Filmkritik: „Poesía Sin Fin Aka Endless Poetry“ (2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Alejandro Jodorowsky
Mit: Adan Jodorowsky, Jeremias Herskovits, Brontis Jodorowsky u.a.
Land: Frankreich / Chile
Laufzeit: ca. 128 Minuten
FSK: nicht geprüft
Genre: Drama
Tags: Poesie | Kunst | Freigeist | Chile | Ibanez

Von Künsten und Künstlern, die noch lange nachhallen werden.

Inhalt: Nachdem er und seine Eltern dem kleinen Hafenstädtchen Tocopilla den Rücken gekehrt und in Santiago de Chile angekommen sind, begeistert sich der junge Alejandro Jodorowsky (Jeremias Herskovits) mehr und mehr für die Kunst der Poesie. Und das sehr zum Missfallen seines strengen Vaters (Brontis Jodorowsky), wie sich herausstellt – der seinen Sohn am liebsten in einer ehrbaren Position als Arzt sehen möchte. Seine Mutter (Pamela Flores) hält sich dagegen weitestgehend aus der Diskussion heraus – sodass Alejandro sichtlich froh ist neue Freunde zu finden, die ihn auf seinem Weg hin zu einem anerkannten Künstler unterstützen. Als bereits einige Jahre älterer junger Mann (Adan Jodorowsky) lernt er schließlich Enrique Lihn (Leandro Taub:) kennen, so gesehen ein wahrer Freund im Geiste – mit dem er viele Höhen und Tiefen des Lebens gemeinsam erlebt und in Form seiner Kunst verarbeitet. Am Ende aber steht wie so oft die Frage: für welchen Lebensweg wird sich der junge Künstler entscheiden ?

Kritik: Man erinnert sich… 2013, also noch vor gar nicht allzu langer Zeit zelebrierte das mittlerweile in vielerlei Hinsicht legendäre Multitalent Alejandro Jodorowsky (El Topo, Montana Sacra – Der heilige Berg) sein überraschendes filmisches Comeback. Tatsächlich aber war und ist LA DANZA DE REALIDAD (siehe Review) nur der erste Teil einer groß angelegten filmischen Autobiografie; oder eher: ein wichtiges Teilstück auf dem Weg hin zu einem neuen Gesamtkunstwerk – mit dem man so nicht unbedingt hätte rechnen können. Ein Gesamtkunstwerk, welches Fans und Freunde des chilenischen Poeten nur allzu gerne annehmen – und an welches nun mit dem Nachfolger POESIA SIN FIN angeknüpft wird. In inhaltlicher Hinsicht (und das sogar fließend), aber selbstverständlich auch in Bezug auf den ureigenen Stil des Altmeisters. Jodorowksy, der mit diesem Werk nicht weniger versucht als sein gesamtes bisheriges (Künstler-)Leben aufzuarbeiten und für die Nachwelt festzuhalten, geht dabei grundsätzlich exakt so vor wie man es von ihm gewohnt ist – oder auch, wie man es von ihm erwarten würde. Damit ist POESIA SIN FIN – wie auch ein Großteil seiner bisherigen Filme – als Werk zu bezeichnen, das auf vielerlei Ebenen stattfindet und funktioniert.

Vor allem aber ist es natürlich das klassische Kino, das heißt der klassische Film dem er mit POESIA SIN FIN einen Tribut zollt. Ein Kino, in dem es vorrangig nicht um plumpe oder gar massentaugliche Unterhaltung geht, gehen sollte – sondern um eine Kunstform, die durchaus auch von einem gewissen Protest begleitet werden kann und darauf ausgelegt ist, eine emotionale Reaktion auf Seiten des Zuschauers zu generieren. Somit erscheint es geradezu passend, dass auch ganz andere Kunstformen einen Einzug in POESIA SIN FIN feiern respektive von Jodorowsky auf ein Podest gestellt werden – auf dass sich die (imaginären) Welten des Kinos, des Zirkus, des Theaters und anderer freier Formen künstlerischer Mitteilungsformen vereinen; und es im besten Fall ermöglichen einen Diskurs über die ganz großen, alles umgebenden Fragen des Lebens zu führen.

In jedem Fall hat Jodorowksy, der sich auch in POESIA SIN FIN einer mitunter gewaltigen Bildsprache bedient; dabei nichts von seinem ursprünglichen Handwerk verlernt. Ganz im Gegenteil – auch heute noch schafft er es, und das quasi nebenbei; aus seinen Filmen weit mehr zu machen als eine bloße Aneinanderreihung verschiedener Einzelszenen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger LA DANZA DE LA REALIDAD, der grob betrachtet eher die frühe Kindheit Jodorowsky’s behandelt; steht dieses Mal klar seine endgültige (Ver-)Wandlung hin zu einem Lebenskünstler im Fokus – der aufgrund seiner persönlichen Entscheidungen in einen starken Konflikt sowohl mit dem Elternhaus als auch der faschistischen Gesellschaft gerät. Wie, ja wie sollte man sein Leben glücklich leben können; wenn man ein Freigeist oder auch Künstler ist – während sich die Menschen um einen herum offenbar nur allzu gerne in ein diktatorisches Korsett zwängen lassen, um daraufhin jeden der von der neu festgesetzten Norm abweicht zu verfolgen ? Fragen wie diese ziehen sich in der ein oder anderen Form wie ein roter Faden durch den Film, der dabei natürlich auch nicht vor einigen; man nenne sie gewöhnungsbedürftigen Szenen Halt macht – in denen es vor allem um Nacktheit, Sex oder Gewalt geht.

Im Gegensatz zu den früheren Filmen Jodorowsky’s aber kann man hier relativ getrost von einer eher harmlosen Ausführung derselben sprechen – zumindest, wenn man nicht ganz so zart besaitet ist. Und auch die Angst oder Befürchtung mancher, der Film könnte allzu surrealistische Züge annehmen ist unbegründet – tatsächlich handelt es sich sogar um einen Film, dem man auch im herkömmlichen Sinne recht gut folgen kann. Mit dem Unterschied, dass sich einzelne Szenen oder Set-Designs (wie etwa alles im Zusammenhang mit der Bar) unweigerlich in das Gedächtnis des Zuschauers einprägen werden. Wie selbstverständlich auch etwaige kleinere Seltsamkeiten, etwa in Form der schwarz verhüllten Figuren – welche den Charakteren stets einige Dinge anreichen und somit als gesichtslose Diener fungieren. Wie schon zuvor ist an POESIA SIN FIN dabei vor allem eines markant: das schier grandiose Schauspiel, welches dem ursprünglichen Begriff dieser Kunstform – und das sicherlich zur Freude Jodorowsky’s – allemal gerecht wird. Allein die Liste der Darsteller zu lesen sollte bei manchem für ein angenehmes Kribbeln sorgen; schließlich sind es erneut die Familienmitglieder (und Freunde) aus dem Clan der Jodorowskys, die hier beherzt selbst mit anpacken – und dabei gar kultverdächtige Darbietungen abliefern. Aber auch das ist so gesehen nichts neues, sondern eher Tradition im Hause Jodorowsky – eine Tradition, die zeitlos ist und die man nur begrüßen kann.

Ein klein wenig Kritik muss sich POESIA SIN FIN dann aber doch gefallen lassen. Dabei sind es nicht unbedingt die bei einer Spielzeit von immerhin rund 130 Minuten auftretenden Längen, die sich als störend erweisen – sondern vielmehr ein; man nenne es fehlender Funke in der Gesamtwirkung. Der direkte Vorgänger LA DANZA DE LA REALIDAD wirkte insgesamt eben doch noch etwas runder, universeller, poetischer, majestätischer – was eventuell auch in der Tatsache begründet liegen könnte, dass Jodorowsky die vorherige Schaffenspause (zwischen The Rainbow Thief und LA DANZA DE LA REALIDAD liegen immerhin 23 Jahre) gut genutzt respektive für eine sinnvolle Entladung seiner gewissermaßen angesparten Kreativität gesorgt hat. POESIA SIN FIN dagegen wirkt dagegen – und im Vergleich – zumindest ein klein wenig vorhersehbarer, und wenn man so will auch konstruierter. Sicher, verflogen ist die Magie noch längst nicht – sodass es umso spannender wird, wenn irgendwann einmal der dritte Teil der Biografie in Filmform verwirklicht werden wird. Für einen Status als zeitloses Meisterwerk reicht es – in der einzeln betrachteten Form – aber leider nicht ganz. Dies wird sich vermutlich ändern, sobald die Trilogie als Ganzes erhältlich – und auch als Ganzes bewertbar – ist.


Bilder / Promofotos / Screenshots: © Pascale Montandon-Jodorowsky

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„Der Vorgänger war besser, aber dennoch – auch Poesia Sin Fin ist weniger ein Film als ein ganzheitliches Erlebnis.“

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Filmkritik: „Die Rote Schildkröte“ (OT: La Tortue Rouge, 2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Michael Dudok De Wit
Mit: Tom Hudson, Barbara Beretta u.a.
Land: Frankreich, Belgien, Japan
Laufzeit: ca. 81 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Animation, Drama, Abenteuer, Fantasy
Tags: Schildkröte | Einsame Insel | Familie | Natur | Einklang | Schicksal

Seenot mal anders.

Inhalt: Als sich ein Schiffbrüchiger mit Ach und Krach auf eine einsame Insel irgendwo in den Weltmeeren retten kann, versucht er bald daraufhin alles um seiner misslichen Lage zu entgehen. Doch was er auch anstellt, es gelingt ihm einfach nicht die Insel zu verlassen – wobei es lange unklar bleibt, wer oder was dafür verantwortlich sein könnte. Eines Tages jedoch kann er einen Blick auf jene Kreatur erhaschen, die mit seinem Scheitern direkt in Verbindung zu stehen scheint – eine riesige rote Schildkröte. Auch wenn er nicht genau weiß wie sie seine Flucht hat verhindern können, dreht er das Tier kurz darauf wutentbrannt auf den Rücken – und lässt es zum Sterben in der prallen Sonne liegen. In der darauf folgenden Nacht plagen ihn jedoch Alpträume, und er setzt alles daran die Schildkröte doch noch zu retten. Ob es dafür bereits zu spät ist oder nicht, wird sich erst noch zeigen…

Kritik: Nein – man braucht nicht viel, um einen anständigen Animationsfilm auf die Beine zu stellen. Zumindest nicht, wenn man eine entsprechende inhaltliche Vision vor sich hat und die Gelegenheit erhält, sich in Bezug auf die technische und vor allem visuelle Komponente auf die Mitarbeit bereits erfahrener Veteranen verlassen zu können. Ungefähr hat es sich auch im Falle von LA TORTUE ROUGE ereignet, einem vom niederländischen Drehbuchautor und Trickfilmregisseur Michael Dudok De Wit erdachten; letztendlich auf multinationaler Ebene umgesetzten Projekt – das von niemand geringerem als ToshioSuzuki, dem Vorsitzenden des japanischen Studio GHIBLI (unter anderem verantwortlich für Anime-Meileinsteine wie PRINZESSIN MONONOKE, siehe Review) produziert wurde. Gesetzt dem Fall dass man hat schon einmal einen Blick auf die liebevollen zeichnerischen Welten des berühmten Studios hat werfen können, sieht man das auch direkt – wofür es nicht erst die spezielle Darstellung der kleinen Krabben braucht, die dezent an die sogenannten Rußmännchen aus MEIN NACHBAR TOTORO (Review) oder CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (Review) erinnern.

Dementsprechend fällt es einem Film wie LA TORTUE ROUGE auch entsprechend leicht, den Zuschauer schnell mit seinen in sich stimmigen, trotz der relativen Kargheit des Inselschauplatzes detailreichen Bildern für sich zu gewinnen – wobei man sich speziell an die extrem minimalistisch gestalteten Gesichter und Animationen der Charaktere erst noch gewöhnen muss. Insgesamt aber sieht der Film recht gut bis stellenweise sogar atemberaubend aus – und der gefühlvolle Soundtrack fügt sich perfekt in die Abfolge der alles andere als hektisch aneinandergereihten Naturaufnahmen der Insel samt Umgebung ein. Was bleibt, ist die Frage nach der inhaltlichen Komponente – der im Falle von LA TORTUE ROUGE durchaus auch einige Besonderheiten innewohnen. So hat sich Michael Dudok De Wit etwa dazu entschlossen, für die gesamten 80 Minuten des Films auf jegliche Dialoge zu verzichten – was allemal ungewohnt ist, sich durch die dennoch vorhandenen Gesten, Laute und Interaktionen der Charaktere aber nicht negativ oder gar auf das Verständnis auswirkt.

Schließlich sollte das, was dem Zuschauer nach einem zugegebenermaßen noch etwas zähen Auftakt als Geschichte präsentiert wird; für jedermann verständlich sein – bedient sich Michael Dudok De Wit doch eigentlich nur an der absoluten Basis. In diesem Zusammenhang – und dies verbindet LA TORTUE ROUGE wiederum mit vielen anderen GHIBLi-Filmen – steht nicht weniger als die Natur selbst im Mittelpunkt der Erzählung, und das auf eine ebenso beruhigende wie spannende und inspirierende Art und Weise. Der Mensch selbst spielt hier nur eine eher untergeordnete Rolle, ebenso wie die mystisch-fantastische Komponente in Form der titelgebenden Schildkröte – die ihre Wirkung dennoch nicht verfehlt und einen großen Teil zur bemerkenswerten emotionalen Ebene des Films beiträgt. Die eigentliche Überraschung des Films ist demnach, dass er es trotz seiner relativen Zurückhaltung in Bezug auf die inhaltlichen und optischen Ausstaffierungen schafft; für eine vergleichsweise große und intensive Form der Unterhaltung zu sorgen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Wild Bunch Distribution

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„Minimalistisch, aber eindringlich – eine etwas andere Hommage an die Kraft der Natur.“

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Filmkritik: „The Boy“ (2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: William Brent Bell
Mit: Lauren Cohan, Rupert Evans, Ben Robson u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Horror / Thriller
Tags: Kind | Junge | Puppe | Lebensecht | Gruselig | Anwesen

Da hat mich doch gerade jemand angezwinkert…

Inhalt: Um ihre Vergangenheit endlich hinter sich lassen zu können, nimmt die junge Amerikanerin Greta (Lauren Cohan) einen Job als Kindermädchen bei einem älteren, in einem abgelegenen englischen Dorf lebenden Ehepaar an. Wie sich bald darauf herausstellt, muss sich Greta aber nicht wirklich einer für das Berufsfeld typischen Aufgabe stellen. In Wahrheit ist der 8-jährige Brahms schließlich kein wirklicher Junge – sondern lediglich eine lebensgroße Puppe aus Porzellan. Auch wenn Greta der Angelegenheit verständlicherweise mehr als skeptisch gegenübersteht, nimmt sie die Aufgabe der Betreuung an – und gibt sich alle Mühe, die Heelshires (Jim Norton, Diana Hardcastle) – die kurz darauf verreisen und das neue Kindermädchen allein mit Brahms zurücklassen – zufriedenzustellen. Als sie jedoch beginnt, die Liste mit den ihr gestellten Aufgaben zu hinterfragen und einigen Punkten nicht nachzukommen, ereignen sich plötzlich mehrere seltsame bis absolut furchteinflössende Dinge. Um nicht völlig auf sich allein gestellt zu sein, bittet sie den charismatischen Lebensmittel-Lieferanten Malcolm (Rupert Evans) um Hilfe…

Kritik: Wer kennt sie nicht – jene guten alten Horrorfilme, in denen größere Anwesen und allerlei damit verbundene übernatürliche Phänomene die Hauptrolle spielen… und das im Grunde noch weit vor den eigentlichen Darstellern ? Tatsächlich sollte jeder, der sich schon einmal in den Gefilden des Horrorfilms ausgetobt hat; bereits eine Vielzahl eben solcher Machwerke gesehen haben – und das vermutlich ohne größere Überraschungseffekte. Entsprechend schwierig hat es auch William Brent Bell’s (u.a. WER – DAS BIEST IN DIR) THE BOY, der zunächst wie ein absolut typisches Genre-Werk mit den allseits bekannten Formeln daherkommt: eine junge Frau wird von einem kauzig-mysteriösen Ehepaar als Babysitterin eingestellt, die in einem ebenso prunkvollen wie verwinkelten Anwesen hausen und einige merkwürdige Angewohnheiten pflegen. Immerhin: mit der Prämisse, dass niemals wirklich von Geistern oder Dämonen gesprochen wird und stattdessen eine gleichermaßen hübsch gestaltete wie furchteinflößende Porzellanfigur eines Kindes Dreh- und Angelpunkt der Gesichte ist; kann sich THE BOY durchaus von der Masse abheben – was auch für die glücklicherweise schnell abgelegten Verhaltensmuster nach dem typischen (Angst-)Schema F gilt.

So ist man geneigt, wie die Hauptdarstellerin selbst immer mehr über das vermeintliche Kind herausfinden zu wollen – wobei THE BOY in Sachen Atmosphäre und einer überraschenderweise wenig reißerischen Phantomspannung (etwa bei den längeren Einstellungen auf das Gesicht der Puppe) reichlich Pluspunkte sammelt. Problematisch ist nur der letzte Akt sowie sicher auch die finale Auflösung des Films, bei der man wieder zur guten alten Brechstange greift (und das im wahrsten Sinne des Wortes) – sowie sicher auch das verschenkte Potential in Bezug auf die psychologische Komponente des Films, der sich noch etwas mehr auf seine Stärken als Psycho-Thriller hätte fokussieren sollen. Und eben nicht als Horrorfilm, dafür ist THE BOY mit seiner FSK 12 ohnehin nicht gruselig genug – aber sei es drum. Im Sinne einer schnellen Unterhaltung für zwischendurch kann man hier wohl nicht viel falsch machen. Wer es noch intensiver respektive intelligenter möchte, sollte vielleicht mal einen Blick auf ICH SEH, ICH SEH (siehe Review) werfen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Capelight Pictures

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„Trotz zwei oder drei größerer Schwächen ist THE BOY eine nette kleine Erfrischung im mittlerweile völlig vorhersehbaren Horrorfilm-Genre.“

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Filmkritik: „Hinter Den Mauern“ (Mini-Serie, 2016)

Originaltitel: Au-Delà Des Murs
Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Hervé Hadmar
Mit: Veerle Baetens, Geraldine Chaplin, François Deblock u.a.
Land: Frankreich, Belgien
Laufzeit: 3 Episoden á 45 Minuten
FSK: unbekannt
Genre: Thriller, Horror, Mystery, Drama
Tags: Haus | Abenteuer | Erfahrung | Parallelwelt | Zeitreise | Paradoxon

Hat man erst einmal einen Blick riskiert…

Inhalt: Die als Logopädin arbeitende Lisa führt trotz ihrem Tagesgeschäft in einer Kinderklinik ein eher zurückgezogenes Leben. Umso seltsamer erscheint es ihr, als sie eines Tages ein altes Anwesen erbt – und das unter höchst mysteriösen Umständen. Und tatsächlich, wie sich bald darauf zeigt sollte sie mit ihren Vermutungen Recht behalten. Als sie im Haus Geräusche wahrnimmt und sich ein Stück der Tapete zu lösen beginnt, schlägt sie entschlossen ein Loch in die Wand – und entdeckt dahinter einen weiteren Korridor des Hauses. Mit dem was sie dort erwarten sollte, hätte sie indes kaum rechnen können – schließlich scheint sich ihr hier eine ganz eigene, surreal anmutende Parallelwelt zu offenbaren. Eine, in der es offenbar auch Gefahren gibt; sodass Lisa nach der Begegnung mit einem merkwürdig gekleideten Mann panisch flieht. Allerdings nicht in Richtung Ausgang, denn der ist plötzlich nicht mehr zu finden…

Kritik: Ja, doppelt hält oft besser – was insbesondere auf Filmschaffende zutrifft, die sich sowohl als Drehbuchautoren als auch Regisseure verdingen. Und, die im besten Fall gleich beide Betätigungsfelder in einem einzigen Projekt ausleben dürfen – wie im Falle von HINTER DEN MAUERN (im Original AU-DELÀ DES MURS). Dabei spielt es grundsätzlich keine große Rolle, ob man das auch von Marc Herpoux mit erdachte Werk nun als dreiteilige Mini-Serie betrachtet wie offiziell vorgeschlagen – oder aber als zusammenhängenden Spielfilm mit einer dezenten (sich aber nicht negativ auswirkenden) Überlänge. Beiden Varianten oder auch Betrachtungsweisen gemein ist in jedem Fall eine Einladung, die man nicht vorschnell abschlagen sollte – bedienen die Verantwortlichen doch längst nicht nur alteingefahrene oder gar ausgelutschte Tugenden des Horrorfilms. Nein, HINTER DEN MAUERN geht hier und da noch ein paar Schritte weiter. Und das beispielsweise, indem die Macher eine ebenso interessante wie spannend inszenierte Mystery-Komponente vorsehen – was ihr Werk eher in Richtung eines übernatürlich angehauchten Thrillers driften lässt. Und überhaupt: das gute alte Zeitreise-Paradoxon lässt – hier allerdings eher unerwartet – Grüßen…

Tatsächlich ist HINTER DEN MAUERN damit etwas gänzlich anderes geworden als eine typische, in eine einzelne Genre-Schublade zu steckende Fernsehproduktion – woraufhin aber nicht nur die ungewöhnliche und letztendlich überraschende Story hinweist. Schließlich sieht man dem Projekt auch jederzeit problemlos an, dass ihm etwas mitunter besonderes innewohnt. Derart stimmig anmutende, den Zuschauer schon allein durch ihren optischen Eindruck in den Bann ziehende Kulissen hat man so jedenfalls selten gesehen – und das weder in einer entsprechenden Serie, noch einem ähnlich aufgemachten Spielfilm. Anders gesagt: HINTER DEN MAUERN strahlt ganz offensichtlich aus, dass einiges an Arbeit und Herzblut in das Projekt investiert wurde – was sich nur positiv auf den Zuschauer auswirken kann. Das gilt im übrigen auch für die tadellosen Leistungen der beiden Hauptdarsteller, und das der hie und da auftretenden Nebenfiguren – die HINTER DEN MAUERN zu einem Grusel-Kabinett der einstweilen etwas prätentiösen, dabei aber doch angenehm extravaganten Art avancieren lassen. Allzu plumpe Jumpscares, nicht nachvollziehbare Handlungen der Charaktere oder auch ein unnötige wilde Zuarbeit seitens der Kamera oder des Soundtracks bleiben dem Zuschauer jedenfalls erspart.

Eines sollte damit schon jetzt feststehen: HINTER DEN MAUERN ist nicht nur eine auffällig gut gemachte Mini-Serie, sondern auch eine fast uneingeschränkt empfehlenswerte. Insbesondere natürlich für all jene, die sich von den typischen Horror-Szenarien der Marke es spukt in einem verlassenen, sonst aber stinknormalen Haus gelangweilt sehen. Der einzige Wermutstropfen ist, dass es am Ende doch alles etwas zu schnell geht – und die Geschichte durch ein so nicht gerade innovatives geschweige denn einleuchtendes Zeitreise-Paradoxon abgerundet wird. Sei es drum – einmal gesehen haben sollte man HINTER DEN MAUERN allemal. Und das allein aufgrund seiner surreal angehauchten, dabei aber dennoch stets greifbar erscheinenden Szenerie innerhalb einer makaberen Traumwelt, die die (einstweilen harte) Realität doch irgendwann einholt. Es sei denn natürlich, Lisa hätte sich doch anders entschieden… was das bei Fernsehproduktionen sonst eher seltene Gefühl aufkommen lässt, noch mehr Geschichten von der Welt HINTER DEN MAUERN hören zu wollen. Hervé Hadmar macht aber – und da ist es wieder, das Paradoxon – absolut alles richtig, wenn er die Miniserie genau so stehen lässt wie sie ist.

Bilder / Promofotos / Screenshots: ARTE

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„Eine qualitativ extrem überraschende Mini-Serie mit traumhaft-hypnotischen Kullissen und einer einzigartigen Atmosphäre.“

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Metal-CD-Review: OCEANS OF TIME – Trust (2016)

Alben-Titel: Trust
Künstler / Band: Oceans Of Time (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 26. Februar 2016
Land: Norwegen
Stil / Genre: Power Metal
Label: Alone Records

Alben-Lineup:

Geir Nilsen – Bass
Lasse Jensen – Guitars
Ken Lyngfoss – Vocals
Nicolay Ryen Christiansen – Drums

Track-Liste:

1. Charon (04:34)
2. Save You (05:43)
3. Pray for the Dying (04:08)
4. Trust (05:28)
5. Show Me the Way (04:17)
6. 1865 (04:50)
7. Black Death (04:02)
8. Nemesis (03:44)
9. Grapes of Baccus Pt. 1 (04:55)
10. Grapes of Baccus Pt. 2 (02:51)
11. Grapes of Baccus Pt. 3 (01:56)
12. Grapes of Baccus Pt. 4 (05:08)

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Als eine der interessanteren, dabei aber weitestgehend unbekannten Power Metal-Combos aus dem hohen Norden hatten sich die Recken von OCEANS OF TIME schon kurz nach ihrer Gründung im Jahre 2005 aufgemacht die europäische Metal-Szene mit ihrem Material zu begeistern. Neben zwei kleineren Veröffentlichungen stand und steht diesbezüglich vor allem das 2012 erschienene Debütalbum FACES (siehe Review) Pate, das zweifelsohne seine Schwächen hatte – grundsätzlich aber mit einer interessanten und für etwaige Genre-Bands aus Norwegen gar nicht mal so typischen Spielart inklusive einiger progressiver Ansätze daherkam. Auch mit dem vorliegenden, über das Label Alone Records erschienenen und auf 500 Exemplare limitierten Zweitwerk TRUST schickte man sich dementsprechend an, für einen möglichst überzeugenden und reichhaltigen Klangeindruck zu sorgen – und das mit einem allemal lobenswerten Ausgang.

Mit ein Grund dafür könnte sein, dass sich die OCEANS OF TIME dieses Mal etwas mehr vorgenommen hatten als noch zuvor – und TRUST eine ebenso überraschende wie effektive Wirkung als Metal-Oper zu etablieren vermag. Als vergleichsweise kleine und mit weniger Gastsängern (unter anderem Nils K. Rue von PAGAN’S MIND sowie Allrounder Jørn Lande) auskommende, versteht sich – aber doch eine, die vor allem in Bezug auf den Gesang und die Atmosphäre einiges abzuräumen vermag. Das wiederum liegt klar an den handwerklichen Leistungen der einzelnen Mitglieder, die im Vergleich mit dem Vorgänger noch einmal deutlich zugelegt haben – und TRUST so tatsächlich zu einer kleinen Entdeckungsreise in nicht unbedingt alltägliche Gefilde des europäischen Power Metals machen. In solche einer eher anspruchsvollen Natur noch dazu, denn immerhin und glücklicherweise fungieren die progressiven Strukturen nicht nur als bloße Aufhänger für ein möglichst effektvolles Spektakel.

Anders gesagt: die OCEANS OF TIME gehen auf ihrem TRUST spürbar bedacht vor und überlassen hier nichts dem Zufall. Das bezieht sich auch und explizit auf das Verhältnis von rundum knackigen, balladesken und auch mal deutlich düstereren Momenten. Wobei, und das ist im allgemeinen ein recht spannungsfördernder Faktor; die Stimmung auch mal innerhalb weniger Augenblicke umschlagen kann. In jedem Fall erscheint die hier von den Norwegern angestrebte Mixtur oder auch Symbiose aus verschiedenen Elementen recht ausgewogen und sorgt für einen hohen Unterhaltungswert – vor allem natürlich dann, wenn wie zum Alben-Auftakt gleich mehrere Brecher hintereinander um die Gunst der Hörerschaft buhlen. Sei es der noch am ehesten an eine typische Metal-Oper erinnernde Opener CHARON mit seinen symphonischen Einschüben und den Chor-Elementen, das balladesk angehauchte SAVE YOU mit seinen knackigen Strophen und dem emotionalen Refrain, das majestätisch stampfende und auch mal etwas schroffere Töne anschlagende PRAY FOR THE DYING oder der wuchtige Titeltrack TRUST – grundsätzlich gibt es hier nichts auszusetzen.

Vor allem natürlich nicht, was die Leistung des hiesigen Band-Frontmanns Ken Lyngfoss betrifft – der auf TRUST schlicht in jedem Moment überzeugt, und mit seiner dezent an Nils Patrik Johansson erinnernden Stimme einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Etwas schade ist dementsprechend, dass das Album das zu Beginn hoch gehaltene und eigentlich nur in Bezug auf die nicht perfekte Abmischung noch etwas Luft nach oben lassende Niveau im weiteren Verlauf nicht immer halten kann – und sich vor allem im Mittelteil einige Längen oder auch explizit schwächere Nummern eingeschlichen haben. Die Ballade SHOW ME THE WAY etwa wäre solch ein Beispiel. Zum einen, da sie dem vorangegangen SAVE YOU kaum das Wasser reichen kann –  und zum anderen, da man es im Hinblick auf den mit eher merkwürdig-schmachtenden Gesängen ausgestatteten Refrain doch etwas übertrieben hat. Auch 1865 hätte um ein vielfaches spannende ausfallen können, während BLACK DEATH und NEMESIS zumindest in Bezug auf ihre teils vordergründige elektronische Komponente etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen.

Glücklicherweise aber zieht man mit dem vierteiligen GRAPES OF BACCUS noch einmal ordentlich an – und vermag es somit, den Kreis zum höchst gelungenen Alben-Auftakt doch noch zu schließen. Alles in allem ist den OCEANS OF TIME hier ein höchst respektables Genre-Album gelungen, dass den Vergleich mit zahlreichen anderen und vielleicht namhafteren Bands nicht scheuen muss – mindestens aber seinen direkten Vorgänger FACES locker in den Schatten stellt.

Absolute Anspieltipps: CHARON, SAVE YOU, PRAY FOR THE DYING, TRUST


„Im Mittelteil offenbaren sich Schwächen, aber: Anfang und Ende sind auf diesem beeindruckenden Zweitwerk von OCEANS OF TIME eins.“

Filmkritik: „Der Sohn“ (2016)

Filmtyp: Spielfilm (TV-Produktion)
Regie: Urs Egger
Mit: Mina Tander, Nino Böhlau, Muriel Baumeister u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 88 Minuten
FSK: keine Angabe / nicht geprüft
Genre: Drama / Thriller
Tags: Kleinstadt | Alleinerziehend | Mutter | Sohn | Mord | Verdacht

Wenn die Mutter mit dem Sohne…

Inhalt: Die alleinerziehende Katharina (Mina Tander) lebt mit ihrem 16-jährigen Sohn Stefan (Nino Böhlau) in einer beschaulichen Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Schnell wird klar, dass es die von ihrem Mann verlassene Katharina nicht immer leicht hat – erst Recht, da ihr Sohn schon seit seiner Geburt an einem besonders schweren Asthma leidet. Stefan indes scheint dies bestenfalls dann zu stören, wenn er mal wieder eine Hustenattacke bekommt – er scheint langsam aber sicher genug zu haben von seiner überfürsorglichen Mutter und ihren Ratschlägen. Die macht sich währenddessen Vorwürfe, und stellt sich immer wieder die Frage ob sie ihren Sohn überhaupt noch liebt; lieben kann – erst Recht, da ihr eines Tages eine schlimme Vermutung in den Sinn kommt. Denn: kurz nachdem sich der immer mehr von seiner Mutter abgrenzende Stefan mit seinen merkwürdigen nächtlichen Streifzügen begonnen hatte – in denen er unter anderem seiner aufkeimenden Sexualität Luft machte – wurden in der Gegend die Leichen von zwei ermordeten Frauen gefunden. Kann sich der grausame Verdacht der Mutter wirklich bestätigen, oder andersherum: könnte Stefan tatsächlich zu einem Mörder werden, um seine potentiell unkontrollierbaren Gelüste zu befriedigen ?

Kritik: Nein, ein Filmtitel wie DER SOHN zeugt nicht gerade von einem großen Erfindungsreichtum – und lässt auch nicht die Vermutung entstehen, dass hier mit ganz und gar spektakulären Inhalten zu rechnen wäre. Tatsächlich aber legt es der für die ARD produzierte und von Urs Egger umgesetzte Spielfilm durchaus darauf an, die Gemüter der Zuschauer zu erhitzen. Vornehmlich, in dem ein sonst üblicher Familien- und Generationskonflikt zwischen einer alleinerziehenden Mutter und ihrem jugendlichen Sohn gleich auf mehrerlei Art und Weise auf die Spitze getrieben wird – mit dem letztendlichen Ergebnis, dass sich beide Parteien nicht gerade mit Ruhm bekleckern und des Öfteren mehr als fragwürdige Verhaltensweisen an den Tag legen. Die dabei angeschnittenen oder teils auch etwas expliziter beleuchteten inhaltlichen Kernelemente des Films zielen dabei klar auf den Bereich der zwischenmenschlichen Interaktion im Kreise der Familie: Themen wie Überbehütung, Bevormundung, Misstrauen sowie eine daraus resultierende Aggression und Hilflosigkeit geben sich in DER SOHN die Klinke in die Hand.

Paart man diese heikle Mischung auch noch mit einer gehörigen Portion pubertären Wahnsinns und diversen die Situation nicht gerade erleichternden Umständen, scheint das Chaos perfekt – und ein Film wie DER SOHN voll in seinem Element. Leicht problematisch wird es nur, wenn Urs Egger respektive die verantwortlichen Drehbuchautoren Dagmar Gabler und Peter Andersson dann doch mal gehörig über die Stränge schlagen und den Film so fast schon unfreiwillig komisch, mindestens aber dezent überzogen wirken lassen – inklusive einiger Szenen die man komplett hätte streichen müssen (wie den Wachmann, der seine potentiellen Opfer offenbar im Flutlicht ausmacht). Immerhin bezieht der Film selbst keine klare Stellung zu den meisten der angeschnittenen Themen – und überlasst es in weitestem Sinne dem Zuschauer, über die Charaktere und ihre verfahrene Situation zu urteilen.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © BR | DasErste.de

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„Etwas weniger Hysterie und etwas mehr Glaubwürdigkeit wären dem Film sicherlich gut bekommen. Unterhaltsam und ausreichend heikel um für den nötigen Gesprächsstoff zu sorgen ist DER SOHN aber allemal.“

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Der Trailer:

http://www.daserste.de/embed/index~standalone.jsp?id=der-sohn-trailer-video-100&share=1&extern=1

Filmkritik: „Spectral“ (2016)

Filmtyp: Spielfilm (VOD-Produktion)
Regie: Nic Mathieu
Mit: James Badge Dale, Bruce Greenwood, Emily Mortimer u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 108 Minuten
FSK: keine Angabe
Genre: Science Fcition / Action
Tags: Krieg | Zukunft | Technologie | Übernatürlich | Lichtspektrum

Da hätten die Herren Bose und Einstein wohl noch ein Wörtchen mitzureden.

Inhalt: In der nahen Zukunft sieht es nicht allzu rosig aus für das Land Moldawien – es tobt eine Art Bürgerkrieg, und die wenigen dort stationierten US-Soldaten können nur wenig gegen die Aufständischen ausrichten. Entsprechend mitgenommen erscheint auch der Stadtkern, in dem sich kaum noch Zivilisten aufhalten – doch die wirkliche Gefahr scheint den Militärs und Dr. Mark Clyne (James Badge Dale) erst noch zu offenbaren. Denn: die zuvor entwickelten Helmkameras, die den Soldaten im Kriegsgeschehen helfen sollten; machen plötzlich einige seltsame Erscheinungen sichtbar – wobei zunächst unklar bleibt, worum genau es sich dabei handeln könnte. Nur eines ist bereits früh klar: die so flüchtig wie Rauch erscheinenden Strukturen sind nicht nur merkwürdig, sondern unter Umständen auch tödlich. So rückt das eigentliche Einsatzziel alsbald in den Hintergrund. Aber was auch immer es ist, es sollte eine Ursache dafür geben…

Kritik: Für eine reine VOD- respektive Netflix-Produktion macht SPECTRAL eine überraschend gute Figur – insbesondere was die Kulissen, die Requisiten, die Special Effects und viele weitere optisch-handwerkliche Aspekte betrifft. Auch die etablierte Spannung und Atmosphäre in Bezug auf das gezeigte Endzeit-Setting vor einem keineswegs abwegigen Kriegshintergrund weiß zu gefallen – und doch ist der Film nicht vor Problemen gefeit. Das eine ist, dass die Darsteller eher blass bleiben und die einseitig porträtierten Charaktere nur allzu oft eine merkwürdig patente Lösung für alle auftauchenden Schwierigkeiten haben – und das andere, dass die zugrundeliegende Story selbst für einen einschlägigen Science Fictioner etwas zu weit hergeholt erscheint. Auch die großzügig eingestreuten Erklärungen ändern daran nicht viel, eher im Gegenteil. So präsentiert sich SPECTRAL gerade im Hinblick auf seine eigentlichen Sci-Fi-Kernelemente von einer vergleichsweise oberflächlichen Seite, was zu dezenten Enttäuschungen führen kann. Der hohe Unterhaltungswert und die engagierte Gesamtwirkung heben den Film aber dennoch von so manch grundstupider oder allzu plump produzierter Sci-Fi-Kost der Marke Hollywood ab.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Netflix

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„Nicht weltbewegend und vor allem inhaltlich problematisch – aber durchaus nett anzusehen, und wenn man das ein oder andere Auge zudrückt auch mit einer ordentlichen Portion Atmosphäre.“

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Filmkritik: „Shin Godzilla“ (2016)

Originaltitel: Shin Gojira
Regie: Hideaki Anno
Mit: Hiroki Hasegawa, Satomi Ishihara, Yutaka Takenouchi u.a.
Land: Japan
Laufzeit: ca. 120 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Science Fiction / Drama
Tags: Godzilla | Monster | Japan | Zerstörung | Katastrophe

Da stampft er wieder.

Kurzinhalt: Als sich im Küstengebiet Japans einige seltsame Zwischenfälle ereignen, sind die Verantwortlichen schnell alarmiert. Viel mehr als der Dinge zu Harren die da noch kommen bleibt ihnen allerdings nicht übrig – denn zunächst bleibt die eigentliche Ursache unklar. Bis, ja bis die schlimmsten und als Geschwätz abgetanen Befürchtungen einiger weniger doch noch wahr werden: es scheint sich um ein gleichermaßen riesiges wie mysteriöses Seeungeheuer zu handeln. Eines, von dem man nicht genau weiß was es als nächstes vorhaben könnte – doch auch so sind die durch die Kreatur verursachten Zerstörungen enorm. Schließlich scheint sich der Organismus in spezieller Weise weiterzuentwickeln, sodass die alsbald als GODZILLA getaufte Kreatur auch an Land geht und sich bald darauf in Richtung des Landesinneren aufmacht. Neben dem Versuch, möglichst viele Informationen über die Bestie einzuholen werden eifrig Pläne geschmiedet, wie man den nicht nur massiven wirtschaftlichen Schaden hinterlassenden GODZILLA aufhalten könnte – und das im besten Fall ohne die Zivilbevölkerung zu gefährden.

Kritik: Die Japaner und ihr gleichermaßen kultiges wie heißgeliebtes GODZILLA-Franchise – es kennt kein Ende. Während man das furchteinflößende Leinwandmonster in der westlichen Welt höchstens alle paar Jahre zu Gesicht bekommt (entweder in Form von starbesetzten amerikanischen Blockbustern, oder aber durch die hie und da ausgestrahlten alten japanischen Filme), scheint die Faszination im Heimatland der ursprünglich im Jahre 1954 von Ishiro Honda ins Leben gerufenen Kreatur ungebrochen. Sicher auch, da man den Mythos GODZILLA seit jeher mit durchaus realen Ereignissen innerhalb der jüngeren japanischen Geschichte in Verbindung bringen konnte; woran auch SHIN GODZILLA nichts ändert – in Anbetracht der noch nicht allzu lange zurückliegenden Katastrophe in Fukushima sogar eher im Gegenteil. Jedoch, und diese Herausforderung galt es speziell in Bezug auf SHIN GODZILLA zu meistern – hatte das Franchise bereits mit einigen Alterserscheinungen zu kämpfen und drohte sich zumindest aus einer künstlerisch etwas gehobeneren Sicht, in einem unwiederbringlichen Maße abzunutzen. Die vielen über die Jahre gesammelten, dabei aber nicht immer besonders herausragenden Filme zum Thema erledigten hier wohl ihr übriges – sodass SHIN GODZILLA tatsächlich als eine Art Wendepunkt fungiert.

Schließlich standen die Chancen in beide Richtungen gut. Entweder, man würde das Franchise langsam aber sicher zu Grabe tragen – oder aber es doch noch einmal neu beleben. Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl und gewissen stilistischen Raffinessen, versteht sich – wofür in Anbetracht von SHIN GODZILLA niemand geringeres als Hideaki Anno auserkoren wurde. Vielen dürfte das japanische Ausnahmetalent aber eher nicht als Meister des Kaiju-Films geläufig sein – sondern vielmehr als Schöpfer der Anime-Serie NEON GENESIS EVANGELION und des einige Jahre später realisierten Reboots in Form von 4 neuen Filmen. Realfilme hat er zwar auch einige gedreht, doch rangieren diese eher unter ferner Liefen – wie etwa der 2004 erschienene und recht alberne Spielfilm CUTIE HONEY (siehe Review). Dass er dennoch für die Wiederbelebung des GODZILLA-Franchise auserkoren wurde hat andere Gründe – vornehmlich solche, für die man schon etwas tiefer graben muss. So hat ihn seine gleichermaßen intensive wie durchdachte Arbeit an EVANGELION durchaus für ein zumindest oberflächlich vergleichbares, so gesehen endzeitlich-apokalyptisches Szenario wie das in SHIN GODZILLA porträtierte qualifiziert. Auch die nahe Verbindung zu Kollegen wie Hayao Myazaki (Studio Ghibli), daraus resultierende Projekte wie GIANT GOD WARRIOR (siehe Artikel) und die Liebe zur traditionellen japanischen Kinotechniken – die sich in etwa im weitestgehenden Verzicht auf im Westen nur zu gern genutzte CGI-Effekte beziehen – machte ihn zu einem interessanten, ja wenn nicht dem einzigen in Frage kommenden Kandidaten.

Ob ihm das große Unterfangen auch gelungen ist, ist dagegen eine ganz andere Frage. Eine, die man wohl auch nicht ohne eine gewisse Trennung beantworten kann; denn: SHIN GODZILLA hat höchst unterschiedliche Kompetenzen – und darüber hinaus noch solche, die man hierzulande gänzlich anders bewerten oder einstufen würde als im eigentlichen Entstehungsland.

Immerhin: in Bezug auf das an den Tag gelegte Handwerk und die Art der Inszenierung sollte das Urteil schon eher eindeutig ausfallen respektive ohne das in Betracht ziehen weiterer Faktoren gefällt werden können. Anders gesagt: ob man der von Hideaki Anno verwirklichten GODZILLA-Variante optisch etwas abgewinnen kann, ist stark geschmacksabhängig. So ist es einerseits angenehm und höchst erfrischend zu sehen, dass man einen sogenannten Blockbuster auch ohne allzu teure und rein am Computer hergestellten Special Effects realisieren kann – wenn im Ausgleich dazu ein großes Augenmerk auf Handarbeit gelegt wurde. Doch während das Konzept vor allem in Bezug auf die stattfindende Panik und Zerstörung wunderbar aufzugehen scheint, fallen gerade die Ansichten der Kreatur selbst zutiefst gewöhnungsbedürftig aus. Mindestens, sollte man sagen – denn gerade der GODZILLA der ersten bzw. zweiten Evolutionsstufe sieht dank seiner unecht wirkenden Haut und der riesig-glasigen Augen alles andere als furchteinflößend aus. Eher befremdlich, was sicher auch Sinn und Zweck der Gestaltungsarbeit war – doch das letztendliche Ergebnis offenbart dann wohl doch etwas zu viel des Guten.

Ähnliches gilt auch für den weiteren mit der Kreatur verbundenem Lauf der Geschichte. Zwar sieht GODZILLA hier schon wesentlich besser und so gesehen auch wirkungsvoller aus – doch die relative Starrheit seiner Bewegungen sowie die wieder überaus künstlich erscheinenden besonderen Fähigkeiten (wie die im Westen eher nicht bekannten Energieausstöße in Form von alles zerstörenden Strahlen) sorgen eher für ein müdes Lächeln denn für eine wirkliche Atmosphäre. Das gilt hingegen nicht für den ganz und gar hervorragenden Soundtrack von Shiro Sagisu, der schon des öfteren mit Hideaki Anno zusammenarbeitete – und auch dieses Mal eine kleine Meisterleistung abliefert. Dass gerade durch die gespielten Stücke zusätzliche Seitenhiebe auf das EVANGELION-Franchise erkennbar werden, ist hier wohl nur ein i-Tüpfelchen. Während die verpflichteten Darsteller einen soliden Job machen; fällt die sonstige handwerkliche Arbeit nicht sonderlich spektakulär, aber doch weitestgehend zufriedenstellend aus. Die Wahl und Gestaltung der Schauplätze ist gelungen, die Kamera-Arbeit überzeugt durch teils gewagte aber niemals überdreht inszenierte Ansichten, die zwischengeschobenen Aufnahmen diverser Stadtansichten und der Panik der Bevölkerung erfüllen ihren Zweck.

Woran sich die Geister in Bezug auf SHIN GODZILLA scheiden werden sind aber ohnehin nicht die technischen Spezifikationen oder das zumindest dezent in Frage zu stellende handwerkliche Geschick der Verantwortlichen – sondern vielmehr die letztendliche Gewichtung des Films. Die sieht schließlich vor, dass weitaus mehr geredet als gehandelt wird – und das auf so gut wie allen Ebenen. Entsprechend ausschweifende Action-Szenen oder inhaltlich allzu rasant voranpreschende Abschnitte (bei denen eine hohe Aufmerksamkeit gefragt wäre) sollte man also keineswegs erwarten. SHIN GODZILLA ist ein ungewöhnlich politischer Film geworden, bei dem analog zu realen Bedrohungssituationen wie der in Fukushima versucht wurde; ein möglichst realistisches Porträt der handelnden Verantwortlichen zu zeichnen. So ist die Kamera stets nah am Geschehen, auch wenn nicht viel mehr geschieht als das hektische Zusammentragen von Informationen wie zum Auftakt des Films. Dementsprechend kann es durchaus vorkommen, dass mehrere Protagonisten wild durcheinander reden und dabei nicht immer sinniges respektive wichtiges von sich geben – was in Anbetracht des doch enormen Fokus auf die entsprechenden Konversationen irgendwann zu einer recht ermüdenden Angelegenheit werden kann.

Das potentielle Problem: zu einer dahingehenden Erlösung des Zuschauers kommt es nicht wirklich – selbst die wenigen Action-Szenen werden durch das Einstreuen minutiöser Planung und der Abschätzung aller erdenklichen Eventualitäten garniert. Anders gesagt: jeder, der etwas zum Thema zu sagen hat kommt auch zu Wort. Ob eine Vorgehensweise wie diese tatsächlich Vorteile mit sich bringen kann, bleibt fraglich. Fakt ist nur, dass SHIN GODZILLA gerade dadurch einen äußerst zähen Fluss bekommt, erst Recht natürlich aus der Sicht des westlichen Zuschauers. Dabei hätte es gar nicht erst ein Mehr an weiteren ellenlangen und im schlimmsten Fall substanzlosen Actionszenen sein müssen, mit denen man im Westen gerne mal etwas zu oft und aufdringlich konfrontiert wird – doch ein wenig mehr Witz oder Charme hätte man durchaus einbringen dürfen. Ja, selbst die Charaktere bleiben allesamt relativ unsympathisch und erscheinen kaum greifbar – was abermals im krassen Gegensatz zu diversen Star-Allüren der Marke Hollywood steht und grundsätzlich erfrischend ist, doch eine wie auch immer geartete Empathie entsteht so kaum. Und: dass eigentlich nur die allerletzte Szene des Films für ein wenig Aufsehen sorgt (genauer gesagt bei einer Nahaufnahme des Schwanzes des nunmehr eingefrorenen GODZILLA) und dezent auf eine der maßgeblichen Themengebiete von END OF EVANGELION verweist, ist in Anbetracht der in dieser Hinsicht kaum genutzten vorangegangenen zwei Stunden (!) fast schon ein Schlag ins Gesicht.

Mit dem Wissen um das langjährig erfolgreiche und allseits beliebte GODZILLA-Franchise, die Vorliebe für aus internationaler Sicht etwas eigen erscheinenden Stilmittel und nicht zuletzt die vergangenen Atomkatastrophen wird so vor allem eines klar: SHIN GODZILLA ist nicht nur ein zutiefst japanischer Film, sondern auch einer der fast ausschließlich für das hiesige Publikum gemacht wurde. Schlussendlich besitzt der Film so eine deutlich geringere universelle oder auch Faszinationskraft als etwa das vergleichsweise offene und prinzipiell für jedermann zugängliche EVANGELION-Franchise – sodass es äußerst wahrscheinlich ist, dass SHIN GODZILLA auf dem internationalen Markt nur wenig Erfolg haben wird. Ob das schade ist oder eine zu vernachlässigende Feststellung, muss ein jeder für sich ausmachen. Fest steht wohl nur: die Geschichten um und mit GODZILLA werden weitergehen – jetzt erst Recht.

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„Eine eher Japan-exklusive Monster-Mär mit teils gravierenden Problemen hinsichtlich der Gestaltung und inhaltlichen Gewichtung.“

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Filmkritik: „Shut In“ (2016)

Originaltitel: Shut In
Regie: Farren Blackburn
Mit: Naomi Watts, Oliver Platt, Charlie Heaton u.a.
Land: Frankreich, Kanada
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Horror, Thriller
Tags: Mutter | Sohn | Familie | Unfall | Wachkoma

Willkommen im Land der (un)begrenzten Möglichkeiten.

Kurzinhalt: Nachdem ihr Mann Richard (Peter Outerbridge) und ihr Stiefsohn Stephen (Charlie Heaton) bei einem Autounfall schwer verunglückten, lebt die als Kinderpsychologin arbeitende Mary (Naomi Watts) zurückgezogen in einem großen Anwesen im ländlichen Neuengland. Neben ihrer Arbeit kümmert sie sich vor allem um ihren seit dem Unfall stark beeinträchtigten, pflegebedürftigen Stiefsohn – und hat bis auf gelegentliche Videochats mit ihrem Kollegen Dr. Wilson (Oliver Platt) kaum Kontakte zur Außenwelt. Eines Tages taucht plötzlich der Waisenjunge Tom (Jacob Tremblay) auf, der nach der bereits bei ihr absolvierten psychologischen Behandlung in einem speziellen Heim untergebracht werden sollte – sich aber offenbar von der einfühlsamen Mutter angezogen fühlt. Das Problem: so schnell und unerwartet er aufgetaucht ist, so schnell verschwindet er auch wieder. Und das in Richtung der verschneiten Wälder, ohne zusätzliche Winterkleidung. Mary macht sich Vorwürfe, und wird neben den ohnehin allgegenwärtigen Sorgen um ihren Stiefsohn nun auch noch von der Ungewissheit über den Verbleib des kleinen Jungen geplagt. Dass sie bald darauf starke Schlafprobleme entwickelt, gehört noch zu den kleineren Übeln…

Kritik: Ja, sie haben wieder Hochkonjunktur – Horrorfilme der guten alten Schule, die trotz vergleichsweise geringer Mittel eine möglichst große Wirkung erzielen sollen. Die gegen Ende 2016 in den Kinos erschienene Grusel-Mär SHUT IN bildet da keine Ausnahme – womit sich der vom bis dato eher unbekannten britischen Regisseur Farren Blackburn inszenierte Film auch einer entsprechenden Konkurrenz stellen muss. Zwar keiner durchweg hochkarätigen, schließlich impliziert die Rückkehr zu gleichermaßen bekannten wie altbewährten Stilmitteln nicht automatisch ein gelungenes Werk – doch in Anbetracht ihrer schieren Anzahl sollte man sich mit Filmen wie SHUT IN zumindest bemüht zeigen, für entsprechende Alleinstellungsmerkmale zu sorgen. Gerade das scheint in diesem Fall aber nicht allzu leicht, was gleich mehrere Gründe hat. Beispielsweise sieht SHUT IN abermals ein großes, selbstverständlich mit vielen Holzdielen ausgestattetes (Geister-)Haus als Schauplatz vor, bezieht sich wie im Genre typisch auf das gespenstische Erleben einiger weniger beteiligter Hauptpersonen – und treibt die Geschichte grundsätzlich nur mit jenen Zutaten voran, die man auch genau so von einem Film wie diesem erwartet hätte.

Anders gesagt: um einen allzu erfrischenden, gar Neuland betretenden Genre-Film handelt es sich nicht. Eher ist das Gegenteil der Fall – wobei es fast schon ironisch wirkt, dass man dem allgemein gefeierten Nachwuchsdarsteller Jacob Tremblay auch in SHUT IN eine Rolle gegeben hat. Schließlich konnte man den durchaus fähigen, seit RAUM weltweit bekannten Darsteller erst kürzlich – dass heißt im nur wenige Monate älteren BEFORE I WAKE (siehe Review) erleben. Hierbei handelt es sich um einen insgesamt ebenfalls nicht gerade herausragenden Film – aber doch zumindest einen, der sich das Potential des Jungdarstellers zunutze machte. In SHUT IN dagegen scheint er fast schon unterfordert zu sein, zumal seiner Rolle als Waisenjunge Tom eine eher geringe Bedeutung zuteil wird. Immerhin: während die eigentliche Hauptdarstellerin Naomi Watts eigentlich nur das typische Genre-Repertoire aufruft und bis auf ein entsprechenden Mienenspiel kaum aus sich herausgehen muss, sieht es in Bezug auf den 1994 geborenen Charlie Heaton (u.a. STRANGER THINGS) schon wesentlich besser respektive interessanter aus. Gerade im späteren Verlauf des Films verkörpert er die Rolle des eigentlich im Wachkoma liegenden Film-Sohnes Stephen Portman mit einer gewissen; man nenne es Vehemenz – unter hinterlässt damit einen intensiveren Eindruck als alle anderen Beteiligten des Films zusammen.

Allerdings keinen, der sich nachhaltig festsetzen würde – wofür sich aber vornehmlich nicht die Darsteller, sondern das grundsätzlich reichlich spröde, uninspirierte und einstweilen auch schlicht sinnlose Drehbuch verantwortlich zeichnet. Sicher, Filme die ausnahmsweise mal nicht auf einer entsprechenden Buchvorlage basieren und somit perfekt auf das Medium Film zugeschnitten werden könnten; sind immer öfter eine Seltenheit – und haben im besten Falls das Zeug dazu, für einen angenehm frischen Wind zu sorgen. Wenn, ja wenn denn das nötige Fingerspitzengefühl und vor allem auch einige guten Ideen vorhanden sind – was bei SHUT IN offensichtlich kaum der Fall war. Somit ist der eher lauwarme, sich dezent in die Länge ziehende; ja schlicht ärgerlich typische Auftakt des Films auch erst der Anfang der Misere – wobei man gar nicht erst anfangen sollte, gewisse Dinge zu hinterfragen (beispielsweise wie der junge Tom zur und in die Garage von Mary kommt). Richtig übel wird es schließlich erst wenn SHUT IN seinen großen Twist, oder so gesehen auch seinen eigentlichen Höhepunkt präsentiert. Immerhin: langweiliger wird er dadurch nicht – dafür aber umso abstruser und unglaubwürdiger. Dabei spielt es übrigens auch keine Rolle, ob man als Zuschauer bereits entsprechende Vorahnungen hegt oder wirklich vom Film überrascht wird. Denn: die Mühe, die speziell in Bezug auf die Atmosphäre von SHUT IN investiert wurde; war und ist schlicht zu gering.

So gering, dass sich neben der sich deutlich zu hanebüchen anfühlenden Story auch keine nennenswerte Spannung ergibt und erst Recht keine Empathie für die Charaktere entsteht. Selbst wer auf einzelne Gänsehaut-Momente aus ist, wird eher enttäuscht – bis auf ein paar klischeehaft inszenierte, altbekannte Jumpscares gibt es einfach nichts zu holen. Insgesamt betrachtet ist SHUT IN eine echte Enttäuschung – zumindest, wenn man sich doch noch etwas mehr erhofft als einen weiteren absolut typischen Horrorfilm der Marke Hollywood zu entdecken. Da können auch Naomi Watts, Charlie Heaton und Jacob Tremblay nichts daran ändern – die in einem anderen Film ein wirklich starkes Charakter-Trio hätten ergeben können. Eventuell, und mit dem bereits erwähnten; unbedingt nötigen Fingerspitzengefühl…

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„Ein Film so platt, konstruiert und austauschbar wie eine Schablone.“

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Filmkritik: „Before I Wake“ (2016)

Originaltitel: Before I Wake
Regie: Mike Flanagan
Mit: Kate Bosworth, Thomas Jane, Jacob Tremblay u.a.
Land: USA, Kanada, Großbritannien
Laufzeit: ca. 97 Minuten
FSK: ab 16 freigegeben
Genre: Horror, Fantasy
Tags: Kind | Adoption | Träume | Realität | Monster | Dämon

Träumen war schon immer eine zwielichtige Angelegenheit.

Kurzinhalt: Auch viele Jahre nachdem die jungen Eltern Jessie (Kate Bosworth) und Mark (Thomas Jane) ihren Sohn Sean (Antonio Even Romero) bei einem tragischen Unfall verloren haben, sitzt die Trauer tief. Dennoch lassen sie sich nicht ihren Lebensmut nehmen – und entschließen sich analog zu ihrer Gruppentherapie dazu, ein Kind zu adoptieren. Tatsächlich scheint sich diese zweite Chance auch bezahlt zu machen: die beiden schließen den ihnen vorgestellten 8-jährigen Cody (Jacob Tremblay) schnell in ihr Herz. Der wiederum gewöhnt sich schnell in sein neues Zuhause ein – während es lediglich seine andauernden Schlafprobleme sind, die den Eltern Sorge bereiten. Dabei scheint das Problem nicht damit gelöst, dem Jungen einfach seine auffallend ausgeprägte Angst vor dem Einschlafen zu nehmen – denn wen Cody träumt, spielen sich tatsächlich allerlei seltsame Dinge ab. Und so können die Eltern nicht nur einen erstaunten Blick auf im Wohnzimmer umherfliegende Schmetterlinge werfen – sondern auch auf ihren toten Sohn, der urplötzlich wieder vor ihnen zu stehen scheint. Aber eben nur solange, wie Cody träumt…

Kritik: Betrachtet man das vergangene Kinojahr 2016 sowie die ersten Monate des aktuellen in der Retrospektive, wird jedem geneigten Hobby-Cineasten und professionellem Kritiker eine andere beobachtbare Besonderheit in den Sinn kommen. Eine diesbezüglich auffälligere, und so gesehen alle Zuschauer vereinende Feststellung aber wird sich zweifelsohne ergeben: dass das Genre der Horrorfilms wieder einmal ein Revival erfahren hat, und zwar in Richtung einer eher klassischen Ausprägung. So scheint es wieder gerne gesehen wenn sich Horrorfilme nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, möglichst schnell und einfach zu realisieren sind – und dabei dennoch eine maximale Wirkung erzielen. Im besten Fall natürlich, ohne dabei allzu plump und vorhersehbar vorzugehen – wie es etwa auch Überraschungserfolgen vom Schlage eines INSIDIOUS (siehe Review) oder dem fast schon kammerspielartigen Horror-Thriller DER BABADOOK (Review) gelang. Auf den Zug des günstigen aber guten Horrorfilms wollen nun auch zahlreiche andere Genrefilme aufspringen – wie Mike Flanigan’s BEFORE I WAKE, für den der US-Amerikanische Regisseur auch das Drehbuch schrieb.

Immerhin: trotz der hinreichend bekannten Vorgehensweise und allerlei bekannten inhaltlichen Elementen, die man am ehesten als zweckdienlich bezeichnen könnte; scheint der Film durchaus auch vielversprechende Aspekte zu besitzen. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass die Hauptrolle in Gestalt des 8-jährigen Cody von Nachwuchstalent Jacob Tremblay verkörpert wird – der für seine vorherige Darbietung in RAUM beinahe für einen Oscar nominiert wurde, und derzeit klar zu den fähigsten Kinderdarstellern überhaupt zählt. Auch die grundsätzliche Idee, dass BEFORE I WAKE mit dem Gedanken von wahr- respektive fleischwerdenden Träumen spielt; klingt allemal spannend. Eine nicht zu überbordende, nette bis dezente handwerkliche Arbeit inklusive einiger kaum aufdringlicher Special Effects und eine gute Arbeit der Kostüm- und Maskenbildner scheinen das Projekt abzurunden. Zumindest theoretisch und auf den ersten Blick. Doch genau das ist das Problem.

Denn: je weiter der Film voranschreitet, umso vorhersehbarer und unspektakulärer gerät er. Dabei sind es nicht nur die etwas zu penetranten und plötzlichen Jumpscares die für Verdruss sorgen könnten, und dem geneigten Horrorfan schon lange kein Schauergefühl mehr über den Rücken jagen – sondern vor allem die letztendliche Umsetzung der titelgebenden Traum-Idee. Schließlich wird ausgerechnet jenes Element, welches BEFORE I WAKE von so vielen anderen Genre-Werken hätte abheben können; auf das absolut nötigste reduziert. Anders gesagt: Cody träumt stets klar, verständlich; und zudem in einer strikten Unterteilung von gut und böse. Die sich daraus ergebenden Szenen, in denen die anderen Protagonisten die Auswirkungen jener erstaunlich übersichtlichen Traumwelten erfahren; geraten dabei fast schon lächerlich. Mal sind sie viel zu kitschig, mal viel zu offensichtlich auf einen einzelnen dämonischen Widersacher beschränkt – von dem man schnell annehmen muss, dass er eben doch in irgendeiner Form zu bekämpfen ist. Und das natürlich auch so, dass ein möglichst unbeschwertes Finale erreicht werden würde. Ob es tatsächlich so kommt oder nicht, davon sollte man sich zwar immer noch selbst überzeugen – wirklich lohnenswert oder gar überraschend fällt die Angelegenheit aber nicht aus.

Letztendlich ist es schade, dass man vergleichsweise wenig aus dem Auftritt eines starken Nachwuchsdarstellers wie Jacob Tremblay, einer interessant bis fantastisch anmutenden Grundidee und einem durchaus tauglichen handwerklichen Part gemacht hat. Die finale Umsetzung der Story allein holt jedenfalls niemanden hinter dem Ofen hervor, schon gar keinen alteingesessenen Horror-Fan. Anders gesagt: BEFORE I WAKE ist absolutes Genre-Standardfutter, und könnte lediglich als Notfalllösung für einen eher harmlosen Horrofilm-Abend fungieren.


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„Gute Darsteller zu verpflichten ist das eine – für einen frischen Wind zu sorgen oder zumindest einen soliden Horror-Streifen auf die Beine zu stellen das andere.“

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