Filmkritik: „Die Rote Schildkröte“ (OT: La Tortue Rouge, 2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Michael Dudok De Wit
Mit: Tom Hudson, Barbara Beretta u.a.
Land: Frankreich, Belgien, Japan
Laufzeit: ca. 81 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Animation, Drama, Abenteuer, Fantasy
Tags: Schildkröte | Einsame Insel | Familie | Natur | Einklang | Schicksal

Seenot mal anders.

Inhalt: Als sich ein Schiffbrüchiger mit Ach und Krach auf eine einsame Insel irgendwo in den Weltmeeren retten kann, versucht er bald daraufhin alles um seiner misslichen Lage zu entgehen. Doch was er auch anstellt, es gelingt ihm einfach nicht die Insel zu verlassen – wobei es lange unklar bleibt, wer oder was dafür verantwortlich sein könnte. Eines Tages jedoch kann er einen Blick auf jene Kreatur erhaschen, die mit seinem Scheitern direkt in Verbindung zu stehen scheint – eine riesige rote Schildkröte. Auch wenn er nicht genau weiß wie sie seine Flucht hat verhindern können, dreht er das Tier kurz darauf wutentbrannt auf den Rücken – und lässt es zum Sterben in der prallen Sonne liegen. In der darauf folgenden Nacht plagen ihn jedoch Alpträume, und er setzt alles daran die Schildkröte doch noch zu retten. Ob es dafür bereits zu spät ist oder nicht, wird sich erst noch zeigen…

Kritik: Nein – man braucht nicht viel, um einen anständigen Animationsfilm auf die Beine zu stellen. Zumindest nicht, wenn man eine entsprechende inhaltliche Vision vor sich hat und die Gelegenheit erhält, sich in Bezug auf die technische und vor allem visuelle Komponente auf die Mitarbeit bereits erfahrener Veteranen verlassen zu können. Ungefähr hat es sich auch im Falle von LA TORTUE ROUGE ereignet, einem vom niederländischen Drehbuchautor und Trickfilmregisseur Michael Dudok De Wit erdachten; letztendlich auf multinationaler Ebene umgesetzten Projekt – das von niemand geringerem als ToshioSuzuki, dem Vorsitzenden des japanischen Studio GHIBLI (unter anderem verantwortlich für Anime-Meileinsteine wie PRINZESSIN MONONOKE, siehe Review) produziert wurde. Gesetzt dem Fall dass man hat schon einmal einen Blick auf die liebevollen zeichnerischen Welten des berühmten Studios hat werfen können, sieht man das auch direkt – wofür es nicht erst die spezielle Darstellung der kleinen Krabben braucht, die dezent an die sogenannten Rußmännchen aus MEIN NACHBAR TOTORO (Review) oder CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (Review) erinnern.

Dementsprechend fällt es einem Film wie LA TORTUE ROUGE auch entsprechend leicht, den Zuschauer schnell mit seinen in sich stimmigen, trotz der relativen Kargheit des Inselschauplatzes detailreichen Bildern für sich zu gewinnen – wobei man sich speziell an die extrem minimalistisch gestalteten Gesichter und Animationen der Charaktere erst noch gewöhnen muss. Insgesamt aber sieht der Film recht gut bis stellenweise sogar atemberaubend aus – und der gefühlvolle Soundtrack fügt sich perfekt in die Abfolge der alles andere als hektisch aneinandergereihten Naturaufnahmen der Insel samt Umgebung ein. Was bleibt, ist die Frage nach der inhaltlichen Komponente – der im Falle von LA TORTUE ROUGE durchaus auch einige Besonderheiten innewohnen. So hat sich Michael Dudok De Wit etwa dazu entschlossen, für die gesamten 80 Minuten des Films auf jegliche Dialoge zu verzichten – was allemal ungewohnt ist, sich durch die dennoch vorhandenen Gesten, Laute und Interaktionen der Charaktere aber nicht negativ oder gar auf das Verständnis auswirkt.

Schließlich sollte das, was dem Zuschauer nach einem zugegebenermaßen noch etwas zähen Auftakt als Geschichte präsentiert wird; für jedermann verständlich sein – bedient sich Michael Dudok De Wit doch eigentlich nur an der absoluten Basis. In diesem Zusammenhang – und dies verbindet LA TORTUE ROUGE wiederum mit vielen anderen GHIBLi-Filmen – steht nicht weniger als die Natur selbst im Mittelpunkt der Erzählung, und das auf eine ebenso beruhigende wie spannende und inspirierende Art und Weise. Der Mensch selbst spielt hier nur eine eher untergeordnete Rolle, ebenso wie die mystisch-fantastische Komponente in Form der titelgebenden Schildkröte – die ihre Wirkung dennoch nicht verfehlt und einen großen Teil zur bemerkenswerten emotionalen Ebene des Films beiträgt. Die eigentliche Überraschung des Films ist demnach, dass er es trotz seiner relativen Zurückhaltung in Bezug auf die inhaltlichen und optischen Ausstaffierungen schafft; für eine vergleichsweise große und intensive Form der Unterhaltung zu sorgen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Wild Bunch Distribution

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„Minimalistisch, aber eindringlich – eine etwas andere Hommage an die Kraft der Natur.“

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TV-Kritik / Anime-Review: ONE PUNCH MAN

Originaltitel: ワンパンマン
Typ: Anime-TV-Serie
Umfang / Laufzeit: 12 Folgen (je ca. 25 Minuten)
Land: Japan
Regie: Shingo Natsume
Studio: Madhouse
Genre: Action / Sci-Fi / Fantasy
Tags: Schlag | Kraft | Verantwortung | Helden | Außerirdische | Mutanten

Die Liste der 12 Episoden (deutsche Titel):

01 Der Stärkste
02 – Ein entrückter Cyborg
03 – Beharrlicher Wissenschaftler
04 – Ninja von heute
05 – Ultimativer Lehrer
06 – Furchterregendste Stadt
07 – Überlegender Schüler
08 – König der Tiefsee
09 – Unbeugsame Gerechtigkeit
10 – Nie da gewesene Krise
11 – Gebieter über das All
12 – Der stärkste Held

Vorsicht vor dem einen, wirklich ernsthaften Schlag.

Inhalt: Wenn man seinen eigenen Worten glaubt, dann führt der in der Z-Stadt lebende Kämpfer und Hobbyheld Saitama ein recht langweiliges Leben. Als Außenstehender jedoch kann man kaum anders, als nachhaltig beeindruckt zu sein – immerhin erledigt der durch sein hartes Training glatzköpfig gewordene Supermarkt-Schnäppchenfan jeden nur erdenklichen Gegner, und das mit nur einem Schlag. Eben das scheint ihm auch eine gewisse Routine beschert zu haben, sodass er selbst bei Angriffen der größten und furchteinflössendsten Kreaturen kaum eine Miene verzieht. Der junge Cyborg-Kämpfer Genos indes weiß um die unglaubliche Stärke des äußerlich unscheinbaren Naturtalents – und versucht trotz seiner ebenfalls nicht zu verachtenden Kampfkraft alles, um Saitamas neuer Schüler zu werden. Und auch wenn der sich zunächst merklich sträubt, entwickeln die beiden tatsächlich eine besondere Form des Zusammenhalts – die immer wieder gespickt ist von allerlei freundschaftlichen Rivalitäten und Wettkämpfen. So kommt es den beiden auch recht gelegen, dass sie als neue Mitglieder in der sogenannten Heldenvereinigung aufgenommen werden – in die nur die stärksten Helden kommen, und bald darauf nach speziellen Fähigkeits- und Beliebtheitsrankings aufgeteilt werden. Die alles entscheide Frage aber ist, ob Saitama und seine neuen Kollegen wirklich jeder Bedrohung entgegentreten können – im besten Fall ohne dabei doch noch draufzugehen…

Vorwort & Ersteindruck: ONE PUNCH MAN ist eine 2015 erstmals in Japan ausgestrahlte Anime-Serie, die ihren Ursprung in einer erfolgreichen Webcomic-Serie und einem darauf folgenden Manga hat. Dieses Jahr erschien die insgesamt 12 Episoden und einige Specials umfassende Serie endlich auch auf dem Heimkinomarkt in Deutschland – und das sogar mit einer zur Abwechslung mal wieder vortrefflich gelungenen Synchronisation. Der Chance, dass das in Japan längst enorm populäre Franchise auch hierzulande weiter an Bekanntheit gewinnen wird; steht somit kaum etwas im Weg. Und das sollte es auch nicht. Schließlich sind die Geschichten um den makaberen Anti-Helden Saitama nicht nur bei eingefleischten Manga- und Animefans beliebt, oder anders gesagt: wann wenn nicht jetzt besteht die Chance, seine sonst gegenüber Animes eher verhalten reagierenden Freunde mit einer unterhaltsamen und gut gemachten Serie wie ONE PUNCH MAN ganz im Sinne der fälschlicherweise gerne mal belächelten japanischen Kunstform zu bekehren ? Eines muss man dabei allerdings festhalten, und das geht eher gegen den typischerweise üblichen Anime-Kodex einer zumeist tiefgründigen und vielschichtigen inhaltlichen Komponente: ONE PUNCH MAN hat alles, nur keine ausgefeilte Story. Zumindest noch nicht, das heißt mit dem aktuellen Status Quo einer einzigen Staffel mit nur 12 recht knappen Episoden.

Story / Inhalt

In Bezug auf seine Story sowie etwaige potentielle Hintergrundgeschichten lässt es ONE PUNCH MAN zumeist extrem vereinfachend bis gekonnt umschiffend angehen. Abgesehen von den immer neuen und immer größeren Bedrohungen die es für Saitama und die anderen Helden zu bekämpfen gilt, machen eigentlich nur die Charaktere selbst gewisse Sprünge respektive Entwicklungen durch. Eine detaillierte oder weitestgehend nachvollziehbare Erläuterung möglichst aller Umstände innerhalb der hier gezeichneten Welt ist demnach zu keinem Zeitpunkt vorgesehen.

Allerdings, und das muss man dem Anime zugute halten; wirkt sich das im Falle von ONE PUNCH MAN kaum negativ aus. Dass man viele – oder eher alle – der kunterbunt-schrillen Besonderheiten schon ab der ersten Episode einfach so hinnehmen muss, gehört schlicht zum abgedrehten Gesamteindruck der Serie. ONE PUNCH MAN will keine großartige oder gar innovative Geschichte erzählen – sondern den Zuschauer stattdessen mit dem Auftreten immer neuer Helden und analog dazu auch immer verrückteren Kampf- und Actionszenen bei Laune halten. Und das ist etwas, was die Serie auch problemlos schafft – die 12 Episoden wirken kurz und knackig, und vergehen dabei wie im Flug.

Einen negativen Aspekt, der nicht immer ganz vom enormen Unterhaltungsfaktor der Serie überdeckt werden kann; gibt es dann aber doch. Begründet liegt er in der Tatsache, dass Saitama seinem Namen wahrlich alle Ehre macht – und jeden Gegner mit nur einem Schlag besiegt. Gut, im Endkampf waren es dann doch einige mehr – aber im Großen und Ganzen gerät das eigentliche Alleinstellungsmerkmal der Serie auch leicht zu ihrem Nachteil. Sonderlich spannend sind die Kämpfe so schließlich nicht, es sei dann natürlich etwaige andere Helden springen ein und demonstrieren was sie können – oder aber die jeweiligen Gegner sind so von sich überzeugt, dass ihre quasi-Monologe fast schon mehr Spaß machen als die Kämpfe selbst. Fest steht aber: sollte es eine zweite Staffel geben, wären hier sicher noch einige weitere Variationen von Nöten – denn sonst könnte sich vielleicht doch noch eine gewisse Form der Eintönigkeit breit machen.

Charaktere

Sicher, in Bezug auf die Story und die grundsätzlich auch nicht unbedingt als innovativ zu bezeichnenden Inhalte kann ONE PUNCH MAN nicht wirklich punkten. Bei seiner ebenso starken wie abwechslungsreichen Charakter-Riege aber fährt die Serie dann doch noch alle Geschütze auf – und präsentiert dem Zuschauer ein ebenso kunterbuntes wie zutiefst unterhaltsames Ensemble. Vielleicht sogar eines der unterhaltsamsten, die es je in einer Anime-Serie gegeben hat – wobei sich ONE PUNCH MAN gar nicht mit sonst gerne bedienten Niedlichkeits-Klischees oder sexuellen Anspielungen aufhält, was man als zusätzlichen Pluspunkt betrachten könnte. Das einzige, was ansatzweise in diese Kategorie fallen könnte; wäre wohl der Auftritt des Puri Puri Prisoners – doch auch hier geht ONE PUNCH MAN derart überdreht und schlicht sympathisch vor, dass man sich erst gar keine weiterführenden Gedanken machen muss.

Ja, ONE PUNCH MAN macht einen Heidenspaß – was auch für das Porträt des Hauptcharakters Saitama gilt, dem sein Helden-Dasein eher langweilig vorkommt. Doch gerade dass er damit genau das verkörpert, was man von einem gestandenen Superhelden eher nicht erwarten würdesorgt für einen reichlich frischen Wind – und spendiert den oft unerbittlichen Kämpfen eine so noch nicht dagewesen komödiantische Facette. Analog zu einer auch sonst immer wieder anberaumten Alltags- und Situationskomik im Zusammenspiel mit anderen Charakteren, versteht sich – wobei dem Zuschauer kaum Zeit gelassen wird, sich zu erholen. Etwas zu entdecken gibt es schließlich immer – und das hohe Erzähltempo und die gerne mal direkt aneinandergereihten verrückten Ideen lassen schlicht keine Langeweile aufkommen.

Neben Saitama ist es so auch sein Sidekick Genos, der einige Sympathiepunkte einheimsen kann. Vornehmlich, da er das absolute Gegenteil von Saitama darstellt – und sein Handeln von einer eher ernst- und gewissenhaften Natur ist. Sicher, wirklich große Veränderungen machen beide nicht durch – doch ist es interessant zu sehen, wie genau sich ihr Zusammenspiel im Verlauf der Serie entwickelt.

Dann gibt es da noch die zahlreichen anderen Helden aus der Heldenvereinigung, die entsprechend kurios in Szene gesetzt werden (und teilweise sogar recht spannend, was dem anberaumten Rängesystem zu verdanken ist) und so für weitere Steigerungen des Unterhaltungswertes sorgen. Der Wunsch nach mehr Screentime des ein oder anderen besonders befähigten könnte dabei durchaus aufkommen – denn wirklich uninteressant erscheint hier niemand. Anders gesagt: wenn es nicht die Fähigkeiten der Helden sind die für Aufsehen sorgen, dann doch die jeweilige Persönlichkeit oder aber entsprechende Persönlichkeits-Macken.

Zuletzt spendiert ONE PUNCH MAN seinen Helden natürlich auch entsprechende Widersacher – wobei sich die Macher abermals ordentlich ausgelassen haben.  Entweder punkten die Monster mit besonders schrillen Designs und Animationen, oder aber mit besonders spektakulär in Szene gesetzten Auftritten. In denen wird beispielsweise nicht selten ein herrlich-überzogenes Weltübernahme-Gefasel an den Tag gelegt – was man so auch aus anderen Anime-Serien kennt. Der Zusammenhang in ONE PUNCH MAN indes ist ein ganz anderer, sodass man selbst die Monster (die sich hie und da nochmal zum Abschluss einer Episode melden) liebgewinnen und nach deren Vernichtung irgendwie auch vermissen wird.

Optische Aspekte

ONE PUNCH MAN bietet zwar keine optischen Innovationen – überzeugt dafür aber mit einem äußerst soliden Handwerk. Seien es die ganz und gar prächtige Farbenvielfalt, das geniale Charakter- und Monsterdesign, die ebenso flotten wie geschmeidigen Kampf- und Actionszenen oder die generelle optische Vielfalt – die Serie ist nicht weniger als Zucker für die Augen. Und das ohne, dass man eine übertriebene Hektik oder eine zu schnelle Bildfolge befürchten müsste. Lediglich eine gewisse Vorliebe für allerlei zeichnerische Übertreibungen sowie den ein oder anderen (absichtlich) simpel animierten Abschnitt sollte man schon mitbringen – schließlich hält der allgemeine Slapstick auch im Bereich des handwerklichen Einzug, glücklicherweise aber pointiert und relativ stilvoll.

Akustische Aspekte

Schon der mitreißende Opener von ONE PUNCH MAN macht klar: es darf gerne mal etwas ausgelassener und energetischer zugehen. Abgesehen vom Outro, welches im Gegensatz dazu einen krassen Gegenpol bildet; punktet die Serie so auch in den Kampfszenen mit allerlei antreibenden bis hymnischen Tönen. Letztendlich spielt der Soundtrack aber keine allzu große Rolle – zumal er in der allgemein abgedrehten Szenerie auch so manches Mal unterzugehen droht. Nicht zuletzt die Soundeffekte und das Engagement der Sprecher machen aus ONE PUNCH MAN aber auch ein akustischen Vergnügen.

Fazit: Hinsichtlich seines potentiellen Publikumserfolges stellt ONE PUNCH MAN eigentlich nur eine Frage: kann man als Zuschauer einmal mehr (im japanischen Anime-Bezug wohl eher: ausnahmsweise) auf einen ausgefeilten Storyschwerpunkt verzichten, und sich stattdessen nur an einer kunterbunt-verrückten Welt inklusive vieler schmackiger Actionszenen und zahlreicher schriller Charaktere erfreuen ? Wenngleich die Frage besser nicht generell mit einem lauthalsen ja beantwortet werden sollte – und das schon gar nicht in Richtung der westlichen Unterhaltungsindustrie, die Ambitionen wie diese nur allzu gut kennt – so kann, sollte oder muss man für ONE PUNCH MAN einfach mal eine Ausnahme machen. Anders gesagt: so durchtrieben und unterhaltsam, dabei aber stets handwerklich ansprechend und mit einem angenehmen Humor versehen war schon lange keine Anime-Serie mehr.

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„Eine Serie (fast) so stark wie ein Schlag von Saitama selbst. Ausnahmsweise gilt: eine zweite Staffel darf gerne folgen.“

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TV-Kritik / Anime-Review: NORAGAMI

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Originaltitel: Noragami ノラガミ
Typ: Anime-TV-Serie
Umfang / Laufzeit: 12 Folgen (je ca. 24 Minuten)
Land: Japan
Regie: Kōtarō Tamura
Studio: Bones
Genre: Fantasy / Action
Tags: Gott | Gottheit | Streuner | Abenteuer | Jenseits | Monster | Tod

Die Liste der 12 Episoden (deutsche Titel):

01 Eine Katze, ein Gott, und ein Schwanz
02 – Schnee-ähnlich
03 – Geladenes Unheil
04 – Wo das Glück liegt
05 – Die Grenze
06 – Unheimliches Wesen
07 – Ungewissheit, Vorsehung
08 – Grenzüberschreitung
09 – Name
10 – Voller Hass betrachtet
11 – Verstoßene Gottheit
12 – Ein Bruchstück einer Erinnerung

Eine Gottheit für alle kleinen und großen Probleme.

Inhalt: Die junge Hiyori Iki ist eine ganz normale Mittelschülerin, die viel Zeit mit ihren Freundinnen verbringt und für einen besonders fähigen Kampfsportler schwärmt. Eines Tages jedoch scheint das Schicksal besondere Pläne für sie bereitzuhalten: beim Versuch eine Katze vor herannahenden Autos zu retten, kommt ihr jemand zuvor und begibt sich dabei ebenfalls in große Gefahr. Die schüchterne, aber dennoch zielstrebige Hiyori reagiert sofort und stößt den Fremden im letzten Moment weg – auch wenn sie dabei selbst wird von einem Auto angefahren wird. Als sie bald darauf in einem Krankenhaus erwacht, wird sie sowohl mit neuen Bekanntschaften als auch völlig absurd erscheinenden Veränderungen konfrontiert. Ein junger Mann namens Yato bedankt sich bei ihr für die Rettung, behauptet jedoch im gleichen Atemzug diese gar nicht nötig gehabt zu haben – weil er nicht weniger als eine Gottheit sei. Noch schwerer wiegt indes, dass sich irgendetwas an Hiyori selbst verändert zu haben scheint. Die Schülerin ist nunmehr imstande, sich von ihrem schlafenden Körper zu lösen und als eine Art Phantom durch die Straßen zu wandeln – was stets in den ungünstigsten Momenten geschieht. Auch wenn sie kaum glauben kann wie ihr geschieht, bittet sie Yato verzweifelt darum ihr altes Ich wiederherzustellen. Der jedoch sieht das Ganze eher entspannt, willigt dann aber doch unter einer Hiyori relativ lächerlich erscheinenden Bedingung ein: für eine einzige 5-Yen-Münze könnte sie die Dienste einer Gottheit wie Yato bedingungslos in Anspruch nehmen.

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Vorwort & Ersteindruck: Wer oder was ist NORAGAMI ? In der Tat handelt es sich bei jenem Anime um eine vergleichsweise taufrische Serie, die erst von Anfang Januar bis Ende März 2014 im japanischen TV ausgestrahlt wurde. Die Chance, dass der Titel zumindest einigen verdächtig bekannt vorkommen könnte ist dennoch gegeben – schließlich liegt der TV-Adaption eine gleichnamige Manga-Vorlage zugrunde, die seit Ende 2010 in regelmäßigen Abständen publiziert wird. Erzählt wird in beiden Fällen die Geschichte der jungen Hiyori, die unter unglücklichen Umständen eine Begegnung mit einer Gottheit namens Yato erlebt, und daraufhin in einer Art Zwischenwelt zwischen dem Diesseits und dem Jenseits gefangen ist. Zumindest immer dann, wenn sie in einen tiefen Schlaf verfällt und sich ihr Geist von ihrem tatsächlichen Körper löst. NORAGAMI befasst sich mit den daraus resultieren Problemen, den Geheimnissen der beiden gar nicht mal so weit voneinander entfernten Welten – und dem Porträt eines munteren Charakter-Trios; welches aus Hiyori und Yato, aber auch einem mysteriösen Jungen namens Yukine besteht. Der offensichtlich angepeilte Genre-Mix lässt dabei ebenso auf Großes hoffen wie die Verflechtung verschiedener Stimmungen und Eindrücke – schließlich strebt man mit einer Serie wie NORAGAMI an, den Zuschauer sowohl köstlich zu amüsieren als auch für eine mystische und bedrohliche Hintergrundkulisse samt spannender Charaktergeschichten zu sorgen. Offenbar geht die teils gewagte Rechnung auf, ist die Serie bereits jetzt ein relativer Erfolg – sodass nun auch eine internationale Lizenzierung in den Startlöchern steht und eine englischsprachige Version bald folgen sollte.

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Story

Die Idee hinter NORAGAMI konfrontiert den Zuschauer gleich zu Beginn mit verschiedenen, reichlich fantastischen Prämissen. Die mitunter wichtigste davon ist, dass verschiedene Götter unter den Menschen leben – und das größtenteils ungesehen. Diese Götter können gut oder böse sein – und somit jeweils versuchen den Menschen zu helfen oder ihnen zu schaden. Die meisten jedoch scheinen sich über eine Art Abkommen geeinigt zu haben, die Grenze zwischen dem Diesseits und dem Jenseits zu verteidigen. Das erscheint besonders wichtig, da es immer wieder einige Lebensformen schaffen aus dem Jenseits in die reale Welt zu gelangen – und die Menschen mitunter massiv beeinflussen; meist zum negativen. Diese ‚Phantome‘ werden von den Göttern gejagt und mithilfe spezieller Waffen niedergestreckt – den sogenannten Sekkis. Auf den ersten Blick handelt es sich dabei um recht gewöhnliche Waffen wie Schwerter oder Schlagstöcke, doch bei näherem Hinsehen zeigt sich; dass auch ihnen eine Seele innewohnt. Mehr noch, oftmals handelt es sich um Verstorbene deren Seelen noch im Diesseits umherwandeln – derer sich eine Gottheit annehmen und zu eigen machen kann. So können die Sekkis als rechte Hand der Götter entweder in Gestalt ihrer tatsächlichen Person, oder eben als Waffe existieren.

Einen intensiven Blick in diese eng mit der irdischen verwobenen Welt erhält nun auch die weibliche Protagonistin Hiyori, die so gesehen als Bindeglied zwischen allem übernatürlichen und dem eher gewöhnlichen Rest der Welt fungiert. Erzählt wird, wie sie zum ersten Mal auf den Gott Yato und sein Sekki Yukine trifft, wie eine immer tiefgreifendere Freundschaft entsteht und wie es das Trio trotz aller Widrigkeiten schafft, gemeinsam gegen das aufkeimende Böse anzukommen. Zweifelsohne handelt es sich um ein gleichsam innovatives wie gewagtes Konzept – das den Zuschauer auf Anhieb zu fesseln vermag und reichlich Spannung etabliert.

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Inhalt & Gewichtung

Die eigentliche Story mit ihrer großen, sich eng um Begriffe wie Leben und Tod drehende Prämisse ist relativ eindeutig dem Fantasy-Genre zuzuordnen. Das besondere ist jedoch, dass jene hier auftretenden Elemente der Fantasy eng mit vielen weitaus bodenständigeren verbunden werden – und im Endeffekt eine starke Einheit bilden. So schafft es NORAGMI schnell eine gewisse Faszination für die präsentierten Ideen zu entfachen, während dem Zuschauer auch genügend irdische Anhaltspunkte offeriert werden um ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Dies führt auch zu dem markanten, mitunter erfrischenden Genre-Mix der die Serie ausmacht: obwohl das Szenario als solches recht düster und mysteriös erscheint, lockern die Interaktionen der Charaktere das Geschehen stets auf und sorgen nicht selten für explizite komödiantische Einschübe. Lachen und Weinen liegen also wieder einmal nah beieinander – was NORAGAMI überaus glaubhaft transportiert. Interessant erscheint auch das Konzept, keinen eindeutig als solchen zu identifizierenden roten Faden anzuberaumen – die Episoden bilden weniger ein großes Ganzes als viele einzelne, voneinander unabhängige Eindrücke. Was bei anderen Serien ein klares Negativkriterium wäre, ist es hier nicht wirklich – auch wenn es keinen handelsüblichen Spannungsbogen gibt, fühlt sich die Welt von NORAGAMI stets stimmig an und schafft es allein durch die immer neuen Herausforderungen für die Charaktere selbst genügend erzählerischen Stoff anzubieten.

Leicht problematisch wird es nur, wenn die Serie versucht allzu streng in die eine oder die andere Richtung zu tendieren – was besonders bei den teilweise recht aufgesetzt und überzeichnet wirkenden Slapstick-Elementen zum Tragen kommt. So ist man stellenweise geneigt zu glauben, plötzlich eine ganz andere Serie zu sehen; wie etwa eine beliebige Highschool-Romanze – nur um danach wieder vollständig in die mythisch-fantastische Welt von NORAGAMI gezogen zu werden. Überaus gelungen erscheint dagegen die Dosierung der Action-Elemente. NORAGAMI ist keine Action-Serie per se, was gut ist – Kämpfe finden nur dann statt wenn es wirklich nötig ist; und das ist im Gegensatz zu so manch übertriebener Action- oder Heldensage nicht ganz so oft. Die somit eingesparte Zeit widmet man ohnehin lieber den Charakterporträts – die sich als stärkstes Element der Serie herausstellen. Etwas wehmütig stimmt im Endeffekt nur, dass man bis auf die Grundzüge hinter der Idee relativ wenig über das Konzept vom Diesseits und Jenseits erfährt, vor allem aber nicht wie sich das Ganze auf die Menschheit auswirkt, auswirken könnte. Einige kleinere, quirlige Phantome die den Menschen böses zuflüstern und sie zu schrecklichen Taten anstiften, bilden hier die Ausnahme.

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Charaktere

Für manche mag es überraschend daherkommen, aber: die Charakterporträts sind eine der markantesten Stärken an und in NORAGAMI. Schlicht, da man sich hier nicht auf typische 08/15-Schemata verlässt und einer jeden Figur ein beachtliches Maß an Leben; vor allem aber auch Glaubwürdigkeit einverleibt. Somit stellt sich auch kaum die Frage, ob man eine entsprechende Empathie entwickeln wird – man wird es definitiv, und das nicht nur in Bezug auf die manchmal etwas verloren wirkende Hiyori oder den witzelnd-gütigen, aber mit einer dunklen Vergangenheit belasteten Yato. Als eigentliches Highlight fungiert dann aber doch ein quasi-Nebencharakter: Yukine. Jene verlorene, aber durch und durch unschuldige Seele (wenn man so will) bildet den perfekten Gegenpol zum entsprechend vorbelasteten Yato. Der eine will mit seiner Vergangenheit abschließen, der andere am liebsten genau dorthin zurück – in den immer wieder porträtierten Interaktionen und Dialogen entstehen nicht selten ergreifende Momente, die absolut nachvollziehbar erscheinen. Hier setzt die Serie auch vermehrt an, wenn es um allgemein gern präsentierte Themenfelder wie das der Selbstfindung geht – dass Yukine eigentlich ein Junge / Teenager inmitten der Pubertät ist, unterstützt das Ganze noch.

Dennoch geht NORAGAMI auch hier über handelsübliche Darstellungen hinaus, da die Porträts in einen entsprechend fantastischen Rahmen eingebettet sind – und es so erlauben, noch mehr Erzählstoff und eine zusätzliche Priese an Dramatik und Emotionalität anzubieten. Fakt ist, dass die Macher ein enormes Fingerspitzengefühl bewiesen haben – auch wenn sie es mit den komödiantischen Einschüben und Witzeleien das ein oder andere Mal dezent übertrieben haben. Die Charaktere sind liebenswert, alles andere als seelenlose Hüllen, haben größtenteils interessante Hintergrundgeschichten – die besten Voraussetzungen für einen stark Charakter-basierten Anime wie diesen. Auf der Gegenseite, dass heißt den Widersachern von Yato und seinem Gefolge sieht es ebenfalls gut aus – auch wenn man sich hier viel eher mit Andeutungen und groben Vorstellungen zufriedengeben muss; schlicht weil der anberaumte erzählerische Rahmen von gerade einmal 12 Episoden nicht ausgereicht hat, noch mehr auf die Beine zu stellen.

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Optische Aspekte

Die optischen Eindrücke von NORAGAMI bilden eine Art zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sorgen die satt-bunten Farben, die tollen Lichtstimmungen, die nett gestalteten Gebäude, Straßenzüge und natürlich auch Figuren für einen etwas unspektakulären, aber doch mehr als zufriedenstellenden Eindruck – während sich auf der anderen Seite einige nicht ganz so stimmig erscheinenden Elemente eingeschlichen haben. Allen voran sind hier die Phantom-Gestalten zu nennen, die ein reichlich makaberes Design aufweisen – und nicht selten an übergroße, in einen Farbtopf gefallene Insekten erinnern. Diese Objekte wirken nicht selten fremd in der Szenerie, was zwar zum inhaltlichen Kontext passt – doch wirklich beeindruckende, durch und durch stimmige Szenen entstehen nicht. Analog dazu präsentieren sich auch das Intro (mit seinen merkwürdigen Pop-Art-Effekten) und Outro (in seiner optischen Eintönigkeit) als relativ austauschbar.

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Akustische Aspekte

Vor allem hinsichtlich seines Soundtracks versprüht NORAGAMI einen spürbar frischen Wind. Explizit klassische oder allzu reißerische Klänge sind nicht vorgesehen, stattdessen regiert ein modern erscheinender OST mit äußerst abwechslungsreichen, auch gerne mal etwas fetzigeren Elemente. Intro und Outro besitzen im Gegensatz zu ihrer optischen Erscheinung eine jeweils ansprechende Vertonung, die mal schmackig-rockig (Intro), mal intensiv-emotional (Outro) daherkommt.

Fazit: NORAGAMI ist keine allzu gewöhnliche Anime-Serie, das steht fest – was dazu führt, dass sie eine entsprechende Eingewöhnungszeit braucht um wirklich zu zünden. Dies bezieht sich vor allem auf das Wechselspiel der verschiedenen Stimmungen und die Tatsache, dass man möglicherweise weniger von etwas ganz Bestimmten (beispielsweise reine Action, einen expliziten Bezug auf die fantastischen Elemente) als vielmehr ein gut vermengtes Ganzes bekommt. Dieses Ganze lebt dann auch weniger von den fantastischen Prämissen als vielmehr – und leicht überraschenderweise – von den Charakteren und deren Interaktionen. Aber auch hier gilt: NORAGAMI kann oder will sich einfach nicht festlegen, und versucht möglichst viele Inhalte und Stimmungen zu transportieren. Das gelingt recht gut – auch wenn man nicht um das Gefühl umherkommt, dass noch viel mehr Potential in der Geschichte gesteckt hätte. Besonders die letzte Episode steht hier – mit ihrem schon deutlich epischeren Ansatz – Pate. Fraglich ist, ob sie eher eine Hoffnung auf eine potentielle zweite Staffel entstehen lässt oder die Geschichte schon halbwegs rund abschließt – was trotz der geringen Episodenanzahl eine denkbare Perspektive wäre. Letztendlich ist aber wohl beides der Fall, sodass den Machern alle Möglichkeiten offenstehen. Welche Entscheidung man also auch treffen wird – es wird die richtige sein. NORAGAMI ist genau das richtige für alle, die sich mal wieder gut unterhalten wissen aber nicht zuviel Zeit investieren möchten – und sich möglicherweise nicht wirklich auf ein einzelnes Genre festlegen wollen.

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„Interessante Idee trifft auf lebhafte, leicht unentschlossene Umsetzung mit überragenden Charakterporträts.“

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TV-Kritik / Anime-Review: Shingeki No Kyojin / Attack On Titan

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Originaltitel: Shingeki No Kyojin
Relation: Adaption des Mangas
Typ: TV-Serie
Umfang / Laufzeit: 25 Folgen + 1 Bonus (je ca. 23 Minuten)
Land: Japan
Produktion: WIT Studio
Regie: Tetsurō Araki
Genre: Action / Horror / Fantasy / Drama
Tags: Titanen | Riesen | Giganten | Überleben | Apokalypse | Stadtmauern

Shingeki No Kyojin-Episodenliste (Deutsche Titel):

1 | An euch in 2000 Jahren – Der Niedergang von Shiganshina (Teil 1)
2 | Dieser Tag – Der Niedergang von Shiganshina (Teil 2)
3 | Ein trübes Licht in der Verzweiflung – Die Wiederherstellung der Menschheit (Teil 1)
4 | Die Nacht der Auflösung – Die Wiederherstellung der Menschheit (Teil 2)
5 | Erste Schlacht – Die Schlacht von Trost (Teil 1)
6 | Die Welt die Sie sah – Die Schlacht von Trost (Teil 2)
7 | Die kleine Klinge – Die Schlacht von Trost (Teil 3)
8 | Ich kann ein Herz schlagen hören – Die Schlacht von Trost (Teil 4)
9 | Wo ist der linke Arm ? – Die Schlacht von Trost (Teil 5)
10 | Antwort – Die Schlacht von Trost (Teil 6)
11 | Vorbild – Die Schlacht von Trost (Teil 7)
12 | Wunde – Die Schlacht von Trost (Teil 8)
13 | Grundbedürfnisse – Die Schlacht von Trost (Teil 9)
14 | Kann ihm nicht in die Augen blicken – Auftakt zum Gegenangriff (Teil 1)
15 | Das Sondereinsatzkommando – Auftakt zum Gegenangriff (Teil 2)
16 | Was werden wir nun tun ? – Auftakt zum Gegenangriff (Teil 3)
17 | Der weibliche Riese – 57. Expedition außerhalb der Mauern (Teil 1)
18 | Der Wald der gigantischen Bäume – 57. Expedition außerhalb der Mauern (Teil 2)
19 | Biss – 57. Expedition außerhalb der Mauern (Teil 3)
20 | Erwin Smith – 57. Expedition außerhalb der Mauern (Teil 4)
21 | Vernichtender Schlag – 57. Expedition außerhalb der Mauern (Teil 5)
22 | Die Besiegten – 57. Expedition außerhalb der Mauern (Teil 6)
23 | Lächeln – Angriff auf den Stohess Bezirk (Teil 1)
24 | Gnade – Angriff auf den Stohess Bezirk (Teil 2)
25 | Mauer – Angriff auf den Stohess Bezirk (Teil 3)

Selbst die dicksten und höchsten Mauern halten nicht ewig stand…

Inhalt: Vor Hunderten von Jahren stand die Menschheit so wie wir sie kennen am Rande ihrer Vernichtung. Verantwortlich dafür waren scheinbar aus dem Nichts erscheinende Giganten, die die Menschen fraßen und sie dazu zwangen, Schutz hinter riesigen Steinmauern zu suchen. Und so leben die wenigen Überlebenden heute innerhalb eines Systems mit 3 gewaltigen Mauern, getauft auf die Namen Sina, Rose und Maria – deren Radius sich nach außen hin bis auf etwa 3000 Kilometer Umfang vergrößert. Einer der Bewohner der somit geschaffenen sicheren Zone ist Eren Jaeger, der in einer Ausbuchtung der ersten Mauer lebt. Zusammen mit seiner Ziehschwester Mikasa wird er nach einem 100 Jahre andauernden Frieden Zeuge, wie die Titanen erneut zu einer Bedrohungen werden – offenbar einer noch größeren als je zuvor. Während sich die meisten Menschen im Schutze der Mauer noch in Sicherheit wiegen, erscheint eine Art Supertitan – der sogar die 50 Meter hohe Außenmauer überragt und ein riesiges Loch in diese schlägt. Was folgt sind unzählige kleinere Titanen, die in die Stadt einfallen und sich auf die Jagd nach Menschen machen. Eines der Opfer ist auch Eren’s Mutter, deren Tod der noch junge Teenager völlig hilflos gegenübersteht – sie wird bei lebendigem Leibe von einem furchteinflössenden weiblichen Riesen verschlungen. Eren schwört, eines Tages Rache für diese Schandtat zu nehmen und alle Riesen, die ihn dabei auf seinem Weg begegnen würden, abzuschlachten.

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Kritik: Die Chance, schon einmal von SHINGEKI NO KYOJIN gehört zu haben, ist vergleichsweise groß. Schließlich hat die 2013 im japanischen Fernsehen ausgestrahlte Endzeit-Actionserie (sofern man sich auf nur ein oder zwei Genres beschränken möchte) für so manche Furore gesorgt – und dabei auch die Aufmerksamkeit jener auf sich gezogen, die sonst eigentlich eher weniger mit Animes am Hut haben. Auch war und ist ein gewisser Hype um die Serie zu erkennen, die auf einer gleichnamigen Manga-Vorlage von Hajime Isayama basiert – gut also, dass man auch hierzulande mit einer deutsche Lizenzierung über Kazé Anime an an den großen internationalen Erfolg anknüpfen möchte und die Serie auch auf dem deutschen Markt offerieren wird. Viele werden die Serie indes bereits in ihrer Originalfassung gesehen haben, und sich am ehesten zu denen gesellen die sehnlichst auf eine zweite Staffel warten – die, obwohl es momentan noch in Sternen steht, in Anbetracht des relativ offenen Endes der Serie vermutlich kommen wird. Was aber ist wirklich dran und drin in SHINGEKI NO KYOJIN, lohnen sich die 25 Episoden wirklich – oder handelt es sich um eine jener gehypten Serien, die eher zu Unrecht in aller Munde sind ?

Zweifelsohne handelt es sich um eine schwierige, nicht vorschnell abzuschmetternde Frage – deren Beantwortung zumindest in Anbetracht der inhaltlichen Prämisse in eine positive Richtung tendiert. Es ist den Machern schlicht gelungen, eine von Grund auf faszinierende Welt zu erschaffen – in der man sich aufgrund gewisser Wiedererkennungswerte sofort heimisch fühlt. So heimisch, dass man der mysteriösen Bedrohung durch die Titanen (oder Riesen, je nachdem wie man es übersetzt) ebenso argwöhnisch und furchtvoll gegenübersteht wie die Bewohner der Stadt und entsprechend mitfiebert. Was hat es mit den seltsamen Wesen auf sich, wo kommen sie her, was wollen sie wirklich ? Und, entsprechend der vorherrschenden Situation: wie könnte man weitere Angriffe verhindern, die Stadt respektive deren Mauern noch sicherer machen ? Wieviele Bürger werden beim nächsten Angriff ihr Leben lassen müssen, wer wird sich den Riesen entgegenstellen ? Mit solchen oder ähnlichen Fragen empfängt SHINGEKI NO KYJIN seine Zuschauer – und offenbart dabei großes Potential, jeden auch nur ansatzweise an der Geschichte interessierten auf Anhieb zu fesseln. Da die entsprechenden Antworten wenn überhaupt nur sehr spärlich und im weiteren Verlauf der Serie gegeben werden, entsteht ein enormer Spannungsbogen – hat man die Serie einmal begonnen, so wird man sie vermutlich auch erst nach den kompletten 25 Episoden beenden; in Erwartung auf möglichst baldige Enthüllungen oder weitere spannende Twists.

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Ob diese tatsächlich auch erfolgen, steht auf einem anderen Blatt; beziehungsweise im weiteren Verlauf der Rezension – doch auch sonst hat SHINGEKI NO KYOJIN vergleichsweise gute Karten. Die Zeichnungen wirken geradezu malerisch, die Animationen sind geschmeidig, die Charaktere detailliert; es ergeben sich einige besonders markante Alleinstellungsmerkmale. Zum einen sorgen Optik und Akustik desöfteren für so manch besonders apokalyptisch anmutenden Eindruck (im Stile einer Art repetitiven Götterdämmerung); zum anderen sind es natürlich die Riesen selbst die für Aufsehen sorgen. Diese erinnern wohl nicht von ungefähr stark an vergrößerte und etwas unförmige Menschen – und lösen somit eine merkwürdige Art der Faszination aus. Beim Zuschauer, aber wohl auch bei den Charakteren; die oftmals nicht so recht wissen ob sie – in Anbetracht der ständigen Gefahr – nun mehr über die Riesen herausfinden möchten oder sie – sofern möglich – gleich vollständig vernichten sollten. Ein interessanter Aspekt der Serie sind sicherlich auch die Kampfszenen, die sich entgegen möglicher Vermutungen eher nicht im großen abspielen (auch wenn hie und da mal Kanonen zum Einsatz kommen) – sondern eher im kleinen. Die Serie stellt hier den Kampf mit den sogenannten 3D-Manöver-Apparaten in den Vordergrund, welche sich als einziges effektives Mittel gegen die Riesen bewährt haben – eine Ausrüstung, die es den Menschen erlaubt sich mithilfe von Gebäuden oder Bäumen extrem flink zu bewegen und sich an langen Drahtseilen hin- und herzuschwingen. Immer mit der dabei ist eine Art Antriebsgas welches für den nötigen Schub sorgt, sowie ein Set aus Schwertern und austauschbaren Klingen – das vornehmlich gegen eine bereits bekannte Schwachstelle der Riesen eingesetzt wird.

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Zweifelsohne ist das eine interessante Herangehensweise – da die Kämpfe so an Dynamik gewinnen und so gut wie niemals vorhersehbar erscheinen. Allerdings handelt es sich auch um eine nicht immer glaubwürdige – nicht zuletzt, da ein direkter Zweikampf im Falle einer Gegenüberstellung wie dieser (Mensch gegen Riese, oder auch: David gegen Goliath) eher weniger zweckdienlich und leicht verzweifelt wirkt. Warum genau man es nicht mit anderen Waffen (mit Ausnahme der eher altbackenen Kanonen) oder Methoden versucht hat; das erwähnt man in der Serie nicht – das Konzept der 3D-Manöver-Apparate ist schlicht als solches hinzunehmen, eher nicht zu hinterfragen – und schon gar nicht physikalisch. Ein kleiner Wermutstropfen: die Szenen, in denen die Protagonisten so über allerlei Dächer huschen oder sich elegant zwischen Bäumen bewegen, sind zumeist atemberaubend inszeniert und machen schlicht einen Heidenspaß. Wie auch die Tatsache, dass die Serie nicht nur in den Kämpfen äußerst wenig vorhersehbar daherkommt; auch wenn Spaß in diesem Fall das falsche Wort ist. Schließlich weiß man nie so genau, welcher der bereits vorgestellten Charaktere die ein oder andere Episode überstehen würde – auch wichtige Charaktere lassen immer wieder überraschend ihr Leben. Das ist ungewöhnlich und sensibilisiert den Zuschauer nur noch mehr für die akute Bedrohung der Riesen – die folgerichtig vor niemandem halt macht. Denn auch die eigentlichen Hauptcharaktere werden des öfteren in so manch auswegslose Situation gebracht, deren Ausgang man kaum erahnen kann. Klar ist nur: SHINGEKI NO KYOJIN geht vergleichsweise schonungslos vor, und präsentiert dem Zuschauer dabei auch so manche  im Sinne einer Gewaltdarstellung explizite Szene.

Doch so mannigfaltig die Serie zunächst erscheint, so mannigfaltig sind auch ihre Schwächen. Das es sich dabei größtenteils um eher vermeidbare Schwächen handelt ist schade, ändert aber nichts an der potentiell enorm störenden Auswirkungen auf den Gesamtkontext der Serie. Zum einen, und das offenbart sich recht schnell; bedient man sich in SHINGEKI NO KYOJIN des öfteren einer willkürlich erscheinenden Erzählweise – nicht unbedingt vom Inhalt, aber doch von der zeitlichen Abfolge her. Bereits in den ersten Episoden finden merkwürdig anmutende Orts- und Zeitsprünge statt, die den Zuschauer teilweise ratlos zurücklassen – wie etwa nachdem einer der besonders mächtigen Riesen das Tor zu einem weiteren Abschnitt der Stadt zerstört hat. Kurz darauf folgt auch schon die Ausbildung der Hauptcharaktere im Ausbildungs-Armeekorps (welches offenbar flexibel mit Faktoren wie dem Eintrittsalter umgeht) – die ebenso schnell absolviert ist wie sie begonnen hat; was in Anbetracht der investierten Zeit (2 Jahre) und der Ausblendung der dabei möglicherweise stattgefunden Ereignisse etwas merkwürdig erscheint. Noch merkwürdiger oder zufälliger ist dann, dass die Riesen offenbar exakt in dem Moment erneut angreifen, als Eren und seine Mitstreiter mit der Ausbildung fertig sind – und sie nun auch das offizielle Recht und die Fähigkeiten haben, einzugreifen.

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Doch es geht weiter. Während viele Serien einer Machart, die einen verstärkten Wert auf Charakterporträts und Selbstreflexionen legen den ein oder anderen nachdenklichen Moment inszenieren; übertreibt man es in SHINGEKI NO KYOJIN eindeutig. Hier verfallen allerlei Charaktere selbst in den brenzligsten Situationen in eine Art Stase und denken über sich, ihre Kameraden und noch vieles mehr nach. Sicher handelt es sich hier um eine Darstellung im Zeitraffer, das heißt dass jene Gedankenabläufe nicht wirklich so lange andauern wie auf dem Bildschirm – aber dennoch kommen diese etwas zu häufig vor und wirken nicht selten deplatziert. Ebenfalls nicht vollständig zufriedenstellend ist in diesem Zusammenhang die Darstellung der Emotionen und Gefühlswelten der Charaktere – die ebenso übertrieben dargeboten werden. Dieser Aspekt greift dann auch auf  den handwerklich-technischen Part über, schließlich wird die Darstellung der Gesichter an etwaige Stimmungslagen angepasst – und das zumeist so übertrieben und überdeutlich, dass man eher an eine Komödie denn an ein glaubwürdiges Actiondrama denken würde. Sicher hätte man etwaige Anflüge der Verzweiflung auch etwas dezenter darstellen können – ebenso wie so manch heroische Rede, die dann auch noch mit übertriebenen Gesten und Effekten (Kamerafahrten, Soundtrack) zugekleistert werden. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen – man hätte sich auch so in die entsprechenden Situationen einfühlen können, wenn nicht noch etwas mehr.

Ebenfalls auffällig sind vereinzelte Momente, in denen man offenbar Kosten eingespart hat, einsparen musste – oftmals fungieren reine, mit kleinen Effekten verzierte  Standbilder als Aufhänger für ganze Szenen. Darüber kann man noch hinwegsehen, fügt sich das recht gut in die Atmosphäre der Serie ein – bei den Charakteren sieht es aber schon etwas düsterer aus. Obwohl die Riege der Protagonisten bunt ausfällt und so gut wie niemand eine Überlebensgarantie hat, fällt es schwer entsprechende Sympathien aufzubauen – nicht einmal nennenswerte Antipathien entwickeln sich, so oberflächlich sind die Porträts. Selbst bei den Hauptcharakteren ist das der Fall – was schade ist, da man sich so vornehmlich mit der Situation identifizieren kann, nicht aber mit den einzelnen Beteiligten. Ein wenig makaber, aber Geschmackssache ist die Tatsache, dass man des öfteren auf die deutsche Sprache Bezug nimmt – und so mancher Charakter interessant anmutende Namen hat. Hier fügen sich natürlich auch die beiden Intros nahtlos ein, die mit einigen deutschsprachigen Passagen dahingeschmettert werden – nicht unbedingt grammatikalisch korrekt, aber irgendwie doch wirksam. Überhaupt fährt SHINGEKI NO KYOJIN mit auffällig starken Intros und Outros auf, die noch lange im Gedächtnis nachhallen werden – und die Serie äußerst ansprechend einleiten und abschließen.

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Fazit: SHINGEKI NO KYOJIN hinterlässt den Zuschauer mit einem mehr als nur zwiespältigen Gefühl. Die Tatsache, dass noch viele Fragen offen bleiben macht es nicht wirklich besser – Hintergrundinformationen zur Geschichte der Riesen, zum ‚woher‘ und zum ‚warum‘ werden nicht geliefert, stattdessen muss man sich mit einigen markanten Charakterentwicklungen und -Offenbarungen zufriedengeben. So gesehen wurde der Spannungsbogen also doch ein wenig überspannt, spätestens mit den letzten Folgen – in denen einige Antworten schon in greifbare Nähe rückten, dann aber doch nicht ausgeführt wurden. Es verhält sich also schwierig mit der letztendlichen Bewertung der Story und den dahintersteckenden Ideen – die erste Staffel macht keine Anstalten etwas expliziter zu werden und vertröstet eher als dass ein inhaltliches Highlight das nächste jagt. Dass wäre eventuell gar nicht so schlimm, hätte man nicht ständig das Gefühl dass es hie oder da einfach mal an der Zeit wäre dem Zuschauer etwas mehr in die Hand zu geben. SHINGEKI NO KYOJIN scheinen zumindest einige höchst interessante Ideen innezuwohnen – wie viele und in welchen Ausmaß ist momentan noch nicht ersichtlich, vorerst bleibt es bei der spannenden Prämisse und einer dezenten Ansicht darauf, was die beiden sich gegenüberstehenden Seiten (Menschen und Riesen) ausmacht. Sollte in Zukunft noch eine zweite Staffel folgen, so stünden die Chancen gut dass sich das Blatt zum Guten wendet. Mehr Informationen zu den Riesen, deren Entstehung und Motivation; sowie sicherlich auch den Macht- und Organisationsstrukturen inenrhalb der Stadt wären hier ein absolutes Muss. Andererseits, und auch das muss man in Betracht ziehen: wenn es keine zweite Staffel geben sollte, wäre dies definitiv auch das Todesurteil für die somit mehr als unvollständig wirkende erste Staffel.

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„Das Potential ist riesig, aber: wenn keine zweite Staffel kommt wird SHINGEKI NO KYOJIN ganz schnell Geschichte.“

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TV-Kritik / Anime-Review: AQUARION EVOL

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Originaltitel: アクエリオンEVOL Akuerion Evoru
Typ: Anime-TV-Serie
Umfang / Laufzeit: 26 Folgen (je ca. 23 Minuten)
Land: Japan
Regie: Shoji Kawamori, Yūsuke Yamamoto
Studio: Satelight
Genre: Science Fiction / Action / Romanze
Tags: Aquarion, Aquarion Evol, Fortsetzung, Sequel, Apollo, Altair, Vega

Die Liste der 26 Episoden (englische Titel):

01 The Mythical Forbidden Union that Embraces the End (Part 1) 14 Aftermath
02 The Mythical Forbidden Union that Embraces the End (Part 2) 15 Beasts of Love
03 The Heartbeat Index Rapidly Rises 16 Confessions from the Soul
04 Wall ~conquer oneself~ 17 Rise Up, Life.
05 Love Prohibition Order 18 Rare Igura
06 The Agitato of Life 19 First Reunion
07 The Midnight Girl 20 MI・XY
08 Confession 21 Kiss
09 Turn Man and Woman into a Hole New World 22 Wings of Rebirth
10 The One-Eyed Transfer Student 23 Song of Legend
11 Call of the Wild 24 Ephemera
12 The Skies of Aquaria 25 Fragment of Adam
13 The Fallen Giant 26 Love

AQUARION EVOL, oder: die neue Form der Übertreibung.

Inhalt: Der junge Amato Sora, der aus irgendeinem Grund in der Lage ist in einem aufgeregten Zustand zu schweben; lebt auf einem Planeten namens Vega. Hier lernt er die etwa gleichaltrige Mikono Suzushiro kennen, ein junges Mädchen welches sich Vorwürfe macht, da sie als einzige in ihrer Familie über keine besondere Fähigkeit zu verfügen scheint. Sie treffen sich in einem alten Kino, in dem der Film Skies of Aquarion ausgestrahlt wird – beide sind tief bewegt vom Gezeigten, und entdecken ihre erste gemeinsame Passion. Wie es der Zufall will, müssen sich die beiden kurz nach dem ersten Kennenlernen einer gefährlichen Situation stellen – in der Amata nicht nur außerordentliche Stärke beweist, sondern gar in einen Kampfroboter der Forschungsorganisation Neo-Deava eindringt. Es stellt sich heraus, dass dieser sogenannte Aquaria die einzige Hoffnung der Menschen auf Vega ist – schließlich gibt es kaum eine andere Möglichkeit, die ständigen Angriffe aus einer Nachbarwelt, Altair genannt, abzuwehren. Da Amata mit Mikono gemeinsam ins Cockpit des Aquaria gesogen wurde, bricht ein spezielles Siegel – jenes, welches die Vereinigung von Männern und Frauen in einer Kampfmaschine wie dieser verhindern soll. Und so wird aus Aquaria der Kampfroboter Aquarion – der eine ungleich höhere Macht besitzt. Die Angreifer, die offenbar darauf aus sind möglichst viele Frauen zu entführen, können vorerst gestoppt werden – doch es stellt sich heraus, dass hinter all dem noch weitaus mehr steckt als es den Anschein hat.

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Kritik: Viel mehr – denn AQUARION EVOL zeichnet sich nicht gerade durch eine inhaltliche oder gestalterische Zurückhaltung aus. Dabei war die japanische Anime-TV-Serie SOUSEI NO AQUARION (der Vorgänger von AQUARION EVOL, 2005) schon ein starkes Stück – ein solches, dass man sicherlich nicht alle Tage vorgesetzt bekommen würde. Und eines, welches das kleine Wörtchen der Gewöhnungsbedürftigkeit auf ein gänzlich neues Niveau hievte. Durch die bombastisch-bunte Aufmachung, den pompösen Soundtrack, die ablenkenden Slapstick-Elemente und die ständig stattfindenden, ausufernden Kämpfe war man einstweilen geneigt zu vergessen, worum es eigentlich ging. Tatsächlich aber verbirgte sich hinter der überbordernden Aufmachung auch eine gar nicht mal uninteressante – wenn auch gleichsam übertrieben dargebotene – Storyline. Hier pokerte man entsprechend hoch – und setzte auf die Erzählung einer Legende von der großen, unsterblichen Liebe; die Jahrtausende überdauern würde. Interessanterweise war hier von einem bestimmten Zyklus die Rede – eine Legende wie diese würde oder könnte sich alle 12000 Jahre wiederholen.

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An dieser Stelle ein Ratespiel zu veranstalten, würde demnach keinen großen Sinn machen – AQUARION EVOL setzt als Nachfolger mehr oder weniger exakt 12000 Jahre nach der Handlung aus SOUSEI NO AQUARION an, und erzählt eine weitere Legende. Eine neue alte quasi – deren Ausgang dieses Mal aber noch ungewisser ist, und die selbstverständlich von anderen Charakteren geschrieben wird. Ganz AQUARION-typisch ist aber auch das nur die halbe Wahrheit – denn während der Großteil der Charaktere tatsächlich neu ist, schlummert in dem (oder der) ein oder anderen doch noch so manche Reinkarnation. Und so werden munter (teils verwirrende) Querverweise auf die alte Serie gezogen, immer im Bestreben die beiden Serien sinnig miteinander zu verknüpfen. Ein Versuch, der in seiner Ausführung – ebenfalls ganz AQUARION-typisch – weder wirklich misslingt, noch durchweg überzeugt. Dabei erscheint es zusätzlich fraglich, ob man die Vorgängerserie zwingend gesehen haben sollte, bevor man sich an AQUARION EVOL wagt – doch dazu später mehr.

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SOUSEI NO AQUARION hatte vielerlei Merkmale, anhand derer sich die ungewöhnliche Serie beschreiben ließ – neben den eher offensichtlichen verdiente aber vor allem auch ein eher ungeschriebenes Aufmerksamkeit. Die Rede ist von dem Bestreben, es möglichst allen Zuschauern in irgendeiner Art und Weise rechtmachen zu wollen – eine Herangehensweise, von der auch der Nachfolger AQUARION EVOL nicht gefeit ist. Das heisst, dass einem abermals eine wilde Genre-Mischung aus Science Fiction, Fantasy, Action, Kömodie, Drama und Liebesromanze dargeboten wird – je nach Stimmung und Episode mal mit einem stärkeren Fokus auf dieses, mal auf jenes Element. Einerseits weist dies auf die eben erwähnte, von den Machern sicherlich erwünschte Massentauglichkeit hin – andererseits auf die Reihe an Ungewöhnlichkeiten, die AQUARION EVOL schlicht auszeichnen und zu dem machen, was es ist. So fällt die Serie vor allem zu Beginn noch recht harmlos, luftig-locker und stellenweise gar explizit witzig aus – eine Folge wie die der LOVE PROHIBITION ORDER sind hierfür das beste Beispiel. Die Highschool-Elemente, die sich in AQUARION EVOL vor allem auf die Trennung und Zusammenführung der beiden Geschlechter konzentrieren, machen Laune – und bilden den mitunter größten Spaßfaktor der Serie. Aber: allzu besonders sind sie nicht, und man wird sich AQUARION EVOL wohl kaum wegen besagten Elementen ansehen.

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Schließlich soll es um die ganz großen Dinge gehen – mit denen AQUARION EVOL geradezu leichtsinnig hantiert und mal etwas lächerlicher, mal etwas stimmiger umgeht. Die Geschichte einer ewig währenden Liebe ist zwar faszinierend – doch in Form der merkwürdigen Reinkarnationen (die erst in der allerletzten Folge vollständig offenbart werden) wird sie gleichsam gewöhnungsbedürftig, wie auch zu einem munteren Rätselraten. Natürlich (und auch das gehört zum AQUARION-Kanon) bleibt es nicht nur bei dieser einen, großen Liebe; die ins Rampenlicht gerückt wird – sondern gleich um ein Liebes-Geflecht zwischen verschiedenen Personen – die dabei auch nicht immer menschlich sein müssen. Sogar der Urknall wird geradezu nebenbei erwähnt, sodass man automatisch an ein auf episch-übertriebenes Werk a’la GUNBUSTER (oder auch DIEBUSTER) erinnert wird – doch wie gesagt ist dies nur eine Facette von AQUARION EVOL. Die anderen finden sich in den zahlreichen Nebenerzählungen rund um die Haupthandlung wieder. Mal müssen persönliche Schicksale erkannt und abgewendet werden, mal muss der Schulalltag bewältigt oder die eigene Herkunft ergründet werden – zu erzählen gibt es wahrlich genug.

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Wie, wie ja sollte man mit einer Serie wie dieser umgehen; wie sie adäquat bewerten ? Eine schwierige Angelegenheit, zweifelsohne – da eine ungeheure Vielzahl an Eindrücken auf den Zuschauer hereinprasselt. Während die optische Gestaltung den episch-konfusen Gesamteindruck unterstützt, bleibt es auch auf der inhaltlichen Ebene bei einem Status Quo des nicht halben, nicht ganzen. Grundsätzlich kommt alles erdenkliche, was man sich für eine Serie wie diese wünschen würde, vor – doch ist der Erzählfokus enormen, scheinbar willkürlichen Schwankungen ausgesetzt. Dies führt auch dazu, dass die Serie eine vergleichsweise erhebliche Eingewöhnungszeit braucht – die nicht minder als 13 Folgen (die Hälfte der Serie) beträgt. Erst danach zieht man hinsichtlich der Haupthandlung an, streut immer wieder interessante Fragen ein – die dann im weiteren Verlauf auch beantwortet werden. Das ist indes ein weiteres Stichwort: grundsätzlich werden alle Mysterien von AQUARION EVOL vollständig aufgelöst, sodass die Serie kaum über ihren Kontext hinaus begeistern / nachwirken kann. Lediglich bei den Fragen, die selbst den Machern zu denken geben werden; hielt man sich entsprechend zurück – vor allem was jene Elemente der Verknüpfung der beiden Serien betrifft. Hier ergibt – bei näherer Betrachtung – nicht immer alles einen Sinn, sodass es mitunter am vorteilhaftesten wäre, man hat SOUSEI NO AQUARION gar nicht erst gesehen. Oder aber andersherum: man besieht das Original, lässt aber die Finger vom Nachfolger.

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Charaktere

So bunt und durcheinander die Handlungsstränge von AQUARION EVOL manchmal verlaufen, so vielfältig ist auch die Charakter-Riege. Aber: wenngleich die Serie einen der markantesten und durch die Geschlechtertrennung voneinander abgegrenzten Cast (erst physisch, danach psychisch) präsentiert, so bleibt er insgesamt doch überraschend flach. Tiefe Einblicke oder eine generelle Nachvollziehbarkeit von Handlungen oder Motivationen sind nicht zu erwarten – hier passiert einfach das, was passieren muss. Ebenfalls eher fatal: durch die Einbringungen (eine untertriebene Formulierung, baut die Serie doch darauf auf) der Reinkarnations-Thematik weiss man selbst bei den Hauptcharakteren nicht immer ganz genau, woran man eigentlich ist; und wer letztendlich das Zepter in der Hand hält.

Optische Aspekte

Eines steht fest: AQURAION EVOL besitzt nicht nur einen irgendwie auffälligen, ansprechenden (aber vielleicht gar nicht mal so komplex-tiefsinnigen) Erzählpart, sondern auch eine überaus markante optische Gestaltung. In einer geradezu protzigen Manier werden wunderschöne Hintergründe, ansehnliche Detailansichten, atemberaubende Totaleinstellungen (auf Städte, aus der Luft) und vor allem auch hektisch-bunte Mecha-Kämpfe samt geschmeidiger CGI-Animationen dem Zuschauer geradezu um die Ohren geworfen. Hinzu kommen ein auf niedlich getrimmtes Charakterdesign, der Einsatz von kräftigen Farben, Wettereffekten – sowie allerhand merkwürdige, übertriebene Symbolik (in Form der Präsentation der Spezialfähigkeiten beispielsweise, oder während der Serien-internen Erklärungspassagen von Fudo). In dieser Hinsicht wird man ausnahmslos gut unterhalten – für das Auge ist AQUARION EVOL allemal ein hochkarätiger Kandidat. Lediglich die Flug- und Verschmelzungsanimationen der Vektoren (die sich zu AQUARION vereinen) nutzen sich aufgrund der häufigen Wiederholungen im Laufe der Zeit ab.

Im folgenden nur einige Beispiele der markanten optischen Elemente von AQUARION EVOL:

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Wer bekommt denn da nicht Hunger… ?
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Oder hier…
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Oder HIER… ?

Eine Auswahl an Schauplätzen aus nur EINER einzelnen Folge:

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Akustische Aspekte

AQUARION EVOL ist typisch japanisch vertont – die Sprecher wirken alle enorm engagiert, und vermögen es den Zuschauer entsprechend mitzureissen. Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgt indes der Soundtrack – der von japanischem Pop bis hin zur europäischen Klassik ebenfalls mit allem aufwartet, was möglich ist. Das funktioniert über weite Strecken gut – gerade die Kämpfe werden so stimmig vertont und zusätzlich hervorgehoben. Auch Stücke aus dem ‚alten‘ SOUSEI NO AQUARION kommen vor – lediglich die beiden Intro- und Outromelodien können nicht mit denen der 2005’er Serie mithalten.

Fazit: Alles, was bereits im Vorgänger und Original ansatzweise behandelt wurde, wird in AQUARION EVOL noch einmal aufgegriffen – nur eben in einer noch ausschweifenderen Art und Weise. Allerdings: auch wenn Tiefgang oder Anspruch ganz, ganz anders aussieht – AQUARION EVOL macht schlicht einen Heidenspaß. Man darf nur nicht allzu logisch oder mit hohen Erwartungen an die Sache herangehen, sondern stattdessen das Popcorn schnappen und… los geht’s. Auch wenn das Original entsprechend origineller und innovativer war, trumpft der Nachfolger doch noch in mancherlei Hinsicht auf: der Cast ist grundsätzlich sympathischer, die Technik absolut auf der Höhe der Zeit, etwaige Durststrecken bleiben (bis auf den zähen Beginn) aus, der Spaß-Faktor ist noch etwas höher. Eine Empfehlung – für alle, die einmal die; nennen wir es Hollywood-Seite des japanischen Animes kennenlernen möchten. Schlussendlich kann es nur eine Gesamtwertung geben: dieselbe, die auch schon SOUSEI NO AQUARION erhielt.


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„Eine reichlich bunte, überraschend solide Anime-Serie.“

TV-Kritik / Anime-Review: STEINS;GATE

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Originaltitel: Steins;Gate
Typ: Anime-TV-Serie
Umfang / Laufzeit: 24 Folgen + 1 OVA (je ca. 23 Minuten)
Land: Japan
Regie: Takuya Satō, Hiroshi Hamasaki
Studio: White Fox
Genre: Thriller / Science Fiction / Drama
Tags: Steins Gate, Reading Steiner, Okabe, Telefonmikrowelle, SERN

Die Liste der 24 Episoden (deutsche Titel):

01 Prolog vom Anfang und Ende 13 Metaphysische Nekrose
02 Zeitsprungparanoia 14 Physische Nekrose
03 Parallelweltparanoia 15 Missing Link Nekrose
04 Interpreter Rendezvous 16 Opfernde Nekrose
05 Starmine Rendezvous 17 Made in Complex
06 Divergenz des Schmetterlingseffekts 18 Fraktale Androgynie
07 Divergente Singularität 19 Endlose Apoptose
08 Chaostheorie Homeostase 20 Finale Apoptose
09 Homeostase der Illusionen 21 Zusammenbruch des Kausalprinzips
10 Homeostase der Komplementäre 22 Zusammenbruch des Wesens
11 Dogma im Event Horizon 23 Öffne das Steins Gate
12 Dogma in der Ergosphäre 24 Erreichter Punkt

Ein ver-rückter Wissenschaftler und eine zweckentfremdete Mikrowelle.

Inhalt: Rintarō Okabe ist ein junger, von manchen als verrückt bezeichneter Wissenschaftler; der im japanischen Akihabara sein Hobby zum Beruf macht. In seinem Wohnzimmer hat sich der notorische Laborkittel-Träger eine Art Forschungszentrale eingerichtet, in der er mit seinen besten Freunden Daru und Mayuri ständig neue Ideen austüftelt. Doch noch häufiger verbringen die drei einfach nur Zeit miteinander – und leben offenbar recht sorgenlos in den Tag hinein. Eines Tages aber geschieht etwas – etwas, dass zuerst wie ein blosser Zufall; oder aber ein weiteres Hirngespinst von Okabe anmutet. Schon bald aber sind jegliche Irrtümer ausgeschlossen: die drei haben es auf irgendeine Art und Weise geschafft, mithilfe einer modifizierten Mikrowelle Textnachrichten in die Vergangenheit zu schicken. Dies führt nicht nur dazu, dass die drei von nun an überaus erpicht darauf sind auszuprobieren, in wie fern man mithilfe dieser kleinen Zeitmaschine seine eigene Gegenwart beeinflussen könnte – sondern auch zu einem Anstieg der Mitarbeiterzahl. Alsbald und über Umwege gesellt sich eine anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Zeitreisen zu ihnen, Makise Kurisu. Die anfänglichen, eher locker betrachteten Experimente weichen jedoch über kurz oder lang wahnwitzig-ernsten Theorien – und lassen die Grenzen zwischen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer wieder verschwimmen. Zu allem Überfluss scheint sich auch noch eine mysteriöse Organisation, SERN genannt, in die Geschicke der Forscher einzumischen – denn auch sie wollen die Entwicklung einer Zeitmaschine vorantreiben, um so den späteren kommerziellen Markt und wenn nicht sogar die gesamte politische Welt zu beherrschen.

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KritikGarantiert Spoilerfrei: STEINS;GATE ist schon so ein Fall für sich. Als eine der wohl ungewöhnlichsten Anime-Serien der letzten Jahre, die interessanter- und seltenerweise auf einem Computerspiel (!) basiert, begeistert sie Fans und Interessenten aus aller Welt. Und das trotz oder gerade wegen der augenscheinlich schwer zugänglichen Thematik um schwarze Löcher, Weltlinien, Zeitmaschinen und allerlei andere wilde Theorien – der allgemeinen Anime-Mainstream sieht jedenfalls anders aus. Das besondere dabei ist, dass STEINS;GATE nicht ausschließlich auf die Präsentation derartiger Theorien setzt und gar wie eine nüchterne Wissenschafts-Serie daherkommt – sondern stattdessen mit einer bunten Charakter-Riege und reichlich (Situations-)Komik aufwartet. So entstehen 24 ebenso bunte Episoden mit einem hohen Unterhaltungswert, der sich von Episode zu Episode auf einen anderen Schwerpunkt gründet. Inspirierende Ideen, wissenschaftliches Futter und fantastische, metaphysische Gedanken; gepaart mit lebhaften Charakteren und einem generell lockeren Erzählgewand ? In der Tat könnte man STEINS;GATE als einen der Anwärter auf den Titel des besten Animes aller Zeiten betrachten.

Doch Vorsicht – diese großzügige Attribuierung muss man an der ein oder anderen Stelle doch wieder etwas entkräften. Und zwar schneller, als man denkt. STEINS;GATE ist wieder erwarten nicht die perfekte, makellose Serie geworden; zu der man es hätte bringen können. Oder müssen – sorgen doch gerade die frischen Ideen und aufregenden, sinnig in die Handlung eingebundenen Weltlinien-Theorien und Zeitreisen für nicht wenige Aha- und Gänsehautmomente. Bei einem derartigen Themenschwerpunkt, der trotz des wechselnden Fokus geradezu bedrohlich über allem schwebt, gilt es eben nicht nur die einzelnen Zutaten wohl zu dosieren – sondern auch für eine insgesamt stimmige Atmosphäre, und ein bestenfalls in sich geschlossenes Erzähluniversum zu sorgen. Dies jedoch verpasst STEINS;GATE leicht – wobei die möglicherweise ungünstig gewählte Art der Inszenierung besonders beim ärgerlichen, äußerst zähen Auftakt auffällt. Es dürfte nicht jedem Zuschauer leicht fallen, das Interesse an der Serie auch nach den ersten 4 oder 5 Folgen zu wahren – denn wo es noch recht spannend und spekulativ begann, transferiert man die allgemein vorherrschende Stimmung schnell in einen verdächtig grotesken, wenn nicht gar albernen Bereich.

Hier ist es besonders Hauptcharakter Okabe, der im Rampenlicht steht – und an dessen Porträt man sich mit einigem guten Willen gewöhnen muss. Seine exzentrische, flippige Art; die er in jedem Fall beibehalten würde, selbst wenn wortwörtlich die Welt untergeht – wird nicht jedermanns Geschmack treffen. Was gleichzeitig ein positiver Aspekt ist, offenbart sein Charakter im weiteren Verlauf doch noch eine nicht uninteressante Tiefe; bei einem stets schwer einzuschätzenden Gesamtbild. Deutlich nerviger und vor allem plump charakterisiert fallen dagegen Okabe’s anfängliche Begleiter aus – zu Beginn nur Mayuri und Daru. Erstere ist ein Mädchen mit einer schicksalhaften Vergangenheit; die zwar ein gewisses Gespür für Menschen an den Tag legt, sonst aber weitestgehend stumm bleibt oder nur unwichtige, auf kindlich-einfältig getrimmte Wortfetzen von sich gibt – zweiterer ist der etwas dickliche, sich tollpatschig anstellende; aber natürlich geniale Computer-Freak aus der Klischee-Kiste. Sind diese ersten Vorstellungsrunden erst einmal überstanden, und hat man sich an die Charaktere gewöhnt – dauert es noch immer eine ganze Weile, bis STEINS;GATE richtig an Fahrt aufnimmt. Bis zur Episode 10, oder vielleicht sogar 15 könnten viele Wünsche offen bleiben – danach gibt es dann das sicherlich von vielen erwartete Futter für das Hinrschmalz, aber eben auch für das Herz. Wäre dieser schrecklich träge, oftmals viel zu alberne und mit Klischees überzogene Auftakt nicht gewesen – dann hätte STEINS;GATE schon eher das Potential gehabt, in der obersten Anime-Liga mitzuspielen.

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Es ist eben kein leichtes, mit einem Thema wie diesem umzugehen. Mögliche Genre-Pendanten wie SERIAL EXPERIMENTS LAIN (Review) machen vor, wie es (potentiell erfolgreicher) gehen kann. Eine fantastische Geschichte, die in einem dystopischen Szenario endet; mit allerlei intelligenten Bezügen auf die Menschheitsgeschichte – kann eigentlich nur düster und grundlegend ernst inszeniert werden, will man nicht einen großen Teil der Wirkungskraft verschenken. STEINS;GATE macht indes genau das – und lenkt mit den merkwürdigen Comedy-Einlagen und insgesamt viel zu flachen Charakteren vom wesentlichen ab, auch wenn sich dieser Faktor im weiteren Verlauf mildert. Diese nicht ganz eindeutige Marschrichtung offenbart zumindest zweierlei positive Nebenwirkungen: zum einen macht man die Serie einer breiteren Zuschauergruppe zugänglich, die in Anbetracht einer Thematik wie dieser vielleicht allzu trockene Inhalte befürchten – und zum anderen beweist man eine große Portion Mut. Denn so etwas wie STEINS;GATE hat es bisher tatsächlich noch nicht gegeben – eine ehrenwerte Feststellung, doch tröstet sie nicht gänzlich über die so auftretenden Unstimmigkeiten hinweg.

Es bleibt, sich an das zu klammern was die Serie in jedem Fall beherrscht: das Vermitteln von teils wissenschaftlich, teils weit hergeholten Theorien; verpackt in eine packende Story um zwei oder drei besonders interessante und ansprechende Charaktere. Hier darf das Zuschauer-Hirn auch entsprechend arbeiten; man kann einfach nicht anders als zu versuchen, sich diese wilden Theorien möglich sinnig zu erklären und abzuspeichern. Nach einigen mehr oder weniger zermürbenden Durchläufen kann das auch ganz gut funktionieren – denn im Gegensatz zu anderen Serien geizt man bei STEINS;GATE nicht allzu sehr mit Hinweisen auf die Serien-interne Logik. So entwickelt die Serie schnell einen ganz eigenen Charme, und setzt sich unweigerlich im Gedächtnis fest. In erster Linie natürlich die Grundidee selbst – und erst danach (und mit einigem Abstand) das Porträt der Charaktere um Okabe, Makise; aber auch Moeka und Suzuha (sowie deren vielfältigen Interaktionen). Dann gibt es da natürlich noch SERN – jene ominöse Forschungs-Organisation mit offensichtlichem Realitätsbezug, die Jagd auf die findigen Forscher macht. Gerade hier wäre aber noch viel mehr drin gewesen – so ganz rund wirkt die Darstellung dieses Widersachers aus dem Schatten nicht, letztendlich wird sie auch schlicht zu schnell abgehandelt. Kommen wir nun also zu einer Übersicht der Charaktere, der Optik und Akustik.

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Charaktere

STEINS;GATE bietet eine auffällig bunte Riege von Charakteren, die hinsichtlich ihrer inhaltlichen Gewichtung und Bedeutung jedoch stark variieren. Von markanten, schier die ganze Serie tragenden Charakteren wie Okabe und Makise über spannende, jedoch bereits auffällig spärlich beleuchtete Figuren wie Moeka bis hin zu beinahe bedeutungslosen und ärgerlich eindimensionalen Klischee-Puppen wie Mayuri, Daru, Ruka oder Feris ist grundsätzlich alles vertreten. Warum genau die Macher eine solche Vorgehensweise bevorzugten, ist nicht gänzlich nachvollziehbar – einige Figuren geraten zu einem waschechten Nerv-Faktor, während man andere schneller liebgewinnen kann. Es ist eben ein Unterschied, ob man einen stets menschlich und authentisch wirkenden Okabe dabei beobachtet, wie er zwischen seiner ureigenen Ironie und dem leichten Wahnsinn seines Schicksals als Reading Steiner balanciert – oder ob man einen regelrecht gefühllosen, stets witzelnden und für Klischee-Witze herhaltenden Daru über 24 ihn kaum beeinflussende Episoden begleitet. Hier wäre mehr, und vor allem ein ausgewogeneres Potential drin gewesen: eine oder zwei offensichtlich eindimensionale Figuren – als Nebencharaktere – ja. Eine ganze handvoll dagegen eher nein; und schon gar nicht wenn man hier nur selten einen Funken Menschlichkeit (Stichwort Authentizität) erahnen kann. Ebenso gut wie schade ist, dass man keinen wirklichen Antagonisten präsentiert bekommt – das ist mutig und irgendwie erfrischend, andererseits hätte es zu einer Serie wie dieser vielleicht besser gepasst.

Optische Aspekte

STEINS;GATE ist dezent-schick – nicht mehr und nicht weniger. Gerade die Charaktere sind markant und detailreich gezeichnet, die Hintergründe und Schauplätze wirken oftmals besonders stimmig oder gar malerisch. Wer jedoch deutlichere Sci-Fi-Anspielungen erwartet, wird enttäuscht: bis auf einige kritzelige Weltlinien, eine klobige Zeitmaschine und einige dezente Effekte (Mikrowelle, Zeitfragmente) gibt es in dieser Hinsicht nicht viel zu sehen. Immerhin gibt es so gut wie nie Hektik oder übertriebene Stilmittel zu vermelden – das Ganze geht in einem (entspannten) Guss herunter.

Akustische Aspekte

STEINS;GATE besitzt einen grundsätzlich hochkarätigen, aber leider auch kaum prägnanten Soundtrack. Ansonsten gilt auch hier: nichts ist wirklich spektakulär und beeindruckend, noch müsste man dringend Verbesserungsbedarf anmelden. Die Sprecher sind allesamt ambitioniert und erscheinen passend gewählt, wenngleich man es hinsichtlich bestimmter Merkmale eindeutig übertrieben hat (dies geht jedoch mit den jeweiligen eingeschränkt-eindimensionalen Charakter-Profilen einher).

Fazit: STEINS;GATE hat das Zeug zu einem der heißesten Anime-Kandidaten überhaupt gehabt, doch letztendlich scheitert er  -wenn auch auf hohem Niveau – an der etwas unentschlossenen Orientierung hinsichtlich der Genre-Gewichtungen. Generell hätte man den Grad des Slapsticks und der abseitigen Erzählungen vermindern, oder aber zumindest etwas anspruchsvoller inszenieren sollen. Denn die allgemeine Blödelei (besonders zu Beginn) will einfach nicht so recht zu den späteren Ereignissen und vermittelten Inhalten passen. Um in der absoluten Oberliga mitspielen zu können, fehlt es STEINS;GATE auch an besonderen optischen und akustischen Merkmalen, herausragenden Alleinstellungsmerkmalen – anders gesagt, markanten Einzigartigkeiten; die sich nicht allein in der erzählerischen Ebene widerspiegeln. Die ist indes das stärkste Element der Serie – von witzigen Momenten über dramatische Charakterentwicklungen, packende Thriller-Elemente und spannende Zeitsprung-Eskapaden bis hin zu einer geradezu epischen Ausweitung der metaphysischen Thematik ist ein hoher Unterhaltungswert garantiert. Wenn man bereit ist kleinere Abstriche zu machen, kein Meisterwerk erwartet – und schlicht auf der Suche nach einer besonders anregend-inspirierenden Sci-Fi-Thrillerserie ist, ist man mit STEINS;GATE gut beraten. 


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„Eine etwas andere Anime-Serie mit Mindfuck-Garantie.“

TV-Kritik / Anime-Review: EUREKA SEVEN AO

Originaltitel: Eureka Sebun Ei Ō
Typ: Anime-TV-Serie
Umfang / Laufzeit: 24 + 1 OVA (je ca. 24 Minuten)
Land: Japan
Regie: Tomoki Kyoda
Studio: Bones
Genre: Science Fiction / Action / Drama
Tags: Eureka Seven, Eureka 7, Mechas, Weltraum, Kämpfe, Schlachten

Die Liste der 24 Episoden (englische Titel):

01 Born Slippy -Deep Blue- 13 She’s a Rainbow -Moonlight Ship-
02 Call It What You Want -AO’s Cavern- 14 Starfire -Another Truth-
03 Still Fighting -Secret Operation- 15 War Head -Humanoid Secret-
04 Walk This Way -Plant Coral- 16 Guardians Hammer -Next Phase-
05 Tighten Up -Génération Bleu- 17 La Vie en Rose -Johannson’s Book-
06 Light My Fire -Noblesse Oblige- 18 Don’t Look Down -Third Engine-
07 No One Is Innocent -Bye Bye Angel- 19 Maybe Tomorrow -The Day-
08 One Nation Under a Groove -Blue Thunder- 20 Better Days Ahead -Last Message-
09 In the Dark We Live -Enemy Below- 21 World to World -Rising Sun-
10 Release Your Self -The Pied Piper of Hamelin- 22 Galaxy to Galaxy -Coral Carriers-
11 Plateaux of Mirror -Mirror of the World- 23 The Final Frontier
12 Step into a World -Heaven and Earth- 24 Gates of Summer

Aussen Hui, innen… etwas konfus.

Inhalt: Es könnte alles so schön sein für den 13-jährigen Ao Fukai, der auf der beschaulich-idyllischen Insel Iwado in Okinawa lebt – wären da nicht doch eine handvoll Dinge, die die vermeintliche Harmonie ins Wanken bringen. Nicht nur, dass Ao von so gut wie allen als Aussenseiter behandelt wird, er kennt zudem nicht die wahre Herkunft und den derzeitigen Aufenthaltsort seiner Eltern. Doch nicht nur das, auch die politische Situation im Land scheint zumindest wackelig – man plädiert für eine autonome Regierung. Als dann auch noch ein seltsames Wesen, ein sogenannter Secret erscheint, ist es endgültig vorüber mit der Beschaulichkeit. Jenes Wesen attackiert den sogenannten Scub Coral der Insel – ein seltsames lebendes Gebilde, dessen Bedeutung noch nicht vollständig entschlüsselt wurde; bisher aber noch keine wirkliche Bedrohung für die Menschen darstellte. Eher Vorteile – denn durch die Scub Corals werden Trapar produziert, luftähnliche Energieströme, die es unter anderem Erlauben, dass Fahrzeuge und Mechas wie durch Geisterhand durch die Lüfte schweben können. Da die Zerstörung des Scubs durch den Secret offenbar enorme Folgen nach sich ziehen würde, ist man überall alarmiert – und auch Ao scheint seinem Schicksal zu folgen. Er gelangt in den Besitz des mysteriösen Kampfroboters Nirvash, und stellt sich fortan der ihm auferlegten Verantwortung als möglicher Retter der Menschheit. Auf seinem teils beschwerlichen Weg lernt er viele neue Freunde und auch Feinde kennen – und trifft dabei auch auf seine Mutter, die eine überaus bedeutsame Rolle in diesem Konflikt zu spielen scheint.

Kritik: EUREKA SEVEN AO ist schon ein außergewöhnlicher Anime-Kandidat, und das in vielerlei Hinsicht. Schließlich basiert die erst 2012 ausgestrahlte Serie auf dem recht erfolgreichen und vielerorts beliebten Vorgänger EUREKA SEVEN, bietet dabei aber keine direkte Fortsetzungsgeschichte an – sondern eher eine alternative; oder auch nebenherlaufende. Das ist sogleich das Stichwort: wer bereits in Anbetracht von EUREKA SEVEN geneigt war die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, wenn es um die geradezu fantastische Hintergrundgeschichte ging – der wird bei EUREKA SEVEN AO nun endgültig verzweifeln. Zeitsprünge, Paralleluniversen, höhere Mächte; ein zwiespältiges Zusammenleben verschiedener Lebensformen… das ist der Kern der neuen EUREKA-Serie, aber eben auch nur vielleicht. Denn tatsächlich serviert man dem Zuschauer ab der ersten Folge eine recht unübersichtliche Ansammlungen von Themen und Inhalten, deren letztendliche Richtung sich niemals vollständig offenbart. Geht es nun um die eher übernatürlichen, fantastischen Elemente; und wie ein Junge mit einer besonderen Herkunft versucht, seinen eigenen Weg zu gehen ? Geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, familiäre Konstruktionen und miteinander interagierende Organisationen ? Geht es um die politische und militärische Weltlage, oder doch um etwas ganz anderes, noch im Dunkeln verborgenes ?

Die Antwort liegt im Falle von EUREKA SEVEN AO auf der Hand: es ist von allem etwas dabei. Dies führt einerseits zu einem recht reichhaltigen Gesamtbild, da kaum etwas ausgelassen wird was für die Story auch nur ansatzweise von Bedeutung sein könnte – doch andererseits gerät die Serie so arg konfus und undurchsichtig. Gerade weil, und das ist in Anbetracht der Themenvielfalt im Vergleich zur geringen Episodenanzahl (EUREKA SEVEN hatte noch 50) ebenfalls kein Wunder – die einzelnen Themenfelder nur oberflächlich abgearbeitet werden können. Dies wäre vielleicht noch nicht so schlimm, hätten sich die Macher ab einem gewissen Zeitpunkt auf einen sinnbildlichen roten Faden geeinigt – doch EUREKA SEVEN AO bietet von Anfang bis Ende ein schier willkürliches Kuddelmuddel aus Versatzstücken, die kein sinniges Ganzes ergeben. So werden bestimmte Inhalte, oder auch Charaktere plötzlich explizit in den Fokus genommen – nur, damit sie ebenso plötzlich wieder verschwinden, und das zumeist für mehrere Episoden. Dadurch wird es zusehends schwer, der Geschichte zu folgen – und für sich selbst zu entscheiden, welches Element nun wirklich von Bedeutung ist und welches nicht. Andere Serien gehen hier einstweilen zwar ähnlich vor – doch wirkt diese Art von Komplexität eben oftmals viel durchdachter und im Endeffekt sinniger und aufschlussreicher als in diesem Fall. Es scheint tatsächlich, als hätten sich die Macher bei EUREKA SEVEN AO viel zu sehr verzettelt.

Neben der reichlich verwirrenden Hintergrundgeschichte um die Scub Corals, die Secrets, parallele Welten und die jeweiligen Erd-Militärs (die man jeweils kaum hinsichtlich eines gut, böse, richtig oder falsch bewerten kann) sind es vor allem die Charaktere, die viel zu viele Fragezeichen hinterlassen, als dass sie dem Fluss und Gehalt der Serie einen Dienst erweisen. Angefangen bei Ao, der noch recht Genre-typisch als Junge mit einer ihm viel zu großen Aufgabe konfrontiert wird, zieht es sich vor allem bei seinen zahlreichen Kollegen (die mal mehr, mal weniger im Rampenlicht stehen) und insbesondere bei Truth (einem sehr eigensinnigem Charakter) ordentlich in die Länge. Und ins kaum nachvollziehbare: wer hier mit wem in einer Beziehung steht und warum, wird niemals gänzlich klar. Es wirkt geradezu so, als wolle man gerade dies verhindern – indem man immer wieder verwirrende Nebengeschichten einstreut, die eher kryptisch als nachvollziehbar inszeniert werden. Dieses kryptisch ist jedoch nicht als positiv einzustufen – bei EUREKA SEVEN AO scheint es oft so, als würde hinter dieser oder jenen Geschichte eben nicht mehr stecken als zuerst vermutet. So verschleiert man die inhaltliche Konfusion mit noch mehr Konfusion – ein Konzept, welches verständlicherweise nicht aufgeht. Auch die eigens vorab veröffentlichte OVA sorgt eher für zusätzliches Unverständnis, als dass sie den Weg von der alten zur neuen Serie sinnig ebnet und vorbereitet.

Wirkliche Antworten – auf längst nicht alle Fragen – gibt es dann erst in den allerletzten Folgen. Und, es sei vorsichtshalber vorab angesagt: Achtung, Spoiler ! So wird das Prinzip des multidimensionalen Universums auf die Spitze getrieben, in dem die Charaktere scheinbar zufällig von der einen in die andere Ebene reisen, offenbar ohne selbst zu wissen, was sie da eigentlich tun. Nicht nur, das plötzlich Renton Thurston auftaucht, Eurekas Ehemann und Ao’s Vater – die seltsame Waffe stellt sich mehr und mehr als Wegweiser, oder zumindest Öffner der zahlreichen Portale heraus. Was dann im großen Finale passiert, ist nicht ganz leicht zu verfolgen – hier werden plötzlich Lösungen angeboten, die derart rasch erwähnt und abgearbeitet werden, dass man als Zuschauer geneigt ist noch einmal zurückzuspulen. Bleibt eine gewagte Interpretation des EUREKA SEVEN AO-Universums, welche sich zumindest anbietet: es existieren unendliche viele Universen mit noch einmal unendlich vielen Zeitebenen – welche normalen Menschen natürlich verschlossen bleiben. AO reist in die Vergangenheit, um zu verhindern dass seine Mutter mitsamt den Energiekernen ins Nichts verschwindet, und schickt seine Eltern daraufhin in das zu ihnen gehörende Universum – allerdings auch in die Vergangenheit, wie es scheint. Demnach wäre Ao in jenem Universum noch nicht geboren, was eine weitere unglaubliche Schlussfolgerung zuließe: alles, was sich in EUREKA SEVEN AO ereignet, könnte dem Serien-Sinn nach noch einmal passieren. In einem Paralleluniversum und einer anderen Zeitebene, versteht sich. Später sieht man, dass Ao noch immer in der Form existiert, wie man sie aus der Serie kennt – er reist durch die Universen und Zeitebenen auf der Suche nach… das wird dem Zuschauer nicht mehr offenbart. Doch fühlt er sich erlöst: er hat alles getan was er konnte, um zumindest jene Welten und Personen zu retten, die er persönlich kennengelernt hat. Was dabei noch in den Weiten des etwas eigentümlichen AO-Universums schlummern mag, kann man nur vermuten. Die Möglichkeiten wären – diesem Modell nach – allerdings schier unendlich. Spoiler Ende.

Charaktere

EUREKA SEVEN AO bietet eine auf den ersten Blick recht vielfältige Charakter-Riege feil. Alle Altersklassen sind vertreten, wie auch beide Geschlechter und sogar grundsätzlich verschiedene Rassen (Menschen, Coralians, Secrets, Truth als neue Spezies). Bei näherer Betrachtung allerdings offenbart sich schnell, dass nicht alle in gleichem Maße beleuchtet, und vor allem in ihrem Handeln nachvollziehbar dargestellt werden. So bleibt es beinahe allein an Ao, für entsprechende Sympathien und ein aufkommendes Interesse an weiteren Entwicklungen zu sorgen. Und das gelingt auch recht gut, wenngleich seine Charakter-Eigenschaften auf das offenbar nötigste beschränkt wurden. Seine Stellung als Aussenseiter in der Gesellschaft, die Suche nach seiner Herkunft und seinen Eltern, das Zurechtfinden in einem ihm quasi zugespielten Kampfroboter, seine Beziehungen zu den Teamkollegen und die Durchsetzung seiner ganz eigenen, im Serienverlauf geformten Ideale und Ziele bilden die klaren Stärken von EUREKA SEVEN AO. Doch leider tröstet dies nicht gänzlich über die vielen anderen, größtenteils wenig genutzten Charaktere hinweg. Sie tauchen zwar ab und an auf – doch wirkt ihre Präsenz nicht selten erzwungen, und eher von Situationskomik als von Inhalten geprägt. Besonders ärgerlich ist das im Falle der drei anfänglichen Raufbolde, die sich mit Ao und später auch Generation Blue zusammentun – als wenig behandeltes, auf uninteressant getrimmtes Spezial-Team gehen sie im weiteren Verlauf absolut unter. Mit dem Präsident von Generation Blue macht man es nicht viel besser. Weder kann man sein Handeln wirklich nachvollziehen, noch bietet man weitere Unterhaltungswerte in Form von zu lüftenden Geheimnissen oder Mysterien an. Am gravierendsten bleibt natürlich das Charakterporträt von Truth, auch wenn man im weiteren Verlauf ein ungefähres Bild seiner Herkunft und Ambition erhält. Doch sind seine Auftritte bei Weitem zu sporadisch, als dass man wirklich annehmen könnt er wäre für die Story wirklich von Bedeutung. Was genau er zwischen den einzelnen Episoden macht, in denen er einige merkwürdige Kurzauftritte hat (denn das sind längst nicht alle), bleibt schleierhaft. Gegen Ende dann herrscht für einen kurzen Augenblick endlich Klarheit vor – nur, damit er quasi im nächsten Moment vollständig von der Bildfläche verschwinden kann. Hier wäre viel, viel mehr drin gewesen.

Optische Aspekte

Zweifelsohne hat EUREKA SEVEN seine größten Stärken nicht im erzählerischen, sondern im handwerklichen Bereich. Tatsächlich sieht die Serie im Gesamten verdammt gut und atmosphärisch aus. Eine hohe Zeichen- und Animationsqualität, eine nette und markante Farbgestaltung, die Vermengung von natürlichen und technologischen Elementen, rasante Kämpfe, toll aussehende übernatürliche Effekte und zum Träumen einladende Hintergründe – hier kann man EUREKA SEVEN AO wahrlich nichts vorwerfen. Ein allgemeiner Detailreichtum rundet das Ganze hervorragend ab – lediglich die etwas zu hektischen und bunten Flugszenen hätte es nicht unbedingt gebraucht. Denn einen leichten Kitsch-Alarm gibt es ja bereits bei den übernatürlichen Elementen (grünes Leuchten, seltsame Erscheinungen im Himmel, bunte Lichtsäulen et cetera). Dennoch wirkt die Serie für ein 2012’er Release absolut angebracht, wenn nicht gar ein klein wenig seiner Zeit voraus.

Akustische Aspekte

Auch hinsichtlich der akustischen Elemente gibt es nichts zu bemängeln.Ganz im Gegenteil: nicht nur, dass die Sprecher allesamt wunderbar engagiert und natürlich auftreten (ohne dabei an den Nerven zu zerren), der Soundtrack kristallisiert sich alsbald als waschechtes Highlight heraus. Selten hört man (zumindest in einem TV-Release) derart gut aufeinander abgestimmte, abwechslungsreiche, vielschichtige und erhabene Klänge. Mal geht es leicht melancholisch und gefühlvoll zu, mal wunderbar bombastisch – die Klänge wirken dabei stets harmonisch, satt präsentiert und die allgemeine Kulisse (im Zusammenspiel mit der Optik) sinnig unterstützend. In Bezug auf eine deutsche Synchronisation kann zu diesem Zeitpunkt noch nichts gesagt werden.

Fazit: Es hätte so schön werden können – es hätte. EUREKA SEVEN AO bietet grundsätzlich alle Voraussetzungen, um das Dasein als würdiger Nachfolger von EUREKA SEVEN anzutreten. Doch leider verkalkulierten sich die Macher hinsichtlich der Umsetzung des (offenbar allzu) fantastischen Stoffes. Es geht schlicht drunter und drüber, ohne dass jemals eine klare Erzählstruktur erkennbar wäre; der Fokus wandert willkürlich von Person zu Person und von Ort zu Ort. Wobei diese Orte nicht immer in ein und demselben Universum, und schon gar nicht in der selben Zeitebene liegen müssen, versteht sich. Sicher sind Animes mit Themen wie diesen (Paralleluniversen, Zeitreisen, alternative Ichs) keine Seltenheit, und geben immer wieder Anlass zu (gewollten) Spekulationen – doch bei EUREKA SEVEN AO will diese Faszination einfach nicht so recht überschwappen. Zu undurchsichtig ist die Story, zu uninteressant die Charaktere, zu willkürlich der Ablauf – während alle anderen Elemente (Kind als potentieller Retter der Welt, Beziehungskisten, politische Machtkämpfe) nur wie lauwarm aufgewärmtes, schon 100 Mal gesehenes Anime-Futter wirken. Das ist bei einem verdammt gut abschneidenden technischen Part natürlich mehr als nur schade – aber leider ein beinahe unumstößlicher Fakt. Dann doch lieber die Originalserie, die zwar ebenfalls nicht perfekt (nachzulesen hier) ausfiel – aber doch weitaus stimmiger, verständlicher und schlicht epischer. AO ist zwar immer noch besser als der miese, 2009’er EUREKA SEVEN-Film (Review), aber eben doch nicht das erwartete Serien-Highlight 2012.


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„Leider kein Vergleich mit dem Original.“

TV-Kritik / Anime-Review: GUNDAM SEED

Originaltitel: Kidou Senshi Gundam SEED
Typ: Anime-TV-Serie
Umfang / Laufzeit: 50 + 1 Folgen (je ca. 24 Minuten)
Land: Japan
Idee: Hajime Yatate, Yoshiyuki Tomino
Produktion: Fumikuni Furusawa, Seiji Takeda
Genre: Science Fiction / Action / Drama
Tags: Gundam, Mechas, Weltraum, Kämpfe, Schlachten, Menschheit

Die Liste der 50 Episoden (deutsche Titel):

01 Falscher Frieden 26 Augenblicke
02 Sein Name: Gundam 27 Der ewige Tanz
03 Zerstörte Erde 28 Kira
04 Silent Run 29 Eine Wendung des Schicksals
05 Phasenverschiebung Aus 30 Die Zeit des Lichts
06 Der Gundam verschwindet 31 Der weinende Himmel
07 Narben des Himmels 32 Das versprochene Land
08 Die Sängerin der feindlichen Armee 33 Der Anfang der Dunkelheit
09 Flackernde Lichter 34 Aus den Augen
10 Getrennte Wege 35 Wiederauferstehung
11 Die Klinge erwacht 36 Im Namen der Gerechtigkeit
12 Flays Entscheidung 37 Göttlicher Blitz
13 Fallende Sterne 38 Das Feuer der Entscheidung
14 Die Gezeiten der Zeit 39 Athrun
15 Phase-15 Jedem seine Einsamkeit 40 In den dämmernden Himmel
16 Brennende Wolken aus Sand 41 Die Welt erzittert
17 Wiedersehen mit Cagalli 42 Lacus greift an
18 Rache 43 Hindernisse
19 In der Hand des Feindes 44 Spirale der Begegnungen
20 Ein ruhiger Tag 45 Die Tür wird geöffnet
21 Jenseits des Sandsturms 46 Ein Platz für die Seele
22 Wenn sich das Meer rot färbt 47 Die Wiedergeburt des Alptraums
23 Schicksalhafte Begegnung 48 Der Tag des Zorns
24 Privatkrieg 49 Das letzte Licht
25 Im Reich des Friedens 50 Zur unendlichen Zukunft

Nichts neues an der GUNDAM-Front – oder doch ?

Inhalt: In einer zeitlich nur schwer einzuordnenden Zukunft ist die Menschheit in zwei Lager gespalten – die Naturals und die Coordinator. Die Naturals sind jene Menschen, die unter vollständig natürlichen Bedingungen zur Welt gekommen sind – sie leben größtenteils und nach wie vor auf der Erde. Die sogenannten Coordinator sind dagegen Menschen, deren Gene vor der Geburt manipuliert wurden; um beispielsweise Krankheiten auszumerzen und die allgemeine Effizienz des menschlichen Körpers zu steigern. Aufgrund ihrer generell höheren Intelligenz und ihres Forschungsdranges leben sie größtenteils auf den sogenannten Plants – von ihnen eigens erschaffene, außerirdischen Kolonien. Obwohl sich die Menschen nicht grundlegend voneinander unterscheiden, gibt es ein gewaltiges Konfliktpotential. Auf der Erde kommt es immer wieder zu Ausschreitungen und Konfrontationen; doch weitaus gravierender sind die Kämpfe zwischen den jeweiligen militärischen Institutionen. Auf Seiten der Coordinator gibt es die ZAFT, auf Seiten der Naturals die Erdallianz. Der Konflikt dieser beiden Parteien eskalierte mit dem sogenannten blutigen Valentinstag – als eine Atombombe eine Plant-Kolonie vollständig zerstörte und dabei zahlreiche zivile Opfer forderte. In diese Welt hinein geboren wird auch Kira – ein Coordinator-Junge, der mit seinen Freunden auf einer Plant-Kolonie namens Heliopolis lebt. Und das relativ glücklich und vom Krieg unbeeinflusst – bis er auch die vermeintlich neutrale Kolonie erreicht. Die Heliopolis wird angegriffen – und Kira und seine Freunde gelangen im allgemeinen Wirrwarr an Bord der Arcangel, einem neuartigen Schiff der Erdallianz. Doch Kira scheint gleichzeitig einer der wenigen zu sein, die die neuartigen Kampfroboter der Erdallianz, die Gundams, steuern kann. So entschließt er sich, für das gute zu kämpfen und seine Freunde zu verteidigen – doch sein Glaube wird in Frage gestellt, als er seinem ehemaligen besten Freund auf Seiten der ZAFT gegenübersteht.

Kritik: Grundsätzlich könnte man die inhaltliche Aufstellung noch ausweiten, keine Frage – GUNDAM SEED ist mit seinen atemberaubenden Story-Prämissen und seinem wuchtigen Umfang von 50 Folgen ein vergleichsweise komplexes Anime-Werk. Doch diese Wucht kommt nicht von ungefähr, beziehungsweise aus dem Nichts: als Teil des mannigfaltigen Gundam-Anime-Universums handelt es sich um eine weitere TV-Serie, die sich die typischen, mit dem Franchise verbundenen Kampfroboter und Weltraum-Schlachten zum Thema macht. Die Unterschiede zu den älteren Serien sind jedoch größer als erwartet, sodass in diesem Fall eine unabhängige Bewertung vorgenommen werden kann und sollte.

GUNDAM SEED ist in einer Linie eine Serie mit einer vielseitigen Science Fiction-Prämisse, größtenteils angesiedelt in den Weiten des Weltalls – doch ist sie nur schwerlich einem einzigen Genre zuzuordnen. Zwar bietet gerade das All einen schier unendlichen Raum für groß angelegte Weltraum-Kämpfe und -Schlachten, sodass auch Action-Fans auf ihre Kosten kommen werden – doch ein großer Teil des Fokus liegt auf den Charakteren und ihren Beziehungen zueinander. Angefangen bei Kira Yamato, dem Hauptcharakter; über Athrun, seinem alten Freund welcher nun auf der augenscheinlich falschen Seite gegen ihn kämpfen muss, bis hin zu zahlreichen Crew-Mitgliedern und Vertretern der jeweiligen Völker und Interessengruppen – GUNDAM SEED offenbart hier handfestes Drama-Potential, welches auch voll ausgespielt wird.

So erhält man als Zuschauer ein zuerst leicht gewöhnungsbedürftiges Gesamtbild, welches sich nach und nach aber immer sinniger und nahtloser zusammenfügt. Während sich das Porträt zu Beginn noch auf die beiden sich gegenüberstehenden Parteien beschränkt – die ZAFT und die Erdallianz mit Kira und seinen Freunden – lässt man die Fassade der klar strukturierten Fronten (der Marke gut und böse) langsam bröckeln. Dabei liegt der Fokus immer auf den für die Serie wichtigen Charakteren, und weicht kaum von ihnen – eine deutliche Stärke des Animes. So erhält man ein außerordentlich gut inszeniertes, tiefgründiges und bewegendes Porträt von einigen jungen Menschen, welche in den Schrecken des Krieges mit hineingezogen werden – ob sie wollen oder nicht. Besonders markant und essentiell sind hierbei natürlich die persönlichen Wandlungen, die ein jeder Charakter durchmacht; und die sich stetig verändernden Konstellationen der Figuren.

Eine gute Mischung aus Mecha-Kämpfen, Weltraumschlachten, Drama-Aspekten mit markanten Identifikationsfiguren und einem universellen Porträt eines zermürbenden Krieges – alles in allem bietet GUNDAM SEED massig Potential und hätte einen Platz auf dem absoluten Anime-Wertungsthron verdient. Hätte – denn leider sind nicht alle Aspekte der Umsetzung derart gelungen ausgefallen. Selbst wenn man den Faktor, dass es sich eben nicht um eine grundsätzlich neu erdachte Serie handelt (siehe GUNDAM-Bezug) einmal aussen vor lässt, so gibt es doch zahlreiche Schwächen zu entdecken, die man hätte vermeiden können. Es beginnt mit der simplen Tatsache, dass eine Streckung der Handlung auf 50 Folgen zumindest gewagt erscheint – denn selbst bei aller Begeisterung lassen sich gewisse Längen nicht verhehlen. Diese treten vor allem zu Beginn der Serie, sowie noch einmal verstärkt im Mittelteil auf. Hier kommt es nicht selten vor, dass sich vor allem Kampfabläufe ständig wiederholen und zu einem recht vorhersehbaren Ende führen.

Denn schließlich dürfen die Hauptfiguren noch nicht sterben – was sich mitunter als recht makabere Voraussetzung erweist, betrachtet man das anfängliche Porträt von Kira und Athrun. So dauert es doch recht lange, bis sich die beiden Charakter betreffend eine Entwicklung abzeichnet. Bis dahin treffen sie ständig im Kampf aufeinander, vergewissern sich voller Zweifel ob es wirklich der jeweils beste ehemalige Freund ist, der dort im Cockpit des feindlichen Roboters sitzt – und schaffen es dabei immer, unbeschadet aus den Kämpfen hervorzugehen. Dies gepaart mit weiteren Kämpfen und Schlachten, in denen vor allem die Arcangel – das Schiff der Erdallianz – eingebunden ist, erweist sich als waschechte Durststrecke. Hier empfiehlt es sich, hart gesotten zu bleiben und abzuwarten – schließlich wird man am Ende doch noch belohnt werden. Doch ganz so steinig, einfallslos und arg langwierig hätte dieser Weg beileibe nicht ausfallen müssen.

Die Serie gewinnt jedoch noch einmal deutlich an Tempo, Ausdruck und Inhalt; als es zu einem (diesmal) entscheidenden Kampf zwischen Kira und Athrun kommt, bei dem ein Gundam vollständig zerstört, der andere schwer beschädigt wird. Dieses Ereignis dient als heimlicher Startpunkt für großes, noch zu erwartendes: die verfeindeten Seiten nähern sich an, die Besatzung der Arcangel zweifelt an der Souveränität der Erdallianz; die wahren Köpfe hinter dem sinnlosen Bestreben den Krieg geradezu entarten zu lassen, werden offenbart. Endlich befasst sich die Serie auch mit dem großen Handlungsrahmen: dem Krieg, und den jeweiligen Drahtziehern. Dabei wird stets aus dem Vollen geschöpft: neben unzähligen Kampfszenen, die deutlich spektakulärer ausfallen als jene in denen oftmals nur die Arcangel allein beteiligt war; gibt es inhaltliche Rückblicke, Enthüllungen, Schicksalsschläge und vieles mehr zu bestaunen.

So hat der zähe Beginn doch noch einen (wenn auch zwiespältig zu betrachtenden) Vorteil: GUNDAM SEED nahm sich wahrlich Zeit, die Charaktere vorzustellen und den Zuschauer an sie zu gewöhnen. Wenn es dann in den späteren, letzten Folgen endgültig hart auf hart kommt, fiebert man dementsprechend deutlich intensiver mit – und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn der ein oder andere (Lieblings-)Charakter doch noch vorzeitig stirbt.

Charaktere

GUNDAM SEED bietet dem Zuschauer ein recht mannigfaltiges Sammelsurium an Charakteren. Hierbei werden grundsätzlich alle Altersklassen und Geschlechter behandelt, ein expliziteres Augenmerk liegt jedoch auf der jüngeren Generation. So groß die Auswahl an Charakteren ist, so sinnig und gut gewählt erscheint die Einbringung derselben – ein jeder hat hier seinen Part zu spielen. Kira und Athrun, zwei der Haupt-Protagonisten, sorgen für Identifikationsmöglichkeiten und beeindruckende, höchst emotionale Momente. Für die Handlung und Auflösung etwas weniger wichtig, dafür mit einem noch höheren Identifikationfaktor ausgestattet sind die Freunde der beiden ‚großen‘ Gundam-Piloten, die sie stets begleiten – und einen entsprechenden Einfluss auf sie haben. Ein leicht mysteriös angehauchter, schwer zu definierender Charakter ist Rau Le Creuset (auf Seiten der ZAFT); der stets mit einer auffälligen Maske bekleidet ist; und für das ein oder andere unvorhergesehene Ereignis verantwortlich ist. Mitunter am beeindruckendsten und eindringlichsten ist das Porträt der Crew der Arcangel, vor allem Murrue Ramius und Mu La Flaga erweisen sich hier als echte Sympathieträger. Es gibt noch zahlreiche weitere für den Handlungsverlauf wichtige Figuren, die manchmal auch etwas ungewöhnlicher porträtiert werden: wie Lacus Clyne, die eine Vorliebe für den Gesang hegt und als zartes Wesen durch die Gundam-Welt schwebt – bis sie überraschenderweise selbst in den Krieg mit eingreift.

Optische Aspekte

GUNDAM SEED ist grundsätzlich auch in optischer Hinsicht ansprechend – die Qualität der Zeichnungen entspricht allen Erwartungen, die man an eine TV-Serie wie diese stellen kann. Auch der Faktor der Abwechslung verdient eine gesonderte Erwähnung: mal befindet man sich in den dunklen Weiten des Weltalls, mal auf der Erde; mal in einer kargen Wüste, mal innerhalb von Stationen, Anwesen und Raumschiffen – hier wird einem einiges geboten, sodass die Serie nicht einer optischen Eintönigkeit ausgesetzt ist. Die bekommt man dann allerdings doch noch serviert: nämlich in Form von unzähligen, äußerst ärgerlichen recycelten Szenen. Man kann sie kaum zählen; so auffällig werden sie eingestreut – besonders bei den Start- und Landemanöver der Mechas, und in den bunten Kampfszenen. Das hätte nicht sein müssen – doch offenbar ist dies dem Budget zuzuschreiben. Ein weiterer, zumindest diskutabler Aspekt sind die Kämpfe selbst: einstweilen etwas unübersichtlich gehalten, regiert hier ein regelrechter Kitsch und eine aufdringliche Präsenz allerlei bunter Farben (vor allem Grün- und Rosatöne).

Akustische Aspekte

Einen rundum gelungenen, aussagekräftigen Soundtrack wie den zu GUNDAM SEED gibt es so selten. Es scheint, als würden stets die richtigen Töne getroffen, das Geschehen akkurat musikalisch untermalt werden. Sei es in den epischen, actionreichen Momenten der Kämpfe, in den ruhig-besinnlichen Minuten der Auseinandersetzung mit den Figuren, oder aber in den gelungenen Intros und Outros. Davon gibt es jeweils 4 Stück zu bestaunen – die verwendeten Lieder besitzen eine außergewöhnliche Wirkungskraft, und eignen sich auch tadellos für ein von der Serie unabhängiges Hörvergnügen. In Bezug auf die allgemeine Audio-Effektkulisse gibt es nichts zu bemängeln: nie hat man das Gefühl als würde ein Geräusch nicht in die Szenerie passen, nie vermisst man etwas. Gerade in den Kämpfen regiert oftmals ein beeindruckender akustischer Bombast, der die Spannung noch zu steigern vermag. Die Sprecher agieren sowohl im Original als auch in der deutschen Fassung engagiert. Lediglich vereinzelte Momente, beispielsweise wenn Charakternamen ausgesprochen oder Feuerbefehle gegeben werden, hinkt die deutsche Fassung merklich hinterher. Die deutsche Synchronisation offenbart zuletzt auch noch eine kleine Kuriosität: im Wortschatz gibt es weder Ausdrücke wie verdammt, zum Teufel, Mist – alles wird durch ein manchmal komisch wirkendes Horror ersetzt. Das sorgt einstweilen für Lacher, wo eigentlich keine angebracht wären.

Fazit: GUNDAM SEED ist die Offenbarung für GUNDAM-Fans – kann aber auch zu einem Genuss für allgemeine Anime-Freunde des Genres avancieren. Vorausgesetzt man kann generell etwas mit der Mecha- und Weltraumthematik anfangen, hält mit einer gewissen Portion Durchhaltevermögen bis zum (einiges entschädigenden) Ende durch – und kann über eine handvoll Schwächen hinwegsehen. Hätte man die Serie mit einem Umfang von 26 Episoden präsentiert – und so vor allem die anfänglichen Längen vermieden – wäre eine höhere Wertung zweifelsohne drin gewesen.


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„Eine der besseren GUNDAM-Serien.“

TV-Kritik / Anime-Review: MUSHISHI

Typ: Anime-Serie (26-teilig)
Regie: Hiroshi Nagahama
Idee: Yuki Urushibara
Studio: Artland
Land: Japan
Genre: Abenteuer / Drama
Tags: Natur, Pflanzen, Lebewesen, Zwischenwelt, Mushi, Reisender

1 Die grüne Schale
2 Das Licht der Augenlider
3 Zarte Hörner
4 Kissenpfad
5 Der reisende Sumpf
6 Tautropfen trinkendes Feld
7 Wenn Regen fällt, entsteht ein Regenbogen
8 Von der Meeresgrenze
9 Schwere Ernte
10 Lebendes Weiß im Tintenstein
11 Schlafender Berg
12 Einäugiger Fisch
13 Eine-Nacht-Brücke
14 Im Käfig
15 Vorgetäuschter Frühling
16 Schlange der Morgendämmerung
17 Das Sammeln leerer Kokons
18 Das Gewand, das einen Berg trägt
19 Die Schnur am Himmel
20 Meer aus Geschriebenem
21 Baumwollsamen
22 Der Meeres-Schrein
23 Rostfarbene Stimme
24 Reise zum Leuchtfeuerfeld
25 Glückliches Auge, unglückliches Auge
26 Das Geräusch von Schritten im Gras

Und der Herr sprach… lasset Stille einkehren !

Inhalt: In der Landschaft eines altertümlichen Japan wandelt ein junger Reisender umher, der Ginko genannt wird. Er ist ein sogenannter MUSHISHI, der allerlei seltsame Phänomene beobachtet und sein Leben der Erforschung mysteriöser Lebensformen, der Mushi, widmet. Die Mushi sind Wesen, die weder pflanzlicher noch tierischer Natur, weder am Leben noch tot sind – sie existieren in einer Art Zwischenwelt, die nur von wenigen Menschen wahrgenommen werden kann. Dabei existieren sie an allen erdenklichen Orten, und bilden eine Ko-Existenz mit der Natur, den Tieren und den Menschen; oftmals ohne dass sie es wissen. Normalerweise leben alle so neben- und miteinander existierenden Wesen im Einklang, es ist ein stetes Geben und Nehmen – doch gerade wenn es um das Verhältnis von Mensch und Mushi geht, entstehen dabei oft unvorhersehbare Probleme. So können die Wesen, die in den unterschiedlichsten Formen und Arten erscheinen, für verschiedene Krankheiten und Konflikte verantwortlich sein, und den Menschen mitunter schwer zu schaffen machen. In solchen Fällen kommen dann die MUSHISHI ins Spiel – sie sind Experten auf dem Gebiet der Mushi, und sind bestrebt, die natürliche Balance zwischen allen Lebensformen wiederherzustellen.

Kritik: In der Tat handelt es sich bei MUSHISHI um eine der eher ungewöhnlichen Anime-Serien des neuen Jahrtausends. Jene, die sich vorab Informationen zur Serie eingeholt haben; aber auch jene, die sich völlig unvorbereitet an MUSHISHI wagen, werden es schnell feststellen: weder hat man es hier mit einem handelsüblichen Drama zu tun, noch mit einer gewöhnlichen Abenteuer-Serie. Auch wenn diese Begriffe in etwa das Genre, beschreiben, in dem sich MUSHISHI bewegt – doch grundsätzlich sprengt die Serie alle gängigen Konventionen und fungiert als stilles, philosophisches und absolute Grundlagen aufgreifendes Werk. MUSHISHI basiert auf einem Manga von Yuki Urushibara, und spielt mit der Darstellung der Lebensverhältnisse von Flora, Fauna, Menschen und – den titelgebenden Mushi. Wenn man so will, könnte man die Serie also als erweitertes Öko-Drama bezeichnen, ohne mit dieser Begrifflichkeit eine Abwertung vornehmen zu wollen. Neben den alltäglichen Sorgen der sehr traditionell und naturbezogen lebenden Menschen wird desöfteren auf einen ‚höheren Kontext‘ verwiesen, etwas; dass alle lebenden Wesen miteinander verbindet – die aufgeworfenen Fragen nach Aberglauben, Geistern und Göttern kommen also nicht von ungefähr. Die Mushi sind dabei das eigentliche Produkt einer äusserst innovativen, erfrischenden und inspirierenden Idee: als ‚Zwischenwesen‘ existieren sie im Einklang mit allen anderen, und bekannten Lebensformen, bringen in der Interaktion aber sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich.

MUSHISHI ist dabei streng episodisch aufgebaut – wobei das Wort ’streng‘ hier im absoluten Sinne zu verstehen ist. Als mitunter einziger Leitfaden dient der Hauptcharakter Ginko, der Mushi-Experte – von dieser Figur abgesehen kommen mit jeder Folge neue Phänomene, neue Charaktere, neue Umgebungen und neue Zusammenhänge ins Spiel. Diese Herangehensweise hat gleichermaßen Vor- wie auch Nachteile. So ist es beruhigend zu wissen, dass einzelne Geschichten nicht wie sonst typisch ‚ausgeschlachtet‘ werden und sich über mehrere Episoden ziehen; die in-sich-abgeschlossenen Geschichten wirken stimmig, sind spannend und geradezu malerisch erzählt. Verständlicherweise kommen so auch keine typischen ‚Cliffhanger‘ vor – ein weiterer ungewöhnlicher Aspekt, der Laune macht und sich MUSHISHI von der Masse an Animes abheben lässt. Doch eben dies hat zur Folge, dass MUSHISHI insgesamt relativ zusammenhanglos wirkt, die zeitlich versetzten und scheinbar wahllos aufeinander folgenden Episoden unterstützen diesen Eindruck. Wenngleich man zu Beginn noch hoffen konnte, dass zumindest Ginko eine nähere Charakterbeschreibung und -Entwicklung vorweisen könnte, so wird man auch hier enttäuscht: in einer jeden Episoden wandelt er auf ein neues umher, und trifft dabei scheinbar ‚zufällig‘ auf neue Gesichter, und wird derer Probleme mit den Mushi gewahr. Kleinere Versuche, dem Prinzip des absoluten Zufalls entgegenzuwirken, gehen dabei auch nicht wirklich auf: so bereist Ginko manche Orte mehrmals, und erkundigt sich nach Befinden der Bewohner; manche scheint er sogar schon eine längere Zeit zu kennen. An diesem Punkt hört es dann allerdings auch schon wieder auf: tiefer gehende Fragen darf man nicht stellen, die jeweiligen Hintergrundgeschichten bekommt man nicht oder nur äusserst eingeschränkt erzählt.

Wie also sollte man einen Anime wie MUSHISHI behandeln ? Gewiss ist das eine schwierige Frage. Dass gängige Konventionen ausgehebelt werden ist nur gut, richtig und angenehm ‚rebellisch‘ – doch eine fehlende Erzählstruktur, fehlende Hintergrundinformationen und ein absoluter Stillstand in der Charakterentwicklung Ginko’s wirken diesen positiven Aspekten stark entgegen; gleichen sie gar vollständig aus, mit einer leichten Tendenz nach unten. Es bleibt kein ‚großes Ganzes‘, welches man hinterfragen und beurteilen könnte – das Universum der Mushi bleibt schemenhaft, seltsam und nur sehr zaghaft behandelt. Die Serie weist zudem kaum einen Anfang oder ein Ende auf; lediglich eine einzelne Episode befasst sich mit einem Abschnitt aus Ginko’s Kindheit und bildet so einen potentiellen ‚Beginn‘ – doch der findet seltsamerweise in der Mitte, genauer gesagt in Episode 12 statt. Alle anderen Episoden sind als Einzelgeschichten wahrzunehmen – lässt man den fehlenden Kontext einmal aussen vor, so offenbart MUSHISHI letztendlich hier seine wahren, mannigfaltigen Stärken. Es ist schon erstaunlich, welche Ideen hier umgesetzt wurden – in jeder Folge tauchen neue Mushi auf, die auf die abenteuerlichste Weise mit anderen Wesen interagieren und die seltsamsten Erscheinungsformen haben. Doch im Grunde sind nicht die Mushi ‚Star‘ der Serie, sondern vielmehr die einzelnen Charaktere, respektive ihr jeweiliges Porträt. Mit viel Fingerspitzengefühl und ohne einen jeglichen Hang zum Voyeurismus oder zu Sensationen werden Einzelschicksale beleuchtet, die ans Herz gehen und mitreißen. Interessant ist, dass ein Großteil der involvierten Charaktere Kinder sind, beziehungsweise sich die Charakterporträts meist über einen gesamten Lebenszeitraum (und sogar darüber hinaus) erstrecken. In dieser vermeintlichen Stille liegt also die faszinierende Kraft von MUSHISHI – hier werden Menschen gezeigt, die angenehm menschlich dargestellt werden (was keine Selbstverständlichkeit in Animes ist) und ein jeder für sich versuchen, ein glückliches Leben zu führen.

All diese geschickt eingestreuten Elemente, die sich eben auch mit den ganz großen Fragen des Lebens beschäftigen, würden jedoch nur halb so gut wirken wäre da nicht der aussergewöhnliche handwerkliche Part. Der Serie wohnt eine tiefe stille, eine beruhigende Ausstrahlung inne, die gerade von den malerischen Zeichnungen der Landschaften unterstrichen wird. Ein dezenter, stellenweise wunderschöner und traditionell wirkender Soundtrack unterstützt diese Wirkung. Hektische Schnitte, actionreiche Intermezzi oder sonstige Ausbrüche‘ wird man nicht vorfinden, was gut ist – auch wenn man sich manchmal wünscht, dass der ein oder andere Moment doch etwas ‚herziger‘ hätte inszeniert werden können. Doch selbst Ginko ist stets die Ruhe in Person – und erlaubt sich keine deutlichen Gefühlsausbrüche. Diese Herangehensweise gehört schlicht zum Konzept der Serie – sicher werden hier gemischte Gefühle entstehen. Nicht ganz so gut gelungen sind indes die Zeichnungen der Charaktere – sie ähneln sich einstweilen stark, oftmals werden Gesichter nur schemenhaft dargestellt (das heisst, nur ‚leere‘ Gesichter), die Bandbreite an zeichnerisch übertragenen Emotionen hält sich dem Konzept der Serie gemäß stark in Grenzen. Doch die sagenhaften Hintergründe wissen diese kleineren Mankos schnell wieder auszugleichen – die Bilder sind schlicht atemberaubend, zumal einzelne Episoden in verschiedenen Farbtönen gehalten werden um differente Stimmungen entstehen zu lassen.

Fazit: MUSHISHI ist gewiss keine Serie für Jedermann. Es handelt sich um einen äusserst ruhig erzählten, stark Natur- und Grundlagenbezogenen Anime, der auf einer anderen Ebene unterhält als es normalerweise Gang und Gebe ist. Sollte man sich auf dieses Experiment einlassen, wird man zumindest mit einem so bisher noch nie dagewesenen Werk beglückt. Doch bei aller Liebe, letztendlich bleiben noch einige Wünsche offen. Besonders schade ist, dass die Serie keinen wirklich nachhaltigen Effekt erzeugen kann – da es sich vielmehr um vergleichsweise unspektakuläre Alltagsgeschichten handelt, kann keine rechte Faszination für das Mushi-Universum aufkommen – nur für die jeweiligen Einzelschicksale. Da die Mushi ohnehin wie eine alltägliche, ganz natürliche Erscheinung behandelt werden könnte man sich erdreisten und dieses Element einmal komplett gedanklich ausblenden – was bleibt, ist eine solide Anime-Serie; die vor allem in Sachen Bodenständigkeit und zeichnerischer Qualität punkten kann. Wer das spektakuläre, das unfassbare; das schier Kopfzerbrechen verursachende sucht ist hier definitiv falsch beraten – von Action-Freunden erst gar nicht zu sprechen. MUSHISHI rieselt einem leichten Schneefall gleich still und leise vor sich hin… wobei einige einzelne Flocken das Herz des Zuschauers erreichen; mit etwas grundlegendem, natürlichem, den Instinkt ansprechendem. Der Verstand, das unmittelbare Bewusstsein wird jedoch nur selten angehalten, sich zu regen – es sei denn, man strengt sich wirklich explizit an und begibt sich auf die Suche. Anhaltspunkte werden nämlich nur höchst selten präsentiert.


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„Zur Entspannung genau das richtige.“

TV-Kritik / Anime-Review: SOUSEI NO AQUARION

Typ: Anime-Serie (26-teilig)
Regie: Shoji Kawamori
Idee: Shoji Kawamori
Studio: Satelight
Land: Japan
Genre: Science Fiction / Action / Drama
Tags: Mechas, Atlantis, Übernatürliche Kräfte, Apokalypse, Engel

1 Die Erinnerung an die himmlischen Flügel
2 Das Tier der Dunkelheit
3 Elementschule
4 Barfüssiger Krieger
5 Der König des Untergrundlabyrinths
6 Gefühle in der Weite
7 Ritter der dunkelroten Rose
8 Erste Vereinigung
9 Pfad der Träume
10 Sterne am Himmel, Blumen auf der Erde
11 Glückseligkeit auf dem Grund des Sees
12 Bernstein der Zeit
13 Ein 12,000 Jahre alter Liebesbrief!
14 Leuchtender Schatten
15 Aquarions erste Liebe
16 Schwarzer Spiegel
17 Wir vereinen uns, weil wir essen wollen
18 Cosplayer der Seele
19 Unschuldiger Bengel
20 Der Klang eines Engels Feder
21 Purpurner Pfad
22 Die Flügel die man nicht sieht
23 Flugel, vergeblich
24 Des Himmels Tor
25 Kampf!! Atlantis
26 Der Tag an dem die Welt beginnt

Sousei Gattai… Go, Aquarion !

Inhalt: Irgendwann in der nahen Zukunft steht die durch eine Naturkatastrophe stark dezimierte, restliche Menschheit vor einem schicksalhaften Kampf. Die sogenannten Schattenengel, eine der Menschheit überlegene Rasse, greifen von einer anderen Dimension aus die Überlebenden an und absorbieren ihre Lebensenergie, das für sie lebenswichtige Prana. Dies bewerkstelligen sie mithilfe von Dimensionstoren, durch die sie riesige Maschinen entsenden, die die Menschen einer Ernte gleich einsammeln – zur Verteidigung stehen ihnen dabei die mächtigen, offenbar unbemannten Cherub-Soldaten zur Seite. Doch ein kleiner Teil der Menschheit bewahrt die Hoffnung: sie alle sind Mitglied einer Organisation namens Deava, die in Besitz der einzigen Waffe ist, die es mit den Schattenengeln aufnehmen kann: drei mächtigen Vektoren, die sich zum Maschinenengel Aquarion vereinigen können. Doch Aquarion funktioniert nur, wenn er auch bemannt ist – weshalb die Organisation stets auf der Suche nach fähigen Piloten ist, die eine besonders starke Aura besitzen; der Energie, die Aquarion antreibt. Auch der Herumtreiber Apollo stellt sich als Kandidat heraus – doch in Wahrheit steckt noch mehr hinter ihm und seiner Vergangenheit, die, wie sich herausstellt; sogar 12.000 Jahre zurückreichen könnte… ist er tatsächlich die Reinkarnation des sagenumwobenen Solarflügels ?

Kritik: Erst einmal tief durchatmen und nicht abschrecken lassen – denn in der Tat lässt es sich bei einer Serie wie SOUSEI NO AQUARION kaum vermeiden, dass etwaige Serien-interne ‚Fachbegriffe‘ bereits in der blossen Inhaltsangabe auftauchen. Somit stellt sich eine wichtige, vielleicht die substantiellste Frage: kann die Serie eine ausreichende Faszination entfachen – eine Faszination, die den Zuschauer nicht nur ‚bei Laune‘ halten, sondern auch dafür Sorge tragen würde; dass er vollends in das mystisch-kriegerische Universum von der Serie einsteigen kann ? Die Chancen dafür stehen, im Vorfeld und theoretisch gesehen, wohl weder besonders gut noch besonders schlecht. Schließlich ist ein großer Vorteil der Serie, dass sie sich auf das generell sehr beliebte Mecha-Genre stützt, und damit automatisch eine große Interessengruppe ansprechen wird – doch gerade das könnte sich gleichzeitig auch als Problem herausstellen. Man weiss, dass der Mecha-Markt wie kein zweiter von verschiedensten Produktionen überlaufen ist – daher ist es keine leichte Aufgabe, diesem Genre noch etwas wirklich innovatives, aufregendes abzugewinnen. Auch nicht im Jahre 2005; wenngleich es folgende Werke verständlicherweise noch schwerer haben werden.

Doch interessanterweise erweist sich SOUSEI NO AQUARION als (sinnbildliche) Kämpfernatur. Nicht nur, dass die Inhalte selbst gerade diesen ‚Geist‘ immer wieder aufgreifen, auch will sich die Serie nicht so schnell mit anderen, früheren Animes auf eine Stufe gestellt wissen. Dieser Mut zu neuem vermag durchaus zu beeindrucken – auch wenn sich diverse Parallelen und bekannte Elemente dennoch schnell offenbaren. Hierzu braucht man nicht unbedingt einen legendären Mecha-Anime-Koloss wie NEON GENESIS EVANGELION heranzuziehen, der ohnehin für alle zukünftigen Genre-verwandten Produktionen Pate stand, steht und stehen wird (wenn man so will und der Serie diese Wichtigkeit anlasten möchte) – SOUSEI NO AQUARION weist viel explizitere Parallelen zu späteren Werken wie RAHXEPHON (2003) oder EUREKA SEVEN (2005) auf. Und derer sind es wahrlich nicht wenige, gerade in Bezug auf ersteren Vergleichsparter: auch in S. N. AQUARION ist ein allerlei (Dimension-)Grenzen überschreitender Kampf zwischen zwei Rassen entbrannt, wobei sich die ‚mächtigere‘ Partei zum größten Teil in einer anderen Dimension befindet und (noch) nicht wirklich vollständig in die Welt der Menschen vordringen kann. Auch das sagenumwobene Atlantis taucht in beiden Serien auf, sowie ein weiteres, allerdings genretypisches Merkmal: es sind stets junge Menschen, die aus einer gewissen Kindlichkeit und Unbeholfenheit heraus lernen, ihr (schweres) Schicksal zu akzeptieren und so über sich selbst hinauswachsen. Und, um letztendlich doch eine Verbindung zu EVANGELION herzustellen; ähneln die bombastischen Mecha-Kämpfe in ihrer Struktur doch stark dem ‚großen Vorbild‘. Auch hier werden die mystisch inszenierten Widersacher immer stärker, ‚lernen‘ offenbar dazu – sodass sie sich immer neueren Methoden bedienen, um die Menschen zur Strecke zu bringen.

Kann eine solche Serie also überhaupt funktionieren ? Jedoch ist SOUSEI NO AQUARION nicht nur der ‚typische‘ 08/15-Anime, auch wenn der Hauptplot als Grundgerüst auf eine eben solche, einfach gestrickte Auseinandersetzung (die absolute Konfrontation von ‚gut‘ und ‚böse‘) aufbaut. Vielmehr handelt es sich um eine leicht verspielte, äußerst unterhaltsam gehaltene Serie, die zwar viele große Mysterien und vorgestellte Weisheiten beinhaltet – bei der aber auch der Humor nicht zu kurz kommt. Im Gegenteil, es gibt sogar Folgen, denen man die komödiantischen Anteile bereits an der Titelgebung ansieht. Die Folgen 4 (Barfüssiger Krieger), 17 (Wir vereinigen uns weil wir Essen wollen) und 18 (Cosplayer der Seele) stellen sich hier als markanteste Episoden heraus, die geschickt mit gegensätzlichen Stimmungen spielen und sowohl Humor als auch eine gewisse Ernsthaftigkeit nicht zu kurz kommen lassen. Ja; selbst etwaige (kuriose) Übergänge wie der in Folge 17 funktionieren – erst recht lebhaft und witzig inszenierte, typische Teenagersorgen werden hier im weiteren als ‚Waffe‘ der Schattenengel genutzt, sodass früher oder später Leben auf dem Spiel stehen. Das ist ungewöhnlich, und zeugt von einem gewissen Mut der Macher – wobei die Mischung vollends aufgeht. Etwas schade ist allerdings, dass dieses ‚Spiel‘ eine geraume Zeit lang betrieben wird – und so die eigentliche Hauptgeschichte, gerade zur Mitte der Serie, etwas ausser Acht gelassen wird. Erst wenn S. N. AQUARION den 20er-Episodenbereich erreicht, zieht man in Sachen Handlung noch einmal stark an.

Davor gibt es jedoch andere Elemente, die die Serie sehenswert gestalten. In erster Linie sind das die optisch auffälligen Mecha-Kämpfe – bei denen weder vor CGI-Effekten, noch vor einer großen Portion Farbe und noch viel mehr Tempo Halt gemacht wurde. In der Tat – gerade in den ersten Episoden fällt es erst schwer, sich an diese Form des ‚Bombastischen‘ zu gewöhnen. Es scheint stets, als würde der Bildschirm vollends ausgenutzt – überall findet Bewegung statt, gibt es Explosionen, treten seltsame Erscheinungen und übernatürliche Elemente auf; spielt man ein buntes Spiel mit den Farben und Eindrücken. Hinzu kommt es stellenweise schneller Schnitt, sodass der allgemeine Überblick einstweilen droht, verlorenzugehen – vielleicht wäre hier ‚weniger‘ folgerichtig ‚mehr‘ gewesen. Doch es ist nicht nur der optische Bereich von S. N. AQUARION, der manchmal etwas ‚überladen‘ wirkt – auch die (grundsätzlich interessanten, gar faszinierenden) Charaktere wechseln munter zwischen verschiedenen Gefühlslagen, begeben sich in allerlei abstruse Situationen. Den ‚Höhepunkt‘ eines jeden Abschnittes markiert dabei zumeist der Kampf im Mecha Aquarion. Das funktioniert zuerst noch gut – doch alsbald geraten die Kämpfe immer vorhersehbarer, auch wenn sie stets anspruchsvoller und komplexer werden. Zudem setzt man hier auf einen unermüdlichen Einsatz der immer gleichen Stilmittel – leider. So ist die Titelmusik auffällig oft zu hören, die Animationen der ‚Vereinigung‘ unterscheiden sich kaum, und die Charaktere geben ein jedes Mal ähnlich (makabere) Sätze von sich, wenn sie inmitten der Vereinigungsphase sind. Auch das angebliche ‚Alter‘ der Protagonisten wird nicht wirklich glaubhaft transportiert – hier lässt sich schlicht keine klare, nachvollziehbare Linie ausmachen. Sicher, sie verhalten sich oftmals pubertär – doch insgesamt wirken sie weniger ‚menschlich‘ und weniger zuzuordnen als in anderen Serien.

Weitaus faszinierender fällt dagegen das Porträt der Schattenengel aus, von denen man nicht so Recht weiss ob man sie nun hassen oder zu ihnen aufschauen soll – hier liefert S. N. AQUARION alles andere als stereotype Protagonisten ab. Tolle Zeichnungen, stimmige Hintergründe und grandios-bunte Mystery-Aspekte runden den insgesamt guten Eindruck ab – ebenso wie der partiell sagenhafte Soundtrack. Gerade die orchestralen Versionen der Titelmelodie wirken schön bombastisch, emotional und zeitlos. Auch die Sprecher sind engagiert, und scheinen enorm in ihre Rollen vertieft – weshalb es durchaus zu verkraften ist, dass es noch keine (dann mit Sicherheit miesere) Deutsche Fassung der Serie gibt.

Fazit: Sicher, SOUSEI NO AQUARION braucht eine gewisse Warmlaufzeit, um sich vollends zu entfalten. Doch dann klappt es größtenteils mit der angepeilten Zeitlosigkeit und Erhabenheit des Animes – schließlich wird ein Zeitraum von nicht weniger als 12.000 Jahren abgedeckt. Zusätzlich zum höchst ungewöhnlichen Kampf um das Schicksal der Erde gibt es eine damit stark verknüpfte, erfrischende Liebesgeschichte präsentiert – die alles andere als kitschig inszeniert wurde und zahlreiche Überraschungen bereithält. Wie sicher auch das große Finale, beziehungsweise die letzte Folge – es ‚lohnt‘ sich zweifelsohne, das Ende der Serie abzuwarten. Hier wird noch einmal alles an Kampfgeist, Symbolik (Zeit- und Raumüberschreitung) und storyrelevanter Tragweite aufgeboten, dass es eine pure Freude ist. Die größten Schwachpunkte der Serie aber bleiben ebenso bestehen: die etwas hektisch-überladene Präsentation, sowie die etwas zu dünne Story, um die wegen des geringen Ausschöpfungspotentials nur in einigen wenigen Folgen explizit behandelt wird. Letztendlich handelt es sich aber um grundsolide Anime-Kost, die durchaus mit inoffiziellen ‚Vorgängern‘ wie RAHXEPHON mithalten kann. Um allerdings ein NEON GENESIS EVANGELION vom Thron zu stossen, bedarf es noch weitaus mehr.


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„Bunt, leicht verrückt und temporeich – aber gar nicht mal schlecht.“