Metal-CD-Review: ANGRA – ØMNI (2018)

Alben-Titel: ØMNI
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 16. Februar 2018
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: earMUSIC

Alben-Lineup:

Marcelo Barbosa – Guitars
Rafael Bittencourt – Guitars
Felipe Andreoli – Bass
Fabio Lione – Vocals
Bruno Valverde – Drums

Track-Liste:

1. Light of Transcendence (04:36)
2. Travelers of Time (04:40)
3. Black Widow’s Web (05:49)
4. Insania (05:31)
5. The Bottom of My Soul (04:19)
6. War Horns (04:43)
7. Caveman (05:53)
8. Magic Mirror (06:58)
9. Always More (04:43)
10. ØMNI – Silence Inside (08:31)
11. ØMNI – Infinite Nothing (05:14)

Omnipotent und unwiderstehlich. Hoffentlich…

Nein, viele Highlights hat das Power Metal-Jahr 2018 noch nicht bereitgehalten – aber so langsam scheint die ein oder andere hochkarätige Band doch noch entsprechend vorzulegen. So erscheinen am heutigen 16. Februar nicht nur die neuen und teilweise lange erwarteten Werke von Bands wie HEAVATAR, THAUROROD, NOVAREIGN und VISIONS OF ATLANTIS – sondern auch das neue Studioalbum von ANGRA. Selbiges horcht auf den Titel ØMNI, beinhaltet 11 Titel bei einer Gesamtspielzeit von einer guten Stunde – und ist der mittlerweile neunte offizielle Langspieler aus der brasilianischen Metal-Schmiede, der seit dem Beitritt des Ex-RHAPSODY OF FIRE-Frontmanns Fabio Lione (das war 2013) auch ein wenig des berühmt-berüchtigten italienischen Genre-Feuers innewohnt. Eines muss man der Genre- und Gesangs-Legende dabei in jedem Fall lassen, so groß die anfängliche Überraschung über die Neubesetzung auch gewesen sein mag: er hatte sich als einer der weltweit erfahrensten, unverkennbarsten und sicher auch gefragtesten Sänger schnell einen angestammten Platz im Lineup der Band erarbeitet, und seine Anpassbarkeit bereits auf dem 2015 erschienenen SECRET GARDEN (siehe Review) entsprechend unter Beweis gestellt.

Mit ØMNI  erscheint nun das zweite ANGRA-Album unter der neuen Führung von Fabio Lione – und das neunte im Sinne der hiesigen, insgesamt eher durch Qualität anstatt durch Quantität überzeugenden Komplett-Diskografie. Auf den ersten Blick scheint sich dabei nicht allzu viel geändert zu haben im Rahmen der von ANGRA angepeilten Marschrichtung: noch immer sind die Brasilianer relativ problemlos als Band zu erkennen, die nicht erst seit gestern Musik machen – und noch immer setzen sie gerne mal auf etwas vertracktere respektive progressive Strukturen, die man so eigentlich nur ANGRA zuschreiben kann. Und auch wenn ANGRA mittlerweile – und das nicht zuletzt durch die neue Besetzungsstrategie – etwas weniger typisch brasilianisch klingen als dereinst, so wissen die neu gefundenen Alternativen mindestens ebenso sehr zu überzeugen. Ein Beispiel dafür servieren die Brasilianer gleich im Opener: LIGHT OF TRANSCENDENCE klingt nicht nur äußerst erfrischend, kraftvoll und in jeder Hinsicht quicklebendig – auch die hier anberaumte symphonische Komponente verleiht dem Ganzen einen schön druckvollen, schier majestätischen Anstrich. Im Zusammenspiel mit den glücklicherweise ebenfalls nicht vernachlässigten Gitarren, versteht sich – die auch auf ØMNI so manch furios-melodischen Soli-Part abfackeln, und das Herz eines jeden Genre-Enthusiasten höher schlagen lassen sollten.

Was daraufhin folgt, ist das ebenfalls recht ansprechende TRAVELERS IN TIME – das so gesehen schon etwas tiefer in die ANGRA-Materie taucht und mit verschiedenen Stimmungen spielt. Auch hier gilt: insbesondere von Fabio Lione hätte man sich schlicht nicht mehr wünschen können, und die Qualität des Songwritings überzeugt ebenso sehr wie die technische Komponente. Mehr noch: die hier präsentierte, äußerst differenzierte Abmischung und die glasklare – aber eben auch nicht klinische – Produktion könnten relativ problemlos als Maßstab betrachtet werden. Ein kleineres Problem hat ØMNI dann aber doch, und das kommt in diesem Fall in Form eines sich zweifelsohne etwas befremdlich anfühlenden Titels wie BLACK WIDOW’S WEB daher – und das vornehmlich, da ANGRA hier die ARCH ENEMY-Frontfrau Alissa White-Gluz für einen Gastgesangspart geladen haben. Auch wenn der Nummer in einer rein handwerklichen und technischen Hinsicht nichts vorzuwerfen ist, muss er sich doch die Frage gefallen lassen in wie weit diese Marschrichtung zum allgemeinen Konzept von ANGRA passt – oder zumindest, ob man den Titel nicht doch lieber als Rausschmeißer oder Bonustrack hätte vorsehen sollen. Und wie es eben so ist – wo sich ein eher unpassend anfühlender Titel einschleicht, könnte möglicherweise auch noch ein zweiter folgen.

Bevor es soweit ist, folgen jedoch erst einmal das hymnische INSANIA (welches vermutlich keine Hommage an die schwedischen Kollegen der gleichnamigen Band darstellen soll, auch wenn sie es verdient hätten), die trotz des deutlich hörbaren Akzents erstaunlich gut funktionierende Ballade THE BOTTOM OF MY SOUL sowie das voranpreschende WAR HORNS. Fest steht: mit eben diesem Mittelteil geben sich ANGRA keine Blöße – auch oder gerade weil sie hier ziemlich genau so vorgehen, wie man es von ihnen erwartet hätte. Anders gesagt: die Mixtur aus griffig-melodischen und progressiv-wandelbaren Elementen geht hier vollends auf, ins Stolpern gerät man nicht. Eine diesbezügliche Änderung ergibt sich dann aber doch, und das ausgerechnet in Bezug auf CAVEMAN als einen der potentiell interessantesten Titel des Albums. Hier scheinen es ANGRA dann doch etwas übertrieben zu haben – immerhin sorgen allein die merkwürdigen Stammesgesänge dafür, dass man geneigt ist den Titel besser gleich komplett zu überspringen. Warum genau sich ANGRA dazu haben hinreißen lassen bleibt fraglich – zumal man nicht einmal auf weitaus traditionelleren und mit unzähligen indigenen Einflüssen ausgestatteten Alben wie etwa denen von TIERRA MYSTICA ähnliche (und hier einfach nur peinlich klingende) Anwandlungen ausmachen kann. Da es sich sonst um einen recht ansprechenden Titel handelt, ist das natürlich mehr als schade.

Kurioserweise scheint sich auch das folgende MAGIC MIRROR noch dezent von der zuvor an den Tag gelegten, eher makaberen Stimmung beeinflussen zu lassen – woran auch die Maßnahmen den Titel etwas ausführlicher zu gestalten (namentlich die längeren Instrumentalstrecken) nicht wirklich aufgehen. Dass ALWAYS MORE ebenfalls etwas verhalten daherkommt und Fabio Lione von einer fast schon grenzwertig sanften Seite zeigt, macht es nicht unbedingt besser – sodass es letztendlich am überlangen SILENCE INSIDE ist, das Ruder noch einmal herumzureissen. Glücklicherweise gelingt das den Brasilianern auch – was es umso unverständlicher macht, wieso der Rausschmeißer INFINITE NOTHING schon wieder ein dezent aus dem Rahmen fallender ANGRA-Titel ist. Und das nicht nur, da es sich hier um ein am ehesten an einen Filmsoundtrack erinnerndes Instrumentalstück mit vergleichsweise viel Pomp handelt – sondern auch, da man derlei Ambitionen am ehesten dem Auftakt eines japanischen Genre-Albums (etwa einem von DRAGON GUARDIAN) zugeschrieben hätte; wenn auch etwas weniger professionell inszeniert. Schlussendlich, und insgesamt betrachtet: ANGRA haben es nicht ganz geschafft, an den deutlich besseren Vorgänger SECRET GARDEN anzuknüpfen – im Sinne des noch jungen Power Metal-Jahres 2018 aber durchaus ein Genre-Album abgeliefert, dass die Konkurrenz erst einmal stemmen muss.

Absolute Anspieltipps: LIGHT OF TRANSCENDENCE, TRAVELERS OF TIME, INSANIA, WAR HORNS, SILENCE INSIDE


„Gut, aber: abzüglich der vereinzelt auftretenden unpassenden Momente wäre noch viel mehr drin gewesen.“

Metal-CD-Review: ANGRA – Secret Garden (2014)

angra-secret-garden_500

Alben-Titel: Secret Garden
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 16. Januar 2014
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: earMusic

Alben-Lineup:

Rafael Bittencourt – Guitars
Kiko Loureiro – Guitars
Felipe Andreoli – Bass, Keyboards
Fabio Lione – Vocals
Bruno Valverde – Drums

Track-Liste:

1. Newborn Me (06:13)
2. Black Hearted Soul (04:48)
3. Final Light (04:24)
4. Storm of Emotions (04:56)
5. Violet Sky (04:48)
6. Secret Garden (04:03)
7. Upper Levels (06:28)
8. Crushing Room (05:07)
9. Perfect Symmetry (04:22)
10. Silent Call (03:48)

Entdecke den geheimen Garten.

Die Diskografie der brasilianischen Power Metaller von ANGRA war schon bis zum Jahre 2014 alles andere als vorhersehbar, und dabei immer für eine Überraschung gut. Eine der besseren Entscheidungen war es vermutlich, den ehemaligen Leadsänger Andre Matos nach FIREWORKS (Review) seines Weges ziehen zu lassen – und stattdessen den bis dato noch eher unbekannten Edu Falaschi zu verpflichten. Schließlich gelang ANGRA erst mit jenem gesangsstarken Brasilianer der eigentliche qualitative Durchbruch – Alben wie REBIRTH (Review) oder speziell TEMPLE OF SHADOWS (Review) können problemlos als Meilensteine bezeichnet werden. Nicht nur für ANGRA selbst – sondern auch für das übergeordnete Genre. Unter anderem deshalb, und weil Edu Falaschi sein Potential zweifelsohne erkannte; war er bereits ab 2006 innerhalb einer weiteren aufstrebenden Combo tatkräftig unterwegs – ALMAH. Das ist ihm nur zu gönnen, zumal er hier offenbar noch größere Freiheiten genoss – nur für ANGRA wurde sein neuerlich voller Terminplan zu einem waschechten Problem. Und so wurde es 2012 besiegelt: nach Bruno Angra würde nun auch Edu Falaschi seinen Posten als Leadsänger von ANGRA räumen und Platz machen für ein neues Talent.

Doch auf wen sollte die Wahl fallen ? Vielleicht ja wieder auf einen jungen Brasilianer, der selbst noch nicht allzu bekannt ist und sich innerhalb von ANGRA derart entfalten würde wie sein Vorgänger Edu Falaschi ? Die mit zweifelsohne gemischten Gefühlen zu betrachtende Überraschung folgte jedoch sogleich: von nun an sollte niemand geringeres als Fabio Lione (RHAPSODY) seinen Platz einnehmen. Und der ist bekanntlich alles andere als ein unbeschriebenes Blatt, stammt aus Italien – und dürfte zum Zeitpunkt der Aufnahmen für SECRET GARDEN selbst in allerlei Projekte involviert gewesen sein. Somit handelte es sich in jedem Fall um eine Entscheidung, die nicht auf Anhieb nachzuvollziehen ist – und die dazu führt, dass ANGRA abermals eine neue musikalische Facette von sich zeigen. Denn wie so oft galt und gilt: verpflichtet man einen neuen Leadsänger, müssen sich auch die anderen Mitglieder anpassen. Andererseits gerade das gar nicht mal allzu ungewöhnlich für ANGRA, schließlich verstehen es die Brasilianer wie kaum eine zweite Genre-Combo, ihre Veröffentlichungen stets spannend zu machen. Und; das gilt zumindest für einen Großteil der bisherigen Releases – ohne ihre Fans dabei jemals zu enttäuschen.

Bleibt die Frage, wie sich der neue Leadgesang tatsächlich auf das Soundgewand von ANGRA auswirkt. Wobei man diesbezüglich zumindest zwei Titel ausklammern muss, schließlich haben sowohl Doro Pesch (CRUSHING ROOM), Simone Simons (SECRET GARDEN), Tony Lindgren und Patrick Johansson überraschende Gastauftritte. Auftritte, die sich verständlicherweise nicht derart positiv auf das Album auswirken wie einst die gewaltige Zusammenarbeit von zahlreichen hochkarätigen Genre-Sängern auf TEMPLE OF SHADOWS – aber immerhin für eine nette Abwechslung sorgen. Das, was Fabio Lione dann aber als neue Galionsfigur der Band kredenzt; scheint in jeder Hinsicht zur Philosophie von ANGRA zu passen. Analog zur sehr emotionalen, in den richtigen Momenten aber auch extrem kräftigen Stimme des neuen Leadsängers geben sich ANGRA wieder etwas düsterer als zuvor – und gleichzeitig auch härter und druckvoller.

Und so präsentiert sich SECRET GARDEN zumindest nach dem rhythmisch etwas merkwürdigen Opener NEWBORN ME von seiner besten Seite: das flott-melodische BLACK HEARTED SOUL, das emotionale und von dezenten Trommel-Klängen begleitete FINAL LIGHT, aber auch die Ballade STORM OF EMOTIONS sind gut – sogar verdammt gut. Was folgt, ist eine Mischung aus typisch starken ANGRA-Momenten und interessanten Gastaufritten – wobei speziell das kräftige PERFECT SYMMETRY und die sehr weiche, aber eben auch sehr glaubwürdige Ballade SILENT CALL positiv hervorstechen. Es ist also ganz egal, was man von der neuen Besetzung mit Fabio Lione hält – zumal es schade ist ein Talent wie Edu Falaschi gehen zu sehen – geschadet hat es ANGRA aber nicht.

Absolute Anspieltipps: BLACK HEARTED SOUL, FINAL LIGHT, PERFECT SYMMETRY, SILENT CALL


80button

„Obwohl jedes Album teils deutlich anders klingt und eine ganz spezielle Note hat, bleiben sich ANGRA selbst treu – das muss man erst einmal schaffen.“

Metal-CD-Review: ANGRA – Aqua (2010)

angra-aqua_500

Alben-Titel: Aqua
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 11. August 2010
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Voice Music

Alben-Lineup:

Edu Falaschi – Vocals
Kiko Loureiro – Guitars
Rafael Bittencourt – Guitars
Felipe Andreoli – Bass
Ricardo Confessori – Drums

Track-Liste:

1. Viderunt Te Aquæ (01:01)
2. Arising Thunder (04:52)
3. Awake from Darkness (05:54)
4. Lease of Life (04:30)
5. The Rage of the Waters (05:34)
6. Spirit of the Air (05:23)
7. Hollow (05:30)
8. Monster in Her Eyes (05:15)
9. Weakness of a Man (06:12)
10. Ashes (05:11)

Im Fluss der Elemente.

ANGRA sind hauptsächlich für zwei Aspekte bekannt: zum einen fungieren sie als eine der wichtigsten brasilianischen Vertreter und Botschafter des Power Metal; und zum anderen verfügen sie trotz der noch relativ geringen Anzahl an Studioalben über ein musikalisches ansehnliches Repertoire. Tatsächlich könnten die bisherigen 6 Studioalben unterschiedlicher nicht sein, woran nicht nur etwaige einschneidende Besetzungswechsel verantwortlich sind – sondern auch bestimmte Stilfragen. Während sich ANGRA also beispielsweise zu Beginn noch stärker an tradionellen Einflüssen der Latein-amerikansichen Kultur orientierten, näherten sie sich im späteren Verlauf immer mehr der klassischen europäischen Spielart an – und lieferten in diesem Zusammenhang auch ihr bisherigen Meisterstück TEMPLE OF SHADOWS (Review) ab. Mit dem letztaktuellen AURORA CONSURGENS (Review) wiederum inszenierte man sich deutlich düsterer als gewönlich, und probierte sich abermals ganz unabhängig von imaginären Genre-Grenzen aus – sodass auch das darauf folgende, mittlerweile siebte Studioalbum AQUA mit Spannung zu erwarten war. Erst Recht, da die Band zwischenzeitlich kurz vor dem Aus zu stehen schien.

Wirklich überraschend ist der tatsächliche Inhalt des Albums aber nicht ausgefallen: auch das siebte Album der Brasilianer serviert dem interessierten Hörer eine mehr als nur solide Genre-Kost. Allerdings; und das macht sich speziell im Vergleich mit den Vorgängern bemerkbar, geht es musikalisch wieder etwas simpler und wenn man so will gewöhnlicher zu. Nicht unbedingt für Genre-Verhältnisse, wohl aber für die von ANGRA – die eigentlich immer darauf bedacht waren, für europäische Ohren eher abenteuerliche Elemente in ihren Kompositionen zu verbauen. Ob weniger auch in diesem Fall wirklich mehr ist, sollte ein jeder für sich selbst entscheiden – speziell, da ANGRA hier in einigen Momenten doch eher wie ihre italienischen Kollegen von LABYRINTH klingen. Zumindest beinahe, wären da nicht doch noch die nach wie vor speziellen Instrumental- und Soliparts, die die sonst etwas verhalten wirkenden Uptempo-Nummern a’la ARISING THUNDER oder THE RAGE OF THE WATERS von der Masse abheben.

Das eigentlich verwunderliche an AQUA ist aber ohnehin Edu Falalaschi – der ohne Zweifel einer der variabelsten Leadsänger des Genres ist und einem jeden ANGRA-Album einen etwas anderen Gesangs-Anstrich verpasst. Einen, der interessanterweise immer perfekt zum Konzept und der Gesamtwirkung des jeweiligen Albums zu passen scheint; was zweifelsohne als seltene Stärke zu werten ist. Und so könnte man auch dieses mal geneigt sein zu glauben, dass es einen weiteren Wechsel des Leadgesangsposten gab – speziell, wenn man seine Darbietung auf AQUA mit der gerade einmal 5 Jahre älteren auf REBIRTH vergleicht. Somit ist AQUA vor allem aus der Sicht der Band-Historie heraus interessant: es macht einfach Spaß, eine Band wie ANGRA über Jahre zu begleiten; und dabei immer wieder auf neues zu stoßen.

Neues, das aber niemals gravierend mit dem bisher etablierten Qualitätsniveau bricht – sondern bestenfalls leichte Ausschläge nach oben oder unten aufweist. AQUA wäre mit seiner Mischung aus druckvollen Stampfer-Hymnen und recht interessanten Balladen (LEASE OF LIFE, SPIRIT OF THE AIR) eigentlich ein Mittelding, hätten sich nicht doch zwei eher störende Aspekte eingeschlichen. Zum einen scheint die gesamte Produktion etwas leblos und steril, und zum anderen schaffen es ANGRA einfach nicht, den Hörer auch nach dem noch halbwegs interessanten HOLLOW bei der Stange zu halten. A MONSTER IN HER EYES, WEAKNESS OF A MAN und ASHES haben schließlich eines gemeinsam: sie sind alle eher langatmig, und werden gesanglich nicht optimal vorgetragen. Schlussendlich bleibt es also bei einer weder-noch Entscheidung. AQUA ist kein Highlight der ANGRA-Diskografie – aber auch kein Album, was man überhören könnte oder sollte.

Absolute Anspieltipps: ARISING THUNDER, AWAKE FROM DARKNESS, HOLLOW


80button

„Etwas anders als die Vorgänger – und gerade deshalb spannend.“

Metal-CD-Review: ANGRA – Aurora Consurgens (2006)

angra-aurora-consurgens_500

Alben-Titel: Aurora Consurgens
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 30. Oktober 2006
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Steamhammer

Alben-Lineup:

Rafael Bittencourt – Guitars
Felipe Andreoli – Bass
Aquiles Priester – Drums
Edu Falaschi – Vocals
Kiko Loureiro – Guitars, Keyboards

Track-Liste:

1. The Course of Nature (04:30)
2. The Voice Commanding You (05:29)
3. Ego Painted Grey (05:49)
4. Breaking Ties (03:30)
5. Salvation: Suicide (04:22)
6. Window to Nowhere (06:01)
7. So Near So Far (06:11)
8. Passing By (06:31)
9. Scream Your Heart Out (04:24)
10. Abandoned Fate (03:09)

Geschichten von der aufsteigenden Morgenröte.

Die Diskografie der brasilianischen Power Metaller von ANGRA ist zweifelsohne eine bewegte. Eben so, wie man es auch von einer regelrechten Genre-Institution erwarten würde – die beileibe nicht nur die brasilianische Power Metal-Kultur mitgeprägt hat. Dass aber selbst eine Band wie ANGRA nicht davor gefeit war, auch mal ein deutlich schwächeres Album zu veröffentlichen zeigte sich mit dem dritten Studioalbum FIREWORKS (Review) – welches trotz vieler einzigartiger Elemente deutlich hinter den beiden Vorgängern HOLY LAND (Review) und ANGELS CRY (Review) anstehen musste. Viel Zeit, das offenbar relativ brachliegende Potential der Band zu bedauern gab es allerdings nicht. Schließlich folgte mit dem 2001’er Album REBIRTH (Review) die nicht nur sprichwörtliche Wiedergeburt von ANGRA, welche die Band in gänzlich neue Sphären katapultierte – auch dank der neuen Besetzung. Mit dem Nachfolger und der quasi-Compilation TEMPLE OF SHADOWS (Review) aus dem Jahre 2004 setzte man dem Ganzen dann auch noch die Krone auf – so kräftig, vielfältig und über wirklich alle Maßen versiert klang bis dato noch kein ANGRA-Album.

Betrachtet man nun AURORA CONSURGENS, das 2006’er Album der Band; so hätte man eigentlich erwarten können dass ANGRA die neuerliche Tradition der hervorragenden Veröffentlichungen fortsetzen würden. Immerhin wäre so auf eine gute bis sehr gute Trilogie unter alter Besetzung (ANGELS CRY, HOLY LAND, FIREWOKS) noch eine weitere, dieses Mal sogar ausgezeichnete entstanden (REBIRTH TEMPLE OF SHADOWS, AURORA CONSURGENS). Doch wie so oft zeigt sich: man sollte immer mit Überraschungen rechnen, ob positiven oder negativen. In welche Richtung AURORA CONSURGENS letztendlich tendiert, muss ein jeder für sich selbst ausmachen – doch Fakt ist, dass sich abermals etwas in Bezug auf das Soundgewand der Band getan hat. Die Veränderungen sind sogar recht gravierend: von der direkten, unmittelbaren und eher unkomplizierten Wirkung eines TEMPLE OF SHADOWS muss man in jedem Fall Abschied nehmen.

Doch das muss nicht zwingend schlechtes bedeuten – nur, dass eine extreme Umgewöhnung notwendig sein dürfte. Schließlich klingt AURORA CONSURGENS allgemein düsterer und eventuell auch schwergängiger als alle bisherigen ANGRA-Alben – und das in Bezug auf so gut wie alle Elemente. Das Riffing wirkt nun schwerer und nicht mehr ganz so verspielt, das Tempo wird immer wieder markant gedrosselt – und auch der Leadgesang von Edu Falaschi hat sich der neuerlichen Atmosphäre angepasst. Wenn man so will klingt er etwas bodenständiger und nicht mehr ganz soweit ausholend wie zuvor; das gleiche gilt auch für viele der Kompositionen. Mit denen zielt man nun nicht mehr darauf ab, möglichst sofort zündende Hymnen zu erschaffen – sondern eher progressiv angehauchte Stampfer, die erst nach und nach ihren Charme entfalten. Dafür ist bereits der Opener THE COURSE OF NATURE ein hervorragendes Beispiel, der zudem mit einer ansprechenden Instrumentalstrecke im späteren Verlauf aufwartet. THE VOICE COMMANDING YOU ist dann am ehesten das, was man als schmackige Hymne bezeichnen könnte – und die funktionieren bei ANGRA spätestens seit REBIRTH hervorragend.

Was dann folgt, beinhaltet einige nicht wirklich überraschende aber zweifelsohne starke Momente (WINDOW TO NOWHERE, SCREAM YOUR HEART OUT) – aber eben auch die potentiellen Knackpunkte des Albums. So werden das merkwürdige SO NEAR SO FAR, die eher abgedroschene Ballade ABANDONED FATE oder eine Nummer wie BREAKING TIES sicher nicht jedermann gefallen – tatsächlich scheint speziell hier der eher harmlos-rockige bis Radio-taugliche Anstrich eher ungewöhnlich für ANGRA. Das gelingt der Band in PASSING BY schon besser: hier vermengen sich jene zugänglichen Elemente mit einigen typischen ANGRA-Trademarks wie einer grandiosen Instrumentalstrecke oder den furios-kräftigen Gesangsausbrüchen von Edu Falaschi. Dennoch kann man eines nicht verhehlen: AURORA CONSURGENS klingt insgesamt deutlich glattgeschliffener; und wenn man so will auch Mainstream-tauglicher als seine Vorgänger. Das hat wie so oft Vor- und Nachteile – wirkt sich im Vergleich mit dem grandiosen Vorgänger aber verständlicherweise eher negativ auf die Wertung aus. Es gilt, das Album in mehreren Durchläufen für sich zu entdecken, ob als Fan oder als Neueinsteiger – und zu hoffen, dass ANGRA noch einmal ein Mammut-Werk wie TEMPLE OF SHADOWS auf die Beine stellen können.

Absolute Anspieltipps: THE COURSE OF NATURE, THE VOICE COMMANDING YOU, SALVATION SUICIDE, WINDOW TO NOWHERE


75button

„Teilweise etwas weichgespült und bei weitem nicht so gut wie der Vorgänger – aber noch immer eine solide Leistung.“

Metal-CD-Review: ANGRA – Temple Of Shadows (2004)

angra-temple-of-shadows_500

Alben-Titel: Temple Of Shadows
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 6. September 2004
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: SPV GmbH

Alben-Lineup:

Edu Falaschi – Vocals
Kiko Loureiro – Guitars, Keyboards
Rafael Bittencourt – Guitars
Felipe Andreoli – Bass
Aquiles Priester – Drums

Track-Liste:

1. Deus le Volt! (00:52)
2. Spread Your Fire (04:25)
3. Angels and Demons (04:11)
4. Waiting Silence (04:55)
5. Wishing Well (04:00)
6. The Temple of Hate (05:13)
7. The Shadow Hunter (08:05)
8. No Pain for the Dead (05:05)
9. Winds of Destination (06:56)
10. Sprouts of Time (05:10)
11. Morning Star (07:39)
12. Late Redemption (04:55)
13. Gate XIII (05:04)

Wo Schatten ist, ist auch Licht.

Im gerade erst begonnenen neuen Millennium standen die Zeichen gut für die brasilianischen Power Metaller von ANGRA. Schon 2001 hatten sie mit ihrem vierten Studioalbum REBIRTH (Review) eindrucksvoll aufgezeigt, dass sie sich nicht auf vorangegangen Lorbeeren ausruhen wollten – und mit einigen kleineren und größeren Veränderungen dafür gesorgt, dass sie ihr bis dato bestes Album abgeliefert hatten. Mit diesem sehr starken Auftakt einer neuen Band-Epoche und zeitlosen Klassikern wie dem wichtigen Debütalbum ANGELS CRY (Review) im Gepäck war man offenbar gerüstet, auch in Zukunft markant durchzustarten – wobei der erste diesbezügliche Versuch nach REBIRTH auf den Namen TEMPLE OF SHADOWS horcht und aus dem Jahre 2004 stammt. Zeitgleich handelt es sich hierbei um ein Album, welches das vielleicht überraschendste der bisherigen ANGRA-Diskografie ist – was mehrere Gründe hat.

Nicht wirklich überraschend, aber sehr gut ist; dass ANGRA auch dieses Mal ihr Potential vollständig ausschöpfen – und es schon längst nicht mehr gilt, sich an kleineren Unstimmigkeiten aufzuhalten. Die gab es schon auf REBIRTH nur sehr vereinzelt – und TEMPLE OF SHADOWS legt sogar noch einen drauf. Anders gesagt: wenngleich man annehmen konnte, dass sich REBIRTH bereits verdächtig nahe an einer wie-auch-immer gearteten Genre-Perfektion bewegte; wirkt das fünfte Studioalbum von ANGRA schlicht noch etwas runder, ergreifender und eindrucksvoller. Denn auch wenn die ureigenen Elemente, die man speziell mit traditioneller Musik aus Lateinamerika assoziieren würde deutlich sparsamer eingesetzt wurden; haben sich ANGRA um eine möglichst große Bandbreite an verschiedenen Stimmungen und eindrücken bemüht. Mit Erfolg: statt mit den mitunter recht einzigartigen, aber einstweilen auch etwas schleppend inszenierten exotischen Klängen eines HOLY LAND oder FIREWORKS trumpft TEMPLE OF SHADOWS mit einer wuchtigen Metal-Instrumentierung und der nötigen Portion Progressivität auf.

Vor allem zwei Elemente stehen dabei so stark im Fokus wie noch nie: der Leadgesang und die Gitarren. Ersterer stammt wie schon bei REBIRTH von Edu Falaschi, doch scheint sich der in Bezug auf TEMPLE OF SHADOWS noch einmal deutlich gesteigert zu haben. Sicher auch, weil er hier etwas mehr Abstand nimmt vom allgemein typischen Genre-Gebaren, und sich stattdessen überraschend kräftig inszeniert. Die gefühlvollen, balladesken Momente a’la WISHING WELL gelingen ihm allerdings auch vorzüglich – die Entscheidung, ihn ins Boot zu holen und Andre Matos zu verabschieden konnte spätestens jetzt als absolut richtige bezeichnet werden. Doch auch die Gitarren haben auf TEMPLE OF SHADOWS allerlei Glanzmomente. Während REBIRTH schon ein Schritt in eine deutlich Power Metal-lastigere Instrumentierung war, scheint nun der Zenit erreicht – zumindest was die technisch versierten, wunderbar klingenden Frickeleien und deren Wichtigkeit in den Kompositionen betrifft. Doch natürlich gibt es auch dieses Mal wieder einige akustische Passagen, verschiedene andere Instrumente oder auch mal ein gelungenes symphonisches Instrumental (GATE XIII) zu hören; was den Faktor der Abwechslung abermals steigert.

Eine Kleinigkeit, die das Album zusätzlich vom schon gelungenen Vorgänger REBIRTH abhebt; findet sich in einigen überraschenden Gastauftritten. So wird man nicht nur einige alte bekannte (Kai Hansen, Hansi Kürsch, Sabine Edelsbacher) entdecken – sondern auch, dass sich hier eine Größe wie Miro Rodenberg für einen Großteil der Keyboards verantwortlich zeichnet oder eher unbekannten klassischen Musikern aus Brasilien eine Bühne gegeben wird. Wenn man es negativ ausdrücken wollte, könnte man sagen dass ANGRA deshalb etwas weniger nach sich selbst respektive ihrer alten Form klingen – doch andererseits gibt gerade dieser gefühlte Compilation-Anstrich dem Album eine herrlich frische, zusätzlich gewichtige Note. Ohnehin wird man sich nicht daran stören, lauscht man erst einmal dem Alben-Auftakt mit dem wahnsinnigen SPREAD YOUR FIRE, dem antreibenden ANGELS AND DEMONS oder dem symphonisch angehauchten WAITING SILENCE. Aber auch im weiteren Verlauf lassen sich keinerlei Schwächen entdecken, selbst die eher ruhigen Momente wissen aufgrund des hervorragenden Handwerks und einer vergleichsweise immensen Glaubwürdigkeit durchweg zu überzeugen. Wenn man einmal in den Genuss kommt und sich eine handvoll Alben für eine einsame Insel aussuchen muss, sollte TEMPLE OF SHADOWS in jedem Fall dabei sein.

Absolute Anspieltipps: Alle


95button

„Ein Highlight in jeder Hinsicht.“

Metal-CD-Review: ANGRA – Rebirth (2001)

angra-rebirth_500

Alben-Titel: Rebirth
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 13. November 2001
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Steamhammer

Alben-Lineup:

Edu Falaschi – Vocals
Kiko Loureiro – Guitars
Rafael Bittencourt – Guitars
Felipe Andreoli – Bass
Aquiles Priester – Drums

Track-Liste:

1. In Excelsis (01:03)
2. Nova Era (04:52)
3. Millennium Sun (05:11)
4. Acid Rain (06:08)
5. Heroes of Sand (04:39)
6. Unholy Wars (Part I – Imperial Crown / Part II – Forgiven Return) (08:14)
7. Rebirth (05:18)
8. Judgement Day (05:40)
9. Running Alone (07:14)
10. Visions Prelude (04:32)

Die Wiedergeburt einer Legende ?

Wenn eine Band gerade einmal gute 10 Jahre, viele kleinere Releases und drei Studioalben auf dem Buckel hat, kann es dann wirklich schon an der Zeit sein für eine sprichwörtliche Wiedergeburt ? Eine eben solche zelebrierten ANGRA schließlich auf und mit ihrem vierten Studioalbum REBIRTH. Das klingt zunächst einmal hoch gestochen, zumal auch einige einschneidende Lineup-Wechsel auf große Veränderungen innerhalb der vielleicht wichtigsten brasilianischen Genre-Combo hinwiesen – doch tatsächlich gelang ANGRA so ein dringende benötigter Befreiungsschlag. Während das Debütalbum ANGELS CRY (Review) und dessen Nachfolger HOLY LAND (Review) knapp den Status als Meisterwerke verfehlten, aber dennoch als überaus wichtige Veröffentlichungen betrachtet werden konnten und können; schien das Konzept spätestens auf dem dritten Album FIREWORKS (Review) dezent eingeschlafen. Mehr noch, trotz des offensichtlichen Talents der einzelnen Mitglieder kristallisierten sich auch klare Schwächen heraus. Schwächen, derer man sich in Bezug auf REBIRTH endlich angenommen hatte – mit dem Ergebnis eines deutlich stilsichereren Präsentation und eines insgesamt noch beeindruckenderen Sounds.

Und auch wenn es irgendwo gemein wäre, einen Großteil dieser Wirkung auf den wohl markantesten Lineup-Wechsel zu beschränken – für den ehemaligen Leadsänger Andre Matos kam Edu Falaschi – kann man wohl kaum verhehlen, dass der neue Sänger hier schlicht eine wesentlich bessere Figur macht und auch sonst perfekt zu den typischen ANGRA-Trademarks zu passen scheint. Schließlich bringt Edu Falaschi erstmals auch die nötige Portion Kraft und Ausdrucksstärke mit, die mit den eigentlich schon immer gelungenen Instrumentalkompositionen mithalten kann. Aber auch die eher ruhigen, balladesken Momente (wie in MILLENIUM SUN, HEROES OF SAND oder dem Titeltrack REBIRTH) beherrscht er perfekt – und präsentiert sie zudem mit einer wesentlich glaubwürdigeren Emotionalität. Kein wirklicher Unterschied zu den Vorgängern und weiterhin positiv ist, dass die Faktoren der Abwechslung und Variabilität weiterhin hoch gehalten werden – und auf wuchtige Momente immer wieder geradezu besinnliche, oder eben auch mal eher exotische folgen. Wobei es gerade von denen ruhig noch etwas mehr hätten sein können – Nummern wie ACID RAIN oder das zweiteilige UNHOLY WARS (welches zeitgleich einer der besten Nummern des Albums ist) werden schließlich erst aufgrund jener Elemente, die man vor allem im europäischen Raum nicht oder kaum hört; zu dem was sie sind.

Etwas aber hat sich dann doch verändert, analog zum neu erstarkten Leadgesangsposten: die gesamte Instrumentation von REBIRTH ist deutlich Power Metal-lastiger geworden, und folglich auch knackiger, mitreißender und wenn man so will origineller. Schließlich geht sie erst jetzt voll auf, die Symbiose aus direkt fesselnden Metal-Elementen und den ureigenen Trademarks der Marke ANGRA. Umso schöner ist, dass sich auch der vermutlich letzte Knackpunkt am früheren Sound der Band in Luft aufgelöst hat: alles was die Produktion betrifft bewegt sich nun klar im grünen Bereich. So ist nicht mehr nur das Material selbst gut, sondern auch dessen Präsentation – was erstmals zu einem vollendeten Sound-Genuss führt und die Gesamtwirkung in zumindest für ANGRA bisher unerreichte Höhen treibt.

Schlussendlich könnte man sagen, dass in ANGRA schon immer etwas schlummerte. Eine Mission, ein großes Talent; oder vielleicht sogar die Bestimmung nicht nur als Wegbereiter zu fungieren, sondern auch die Genre-Spitze selbst zu erklimmen. Während die Vorgänger dies noch in einer eher theoretischen Art und Weise festhielten, ist REBIRTH der erste wirkliche handfeste, rundum zufriedenstellende Beweis.

Absolute Anspieltipps: NOVA ERA, MILLENIUM SUN, ACID RAIN, UNHOLY WARS


90button

„Hier wird einem tatsächlich nicht zu viel versprochen.“

Metal-CD-Review: ANGRA – Fireworks (1998)

angra-fireworks_500

Alben-Titel: Fireworks
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 14. Juli 1998
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Steamhammer

Alben-Lineup:

Ricardo Confessori – Drums
Andre Matos – Vocals, Keyboards
Kiko Loureiro – Guitars
Rafael Bittencourt – Guitars
Luís Mariutti – Bass

Track-Liste:

1. Wings of Reality (05:55)
2. Petrified Eyes (06:05)
3. Lisbon (05:13)
4. Metal Icarus (06:24)
5. Paradise (07:38)
6. Mystery Machine (04:12)
7. Fireworks (06:21)
8. Extreme Dream (04:17)
9. Gentle Change (05:36)
10. Speed (05:57)

ANGRA, oder: eine Band zwischen Genie und Wahnsinn.

Schon kurze Zeit nach ihrem zweiten Studioalbum HOLY LAND (Review) legten die berühmt-berüchtigten brasilianischen Power Metaller von ANGRA nach – und präsentierten ihrer Hörerschaft das 10 Titel starke FIREWORKS. Interessant dabei ist, dass es sich musikalisch und stilistisch nur noch ansatzweise in jenen Sphären bewegt wie die beiden Vorgänger – das Exotische, das Besondere wurde eindeutig zugunsten einer; man nenne sie einmal internationalen Gleichförmigkeit zurückgestellt. Zwar sind die besonderen Elemente in Form von speziellen symphonischen Raffinessen, Landes-spezifischen Klang-Einflüssen und zahlreichen Änderungen der Marschrichtung auch innerhalb einzelner Titel noch immer vorhanden – aber eben in einem deutlich geringeren, fast schon enttäuschenden Ausmaß.

Dafür scheint man sich aber in einer anderen Hinsicht gesteigert zu haben, und das ausgerechnet in Bezug auf zwei Schwächen der früheren Veröffentlichungen: zum einen lässt die Produktion auch dieses Mal noch reichlich Luft nach oben, und kann das musikalische Intermezzo aus vielen verschiedenen Eindrücken nicht immer angemessen transportieren – und zum anderen ist der Leadgesang von Andre Matos eine zweifelsohne besondere Angelegenheit. Zumindest, wenn man es versöhnlich ausdrücken wollte – doch gerade im Vergleich zu den oftmals starken Instrumental-Kulissen muss er hier deutlich in Sachen Kraft, Variation und Ausdrucksstärke hintenan stehen. Und das gilt speziell für das vorliegende dritte ANGRA-Album – bei dem er sich so schwach zeigt wie nie zuvor.

Und noch etwas könnte je nach persönlicher Facón eher negativ auffallen – erst Recht, wenn man analog zum Titel ein tatsächliches musikalisches Feuerwerk erwartet. Schließlich scheint es, als würde es FIREWORKS hie und da doch an etwas fehlen: selbst da, wo ANGRA immer wieder Ansätze hinsichtlich einer gewissen Imposanz durchblicken lassen (wie etwa in LISBON), scheint man sich eher in progressiven Strukturen festzufahren als schlicht und ergreifend voll durchzustarten. So ergeht es nicht wenigen anderen Nummern des Albums – die allein von ihren Grundzutaten her eigentlich hätten aufgehen müssen. Mal ist es der erschreckend kraftlos-weinerliche Leadgesang (wie ausgerechnet in METAL ICARUS), mal ein eher langatmiger Gesamteindruck (wie in PARADISE), mal eine hörbare Anbiederung an internationale Genre-Standards. Da kann selbst ein später Kracher wie SPEED nicht mehr viel reißen – zumal er genauso gut von HELLOWEEN oder GAMMA RAY stammen könnte.

Was auch immer geschehen ist – ANGRA hatten sich verändert, und das nicht zum Guten. FIREWORKS ist somit ein absolut zu vernachlässigendes Genre-Album geworden, und eines dass man zumindest gedanklich aus der ANGRA-Diskografie streichen sollte – leider.

Absolute Anspieltipps: PETRIFIED EYES


40button

„Nach den beiden höchst soliden Vorgängern eine mehr als bittere Pille.“

Metal-CD-Review: ANGRA – Holy Land (1996)

angra-holy-land_500

Alben-Titel: Holy Land
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 23. März 1996
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Rising Sun Productions

Alben-Lineup:

Andre Matos – Vocals, Keyboards
Kiko Loureiro – Guitars
Rafael Bittencourt – Guitars
Luís Mariutti – Bass
Ricardo Confessori – Drums

Track-Liste:

1. Crossing (01:57)
2. Nothing to Say (06:21)
3. Silence and Distance (05:36)
4. Carolina IV (10:36)
5. Holy Land (06:27)
6. The Shaman (05:23)
7. Make Believe (05:53)
8. Z.I.T.O. (06:05)
9. Deep Blue (05:47)
10. Lullaby for Lucifer (02:48)

Vom Power Metal und Vorbildfunktionen.

Wenn es ein Land gibt, welches als Ursprungsort großartiger Power Metal-Acts oftmals unterschätzt oder in internationaler Hinsicht eher weniger beachtet wird; dann ist das Brasilien. Dabei zeigen sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart auf, dass immer wieder mit positiven Überraschungen zu rechnen ist – ob nun im kleinen, oder aber im großen. Zu welcher Fraktion die alten Hasen von ANGRA gehören, ist natürlich längst bekannt: als vielleicht wichtigste Genre-Vertreter aus Brasilien fungierten sie nicht nur als Wegbereiter und Inspirationsquelle für viele andere, sondern machten sich auch in internationaler Hinsicht einen respektablen Namen. Und dafür gib es mindestens zwei Gründe. Einen, der sich verständlicherweise aus der dargebotenen Musik selbst ergibt – und einen, der vor allem in der Retrospektive deutlich wird.

Schließlich besteht kein Zweifel daran, dass ANGRA ihre ehrwürdige Position als Genre-Wegbereiter nicht nur auf dem Papier vorweisen können. Lauscht man beispielsweise dem Schaffen von späteren Genre-Kollegen wie AGE OF ARTEMIS, AQUARIA, TIERRA MYSTICA und vielen anderen; wird man eines feststellen: der Power Metal aus Brasilien klingt im besten Fall ein wenig anders als sein europäisches Pendant, und beinhaltet oftmals auch symphonische oder gar explizit-indogene Klang-Einflüsse. Während das gerade für das europäische Ohr immer wieder eine Erfrischung ist, so gab es diesen Sound bereits zu Beginn der 90er Jahre – oder genauer gesagt 1993, als ANGRA ihr Debütalbum ANGELS CRY (Review) veröffentlichten. HOLY LAND setzte die Tradition jenes neuen, absolut erfrischenden und wenn man so will auch angenehm exotischen Klänge dann 1996 fort – und setzte vielleicht sogar noch einen drauf.

Und das auch oder gerade weil der Anteil der Elemente, die man am ehesten mit dem Power Metal assoziieren würde vergleichsweise gering ist. Aber natürlich dennoch vorhanden, wie beispielsweise der Opener NOTHING TO SAY als international taugliche Vorzeige-Hymne beweist. Der Großteil der auf dem Album enthaltenen Nummern ist aber eher progressiver Natur – und folglich von zahlreichen Veränderungen, Stimmungswechseln und instrumentalen Variationen geprägt. Das außergewöhnliche SILENCE AND DISTANCE beispielsweise beginnt als Ballade – verändert sich dann aber in eine abenteuerliche Mischung aus einem melodischen Stampfer und geradezu festlichen Klängen. Erst mit dem 10-minütigen CAROLINA IV schöpft man dann aus dem vollen Fundus der hierzulande eher unbekannten Einflüsse – und präsentiert eine Geschichtsstunde der etwas anderen Art. Eine klanglich zunächst gewöhnungsbedürftige – doch waren ANGRA schon immer darauf bedacht, die universelle Wirkungskraft des Power Metal niemals außen vor zu lassen.

Und gerade deshalb funktioniert HOLY LAND auch heute noch vorzüglich – als für das Genre wichtiger Klassiker einerseits, und als für sich betrachtet hervorragendes Genre-Album andererseits. Die handwerklichen Leistungen der Mitglieder stimmen (auch wenn der Leadgesang von Andre Matos wahrlich alles andere als kräftig oder bissig ist), die erzählten Geschichten sind packend; eine ähnlich klingende Vergleichsband wird man so schnell nicht finden. Dass HOLY LAND dennoch nicht die volle Wertung einfährt, hat zwei Gründe: zum einen erscheint die Produktion alles andere als perfekt, und zum anderen – was sicher auch damit verbunden ist – kommen die Metal-Elemente nicht so zum Tragen wie sie es theoretisch könnten. Die Gitarren erscheinen im Mix eher hintergründig, was aufgrund der ohnehin omnipräsenten anderen Instrumente und des Keyboards leicht problematisch ist. Davon absehen stimmt die Mischung aus exotischen, energetischen und balladesken Momenten – der Unterhaltungswert des Albums ist jedenfalls enorm.

Absolute Anspieltipps: NOTHING TO SAY, SILENCE AND DISTANCE, Z.I.T.O., DEEP BLUE


75button

„Ein unterhaltsamer, aber sicher nicht unantastbarer Klassiker.“

Metal-CD-Review: ANGRA – Angels Cry (1993)

angra_angelscry
Album: Angels Cry | Band: Angra (weitere Band-Inhalte)

Land: Brasilien – Stil: Power Metal – Label: Rising Sun Records

Alben-Lineup:

Andre Matos – Gesang, Piano, Keyboard
Luís Mariutti – Bass
Rafael Bittencourt – Gitarre
Kiko Loureiro – Gitarre

01 Unfinished Allegro 01.14
02 Carry On
05.03
03 Time 05.56
04 Angels Cry 06.49
05 Stand Away 04.56
06 Never Understand 07.49
07 Wuthering Heights (Kate Bush Cover) 04.41
08 Streets Of Tomorrow 05.03
09 Evil Warning 06.42
10 Lasting Child (Part I: The Parting Words / Part II: Renaissance) 07.36

Power Metal-Geschichtsstunden, heute mit: ANGRA.

Kann man die Geschichte des Power Metal beleuchten, ohne die brasilianische Band ANGRA mit einzubeziehen ? Wohl kaum, sind ANGRA für Brasilien so etwas wie MANOWAR für die USA oder HELLOWEEN für Deutschland. Als eine der ersten bekannteren Bands aus brasilianischen Gefilden verschrieben sich ANGRA von Anfang an einem melodischen, temporeichen und hymnischen Power Metal – wo zuvor eher harsche und / oder rockige Klänge die musikalische Welt definierten. Die Symbiose aus harten, gradlinigen Metal-Elementen, einem harmonischen Gesang und verspielten Keyboard-Elementen sollte nun richtig aufgehen – und im internationalen Zusammenspiel zu einem weiteren Boom der Szene führen. Tatsächlich scheint es so, dass ANGRA seit ihren Gründungstagen enorm zur, nennen wir es Globalisierung des Power Metals beigetragen haben – ihre Fans stammen aus aller Herren Länder, und man inspirierte sich seit jeher gegenseitig. So sind auf ANGELS CRY durchaus einige Klänge zu hören, die stark an die frühen HELLOWEEN-Platten erinnern – etwa das zwischen Ballade und Midtempo balancierende TIME.

Beim Hören eines derart klassischen Albums wie ANGELS CRY, das immerhin aus dem Jahre 1993 stammt, ergeben sich immer besondere Gefühle. Seien es nostalgische – vor allem wenn man sich schon länger im Genre zuhause fühlt, oder schlicht leicht ungläubige – gerade wenn man das Genre zu einem deutlich späteren Zeitpunkt entdeckt hat. Schließlich meint man immer wieder grundlegende Ideen, Stimmungen und einzelne Passagen wahrzunehmen, die sich so auch in der heutigen Power Metal-Musikwelt zahlreich wiederfinden lassen. So kommt es nicht von ungefähr, dass auch eine Band wie ANGRA als eine der Wurzeln des Genres angesehen wird – zu Recht, und absolut nachvollziehbar, lässt man sich aus heutiger Sicht noch einmal auf den Geist des 1993’er Albums ein. Auch das sagenhafte Gäste-Lineup lässt einen wohlig erschaudern: Dirk Schlächter und KAI HANSEN von GAMMA RAY, Alex Holzwarth (später RHAPSODY OF FIRE) und Sascha Paeth (später LUCA TURILLI) gaben sich hier die Ehre – der Wahnsinn. Eine Folge: man ist stellenweise erschrocken, wie dicht der Sound dieses bald 20 Jahre alten Albums an den heutigen Produktionen liegt. Eines steht so zweifelsohne fest: ANGRA lieferten mit ANGELS CRY ein wahrlich zeitloses Album ab, welches das Genre bis heute prägt und vielen als Inspirationsquelle dient.

Stichwort Sound – der ist entsprechend des vergleichsweise hohen Alters nicht ganz auf der Höhe, will heissen produktionstechnisch nicht perfekt. Sicher spielt hier auch der Status des Albums als Debütwerk eine Rolle – andererseits klingt es für ein Debüt schon wieder auffällig versiert, auch was die handwerklichen Leistungen der Bandmitglieder anbelangt. Das knapp ein Jahr ältere Demo-Release REACHING HORIZONS scheint also seine Funktion erfüllt zu haben – und leitete so die unvergleichliche Erfolgsgeschichte einer brasilianischen Metal-Band ein. ANGELS CRY als Grundpfeiler jener Historie begeistert daher auch noch heute – und vermittelt einen zeitweise das Gefühl von Ehrfurcht, ganz ähnlich wie bei den ersten HELLOWEEN-Scheiben. Das besondere: neben zahlreichen vielschichtigen, komplexeren Nummern (a’la dem Titeltrack ANGELS CRY) finden sich auch wunderbar eingängige Mitsing-Hymnen wie CARRY ON – die von einem energetisch-lebendigen Instrumentalpart mitsamt Double-Bass und fetziger Gitarrensoli leben. Immer mit von der Partie ist Andre Matos – ein großer, wenn nicht gar riesiger Szene-Name, der bis heute das Bild des Genres prägt. Interessant und bemerkenswert ist, dass er mit ANGRA nicht nur den Weg für den brasilianischen Power Metal ebnete – sondern  einige Jahre zuvor schon die Heavy Metal-Band VIPER auf den Weg zur Spitze brachte. Diese wurde schon 1985 gegründet – Matos blieb ihr bis 1990 erhalten, um sich bald darauf voll und ganz dem Werk von ANGRA zu widmen.

Also, was hat ANGELS CRY noch zu bieten ? In erster Linie zahlreiche emotional-eindringliche Momente, die in abwechslungsreiche und vielschichtige Kompositionen eingebunden sind. Ein wahres Epos wie STAND AWAY, das von der beeindruckenden Gesangsperformance und markanten klassisch-symphonischen Einspielern geprägt ist; das melancholisch-prächtige STREETS OF TOMORROW, das temporeich-flotte und enorm melodieverliebte EVIL WARNING – einem der wohl stärksten und zeitlosesten Titel des Albums. Und auch das epische LASTING CHILD serviert zum Ausklang noch einmal eine gehörige Portion Power Metal mit tollen Instrumental-Parts. In der Tat: auch die Fusion aus Klassik und Power Metal sollte auf ANGELS CRY als eines der ersten Werke dieser Art in einer ansprechend professionellen Manier zelebriert werden.

Fazit: Es melde sich der, der sich auf seinem musikalischen Werdegang im Genre des Power Metal nicht von ANGRA hat beeinflussen und / oder inspirieren lassen. ANGELS CRY ist vielleicht eines der wichtigsten Power Metal-Alben überhaupt – ANGRA konnten sich so (verdientermaßen) auf eine Ebene mit MANOWAR, HELLOWEEN oder auch GAMMA RAY stellen, als Mitglied in der alten Schule des Power Metal, der einmal zahlreiche andere Künstler inspirieren sollte. Dennoch kann keine Höchstwertung vergeben werden – zum einen verhindert dies die Soundqualität (minimal), zum anderen der nicht immer treffsichere Gesang von Andre Matos, der je nach Gusto auch mal etwas nervenaufreibend ausfallen kann. Dennoch: wer dieses Album nicht in seinem Regal hat, verpasst einen wichtigen Teil der Geschichte des Power Metal.

Anspieltipps: CARRY ON, ANGELS CRY, EVIL WARNING, LASTING CHILD


80button