Filmkritik: „Poesía Sin Fin Aka Endless Poetry“ (2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Alejandro Jodorowsky
Mit: Adan Jodorowsky, Jeremias Herskovits, Brontis Jodorowsky u.a.
Land: Frankreich / Chile
Laufzeit: ca. 128 Minuten
FSK: nicht geprüft
Genre: Drama
Tags: Poesie | Kunst | Freigeist | Chile | Ibanez

Von Künsten und Künstlern, die noch lange nachhallen werden.

Inhalt: Nachdem er und seine Eltern dem kleinen Hafenstädtchen Tocopilla den Rücken gekehrt und in Santiago de Chile angekommen sind, begeistert sich der junge Alejandro Jodorowsky (Jeremias Herskovits) mehr und mehr für die Kunst der Poesie. Und das sehr zum Missfallen seines strengen Vaters (Brontis Jodorowsky), wie sich herausstellt – der seinen Sohn am liebsten in einer ehrbaren Position als Arzt sehen möchte. Seine Mutter (Pamela Flores) hält sich dagegen weitestgehend aus der Diskussion heraus – sodass Alejandro sichtlich froh ist neue Freunde zu finden, die ihn auf seinem Weg hin zu einem anerkannten Künstler unterstützen. Als bereits einige Jahre älterer junger Mann (Adan Jodorowsky) lernt er schließlich Enrique Lihn (Leandro Taub:) kennen, so gesehen ein wahrer Freund im Geiste – mit dem er viele Höhen und Tiefen des Lebens gemeinsam erlebt und in Form seiner Kunst verarbeitet. Am Ende aber steht wie so oft die Frage: für welchen Lebensweg wird sich der junge Künstler entscheiden ?

Kritik: Man erinnert sich… 2013, also noch vor gar nicht allzu langer Zeit zelebrierte das mittlerweile in vielerlei Hinsicht legendäre Multitalent Alejandro Jodorowsky (El Topo, Montana Sacra – Der heilige Berg) sein überraschendes filmisches Comeback. Tatsächlich aber war und ist LA DANZA DE REALIDAD (siehe Review) nur der erste Teil einer groß angelegten filmischen Autobiografie; oder eher: ein wichtiges Teilstück auf dem Weg hin zu einem neuen Gesamtkunstwerk – mit dem man so nicht unbedingt hätte rechnen können. Ein Gesamtkunstwerk, welches Fans und Freunde des chilenischen Poeten nur allzu gerne annehmen – und an welches nun mit dem Nachfolger POESIA SIN FIN angeknüpft wird. In inhaltlicher Hinsicht (und das sogar fließend), aber selbstverständlich auch in Bezug auf den ureigenen Stil des Altmeisters. Jodorowksy, der mit diesem Werk nicht weniger versucht als sein gesamtes bisheriges (Künstler-)Leben aufzuarbeiten und für die Nachwelt festzuhalten, geht dabei grundsätzlich exakt so vor wie man es von ihm gewohnt ist – oder auch, wie man es von ihm erwarten würde. Damit ist POESIA SIN FIN – wie auch ein Großteil seiner bisherigen Filme – als Werk zu bezeichnen, das auf vielerlei Ebenen stattfindet und funktioniert.

Vor allem aber ist es natürlich das klassische Kino, das heißt der klassische Film dem er mit POESIA SIN FIN einen Tribut zollt. Ein Kino, in dem es vorrangig nicht um plumpe oder gar massentaugliche Unterhaltung geht, gehen sollte – sondern um eine Kunstform, die durchaus auch von einem gewissen Protest begleitet werden kann und darauf ausgelegt ist, eine emotionale Reaktion auf Seiten des Zuschauers zu generieren. Somit erscheint es geradezu passend, dass auch ganz andere Kunstformen einen Einzug in POESIA SIN FIN feiern respektive von Jodorowsky auf ein Podest gestellt werden – auf dass sich die (imaginären) Welten des Kinos, des Zirkus, des Theaters und anderer freier Formen künstlerischer Mitteilungsformen vereinen; und es im besten Fall ermöglichen einen Diskurs über die ganz großen, alles umgebenden Fragen des Lebens zu führen.

In jedem Fall hat Jodorowksy, der sich auch in POESIA SIN FIN einer mitunter gewaltigen Bildsprache bedient; dabei nichts von seinem ursprünglichen Handwerk verlernt. Ganz im Gegenteil – auch heute noch schafft er es, und das quasi nebenbei; aus seinen Filmen weit mehr zu machen als eine bloße Aneinanderreihung verschiedener Einzelszenen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger LA DANZA DE LA REALIDAD, der grob betrachtet eher die frühe Kindheit Jodorowsky’s behandelt; steht dieses Mal klar seine endgültige (Ver-)Wandlung hin zu einem Lebenskünstler im Fokus – der aufgrund seiner persönlichen Entscheidungen in einen starken Konflikt sowohl mit dem Elternhaus als auch der faschistischen Gesellschaft gerät. Wie, ja wie sollte man sein Leben glücklich leben können; wenn man ein Freigeist oder auch Künstler ist – während sich die Menschen um einen herum offenbar nur allzu gerne in ein diktatorisches Korsett zwängen lassen, um daraufhin jeden der von der neu festgesetzten Norm abweicht zu verfolgen ? Fragen wie diese ziehen sich in der ein oder anderen Form wie ein roter Faden durch den Film, der dabei natürlich auch nicht vor einigen; man nenne sie gewöhnungsbedürftigen Szenen Halt macht – in denen es vor allem um Nacktheit, Sex oder Gewalt geht.

Im Gegensatz zu den früheren Filmen Jodorowsky’s aber kann man hier relativ getrost von einer eher harmlosen Ausführung derselben sprechen – zumindest, wenn man nicht ganz so zart besaitet ist. Und auch die Angst oder Befürchtung mancher, der Film könnte allzu surrealistische Züge annehmen ist unbegründet – tatsächlich handelt es sich sogar um einen Film, dem man auch im herkömmlichen Sinne recht gut folgen kann. Mit dem Unterschied, dass sich einzelne Szenen oder Set-Designs (wie etwa alles im Zusammenhang mit der Bar) unweigerlich in das Gedächtnis des Zuschauers einprägen werden. Wie selbstverständlich auch etwaige kleinere Seltsamkeiten, etwa in Form der schwarz verhüllten Figuren – welche den Charakteren stets einige Dinge anreichen und somit als gesichtslose Diener fungieren. Wie schon zuvor ist an POESIA SIN FIN dabei vor allem eines markant: das schier grandiose Schauspiel, welches dem ursprünglichen Begriff dieser Kunstform – und das sicherlich zur Freude Jodorowsky’s – allemal gerecht wird. Allein die Liste der Darsteller zu lesen sollte bei manchem für ein angenehmes Kribbeln sorgen; schließlich sind es erneut die Familienmitglieder (und Freunde) aus dem Clan der Jodorowskys, die hier beherzt selbst mit anpacken – und dabei gar kultverdächtige Darbietungen abliefern. Aber auch das ist so gesehen nichts neues, sondern eher Tradition im Hause Jodorowsky – eine Tradition, die zeitlos ist und die man nur begrüßen kann.

Ein klein wenig Kritik muss sich POESIA SIN FIN dann aber doch gefallen lassen. Dabei sind es nicht unbedingt die bei einer Spielzeit von immerhin rund 130 Minuten auftretenden Längen, die sich als störend erweisen – sondern vielmehr ein; man nenne es fehlender Funke in der Gesamtwirkung. Der direkte Vorgänger LA DANZA DE LA REALIDAD wirkte insgesamt eben doch noch etwas runder, universeller, poetischer, majestätischer – was eventuell auch in der Tatsache begründet liegen könnte, dass Jodorowsky die vorherige Schaffenspause (zwischen The Rainbow Thief und LA DANZA DE LA REALIDAD liegen immerhin 23 Jahre) gut genutzt respektive für eine sinnvolle Entladung seiner gewissermaßen angesparten Kreativität gesorgt hat. POESIA SIN FIN dagegen wirkt dagegen – und im Vergleich – zumindest ein klein wenig vorhersehbarer, und wenn man so will auch konstruierter. Sicher, verflogen ist die Magie noch längst nicht – sodass es umso spannender wird, wenn irgendwann einmal der dritte Teil der Biografie in Filmform verwirklicht werden wird. Für einen Status als zeitloses Meisterwerk reicht es – in der einzeln betrachteten Form – aber leider nicht ganz. Dies wird sich vermutlich ändern, sobald die Trilogie als Ganzes erhältlich – und auch als Ganzes bewertbar – ist.


Bilder / Promofotos / Screenshots: © Pascale Montandon-Jodorowsky

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„Der Vorgänger war besser, aber dennoch – auch Poesia Sin Fin ist weniger ein Film als ein ganzheitliches Erlebnis.“

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Filmkritik: „Bring Mich Nach Hause“ (2021)

Filmtyp: Spielfilm / Fernsehproduktion
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Christiane Balthasar
Mit: Silke Bodenbender, Anneke Kim Sarnau, Hedi Kriegeskotte u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 88 Minuten
FSK: nicht geprüft
Genre: Drama
Tags: Nahtod | Koma | Wachkoma | Sterbehilfe | Patientenwille

Gefangen zwischen Leben und Tod.

Inhalt: Nachdem Martina (Hedi Kriegeskotte) plötzlich in der Küche ohnmächtig wird, fällt sie in ein tiefes Koma. Ihre Tochter Ulrike (Silke Bodenbender) ist verzweifelt: was könnte nur der Grund für ihren Zustand sein, und vor allem: wird sie jemals wieder aufwachen ? Unglücklicherweise bessert sich der Zustand von Martina nicht, auch nachdem sich vermeintliche Erfolge zeigen – fortan befindet sie sich im Zustand des Wachkomas. Die Ärzte geben zu Bedenken, dass die Schäden am Gehirn der Patientin irreparabel seien – und man sich Gedanken machen müsste, wie man weiter fortfahren würde. Doch eine Patientenverfügung hat Martina nie aufgesetzt, und vor allem ihre zweite Tochter Sandra (Anneke Kim Sarnau) scheint aus ihrer wissenschaftlichen Sicht heraus auf eine schnelle Entscheidung zu plädieren. Die folgenden Ereignisse stellen die gesamte Familie auf eine so noch nie dagewesene Probe.

Kritik: Ohne die gewissermaßen einiges vorwegnehmenden Einstiegsszenen zu Beginn hätte man im Falle von BRING MICH NACH HAUSE, einem für das ZDF produzierten Fernsehfilm von Rowboat tatsächlich vor allem eines denken können: warum muss schon wieder eine von den typisch-seichten 08/15 TV-Dramödien des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks – wie sie mithilfe der guten alten GEZ-Gebühren nun einmal gerne produziert werden – derart groß angekündigt werden ? Eben solchen, bei denen wunderbar unspektakuläre (und damit erst Recht nachvollziehbare) Familien- und Beziehungsprobleme im Fokus stehen – aber am Ende doch noch alles gut wird ? Glücklicherweise handelt es sich in diesem Fall – und so gesehen – um eine der eher seltenen Ausnahmen. Denn: BRING MICH NACH HAUSE beschäftigt sich eben doch nicht mit einem alltäglichen, gefühlt zuhauf angesprochenen Thema – ganz im Gegenteil. Doch nicht nur das – auch als Gesamtpaket bewegt man sich mit dieser Produktion klar über dem gewohnten (Qualitäts-)Durchschnitt. Ob Hopfen und Malz damit – und im Hinblick auf die deutsche Filmproduktion – doch noch nicht verloren sind ist eine ganz andere Frage, fest steht aber: man kann und sollte einmal mehr eine Empfehlung für einen zunächst unscheinbaren TV-Film aussprechen.

Schließlich beinhaltet oder eher bewirkt die emotionale Kernfrage des Films, dass man sich auch als Zuschauer mit einigen eher unbequemen Fragen auseinandersetzen wird. Sein hauptsächliches Ziel, nämlich einen Denkanstoß zu geben – glücklicherweise ohne dass dabei ein moralischer Zeigefinger in die ein oder andere Richtung erhoben wird – verfehlt BRING MICH NACH HAUSE damit schon einmal nicht. Während vor allem das Schauspiel überzeugt, vornehmlich das der Titel-gebenden Darstellerin Hedi Kriegeskotte in einer aus handwerklicher Sicht doch eher ungewöhnlichen Rolle; sind es auch die beklemmend inszenierten zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, aufgrund derer man als Zuschauer eigentlich gar nicht anders kann als sich in die unbequeme Szenerie hineinzuversetzen. Wenn, ja wenn man sich entsprechend treiben lässt – und nicht zu viele Fragen stellt.

Denn eine große Schwierigkeit, die hat BRING MICH NACH HAUSE dann doch nicht vollständig geschweige denn meisterhaft überwunden: eine nachvollziehbare Position als Werk irgendwo zwischen einer aufklärend-realitätsnahen Dokumentation und einem fiktionalen Spielfilm zu finden. Letztendlich, und das muss sich der Film gefallen lassen; ist er schließlich doch noch ein wenig von beidem geworden. Immerhin, daraus machen auch die Verantwortlichen keinen großen Hehl: zwar hätte durchaus ein realer Fall als Vorbild fungiert – jedoch hätte man vieles in Richtung einer möglichst unterhaltsamen Darstellung angepasst respektive hinzugefügt. So finden sich schlussendlich doch noch einige Szenen im Film, die weitaus weniger glaubhaft wirken als andere – wobei auch die (An-)Wandlungen einiger Charaktere einstweilen etwas zu rasant vonstatten gehen.

Und auch den Abspann hätte man mit einer noch wirkungsvolleren Lösung versehen müssen. Einer solchen, die die Zuschauer noch mehr für das Thema hätten sensibilisieren oder vielleicht auch zu eigenen Nachforschungen hätten antreiben können. Doch offenbar wollte man sich auf lediglich ein Resümee beschränken – Stichwort Patientenverfügung. Eine schlichte wissenschaftliche Quote bezüglich der Rehabilitationszahlen von Patienten mit einem vergleichbaren Schicksal hätte dagegen eine ganz andere, vielleicht noch intensivere Wirkung hinterlassen. Dennoch: die Auseinandersetzung mit dem Thema ist insgesamt gelungen. Über die Ausführung im Detail lässt sich dagegen – und wie so oft – streiten.


Bilder / Promofotos / Screenshots: © Hannes Hubach, ZDF

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„Eine teils überspitzte und nicht ohne Schwächen auskommende, insgesamt aber sehenswerte TV-Produktion.“

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Filmkritik: „Polar“ (2019)

Poster, Einleitung, Startbild

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Comicbuch (Victor Santos)
Regie: Jonas Åkerlund
Mit: Mads Mikkelsen, Vanessa Hudgens, Katheryn Winnick u.a.
Land: USA, Deutschland
Laufzeit: ca. 118 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Action (70 %), Komödie (15 %), Drama (15 %)
Tags: Auftragskiller | Bande | Clan | Terror | Rache | Skrupellos

Mit dem ist einfach nicht gut Kirschen essen.

Inhalt: Der raubeinige Duncan Vizla (Mads Mikkelsen) gilt als einer der besten Auftragskiller der Welt. Als sogenannter Black Kaiser hat er eine Vielzahl von Aufträgen erfolgreich absolviert – und freut sich langsam aber sicher auf seinen Ruhestand. Umso gelegener erscheint es da, dass sein quasi-Vorgesetzter Mr. Blut (Matt Lucas) respektive die von ihm geleitete Organisation eine ordentliche Pension für bald aus dem dienst ausscheidende Angestellte anbietet. Das Problem: offenbar ist der ebenso schrille wie skrupellose Mr. Blut nicht bereit, eben dieses Pensonierungsgeld zu bezahlen… sodass er einige seiner anderen, noch deutlich jüngeren Nachwuchs-Mörder entsendet, um sich des kostspieligen Problems auf seine ganz eigene Art und Weise zu entledigen. Nur hat er nicht damit gerechnet, dass sich der Black Kaiser als äußerst widerstandsfähig erweist. Erst recht natürlich, nachdem er beginnt Gefühle für seine hübsche Nachbarin Camille (Vanessa Hudgens) zu entwickeln…

Kritik: Abgebrüht, brutal, witzig und auch ein wenig ekelig – POLAR ist wahrlich kein Werk, dass als typischer Actioner durchgeht. Bereits nach der wilden und an der Grenze zur Geschmacklosigkeit kratzenden Eröffnungssequenz; spätestens aber nach der Einführung immer verrückter-er Charaktere und natürlich der Entwicklung des Hauptprotagonisten vom skrupellosen Killer hin zu einer noch erbarmungsloseren Ein-Mann-Armee wird klar, dass es sich hier um etwas anderes handeln muss als standardisierte Haudrauf-Kost. Wenn man die Hintergründe des vom schwedischen Regisseur Jonas Åkerlund realisierten, exklusiv für Netflix produzierten Films betrachtet, wird auch klar warum: POLAR ist eine Comicverfilmung, wobei das entsprechende Original von Victor Santos stammt und 2012 erstveröffentlicht wurde. Eine Verfilmung, die neben den ebenso diskutablen wie grotesken Überzeichnungen und den teils makaberen Gewalt- und Sexexzessen vor allem ein Problem offenbart: sie kann sich nicht so recht entscheiden, was sie nun sein will. Denn: POLAR geht einerseits als packender Thriller mit ansprechenden (und teilweise sogar tiefer gehenden) Drama-Aspekten durch, verspielt aber andererseits – und aufgrund seiner gefühlt mehr Platz einnehmenden, bunt-grotesken bis völlig abstrusen Elemente – reichlich Potential. Anders, und gerade in Bezug auf die dezent an Werke wie CHAPPIE (siehe Review) oder DIE TRIBUTE VON PANEM (siehe Review zu Teil 2) erinnernde, reichlich bunte Inszenierung gesagt: gegen POLAR wirken vergleichbare Filme – wie etwa die Ein-Mann-Rachegeschichten mit Liam Neeson oder aber die JOHN WICK-Reihe – fast schon wie bodenständige Dokumentationen.

Dass der Film trotzdem einen gewissen Charme entwickeln kann, liegt zum einen an der bereits erwähnten, leider etwas zu kurz kommenden Kontakt-Anbahnung des Hauptcharakters mit seiner vermeintlich unbekannten Nachbarin – und zum anderen an der Leistung, oder vielleicht auch nur der schieren Präsenz von Mad Mikkelsen als Hauptdarsteller. Der mag hier zwar dezent unterfordert sein, und hat in aqnspruchsvolleren Filmen wie DIE JAGD (Review) wesentlich eindrucksvoller abgeliefert – doch ist es mittlerweile einfach kaum noch zu schaffen, ihm keine Sympathie entgegenzubringen. Vom Rest des Casts (und speziell generell fragwürdigen Darstellern wie Matt Lucas oder Johnny Knoxville) kann man das zwar nicht behaupten, und in Bezug auf das technische Handwerk gilt es bis auf die wirklich netten Natur-Bilder (und konträr dazu den etwas penetranten Soundtrack) kaum außergewöhnliches zu vermelden – doch für einen unterhaltsamen Film-Abend, bei dem der Anspruch keine übergeordnete Rolle spielen soll; eignet sich das Ganze allemal.

Bilder / Promofotos / Screenshots: Netflix

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„Grotesk, brutal und zwischendurch auch mal etwas ernstere Töne anschlagend – POLAR wirkt in seiner Gesamtheit nicht konsequent respektive harmonisch genug, funktioniert aber – und das hauptsächlich aufgrund des Hauptdarstellers – als etwas anderer Actioner für Zwischendurch.“

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Filmkritik: „Passagier 23 – Verschwunden Auf Hoher See“ (2018)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Romanvorlage
Regie: Alexander Dierbach
Mit: Lucas Gregorowicz, Picco von Groote, Oliver Mommsen u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 100 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Thriller
Tags: Kreuzfahrt | Schiffsreise | Verschwunden | Entführung | Kidnapping

Wehe dem, der hier als dreiundzwanzigster eincheckt.

Inhalt: Eigentlich hat der Polizeipsychologe Martin Schwarz (Lucas Gregorowicz) schon die Hoffnung aufgegeben, jemals mehr über das Ableben seiner Frau und seines Sohns in Erfahrung bringen zu können. Vor gut 5 Jahren war die Familie gemeinsam auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs, wobei die beiden unter mysteriösen Umständen verschwanden – offenbar gingen sie bei voller Fahrt von Bord. Doch warum seine Frau einen erweiterten Suizid hätte begehen soll, erscheint Martin nach wie vor schleierhaft. Jetzt aber, und nach all den Jahren erhält er die Nachricht; dass es neue Informationen geben könnte – wofür er sich erneut auf das besagte Kreuzfahrtschiff, die Sirius begeben muss. Hier erfährt er außerdem von einem weiteren Fall, bei dem ein zunächst verschwunden geglaubtes Mädchen plötzlich wieder aufgetaucht ist –  und das auch noch mit dem Teddybär seines Sohnes im Arm. Angetrieben vom Drang, endlich Licht in die dunklen Ereignisse bringen zu können; begibt sich Martin erneut auf Spurensuche…

Kritik: Dass man nicht allzu viel von einem Film erwarten sollte, bei dem es sich wie im Fall von PASSAGIER 23 um eine Eigenproduktion eines privaten TV-Senders handelt; liegt auf der Hand. Dennoch, und das ist die eigentliche Überraschung; macht die Verfilmung von Sebastian Fitzeks gleichnamiger Romanvorlage einen recht ordentlichen Eindruck – erst Recht natürlich, wenn man ihn mit anderen Eigenproduktionen der jüngeren Zeit oder einer ähnlichen Machart vergleicht.

Vornehmlich liegt das daran, dass es den verantwortlichen durchaus gelungen ist ein möglichst großes Maß an Spannung zu generieren: die dezent klaustrophobisch angehauchte Atmosphäre auf dem Kreuzfahrtschiff mit all seinen Korridoren und mehr oder weniger versteckten Räumen wurde gut umgesetzt, und der Zugang zu eigentlich abgeschotteten und somit eine gewisse Faszination ausstrahlenden Sperrbereichen erlaubt dem Zuschauer, selbst ein gutes Gefühl für die geheimnisvolle Spurensuche auf dem Schiff zu entwickeln. In jedem Fall hochzuhalten ist in diesem Zusammenhang die Arbeit an der Kamera inklusive der stimmigen Ausleuchtung und Inszenierung der Schauplätze, der sich angenehm einfügende Soundtrack, und ja: auch die Darsteller machen einen akzeptablen bis guten Job, auch wenn man es hier – und hinsichtlich der sowohl den Roman als auch den Film begleitenden atmosphärischen Kühle – etwas übertrieben hat.

Weitere Schwächen offenbart das Werk erst in der näheren Betrachtung, respektive bei einem intensiveren Einsteigen und Fragen-stellen: während auf manche Detail durchaus geachtet wurde (wie etwa die Migräne-Attacken des Hauptcharakters), hat der Film dann doch an zu vielen Ecken und Enden Probleme hinsichtlich seiner Glaubwürdigkeit. Hier hätte man noch mehr Ideen investieren beziehungsweise sich weitaus nachvollziehbarere Erklärungen aus dem Ärmel schütteln müssen, um die Spannung schlicht und ergreifend nicht mit zu vielen eher hanebüchen erscheinenden Elementen in eine Waagschale zu werfen. Dennoch handelt es sich um einen soliden Thriller, den man sich nicht anschauen muss – aber anschauen kann, und das ohne größere Probleme.

 

Bilder / Promofotos / Screenshots: MG RTL D / Wolfgang Ennenbach

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„Kein spektakulärer, aber doch solider Thriller – erst Recht für eine TV-Produktion.“

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Filmkritik: „Schattengrund – Ein Harz-Thriller“ (2018)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Romanvorlage
Regie: Dror Zahavi
Mit: Josefine Preuß, Steve Windolf, Oliver Stokowski u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Drama, Thriller
Tags: Harz | Hexen | Haus | Mädchen | Kult | Verschwinden

Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Inhalt: Eigentlich hat Nico (Josefine Preuß) kaum damit gerechnet, dass ihre Tante ihr etwas vererben würde – erst recht natürlich, da die beiden über viele Jahre keinerlei Kontakt hatten. Und doch sieht sie sich eines Tages damit konfrontiert, das eher ungewöhnliche Vermächtnis in Form eines Schlüssels, eines Besens und einer Streichholzschachtel anzunehmen. Es stellt sich heraus, dass der Schlüssel zu einem Haus im Harz gehört – dem Ort, an dem Nico zumindest als Kind viel Zeit verbracht hat. Einmal dort angekommen muss sie jedoch schnell feststellen, dass ihr die Bewohner mit Argwohn begegnen – und auch sie beginnt sich an ein schreckliches Ereignis aus der Vergangenheit zu erinnern. Denn, und das haben die Leute keineswegs vergessen; damals ist sie zusammen mit ihrer besten Freundin Fili aus dem Dorf weggelaufen. Das Problem ist, dass aber nur Nico lebendig zurückkehrte – und bis heute unklar ist, was genau mit ihrer Freundin geschehen ist. Nach all den Jahren setzt Nico nun endlich alles daran, die Schatten der Vergangenheit zu lüften…

Kritik: Nein, wirklich originell ist die Geschichte von SCHATTENGRUND nicht. Und das trotz oder gerade wegen der Romanvorlage von Elisabeth Herrmann mit ihrem vermeintlich okkulten Handlungshintergrund, der sich im Endeffekt nur als Aufmacher für eine überraschend brachiale Missbrauchsgeschichte entpuppt – die man so eigentlich schon des Öfteren bei diversen Eigenproduktionen der öffentlichen und privaten TV-Sender gesehen hat.

Ob es sich lohnt, speziell SCHATTENGRUND als ebenso spannenden wie verstörenden und im besten Fall auch noch aufklärenden Genre-Film zu empfehlen; steht demnach in den Sternen – zumal es die verantwortlichen dem Zuschauer auch nicht immer leicht machen. Etwa, indem man eine hier absichtlich um einige Jahre gealterte Josefine Preuß in der Hauptrolle vorgesehen hat – die nicht wirklich in ihrem Charakter aufzugehen scheint und Probleme hat, wirkliche Sympathiepunkte zu sammeln. Und ja, auch hinsichtlich der allgemeinen Glaubwürdigkeit sowohl in Bezug auf die wichtigsten Eckpunkte der Erzählung als auch die Motivation der einzelnen Charaktere offenbaren sich allerhand Probleme.

Immerhin: wenn es um die reine Kamera-Arbeit sowie das Einfangen der durchaus stimmig inszenierten Schauplätze geht, hat das Filmteam eine gute Arbeit gemacht – und auch der eher klassisch angehauchte Soundtrack kann sich grundsätzlich hören lassen. Technisch-handwerklich geht das Projekt, zumindest wenn man die dann doch etwas zu hölzernen darstellerischen Leistungen sowie die ungünstigen Traum- beziehungsweise Geister-Sequenzen (die, in denen die toten Kinder auftauchen) außen vor lässt – also allemal in Ordnung. Leider ist das aber – und wenn überhaupt – nur die halbe Miete, sodass man im Falle von SCHATTENGRUND nur bei einer höchst eingeschränkten Empfehlung bleiben kann.

 

Bilder / Promofotos / Screenshots: ZDF und Reiner Bajo

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„Schattengrund, oder: diese Film wird (und das vermutlich zu Recht) ein Schattendasein fristen.“

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Filmkritik: „Wunder Einer Winternacht – Die Weihnachtsgeschichte“ (OT: Joulutarina, 2007)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Juha Wuolijoki
Mit: Hannu-Pekka Björkman, Ville Virtanen, Otto Gustavsson u.a.
Land: Finnland
Laufzeit: ca. 83 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Drama, Abenteuer
Tags: Weihnachten | Weihnachtsmann | Weihnachtsfest | Santa Claus

Es könnte sich so zugetragen haben – so, oder so ähnlich…

Inhalt: Der in einem kleinen Dorf in Lappland aufwachsende Nikolas hat wahrlich kein leichtes Schicksal. Nachdem seine Eltern und seine Schwester auf tragische Weise ums Leben gekommen waren, streiten sich die Dorfbewohner darum, wer fortan die Fürsorge für den kleinen Jungen übernehmen würde. Oder eher könnte – schließlich leben die Bewohner in einfachen Verhältnissen und haben teilweise schon Schwierigkeiten, ihre eigenen Familien durchzubringen. So einigt man sich kurzerhand darauf, Nikolas nur für jeweils ein Jahr bei einer Gastfamilie leben zu lassen – wobei er alle Dorfbewohner näher kennenlernt und viele Freunde findet. Zum Dank schnitzt er den Kindern der jeweiligen Familie am Ende eines jeden Jahres opulente Holzfiguren, die er ihnen aber nicht direkt übergibt – sondern heimlich vor die Tür legt. Doch als bald darauf der kauzige Händler Iisakki Interesse an Nikolas und seiner Arbeitskraft anmeldet, gerät Nikolas‘ jährliches Vorhaben in Gefahr. Und tatsächlich: als er in der Werkstatt des offensichtlich verbitterten Mannes ankommt, scheint ihn dieser nur als Handlanger für niedere Aufgaben zu benötigen – wobei er ihm außerdem verbietet, weiter an seinen geliebten Holzfiguren zu arbeiten…

Kritik: Weihnachtsfilme, die ausnahmsweise mal nicht aus den Untiefen Hollywoods stammen; sieht man im allgemeinen viel zu selten. So muss man schon etwas Glück haben, um über einen Film wie WUNDER EINER WINTERNACHT zu stolpern – der eigentlich auf den Namen JOULUTARINA horcht und vom finnischen Regisseur und Produzenten Juha Wuolijoki stammt. Belohnt wird man dabei gleich in mehrerlei Hinsicht: die Geschichte wird insgesamt eher ruhig und vergleichsweise ungekünstelt erzählt, es gibt ausreichend Platz für allerlei interessante zwischenmenschliche Untertöne; und die technisch-handwerkliche Komponente macht mit dem netten Setdesign, der stimmigen Schauplatzwahl sowie nicht zuletzt den wunderbar atmosphärischen Landschaftsaufnahmen ordentlich was her. Die größte Stärke von JOULUTARINA aber ist die anberaumte Erzählstrategie, die ihre Wirkung keinesfalls verfehlt – und das auch ohne einer Zuhilfenahme des schon eher als typisch zu bezeichnenden Soundtracks, der aber glücklicherweise nicht flächendeckend eingesetzt wird. So ist der Film zum einen als relativ zeitloses Porträt zu verstehen, wobei sich stets nur erahnen lässt wann und wo genau sich das Ganze zugetragen haben könnte – und zum anderen erweist sich die Entscheidung, die Geschichte als ein ganzes Leben abdeckende Erzählung zu inszenieren; als äußerst glückliche Entscheidung. Das Gefühl einer (emotionalen) Bedeutung wird also weniger aus einer Ansammlung potentiell kitschiger Bilder oder anderen zielführenden, zumeist aber eben reichlich prätentiösen Stilmitteln generiert – sondern schlicht und ergreifend aus dem sich durchaus auf den Zuschauer übertragenden Gefühls heraus, dass es sich um die Darstellung eines Lebenswerks handelt. Ob um ein mehr oder weniger bedeutsames, dass muss ein jeder für sich selbst entscheiden – aber das durch und durch annehmbare Angebot ist gemacht. Wäre man mit dem pompösen Ende nicht doch noch ein wenig über das Ziel hinausgeschossen, wäre sogar noch mehr drin gewesen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © KSM GmbH

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„Ein gut gemachter, angenehm anrührender Weihnachtsfilm.“

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Filmkritik: „Die Rote Schildkröte“ (OT: La Tortue Rouge, 2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Michael Dudok De Wit
Mit: Tom Hudson, Barbara Beretta u.a.
Land: Frankreich, Belgien, Japan
Laufzeit: ca. 81 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Animation, Drama, Abenteuer, Fantasy
Tags: Schildkröte | Einsame Insel | Familie | Natur | Einklang | Schicksal

Seenot mal anders.

Inhalt: Als sich ein Schiffbrüchiger mit Ach und Krach auf eine einsame Insel irgendwo in den Weltmeeren retten kann, versucht er bald daraufhin alles um seiner misslichen Lage zu entgehen. Doch was er auch anstellt, es gelingt ihm einfach nicht die Insel zu verlassen – wobei es lange unklar bleibt, wer oder was dafür verantwortlich sein könnte. Eines Tages jedoch kann er einen Blick auf jene Kreatur erhaschen, die mit seinem Scheitern direkt in Verbindung zu stehen scheint – eine riesige rote Schildkröte. Auch wenn er nicht genau weiß wie sie seine Flucht hat verhindern können, dreht er das Tier kurz darauf wutentbrannt auf den Rücken – und lässt es zum Sterben in der prallen Sonne liegen. In der darauf folgenden Nacht plagen ihn jedoch Alpträume, und er setzt alles daran die Schildkröte doch noch zu retten. Ob es dafür bereits zu spät ist oder nicht, wird sich erst noch zeigen…

Kritik: Nein – man braucht nicht viel, um einen anständigen Animationsfilm auf die Beine zu stellen. Zumindest nicht, wenn man eine entsprechende inhaltliche Vision vor sich hat und die Gelegenheit erhält, sich in Bezug auf die technische und vor allem visuelle Komponente auf die Mitarbeit bereits erfahrener Veteranen verlassen zu können. Ungefähr hat es sich auch im Falle von LA TORTUE ROUGE ereignet, einem vom niederländischen Drehbuchautor und Trickfilmregisseur Michael Dudok De Wit erdachten; letztendlich auf multinationaler Ebene umgesetzten Projekt – das von niemand geringerem als ToshioSuzuki, dem Vorsitzenden des japanischen Studio GHIBLI (unter anderem verantwortlich für Anime-Meileinsteine wie PRINZESSIN MONONOKE, siehe Review) produziert wurde. Gesetzt dem Fall dass man hat schon einmal einen Blick auf die liebevollen zeichnerischen Welten des berühmten Studios hat werfen können, sieht man das auch direkt – wofür es nicht erst die spezielle Darstellung der kleinen Krabben braucht, die dezent an die sogenannten Rußmännchen aus MEIN NACHBAR TOTORO (Review) oder CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (Review) erinnern.

Dementsprechend fällt es einem Film wie LA TORTUE ROUGE auch entsprechend leicht, den Zuschauer schnell mit seinen in sich stimmigen, trotz der relativen Kargheit des Inselschauplatzes detailreichen Bildern für sich zu gewinnen – wobei man sich speziell an die extrem minimalistisch gestalteten Gesichter und Animationen der Charaktere erst noch gewöhnen muss. Insgesamt aber sieht der Film recht gut bis stellenweise sogar atemberaubend aus – und der gefühlvolle Soundtrack fügt sich perfekt in die Abfolge der alles andere als hektisch aneinandergereihten Naturaufnahmen der Insel samt Umgebung ein. Was bleibt, ist die Frage nach der inhaltlichen Komponente – der im Falle von LA TORTUE ROUGE durchaus auch einige Besonderheiten innewohnen. So hat sich Michael Dudok De Wit etwa dazu entschlossen, für die gesamten 80 Minuten des Films auf jegliche Dialoge zu verzichten – was allemal ungewohnt ist, sich durch die dennoch vorhandenen Gesten, Laute und Interaktionen der Charaktere aber nicht negativ oder gar auf das Verständnis auswirkt.

Schließlich sollte das, was dem Zuschauer nach einem zugegebenermaßen noch etwas zähen Auftakt als Geschichte präsentiert wird; für jedermann verständlich sein – bedient sich Michael Dudok De Wit doch eigentlich nur an der absoluten Basis. In diesem Zusammenhang – und dies verbindet LA TORTUE ROUGE wiederum mit vielen anderen GHIBLi-Filmen – steht nicht weniger als die Natur selbst im Mittelpunkt der Erzählung, und das auf eine ebenso beruhigende wie spannende und inspirierende Art und Weise. Der Mensch selbst spielt hier nur eine eher untergeordnete Rolle, ebenso wie die mystisch-fantastische Komponente in Form der titelgebenden Schildkröte – die ihre Wirkung dennoch nicht verfehlt und einen großen Teil zur bemerkenswerten emotionalen Ebene des Films beiträgt. Die eigentliche Überraschung des Films ist demnach, dass er es trotz seiner relativen Zurückhaltung in Bezug auf die inhaltlichen und optischen Ausstaffierungen schafft; für eine vergleichsweise große und intensive Form der Unterhaltung zu sorgen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Wild Bunch Distribution

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„Minimalistisch, aber eindringlich – eine etwas andere Hommage an die Kraft der Natur.“

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Filmkritik: „Das Geheimnis Von Marrowbone“ (OT: MARROWBONE, 2017)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Sergio G. Sánchez
Mit: Anya Taylor-Joy, George MacKay, Mia Goth u.a.
Land: Spanien, Großbritannien
Laufzeit: ca. 111 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Thriller, Drama, Horror
Tags: Familie | Flucht | Umzug | Verfolgung | Fluch

Spieglein Spieglein an der Wand…

Inhalt: Um den Fängen ihres ihrer Familie offenbar aggressiv nachstellenden (noch-)Ehemannes  zu entkommen, trifft die verzweifelte Rose (Nicola Harrison) eine schwerwiegende Entscheidung: gemeinsam mit ihren insgesamt vier Kindern flieht sie Ende der 60er Jahre von Großbritannien in die Vereinigten Staaten von Amerika. Einmal in ihrem neuen Heim an einer ebenso idyllischen wie verlassenen Küste angekommen, nimmt die Familie einen neuen Namen an und versucht, möglichst wenig Kontakt zu den Einheimischen aufzubauen. Doch schon kurz bevor sich die Kinder Jack (George MacKay), Jane (Mia Goth), Billy (Charlie Heaton) und der junge Sam (Matthew Stagg) richtig einleben können, erliegt ihrer Mutter ihrer schweren Krankheit – und hinterlässt ihren ältesten Sohn Jack mit einer wichtigen Aufgabe. Fortan soll er die Geschicke der Familie lenken und auf sie aufpassen – zumindest bis er 21 ist, und die Familie nicht mehr von den Behörden auseinandergerissen werden könnte. Tatsächlich scheint ihm das auch ganz gut zu gelingen – zumal er von seiner Liebe zur Bibliothekarin Allie (Anya Taylor-Joy) beflügelt wird. Problematisch ist indes, dass sich im großen Anwesen der Familie selbst einige höchst unheimliche Dinge ereignen… was insbesondere den jüngeren Geschwistern reichlich Sorge, ja wenn nicht gar panische Angst bereitet.

Kritik: Auch wenn der Filmtitel nicht sperriger hätte ausfallen können und die Geschichte von DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE nach nicht viel klingt – oder eher nur nach einer weiteren von so vielen, in denen eine vom Schicksal gebeutelte Familie in ein gruseliges Anwesen zieht und somit erst Recht Probleme bekommt – erweist es sich als ratsam, der von Sergio G. Sánchez (unter anderem der Ideengeber für DAS WAISENHAUS, siehe Review) erdachten Schauermär eine Chance zu geben. Und das vornehmlich, da es sich entgegen den ersten Vermutungen weniger um einen klassischen Horrorfilm als vielmehr um einen überraschend intensiven Thriller handelt – dem anstelle des plakativen Horrors weitaus mehr Elemente des Dramas inklusive einer vergleichsweise starken Charakterzeichnung innewohnen. Und um einen Thriller der – der mittlerweile vorhandenen Erfahrung des spanischen Schauspielers, Drehbuchautors und Regisseurs Sánchez sei Dank – schnell eine ähnlich klaustrophobische und in sich stimmige Atmosphäre etablieren kann wie einst DAS WAISENHAUS.

Die wohl aber größte Überraschung des Films ist, dass er im späteren Verlauf mit einem so nicht unbedingt erwarteten Twist daherkommt – und damit vielleicht sogar einen ähnlichen Effekt zu hinterlassen vermag wie der Genre-Klassiker THE SIXTH SENSE. Damit steht fest, dass sich DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE am ehesten in die Riege der eher ebenso mysteriös wie psychologisch angehauchten Thriller im Stile der bereits erwähnten Titel, sowie eventuell auch ICH SEH, ICH SEH (Review), SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT (Review) oder DER BABADOOK (Review) einreiht – und dabei eine alles andere als schlechte Figur macht. So kann nicht nur die Schauplatzwahl inklusive eines überraschenden Settings in den späten 60er Jahren überzeugen – auch das Setdesign, die Kostüme, der gesamte handwerkliche Part und die darstellerischen Leistungen der teils bekannten, hier recht erfrischend agierenden Nachwuchs-Akteure stimmen. Lediglich die sich dann doch etwas länglich anfühlende Auftaktphase mit einigen verzichtbaren Momenten sowie der doch noch vorhandene Impuls, sich den gängigen Konventionen des Horrorfilms zu näheren (Stichwort Jumpscares) verhindert hier größeres – was aber nichts daran ändert, dass man DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE problemlos empfehlen kann.

 

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Metropolitan FilmExport, Universal Pictures

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„Das Rad mag mit DAS GEHEIMNIS VON MARROWBONE nicht neu erfunden werden – und doch handelt es sich um einen ebenso gut gemachten wie spannenden Film mit dem gewissen Etwas und einem überraschenden Ende.“

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Filmkritik: „Inglorious Basterds“ (2009)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Quentin Tarantino
Mit: Brad Pitt, Mélanie Laurent, Christoph Waltz u.a.
Land: USA, Deutschland
Laufzeit: ca. 153 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Action, Drama, Kriegsfilm
Tags: Zweiter Weltkrieg | USA | Deutschland | Rache | Feldzug

Von unbekannten Sammelleidenschaften des 20sten Jahrhunderts, Folge Eins: Nazi-Skalps.

Inhalt: Während der zweite Weltkrieg noch in vollem Umfang tobt, landet ein US-amerikanisches Team aus einer handvoll Elitekämpfern im von Nazis besetzten Frankreich. Ihr Auftrag ist simpel, aber in der Durchführung keinesfalls einfach: sie sollen so viele Nationalsozialisten wie nur irgendwie möglich zur Strecke bringen – egal auf welche Art und Weise. Während sie also mit einer Vorliebe für Nazi-Skalps als makabere Trophäe durch Frankreich schleichen rückt schon bald ein neues, potentiell kriegsentscheidendes Ziel in ihre Nähe. Die gesamte deutsche Heeresführung inklusive niemand geringerem als Adolf Hitler würde sich bald zu einem illustren Propagandafilm-Abend in einem französischen Kino versammeln. Was läge da also näher, als den Krieg mit dem Ableben Hitlers vorzeitig zu beenden ? Doch auch die Gegenseite schläft nicht – allen voran hat es sich ein perfider Nazi-Inspektor (Christoph Waltz) zum Ziel gemacht, Juden und allgemeine „Vaterlandsverräter“ zu enttarnen. Und so scheint er recht schnell zu bemerken, dass sich hinter den als italienische Filmfreunde ausgebenden Subjekten ganz andere, hochkarätige Gegner verbergen… nämlich Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) und sein Team.

Kritik: Sicher; man kann von Quentin Tarantino beziehungsweise seiner bereits mit frühen Filmen wie Reservoir Dogs – Wilde Hunde (1992) oder Pulp Fiction (1994) etablierten Marke halten was man will. So gut wie fest steht indes, dass seine Filme nicht selten mit einem immensen Unterhaltungswert einhergehen – ganz gleich, ob dabei etwaige Grenzen des guten oder schlechten Geschmacks neu ausgelotet werden. Überhaupt fühlt es sich gut an zu wissen, dass es auch in der heutigen Zeit noch Filmschaffende gibt, die trotz eines wie im Falle von Tarantino rasant gewachsenen Bekanntheitsgrades an ihren Wurzeln (oder wahlweise auch: Grundsätzen) festhalten und sich nicht großartig darum scheren, was andere sagen respektive von ihren Werken halten. Auch INGLORIUS BASTERDS zeugt von dieser schlicht für Tarantino typischen Mission, eine auf den ersten Blick gewöhnliche Geschichte unter Zuhilfenahme seines offensichtlich großzügig ausgestatteten Ideen-Fundus und einer großen Portion Eigeninitiative zu einem so noch nicht dagewesenen, reichlich grotesken Ganzen zu verweben. Das mündet hier zwar nicht in einem nennenswert gehaltvollen, geschweige denn politisch oder historisch korrekten Machwerk – dafür aber in einem direkt dem Regisseur zuzuordnenden, angenehm eigenwilligen, von der ersten Minute an unterhaltsamen und nicht zuletzt enorm eigenständigen Film – der nicht wirklich etwas mit dem (fast) gleichnamigen Film INGLORIOUS BASTARDS aus dem Jahr 1978 (siehe Review) gemeinsam hat.

Anders gesagt: bei Tarantino – und damit auch bei INGLORIOUS BASTERDS – wird ein sonst essentieller Bestandteil wie der der eigentliche Geschichte zu einem bloßen Aufhänger degradiert, um noch mehr Platz für ein wildes Intermezzo aus kunterbunten Charakteren, aberwitzigen Dialogen und gefühlt im Sinne des Films zurechtgebogenen Ereignissen zu lassen. Dass diese Achterbahnfahrt nicht nur nett anzuschauen ist sondern auch einer gewissen Substanz nicht entbehrt, etwa in Bezug auf die psychologische Komponente – macht die Tarantino-Filme so reizvoll; und lässt sie eben nicht nur zu stilistisch herausragenden Kunstwerken avancieren, sondern zu ganzheitlichen. INGLORIOUS BASTERDS bildet da keine Ausnahme, auch wenn man sich an den Gedanken einer Verquickung einer Weltkriegsthematik mit dem typischen gehobenen Exploitation-Flair (inklusive einer letztendlich doch recht explizit ausgeführten und dargestellten Form der, man nenne es späten Rache) erst gewöhnen muss. Lässt man sich aber erst einmal auf den Film ein und genießt den von den ersten Minuten an hochgehaltenen Ideenreichtum inklusive vieler auch in handwerklicher und darstellerischer Hinsicht bemerkenswerter Raffinessen; so wird einem der unrühmliche Feldzug der INGLORIOUS BASTERDS so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © The Weinstein Company

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„Ja, Inglourious Basterds ist ein brutal-makaberer Rachefeldzug, an dem sich die Geister scheiden werden – aber auch eine ebenso markante wie einzigartige Hommage an das Kino beziehungsweise die Geschichte des Films selbst.“

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Filmkritik: „Spion Zwischen Zwei Fronten“ (OT: Triple Cross, 1966)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Terence Young
Mit: Christopher Plummer, Romy Schneider, Trevor Howard u.a.
Land: Frankreich, Großbritannien
Laufzeit: ca. 140 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Drama
Tags: Zweiter Weltkrieg | Spionage | Alliierte | Achsenmächte

Wer kann dem schon widerstehen…

Inhalt: Nachdem der britische Dieb Eddie Chapman (Christopher Plummer) nach einem weiteren seiner vielen genialen Raubzüge auf der Kanalinsel Jersey geschnappt wurde und sich mit einer 15 Jahre währenden Haft konfrontiert sieht; kommt ihm die von der deutschen Wehrmacht ausgehende, zweifelsohne überraschende Besetzung der Insel gerade gelegen. Mit einigen Tricks schafft er es, die Aufmerksamkeit der Deutschen zu erlangen – und kommt frei, um bald darauf als Spion für das Dritte Reich zu arbeiten. Als Franz Graumann macht er Bekanntschafft mit Oberst Baron von Grunen (Yul Brynner), der großes mit seinem neuen Schützling vorhat – und plant, ihn weiteren Bewährungsproben zu einem wichtigen Einsatz nach Englang zu schicken. Einmal am eigentlichen Zielort angekommen, wendet er sich jedoch dem brtischen Geheimdienst MI5 zu – und bietet selbigem ebenfalls seine Dienste als Spion und wichtiger Informant an. Als gewiefter Doppelagent muss er fortan jeden seiner schritte genau überdenken – und aufpassen, dass ihm keine der beiden Seiten auf die Schliche kommt.

Kritik: Nein, einen Preis für die größtmögliche Authenzität wird Terence Young’s Agentenfilm SPION ZWISCHEN 2 FRONTEN, der sich lose an der Lebensgeschichte des berühmt-berüchtigten kriminellen und Spions Edward Arnold Chapman orientiert; vermutlich nicht. Eines muss man dem Fim aber in jedem Fall zugute halten, und das selbst in Anbetracht der ebenso ungewönlichen wie sicherlich auch geagten Vermengung des ernsten Kriegshintergrunds mit einer überraschenden Portion Komik: er ist gut gemacht. Und das liegt nicht nur an der durch und durch hochkarätigen Besetzung, der man in ihrem Spiel einfach gerne zusieht – sondern vor allem auch an der hervorragenden optischen Gestaltungsarbeit in Form der aufwendig in Szene gesetzten Kulissen und Kostüme. Unter der Zunahme der äußerst unterhaltsamen Dialoge sowie des vermutlich absichtlich etwas überakzentuierte Porträts des sich augenscheinlich auf Seiten jeder beteiligten Kriegspartei wohlfühlenden Spions Eddie Chapman avanciert SPION ZWISCHEN 2 FRONTEN zwar noch immer nicht zu einem der wichtigeren oder direkt kultverdächtigen Kriegsfilme – doch in seinem Dasein als luftig-lockerer Spionagethriller mit reichlich Charisma macht er vieles richtig. Wem genau das reicht respektive auch nicht mehr erwartet, sollte mit dem 1966 erschienenen Film – der auch heute noch nicht allzu altbacken wirkt – allemal zufrieden sein.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Poseidon Home Entertainment

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„Der Inhalt und die Art der Inszenierung mögen diskutabel sein – das hervorragende Handwerk, die Leistungen der Darsteller und der immense Unterhaltungsfaktor inklusive einiger doch noch vorhandener kritischer Untertöne sprechen allerdings für sich.“

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