Metal-CD-Review: SECRET SPHERE – Portrait Of A Dying Heart (2012)

Alben-Titel: Portrait Of A Dying Heart
Künstler / Band: Secret Sphere (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 29. November 2012
Land: Italien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Scarlet Records

Alben-Lineup:

Andrea Buratto – Bass
Aldo Lonobile – Guitars
Federico Pennazzato – Drums
Marco Pastorino – Guitars
Gabriele Ciaccia – Keyboards, Piano
Michele Luppi – Vocals

Track-Liste:

1. Portrait of a Dying Heart (06:00)
2. X (05:12)
3. Wish & Steadiness (05:37)
4. Union (04:12)
5. The Fall (05:10)
6. Healing (04:29)
7. Lie to Me (03:50)
8. Secrets Fear (05:57)
9. The Rising of Love (04:28)
10. Eternity (06:01)

Ein Herz, dass nur noch halb so schnell schlägt.

Denkt man an die ersten nachhaltig musizierenden und die Szene viele Jahre mitbestimmenden Power Metal-Pioniere aus Italien, so werden einem vornehmlich zwei Bands in den Sinn kommen: RHAPSODY OF FIRE, die mit ihrer früh an den Tag gelegten symphonischen Spielart so manchen Weg bereiteten; sowie sicher auch LABYRINTH mit ihrer Symbiose aus melodischen und auch mal etwas progressiveren Strukturen. Selbstverständlich – und trotz dessen, dass sie keinen vergleichbaren Bekanntheitsgrad innehaben – gab es aber noch einige andere Bands, die sich vergleichsweise früh aufmachten um die Hörerschaft für ihre Vision des Power Metals zu begeistern. Die bereits 1997 gegründeten SECRET SPHERE wären ein eben solches Beispiel – wobei sie musikalisch am ehesten als Zwitterwesen aus den eben genannten RHAPSODY und LABYRINTH zu bezeichnen wären, insbesondere was ihre frühesten Werke MISTRESS OF THE SHADOWLIGHT (siehe Review) oder A TIME NEVER COME (Review) betrifft. Im weiteren Verlauf ihrer Karriere zeigten sich die Italiener dann aber zusehends experimentierfreudiger, wobei sie längst nicht immer den richtigen Ton zu treffen schienen. Das 2003 erschienene SCENT OF HUMAN DESIRE (Review) beispielsweise gehört zweifelsohne nicht zu den besten Projekten, denen sich die Band jemals gestellt hatte – und gerade als es mit guten (SWEET BLOOD THEORY, Review) bis sehr guten Alben (ARCHETYPE, Review) wieder auf den richtigen Weg gehen sollte, standen der Band mit der Veröffentlichung des 2012’er Albums PORTRAIT OF A DYING HEART erneut eine potentiell einschneidende Veränderungen ins Haus.

Namentlich waren das zwar solche, die man nicht von vornherein negativ attribuieren konnte – und doch sollte gerade der relativ plötzliche Wechsel des Leadsängers nicht jedermann gleichermaßen gut bekommen. So ertönt auf dem vorliegenden PORTRAIT OF A DYING HEART erstmals die Stimme von Michele Luppi, der seinen Vorgänger Roberto „Ramon“ Messina nach satten 15 Jahren als angestammter Frontmann der Band ablöste – und dem Sound von SECRET SPHERE abermals eine neue Marschrichtung verpasste. Allerdings keine, die man zuvor nicht schon irgendwo gehört hätte – schließlich war besagter Michele Luppi einige Jahre bei den Kollegen von VISION DIVINE aktiv. Das Kuriose, und letztendlich kaum vermeidbare: während SECRET SPHERE zuvor noch explizit im Fahrwasser von LABYRINTH gefahren waren, hatten sie mit der Verpflichtung von Michele Luppi abermals die Chance verpasst endlich als eigenständige Band wahrgenommen zu werden. Sicher; an der Gesangsdarbietung des Italieners ist grundsätzlich nichts auszusetzen – zumal sich die Band mit dem insgesamt eher düsteren und emotional-dramatischen Sound von PORTRAIT OF A DYING HEART auch in seine Richtung angepasst hatte. Doch vermutlich wäre es eine weitaus erfrischendere und überraschendere Angelegenheit gewesen, hätte man einen gänzlich neuen Sänger eingeführt. Entsprechende Talente gibt es schließlich genug.

So bleibt es kaum aus, dass PORTRAIT OF A DYING HEART weitaus weniger originär daherkommt als es potentiell möglich gewesen wäre – und das Album wenn schon nicht mit dem Werk von LABYRINTH (Parallelen sind zweifelsohne noch immer vorhanden, trotz des Lineup-Wechsels), dann doch relativ eindeutig mit dem von VISION DIVINE zu vergleichen und im schlimmsten Fall auch zu verwechseln wäre. Vielleicht aber auch, und das war dank der stilistischen Neuorientierung ein Novum; mit dem von SONATA ARCTICA (SECRETS FEAR) oder KAMELOT – nicht unbedingt in gesanglicher Hinsicht, aber doch in Bezug auf die durch emotional ausstaffierte Stampfer wie THE RISING OF LIVE etablierte Wirkung. Einen wirklich nennenswerten Tiefgang offenbart PORTRAIT OF A DYING HEART dabei aber nicht wirklich – und das, obwohl es mit dem zugegebenermaßen noch recht geschickt platzierten Opener und Titeltrack PORTRAIT OF A DYING HEART (der ein reines, knapp 6-minütiges Instrumental ist) noch recht spannend losgeht. Danach, und mit Nummern wie X, UNION, LIE TO ME oder dem Rausschmeißer ETERNITY schöpfen SECRET SPHERE aber auch schon aus dem für sie neu gewonnenen musikalischen Vollen – das in diesem Fall auf eine eher sanft-behutsame bis explizit balladeske Facette des europäischen Power Metals abzielt. Kräftigere Titel, wie das mit einer zusätzlich interessanten symphonischen Komponente ausgestattete THE FALL schneiden da schon wesentlich besser und vielleicht auch aussagekräftiger ab – ändern aber nichts daran, dass es dem Album insgesamt an Biss zu fehlen scheint. Und das trotz – oder paradoxerweise geraden wegen – der raueren Gangart, die zumindest vom Leadgesang und Michele Luppi ausgeht.

Dennoch, und trotz des stellenweise etwas zurückhaltenden Eindrucks bleiben dem Album einige Stärken – wie das rundum solide Handwerk der einzelnen Mitglieder, die ausgewogene Produktion oder die doch recht glaubhaft vermittelten Emotionen. PORTRAIT OF A DYING HEART ist damit weniger ein Album für Fans und Freunde der früheren SECRET SPHERE-Alben, als vielmehr ein ebenso erfrischendes wie teilweise leider auch ernüchterndes Werk – dass dem Hörer einen Einblick in die potentielle Zukunft der Band gewährt. Die spannende Frage ist nur, wie rosig selbige tatsächlich ausfallen wird – PORTRAIT OF A DYING HEART allein kann diesbezüglich noch nicht den nötigen Ausschlag liefern.

Absolute Anspieltipps: THE FALL, ETERNITY


Ein nur schwerlich einzuordnender Neuanfang – alles weitere wird sich (hoffentlich) noch zeigen.“

Metal-CD-Review: ARTHEMIS – We Fight (2012)

Alben-Titel: We Fight
Künstler / Band: Arthemis (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 13. Juni 2012
Land: Italien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Helvete & Hate Records

Alben-Lineup:

Andrea Martongelli – Guitars
Damian Perazzini – Bass
Fabio D. – Vocals
Paolo Caridi – Drums

Track-Liste:

1. Apocalyptic Nightmare (01:05)
2. Empire (05:40)
3. We Fight (04:46)
4. Blood of Generations (04:10)
5. Burning Star (04:08)
6. Cry for Freedom (03:51)
7. Alone (03:55)
8. Reign of Terror (04:26)
9. Still Awake (04:47)
10. The Man Who Killed the Sun (05:30)
11. Metal Hammer (03:48)

Manche Wünschen gehen eben doch noch in Erfüllung.

Allzu lange ist sie noch gar nicht her – jene heiße Phase in der turbulenten Bandgeschichte von ARTHEMIS, in der die einst vielversprechende Combo kurz vor dem Aus stand. Doch bekanntlich hatte die Band, oder eher der hiesige Gitarrist und Hauptverantwortliche Andrea Martongelli doch noch die Kurve gekriegt – und ab 2008 ein komplett neues Lineup um sich geschart. Allemal beeindruckend ist, dass das erste musikalische Erzeugnis der so gesehen neu auferstandenen ARTHEMIS schon im Jahre 2010 folgte – und aufgrund der kurzen Eingewöhnungszeit erst gar keine Lücke zum noch von Alessio Garavello geführten Vorgänger BLACK SOCIETY (siehe Review) entstand. Eine Kehrseite aber hatte das Ganze, wobei nicht gänzlich klar ist ob sie tatsächlich auf die relativ schnelle Abfolge der Veröffentlichungen zurückzuführen ist: das 2010 erschienene HEROES konnte die Erwartungen schlicht nicht erfüllen. Sicher auch, da es die einst angenehm progressiv angehauchten ARTHEMIS erstmals von einer eher ungewohnten Seite zeigte – und der Sound der Italiener zunehmend moderner erschien (Review).

Die nächste Gelegenheit für eine Punktlandung der Italiener ließ indes nicht lange auf sich warten: 2012 erschien das mittlerweile siebte ARTHEMIS-Album WE FIGHT, welches 11 Titel bei einer Gesamtspielzeit von knapp 46 Minuten beinhaltet. Dabei kann die erste frohe Botschaft recht schnell erfolgen: den gleichen Fehler wie mit und auf HEROES machten ARTHEMIS hier keinesfalls. Vielmehr wirkt und klingt es so, als wäre WE FIGHT das geworden was schon der Vorgänger hätte sein sollen – ein dezent von der früheren Spielart der Band abweichendes, in Hinblick auf die neue und etwas aggressivere Gangart aber durchaus überzeugendes Endprodukt. So erhielt der 2008 zur Band hinzugestoßene, deutlich rauer als sein Vorgänger Garavello agierende Leadsänger Fabio D. hier endlich den nötigen Raum – und auch die instrumentale Komponente von WE FIGHT klingt schlicht deutlich griffiger als die von HEROES.

Eine mitunter noch wichtigere, dieses Mal absolut zugunsten von ARTHEMIS ausfallende Feststellung gibt es gleich obenauf: die noch auf HEROES vorhandenen, fast schon Chart-tauglichen Poprock-Anleihen inklusive nicht weniger peinlich-schlechter Refrains und allerlei merkwürdigen Gesangsstrukturen sind komplett verschwunden. WE FIGHT gibt schon von den ersten Takten an eine wesentlich besser zu ARTHEMIS passende Marschrichtung vor. Eine, die mit einem Bein im Genre des Trash Metal steht – doch bekanntlich wünschte sich die Band Veränderungen. Und wenn die so überzeugend ausfallen wie in diesem Fall, stimmt es einen schon nicht mehr ganz so wehmütig dass ARTHEMIS eigentlich mal einen gleichermaßen klassischen wie hymnischen progressiven Power Metal gespielt haben.

Und so kann sich grundsätzlich alles, was nach dem noch am ehesten zu vernachlässigen Intro APOCALYPTIC NIGHTMARE folgt; absolut hören lassen. Sei es der energetische und Riff-gelandene Opener EMPIRE, der schmackige Titeltrack WE FIGHT, das allein durch den erstklassigen Gesang überzeugende BLOOD OF GENERATIONS, das rhythmisch zugängliche aber alles andere als weichgespült klingende BURNING STAR – WE FIGHT zeigt ARTHEMIS endlich wieder von ihrer besten Seite. Gut, die Genre-Hymne METAL HAMMER ist dezent nervig; und die Ballade ALONE hätte so nicht unbedingt sein müssen – aber selbst die geht im Vergleich zu obligatorischen Erzeugnissen anderer Bands absolut in Ordnung. In Bezug auf die handwerklichen Leistungen der einzelnen Mitglieder gibt es nicht zu meckern, wobei insbesondere das variable Drumming sowie der gut in Szene gesetzte Bass zu überzeugen wissen – das seit jeher erstklassige Gitarrenspiel inklusive einiger markanter Soli-Momente rundet das Ganze ab. Ob man das Album nun als entschädigenden Ausgleich für das schwache HEROES betrachten sollte oder nicht, sei einmal dahingestellt – doch fest steht, dass WE FIGHT (fast) auf ganzer Linie überzeugt.

Absolute Anspieltipps: EMPIRE, BLOOD OF GENERATIONS, CRY FOR FREEDOM, REIGN OF TERROR


„Was für ein Comeback – ARTHEMIS sind wieder auf Kurs.“

Metal-CD-Review: BLOODBOUND – In The Name Of Metal (2012)

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Alben-Titel: In The Name Of Metal
Künstler / Band: Bloodbound (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 18. März 2011
Land: Schweden
Stil / Genre: Power Metal
Label: AFM Records

Alben-Lineup:

Tomas Olsson – Guitars
Fredrik Bergh – Keyboards
Pelle Åkerlind – Drums
Henrik Olsson – Guitars
Patrik „Pata“ Johansson – Vocals
Anders Broman – Bass

Track-Liste:

1. In the Name of Metal (04:16)
2. When Demons Collide (04:11)
3. Bonebreaker (03:05)
4. Metalheads Unite (05:00)
5. Son of Babylon (03:19)
6. Mr. Darkness (03:15)
7. I’m Evil (03:55)
8. Monstermind (03:34)
9. King of Fallen Grace (03:19)
10. Black Devil (03:47)
11. Bounded by Blood (04:07)
12. Book of the Dead 2012 (03:54)

Als wären MANOWAR und EDGUY intim geworden.

IN THE NAME OF METAL ist das fünfte offizielle Studioalbum der schwedischen Power Metaller von BLOODBOUND – und gleichzeitig eines, dass das bisher wohl größte Potential hat die geneigte Hörerschaft zu spalten. Die relative Streitbarkeit des Albums, die bereits anhand des Openers und Titeltracks IN THE NAME OF METAL auszumachen ist; liegt jedoch nicht an einem erneuten Wechsel des Lineups. Denn: mit der eher unschönen Tradition der durchwechselnden Leadsänger haben BLOODBOUND seit dem Vorgänger UNHOLY CROSS (Review) abgeschlossen – und mit Patrik „Pata“ Johansson endlich einen starken und hoffentlich dauerhaften Frontmann gefunden. Das potentielle Problem liegt eher woanders begraben – und zwar in der neuerlichen musikalischen Ausrichtung des Albums, und letztendlich auch der Band selbst.

Und tatsächlich: nachdem sich die Band bereits ausgiebig auf den vier Vorgängern austoben und vor allem ausprobieren konnte, hat man sich in Bezug auf IN THE NAME OF METAL offenbar auf eine nicht für jedermann bekömmliche Fahrtrichtung geeinigt. Der bereits erwähnte Opener (der auch aus Videosingle veröffentlicht wurde), aber auch einige der anderen Titelbezeichnungen weisen bereits dezent darauf hin – BLOODBOUND’s fünftes Album ist eher eine relativ einfache Zusammenstellung von Genre-Hymnen geworden, und kein thematisch eigenständiges Werk. Ganz im Stile von True Metal-Bands wie MANOWAR zelebrieren BLOODBOUND hier ihr heiß geliebtes Genre – was sicher berechtigt ist und den Hörer das eine oder andere Mal mitzureißen vermag. Andererseits öffnet man damit eine Tür für alle Kritiker, die sich an allzu simplen oder gar plumpen und selbst-verherrlichenden Genre-Hymnen wie etwa METALHEADS UNITE (das genauso gut von MANOWAR kommen könnte) stören. Und vielleicht auch all jenen denen schon auf UNHOLY CROSS aufgefallen war, dass BLOODBOUND es letztendlich relativ simpel angehen.

Doch was bei UNHOLY CROSS noch uneingeschränkt funktioniert hat, verhält sich nun etwas anders. Tatsächlich scheint BLOODBOUND das neue Album etwas zu leicht von der Hand gegangen zu sein – wirkliche Highlights, auf die man einfach immer wieder gerne zurückkommen könnte; lassen sich nur schwerlich ausmachen. Das mag Kritik auf einem vergleichsweise hohen Niveau sein – denn Fakt ist, dass die Schweden auch dieses Mal eine mehr als ordentliche handwerkliche Leistung sowie eine hervorragende Produktion vorlegen. Doch bleibt es dieses Mal eher bei einem recht kurzweiligen Gesamteindruck und dem Gefühl, dass BLOODBOUND noch so viel mehr aus dem hier vertretenen Material hätten machen können. So sind gerade das Riffing und der Leadgesang wunderbar kräftig, etwa in Nummern wie SON OF BABYLON, MR. DARKNESS oder I’M EVIL – doch inhaltlich, und speziell in Bezug auf die arg weichgespülten Refrains lässt sich einfach zu wenig holen. Schlussendlich geht IN THE NAME OF METAL somit noch immer als leicht überdurchschnittliches Genre-Album durch – doch waren BLOODBOUND schon einmal wesentlich stärker.

Absolute Anspieltipps: WHEN DEMONS COLLIDE, BONEBREAKER, KING OF FALLEN GRACE


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„Kein Totalausfall, nach dem grandiosen Vorgänger aber ein herber Rückschlag.“

Metal-CD-Review: ANDRE MATOS – The Turn Of The Lights (2012)

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Alben-Titel: The Turn Of The Lights
Künstler / Band: Andre Matos (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 2012
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: earMUSIC

Alben-Lineup:

Hugo Mariutti – Guitars
Andre Hernandes – Guitars
Andre Matos – Vocals
Bruno Ladislau – Bass
Rodrigo Silveira – Drums

Track-Liste:

1. Liberty (04:11)
2. Course of Life (05:40)
3. The Turn of the Lights (04:21)
4. Gaza (05:30)
5. Stop! (05:16)
6. On Your Own (05:40)
7. Unreplaceable (04:49)
8. Oversoul (05:30)
9. White Summit (04:00)
10. Light-Years (04:08)
11. Sometimes (03:23)
12. Fake Plastic Trees (Radiohead cover) (04:42)

Der letzte macht das Licht aus.

THE TURN OF THE LIGHTS ist das dritte offizielle Studioalbum aus der Feder von ANDRE MATOS – jenem brasilianischen Ausnahme-Künstler, der seinen außergewöhnlichen musikalischen Werdegang zunächst mit VIPER und ANGRA beschritt und später maßgeblich zur Gründung der Power Metal-Combo SHAMAN beitrug. Doch ist all das bekanntlich längst Geschichte – seit 2006 liegt nicht nur sein Augenmerk, sondern auch das der internationalen Hörerschaft auf seiner ersten wirklich eigenen Band ANDRE MATOS. Und tatsächlich: wenngleich das diesbezügliche Debüt TIME TO BE FREE (2007, Review) sicher nicht jedermann gefallen wird, sah es in Bezug auf den vergleichsweise opulenten Nachfolger MENTALIZE (2009, Review) schon wesentlich besser aus. Somit war es auch keine große Überraschung, dass irgendwann ein weiteres Album folgen würde, folgen musste – was letztendlich schon gute drei Jahre später geschah.

Dabei ist THE TURN OF THE LIGHTS gleich in mehrerlei Hinsicht interessant, denn eines war und ist im Falle des Brasilianers klar: er würde sich nicht bloß wiederholen, sondern sicher immer wieder für eine Überraschung sorgen. Und das ist ihm auch dieses Mal gelungen, wenngleich hierzu höchst gemischte Gefühle anzuberaumen sind. So klingt das Album nicht unbedingt sperriger als sein ohnehin schon stark progressiver Vorgänger, aber doch merklich weniger energetisch und weniger packend. Sicher war es schwer, eine regelrechte Metal-Oper wie MENTALIZE zu toppen – etwas merkwürdig aber erscheint es dennoch, dass Matos nun erneut den umgekehrten Weg ging und sich auf THE TURN OF THE LIGHTS fast ausschließlich auf seine ruhige und eher unspektakuläre Seite beschränkt. So ist Zurückhaltung leider auch eines der Stichworte, mit welchem man das Release treffend beschreiben könnte. Eine Zurückhaltung sowohl auf Seiten aller beteiligten Musiker, aber auch auf Seiten des Hörers – der hier möglicherweise ein ähnlich fulminantes und überraschendes Werk erwartet hat wie MENTALIZE.

Aber auch vollkommen unabhängig von etwaigen Vergleichen zeigt sich, dass es THE TURN OF THE LIGHTS schlicht an etwas fehlt. Nach dem noch soliden COURSE OF LIFE dümpelt das Album schließlich recht lange vollkommen Highlight-los vor sich her – und serviert dem Hörer dabei auch die ein oder andere eher gewöhnungsbedürftige Nummer. Nummern, die man theoretisch in zwei Kategorien unterteilen könnte. Die einen präsentieren einen eher balladesk angehauchten Sound mit neuerlichen Merkwürdigkeiten wie Verzerr-Effekten oder Flüstertönen im Hintergrund – wie etwa GAZA (bei dem der Gesang und die klassische Instrumentierung überhaupt nicht zusammenzupassen scheinen) oder ON YOUR OWN, das trotz der später zugeführten Härte harmlos klingt und sich in einer kuriosen Instrumentalstrecke verirrt. Die anderen Nummern sind dann vornehmliche solche, die einige gute Basis-Zutaten mitbringen – aber dennoch extrem verhalten klingen und sich schlicht so anfühlen, als würden sie sich gen nirgendwo entwickeln. Seien es der Titeltrack, das rockige STOP! oder das noch recht variable UNREPLACEABLE – wirklich gelungen erscheint hier wenig.

Gründe für den nunmehr eher langatmigen Sound finden kann wohl nur Matos selbst – doch Fakt ist, dass es THE TURN OF THE LIGHTS als Album eher schlecht bekommt. Vieles wirkt stark vereinfacht, selbst die Instrumental- und Soliparts reichen bei weitem nicht mehr an die Qualität der beiden Vorgängeralben heran – und auch Matos schien in Bezug auf den Leadgesang wieder einmal eine kreative Pause einzulegen denn sich wirklich ins Zeug zu legen. Vielleicht ist das ja auch die Folge einer gewissen Heimatlosigkeit respektive einer fehlenden Vision. Wenn man schon so viele Bands hinter sich hat, die nun quasi zur Konkurrenz gehören und dabei große Erfolge für sich verbuchen (wie ANGRA mit eigentlich all ihren Alben ab 2001 oder SHAMAN mit dem Überraschungs-Album ORIGINS, Review) – dann könnte man verständlicherweise ins Grübeln kommen. Natürlich ist respektive wäre das schade, zumal es sich hier um bloße Unterstellung handelt – was es aber umso ärgerlicher macht ist, dass ANDRE MATOS erst 3 Jahre zuvor gezeigt hatte dass es auch anders geht. Schließlich war MENTALIZE über viele Zweifel erhaben – eine Feststellung, die man auf THE TURN OF THE LIGHTS leider nicht mehr anwenden kann.

Absolute Anspieltipps: COURSE OF LIGHTS, LIGHT-YEARS


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„Auf ein solides und ein sehr gutes Album folgt ein insgesamt enttäuschendes.“

Metal-CD-Review: AGE OF ARTEMIS – Overcoming Limits (2012)

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Alben-Titel: Overcoming Limits
Künstler / Band: Age Of Artemis (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 2012
Land: Brasilien
Stil / Genre: Melodic Power Metal
Label: MS Metal Records

Alben-Lineup:

Giovanni Sena – Bass
Pedro Sena – Drums, Percussion
Gabriel „T-Bone“ Soto – Guitars
Nathan Grego – Guitars
Alírio Netto – Vocals

Track-Liste:

1. What Lies Behind… (00:52)
2. Echoes Within (04:04)
3. Mystery (05:39)
4. Take Me Home (03:34)
5. Truth in Your Eyes (03:44)
6. Break Up the Chains (03:44)
7. One Last Cry (04:06)
8. You’ll See (03:03)
9. God, Kings and Fools (09:25)
10. Till the End (04:53)

Das Album der 1000 Gesichter.

Zumindest im direkten Ländervergleich kommt es nicht allzu oft vor, aber: wenn sich eine Power Metal-Combo aus Brasilien zu Wort meldet, dann meist richtig. Vor allem sehr traditionell auftretende und in internationaler Hinsicht somit erst Recht erfrischend klingende Bands wie ANGRA, AQUARIA, EDNLESS, ETERNA, NOVALOTUS, TIERRA MYSTICA oder TOCCATA MAGNA fungieren daher nicht von ungefähr als waschechte Geheimtipps. Die Chancen bezüglich dessen, dass man nun auch AGE OF ARTEMIS auf jene illustre Liste aufnehmen kann; stehen gut: ihr Debütalbum OVERCOMING LIMITS klingt nach vielem, nur nicht nach einem zu vernachlässigenden Release. Mit ein Grund dafür wird die Mitarbeit von niemand geringerem als Edu Falashi (Ex-ANGRA, ALMAH) sein – der zusammen mit der Band und zahlreichen anderen Genre-Liebhabern dafür gesorgt hat, dass AGE OF ARTEMIS schon auf ihrem Debüt klingen wie eine langjährig bestehende Band. Insbesondere beim schwungvollen, enorm hymnischen Opener ECHOES WITHIN lassen sich gewisse Parallelen zu mSoudn von ANGRA (explizit: NOVA ERA) somit kaum verhelen – aber das ist beileibe nichts schlechtes.

AGE OF ARTEMIS behalten die zunächst etablierte Gangart und Marschrichtung jedoch nicht bei. Stattdessen finden sich im weiteren Alben-Verlauf immer mehr progressive Ansätze, komplexere Strukturen und auch eine handvoll explizit balladesker Momente. Die größte Überraschung ist dabei sicher LEadsänger Alírio Netto – der sich extrem wandelbar zeigt (man vergleiche nur ECHOES WITHIN und BREAK UP THE CHAINS) und dabei sowohl die für das Genre typischen hohen Lagen, als auch deutlich kräftigere und bodenständigere Passagen brillant meistert. Zwei Dinge fallen dann aber doch dezent negativ auf: zum einen klingen die quasi-Balladen TAKE ME HOME und ONE LAST CRY deutlich zu schwülstig; im schlimmsten Fall gar überflüssig – und müssen daher klar hinter den anderen Nummern anstehen. Zum anderen scheint es so als könnten AGE OF ARTEMIS den mit dem Intro, dem flotten ECHOES WITHIN und dem starken MYSTERY etablierten Ersteindruck im weiteren albenverlauf nicht mehr wirklich toppen. Die Nummern werden zwar nicht bedeutend schlechter, doch wirkliche Highlights bleiben aus – auch das überlange GOD KINGS AND FOOLS qqreißt einen nicht mehr wirklich vom Hocker.

Durch die markante Abwechslung, die überaus gelungene Produktion und den ebenfalls alles andere als zu überhörenden Leistungen an den Instrumenten kann man aber noch immer von einer gewissen Sogwirkung sprechen, die es vermag den Hörer lange an das Album zu binden. Der mächtig erscheinende Bandname und das schmucke Artwork versprechen also nicht zu viel: es lohnt sich zweifelsohne, das handwerklich schier perfekt inszenierte OVERCOMING LIMITS für sich zu entdecken.

Absolute Anspieltipps: ECHOES WITHIN, MYSTERY, TILL THE END


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„Gut, aber da geht noch mehr.“

THORNBRIDGE – Gallery Of Horror (Official Tracks)

Metal-CD-Review: HOPES OF FREEDOM – Hopes Of Freedom (2012)

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Alben-Titel: Hopes Of Freedom
Künstler / Band: Hopes Of Freedom (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 01. Dezember 2012
Land: Frankreich
Stil / Genre: Power Metal
Label: Keins / Independent

Alben-Lineup:

Lucas Lambert – Vocals, Guitars
Loris Brix – Bass, Vocals (backing)
Clément L’Heryenat – Drums
Thibault Hennart – Guitars, Vocals (choir)

Track-Liste:

1. …and the Manuscript Unfolds (02:26)
2. Your Life in My Hands (05:22)
3. Through the Winds and the Rain (06:34)
4. Ride in the Sky (06:54)
5. The Fight (07:33)
6. Masters of the World (05:31)
7. Run Away (05:44)
8. Death Should We Falter (08:05)
9. The Call (05:52)
10. Hopes of Freedom (11:29)

Eine neue Hoffnung für die Power Metal-Welt ?

Aus Frankreich und mit der Ankündigung einer ansprechenden Symbiose aus Elementen des Folk- und Power Metal kommt die 4-köpfige, frisch durchstartende Genre-Combo HOPES OF FREEDOM daher. Auch wenn die Band bereits Ende 2007 gegründet wurde, dauerte es noch ein ganzes Weilchen bis ihr Debütalbum erscheinen sollte – aber gut Ding will eben Weile haben. Und tatsächlich: das mit 10 Titeln bestückte, schlicht HOPES OF FREEDOM betitelte Erstwerk der Franzosen macht gleich von Beginn an einen guten Eindruck. Irgendwo zwischen Bands wie FALCONER, VEXILLUM, SUNRISE und einem eher unbekannten, dafür aber auffallend ähnlich klingenden Genrevertreter wie INSTANZIA inszeniert sich die Band überraschend stilsicher – und zeigt schnell klare Stärken in den Bereichen des an den Tag gelegten Handwerks, des Songwritings und der rundum gelungenen Präsentation. Besonders in Anbetracht des Silberlinges als Independent-Produktion scheint hier von vorne bis hinten alles stimmig – selbst die schön druckvolle, differenzierte Produktion lässt keine Wünsche offen.

Dabei sollte man sich nicht vom überaus ansehnlichen, aber doch in gewisser Weise vorbelasteten Artwork täuschen lassen – HOPES OF FREEDOM haben weniger mit Drachen am Hut als eventuell vermutet. Im Gegensatz zu vielen anderen Combos setzt die Band schließlich eher auf akustische Klangpassagen denn auf pompöse symphonische Spielereien, sodass auch kein Keyboard-Posten im Lineup vorgesehen ist. Das scheint auch gar nicht nötig, sorgen speziell die schmackigen Gitarren, das variable Schlagzeug und die arrangierten Chöre für das gewisse Etwas. Selbige können in Titeln wie THE FIGHT gar für ein lang vergessen geglaubtes Gänsehaut-Gefühl sorgen, was nur begrüßenswert ist. Trotz allen Lobes – ein oder zwei Abstriche muss man dann aber doch machen. Etwas schade ist beispielsweise, dass die Gitarren zwar gut gehandhabt werden – aber in einigen Momenten (speziell den Soli und einigen eigentlich markanten Rhythmus-Passagen) noch zu wenig prägnant und ungünstig abgemischt klingen. Eben so, als wollte man ihren Sound absichtlich unterdrücken.

Daran sollte man unbedingt noch arbeiten – wie sicher auch am Leadgesang von Lucas Lambert. Gerade der ist wie dafür gemacht, die Geister zu scheiden – zumal er leichte Probleme mit seiner Aussprache zu haben scheint und es sich einstweilen so anhört, als wären zusätzliche Effekte über seine Stimme gelegt. Sollten HOPES OF FREEDOM diese Schwächen in Bezug auf ein potentielles nächstes Album ausbügeln, so stünde einem unvergleichlichen Höhenflug wohl nichts mehr im Wege. Das ändert indes kaum etwas daran, dass schon das Debütalbum stark und überzeugend ausgefallen ist. Eine über weite Strecken frische Atmosphäre, eine angenehm hymnische Wirkung und das Wechselspiel aus andächtigen und markant-kräftigen Momenten (RUN AWAY) machen Laune – und das Album zu einer Empfehlung.

Absolute Anspieltipps: THROUGH THE WINDS AND THE RAIN, THE FIGHT, THE CALL


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„Eine echte Überraschung.“

Metal-CD-Review: SKYLARK – Twilights Of Sand (2012)

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Alben-Titel: Twilights Of Sand
Künstler / Band: Skylark (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 11. Januar 2012
Land: Italien
Stil / Genre: Symphonic Power Metal
Label: Radtone Music

Alben-Lineup:

Roberto „Brodo“ Potenti – Bass, Guitars
Eddy Antonini – Keyboards
Ashley Watson – Vocals

Track-Liste:

1. The Tears of Jupiter (01:36)
2. とべ!グレンダイザー (02:33)
3. The Princess and Belzebú (06:57)
4. She (06:06)
5. Love Song (05:08)
6. Tears (03:20)
7. Lions Are the World (07:29)
8. The Wings of the Typhoon (05:04)
9. Sands of Time (03:18)
10. Mystery of the Night (05:59)
11. Road to Heaven (05:07)
12. Believe in Love (05:43)
13. Follow Your Dreams (06:03)
14. Eyes (00:49)
15. とべ!グレンダイザー (karaoke version) (02:37)
16. Faded Fantasy (03:48)
17. Follow Your Dreams (female voice version) (05:39)

Vielleicht klappt es ja dieses Mal.

TWILIGHTS OF SAND ist das achte Studioalbum der italienischen Symphonic- und Power Metaller von SKYLARK. Eines, dass mit einigen Neuerungen daherkommt – wie etwas in Bezug auf den Leadgesangsposten, der nun von Ashley Watson bekleidet wird. Immerhin, einen Vorteil hat das Ganze – schließlich kommt die neue SKYLARK-Frontfrau mit einer wesentlich angenehmeren Stimmfarbe daher als ihre Vorgänger. Nicht ganz so gut ist indes, dass auch ihre Darbietung nicht wirklich mit den Instrumentalparts zu harmonieren scheint – und sie teils starke Probleme mit höheren Gesangslagen sowie ihren eher klassischen Intermezzi zu haben scheint. Am besten klingt sie ausgerechnet in SANDS OF TIME – ausgerechnet, da es sich hier um eine vor Schmalz triefende Pop-Ballade handelt.

Die markanteren Probleme des Albums ergeben sich aber ohnehin nicht allein aufgrund der insgesamt eher zu vernachlässigenden Gesangsleistungen (die Darbietung in THE PRINCESS AND BELZEBU beispielsweise hat etwas ganz und gar bezeichnendes)  vielmehr kommen sie aus gänzlich anderen Richtungen. Vornehmlich solchen, von denen man hätte annehmen müssen dass sie längst der Vergangenheit angehören. Doch weit gefehlt: TWILIGHTS OF SAND ist in Bezug auf das Instrumentenspiel, die Arrangements und Produktion abermals eine mittelprächtige Katastrophe. Allzu lange dauert es auch gar nicht, bis das festzustellen ist: bereits der Opener TOBE! GLENDZIER (der auf japanisch eingesungen wurde) zeigt beherzt auf, wie arg es aktuell um SKYLARK bestellt ist.

Anders gesagt: so gut wie alle Titel klingen rein Sound-technisch extrem unausgefeilt, flach – und werden zudem mit arg kitschigen Zusatzelementen seitens des Keyboards ausstaffiert. Was dezent verwunderlich ist; hatte man auf DIVINE GATES PART 3 doch immerhin ansatzweise gezeigt, dass man zu mehr imstande wäre. Theoretisch natürlich, mit einer großen Portion Engagement und dem Willen sich wirklich zu verändern. TWILIGHTS OF SAND aber ist eher als Schritt zurück zu bezeichnen – sodass SKYLARK auch mit ihrem mittlerweile achten Album keinen Blumentopf gewinnen können.

Absolute Anspieltipps: /


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„Ein Album, welches man am besten mit Kopfhörern verköstigen sollte – Schallschutzkopfhörern. Leider…“

Filmkritik: „Alexandre Ajas Maniac“ (2012)

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Originaltitel: Maniac
Regie: Franck Khalfoun
Mit: Elijah Wood, Nora Arnezeder, America Olivo u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 89 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Thriller
Tags: Mörder | Gewalt | Wahnsinn | Amoklauf | Psychose

Die wahnsinnige Welt eines Serienkillers – Teil 2.

Kurzinhalt: Frank (Elijah Wood) ist von Beruf Restaurator, der sein Leben seinem Geschäft und den zahlreichen darin enthaltenen Schaufensterpuppen gewidmet hat. Doch offenbar geht diese Vorliebe dann doch etwas zu weit – in seinem verwahrlosten Hinterzimmer haust Frank nicht nur mit weiteren Schaufensterpuppen, sondern auch solchen die eine echte Haarpracht ziert. Diese hat er von seinen regelrechten Beutezügen als brutaler Mörder – der es allein auf Frauen abgesehen hat und diese nach deren Tod skrupellos skalpiert. Offenbar hat er als Kind zahlreiche traumatische Erlebnisse durchmachen müssen – die sich stets auf seine Mutter beziehen, was er nun in einer wahnhaft-kranken Art und Weise aufarbeitet. Eines Tages begegnet er der Fotografin Anna (Nora Arnezeder), in der er mehr zu sehen scheint als ein weiteres Opfer – doch wie lange er seine krankhaften Triebe zurückhalten könnte, bleibt ungewiss…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Man kann dem allgemeinen Remake-Wahn gegenüberstehen wie man will. Fakt ist wohl nur, dass auch in Zukunft zahlreiche frühere Werke zwecks einer Neuverfilmung aus der Mottenkiste geholt werden – mit einem mal mehr, mal weniger verständlichen Hintergedanken. Denn wie so oft stellt sich die Frage, in wie weit ein Remake eines potentiellen Kultfilms tatsächlich Sinn ergibt – und aus welchen Gründen man überhaupt eines anstrebt. Von allzu perfiden, rein marketing-orientierten Gründen über eine zeitliche, geografische und / oder optische Anpassung bis hin zu inhaltlichen Neuinterpretationen kann alles vertreten sein – wobei es eigentlich nur zwei einzuhaltende Ziele gibt.

Zum einen sollte sich das Remake auch vom jeweiligen Original unterscheiden – und zum anderen; und das ist die Schwierigkeit, sollte es dem Originalstoff und der ursprünglichen Intention der Schöpfer dennoch treu bleiben. Trifft beides nicht zu, so sollte das Original entweder gleich unangetastet lassen – oder aber ein eigenes Werk erschaffen, dass sich nicht auf potentiell große Namen und einen vorangegangenen Erfolg stützt. Doch wie passt ALEXANDRE AJAS MANIAC nun in dieses Schema ? Wobei der deutsche Titel etwas verwirrend ist,  schließlich führt eben nicht Alexdandre Aja Regie, sondern sein Kollege Franck Khalfoun. Immerhin haben beide am Drehbuch geschrieben; und zur Produktionsriege gesellt sich noch ein weiterer spannender Name: William Lustig, seines Zeichens der Regisseur des originalen MANIAC von 1980 (Review), der hier als Produzent auftritt und dem Remake so offenbar seinen Segen gab.

Doch zurück zum Status von ALEXANDRE AJAS MANIAC als Remake eines seinerzeit durchaus umstrittenen Psycho-Thrillers mit dem authentisch-schockierenden Porträt eines wahnsinnigen Serienkillers. Zunächst fällt auf, dass sich das Remake rein inhaltlich und inszenatorisch nah am Original bewegt – von den offensichtlicheren Maßnahmen einmal abgesehen. Schließlich sieht der neue MANIAC gemäß seines Produktionsjahres entsprechend frisch aus, und bewegt sich mit seinen Bildern irgendwo zwischen Hochglanzoptik, durch diverse Licht- und Kulissenspiele auf alt getrimmte Ansichten und einer dezent kunstvollen Art der Inszenierung. Eine, die ein wenig an Nicolas Winding Refn’s DRIVE (Review) erinnert, aber natürlich niemals dessen poetische Kraft erreicht – zumal es ohnehin eher die spezielle Kameraführung ist, mit der sich das MANIAC-Remake profilieren möchte. Tatsächlich gelingt das Spiel mit der Ego-Perspektive gut – und sorgt dafür, dass man noch mehr Einblicke in die Seelenwelt des Hauptprotagonisten erhält. Sofern man diesen Aspekt als eine der Stärken des Franchise ansieht, versteht sich. Denn abermals stellt sich die Frage, wie weit man innerhalb des Mediums Film als Kunstform überhaupt gehen darf oder sollte. Diese Frage wird schließlich auch direkt an den Zuschauer weitergeleitet, wenn auch in etwas anderer Form: möchte ich mir wirklich einen Film ansehen, in dem mir ein möglichst authentisches Porträt eines Serienmörders ohne eine jegliche Wertung dargeboten wird ? Sollte diese Sorte von Menschen, respektive deren kranken Gedankenwelten tatsächlich eine Bühne erhalten, auf dass diese Elemente eine möglichst große Schockwirkung entfalten ?

Doch da sich bereits das Original mit diesen Fragen konfrontiert sah, soll es an dieser Stelle nicht vordergründig darum gehen, in wie weit das Gezeigte möglicherweise moralisch bedenklich ist (noch nicht einmal explizit auf das Ergebnis bezogen, sondern vor allem auf die dahinterstehende Theorie) oder nicht. Vielmehr geht es darum, ob das Remake tatsächlich einen Mehrwert besitzt, oder das Original sogar zu übertreffen vermag – wie es offenbar laut einiger Kritiker der Fall sein soll.

Warum genau, bleibt allerdings fraglich – denn tatsächlich bleibt das Remake in vielerlei Hinsicht hinter dem Original zurück. Dass die Optik nun ein wenig stimmiger und vor allem stilvoller (erst Recht durch die Ego-Perspektive, mit der aber auch das ein oder anderen Mal gebrochen wird) ausfällt, reicht schließlich nicht aus. Doch auch wenn sich das Remake nah am Original orientiert, lässt es ausgerechnet jene Szenen vermissen die dieses so auszeichnen – wie etwa eine spannungsgeladene Szene auf einer U-Bahn-Toilette. Im Remake gibt es zwar auch eine entsprechende U-Bahn-Station zu sehen – doch kann hier kaum das beklemmende Gefühl des Originals eingefangen werden. Ähnliches gilt auch für die heftigen Gewalt- bzw. Splatterszenen: bereits im Original waren sie schon nicht ohne, doch nun bewegt sich das Gezeigte trotz fehlender Kopfschuss-Szene bar einer jeden Kunst und erinnert so an perverse Gewaltorgien a’la HUMAN CENTIPEDE 2 (Review). Natürlich kommen derlei Szenen in MANIAC nur vereinzelt vor – aber dennoch bleibt es fraglich, ob es tatsächlich eine inszenatorische Raffinesse ist das Leid der Protagonisten explizit zur Schau zu stellen und dabei auch noch mit einer möglichst glaubhaften Anatomie (wer wollte nicht schon immer mal wissen, wie so eine Kopfhaut von unten aussieht) zu glänzen.

Dass MANIAC dann doch noch einige neue inhaltliche Elemente einstreut, respektive die Vergangenheit des Hauptprotagonisten zum einen, und seine verqueren Gedankengänge in Bezug auf Frauen zum anderen näher beleuchtet, fällt dabei eigentlich kaum ins Gewicht. Trotz dessen, dass das Original nicht immer derart explizit vorgegangen ist, hat man sich in etwa einen Reim auf das machen können, was im Kopf des Mörders vorgeht – andererseits will man es vielleicht auch gar nicht so genau wissen. Somit bleibt dem Remake eigentlich nur eine Stärke, oder auch ein Faktor der locker mit dem Original mithalten kann: die darstellerischen Leistungen. Beziehungsweise die eine, damals von Joe Spinell und heute von Elijah Wood. Der spielt hier nicht nur alle anderen im Film auftretenden Darsteller an die Wand, sondern überzeugt auch generell mit seiner Darbietung des wahnsinnigen Psycho-Killers – der im Grunde ganz harmlos aussieht. Hier sogar noch mehr als im Original – das Alter und die vergleichsweise zierliche Erscheinung von Wood passen einfach perfekt auf die Rolle, und machen sie eventuell zu einer der stärksten und glaubwürdigsten, die er je gespielt hat. Zumindest aber eine der eindringlichsten, im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehenden…

Fazit: Es sie immer wieder – Remakes, deren Sinn sich nicht wirklich erschließt; so oft und aus welchen Perspektiven man das Ergebnis auch betrachtet. Und MANIAC ist weiteres ein Paradebeispiel dafür, wie schlimm es eine solche Produktion treffen kann. Auch wenn das Projekt handwerklich über viele Zweifel erhaben ist und vor allem darstellerisch überzeugen kann, scheint es wenig sinnig eine Handlung wie diese beinahe deckungsgleich zu wiederholen – mit einem Ergebnis, dass sogar weitaus weniger effektiv ist als das Original. Und das nicht nur, da man einige Szenen so bereits voraussehen kann – sondern vor allem, da dem Remake schlicht eine jegliche Spannung abhanden kommt und das Ganze im schlimmsten Fall sogar unfreiwillig komische Züge annehmen kann.

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„Optisch verständlicherweise wertiger als das Original – ansonsten aber eine blosse, reichlich sinnfreie und mitunter abstoßende Wiederholung eines umstrittenen Genre-Films.“

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Filmkritik: „Upside Down“ (2012)

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Originaltitel: Upside Down
Regie: Juan Solanas
Mit: Jim Sturgess, Kirsten Dunst, Timothy Spall u.a.
Land: Kanada, Frankreich
Laufzeit: ca. 109 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Science Fiction / Drama
Tags: Zwei Welten | Schwerkraft | Oben Und Unten | Beziehung | Einzigartig

Es kommt eben doch auf den… Schwerpunkt an.

Kurzinhalt: Der junge Adam (Jim Sturgess) lebt in einem Universum, welches im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig ist. Anstatt in den blauen Himmel schauen zu können, sieht er bei einem Blick nach oben eine andere, zweite Welt – die scheinbar über seiner schwebt und zum Greifen nah erscheint. Das Problem ist nur, dass die beiden nebeneinander existierenden Welten über eine jeweils eigene Schwerkraft verfügen – und so nicht möglich ist, von der einen zur anderen zu wechseln. Und doch plant Adam, genau das zu tun – er hat sich in eine dort lebende Frau (Kirsten Dunst) verliebt. Um sie nach vielen Jahren wieder  sehen zu können, bewirbt sich Adam bei dem einzigen Unternehmen, welches die beiden Welten miteinander verbindet – und geht bei der Kontaktaufnahme so manches Risiko ein. Denn nicht nur, dass es verboten ist nicht-beruflichen Kontakt zu einem anderen Bewohner der jeweils anderen Welt aufzunehmen – gelangt Materie von der einen in die andere Welt droht sie dort innerhalb weniger Stunden zu verbrennen…

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Es war einmal ein groß angekündigter Blockbuster, der neben einer hübschen und fantasievollen Optik auch noch etwas ganz anderes zu bieten hatte. Natürlich ist die Rede von Juan Solanas Mammutprojekt UPSIDE DOWN, und jener den Film gewissermaßen auszeichnenden Prämisse – die nicht weniger als ein spektakuläres Weltbild vorsieht, in der sich zwei gegenüberliegende Welten in einer seltsamen Form der Koexistenz befinden. Doch nicht nur, dass die beiden Welten in einem äußerst geringen Abstand zueinander stehen, eine Umlaufbahn und so gesehen auch eine gemeinsame Atmosphäre teilen – es gilt ein spezielles Gesetz der Schwerkraft. Dieses sieht vor, dass sich Welt A und Welt B trotz aller anderen Gemeinsamkeiten keine gemeinsame Schwerkraft teilen, die jeweiligen Bewohner also nur von ihrer Seite aus von der Gravitation angezogen werden. Das bedeutet auch, dass man nur schwerlich auf die jeweils andere Seite wechseln kann – von dessen Oberfläche man folglich herunterfallen würde. Es sei denn natürlich, man bedient sich der Materie der anderen Seite; und beschwert sich damit. Dann ist man zwar dort – steht aber im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Kopf, wie es auch der Haupt-Protagonist des Films des öfteren macht.

Das klingt nach einer gleichermaßen interessanten wie verwirrenden Prämisse – wobei man derlei Atttribuierungen vornehmlich zu Beginn des Films in den Raum werfen kann. Schließlich beginnt der UPSIDE DOWN noch im Vorspann mit gewissen Erklärungsansätzen zur Welt und deren Funktionsweise, bevor es auch relativ schnell hinübergeht zu einer ersten, offenbar verbotenen Kontaktaufnahme zweier Kinder die durch das seltsame Welten-Konstrukt voneinander getrennt sind. Dabei sorgt nicht nur der inhaltliche Ansatz für einen reichlich fantastischen und erfrischenden Eindruck – auch die geradezu malerischen Bilder schaffen es, auch wenn sie komplett aus dem Computer stammen; eine markante Form des Interesses zu entfachen. Und sei es allein darin begründet, dass man einfach wissen möchte was die Ideengeber und ausführenden verantwortlichen aus einer Idee wie dieser gemacht haben; ein entsprechendes Budget natürlich mit eingeschlossen. Doch dann geschieht es – zunächst nur Stück für Stück, und später in einem schier unerträglichen Maße.

Die Rede ist von nicht weniger als der eigentlichen Gewichtung des Films – der überraschenderweise nur wenig von einem Science Fiction-Werk hat. Ja, nicht einmal die Zeichnung der angedeuteten, dystopischen Gesellschaft mit einem Zwei-Klassen-System (welches sich praktischerweise auch gleich räumlich trennen lässt) wird nennenswert ausgeführt – sodass es eigentlich nur bei den wenigen bereits zu Beginn des Films eingestreuten Informationen bleibt, die man über die Welt erhalten wird. Sicher, über das wie, wo und warum einer solchen Doppel-Welt hätte man nicht unbedingt eine nähere Ausführung erwarten können – schlicht, da es sich viele Filme vergleichsweise einfach machen mit derartigen Prämissen, und nur noch selten gewagte Geniestreiche abgeliefert werden. Verständlicherweise führt eben diese Vorgehensweise auch dazu, dass der Film nicht wenige Logikfehler respektive ungeklärte Angelegenheiten in den Raum wirft – bei denen man des öfteren nur den Kopf schütteln wird. Aber all das wäre vielleicht noch gar kein so großer Beinbruch, nicht nur weil man vergleichbares gewohnt ist – sondern auch, da der Film noch ganz andere Stärken hätte etablieren können.

Doch bleibt es auch hier bei einem schlichten hätte – denn ausgerechnet hinsichtlich seiner Zeichnung der vorgestellten Welt versagt UPSIDE DOWN völlig. Zwar sind einige der Bilder respektive Stillleben – die auch noch von einem entsprechend atmosphärischen Soundtrack untermalt werden – nett anzusehen, doch inhaltlich untermauert werden sie zu keinem Zeitpunkt. Schließlich werden nicht einmal die einfachsten, einigen automatisch auf den Fingern brennende Fragen behandelt – in Bezug auf das vorherrschende Gesellschaftssystem, der regelrechte Hass auf die jeweils andere Welt und vieles mehr. Die eigentliche Frechheit aber folgt erst, denn es stellt sich alsbald heraus warum der Film auf diesen – und nicht wenigen anderen – Gebieten versagt. Denn: es ist genau so gewollt. UPSIDE DOWN ist vordergründig eine schlichte Romanze, die eine eher gewöhnliche Liebesgeschichte unter außergewöhnlichen, letztendlich aber vollkommen unwichtigen Umständen erzählt. Ob diese Tatsache aber ausreicht, um die teils gravierenden Missstände zu rechtfertigen – das muss wohl ein jeder für sich selbst entscheiden.

Hinzu kommt, dass die darstellerischen Leistungen bestenfalls als solide zu bezeichnen sind – wobei auch die eher schmerzliche Figurenzeichnung ein Wörtchen mitzureden hat. Sowohl die im Film geäußerten Dialoge, als auch einige höchst unglaubwürdige Reaktionen und Verhaltensweisen der Charaktere führen schließlich eher zu weiterem Kopfschütteln – und nicht zu einem Aufkommen von Empathie. Davon abgesehen bleibt UPSIDE DOWN zwar recht bildgewaltig – bietet insgesamt aber weniger optische Raffinessen als erwartet. Vielmehr steht die eine oder die andere Welt Kopf – was zunächst noch ungewöhnlich und faszinierend anmuten mag, doch irgendwann nutzt sich auch dieser Effekt ab.

Fazit: Der hinter UPSIDE DOWN stehende Gedanke ist zwar nachzuvollziehen –  warum die Verantwortlichen sich aber erdreistet haben und die vermeintliche Kernbotschaft des Films (ungefähr: Liebe überwindet alle Grenzen) hinsichtlich ihrer Wichtigkeit über alle anderen Aspekte gehievt haben, bleibt ein Mysterium. So muss man sich spätestens im Verlauf des Abspanns ernsthaft fragen, wozu man sich überhaupt die Mühe gemacht hat; wenn die Botschaft eine explizit universelle ist und es eigentlich gar keine Rolle spielt, wo und unter welchen Umständen sich das Ganze zugetragen hat. Wahrlich, die hier investierte Zeit hätte man sich sparen können – passenderweise gleich im doppelten Sinne. Zum aus der Sicht des Zuschauers, der sicher weit mehr erwartet hätte als eine simple bis krude Love-Story in einem oberflächlichen Sci-Fi-Gewand – und zum anderen aus der Sicht der Macher, die die gleiche Wirkung mit einem Kurzfilm etablieren können. Zumindest wäre man in einem solchen Fall weniger verschwenderisch mit einer eigentlichen spannenden Prämisse wie dieser umgegangen, hätte nicht so viel potentiell interessantes angeschnitten respektive offengelassen (in Bezug auf alles, was die beiden Welten betrifft) – und die Zuschauer somit auch weniger verärgert. Es ist schade, aber – bis auf ein paar schöne Bilder und eine überraschend typische Liebelei (die weder der Einfall des frühen Unfalls inklusive Gedächtnisverlust noch das schier katastrophale Ende aufwertet, im Gegenteil) gibt es in UPSIDE DOWN nicht viel zu holen.

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„Neben vielen enthaltenen Peinlichkeiten wurde schlicht zu viel Potential verschenkt.“

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