Filmkritik: „Das Leben Ist Schön“ (1998)

Originaltitel: La Vita E Bella
Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Roberto Benigni
Mit: Roberto Benigni, Horst Buchholz, Marisa Paredes u.a.
Land: Italien
Laufzeit: ca. 117 Minuten
FSK: ab 6 freigegeben
Genre: Tragikomödie, Drama
Tags: Zweiter Weltkrieg | Nazis | Konzentrationslager | Kind | Junge | Spiel

Eine These geboren aus der Schnittmenge eines frommen Wunsches und der Wahrheit.

Inhalt: Eigentlich könnte es nicht viel besser laufen im Leben des jüdischen Guido (Roberto Benigni): nachdem er all seinen Charme eingesetzt hat um die Liebe seiner angebeteten Dora (Nicoletta Braschi) zu gewinnen, bekommen die beiden alsbald ihr erstes Kind und verbringen einige schöne Jahre im idyllischen Italien. Doch als sich der Schrecken des Faschismus immer weiter ausbreitet, kann sich auch Guido nicht mehr vor den Nazis verstecken – und wird gemeinsam mit seinem Sohn Giosué (Giorgio Cantarini) in ein Konzentrationslager gebracht. Aus Liebe zu ihrer Familie entscheidet sich daraufhin auch Dora, den beiden zu folgen – woraufhin eine lebensgefährliche Odyssee durch ein von den Nazis kontrolliertes System beginnt. Ein System, aus dem es offenbar kein Entkommen gibt. Aufgeben will Guido dennoch nicht, im Gegenteil: für seinen Sohn erfindet er ständig neue Geschichten, die ihn vom harten KZ-Alltag ablenken. So legt er ihm auch nahe, dass sie ihre Gefangenschaft nur bis zum Ende durchhalten müssten – gäbe es doch einen sagenhaften Preis für den vermeintlichen Gewinner…

Kritik: Filme, die in irgendeiner Art und Weise den Zweiten Weltkrieg und insbesondere die Gräueltaten der Nazis aufgreifen; waren schon immer wichtig und sind über die seit der Befreiung vergangenen Film-Jahrzehnte entsprechend zahlreich vertreten. Umso schwieriger erscheint es, sich einige besondere Juwelen herauszupicken. Juwelen oder auch besonders herausragende Kriegs- respektive Anti-Kriegsfilme, die im besten Fall nicht nur die nötige Aufarbeitung vorantreiben und dabei sowohl den Tätern als auch den Opfern gerecht werden – sondern auch eine gewisse Form der Alternative aufzeigen. Eine Alternative, die an den einstweilen fragwürdig erscheinenden Verstand der menschlichen Spezies appelliert – und eine, die keine Staatsangehörigkeit, Religionszugehörigkeit oder anderweitige Ideologien voraussetzt.

Fest steht: das, und noch einiges mehr hat der italienische Schauspieler und Filmemacher Roberto Benigni mit seinem Meister- und vielleicht auch Lebenswerk DAS LEBEN IST SCHÖN anstandslos geschafft. Vielleicht auch, und das ist das besondere; da der Film weitaus weniger von einer typischerweise einem Kriegsdrama zuzuordnen Erzählstruktur und Dramaturgie hat als man es erwarten würde – und die Mixtur aus einer zu Beginn noch gefühlten Alltags-Komödie, der oftmals nur implizierten (dabei aber dennoch alles aussagenden) Darstellung der darauf folgenden Schrecken des Krieges sowie der trotz allem hochgehaltenen und dabei extrem anrührenden Vater-Sohn-Beziehung im Sinne eines ebenso innovativen wie unterhaltsamen und lehrreichen Films aufgeht. Anders gesagt: selten, oder vielleicht auch noch niemals zuvor hat es ein Kriegsdrama mit einer alles andere als gängigen Auslegung einer Opferrolle geschafft einen derart emotional mitreißenden – und entgegen der Weltkriegs-Thematik auch explizit lebensbejahenden – Eindruck zu erzeugen.

Dass der Film dabei nicht nur mit seinem mutigen Konzept überzeugt – sondern beispielsweise auch in Bezug auf die hervorragenden Kostüme, Kulissen und die grundsätzliche optische Gestaltungsarbeit – rundet die Sache ab. Natürlich gilt das auch für die Leistung der beteiligten Darsteller – auch, oder vielleicht auch gerade wenn Roberto Benigni eigentlich nicht viel mehr macht als sich selbst zu spielen. Zwar wird das LEBEN IST SCHÖN nicht jedermann direkt zusagen, woran die stellenweise gewöhnungsbedürftige (in diesem Fall aber natürlich absolut gewollte) Albernheit nicht ganz unschuldig ist – und dennoch wird sich spätestens gegen Ende niemand mehr der schier ungeheuren emotionalen Wirkungskraft dieser Tragikomödie erwehren können. Und schon damit sollte Roberto Benigni  genau das erreicht haben, was er wollte.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © D.R.

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„Eine etwas andere (und vor allem anders erzählte) Tragikomödie, die im Gedächtnis bleibt.“

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Metal-CD-Review: BLIND GUARDIAN – Nightfall In Middle-Earth (1998)

Alben-Titel: Nightfall In Middle-Earth
Künstler / Band: Blind Guardian (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 24. April 1998
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: Virgin Records

Alben-Lineup:

Hansi Kürsch – Vocals, Bass
André Olbrich – Guitars
Marcus Siepen – Guitars
Thomen Stauch – Drums

Track-Liste:

1. War of Wrath (01:50)
2. Into the Storm (04:24)
3. Lammoth (00:28)
4. Nightfall (05:34)
5. The Minstrel (00:32)
6. The Curse of Feanor (05:41)
7. Captured (00:26)
8. Blood Tears (05:23)
9. Mirror Mirror (05:06)
10. Face the Truth (00:24)
11. Noldor (Dead Winter Reigns) (06:51)
12. Battle of Sudden Flame (00:43)
13. Time Stands Still (At the Iron Hill) (04:53)
14. The Dark Elf (00:23)
15. Thorn (06:18)
16. The Eldar (03:39)
17. Nom the Wise (00:33)
18. When Sorrow Sang (04:25)
19. Out on the Water (00:44)
20. The Steadfast (00:21)
21. A Dark Passage (06:01)
22. Final Chapter (Thus Ends…) (00:48)

Man nehme sich mal wieder Zeit für ein gutes Buch, oder…

Die Tätigkeit etwaige Power Metal-Diskografien im Sinne eines Blogs wie dem gerade gelesenen aufzuarbeiten kann schon mal zu einer etwas ermüdenden Angelegenheit werden. Und das trotz des potentiell hochkarätigen Materials welches – natürlich nur im besten Fall – einer entsprechenden Entdeckung harrt. Bei den Kollegen von BLIND GUARDIAN sieht die Sache aber etwas anders aus – schließlich lieferte die bereits 1984 als LUCIFERS HERITAGE gegründete Metal-Combo nicht nur relativ kontinuierlich gute bis herausragende Genre-Alben ab – sondern sorgte im Laufe der Jahre auch für die ein oder andere, unter Umständen sogar bis heute streitbare Überraschung. Die erste größere war dabei sicherlich die Entwicklung, die die Band von den ersten beiden Alben BATTALIONS OF FEAR (siehe Review) und FOLLOW THE BLIND (Review) hin zu ihren schon deutlicher einem fantastisch angehauchten europäischen Power Metal zuzuordnenden Werken TALES FROM THE TWILIGHT WORLD (Review) und SOMEWHERE FAR BEYOND (Review) an den Tag legte. Eines aber hatten BLIND GUARDIAN bis dato noch nicht gewagt, und das trotz des engagierten Ausprobierens ins viele erdenkliche Richtungen: ein Konzeptalbum abzuliefern, dass gleich in mehrerlei Hinsicht mit den bisherigen Releases brechen und den Status der Band mit einer noch markanteren Einzigartigkeit versehen würde. Vorausgesetzt natürlich, man würde die angestammten Fans nicht allzu sehr vergrätzen.

Interessanterweise neigen manche dazu, genau das vom 1998 veröffentlichten NIGHTFALL IN MIDDLE-EARTH zu behaupten. Und das vornehmlich, da BLIND GUARDIAN hier auf ein explizit ausgeführtes Fantasy-Konzept mit einer großen, durch zahlreiche Interludes vorangetriebenen Geschichte setzten – und andererseits, da sie sich in den eigentlichen Haupt-Titeln nicht immer von ihrer schlagkräftigsten Seite inszenierten. Tatsächlich sind diese beiden Kritikpunkte auch nicht gänzlich von der Hand zu weisen – insbesondere natürlich, was die mit recht beliebig erscheinenden Sprechpassagen und Hörspielelementen versehenen Interludes angeht. Nicht nur dass selbige ein gewisses Grundwissen voraussetzen und den Fluss des Albums teils merklich stören können – auch besitzen sie für sich betrachtet keine wie auch immer geartete musikalische Wertigkeit. Letztendlich wird einem also kaum etwas anderes übrig bleiben, als das Album auf das absolut Wesentliche zu reduzieren – was hier noch immer in einem potentiellen Genuss von 11 vollwertigen BLIND GUARDIAN-Titel mündet. Das Problem: wenngleich sich BLIND GUARDIAN spürbar bemühten, sowohl eine möglichst dichte Atmosphäre zu generieren als auch für einen größtmöglichen musikalischen Abwechslungsreichtum zu sorgen; scheint das Konzept hier einfach nicht wirklich aufzugehen. Zumindest nicht so wie erwartet und wie von der Band erhofft – woran auch die alles andere als spärlich gesäten Durststrecken (und das nicht nur in Form der Interludes) einen nicht unerheblichen Anteil haben.

So ist es einerseits schön zu sehen (und zu hören), dass sich die Band nach ihrem deutlich raueren und im schlimmsten Fall auch als dezent orientierungslos zu bezeichnenden Vorgänger IMAGINATIONS FROM THE OTHER SIDE (Review) aufmachte, ein neues musikalisches Kapitel zu schreiben und ihrer Diskografie eine weitere interessante Facette hinzuzufügen – doch andererseits kann man im Fall von NIGHTFALL ON MIDDLE-EARTH einfach nicht von einem nennenswert mitreißenden Genre-Album sprechen. Sicher, die Pionierarbeit die BLIND GUARDIAN im Sinne des gegen Ende der 90er Jahre in Europa aufkommenden Symphonic Power Metal-Genres leisteten; ist ihnen keinesfalls abzusprechen. Manchmal ist das Leben aber einfach etwas ungerecht – was in diesem Fall bedeutet, dass es etwaige spätere Nachahmer (oder jene, die sich in einem positiven Sinne von einem Werk wie NIGHTFALL ON MIDDLE-EARTH inspirieren ließen) möglicherweise doch etwas besser gemacht haben als BLIND GUARDIAN mit ihrer frühen Vorlage. Auch wenn das Album durchaus seine Stärken besitzt – und das vornehmlich im Bereich des Handwerks, des Leadgesangs und der soliden Ausführung der auf den ersten Blick deutlich unscheinbareren oder explizit balladesken Momente (wie in THE ELDAR), fehlt NIGHTFALL ON MIDDLE-EARTH schlicht der letzte Schliff – oder vielleicht auch einfach nur eine Extraportion Kraft, wie sie auf dem Album viel zu selten zu spüren ist. Mit Ausnahme einer relativen Über-Hymne vom Schlage eines MIRROR MIRROR. Wobei aber auch hier gilt, dass nicht alles Gold ist was glänzt – und die typisch-überlagerten und gewissermaßen einen Chor imitierenden Gesänge von Hansi Kürsch (die überdies in nicht gerade wenigen Titeln Verwendung finden) nicht jedermann gefallen werden.

Davon abgesehen bleibt das Album aber viel zu handzahm, wofür man nicht erst einen Vergleich mit der früheren Schlagkraft der Band anberaumen muss. Sicher ist grundsätzlich nichts falsch daran, als Band auch mal eine etwas behutsamere; hier eher in Richtung pointierter balladesker und folkloristischer Elemente zielende Herangehensweise auszuprobieren. Doch wenn dabei fast schon kläglich langwierig erscheinende Momente wie etwa in NOLDOR herauskommen, sieht die Sache schon etwas anders aus. Zumal es sich hierbei längst nicht um den einzigen Moment handelt, in dem sich BLIND GUARDIAN gefühlt etwas zurückgehalten hatten – und zwar durchaus mit einer gewissen musikalischen Raffinesse und Qualität, aber eben weniger mit einem ihnen so wirklich abzunehmenden Gefühl agierten. Natürlich handelt es sich hierbei um eine Kritik auf einem vergleichsweise hohen Niveau, und Fans der Band werden auch dieses Release kaum missen möchten; Gründe dafür gibt es noch immer genug – doch für andere Gelegenheiten (wie etwa Nicht-Kennern der Band ein möglichst aussagekräftiges Werk vorzustellen) eignet sich NIGHTFALL ON MIDDLE-EARTH vermutlich eher weniger.

Absolute Anspieltipps: MIRROR MIRROR, THORN


„Ein durchwachsenes BLIND GUARDIAN-Album, welches bei weitem nicht so spektakulär ist wie sein Ruf.“

Metal-CD-Review: NOCTURNAL RITES – Tales Of Mystery And Imagination (1998)

Alben-Titel: Tales Of Mystery And Imagination
Künstler / Band: Nocturnal Rites (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 18. Februar 1998
Land: Schweden
Stil / Genre: Power Metal
Label: Century Media Records

Alben-Lineup:

Anders Zackrisson – Vocals
Fredrik Mannberg – Guitars
Nils Norberg – Guitars
Nils Eriksson – Bass
Ulf Andersson – Drums

Track-Liste:

1. Ring of Steel (06:42)
2. Dark Secret (05:04)
3. Test of Time (05:01)
4. Lost in Time (03:01)
5. The Vision (04:21)
6. Warrior’s Return (04:43)
7. Change the World (03:46)
8. Pentagram (03:48)
9. Eye of the Demon (04:42)
10. End of the World (03:24)
11. The Curse (04:03)
12. Burn in Hell (03:38)

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Ja, die 90er waren eine gute Zeit – und das auch oder gerade für den europäischen Power Metal, der mit den fulminanten Werdegängen von auch heute noch aktiven Bands wie RUNNING WILD, GRAVE DIGGER, HELLOWEEN, GAMMA RAY oder EDGUY ein für allemal aus seinen Kinderschuhen herausgewachsen ist. Eine potentiell wichtige Zutat, die nicht zuletzt durch eine Deutsche Band wie BLIND GUARDIAN populär geworden ist und mit den Italienern von RHAPSODY OF FIRE auf eine erfreuliche Spitze getrieben wurde; erfreute sich dabei einer immer größeren Beliebtheit – und die beschreibt nicht weniger als das Bestreben, möglichst umfassende Geschichten zu erzählen oder im besten Fall gleich komplett erdachte Handlungs-Universen zu erschaffen. Und das des öfteren mit einem entsprechenden Fantasy-Einschlag, wobei die eher TOLKIEN-orientierte Herangehensweise von BLIND GUARDIAN nur eine der vielen diesbezüglichen Möglichkeiten war. Eine Band, die sich in den späten 90ern erstmals auf diesem Gebiet ausprobierte – dabei aber eine ganz andere Vergangenheit an den Tag legte als etwa BLIND GUARDIAN, und auch nicht plante in eine ähnlich symphonische Richtung zu gehen wie RHAPSODY OF FIRE – waren die NOCTURNAL RITES.

Und das war so nicht unbedingt zu erwarten, erst Recht nicht nach dem eher rauen Start der aus Schweden stammenden Combo – die sich zunächst im Bereich des Death Metal verdingte, und erst mit dem Debütalbum IN A TIME OF BLOOD AND FIRE (siehe Review) den ersten handfesten Schritt in Richtung eines ebenso griffigen wie melodischen Power Metals unternahm. Wobei, und das steht heute fest – es sich durchaus um eine gute und nachvollziehbare Entscheidung gehandelt hat. Schließlich folgte bereits 1998 das heute vorliegende TALES OF MYSTERY AND IMAGINATION – und das sowohl als Untermauerung der von der Band getroffenen Entscheidung, als auch als erstes NOCTURNAL RITES-Album mit einem deutlicheren Fantasy-Kontext und dem Gefühl einer zusammenhängenden Geschichte. Und tatsächlich: schon der Opener RING OF STEEL beinhaltet grundsätzlich alles, was man sich von einem Konzeptalbum wie diesem gewünscht hätte – was in erster Linie eine zum Schneiden dichte, einzigartige Atmosphäre nach sich zieht.

Fest steht: nachdem die Schweden schon auf ihrem Debütalbum gezeigt hatten, dass sie ihr Handwerk problemlos verstehen; bewiesen sie sich nun auch noch als grandiose Geschichten-Erzähler. Solchen, denen man einfach gerne zuhört – und die durch den stets hörbaren klassischen Genre-Einschlag im Sinne der frühen 80er-Metaljahre auch nicht allzu kitschig oder übertrieben bombastisch klingen. Allerdings zeigt sich, dass selbst ein auf den ersten Blick bestens funktionierendes; ja wenn nicht gar unantastbar klassisches Genre-Album wie dieses die ein oder andere Schwäche offenbart. Ob es sich dabei um kleinere oder größere handelt muss ein jeder für sich selbst entscheiden, aber: gerade der grundsätzlich höchst angenehme, aber eben auch nicht besonders variable Leadgesang von Anders Zackrisson sowie die alles andere als perfekte Abmischung und Produktion verhindern hier noch größeres. Sicher, wenn man so will könnte man diese Nachteile oder auch Nicht-Perfektion zumindest teilweise abschwächen – eben ganz im Sinne eines ebenso klassischen wie zeitlosen Genre-Albums, das noch echte Ecken und Kanten hat.

Und überhaupt: gerade das von der Band an den Tag gelegte Handwerk ist zu so gut wie jeder Zeit ansprechend, und die Mixtur aus schieren Hymnen wie dem Opener RING OF STEEL und wunderbar klassisch-voranpreschenden Stampfern a’la DARK SECRET, TEST OF TIME oder dem flotten CHANGE THE WORLD angenehm. Sieht man über schwächere Momente wie dem in Bezug auf die Gitarren etwas zu mächtig dröhnenden LOST IN TIME oder dem vergleichsweise einfach gehaltenen WARRIOR’S RETURN hinweg, kann man mit TALES OF MYSTERY AND IMAGINATION ein sich in fast jeder Hinsicht lohnenswertes Genre-Album entdecken.

Absolute Anspieltipps: RING OF STEEL, TEST OF TIME, CHANGE THE WORLD, PENTAGRAM, EYE OF THE DEMON


„Die NOCTURNAL RITES und ihr Weg zur Krone.“

Metal-CD-Review: EDGUY – Vain Glory Opera (1998)

Alben-Titel: Vain Glory Opera
Künstler / Band: Edguy (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 15. Januar 1998
Land: Deutschland
Stil / Genre: Power Metal
Label: AFM Records

Alben-Lineup:

Tobias Sammet – Vocals, Bass, Keyboards
Jens Ludwig – Guitars
Dirk Sauer – Guitars

Track-Liste:

1. Overture (01:31)
2. Until We Rise Again (04:28)
3. How Many Miles (05:39)
4. Scarlet Rose (05:10)
5. Out of Control (05:04)
6. Vain Glory Opera (06:08)
7. Fairytale (05:11)
8. Walk On Fighting (04:46)
9. Tomorrow (03:53)
10. No More Foolin‘ (04:55)
11. Hymn (Ultravox cover) (04:53)

Reifer hätte die Zeit wahrlich nicht werden können.

Die Liste der in den frühen 90ern gegründeten Power Metal-Combos, die neben ihrer maßgeblichen Mitgestaltung des noch jungen Genres zielstrebig auf das neue Millennium zusteuerten und sich früher oder später den verdienten Status als waschechte Legenden sicherten; ist gar nicht mal so kurz. Beschränkt man das Ganze allerdings auf den deutschen Raum und klammert die noch frühere Vorarbeit von großen Pionieren wie HELLOWEEN oder GAMMA RAY einmal dezent aus, so müsste einem insbesondere eine Combo ins Auge stechen: die bereits seit 1992 aktiven EDGUY. Mit ein Grund dafür ist, dass sich die Band seit ihrem überraschenden Debütalbum SAVAGE POETRY (1995, siehe Review) oder dem ebenfalls gern als Debüt bezeichneten Nachfolger KINGDOM OF MADNESS (1997, Review) als äußerst vielversprechende Nachwuchs-Band heraustellte – und es lediglich kleinere (SAVAGE POETRY) bis explizit auf den allgemeinen Soundeindruck bezogene Probleme (KINGDOM OF MADNESS) waren, die es für die junge Band noch zu bewältigen galt.

Wie man heute weiß hat sich das (Ab)Warten auch definitiv ausgezahlt, denn: mit dem gerade einmal ein Jahr nach KINGDOM OF MADNESS veröffentlichten dritten EDGUY-Studioalbum VAIN GLORY OPERA konnten die Hessen das Ruder entgültig zu ihren Gunsten herumreißen. Und das mit einem solchen Nachdruck, dass das Album bis heute kräftig nachhallt – und auf eine Entdeckung von Seiten aller Genre-Hörer wartet, die sich aus welchen Gründen auch immer noch nicht allzu intensiv mit dem kreativen Schaffen von EDGUY befasst haben. Anders gesagt: wer beispielsweise nur die jüngeren Ambitionen der Band kennt und sich nicht so recht mit ihnen anfreunden kann, der sollte unbedingt mal einen Blick in die Vergangenheit wagen – und das insgesamt 11 Titel starke VAIN GLORY OPERA auf sich wirken lassen.

Fest steht: EDGUY haben hier ein Album erschaffen, die wie kein zweites aus der hiesigen Diskografie von seiner ebenso dichten wie unverwechselbaren Atmosphäre lebt. So beschwören schon das Intro OVERTURE, der flotte Opener UNTIL WE RISE AGAIN und das stampfende HOW MANY MILES ein höchst interessantes Wechselspiel der Emotionen herauf, das sich irgendwo zwischen einer typisch-verspielten europäischen Eingängigkeit und einer ordentlichen Portion Dramatik bewegt. Der sich hieraus ergebenden, schon einmal dezent in Richtung des späteren AVANTASIA-Projekt weisenden Kraft und Wirkung kann man sich jedenfalls kaum entziehen – was einerseits am großartigen Songwriting liegt, und andererseits am damaligen EDGUY-Quantensprung in Bezug auf den allgemeinen Soundeindruck. Im Vergleich mit den Vorgängern konnte VAIN GLORY OPERA so nicht nur hinsichtlich der an den Tag gelegten Ideen, des ausgeführten Handwerks und der klanglichen Vielfalt die Oberhand gewinnen – sondern schlicht und ergreifend auch aufgrund der hier wesentlich ausgereifteren technisch-akustischen Komponente.

Eine; die VAIN GLORY OPERA sowohl den nötigen Druck und Bombast (wie in UNTIL WE RISE AGAIN oder FAIRYTALE) verleiht, als auch das nötige Fingerspitzengefühl in den getrageneren Momenten (wie in SCARLET ROSE) nicht vermissen lässt. Einen kleinen Nachteil aber offenbart das Ganze dann doch. Schließlich klingen die einzelnen Tonspuren in diesem Fall nicht besonders differenziert, oder anders gesagt: einstweilen drohen EDGUY hier, einige Elemente in ihren hauptsächlich von dröhnenden Gitarren okkupierten Klangkulissen untergehen zu lassen – wie etwa den Bass. Davon abgesehen aber bietet das Album ein wenig von allem, und das in gut – wie etwa im knackigen Titeltrack VAIN GLORY OPERA, der mit einem markanten Keyboard und einem unterhaltsamen Charme der 80er-Metaljahre punktet. Ja, selbst das auf den ersten Blick eher unscheinbare WALK ON FIGHTING macht eine bessere Figur als zunächst erwartet – und das nicht nur, da der Bassist und Schlagzeuger der Band endlich auch mal voll auf ihre Kosten kommen respektive die nötige Aufmerksamkeit ergattern. Der Schlagabtausch von weiteren balladesken (TOMORROW) und ungewöhnlich zünftigen Momenten (NO MORE FOOLIN, die Backgroundshouts wirken allerdings etwas plump) macht das Ganze schier perfekt.

Schlussendlich gilt es damit vor allem eines festzuhalten: mit VAIN GLORY OPERA haben EDGUY seinerzeit mehr als ordentlich abgeliefert – und ein Album erschaffen, das auch heute noch in keiner gut sortierten Power Metal-Sammlung fehlen darf.

Absolute Anspieltipps: UNTIL WE RISE AGAIN, HOW MANY MILES, VAIN GLORY OPERA, FAIRYTALE


„Der erste Meilenstein innerhalb einer interessanten Metal-Karriere.“

Metal-CD-Review: MORIFADE – Across The Starlit Sky (EP, 1998)

Alben-Titel: Across The Starlit Sky (EP)
Künstler / Band: Morifade (mehr)
Veröffentlichungsdatum: November 1998
Land: Schweden
Stil / Genre: Power Metal
Label: Loud ’n‘ Proud

Alben-Lineup:

Christian Stinga-Borg – Vocals, Keyboards, Piano
Fredrik Johansson – Guitars
Jesper Johansson – Guitars
Henrik Weimedal – Bass
Kim Arnell – Drums

Track-Liste:

1. Enter the Past (06:06)
2. Tomorrow Knows (03:57)
3. Starlit Sky (04:59)
4. Distant World (04:31)

A true blast from the past.

ACROSS THE STARLIT SKY ist die erste offizielle EP der mittlerweile aufgelösten schwedischen Power Metal-Combo MORIFADE – die der Welt durchaus einige waschechte Genre-Perlen hinterlassen hat, vor allem aus der Zeit um die Jahrtausendwende herum. Einen dezenten Hinweis darauf gab und gibt auch schon die vorliegende EP – und das trotz der gerade einmal 4 enthaltenen Titel, die sich auf eine Gesamtspielzeit von knapp 19 Minuten summieren. Schließlich zeigten MORIFADE bereits hier und in einem ihrer frühesten musikalischen Stadien auf, dass sie problemlos dazu in der Lage waren ihren zahlreichen Konkurrenten die Stirn zu bieten. Interessant dabei ist, dass hier noch der kurz nach der Veröffentlichung der EP aus der Band ausgestiegene Christian Stinga-Borg den Posten des Leadsängers übernahm – und dabei eine mehr als annehmbare Figur machte. Keine herausragende vielleicht, doch scheint seine vergleichsweise tiefe und raue Herangehensweise recht gut zum allgemeinen Soundeindruck der EP zu passen.

Ein Soundeindruck, der natürlich auch durch die Abmischungs- und Produktionsqualität beeinflusst werden wird. Umso überraschender ist, dass die EP trotz ihres offensichtlichen Hangs zum typischen Klang einer Demo-Produktion recht aussagekräftig klingt – und potentielle Nachteile hier sogar eher dazu neigen, sich ins positive zu verkehren. Immerhin sollte es so nicht unbedingt beabsichtigt gewesen sein, dass die Gitarren hier ausgerechnet der Präsenz des Bass weichen mussten (markant: TOMORROW KNOWS und STARLIT SKY) – was allemal eine angenehme Abwechslung darstellt, und die ohnehin angedeutete progressive Note der Band zusätzlich unterstreicht. Beim Stichwort des progressiven und dem Blick auf den Entstehungszeitraum der EP könnte einem überdies auch schnell eine andere, eventuell mit MORIFADE zu vergleichenden Combo in den Sinn kommen: die aus Italien stammenden LABYRINTH.

Tatsächlich ergeben sich zumindest streckenweise Parallelen, auch wenn die Italiener in ihrer früheren Schaffensperiode ungleich stärker auf das Keyboard setzten. Auf ganz ähnlich emotional angehauchte Nummern wie DISTANT WORLD (die man am ehesten als progressive Power-Ballade bezeichnen könnte) aber setzten beide Bands – wobei hier die Schweden deutlich hinter ihren italienischen Kollegen zurückstecken mussten; hauptsächlich aufgrund der leider kaum für eine Nummer wie diese geeigneten Frontstimme von Christian Stinga-Borg. Letztendlich aber hatten MORIFADE hier aber vieles richtig gemacht, und eine ebenso schmackige wie überzeugende erste Werkschau abgeliefert – sieht man von der noch früheren und ungeschliffeneren Ur-Demo THE HOURGLASS ab.

Absolute Anspieltipps: TOMORROW KNOWS, STARLIT SKY


„Eine der besseren Power Metal-EP’s aus einer hoffentlich nicht vergessenen Zeit.“

Metal-CD-Review: CRYSTAL EYES – Gallery Of Demos (Compilation, 1998)

Alben-Titel: Gallery Of Demos
Künstler / Band: Crystal Eyes (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 01. Oktober 1998
Land: Schweden
Stil / Genre: Power Metal
Label: Keins / Independent

Alben-Lineup:

Mikael Dahl – Vocals, Guitars, Keyboards
Christian Gunnarsson, Mikael Blohm, Kim Koivo, Marko Nicolaidis, Claes Wikander – Bass
Fredrik Gröndahl, Kujtim Gashi, Martin Tilander – Drums
Jukka Kaupaamaa, Jonathan Nyberg – Guitars

Track-Liste:

1. The Dragon’s Lair (05:01)
2. Victims of the Frozen Hate (05:29)
3. Interstellar War (04:47)
4. Another Race (04:20)
5. Rage on the Sea (06:35)
6. The Final Sign (03:59)
7. Twilight Dreams (05:15)
8. Extreme Paranoia (03:37)
9. Winds of the Free (04:40)
10. A Tale of Forgotten Realms (05:44)
11. The Shadowed Path (04:42)
12. Strange Dimension (05:52)
13. Queen of the Night (05:58)
14. Crystal Eyes (03:27)
15. We Are the Future (03:27)

Einladung zu einer ganz besonderen Werkschau.

Nicht wenige Bands haben sie noch – oder eher schon immer – in ihrer offiziellen Diskografie: gute alte Demos, die einst die Aufgabe hatten einen hoffentlich positiven Ersteindruck zu hinterlassen. Auch die schwedischen Power Metaller von CRYSTAL EYES bilden da keine Ausnahme – wobei man könnte sogar sagen könnte, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Schließlich wurden im Zeitraum von der eigentlichen Bandgründung im Jahre 1992 bis hin zum kongenialen Debütalbum WORLD OF BLACK AND SILVER (siehe Review) gleich 4 Demos veröffentlicht – damals noch im längst vergessenen Kassetten-Format, und mit nicht mehr als jeweils 3 oder 4 Titeln. Glücklicherweise aber, und das wiederum ist eher selten; haben sich die Schweden irgendwann dazu entschlossen auch diese frühen Band-Ergüsse für die Nachwelt zu erhalten. So erschien 1998 die Compilation GALLERY OF DEMOS, auf CD und ohne die Hilfe eines Labels – die neben allen auf den vorherigen Demos enthaltenen Nummern auch einen Bonus in Form des bis dato unveröffentlichten STRANGE DIMENSION enthält.

Viel wichtiger als das ist wohl aber die Tatsache, dass man dank jener Veröffentlichung auch heute noch die Chance erhalten kann einen Blick auf das frühere Schaffen der Band zu werfen. Früher, das bedeutet in diesem Fall früher als das Debütalbum aus dem Jahre 1999 – welches an sich schon einen recht klassischen, zeitlosen und auch mal dezent an RIOT und ihr 1988’er Meisterwerk THUNDERSTEEL (Review) erinnernden Sound an den Tag legte. Umso interessanter ist es, fast alle der auf eben jenem Debüt enthaltenen Nummern in einer wenn man so will noch raueren, ursprünglicheren, grundsätzlicheren Fassung zu erleben. Auch – und das ist der wohl einzige nötige Einschub – wenn man sicher nicht umsonst behaupten konnte, dass die CRYSTAL EYES ihren Sound für WORLD OF BLACK AND SILVER erstmals in einem bemerkenswerten Ausmaße perfektioniert hatten. Der hier vor allem in gesanglicher Hinsicht noch etwas ungeschliffene Eindruck von Nummern wie THE DRAGON’S LAIR, INTERSTELLAR WAR, EXTREME PARANOIA oder RAGE ON THE SEA führt so in jedem Fall dazu, dass die Demo-Compilation keinesfalls dem Debütalbum vorzuziehen ist.

Dennoch, gerade aus der Sicht eines Sammlers oder eingefleischter CRYSTAL EYES-Fans ist eine Compilation wie diese natürlich Gold wert – nicht zuletzt dank der zahlreichen Nummern, die es nicht auf das Debütalbum oder spätere Werke geschafft hatten. Zumindest nicht in kompletter Form – schließlich hat Band-Mastermind Mikael Dahl  selbst darauf hingewiesen, dass er sich für spätere Alben auch einiger älterer und nach den Demos nicht mehr veröffentlichter Song-Elemente bedient hat. So eignet sich die GALLERY OF DEMOS auch perfekt dazu, noch einmal genau hinzuhören und nachzuforschen – was durchaus zu einer waschechten Herausforderung werden kann. A TALE OF FORGOTTEN REALMS beispielsweise wurde später doch noch für das letztaktuelle CRYSTAL EYES-Album KILLER (siehe Review, hier schlicht FORGOTTEN REALMS betitelt) wiederverwendet – ist aber kaum noch mit der ursprünglichen Fassung zu vergleichen.

Absolute Anspieltipps: THE FINAL SIGN, THE SHADOWED PATH, CRYSTAL EYES, WE ARE THE FUTURE


„Ein durch und durch lohnenswertes Stück Metal-Geschichte.“

Metal-CD-Review: ANGRA – Fireworks (1998)

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Alben-Titel: Fireworks
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 14. Juli 1998
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Steamhammer

Alben-Lineup:

Ricardo Confessori – Drums
Andre Matos – Vocals, Keyboards
Kiko Loureiro – Guitars
Rafael Bittencourt – Guitars
Luís Mariutti – Bass

Track-Liste:

1. Wings of Reality (05:55)
2. Petrified Eyes (06:05)
3. Lisbon (05:13)
4. Metal Icarus (06:24)
5. Paradise (07:38)
6. Mystery Machine (04:12)
7. Fireworks (06:21)
8. Extreme Dream (04:17)
9. Gentle Change (05:36)
10. Speed (05:57)

ANGRA, oder: eine Band zwischen Genie und Wahnsinn.

Schon kurze Zeit nach ihrem zweiten Studioalbum HOLY LAND (Review) legten die berühmt-berüchtigten brasilianischen Power Metaller von ANGRA nach – und präsentierten ihrer Hörerschaft das 10 Titel starke FIREWORKS. Interessant dabei ist, dass es sich musikalisch und stilistisch nur noch ansatzweise in jenen Sphären bewegt wie die beiden Vorgänger – das Exotische, das Besondere wurde eindeutig zugunsten einer; man nenne sie einmal internationalen Gleichförmigkeit zurückgestellt. Zwar sind die besonderen Elemente in Form von speziellen symphonischen Raffinessen, Landes-spezifischen Klang-Einflüssen und zahlreichen Änderungen der Marschrichtung auch innerhalb einzelner Titel noch immer vorhanden – aber eben in einem deutlich geringeren, fast schon enttäuschenden Ausmaß.

Dafür scheint man sich aber in einer anderen Hinsicht gesteigert zu haben, und das ausgerechnet in Bezug auf zwei Schwächen der früheren Veröffentlichungen: zum einen lässt die Produktion auch dieses Mal noch reichlich Luft nach oben, und kann das musikalische Intermezzo aus vielen verschiedenen Eindrücken nicht immer angemessen transportieren – und zum anderen ist der Leadgesang von Andre Matos eine zweifelsohne besondere Angelegenheit. Zumindest, wenn man es versöhnlich ausdrücken wollte – doch gerade im Vergleich zu den oftmals starken Instrumental-Kulissen muss er hier deutlich in Sachen Kraft, Variation und Ausdrucksstärke hintenan stehen. Und das gilt speziell für das vorliegende dritte ANGRA-Album – bei dem er sich so schwach zeigt wie nie zuvor.

Und noch etwas könnte je nach persönlicher Facón eher negativ auffallen – erst Recht, wenn man analog zum Titel ein tatsächliches musikalisches Feuerwerk erwartet. Schließlich scheint es, als würde es FIREWORKS hie und da doch an etwas fehlen: selbst da, wo ANGRA immer wieder Ansätze hinsichtlich einer gewissen Imposanz durchblicken lassen (wie etwa in LISBON), scheint man sich eher in progressiven Strukturen festzufahren als schlicht und ergreifend voll durchzustarten. So ergeht es nicht wenigen anderen Nummern des Albums – die allein von ihren Grundzutaten her eigentlich hätten aufgehen müssen. Mal ist es der erschreckend kraftlos-weinerliche Leadgesang (wie ausgerechnet in METAL ICARUS), mal ein eher langatmiger Gesamteindruck (wie in PARADISE), mal eine hörbare Anbiederung an internationale Genre-Standards. Da kann selbst ein später Kracher wie SPEED nicht mehr viel reißen – zumal er genauso gut von HELLOWEEN oder GAMMA RAY stammen könnte.

Was auch immer geschehen ist – ANGRA hatten sich verändert, und das nicht zum Guten. FIREWORKS ist somit ein absolut zu vernachlässigendes Genre-Album geworden, und eines dass man zumindest gedanklich aus der ANGRA-Diskografie streichen sollte – leider.

Absolute Anspieltipps: PETRIFIED EYES


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„Nach den beiden höchst soliden Vorgängern eine mehr als bittere Pille.“

Metal-CD-Review: KAMELOT – Siege Perilous (1998)

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Alben-Titel: Siege Perilous
Künstler / Band: Kamelot (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 28. Juli 2008
Land: USA
Stil / Genre: Power Metal
Label: Noise Records

Alben-Lineup:

Roy S. Khan – Vocals
Thomas Youngblood – Guitars
Glenn Barry – Bass
David Pavlicko – Keyboards
Casey Grillo – Drums

Track-Liste:

1. Providence (05:35)
2. Millennium (05:15)
3. King’s Eyes (06:14)
4. Expedition (05:41)
5. Where I Reign (05:58)
6. Rhydin (05:03)
7. Parting Visions (03:34)
8. Once a Dream (04:24)
9. Irea (04:32)
10. Siege (04:19)

Wenn Veränderungen Großes verheißen.

SIEGE PERILOUS ist nicht nur das dritte Album aus der zweifelsohne spannenden Diskografie der US-Power Metaller von KAMELOT – sondern auch ein wichtiger Meilenstein in der hiesigen Bandhistorie. Schließlich trat hier im Gegensatz zu den beiden zeitnahen Vorgängern ETERNITY (Review) und DOMINION (Review) erstmals ein gewisser Roy S. Khan als Leadsänger auf. Wie man heute weiß, führte wohl erst diese Neubesetzung zu jenem Erfolg; den KAMELOT später für sich verbuchen sollten. Dabei ist später auch eines der wichtigen allgemeinen Stichwörter für die frühe Phase der Band –  denn auch SIEGE PERILOUS konnte und kann trotz der wichtigen Neubesetzung nicht vollständig überzeugen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: zwar bewegten sich KAMELOT langsam aber sich weg vom unspektakulären Mittelmaß, hin zu einer immer ambitionierteren Genre-Band – doch ein waschechter Power Metal-Klassiker klingt noch immer deutlich anders als das, was KAMELOT hier im Rahmen von 10 Titeln präsentierten. Mit ein Grund für die eher zurückhaltende Gesamtwirkung ist die alles anderes als glanzvolle Produktion. Denn allein vom akustischen Ersteindruck her klingt SIEGE PERILOUS eher wie die Demo einer beliebigen Independent-Band – und nicht wie von einer Band, die zu diesem Zeitpunkt schon 7 Jahre existierte, bei einem namhaften Label unter Vertrag war und schon zwei Vorgängeralben präsentierte. Dieser – wenn man es einmal böse ausdrücken wollte – leicht schludrige Eindruck zieht sich auch bis in die Darbietungen der einzelnen Mitglieder. Vor allem Roy Kahn war hier als Leadsänger noch weit davon entfernt, seine eigentliche Klasse zu erreichen. Immerhin: der Grundstein war gelegt, und er passte schon wesentlich besser zum allgemeinen Soundoutfit der Band als sein Vorgänger Mark Vanderbilt.

Doch auch wenn einige der hier präsentierten Titel durchaus Potential haben, kann man sich kaum des Gefühls erwehren als wirke das Ganze noch recht unausgegoren. SIEGE PERILOUS fehlt es schlicht an einem Spannungsbogen, einem markanten Aufhänger oder einem besonderen Konzept – ein Großteil des Albums plätschert eher lieblos vor sich her und lässt dabei weder nennenswerte Emotionen noch ein gewisses Wow-Gefühl entstehen. Beispielhaft dafür stehen Nummern wie PARTING VISIONS – das nach viel mehr hätte klingen können, durch den eher dumpfen Soundeindruck, das mechanisch klingende Drumming und einen unvorteilhaften Refrain aber geradezu verpuffen. Überhaupt hat sich die Band keinen Gefallen mit dem auf dem gesamten Album oft arg künstlich klingenden Keyboard getan – welches Nummern wie den Titeltrack SIEGE PERILOUS sogar dezent lächerlich dastehen lässt. Am ehesten und insgesamt greift hier wohl das STRATOVARIUS-Prinzip: Bands wie KAMELOT hatten schon früh ein außerordentliches Potential, konnten dieses aber noch nicht wirklich zufriedenstellend umsetzen. Später aber dafür umso mehr – sodass Alben wie SIEGE PERILOUS nur beinharten Fans, die wirklich jedes Release ihr eigen nennen wollen; empfohlen werden kann.

Absolute Anspieltipps: IREA


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„Man hatte sich den richtigen Weg gemacht – aber das Ziel noch großzügig verfehlt.“

Metal-CD-Review: HAMMERFALL – Legacy Of Kings (1998)

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Alben-Titel: Legacy Of Kings
Künstler / Band: Hammerfall (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 28. September 1998
Land: Schweden
Stil / Genre: Power Metal
Label: Nuclear Blast

Alben-Lineup:

Patrik Räfling – Drums
Joacim Cans – Vocals
Oscar Dronjak – Guitars
Stefan Elmgren – Guitars
Magnus Rosén – Bass

Track-Liste:

1. Heeding the Call (04:30)
2. Legacy of Kings (04:13)
3. Let the Hammer Fall (04:14)
4. Dreamland (05:40)
5. Remember Yesterday (05:05)
6. At the End of the Rainbow (04:04)
7. Back to Back (Pretty Maids cover) (03:37)
8. Stronger Than All (04:27)
9. Warriors of Faith (04:43)
10. The Fallen One (04:23)

Der Hammer holt zum zweiten Male aus.

Nach ihrem fulminant-überraschenden Debütalbum GLORY TO THE BRAVE (Review) legten HAMMERFALL recht schnell nach – das Zweitwerk der fleißigen Schweden erschien schon ein gutes Jahr später. Das im September 1999 veröffentlichte LEGACY OF KINGS beinhaltet 10 Titel, wobei wie schon beim Vorgänger eine Cover-Version den Weg in die Titelliste gefunden hat. Doch auch wenn sich HAMMERFALL damals zweifelsohne auf einem aufsteigenden Ast befanden und das Album von der Fangemeinde gut aufgenommen wurde, machen sich zweierlei Aspekte direkt bemerkbar – ein positiver, aber auch ein eher negativer. Gut ist, dass das Album definitiv nicht wie eine simple Wiederholung des vorherigen klingt – und sich HAMMERFALL bereits innerhalb nur eines Jahres hörbar weiterentwickelt hatten. Das funktionierte aber offenbar nicht ohne eine Kehrseite der Medaille: der neue Sound von LEGACY OF KINGS klingt bei weitem nicht so eindringlich, druckvoll und mächtig wie viele der zuvor auf GLORY TO THE BRAVE präsentierten Klänge. Und das ist bei einer Band, die am ehesten dafür bekannt ist markante Genre-Hymnen zu schreiben; eher unvorteilhaft. Tatsächlich lässt sich kaum negatives über das an den Tag gelegte Handwerk sagen – das Riffing ist knackig und variabel, die Soli machen Laune, das Schlagzeug kling organisch.

Das schließt indes kaum aus, dass sich das Songwriting als nicht sonderlich effektiv herausstellt. Sicher, viele der Refrains sind einfach typisch HAMMERFALL und vermitteln eine angenehm hymnische Wirkung, doch im großen und Ganzen fehlt es den Nummern schlicht an Biss; sowie sicher auch einem gewissen Nachhaltigkeitsfaktor. Will heißen: das Album wirkt grundsolide, bleibt aber insgesamt betrachtet nicht wirklich hängen. Wohl auch, da viele Momente etwas zu austauschbar wirken (bereits HEEDING THE CALL und LEGACY OF KINGS ähneln sich einstweilen stark) und das eine, alles umhauende Highlight ausbleibt. Kurios: speziell die Chor-Elemente werden dem allgemein pompösen Eindruck einfach nicht gerecht und klingen hier merkwürdig lustlos (AT THE END OF THE RAINBOW); wie eventuell auch die auffallend wackelige Darbietung von Leadsänger Joacim Cans. Der lässt es auf LEGACY OF KINGS auch mal ruhig angehen, singt öfter in tieferen Lagen – klingt aber nur selten so, als würde er wirklich alles geben. Viele der hier offerierten Titel bewegen sich im mal mehr, mal weniger mitreißenden Uptempo, andere huldigen explizit der 80er-Jahre-Ära der NWOBHM (BACK TO BACK oder der Bonustrack ETERNAL DARK) – und dann gibt es da noch die Stampfer ohne viel Schnickschnack (LET THE HAMMER FALL) und die obligatorischen Balladen. Das Album ist alles andere als schlecht, im direkten Vergleich mit anderen Genre-Alben sogar sehr gut – aber nach dem starken Debüt hätte man doch etwas mehr erwarten können aus dem mächtigen Hause HAMMERFALL.

Absolute Anspieltipps: HEEDING THE CALL, LET THE HAMMER FALL, STRONGER THAN ALL


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„LEGACY OF KINGS hat noch so viel mehr Potential – doch letztendlich wird es nicht vollends ausgeschöpft. Genre-Fans können dennoch nichts falsch machen.“

Metal-CD-Review: STRATOVARIUS – Destiny (1998)

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Alben-Titel: Destiny
Künstler / Band: Stratovarius (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 05. Oktober 1998
Land: Finnland
Stil / Genre: Power Metal
Label: T&T Records

Alben-Lineup:

Timo Kotipelto – Vocals
Timo Tolkki – Guitars
Jari Kainulainen – Bass
Jens Johansson – Keyboards
Jörg Michael – Drums

Track-Liste:

1. Destiny (10:15)
2. S.O.S. (04:15)
3. No Turning Back (04:22)
4. 4000 Rainy Nights (06:00)
5. Rebel (04:16)
6. Years Go By (05:14)
7. Playing with Fire (04:15)
8. Venus in the Morning (05:35)
9. Anthem of the World (09:31)
10. Cold Winter Nights (05:13)

Ein jeder Aufstieg ist steinig. Einmal oben angekommen, gilt es aber erst einmal zu genießen…

Im besten Fall schafft es irgendwann jede Band, ihr ganz persönliches Meisterstück abzuliefern. Natürlich werden die Meinungen bezüglich einer entsprechenden Attribuierung dezent auseinander gehen, doch im Falle der regelrechten Power Metal-Legende STRATOVARIUS scheint die Auswahl gar nicht mal so streitbar. Erst Recht, wenn man sich nur mit der ersten Hälfte der Diskografie der Finnen auseinandersetzt (etwa: die Schaffensperiode von 1989 bis 1998) – und den potentiellen Kandidaten aus den in dieser Zeit veröffentlichten Studioalben herausfischt. Vom Debütalbum FRIGHT NIGHT (Review) über den vorläufigen Höhepunkt DREAMSPACE (Review) bis hin zum leider Gottes nicht ganz so visionären VISIONS (Review) waren das immerhin ganze 6 Stück – bis, ja bis 1998 das siebte Album DESTINY folgte. Hier handelt es sich nicht nur um das bis dato rundeste Album der Band – sondern auch um eines, welches dem anberaumten Titel auch erstmals vollends und im positiven Sinne gerecht wird. Anders gesagt: konnte man zuvor tatsächlich noch von einer EPISODE oder nicht unbedingt glasklaren VISIONEN sprechen, hatten STRATOVARIUS ihre eigentliche Bestimmung erst mit DESTINY erfüllt.

Das mag hoch gestochen klingen, doch spiegelt sich das auch in der schieren musikalischen Eleganz des 9 (mit Bonustrack 10) Titel starken Albums wider. Es scheint, als hätten STRATOVARIUS alle schon zuvor vorhandenen Ideen perfektioniert respektive abschließend mit der nötigen Extraportion eines gewissen Etwas garniert – sodass auf DESTINY erstmals und ausnahmslos alle Nummern funktionieren. Auch die, die explizit balladeske Elemente beinhalten; wie in diesem Fall 40000 RAINY NIGHTS, YEARS GO BY und VENUS IN THE MORNING. Gerade letzterer Titel zeigt auf, was man aus einer Ballade machen kann: die längere Instrumentalstrecke in der Mitte ist vielschichtig, der spätere Kraftausbruch von Timo Kotipelto ein Ohrenschmaus; und der somit erzeugte Spannungsbogen ein Paradebeispiel für einen stimmig inszenierten Titel. Auch für solche, von denen man nicht unbedingt erwarten würde dass sie sofort zünden – was schon eher bei den flotten Hymnen a’la SOS, NO TURNING BACK oder REBEL der Fall ist. Selbst ein PLAYING WITH FIRE kommt so schön kräftig und mit einem wohl dosierten Einsatz des Keyboards daher; während man den Vogel allerdings erst mit zwei Nummern abschießt: dem massiven Opener DESTINY und dem ANTHEM OF THE WORLD.

Beide Titel haben dabei eine Laufzeit von über 9 Minuten, sind dabei alles andere als langatmig und glänzen mit eben jener Perfektion, die man der Band schon seit jeher zugetraut hat. DESTINY sticht vor allem durch seine hervorragenden Hintergrundchöre, eine faszinierende Instrumentalkulisse und einem mehr als gut aufgelegten Timo Kotipelto hervor; während der ANTHEM OF THE WORLD eigentlich genau das ist, was er verspricht – eine vielschichtige Hymne von Welt. DESTINY ist bis auf wenige Einzel-Momente ein Genuss, wobei die Genre-Treue der Band und die ständige Weiterentwicklung hin zu einer fast schon unantastbaren Genre-Perfektion entsprechend belohnt werden sollten. Das Album ist demnach ein Muss für alle STRATOVARIUS-Fans oder solche, die es noch werden wollen.

Absolute Anspieltipps: DESTINY, SOS, NO TURNING BACK, PLAYING WITH FIRE, ANTHEM OF THE WORLD


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„Das Meisterstück von STRATOVARIUS – zumindest bis 1998, vermutlich aber auch darüber hinaus.“