniert wurde. Hier pflegt die Familie alte und gebrechliche Menschen als regelrechte Lebensaufgabe – wobei sie insbesondere jenen helfen möchten, die aufgrund verschiedenster Umstände nicht mehr allzu lange zu leben haben. Eines Tages taucht mit dem kauzigen Clarence (Michael Caine) aber jemand auf, der mit seinem Leben noch ganz und gar nicht abgeschlossen hat – und das Leben der Familie folglich ordentlich durcheinander wirbelt. Überdies scheint der früher als erfolgreicher Zauberkünstler umherziehende Clarence einen besonderen Draht zum jungen Edward zu entwickeln. Wohl auch, da der allein aufgrund der ungewöhnlichen Wohnsituation seiner Familie ein Dasein als Außenseiter fristet – und aufgrund der angedeuteten Vernachlässigung seiner Eltern somit erst Recht an den Geschichten und dem Geheimnis des alten Mannes interessiert ist.

Kritik: Ganz im Stil von großen Filmklassikern wie DER ALTE MANN UND DAS KIND erzählt die von Regisseur John Crowley auf die Leinwand gebrachte Tragikomödie IS ANYBODY THERE ? die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem gebrechlichen Ex-Zauberkünstler und einem kindlichen Außenseiter, die aufgrund spezieller Umstände zusammenfinden. Trotz der alles andere als neuen Idee spricht dabei einiges für den Erfolg oder eher das Gelingen des Films, welcher seine beiden Hauptprotagonisten von Altstar Michael Caine sowie dem vielversprechenden Nachwuchstalent Bill Millner (unter anderem SON OF RAMBOW) verkörpern lässt. Der krude Charme des anberaumten Schauplatzes, die grundsätzliche Thematik über den Sinn des Lebens (und dem, was darauf noch folgen könnte) sowie der ausgeprägte Erzählfokus auf den jungen Edward und seine besondere Familienkonstellation machen jedenfalls Lust auf mehr. Überdies entfaltet die Mischung aus Witz und Emotionalität schnell einen gewissen Reiz – ebenso sehr wie die behandelten oder potentiell seitens des Zuschauers entstehenden Fragen in Bezug auf die Meta-Ebene des Films. Was bedeutet es, wenn man tagtäglich nicht nur von alten Menschen; sondern gar vom Tod umgeben ist – und das schon als Kind ? Und andersherum: kann das Leben selbst im hohen Alter noch Spaß machen, welche Dinge gilt es eventuell noch aufzuarbeiten ? Sicher sind Fragen wie diese höchst interessant, zumal sie nicht nur innerhalb einer Generation kursieren – womit sich der Kreis zum Protagonisten-Paar des Films schließt, das ebenfalls schnell einen gemeinsamen Nenner findet.

Und doch ist IS ANYBODY THERE ? – oder auch der fragende Ruf nach dem, was möglicherweise auf das Leben selbst folgen könnte – nicht gänzlich frei von inszenatorischen Schwächen. Auffällig und offensichtlich dabei ist speziell, dass den Machern gute Ideen nicht gerade auf der Hand lagen – und der Film so einige (auch längere) Durststrecken aufweist. Etwas problematisch, aber nicht zwingend negativ auszulegen ist auch das völlige Fehlen einer Form der filmischen Magie; wie man sie eventuell von und in einem Film wie diesem vermutet hätte. Sicher ist es angenehm  Dramen zu erleben, die ausnahmsweise mal nicht allzu kitschig inszeniert werden und analog dazu mit offensichtlichen Mitteln auf die Tränendrüse drücken – doch im Falle des regelrechten Gegenentwurfs von IS ANYBODY THERE ? könnte sich schlicht ein etwas zu gleichförmiger Eindruck einstellen. Aus dem emotionalen Vollen schöpft der Film jedenfalls nicht – und die wenigen interessanteren Zwischentöne, die vornehmlich aus der Interaktion der beiden kauzigen Hauptprotagonisten entstehen; reichen nicht aus um den Film über seine volle Laufzeit zu tragen. Jene fehlende Geschicklichkeit ist es auch, die IS ANYBODY THERE ? relativ vorhersehbar ausfallen lässt – sodass es kaum verwunderlich ist, dass auch das große Finale eher enttäuscht als eine nachhaltige Wirkung zu etablieren.

In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt dann auch der technische Part. Immerhin, man war sichtlich bemüht möglichst authentische Bilder zu liefern – der absichtlich auf altbacken getrimmte Look, die entsprechenden Kostüme und eine insgesamt unaufgeregte Atmosphäre hätten aus IS ANYBODY THERE ? zumindest theoretisch etwas viel größeres machen können. Doch die absolut unspektakuläre Kameraführung, der eher nichtssagende Soundtrack, die fehlende künstlerische Raffinesse; und nicht zuletzt die gefühlte Lustlosigkeit der beteiligten Verantwortlichen verhindern in diesem Falle vieles.


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„Eine etwas andere, gleichzeitig aber auch etwas anstrengende und langatmige Tragikomödie.“

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Filmkritik: „Lauf Junge Lauf“ (2013)

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Originaltitel: Lauf Junge Lauf
Regie: Pepe Danquart
Mit: Kamil Tkacz, Andy Tkacz, Elisabeth Duda u.a.
Land: Frankreich, Deutschland
Laufzeit: ca. 107 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama, Kriegsfilm, Historie
Tags: Zweiter Weltkrieg | Holocaust | Flucht | Vertreibung | Überleben

Wer nicht läuft, stirbt.

Kurzinhalt: Während des Zweiten Weltkrieges werden nicht wenige, hauptsächlich deutsche und polnische Juden auf engstem Raum im sogenannten Warschauer Ghetto zusammengepfercht. Und auch wenn es beinahe unmöglich erscheint, schafft es der erst neunjährige Srulik (Andrzej und Kamil Tkacz) eines Tages aus eben jenem abgegrenzten und streng bewachten Bereich zu fliehen – woraufhin eine außergewöhnliche Odyssee mit ungewissem Ausgang beginnt. Zunächst bleibt ihm kaum etwas anderes übrig, als sich in den nahe gelegenen Wäldern zu verstecken und das mögliche Ende des Krieges abzuwarten. Doch alsbald steht für ihn fest, dass er es nicht alleine schaffen kann. So entschließt er sich, den Kontakt mit anderen Menschen zu suchen – von denen er nie genau wissen kann, wie vertrauenswürdig sie sind. Glücklicherweise jedoch scheint die zu diesem Zeitpunkt allein lebende Bäuerin Magda (Elisabeth Duda) dem Jungen helfen zu wollen. Mit einem neuen Namen und dem gleichzeitigen Verleugnen seiner eigentlichen Religion beginnt der Junge daraufhin, auch bei anderen Bauern nach Arbeit und Brot zu fragen – immer mit dem Ziel das Ende des Krieges noch zu erleben, und eines Tages die verbleibenden Mitglieder seiner Familie wiederzufinden.

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Kritik: LAUF JUNGE LAUF ist ein deutsch-französisches Kriegsdrama von Pepe Danquart, der sich bei seiner Schilderung einer Flucht in Zeiten des Zweiten Weltkriegs auf eine gleichnamige Buchvorlage von Uri Orlev stützt. Eben daraus ergibt sich auch die relative Besonderheit des Films: die auf einer wahren Begebenheit beruhenden Ereignisse werden konsequent aus einer kindlichen und somit recht unbefangenen Erzähl-Perspektive heraus geschildert. Das mag vor allem in Anbetracht der unzähligen anderen bereits abgedrehten Genre-Filme kein gänzliches Novum mehr sein, und führt an einigen Stellen des Films zu kleineren Problemen in Bezug auf die Glaubwürdigkeit – doch letztendlich macht LAUF JUNGE LAUF damit eine überraschend gute Figur. Sicher auch, da der Film auf eine sonst übliche Schwarzweißmalerei verzichtet, viele stimmungsvolle Bilder und einen dazu passenden Soundtrack liefert; und mit den bis dato unbekannten Haupt- und Nachwuchsdarstellern Andrzej und Kamil Tkacz den wohl größten Glücksgriff landete. Erst die Leistung der beiden Zwillinge führt dazu, dass man den gesamten handwerklichen und technischen Part des Films unbesorgt absegnen kann – was für die inhaltliche Komponente und die damit erzielte Wirkung indes leider nur in Teilen gilt.

Sicher, im Bereich der Kriegsfilme und der bestenfalls eindringlichen Weltkriegsdramen sollte man allgemein weniger von einem im Filmgeschäft üblichen Konkurrenzverhalten, als vielmehr um ganz und gar persönliche Geschichten mit einer allgemeinen Bedeutung ausgehen. Doch so wertvoll und wichtig die einzelnen Geschichten auch erscheinen mögen – es bleibt auch hier nicht aus, dass sich die Geschichten irgendwann wiederholen und jemand anderes schon entsprechend vorgelegt hat. LAUF JUNGE LAUF bietet dem Zuschauer so gesehen nichts, was man nicht bereits in Filmen wie dem ebenfalls aus einer Kinderperspektive erzählten DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA (Review), DIE KINDER VON PARIS (Review) oder dem eher unbekannten EDGES OF THE LORD hat sehen können – und diese drei Beispiele stammen ebenfalls aus der jüngeren Filmgeschichte. Ein vorschnelles Urteil darüber, ob sie ihre Sache wirklich besser machen; erscheint indes nicht wirklich angebracht. Es gilt wie so oft, sich selbst ein Bild zu machen – wovon im Falle von LAUF JUNGE LAUF nicht explizit abzuraten ist. Ein Status als Meisterwerk oder ganz und gar besonderes Kriegsdrama wird ihm allerdings ebenfalls verwehrt bleiben.


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„Ein gutes, aber nicht herausragendes Kriegsdrama.“

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Filmkritik: „Die Verlorene Zeit“ (2011)

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Originaltitel: Die Verlorene Zeit
Regie: Anna Justice
Mit: Alice Dwyer, Dagmar Manzel, Mateusz Damiecki u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 96 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Zweiter Weltkrieg | Holocaust | Romanze | Flucht | Rückblende

Manchmal ist es fatal, die Vergangenheit ruhen zu lassen.

Kurzinhalt: Eigentlich führt die jüdische Holocaust-Überlebende Hannah Silberstein (Dagmar Manzel) ein erfolgreiches und beschauliches Leben in den USA der 1970er Jahre. Sie ist glücklich verheiratet, hat eine Tochter – doch plagen sie auch immer wieder Erinnerungen an die Zeit des Krieges und der Gefangenschaft. Als sie eines Tages auch noch glaubt, ihren ehemaligen und lange verschollenen Geliebten Tomasz Limanowski (Lech Mackiewicz) in einem Fernsehinterview wiederzuerkennen; setzt sie alles daran sich noch einmal intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und so erinnert sie sich, wie sie als junge Frau (Alice Dwyer) zum ersten Mal auf Tomasz (Mateusz Damiecki) traf und gemeinsam mit ihm aus der Gefangenschaft der Nazis floh. Ist es wirklich möglich, dass Tomasz allen Anzeichen zum Trotz überlebt hat – und sich die beiden nur unter tragischen Umständen aus den Augen verloren hatten ?

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Mit Filmen und Beiträgen zum Thema Zweiter Weltkrieg ist das immer so eine Sache. Einerseits kann es der Aufarbeitung wohl niemals genug sein, erst Recht wenn es unzählige verschiedene (und zumeist schreckliche) Schicksale aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen gilt. Auf der anderen Seite steht dagegen die Tatsache, dass im Laufe der Jahre und Jahrzehnte schon unzählige dementsprechende Filme produziert wurden – mit mal mehr, mal weniger großem Erfolg. Und auch die Vorbildfunktion etwaiger zeitloser Meisterwerke des Genres – ob nun in Form historisch akkurater Dokumentationen, aufwühlender Kriegsdramen oder aber geschickt umgesetzter Tragikomödien – sollte Filmemachern dieser Welt eigentlich eher einen stillen Respekt einflößen als dazu zu animieren, es ihnen gleichzutun. Sofern – und das ist der Knackpunkt – dies überhaupt möglich ist. Dennoch sehen sich auch weiterhin viele dazu berufen, eine eigenständige und möglicherweise neue Sichtweise auf die Gräueltaten des NS-Regimes anzubieten. Und überhaupt – was sollte schon schief gehen, wenn man sich dabei auch noch auf eine wahre Begebenheit beruft oder sich zumindest von einer eben solchen inspirieren lässt ?

Eben das ist nun auch beim deutschen Spielfilm DIE VERLORENE ZEIT von Anna Justice geschehen, der sich damit in die dezent unübersichtliche Riege der zahlreichen Kriegsdramen einreiht. Schon der Filmtitel an sich beschreibt recht gut, worauf der Film abzielt: zwei verliebten Kriegsgefangenen gelingt die eigentlich unmögliche Flucht aus einem Konzentrationslager, woraufhin sie sich gemeinsam verstecken und in der unübersichtlichen Endphase des Krieges aus den Augen verlieren. Und von da an beginnt eben jene verlorene Zeit, die die mittlerweile gealterten Protagonisten eigentlich zusammen hätten verbringen können. Wenn, ja wenn sich das Schicksal nicht doch anders entschieden hätte. Aus dieser Prämisse, und dem letztendlich expliziten Fokus auf eine Liebesgeschichte unter tragischen Umständen schafft es Anna Justice so vor allem eines zu generieren: eine große Portion Herzschmerz. Die Überraschung folgt jedoch sogleich; denn auch wenn es sich hier um einen grundsätzlich eher negativ besetzten Begriff handelt, geht das Konzept in diesem Fall voll auf. Die Geschichte wird spannend und aus einer psychologisch interessanten Sicht erzählt, die aufkommende Empathie für die Charaktere (sowohl in der Vergangenheit, aber auch in der Zeit der 70er Jahre) ist enorm. Anders gesagt: DIE VERLORENE ZEIT bleibt ein über weite Strecken bodenständig und authentisch anmutendes Werk.

Ein kleiner Wermutstropfen ist dagegen, dass die Bezüge zur eigentlichen Rahmenhandlung überraschend überschaubar bleiben; trotz der sich allein aus dem Zeitsprung und der damit verbundenen Reflexion ergebenden Möglichkeiten. Eine der Folgen ist, dass der Film so komplizierter wirken könnte als er eigentlich ist; oder anderes ausgedrückt: trotz der relativ klaren Fakten und Fronten versprechen die sich aus der speziellen Erzählweise ergebenden Zeitsprünge etwas mehr, als der Film halten kann. Immerhin ist die Gegenüberstellung der Moderne (in diesem Falle sind es die 70er-Jahre) mit der Vergangenheit weitestgehend gelungen – auch, da man dem Film das nötige Fingerspitzengefühl bezüglich der Kulissen, Kostüme, Kameraführung und Szenengestaltung durchaus anmerkt. Auch der Soundtrack schneidet – wenngleich er des öfteren ein wenig zu sehr auf die Tränendrüse drückt – gut ab und untermalt die tragische Rahmenhandlung passend. Hinsichtlich der Darsteller gibt es ebenfalls nichts oder kaum etwas zu bemängeln, was vermutlich eine weitere Überraschung ist. Doch gerade den beiden Hauptdarstellern Alice Dwyer und Mateusz Damiecki nimmt man ihre Rollen als Opfer des Regimes problemlos ab.

Fazit: DIE VERLORENE ZEIT wartet mit vor allem einem Vorteil auf, denn die angedeuteten menschlichen Schicksale sowie speziell die porträtierte Liebesgeschichte wirken unter Umständen tatsächlich herzergreifend. Zumal sie im Endeffekt deutlich weniger kitschig inszeniert werden als eventuell angenommen, und durch die rückblickende Erzähl-Perspektive von einer zusätzlich vermittelten Bedeutsamkeit profitieren. Zudem ist der Film ansprechend fotografiert, gut besetzt – und schafft es weiterhin, einige gleichermaßen schwierige wie interessante Fragen aufzuwerfen. Selbst das recht offene Ende vermag es so nicht, für Verdruss zu sorgen – eher im Gegenteil. DIE VERLORENE ZEIT mag noch ein paar Meter von einem Status als Genre-Meisterwerk entfernt sein, doch das ist in diesem Fall allemal zu verschmerzen.

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„Ein überraschend ansprechendes Kriegsdrama – trotz oder gerade wegen des Fokus auf eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.“

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Filmkritik: „Midnight Special“ (2016)

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Originaltitel: Midnight Special
Regie: Jeff Nichols
Mit: Michael Shannon, Jaeden Lieberher, Joel Edgerton u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 111 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction, Drama
Tags: Kind | Junge | Übernatürlich | Licht | Wesen | Mysteriös | Jagd

Schau mir in meine Augen, Kleiner.

Kurzinhalt: Der von seiner Frau getrennt lebende Roy (Michael Shannon) befindet sich gemeinsam mit seinem Sohn Alton (Jaeden Lieberher) auf einer Farm, deren Bewohner nach strengen religiösen Vorschriften leben. Mehr noch: offenbar glaubt ein Großteil der Gemeinde, dass der junge Alton ein ganz besonderes Kind mit speziellen Fähigkeiten ist. Mit ein Grund dafür ist ein extrem starkes Licht, welches des öfteren auf mysteriöse Weise aus seinen Augen strahlt und innerhalb einer gewissen Reichweite bestimmte Gefühle erzeugt – sowie Alton’s ebenso atemberaubende Fähigkeit, Zugang zu völlig geheimen Informationen zu erhalten. Da der hiesige Anführer der Gemeinde (Sam Shepard) Alton offenbar für seine eigenen Zwecke missbrauchen will, beschließt Roy mit seinem Sohn zu fliehen. Das gelingt ihm auch – jedoch sind ihm bald darauf nicht nur die Mitglieder der Gemeinschaft, sondern auch Spezialkräfte des FBI und der NSA auf den Fersen. Der versierte Spezialist Sevier (Adam Driver) wird zum Haupt-Verantwortlichen für den Fall, und soll mehr über Alton und seine seltsame Gaben herausfinden.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Was in erster Linie wie ein Schnäppchen-Angebot einer beliebigen Cocktail-Bar klingt, ist in Wahrheit der Titel eines brandaktuellen Mystery-Dramas aus der Feder von Jeff Nichols – einem aufstrebenden amerikanischen Drehbuchautor und Regisseur, der sich zuletzt für das Coming Of Age-Drama MUD (Review) verantwortlich zeichnete. Offenbar besitzt der Mann ein Händchen für auf den ersten Blick eher alltäglich erscheinende, bei näherem Hinsehen dann aber doch recht eigene Geschichten – sodass die Chancen, dass auch MIDNIGHT SPECIAL von seinem Fingerspitzengefühl profitieren könnte vergleichsweise gut stehen. Immerhin: wie bei MUD bringt er auch in MIDNIGHT SPECIAL einen jungen Hauptcharakter mit speziellen Eigenheiten an den Start – einen, der sich in einem zunehmend komplizierten Umfeld aus einem wachsenden Fanatismus, dem Forschungsdrang der Regierung und allerlei ungläubigem Staunen zurechtfinden muss. Trotz des übernatürlichen Story-Zusatzes und des vorgelegten Tempos ist MIDNIGHT SPECIAL aber alles andere als ein rasanter Action- oder gar Superheldenfilm – sondern vielmehr ein dramatisches Roadmovie mit Thriller-Elementen und mit einer speziellen, wenn man so will heiklen Konstellation von Charakteren. So oder so steht schnell fest: der Stoff ist ungewöhnlich, die überraschend stilvolle Inszenierung macht direkt Lust auf mehr – und MIDNIGHT SPECIAL hätte zumindest theoretisch das Zeug dazu, einer der Filme des Jahres zu werden.

Theoretisch. Der erste Dämpfer folgt jedoch sogleich, oder spätestens wenn die erste Hälfte des Films vorüber ist: MIDNIGHT SPECIAL nimmt den Zuschauer nicht wirklich an die Hand und führt ihn auf eine spannende Reise, sondern lässt ihn bis zum bitteren Ende absichtlich im Unklaren. Und das nicht unbedingt, da die Antworten auf die wichtigen Fragen des Films wenig geistreich wären – sondern schlicht, da jenes Wundern und Rätselraten an sich schon einen Großteil der Wirkung von MIDNIGHT SPECIAL ausmacht. Wenn, ja wenn man sich denn als Zuschauer darauf einlässt – und in Anbetracht der relativen Erklärungsnot nicht vorzeitig abschaltet. Immerhin: die dichte Atmosphäre des Films sollte dies eher unwahrscheinlich machen, doch wer immer neue Aha-Momente oder Enthüllungen bezüglich der Mystery-Aspekte des Films erwartet; könnte dezent enttäuscht werden. Anders gesagt: MIDNIGHT SPECIAL macht ein recht großes Aufheben um seinen Hauptcharakter, kann die somit gehegten Erwartungen (die verständlicherweise auch inhaltlicher Natur sind) aber nicht wirklich erfüllen.  Das Gefühl, dass durch Alton etwas wirklich bedeutsames oder gar die gesamte Menschheit betreffendes geschieht; entsteht jedenfalls nicht – woran auch die unterschwellig beigebrachte religiöse Symbolik inklusive eines potentiellen Verweises auf eine andere so bezeichnete Lichtgestalt (namens Jesus) nicht viel ändern können.

Neben der somit relativ wenig spannenden, künstlich hinausgezögerten Ausführung der Geschichte offenbart MIDNIGHT SPECIAL aber noch eine weitaus größere Schwäche – und die betrifft die für den Film essentiellen Charaktere. Zum einen sind hier die drei bis einstweilen vier erwachsenen Hauptprotagonisten zu nennen, die zwar noch die größte erzählerische Aufmerksamkeit bekommen – in ihren Charakterzügen aber auffallend eindimensional gezeichnet werden und in einer regelrechten emotionalen Schockstarre zu verweilen scheinen. Da hilft es auch nicht viel, dass die entsprechenden Darsteller einen guten Job respektive eine über weite Strecken niederschmetternde Miene machen; und dem Zuschauer ihre Sorgen und Nöte immer wieder einen eigentlich nicht nötigen Nachdruck verleihen. Noch ärger trifft es dann nur den vermeintlichen Hauptcharakter, oder anders gesagt den versprochenen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Alton ist nicht wie wir, das sagt schon das Filmposter  – aber was bedeutet das genau, von seinen offensichtlichen Fähigkeiten einmal abgesehen ? Was genau in ihm vorgeht, was es bedeuteten könnte dass man wie er aus der Reihe fällt (und das ist noch eine untertriebene Formulierung) wird nicht klar oder scheint nicht wirklich von Interesse. Sicher, bei mysteriös angehauchten Filmen mit eher spektakulären Hintergrund-Ideen mag das nichts wirklich neues sein. Doch dass es ausgerechnet einen Film von Jeff Nichols trifft – von dem man eigentlich hätte erwarten können dass er spätestens nach dem rundum gelungenen MUD zu einem kleinen Charakter-Spezialisten avanciert ist – schon eher.

Was MIDNIGHT SPECIAL hauptsächlich bleibt, ist seine in gewisser Hinsicht spektakuläre Inszenierung. Eine Inszenierung, die ein wenig an die bildgewaltige Eleganz eines Opus wie INTERSTELLAR erinnert – der ebenfalls mit vergleichsweise wenig Licht, dafür aber umso prägnanteren Highlights respektive Fixpunkten versehen ist. Im Unterschied zu INTERSTELLAR spielt sich MIDNIGHT SPECIAL jedoch eher im Mikrokosmos einer einzelnen Gegend, und nicht in den Weiten des Alls ab – zu sehen gibt es hauptsächlich kleinere Waldabschnitte, verlassene Straßenzüge, ein paar Gebäude und noch viel mehr Innenansichten eben jeder Aufenthaltsorte der Protagonisten. Die düsteren Bilder sind stimmig und zeichnen eine dichte Atmosphäre, die Kamerafahrten erzeugen Spannung, der Soundtrack unterstützt die mitunter apokalyptische Atmosphäre. Eine Atmosphäre, die ausgesprochen vielversprechend ist und den Zuschauer trotz des inhaltlichen Leerlaufs vor allem zu Beginn des Films bei der Stange zu halten weiß. Umso enttäuschender ist dann natürlich, dass es bei einer Art Phantomspannung bleibt. Großes wird unterschwellig angekündigt, doch geht letztendlich zu viel ungenutzte Zeit ins Land. Und als es schon fast zu spät ist, schöpft man plötzlich aus dem Vollen; zumindest in Bezug auf die explizite Ausführung der Sci-Fi-Elemente – was sich ein wenig wie das berühmt-berüchtigte Brett vor dem Kopf anfühlt.

Fazit: MIDNIGHT SPECIAL hätte mit Leichtigkeit der Film des Jahres werden können. Doch es kommt wohl, wie es kommen musste – leider. Die finale Auflösung des Films als über die vielen Minuten immer wieder hintenan gestelltes Highlight verpufft fast vollständig, zumal die zuvor nur punktuell gegebenen Informationen bezüglich der Mystery-Elemente erstaunlich wenig Sinn ergeben und wichtige Emotionen auf der Strecke bleiben. Anders gesagt: auch wenn die Grundidee interessant gewesen sein mag, so wirkt sie in der letztendlichen Ausführung viel zu lückenhaft und beliebig konstruiert. MIDNIGHT SPECIAL enttäuscht damit vor allem auf hohem Niveau – das heißt in Bezug auf sein wahnwitziges, im Endeffekt aber leidlich verschenktes Potential, während er im Kern ein höchst solider Mystery-Thriller mit einer markanten Hauptfigur bleibt. Über die teils deutlichen Parallelen zu ET (Review) und ganz besonders auch KNOWING (Review) kann man dagegen hinwegsehen. Der letzte Wermutstropfen bleibt wohl, dass der junge und vielversprechende Nachwuchsdarsteller Jaeden Lieberher (u.a. ST VINCENT, Review) gut spielt – in Anbetracht der schlichten Rolle aber etwas unterfordert gewesen sein muss.

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„MIDNIGHT SPECIAL bleibt ein starker Thriller mit einer spannenden Grundidee und einer stilistisch ansprechenden Inszenierung. Schade ist nur, dass hier auch ganz locker ein Meisterwerk hätte entstehen können.“

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Filmkritik: „Der Fremde Am See“ (2013)

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Originaltitel: L’Inconnu Du Lac
Regie: Alain Guiraudie
Mit: Pierre Deladonchamps, Christophe Paou, Patrick d’Assumçao u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Drama, Krimi
Tags: See | Natur | Nudisten | Schwule | Homosexualität | Mord

Vorsicht, Du bist eventuell am falschen See.

Kurzinhalt: Was gibt es schöneres, als die schwülen Sommertage in der Natur und an einem einladenden See zu verbringen ? Der 40 jährige Franck (Pierre De Landonchamps) ist begeistert, als er einen eben solchen für sich entdeckt – erst Recht, da es sich offenbar um einen angesagten Treffpunkt für Homosexuelle handelt. Hier trifft er mehrere Männer, wie etwa den Außenseiter Henri (Patrick D’Assumcao) – zu dem er schnell ein besonderes Verhältnis aufbaut. Im Gegensatz zu seinen anderen Bekanntschaften aber handelt es sich hier nicht um einen flüchtigen, sexuellen Kontakt. Den hat Franck aber auch – wie mit dem charmanten und gut aussehenden Michel (Christophe Paou), von dem er bald mehr will als oberflächlichen Sex. Das Problem: eigentlich hat Michel einen Freund – zumindest bis Franck beobachtet, wie er im See ertränkt wird…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Ob man sich einen Film wie DER FREMDE AM SEE nun gezielt ansieht oder per Zufall über ihn stolpert – zu einem wie auch immer gearteten Alltagsprogramm dürfte das explizit nudistisch angehauchte Machwerk des Franzosen Alain Guiraudie wohl eher nicht gehören. Und das nicht nur, da der Regisseur sowohl ständig nackte Männer zeigt und einen Treffpunkt für Homosexuelle in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Um die aus der Sicht von so manch prüden Augen ohnehin schon provozierende Erzählung zu verschärfen, sieht er schließlich auch einige überraschend unverblümte schwule Sexszenen vor – und zeichnet den titelgebenden See als utopische Landschaft, in der Sexualität keine Grenzen kennt. Klar ist, dass er mit dieser Darstellung provozieren möchte und dieses Ziel sicher auch erreicht – selten waren die Grenzen zwischen der puren Pornografie und einem Film-Drama derart verschwommen. So erhält DER FREMDE AM SEE schon fast automatisch einen etwas anderen, wenn man so will künstlerischen und inszenatorisch mutigen Anstrich – der Aufsehen erregt und in der Lage ist, die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Wenn auch aus mitunter gänzlich unterschiedlichen Gründen.

Klar ist allerdings auch, dass die hier ungewöhnlich freizügige Fleischbeschau oder der dargestellte Umgang mit der Sexualität nicht ausreichen, um DER FREMDE AM SEE über die respektable Spielzeit von knapp 100 Minuten zu tragen – zumindest nicht, wenn man ihn noch ernstnehmen soll. Letztendlich hängt so alles von jenen Elementen ab, die Alain Guiraudie um die tatsächlich oder nur vermeintlich provozierenden Inhalte; man will nicht sagen stilistische Aufhänger herum errichtet hat. Im Ergebnis wird man dabei einige markante Vorzüge, aber auch Nachteile entdecken. Die gesamte Gestaltungsarbeit des Films beispielsweise ist überaus gelungen: die Beschränkung auf nur einen Schauplatz wirkt stimmig, der starke Bezug zur Natur (die wenn man so will ebenfalls ein Hauptdarsteller ist) sorgt für reichlich Atmosphäre. Im Zusammenspiel mit der guten Kameraführung entstehen so nicht selten interessante Zwischentöne, die sich immer auch auf die Charaktere oder aber deren Rolle in der Gesellschaft beziehen. Und auch die Darsteller scheinen gut gewählt, auch wenn man offenbar nicht doch noch vor einigen ärgerlichen Klischees Halt machen konnte und der Film so einstweilen unfreiwillig komische Züge annehmen kann.

Die größte Schwäche des Films ist aber seine eigentlicher Inhalt. Wie bereits erwähnt handelt es sich nicht ausschließlich um ein mehr als nur dezent voyeuristisch angehauchtes Machwerk, bei dem möglichst viel nackte Haut gezeigt werden soll – Alain Guiraudie sieht das offenbar eher als Bonus, und möchte vor allem auch eine Geschichte erzählen. Und sogar eine, die im Grunde wenig mit der Ausgangssituation am Hut hat und sich so auch überall anders zutragen könnte. Wie er jedoch dabei vorgeht ist relativ hanebüchen – auch wenn die Idee eines perfiden Serienmörders innerhalb der schwulen Szene keine schlechte war, und allein schon von den Bildern her für einen markanten Kontrast sorgt. Das Problem liegt vielmehr in den gleichermaßen unbegründeten wie unglaubwürdigen, geradezu plötzlichen Anwandlungen der Charaktere begründet – und im letztendlichen doch noch fragwürdigen Schauspiel, wenn sich die Lage wie gegen Ende des Films zuspitzt. Überhaupt sorgt ausgerechnet jenes Thriller-Element, welches DER FREMDE AM SEE zu weit mehr als einem nudistischen Experiment gemacht hätte; für die größte Enttäuschung. Es lässt sich einfach kein emotionaler Bezug herstellen – weder zum Täter, noch zu den Opfern. Was genau passiert, scheint ohnehin von geringer Bedeutung zu sein – das für den langen Aufbau und die satte Spielzeit extrem offene Ende vermag es leider nur, auf ganzer Linie zu enttäuschen.

Fazit: Was, ja was soll man von einem Film wie DER FREMDE AM SEE halten ? Sicher handelt es sich um ein eher ungewöhnliches Werk mit viel nackter Haut und expliziten Veranschaulichungen einer homoerotischen Lebensweise – und um einen Film, der wie kaum ein zweiter von seinen ungekünstelten Bildern und seiner angenehm ruhigen Inszenierung inklusive den so erst Recht ermöglichten Zwischentönen lebt. Auch die Tatsache, dass Alain Guiraudie zwar gewissermaßen voyeuristisch vorgeht – aber dennoch niemanden bloßstellt und offenbar weit davon entfernt ist, ein wie-auch-immer geartetes Urteil über das Gezeigte zu fällen – spricht im Grunde für DER FREMDE AM SEE. Die für die üppige Spieldauer eher langatmige Gangart, die letztendlich doch etwas flachen Charakterporträts sowie die ärgerliche Geschichte aus der Thriller-Mottenkiste aber verhindern letztendlich doch, dass etwas größeres entstehen kann.

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„Es wäre schön gewesen, hätten die vermeintlich provozierenden Elemente nur als Zusatz gedient – doch einstweilen scheint es, als verkämen sie zu einem reinen Selbstzweck.“

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Filmkritik: „Flug Ins Abenteuer Aka Radio Flyer“ (1992)

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Originaltitel: Radio Flyer
Regie: Richard Donner
Mit: Elden Henson, Lorraine Bracco, John Heard u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 114 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Drama
Tags: Erinnerungen | Kindheit | Vergangenheit | Familie | Leben

Wenn sich schöne und schreckliche Erinnerungen kreuzen.

Kurzinhalt: Die Brüder Mike (Elijah Wood) und Bobby (Joseph Mazzello) haben es nicht leicht – und doch sind sie ein eingeschworenes Team. Gemeinsam mit ihrer getrennt lebenden Mutter Mary (Lorraine Bracco) haben sie bereits viele verschiedene Stationen hinter sich gelassen, und hoffen mit dem Umzug in eine ländliche Kleinstadt endlich der problematischen Vergangenheit entkommen zu können. Was ihnen aber fehlt ist eine Vaterfigur; jemand der die Familie endlich wieder komplett macht. Tatsächlich lernt Mary bald darauf einen neuen Mann (Adam Baldwin) kennen, der auch prompt mit ihr zusammenzieht. Das Glück der jungen Familie könnte perfekt sein – wäre da nicht doch etwas, was die neuerliche Lebensfreude markant trübt. Denn: Mary’s neuer Freund stellt sich als Trinker heraus, und wird im Laufe der Zeit immer aggressiver – vor allem den Kindern gegenüber. Selbst, als Bobby’s Rücken von blauen Flecken übersät ist wenden sich die beiden Brüder nicht an ihre Mutter – sie wollen ihr vermeintliches Glück nicht zerstören. Und so beschließen sie, Bobby mithilfe des RADIO FLYERS in eine sichere Welt zu bringen – eine, in der ihm kein Leid mehr zuteil wird.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Eines ist Regisseur Richard Donner und Drehbuchautor David M. Evans mit RADIO FLYER definitiv gelungen: ihr nach einem bekannten Spielwarenhersteller benannte Film vermag es, den Zuschauer zu überraschen. Dass dies auf eine eher erschreckende Art und Weise geschieht schmälert diese Feststellung nicht, im Gegenteil: der bereits mit angedeuteten Problemen beschriebene, aber noch weitestgehend idyllische Auftakt des Films mit dem Porträt zweier Brüder führt den Zuschauer wirkungsvoll auf eine falsche Fährte. Was früher oder später folgt, ist der erbarmungslose Schlag in die Magengrube: RADIO FLYER bleibt nicht länger ein vermeintlicher Kinder- und Abenteuerfilm mit Fantasy-Elementen, sondern avanciert zu einem emotional aufwühlenden Drama. Eines dass deshalb so eindringlich wirkt, da es um ein eher heikles Thema geht: das der Kindesmisshandlung. Markant ist, dass RADIO FLYER dabei niemals direkt anprangert oder polemische Schlüsse zieht – das entstehende Leid wird an der Beziehung der beiden Brüder festgemacht, mit denen man sich als Zuschauer direkt identifizieren wird.

Und nicht nur das, schließlich wird man auch zusammen mit ihnen leiden. Überhaupt verfehlt die Darstellung der Ereignisse aus einer weitestgehend kindlichen Erzählperspektive ihren Zweck nicht. RADIO FLYER ist tief-traurig, zutiefst melancholisch – doch werden diese Stimmungen nicht wie sonst oft durch eher perfide Mittel generiert; beispielsweise gibt es keine Szenen einer expliziten Ausführung der Gewalt. Sie entstehen aus der Geschichte selbst, aus den Charakteren und den hervorragenden Leistungen der Darsteller – wobei der ausgewogene Soundtrack von Hans Zimmer nur das i-Tüpfelchen bildet und niemals zu aufdringlich wirkt. Eine weiter gute Entscheidung war es, den Film aus einer Rückblende heraus zu erzählen – und die Geschichte sowohl als beispielhaftes Mahnmal, aber eben auch eine generelle Ode an die Kindheit zu inszenieren. Ebenfalls interessant ist, dass man sich durchaus darüber streiten könnte ob ein gewisser Hauptcharakter tatsächlich existiert oder es sich um ein psychologisches Phänomen handelt – Anhaltspunkte respektive Andeutungen gibt es schließlich in beide Richtungen.

Gravierende Negativaspekte weist RADIO FLYER nicht auf – lediglich der leicht verwaschene Eindruck hinsichtlich der angepeilten Zielgruppe (die man tatsächlich nicht genau festmachen kann) könnte sich als störend erweisen. Und: hie und da scheint RADIO FLYER doch noch die ein oder andere Grenze der Verklärung und Romantik zu überschreiten – sicher auch, wenn es um das Finale geht.

Fazit: Der Ansatz, das ernste Thema der Kindesmisshandlung im Zusammenspiel mit einer nostalgischen und leicht verklärten Kindheitserinnerung zu verbinden ist gewagt – und doch geht das Konzept weitestgehend auf. RADIO FLYER ist handwerklich gut gemacht, weiß mit hervorragenden Darsteller-Leistungen vor allem seitens des jungen Elijah Wood und seines Film-Bruders Joseph Mazello aufzuwarten – und die abenteuerlich erzählte, letztendlich aber tieftraurige Geschichte bewegt nachhaltig. Ein Meisterwerk mag RADIO FLYER vielleicht nicht geworden sein, doch für eine in Anbetracht der unklaren Zielgruppe dezent eingeschränkte Empfehlung reicht es allemal.

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„Ein effektiv erzählter, melancholischer Klassiker.“

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Filmkritik: „Home“ (2008)

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Originaltitel: Home
Regie: Ursula Meier
Mit: Isabelle Huppert, Olivier Gourmet, Adélaïde Leroux u.a.
Land: Frankreich, Schweiz, Belgien
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Autobahn | Straße | Einsamkeit | Gesellschaft | Leben

Friedliches Idyll und Alptraum in einem.

Kurzinhalt: Eine 5-köpfige Familie entschließt sich auf der Suche nach einer Bleibe für einen eher ungewöhnlichen Standort – ein einsam gelegenes Haus direkt an einer stillgelegten Autobahn. Die Kinder Julien (Kacey Mottet Klein), Marion (Madeleine Budd), die ältere Judith (Adélaïde Leroux) und ihre Eltern Michel (Olivier Gourmet) und Marthe (Isabelle Huppert) bilden ein starkes Gespann und leben sich schnell ein – das Leben nimmt seinen Lauf. Eines Tages aber wird die Autobahn plötzlich wieder in Betrieb genommen; woraufhin die Familie mit einem nie dagewesenen Trubel, einer immensen Lärmkulisse und lästigen Abgasen konfrontiert wird. Von nun an versucht jeder auf seine ganz eigene Art und Weise mit den Problemen fertig zu werden – wobei besonders Marion bemüht ist, ihre Familienmitglieder auf die gesundheitlichen Gefahren ihres derzeitigen Wohnortes hinzuweisen. Das Problem: umziehen möchte sie nicht, doch Gehör schenkt man ihr auch nicht… bis es fast zu spät ist.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Eventuell lässt es sich anhand der Inhaltsbeschreibung bereits erahnen: HOME ist ein eher ungewöhnliches, wenn man so will kantiges Spielfilm-Drama aus der Feder der Schweizer Drehbuchautorin und Regisseurin Ursula Meyer. Ein Drama; welches das etwas andere Familienporträt vor dem Hintergrund einer offensichtlich prekären Wohnsituation zunächst noch recht schwungvoll, und mit einem enorm heiteren Unterton erzählt. Erst im weiteren Verlauf beginnt der Film, deutlich ernstere Töne anzuschlagen – auf der eigentlichen Filmebene, aber interessanterweise auch darüber hinaus. Schließlich stehen die 5 Hauptcharaktere respektive ihr jeweiliger Umgang mit der für sie neuen Situation nicht umsonst klar im Mittelpunkt der Geschichte. Gerade weil sie so unterschiedlich sind, wird der Zuschauer zu mindestens einem von ihnen eine Bindung aufbauen; sich mit der eigentümlichen Situation identifizieren – und sich bereits zu diesem Zeitpunkt unbewusst für einer der Kernfragen des Films sensibilisieren.

Denn auch wenn die Situation zunächst makaber und abstrakt erscheinen mag, so ist sie dies eigentlich keineswegs. HOME beschäftigt sich – und das auf eine durchaus einzigartige und erfrischende Art und Weise – mit der Frage des menschlichen Zusammenlebens sowohl im Mikro- als auch Makrokosmos. Den Mikrokosmos beschreibt hier die Familie, die sich entschieden hat dem Lärm der Großstadt Lebewohl zu sagen – um ein stilles, zurückgezogenes Leben möglichst ohne äußere Einflüsse zu leben. Den Makrokosmos dagegen beschreiben Faktoren der Sozialisierung, die dennoch greifen – oder eher gesagt solche, vor denen man nicht fliehen kann. Die Autobahn steht hier stellvertretend für den Eindringling (die Gesellschaft) – die die Familie nicht einfach gewähren lässt. Andererseits aber – und bei aller Liebe zur Freiheit – scheint die Familie gerade dann zu leiden, wenn sie versucht sich vor diesen äußeren Einflüssen abzuschotten; womit man auch bei der Kernfrage von HOME landet. In wie weit können das Individuum und die Gruppe getrennt voneinander leben, wann müssen sie miteinander leben ?

Zweifelsohne handelt es sich um nachdenklich stimmende und in gewisser Weise wertvolle Aspekte und Fragen, auf die Ursula Meyer in ihrem nicht nur sprichwörtlichen Road-Movie anspielt. Doch während die Grundidee zu begeistern weiß, ist HOME nicht gänzlich vor Schwächen gefeit. Diese sind vor allem inszenatorischer Natur, und beziehen sich auf das regelrechte Festbeißen der Filmemacherin in Bezug auf ihre Idee. Eine Idee, die so gesehen das einzige Highlight des Films ist – und hinter der viele andere Dinge anstehen müssen. So verpasst es Ursula Meyer beispielsweise, ihre Charaktere auch über die eigentliche Prämisse hinaus menschlich werden zu lassen und potentiell weitere interessante Geschichten zu erzählen. Letztendlich wirken so gerade die Charakterporträts etwas unausgegoren und halbherzig – vor allem die Motivation der Eltern und die lediglich angedeuteten Probleme der Mutter bleiben dem Zuschauer ein Rätsel. Eine Geschichte (über die Charaktere) in der Geschichte (über das Leben an der Autobahn) wäre demnach eine weitere Möglichkeit gewesen, HOME in Bezug auf seine immerhin knapp 100-minütige Spielzeit aufzuwerten.

Fazit: HOME hat mindestens zwei klar erkennbare Stärken – eine interessante Grundidee und einen hervorragenden handwerklichen Part inklusive markanter Leistungen aller beteiligten Darsteller. Aufgrund der behutsamen und ungekünstelten Inszenierung, die dem Film einstweilen dokumentarische Züge verleiht; ist man so nah bei den Charakteren und ihren Problemen wie sonst selten – auch, was eine gewisse Intimität betrifft. Dezent problematisch bleibt indes, dass er sich vielleicht etwas zu sehr auf seine Prämisse verlässt und abgesehen vom Dasein als relativ gestreckte Metapher wenig zu bieten hat. Vielleicht hätte er in dieser Form als Kurzfilm besser funktioniert – doch man nimmt, was man bekommen kann. Und das ist in diesem Fall ein grundsolides, hintergründiges und erfrischend anderes Drama – aber eben kein zeitloses Meisterwerk.

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„Ein sperriges Roadmovie der etwas anderen, tiefenpsychologischen Art.“

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