Filmkritik: „Dobermann“ (1996)

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Originaltitel: Dobermann
Regie: Jan Kounen
Mit: Vincent Cassel, Tchéky Karyo, Monica Bellucci u.a.
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 103 Minuten
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Action, Thriller, Komödie
Tags: Bankraub | Verbrecher | Bande | Feldzug | Massaker

Vorsicht, der könnte beißen.

Kurzinhalt: Geschenke zum feierlichen Anlass einer Geburt sind sicher nichts ungewöhnliches. Doch dass ein neugeborenes französisches Baby ausgerechnet einen Revolver in die Wiege gelegt bekommt, schon eher. Eben das ist Yann Lepentrenc (Vincent Cassel) in jungen Jahren passiert, offenbar in weiser Voraussicht – denn Jahre später wird er zum berühmt-berüchtigten DOBERMANN, einem furchtlosen Killer und keine Gelegenheit auslassenden Gangster. Gemeinsam mit seiner gehörlosen Freundin Nathalie (Monica Belucci) plant er so manchen Diebeszug – und spannt dabei des öfteren einige seiner ebenfalls fähigen, dabei aber stets etwas unberechenbaren Kumpanen ein. Dass das auch die hiesige Polizei auf den Plan ruft, ist kein allzu großes Wunder – doch bisher haben es der DOBERMANN und seine Leute noch immer geschafft, einer Festnahme aus dem Weg zu gehen. Eines Tages jedoch wittert ein gewisser Inspektor Christini (Tchéky Karyo) seine große Chance. Würde er den DOBERMANN allein festmachen, würde er vermutlich nicht nur befördert werden – man würde vielleicht auch eher geneigt sein, über seine einstweilen recht ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden hinwegzusehen…

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Kritik: Wenn man einen Film im Verlaufe des kreativen Entstehungsprozesses auf den schlichten Namen DOBERMANN tauft, hat man eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder, man plant eine harmlose Dokumentation über die hiesige Flora und Fauna – oder inszeniert sogleich eine fleischgewordene Kampfansage. Zu welcher Alternative der bis dato unbekannte Regisseur Jan Kounen in Bezug auf seine erste größere Regie-Arbeit tendierte, bleibt indes nicht lange ein Geheimnis. Glücklicherweise, sollte man meinen – denn ganz offensichtlich verstand sich der Franzose schon früh auf fachmännische Kunstgriffe, trotz der Ermanglung vorheriger Erfahrungen. So fand die Titel-gebende Hunderasse in DOBERMANN gleich als doppelte Metapher Verwendung: zum einen als lautes Gebell in Richtung anderer Regisseure und Filmemacher, die vielleicht nicht den Mut hatten und haben etwas vergleichbares auf die Beine zu stellen – und zum anderen in Richtung des Zuschauers, der mit der hier dargestellten Charakter-Riege tatsächlich ein Rudel wild gewordener, dezent irrer Hauptprotagonisten vorgesetzt bekommt.  Dass im Verlaufe des Films dann auch noch ein echter Hund eine Rolle spielt (allerdings kein Dobermann), ist damit schon wieder eine der weniger spannenden Angelegenheiten. Auch wenn der Abgang des Tieres so sicher nicht zu erwarten war – und lediglich zu einer der unzähligen Kuriositäten des Films zu zählen ist.

Denn: mit DOBERMANN legt es Kounen im wahrsten Sinne des Wortes darauf an, öffentlich seine Zähne zu fletschen. Und das ganz ohne Rücksicht auf potentielle Verluste. Dass der Film nicht gerade dem entspricht, was man im allgemeinen von einem handelsüblichen Actioner (oder noch spezifischer: einem Film über einen Bankraub) erwarten würde; ist dabei noch die kleinste Auffälligkeit. Analog zur unkonventionellen, dabei fast schon gleichermaßen gewöhnungsbedürftigen wie auch erfrischenden Machart gesellen sich schließlich auch noch eine mitunter schmerzliche Portion Brutalität; sowie allerlei Überschreitungen der Grenzen des guten Geschmacks hinzu. Unter anderem deshalb stand er hierzulande auch für viele Jahre auf dem Index für jugendgefährdende Medien – bis er 2011 wieder freigegeben wurde. Das mag noch lange kein Qualitätsmerkmal sein, gibt aber schon einmal die grobe Marschrichtung von DOBERMANN vor. Um einen allzu tumben, nur auf heftigste Gewaltausschreitungen ausgelegten Film oder einen puren Slasher handelt es sich aber auch nicht – sondern vielmehr um ein zumindest von seiner Struktur her an andere Actioner erinnerndes Machwerk, noch dazu mit einer echten Story und äußerst lebendigen Charakteren. Fest steht aber: eher zart besaitete sollten einen großen Bogen um DOBERMANN machen. Andererseits sollten die, die ihn dennoch oder gerade deshalb sehen möchten; unbedingt nach der ungeschnittenen Fassung Ausschau halten.

Denn nur dann kann DOBERMANN eine mitunter ureigene und dezent verstörende, aber dennoch unterhaltsame Atmosphäre etablieren. Eine, die gerade deshalb entsteht; da der Film respektive das Gezeigte niemals zu abwegig erscheint – entgegen der teils enormen Eskapaden, die sich speziell im Blick auf die Charakterporträts ergeben. Trotz der gegenwärtigen Anarchie steckt so auch immer ein potentielles Fünkchen Wahrheit in DOBERMANN und seinen absichtlich überzeichneten Figuren – was auch die hie und da auftretenden Seitenhiebe unterstreichen, die in erster Linie die französische Polizei (oder eher die Polizeiarbeit im gesamten) betreffen. Wie geschickt der Film dabei vorgeht, oder ob man in einem Film wie diesem überhaupt erst nach Botschaften suchen sollte ist eine ganz andere Frage. Fakt ist nur, dass Kounen bei keiner Gelegenheit Samthandschuhe anzieht – und der Film auch ohne weiterführende oder gar politische Bezüge das Zeug dazu hat, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Mit verantwortlich ist hier allerdings nicht die Story, die im Vergleich sogar als das schwächste Glied in der Kette der DOBERMANN-Anarchie daherkommt. Sicher, es gibt einen roten Faden – doch eine allzu außergewöhnliche Idee, nachvollziehbare Ambitionen der Protagonisten oder überraschende Wendungen werden nicht präsentiert. Und doch schafft es DOBERMANN, selbst diesen potentiellen Nachteil auszunutzen. Denn: wo kein wirklicher Einstieg in ein Handlungsuniversum stattfindet und wo ganz absichtlich in einem übertriebenen Comic-Stil erzählt wird; entstehen auch keine Probleme hinsichtlich einer wie auch immer gearteten Glaubwürdigkeit. Anders gesagt: man braucht erst gar keine Fragen zu stellen, sondern kann sich stattdessen voll ganz auf die Figuren und ihre wenn man so will spontan wirkenden Aktionen einlassen. Die sind dann auch das eigentliche Highlight von DOBERMANN – auch wenn Kounen hier nicht wirklich Kultpotential erreicht, und gerade die Dialoge noch etwas prägnanter hätten ausfallen können. Immerhin biedert er sich so nicht allzu auffällig bei Kollegen wie Tarantino an, und sorgt mit hie und da eingestreuten Sprüchen (wie etwa seitens des Polizisten, der immer mal wieder ein englisches Statement von sich gibt) für die nötigen Aha-Momente.

Ein besonderes Augenmerk sollte aber auch der visuellen Umsetzung gelten – denn hier ist Kounen gar zu einer absoluten Höchstform aufgelaufen. Von den rasanten, aber niemals zu hektischen Schnitten über die teils ungewöhnlichen Nahaufnahmen bis hin zur Szenenwahl und der Farbgebung stimmt einfach alles. Und das so sehr, dass selbst eine eher simple Choreografie – wie die einer Gruppe Polizisten, die eine Treppe Richtung Bank hinunterpirscht – zu einem kleinen Highlight avanciert. Ein sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffender, letztendlich aber ebenfalls äußerst passiger Soundtrack und die bezeichnende Auftritte von Vincent Cassel als DOBERMANN und Tchéky Karyo als sein Widersacher Christini runden das Ganze nach oben hin ab.

Schlussendlich: DOBERMANN ist ein höchst unterhaltsames, wenn man so will einfach gestricktes aber schlicht herrlich durchtriebenes Machwerk für Freunde des etwas anderen Actionkinos. Vornehmlich eines solchen, in dem gerne Regeln gebrochen und Grenzen neu ausgelotet werden – etwa die des guten Geschmacks. Das DOBERMANN dennoch einen verdächtig stilvollen Eindruck hinterlässt, liegt wiederum nicht an etwaigen einzelnen Aspekten – sondern vielmehr am rundum stimmigen Gesamtpaket.


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„Ein mehr als ordentlicher und ordentlich anarchistischer Indie-Film-Happen aus Frankreich.“

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Metal-CD-Review: ANGRA – Holy Land (1996)

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Alben-Titel: Holy Land
Künstler / Band: Angra (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 23. März 1996
Land: Brasilien
Stil / Genre: Power Metal
Label: Rising Sun Productions

Alben-Lineup:

Andre Matos – Vocals, Keyboards
Kiko Loureiro – Guitars
Rafael Bittencourt – Guitars
Luís Mariutti – Bass
Ricardo Confessori – Drums

Track-Liste:

1. Crossing (01:57)
2. Nothing to Say (06:21)
3. Silence and Distance (05:36)
4. Carolina IV (10:36)
5. Holy Land (06:27)
6. The Shaman (05:23)
7. Make Believe (05:53)
8. Z.I.T.O. (06:05)
9. Deep Blue (05:47)
10. Lullaby for Lucifer (02:48)

Vom Power Metal und Vorbildfunktionen.

Wenn es ein Land gibt, welches als Ursprungsort großartiger Power Metal-Acts oftmals unterschätzt oder in internationaler Hinsicht eher weniger beachtet wird; dann ist das Brasilien. Dabei zeigen sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart auf, dass immer wieder mit positiven Überraschungen zu rechnen ist – ob nun im kleinen, oder aber im großen. Zu welcher Fraktion die alten Hasen von ANGRA gehören, ist natürlich längst bekannt: als vielleicht wichtigste Genre-Vertreter aus Brasilien fungierten sie nicht nur als Wegbereiter und Inspirationsquelle für viele andere, sondern machten sich auch in internationaler Hinsicht einen respektablen Namen. Und dafür gib es mindestens zwei Gründe. Einen, der sich verständlicherweise aus der dargebotenen Musik selbst ergibt – und einen, der vor allem in der Retrospektive deutlich wird.

Schließlich besteht kein Zweifel daran, dass ANGRA ihre ehrwürdige Position als Genre-Wegbereiter nicht nur auf dem Papier vorweisen können. Lauscht man beispielsweise dem Schaffen von späteren Genre-Kollegen wie AGE OF ARTEMIS, AQUARIA, TIERRA MYSTICA und vielen anderen; wird man eines feststellen: der Power Metal aus Brasilien klingt im besten Fall ein wenig anders als sein europäisches Pendant, und beinhaltet oftmals auch symphonische oder gar explizit-indogene Klang-Einflüsse. Während das gerade für das europäische Ohr immer wieder eine Erfrischung ist, so gab es diesen Sound bereits zu Beginn der 90er Jahre – oder genauer gesagt 1993, als ANGRA ihr Debütalbum ANGELS CRY (Review) veröffentlichten. HOLY LAND setzte die Tradition jenes neuen, absolut erfrischenden und wenn man so will auch angenehm exotischen Klänge dann 1996 fort – und setzte vielleicht sogar noch einen drauf.

Und das auch oder gerade weil der Anteil der Elemente, die man am ehesten mit dem Power Metal assoziieren würde vergleichsweise gering ist. Aber natürlich dennoch vorhanden, wie beispielsweise der Opener NOTHING TO SAY als international taugliche Vorzeige-Hymne beweist. Der Großteil der auf dem Album enthaltenen Nummern ist aber eher progressiver Natur – und folglich von zahlreichen Veränderungen, Stimmungswechseln und instrumentalen Variationen geprägt. Das außergewöhnliche SILENCE AND DISTANCE beispielsweise beginnt als Ballade – verändert sich dann aber in eine abenteuerliche Mischung aus einem melodischen Stampfer und geradezu festlichen Klängen. Erst mit dem 10-minütigen CAROLINA IV schöpft man dann aus dem vollen Fundus der hierzulande eher unbekannten Einflüsse – und präsentiert eine Geschichtsstunde der etwas anderen Art. Eine klanglich zunächst gewöhnungsbedürftige – doch waren ANGRA schon immer darauf bedacht, die universelle Wirkungskraft des Power Metal niemals außen vor zu lassen.

Und gerade deshalb funktioniert HOLY LAND auch heute noch vorzüglich – als für das Genre wichtiger Klassiker einerseits, und als für sich betrachtet hervorragendes Genre-Album andererseits. Die handwerklichen Leistungen der Mitglieder stimmen (auch wenn der Leadgesang von Andre Matos wahrlich alles andere als kräftig oder bissig ist), die erzählten Geschichten sind packend; eine ähnlich klingende Vergleichsband wird man so schnell nicht finden. Dass HOLY LAND dennoch nicht die volle Wertung einfährt, hat zwei Gründe: zum einen erscheint die Produktion alles andere als perfekt, und zum anderen – was sicher auch damit verbunden ist – kommen die Metal-Elemente nicht so zum Tragen wie sie es theoretisch könnten. Die Gitarren erscheinen im Mix eher hintergründig, was aufgrund der ohnehin omnipräsenten anderen Instrumente und des Keyboards leicht problematisch ist. Davon absehen stimmt die Mischung aus exotischen, energetischen und balladesken Momenten – der Unterhaltungswert des Albums ist jedenfalls enorm.

Absolute Anspieltipps: NOTHING TO SAY, SILENCE AND DISTANCE, Z.I.T.O., DEEP BLUE


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„Ein unterhaltsamer, aber sicher nicht unantastbarer Klassiker.“

Metal-CD-Review: STRATOVARIUS – Episode (1996)

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Alben-Titel: Episode
Künstler / Band: Stratovarius (mehr)
Veröffentlichungsdatum: Juli 1996
Land: Finnland
Stil / Genre: Power Metal
Label: T&T Records

Alben-Lineup:

Timo Kotipelto – Vocals
Timo Tolkki – Guitars
Jari Kainulainen – Bass
Jens Johansson – Keyboards
Jörg Michael – Drums

Track-Liste:

1. Father Time (05:02)
2. Will the Sun Rise? (05:06)
3. Eternity (06:56)
4. Episode (02:01)
5. Speed of Light (03:03)
6. Uncertainty (05:59)
7. Season of Change (06:57)
8. Stratosphere (04:52)
9. Babylon (07:09)
10. Tomorrow (04:52)
11. Night Time Eclipse (07:58)
12. Forever (03:06)

Eine Episode, die man lieber nicht verpassen sollte ?

Die 90er Jahre können zweifelsohne als Blütezeit des europäischen Power Metal bezeichnet werden. Nach der ersten Grundsteinlegung in den 80ern festigten hier viele bis heute wichtige Genre-Vertreter ihre Position – wie auch die Finnen von STRATOVARIUS. Die hatten ihre unvergleichliche Karriere bereits 1989 und mit FRIGHT NIGHT (Review) begonnen – und lieferten daraufhin munter weiter ab. Nach dem sehr guten FOURTH DIMENSION (Review), dem ersten Album unter der neuen Führung von Leadsänger Timo Kotipelto; folgte alsbald eine weitere EPISODE aus dem STRATOVARIUS-Kosmos. Eine, die durch stattliche 12 Titel definiert wird – und die sich mit dem gänzlich makellosen Opener FATHER TIME schnell einen Weg in das geneigte Power Metal-Herz bahnt. Doch im Gegensatz zu FOURTH DIMENSION ist hier nicht alles Gold, was glänzt – denn EPISODE weist trotz des bis dato einzigartigen Status der Band dezente Knackpunkte auf. Was genau es ist, wird zumindest während des ersten Durchlaufs nicht gänzlich klar – doch das Gefühl, als hätten sich STRATOVARIUS hier eher zurückgehalten entsteht relativ schnell. Das Problem: nach FATHER TIME kann keiner der offerierten Titel wirklich hervorstechen, obwohl die schon zuvor hoch gehaltene Abwechslung durch rasante Uptempo-Nummern und auch mal etwas getrageneren Stimmungen nach wie vor gegeben ist. Wobei das Pendel in Bezug auf EPISODE schon weitaus deutlicher in Richtung der balladesken Seite von STRATOVARIUS schwingt. Doch ganz gleich, ob man sich nun die rasanteren Nummern wie SPEED OF LIGHT und TOMORROW, reine Balladen wie SEASONS OF CHANGE oder stampfende und ungewöhnlich Bass-lastige Brecher a’la ETERNITY oder UNCERTAINTY vornimmt – sie alle haben eines gemeinsam.

Und das ist leider ein eher schwaches oder zumindest wenig effektives Songwriting – was umso markanter auffällt, wenn man es mit den weitaus erfrischenden Vorgängern vergleicht. So geschieht etwas für STRATOVARIUS-Verhältnisse eher ungewöhnliches: ein Großteil der einzelnen musikalischen Elemente überzeugt, wenn man sie denn gedanklich auseinander pflückt. So lassen weder der Leadgesang von Timo Kotipelto noch die Leistungen der anderen Mitglieder nennenswerten Raum für Kritik zu – und auch die Produktion erscheint über weite Strecken gelungen. Dennoch: in Bezug auf das Unterfangen, das Ganze in möglichst stimmigen, und vor allem nachhaltig wirksamen Nummern zu kumulieren; sieht es für EPISODE eher düster aus. Stellvertretend dafür steht unter anderem auch das merkwürdige BABYLON – das keine klare Marschrichtung erkennen lässt und sich schlecht in den Alben-Kontext einfügt. Auch NIGHT TIME ECLIPSE hat als längster Titel des Albums nur wenig markantes und schon gar keinen Spannungsbogen anzubieten – und spätestens das abschließende FOREVER ist dann doch eine dezent kitschige Ballade zu viel.

Absolute Anspieltipps: FATHER TIME, TOMORROW


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„Zu wenig originell, zu langatmig – die erste Enttäuschung in der STRATOVARIUS-Diskografie.“

Metal-CD-Review: MANOWAR – Louder Than Hell (1996)

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Alben-Titel: Louder Than Hell
Künstler / Band: Manowar (mehr)
Land: USA
Stil / Genre: Heavy Metal
Label: Geffen Records

Alben-Lineup:

Eric Adams – Vocals
Scott Columbus – Drums, Percussion
Joey DeMaio – Bass, Keyboards
Karl Logan – Guitars

Track-Liste:

1. Return of the Warlord (05:19)
2. Brothers of Metal, Part 1 (03:55)
3. The Gods Made Heavy Metal (06:04)
4. Courage (03:49)
5. Number 1 (05:12)
6. Outlaw (03:22)
7. King (06:25)
8. Today Is a Good Day to Die (09:43)
9. My Spirit Lives On (02:10)
10. The Power (04:09)

Da kann die Hölle einfach nicht mithalten.

Man sollte meinen, dass LOUDER THAN HELL das zweite MANOWAR-Album mit der neuen, rechtzeitig zum letzten Album (THE TRIUMPH OF STEEL von 1992, Review) etablierten Besetzung gewesen ist. Doch weit gefehlt – es gab zwischenzeitlich einen erneuten Mitgliederwechsel. Für den eingesprungenen David Shankle an der Gitarre kam nun Karl Logan; und für Rhino an den Drums kehrte nun doch – und überraschenderweise – Scott Columbus zurück. Immerhin würden zumindest Eric Adams und Joey DeMaio die eiserne MANOWAR-Front bilden, komme was wolle – und so verspricht das gute vier Jahre nach dem eher durchschnittlichen TRIUMPH OF STEEL erschienene LOUDER THAN HELL einen erneuten (natürlich nur einen metaphorischen) Schlag in das Gesicht aller Poser und Möchtegern-Metaller.

Und genau den umschreiben MANOWAR auch mit den ersten zwei bis drei Tracks. Mit RETURN OF THE WARLORD, BROTHERS OF METAL PT.1 und THE GODS MADE HEAVY METAL spendiert man dem Hörer durch-und-durch MANOWAR-tyische Heavy Metal-Hymnen. Diese preisen folgerichtig entweder das Genre, die Musik MANOWAR’s oder aber die Götter höchstselbst – und richten sich gegen alle, die es mit ihrer Musik vielleicht nicht ganz so ernst meinen wie die kultigen Amerikaner. Das hat eine entsprechend energetische Wirkung – doch grundsätzlich bleiben alle drei Titel eher flach. Flach selbst für MANOWAR-Verhältnisse – da nicht nur die Textinhalte, sondern auch die instrumentalen Komponenten nur aus verdächtig simplen Zutaten bestehen. Auch scheinen sich etwaige Elemente (wie etwa das Riffing) schon in Bezug auf die ersten drei Nummern zu ähneln – musikalische Offenbarungen bleiben hier also absolut aus. Die Nummern funktionieren natürlich trotzdem – eigenen sich aber eher als vergleichsweise stumpfe Party-Anheizer. Doch dann wird es plötzlich doch noch richtig interessant: COURAGE ist eine bestens inszenierte, episch anmutende Ballade mit einer kultverdächtigen Gesangs-Performance von Eric Adams. Obwohl die Instrumentalkomposition in ihrer Gesamtheit ebenfalls eher simpel ausfällt, sorgen die relativ dezenten Keyboards und die ergreifende Melodie für das nötige Etwas.

Tatsächlich scheint die Hürde mit diesem Titel genommen – das Album wird (nach dem eher lauen Auftakt) besser und besser. Die Nummern selbst werden melodiöser, rockiger, fetziger; während sich auch einiges im Hinblick auf die einzelnen Leistungen an den Instrumenten bewegt. OUTLAW indes bringt noch einmal eine Extra-Portion Tempo an den Start – und erhält so einen (für MANOWAR sicher nicht alltäglichen) Speed Metal-Touch. NUMBER 1 und KING sind zwei absolut zufriedenstellende Metal-Nummern im stampfenden Midtempo inklusive starker Refrains und Soli, während sich TODAY IS A GOOD DAY TO DIE als reines Isntrumentalstück präsentiert. Zugleich ist es mit knapp 10 Minuten der längste Titel des Albums – hier kommt dann doch noch ein wenig der vorangegangen MANOWAR-Epicness zum Zuge, was das Ganze recht unterhaltsam und vor allem auch abwechslungsreich gestaltet. MY SPIRIT LIVES ON ist dann wieder das (offenbar längst obligatorische) Bass-Solo – das man vermutlich überspringen wird, kommt es nicht an die Qualität der früheren Intermezzi heran. Zudem gerät das Ganze gerade in den höheren Lagen recht herausfordernd, was das allgemeine Nervenkostüm betrifft. Gut also, dass man mit THE POWER einen würdigen Rausschmeißer inszeniert. Hier sprühen MANOWAR noch einmal vor Energie; auch wenn die vielleicht erhoffte Innovation, der markante Moment ausbleibt – und das Album so nicht wirklich an ein Werk wie KINGS OF METAL (Review) herankommt.

Fazit: LOUDER THAN HELL kann man am ehesten als feucht-fröhliches, unterhaltsames Party-Album bezeichnen. Viele Nummern sind recht simpel gehalten, und vor allem textlich erreicht man hier ein selbst für MANOWAR-Verhältnisse bodenloses Niveau. Die einzig Möglichkeit besteht daher darin, das Ganze mit einem deutlichen Augenzwinkern zu betrachten – ganz unabhängig davon, wie ernst es MANOWAR selbst gemeint haben. Gute Laune ist mit LOUDER THAN HELL also garantiert – und auch der allgemeine Soundeindruck weiß mit der soliden Abmischung, den auf die 80er getrimmten Gitarren und dem druckvollen Bass zu gefallen. Nur eine musikalische Offenbarung sollte man nicht erwarten – wer MANOWAR von ihrer wahrhaft epischen Seite erleben will; der sollte eher zu den früheren Alben greifen.

Anspieltipps: COURAGE, KING, THE POWER

Vergleichsbands: VIRGIN STEELE | MAJESTY | OMEN | WARLORD

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„Der perfekte Heavy Metal-Partyanheizer“

Filmkritik: „The Dentist“ (1996)

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Originaltitel: The Dentist
Regie: Brian Yuzna
Mit: Corbin Bernsen, Linda Hoffman, Michael Stadvec u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 88 Minuten
FSK: Ab 18 freigegeben
Genre: Horror / Thriller
Tags: Dentist | Zahnarzt | Behandlung | Praxis | Charakterporträt | Blutig

Genau das richtige vor dem nächsten Zahnarztbesuch.

Inhalt: Der Zahnarzt Dr. Alan Feinstone (Corbin Bernsen) hat eigentlich alles, was sich ein Mann in seinem Alter wünschen würde – ein schickes Haus, eine hübsche Frau, eine recht erfolgreiche Zahnarztpraxis, und vor allem allgemeines Ansehen. Doch hinter der vermeintlich friedlichen Fassade brodelt es bereits gewaltig. Nicht nur, dass er mit der Steuerbehörde Probleme bekommt – er entdeckt, dass seine Frau ihn mit dem adretten und wesentklich jüngeren Pool-Reiniger betrügt. Bald darauf halten allerlei Wahnvorstellungen Einzug in seinen Berufsalltag – mit potentiell unangenehmen Folgen für seine zahlreichen Patienten. Dr. Feinstone kann kaum noch die Realität von seinem Wahn, die allgemeine Verrottung zu bekämpfen, auseinanderhalten – und plant, es vor allem seiner noch-Ehefrau heimzuzahlen.


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Kritik: THE DENTIST stammt von Regisseur und Multitalent Brian Yuzna – der bis zu diesem Projekt noch nicht allzu oft Regie geführt hatte, aber immer einen gewissen Eindruck hinterließ. Sei es mit seinen Filmen H.P. LOVECRAFTS NECRONOMICON oder RETURN OF THE LIVING DEAD III, seinem Drehbuch zu LIEBLING, ICH HABE DIE KINDER GESCHRUMPFT oder als Produzent von RE-ANIMATOR – seiner (durchaus umstrittenen) Arbeit wohnen seit jeher ein Hauch von Trash, aber eben auch Anzeichen einer angenehmen Selbstsicherheit inne. Er scheint einfach zu wissen was er tut; was er kann – und vor allem auch nicht kann. Unter Berücksichtigung dieses Credos schient er auch THE DENTIST, die fiese Zahnarzt-Mär aus dem Jahre 1996 verwirklicht zu haben – ein Film, der aus üblichen Filmbewertungs-Perspektiven heraus eigentlich ein echter weder noch-Streifen ist.

Jenes weder noch bezieht sich in diesem Falle vor allem auf die Mischung verschiedener Genres: THE DENTIST ist sowohl ein reines Exploitation-Machwerk aus dem Horror-Genre (was sich durchaus anbietet bei einem verstörten Hauptcharakter der Zahnarzt ist) wie auch Thriller; aber eben auch Charakterstudie eines vom Alltag gebeutelten, sich langsam zu einem Monster entwickelnden Menschen von nebenan. Unweigerlich denkt man in diesem Zusammenhang an Joel Schumacher’s Kultfilm FALLING DOWN – nur dass es in THE DENTIST um einen Zahnarzt geht, und damit automatisch auch um seine nun ad absurdum geführte Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen. Und: dass die Erzähldimension von THE DENTIST im direkten Vergleich nicht ganz so breit ausfällt, der Film weitaus weniger professionell gemacht ist. Doch irgendwie kann man dies dem Film kaum vorwerfen – er schafft alles, was er sich vorgenommen hat; und überrascht letztendlich sogar hinsichtlich seines hohen Unterhaltungswertes.

Das liegt vor allem am vergleichsweise hohen Trash-Faktor, der alles andere als unfreiwillig daherkommt. Brian Yuzna inszeniert THE DENTIST mit einer gewissen Leichtigkeit und einem Hang zur Überzeichnung, sorgt hie und da sogar für Lacher – nur um dem Film diesen Status als durch-und-durch morbide Trash-Unterhaltung gleich wieder abzusprechen. Denn im Endeffekt erlaubt er mehr Einblicke in das Innenleben seines Hauptcharakters, als das bei Filmen dieser Art üblich wäre – und sprengt so filmische Genre-Grenzen. Entweder ist es also ein blosser Zufall, dass die Mixtur der Genres selbst unter dem Einfluss der eher miserablen Effekte (vor allem wenn es darum geht, das Innenleben des Zahnarztes zu offenbaren) so gut funktioniert – oder es ist die unverkennbare Handschrift von Brian Yuzna. Eines hat er aber mit Sicherheit geschafft: die mitunter spannendsten, nervenaufreibendsten und auch ekeligsten Momente zu inszenieren, die je im Zusammenhang mit einer Zahnarztpraxis auf die Leinwand gebannt wurden.

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Denn gerade bei jenen Szenen wird man förmlich in den Sessel gepresst – ob nun ein kleiner Junge, eine junge Schönheitskönigin oder der nervige Eintreiber vom Finanzamt auf dem Behandlungsstuhl Platz genommen hat. Die Wirkung resultiert hier aber nicht aus dem eigentlich bodenständigen Gewaltgrad, sondern hauptsächlich aus der Vorstellungskraft des Zuschauers – die durch die typische Zahnarzt-Geräuschkulisse entsprechend angespornt wird. Natürlich wird es in THE DENTIST früher oder später auch einmal richtig zur Sache gehen – doch wirklich harte Szenen bilden hier eher die Ausnahme. Anders gesagt: man kann sie an einer Hand abzählen – was nur gut ist. Schließlich hätte man THE DENTIST auch weitaus blutiger und brutaler inszenieren können – mit einer hohen Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Der Film ist gut so, wie er ist – mit der zumeist subtilen Brutalität, dem überzeichnet dargestellten psychischen Verfall des Zahnarztes, dem allgemeinen Retro- und Trash-Charme.

Fazit: Die Geschichte von THE DENTIST ist eigentlich recht simpel und vorhersehbar, die Effekte sind selbst für das Jahr 1996 nicht zeitgemäß, die schauspielerischen Leistungen halten sich in qualitativen Grenzen. Und doch wohnt Brian Yuzna’s Werk etwas ganz eigenes, unverkennbares inne – wohl auch, da er die offensichtlichen Missstände perfekt ausgleicht. Sei es mit einer Portion Witz, den wenigen aber markanten Horror-Szenen, den liebevollen Kulissen, der geschickten Kameraführung oder den geradezu kultig anmutenden, herrlich-überzeichneten Sprüche und Ansichten des Zahnarztes (Stichwort Fäulnis – der Zähne, aber auch der Seele). Der Unterhaltswert ist enorm hoch, auch oder gerade weil man ihn kaum in eine Schublade stecken kann. Folglich ist es schwer, den Film einer einzelnen Zielgruppe nahezulegen – Horror-Fans werden sich vielleicht zu selten ekeln und gruseln, Thriller-Fans einstweilen langweilen; andere werden Probleme mit dem unvollständigen Charakterporträt und der nur angeschnittenen Gesellschaftskritik bekommen. Kurzum: man muss schlicht einen etwas speziellen Geschmack haben, um in den Genuss von THE DENTIST – und auch die anderen Werke von Brian Yuzna – zu kommen. Wenn man dies aber für sich bestätigen kann, steht dem (makaberen) Filmvergnügen nichts mehr im Weg. Aber auch davon abgesehen ist THE DENTIST letztendlich mehr als nur ein x-beliebiges, trashiges B-Movie. Er ist Kult.

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„Dezent-blutige Zahnarzt-Mär zwischen Exploitation und Psycho-Thriller“

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Metal-CD-Review: LABYRINTH – No Limits (1996)

LAnd: Italien – Stil: Melodic Power Metal

Die Trackliste:

01 Mortal Sin
02 Midnight Resistance
03 Dreamland
04 Piece Of Time
05 Vertigo
06 In The Shade
07 No Limits
08 The Right Sign
09 Red Zone
10 Time Has Come
11 Looking For …
12 Call Me
13 Miles Away

Italienischer Metal ohne LABYRINTH ? Nicht Auszudenken.

Vorwort: LABYRINTH wurde im Jahre 1991 in Italien gegründet, unter anderem mit Fabio Lione (später: RHAPSODY) als Sänger. Es dauerte ein wenig, bis die Band ihre erste Demo am Start hatte, und auch bis zum Release des ersten Albums, welches in dieser Rezension Thema ist, verging wieder einige Zeit. 1996 aber war es endlich an der Zeit für MORTAL SIN. 13 Tracks beinhaltet das gute Stück, und bewegt sich irgendwo zwischen traditionellem Heavy Metal und leicht süßlichem Power Metal mit allerlei Keyboardeinsatz. Schauen wir es uns genauer an.

Kritik: Mit dem Opener und gleichzeitig Titeltrack des Albums, MORTAL SIN, starten die Italiener sogleich so richtig durch. Wobei man sagen muss, dass es durchaus etwas ‚gefährlich‘ ist, gleich einen so starken und einzigartigen Titel an den Beginn eines Albums zu stellen… ! Dies spricht natürlich für die Qualität des besagten Stückes, welches wahrhaftig als kleines ‚Wunder‘ bezeichnet werden muss. Fabio Lione muss zweifelsohne als außergewöhnlicher, sehr versierter Sänger bezeichnet werden – der dem Album einen ganz eigenen, unverkennbaren Anstrich verleiht. Und, seine Stimme ist auch variabel genug um sowohl in den flotteren wie auch etwas balladeskeren Stücken zu überzeugen. Wenn nicht gar wie beim Opener zu dominieren – der ein absolutes Kult-Potential aufweist, und in dem auch der Keyboardeinsatz keinesfalls störend erscheint. Im Gegenteil, er verbindet sich mit den anderen Elementen wie der Gitarre und Schlagzeug, und haucht dem Sound von LABYRINTH erst eine Seele ein. Aber, einen kleinen Wermutstropfen gibt es dann doch: die Produktionsqualität ist nicht wirklich als ’sauber‘ beziehungsweise ‚druckvoll‘ zu bezeichnen – ein typisches Merkmal von Debüt-Alben.

MIDNIGHT RESISTANCE ist dann einer der Titel, der zwar grundsätzlich überzeugt, aber auch ein klein wenig langatmig daherkommt. Präsentiert als ‚Halb-Ballade‘ steht hier die Stimme Lione’s klar im Vordergrund. Das Instrumental wird man, übertrieben ausgedrückt, kaum bemerken – erst im späteren Verlauf, wenn es sich der nunmehr etwas gemäßigteren Stimmlage Lione’s anpasst, sowie im Soli-Teil. Was aber auch auffällt, sind die teils merkwürdigen Stimmeffekte: deutlich zu hören ist ein Echo, welches eindeutig zu übertrieben eingesetzt wird; sowie leicht störende Verschiebungen der Stimme im Sinne des linken und rechten Audiokanals. Derartige ‚Experimente‘ wären doch gar nicht nötig gewesen ! Auch DREAMLAND präsentiert sich als deutlich ‚entschleunigte‘ Nummer, die wieder stark an eine Ballade erinnert – aber, und das ist gravierender, auch mit einigen als Popmusik-Anleihen zu interpretierenden Elementen daherkommt. Das klingt dann doch etwas zu ‚harmlos‘ und gewöhnlich, als dass es Begeisterungsstürme auslösen könnte. Anders sieht es dann schon in oder mit PIECE OF TIME aus – obwohl es sich hier ebenfalls um eine deutlich gemäßigtere Nummer mit einem hohen Eingängigkeits-Faktor handelt. Aber, die Riffs sind hier weitaus knackiger, die Metal-Elemente deutlicher im Vordergrund, das Keyboard wird nicht ganz  so überreizt. Und Lione klingt hier auch richtig, richtig gut – und nicht ganz so hoch-peitschend wie in den vorherigen Titeln.

Es folgt VERTIGO, in dem es leider Gottes wieder arg ‚hallt‘ – und das obwohl Lione doch in einem Studio stehen sollte, und nicht in einer Höhle. Im Ernst: derartig übertriebene Echos wirken einfach viel zu künstlich und bemüht. Auch der Metal-Instrumentalteil wirkt etwas… durcheinander (besonders durch die merkwürdigen Zwischengeräusche), um es so auszudrücken. Dafür präsentieren sich LABYRINTH aber erstmals von ihrer etwas härteren Seite, alles erscheint ein wenig rauer, bassiger, schneller und kräftiger als sonst. Lione ist hier übrigens nur zu Beginn zu hören – der Rest ist rein instrumental gehalten – natürlich wieder mit einem enormen Keyboard-Einsatz. Dennoch macht das Stück irgendwie Spaß. IN THE SHADE ist der nächste Titel, der sogleich von einem markanten Schrei Lione’s eingeleitet wird. Diese ‚Power‘ wird allerdings nicht gehalten, es präsentiert sich eine weitere, etwas melancholische Halb-Ballade. Allerdings eine mit einem ansprechenden Text und eine guten, klaren Performance von Fabio Lione. Kein wirkliches Highlight, aber eine solide Nummer. NO LIMITS ist dann der erste Titel des Albums, der vor Kitsch geradezu zu zerbersten droht – hier geht es dann doch etwas zu süßlich zu, gerade was das Keyboard betrifft. Die Wassergeräusche wirken ebenfalls nicht sehr stimmungsfördernd, eher plump – lediglich die knackige Soli-Passage gegen Ende erweckt dann wieder einen deutlicheren Metal-Eindruck. Der Rest könnte – ohne das Schlagzeug – aber beinahe als Popmusik firmieren.

Auch THE RIGHT SIGN besitzt Keyboard-Passagen noch und nöcher – offenbar hat man es sehr mit diesem Element bei LABYRINTH. Wieder ist Lione’s Stimme nur auf einem Kanal zu hören (zeitweise) – und überhaupt wirkt das Ganze viel eher wie eine Musikuntermalung zu einem alten Computerspiel aus der 8-Bit-Zeit. Das ist dann doch etwas zu viel des Guten. RED ZONE ist dann schon wieder ‚mehr‘ Metal, auch wenn man vor den irgendwie witzigen Keyboardeinlagen ein weiteres Mal nicht gefeit ist (im Refrain). Gegen Mitte macht des Ganze durch eine verspielte Soli-Passage mit dicker Double-Bass-Untermalung wieder weitaus mehr Spaß. TIME HAS COME präsentiert sich als weitere Ballade, die stark auf den Kitsch- und Trieffaktor drückt und sich so reichlich süß und melodramatisch inszeniert. Das kann man mögen, muss es aber nicht. Dann doch schon eher das atmosphärische LOOKING FOR, welches sich erstmals wunderbar ’sphärisch‘ und verträumt in Szene setzt und durch die dezenten Akustikgitarren-Klänge und Pianotapser sowie den leicht verzerrten Gesang markant von den anderen Titeln abhebt. CALL ME verschenkt einen Großteil seines Potentials durch die enorm langatmigen Strophen, doch der Refrain kommt endlich mal wieder mit einem treibenden Doublebass und etwas mehr Power daher. Bleibt MILES AWAY als Finalstück – und, es geht doch. Wenn schon eine Ballade, dann doch eher eine in dieser Form. Gut, dass hier ausnahmsweise mal auf das Keyboard (größtenteils) verzichtet wurde. Es dominieren eingängige Riffs, emotionale Gesangspassagen und ein genereller ‚Cosmic‘ Metal-Eindruck – eben so, als würde dieser Song nicht von dieser Welt stammen. Somit schließt sich der Kreis von einem sehr guten Outro zu einem sehr, sehr guten Opener.

Fazit: Zeitlos Lyrics, tolle Kompositionen und Songstrukturen, ein großartiger Sänger – eigentlich hat LABYRINTH’s MORTAL SIN alles, was ein gutes Debütalbum braucht. Allerdings gibt es dann doch noch einige Abzüge in der B-Note, die vor allem von der noch nicht zufriedenstellenden Produktionsqualität herrühren. Und auch das Keyboard hätte man so manches Mal ruhig in der Ecke stehen lassen sollen, Dinge wie die übertriebenen Hall-Effekte auf der Stimme stören auch eher als dass sie eine positive Wirkung hätten. Und, die Band sollte sich überlegen, etwas mehr ‚Biss‘ in ihre Songs zu legen, sodass etwaige Pop-Ansätze endgültig ausgemerzt werden. Einige Stücke klingen nämlich etwas zu sehr nach ‚Larifari‘, doch das werden sie sicher noch in den Griff kriegen. Ein grundsolides Debütalbum mit einem starken Opener, dass man sich in die Sammlung stellen sollte. Aber für die Zukunft darf es dann gerne noch einen deutlichen Tucken besser / origineller / einzigartiger werden…

Anspieltipps: MORTAL SIN, PIECE OF TIME, MILES AWAY

Metal-CD-Review: SKYLARK – The Horizon And The Storm (1996)

Land: Italien – Stil: (Experimental / Symphonic) Power Metal

Die Trackliste:

1. The Horizon (Intro)
2. Fear of the Moon
3. Little Girl
4. Skylark
5. Crystal Lake
6. A Star in the Universe
7. Escape from the Dark
8. The Storm (Outro)

Was nicht ist, kann ja noch werden… oder ?

Vorwort: SKYLARK – eine Band, mit der man rechnen muss, und das bereits seit 1994. Der Kopf der Band ist Eddy Antonini, ein Italienischer Musiker und Allround-Talent, der sich bis heute einen etwas experimentellen Touch bewahrt und gerne auch mal zu klassisch angehauchten Arrangements greift. Das erste Album in der offiziellen Diskografie der Band ist THE HORIZON AND THE STORM, welches 1996 erschien – und einen recht kurzen Einblick in die ersten musikalischen Versuche der Band ermöglicht. Schließlich beinhaltet es nur 7 Titel, von denen 2 als Intro und Outro fungieren, ein Interlude gibt es ebenfalls – sodass letztendlich nur 4 vollwertige Tracks bleiben. Aber wie die klingen, und warum der Faktor ‚Produktionsqualität‘ bei diesem Erstlings-Werk eine nicht unerhebliche Rolle spielt, wird dieses Review versuchen zu erörtern.

Review: Das Album beginnt, und das durchaus stimmig – ein etwa zwei-minütiges Piano-Instrumentalstück stimmt den Hörer dezent auf das noch kommende ein. Es beginnt noch recht langsam, irgendwo pendelnd zwischen ‚unspektakulär‘ und atmosphärisch, gegen Ende gibt es dann doch noch einen kleinen Tempo-Schub. Sicherlich handelt es sich hier nicht um ein kompositorisches Meisterwerk oder etwas ganz und gar einzigartiges, aber als nennenswertes Intro kann man THE HORIZON (so heisst das gute Stück) dennoch bezeichnen. Der Übergang zu FEAR OF THE MOON folgt sogleich – hier haben wir einen Opener, der von Keyboard-Klängen dominiert wird und insgesamt recht ’sphärisch‘ wirkt. Alsbald offenbart sich allerdings ein echtes, mitunter riesengroßes Problem des Albums: die Produktionsqualität ist, gelinde gesagt, unter aller Kanone. Während die Gitarren noch halbwegs akzeptabel durch die Szenerie schrammen (allerdings eher hintergründig), wissen vor allem Schlagzeug (einfach nur miserabel und unglücklich ‚flat‘) und Gesang (high-pitched Vocals in einer unmöglichen Qualität) zu stören. Auch das, was sich da eine Bass-Line schimpft, hört sich einfach nur arg dumpf und somit geradezu lachhaft an – garniert wird das Ganze von den schon erwähnten Keyboard-Eskapaden in bester Fantasy-Manier. Wie natürlich auch das Songwriting, doch als knallharter Fantasy- / Epic-/ Symphonic- Power Metal Fan ist man da ja schon einiges gewöhnt. Eventuell hätte aus diesem Song etwas werden können – zumindest mehr, als das nunmehr vorliegende Endprodukt. Aber selbst dann wäre das Ganze sehr, sehr cheesy; und durch den ultrahohen Gesang und die leicht aufdringlichen Keyboards enorm schmalzig.

In der Tat erscheint es recht fraglich, warum man Songs in dieser Qualität auf einen Silberling bringt – aber immerhin muss man der Band zugestehen, dass es sich hier um ihr erstes offizielles Album / EP handelt. Dazu stammt es aus dem Jahre 1996, und die Band hatte noch keinen Plattenvertrag. Jedoch, besieht man andere Debütalben differenter Bands, so muss man den Kopf doch zwangsläufig etwas schütteln. So ist auch das knapp 10-minütige ‚Epos‘ LITTLE GIRL eher ein Krampf denn ein Genuss. Hier dominieren eher ruhig-dezente Klänge, vermittelt durch eine Akustik-Gitarre und einen deutlich zärteren Gesang. Zugegeben – das klingt gar nicht schlecht. Doch es dauert nicht lang bis der Titel umschlägt und auf ‚härtere Gefilde zusteuert. Dann gesellen sich, richtig – die schon erwähnten Schlagzeugsounds der wahrlich untersten Schiene zum Gesamtbild hinzu, dass allerdings erst wieder durch den sich verausgabenden Sänger komplettiert wird. Hinzu kommen etwas merkwürdige Effekte, wie die gezielte Soundausgabe auf dem jeweils linken oder rechten Kanal – kurzum, das Ganze wirkt eher plump als episch. Aber, und durch die Klassik-Einschübe zumindest recht ambitioniert. Das Highlight bildet hier noch die Instrumentalpassage, bestehend aus Keyboard- und Gitarrensolo. Das in wirklicher guter Qualität – hätte durchaus Potential gehabt.

Es folgt der Combo-Titel SKYLARK / CRYSTAL LAKE (je nach Version getrennt oder zusammen), der – abgesehen von den schröklichen Drums – recht akzeptabel beginnt, und durch den enormen Klassik-Flair sogar stellenweise zu begeistern weiss. Und, es wird besser: die Arrangements lassen sich nun erstmals sehen (da sie erstmals eine gewisse Professionalität ausstrahlen), die Riffs kommen schön catchy daher. Des weiteren gibt es einen typisch Power Metal-lastigen Mitsing-Refrain, der durchaus Laune macht. Leider war es das dann aber auch schon mit den positiven Aspekten: der Gesang, beziehungsweise die ‚dämonischen Stimmen‘ klingen extrem bemüht, und die (Gesamt-)Soundqualität bleibt nun einmal wie sie ist – absolut unakzeptabel. Es folgt ein 2-minütiges Interludium namens A STAR OF THE UNIVERSE, welches von Piano-Klängen und atmosphärischem Meeresrauschen begleitet wird. Das wäre gar nicht so schlecht, wäre da nicht auch hier der Gesang, der wieder einmal auf eine äusserst merkwürdige Weise entweder nur über den linken oder nur über den rechten Kanal hörbar ist. Gerade die höher gesungenen Passagen gegen Ende zeigen dann aber endgültig auf, dass sich der Leadsänger vielleicht doch eher auf die niedrigeren Stimm-Niveaus beschränken sollte. Autsch !

Bleibt ESCAPE FROM THE DARK, ein Track der mit einem Intermezzo aus synthetischen Orgelklängen und dämonischem Geflüster beginnt. Das klingt noch recht stimmig, doch letztendlich gerät auch dieser Song zu einer schwerlich auszuhaltenden Geduldsprobe aus schrägen Klängen und kläglichem Geschrei. Zum FInale spendiert man dem Hörer noch ein Outro mit dem Titel THE STORM, welches man sich aufgrund der rein klassischen Instrumentalisierung schon eher anhören kann – da diese in einer weitaus besseren Qualität daherkommen als alle Metal-Anteile.

Fazit: Als reine Demo wäre THE HORIZON AND THE STORM vielleicht gerade noch akzeptabel. Aber selbst für diese Verhältnisse ist die Produktionsqualität ausserordentlich mies, die Arrangements eher eintönig und unausgegoren, der Gesang und das Songwriting alles andere als passabel. Immerhin, jede Band muss einmal beginnen, so auch SKYLARK – doch man sollte die Hoffnung eher auf die späteren Alben setzen als auf diesen Einstieg. Dann doch lieber ein Debütalbum von Rhapsody Of Fire, Helloween, Gamma Ray, Stratovarius, Sonata Arctica; oder oder… aber es kann ja noch werden. Zumindest besser als in diesem Fall… für Fans (sowieso) ein Muss, für alle anderen durchaus vernachlässigbar.

Anspieltipps: CRYSTAL LAKE

TV-Kritik / Anime-Review: THE VISION OF ESCAFLOWNE

Fanart-Bild von Masateru (Der Hammer, Respekt !)

Typ: Anime-Serie (26-teilig)
Originaltitel: Tenkū no Esukafurōne
Regie: Kazuki Akane
Idee: Hajime Yatate, Shōji Kawamori
Land: Japan
Genre: Sci-Fi, Fantasy, Mecha, Love Interest

Die Liste der Episoden (deutsche und englische Titel):

01 Der Lauf des Schicksals (Fateful Confession)
02 Das Mädchen vom Mond der Illusionen (The Girl from the Mystic Moon)
03 Der edle Ritter (The Gallant Swordsman)
04 Das Gesicht des Bösen (The Diabolical Adonis)
05 Die Bruderfehde (Seal of the Brothers)
06 Die Stadt der Intrigen (City of Intrigue)
07 Der Aufbruch ins Ungewisse (Unexpected Partings)
08 Der Tag des Engels (The Day the Angel Flew)
09 Die Schwingen der Erinnerung (Memories of a Feather)
10 Der Prinz mit den blauen Augen (The Blue-Eyed Prince)
11 Die tödliche Vision (Prophecy of Death)
12 Das verborgene Geheimnis (The Secret Door)
13 Der Tempel der Fortuna (Red Destiny)
14 Die Menschmaschine (Dangerous Wounds)
15 Das verlorene Paradies (Lost Paradise)
16 Das Tal der Wunder (The Guided Ones)
17 Das Ende der Welt (The Edge of the World)
18 Die Macht des Schicksals (The Gravity of Destiny)
19 Die Kraft der Liebe (Operation Golden Rule of Love)
20 Das gefährliche Spiel (False Vows)
21 Die Kriegerinnen des Glücks (Reaction of Fortune)
22 Der Engel mit den schwarzen Flügeln (The Black Winged Angel)
23 Die Ruhe vor dem Sturm (Storm Premonition)
24 Die schicksalhafte Entscheidung (Fateful Decision)
25 Die Sphäre des vollkommenen Glücks (Zone of Absolute Fortune)
26 Die ewige Liebe (Eternal Love)

Kommt mit und erlebt die sagenhafte Parallelwelt GAIA.

Inhalt: Hitomi Kanzaki ist eine 15 jährige japanische Schülerin mit zwei besonderen Hobbys: zum einen ist sie eine begeisterte Läuferin, und zum anderen liebt sie es, dem Kartenlegen nachzugehen. Spielerisch sagt sie mit ihren Tarotkarten die Zukunft ihrer Freundinnen heraus, und tatsächlich scheinen sich ihre Visionen des öfteren zu bewahrheiten. Sie hat die Karten auch schon befragt, was sie und ihren großen Schwarm Amano betrifft… doch ein wirklich schlüssiges Ergebnis ist dabei nicht herausgekommen. Eines Tages erfährt sie, dass Amano das Land verlassen würde, woraufhin sie ihn bittet, noch ein letztes Mal die Zeit für sie zu stoppen – bei einem 100-Meter-Lauf. Beim ersten Anlauf aber scheitert sie – sie hat eine starke Vision und fällt daraufhin in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kommt ist Amano bei ihr, und gemeinsam beschließen sie es noch einmal zu versuchen. Doch dieses Mal bleibt es nicht bei einer blossen Vision… tatsächlich taucht eine große, grelle Lichtsäule auf, die einen jungen Krieger und einen gefährlichen Drachen direkt auf den Sportplatz transportiert. Es bleibt kaum Zeit, Fragen zu stellen – denn urplötzlich befinden sich alle Anwesenden in akuter Lebensgefahr. Glücklicherweise schafft es der junge Krieger, der auf den Namen Van hört, den Drachen zu besiegen – woraufhin die Lichtsäule erneut erscheint um ihn offenbar in seine Welt zurückzubringen. Doch Hitomi befindet sich ebenfalls in der Säule…

Sie findet sich inmitten einer ihr fremden Welt wieder, die wie sie erfährt Gaia genannt wird. Am Himmel sieht sie hier verdutzt auf den Mond und die Erde… es scheint sich also um eine Art Zwischenwelt zu handeln. Doch erneut geht alles ganz schnell: dadurch, dass Van den Drachen besiegt und seinen Energiestein an sich genommen hat, ist er nun rechtmäßiger Thronfolger seines Vaters, und wird prompt zum König gekrönt. Ein heimtückischer Angriff der furchteinflößenden Zaibacher aber stört die Zeremonie – woraufhin Van den Energiestein in Escaflowne einsetzt, eine riesige Mecha-artige Kampfmaschine. Dieser sogenannte Guymelef versucht nun mit Van als Piloten, Fanelia und seine Bewohner zu beschützen. Unglücklicherweise scheitert er – und wird von den Zaibachern gefangengenommen. Währenddessen sucht Hitomi verzweifelt nach Möglichkeiten, ihn zu retten – und trifft dabei auf weitere zukünftige Weggefährten, wie den sogenannten Ritter Des Himmels Allen. Doch offenbar werden ihre Vision hier auf Gaia noch stärker und intensiver… und das Reich der Zaibacher scheint einen perfiden Plan zu verfolgen, bei dem sie das Schicksal selbst zu ihren Gunsten beeinflussen wollen.

Kritik: The Vision Of Escaflowne ist eine Anime-Serie, die heute (knapp 15 Jahre nach der Erstveröffentlichung) sicher schon viele gesehen haben werden – ob expliziter Anime-Fan oder nicht. So wurde sie kurz nach der Jahrtausendwende erstmals in deutsch (auf MTV) ausgestrahlt, und findet nach wie vor zahlreiche Revivals durch spezielle, besonders vollgepackte Editionen. Hier soll es jedoch nicht zwangsläufig um die bestmögliche Release-Edition gehen, sondern um den Anime an und für sich. Ja, für welche Zielgruppe ist Escaflowne eigentlich ursprünglich gemacht worden ? Eine Frage, die sich nicht ganz so leicht beantworten lässt, da dem Anime zahlreiche verschiedene Elemente innewohnen. Eines ist jedoch klar: beide Geschlechter werden entsprechend bedient. Die weibliche Zuschauergruppe wird großen Gefallen an der mystischen Love-Interest-Story finden, die männlichen Zuschauer dafür umso mehr an den nett choreografierten Mecha-Kämpfen und den Helden-Sagen um Ritter, böse Widersacher und schreckliche Kriege. Eine vollkommen geschlechtsunabhängige Faszination übt dagegen die Welt Gaia aus, auf der der Großteil der Geschichte spielt – Ausflüge zur Erde finden so gut wie überhaupt nicht statt, und wenn dann nur in Gedanken oder in der Erinnerung. Gaia ist eine grundsätzliche schöne und fabelhafte Fantasy-Welt, die der Serie nach aus reiner Gedankenkraft geformt worden ist – als Folge des Untergangs des sagenumwobenen Atlantis. Doch um weitere Spoiler zu vermeiden sei an dieser Stelle nur angemerkt, dass es zahlreiche weitere Einstreuung solch mystischer Ortschaften und Zivilisationen gibt, sodass der Welt Gaia grundsätzlich eine vielfältige, spannende und Fragen-aufwerfende Entstehungsgeschichte zugrundeliegt. Und natürlich bleibt es nicht nur bei den Ereignissen vergangener Tage, denn alsbald taucht die Frage auf, wie mit diesem speziellen „Erbe“ am besten umzugehen ist. Und da kommt sowohl die „gute“  (vor allem verkörpert durch Allen, Van und Hitomi) und die „böse“ Seite (hauptsächlich verkörpert durch Folken, Dilandau und Kaiser Dornkirk) zum Zuge.

Allgemein fällt auf, dass besonders Jugendliche ihre Freude mit der Serie haben werden – in Bezug auf die Altersgruppe wäre eine Zielgruppe von etwa 15-20 das Optimum. Was natürlich nicht heisst, dass ältere mit der Serie nichts anfangen können – doch während in anderen Serien im späteren Verlauf oftmals ein erheblicher Fokus auf überraschende Story-Twists oder eine Vertiefung der Serien-eigenen Philosophie gelegt wird, dominieren in Escaflowne vor allem der Kampf zwischen gut und böse, sowie die schwankenden (Liebes-)Beziehungen der Charaktere untereinander das Szenenbild. Man könnte also von einem etwas geringeren Anspruch sprechen – doch wenn man einmal genauer hinsieht, trifft das eigentlich nicht wirklich zu. Denn auch Escaflowne behandelt höchst grundlegende Dinge, vor allem zwischenmenschliche Beziehungen und -Werte werden explizit beleuchtet. Auch tauchen stellenweise tiefgreifende Fragen auf, die sich vor allem auf die Verständnis-Ebene beziehen. Etwas schade ist, dass beispielsweise spezielle Hinweise gegeben werden – diese aber jedoch nicht immer aufgelöst oder weiter behandelt werden (beispielsweise die herausgerissenen Seiten aus dem Buch von Allen’s Vater). Doch insgesamt ist die Welt von Gaia eine reichlich bunte – und sogar komplexe, wenn man mal nicht von der recht vereinfacht dargestellten politischen Situation ausgeht. Nein, die Komplexität bezieht sich vor allem auf die verschiedenen Völker, die jeweiligen (zumeist traurigen) Hintergrundgeschichten der Charaktere, und natürlich die besonderen Elemente, die es so nur auf Gaia gibt. Das wären in erster Linie die riesigen Kampfroboter, die Guymelefs – von denen auch Escaflowne einer ist. Allerdings ein ganz spezieller, der von einem noch spezielleren Volk erbaut worden ist. Gerade die Frage nach diesen hier als Hispanos bezeichneten Menschen, sowie die nach den seltsamen „Toren“ und Pforten, die besonders gegen Ende der Serie auftauchen, bleiben jedoch oftmals unbeantwortet. Schade – so muss man sich als Zuschauer größtenteils selbst einen Reim auf den Zusammenhang von Atlantis (damals) zum „heutigen“ Atlantis und dessen Verbindung mit Gaia machen.

Die Kraft der Liebe, die Macht des Schicksals, die Beeinflussung des eigentlich nicht-beeinflussbaren, die Machtgelüste und innersten Wünsche der Menschen (ob nun hier auf der Erde oder auf Gaia) – das sind nur einige der Stichwörter, die man bestens mit der Welt von Escaflowne in Verbindung bringen könnte. Ein Höchstmaß an Unterhaltung ist also garantiert – wobei es immer wieder auch etwas „auflockernde“ Elemente wie eben die ständigen Kämpfe (mal spielerisch-trainierend, mal auf Leben und Tod) gibt. Und, sogar einige recht komische Szenen gibt es – doch keinesfalls ist Escaflowne ein Anime, der in Sachen Slapstick oder Charakterzeichnung übertreibt. Der Grundton ist grundsätzlich ein ernster, epischer. Die optische Gestaltung kann in Anbetracht des Produktionsjahres durchaus als zeitlos bezeichnet werden – die satten Farben und oft naturbezogenen Szenenbilder sorgen stets für einen erhabenen Eindruck. Ebenfalls markant: die Gestaltung der idyllisch wirkenden Städte, und im Gegensatz dazu die düster-futuristische des Zaibacher Reiches. Die Animationen sind geschmeidig, und gerade die Wettereffekte und Kampfszenen wissen zu überzeugen. Überall fliegt etwas herum oder bewegt sich: seien es die Funken beim Aufeinanderklirren der Schwerter, lodernde Flammen, Asche, Federn… das sorgt für einen lebendigen Eindruck. Stichwort lebendig: etwas negativ fällt lediglich die Darstellung der Charaktere (hier mit äusserst länglichen spitzen Nasen) auf. Doch auch daran hat man sich schnell gewöhnt, und andere technische Aspekte wie der Soundtrack räumen mit den letzten Zweifeln auf. Sowohl in Bezug auf die traurig-dramatischen, wie auch auf die actionreich-epischen Szenen findet sich das ein oder Soundtrack-Highlight das für Gänsehaut sorgen kann. Auch das Intro ist wunderschön gestaltet, und zudem mit einem traumhaften japanischen Musikstück unterlegt. Da sei auch verziehen, dass das Outro eher unspektakulär (und musikalisch eintönig) daherkommt. Technisch ist das Ganze also absolut versiert aufgemacht – blicken wir abschließend noch ein letztes Mal auf die inhaltlichen Aspekte von Escaflowne.

Denn genau dort finden sich im Endeffekt die einzigen Negativ-Aspekte der Serie. Beispiel: Tatsachen wie die, dass Hitomi ein wesentlicher Bestandteil der großen Hintergrundgeschichte ist, werden zwar direkt ersichtlich – so geht beispielsweise von ihrem Anhänger eine enorme Kraft aus, die mit der ehemaligen Kraft aus Atlantis zu tun hat. Doch wirklich schlüssig wird die Bedeutung dieser Gegenstände nicht erklärt – durch allerlei Rückblicke oder Visionen entsteht so einstweilen ein recht diffuses Gesamtbild. So kommt man hinsichtlich der Interpretation immer nur bis zu einem gewissen Punkt, doch dann stösst man auch schnell wieder an eine Grenze. So wird man als Zuschauer auch nicht immer wissen, welche Aspekte nun ein wesentlicher, nötiger Bestandteil der Serie sind (um am Ende das nötige Verständnis zu entwickeln) – und welche sich auf eher zu vernachlässigenden Nebengeschichten zurückführen lassen. Dies ist mitunter auch das einzige Problem der Serie: der schwankende Fokus, und das relativ vorhersehbare Ende. So ist von Anfang an relativ klar, dass alles auf einen wohl schlimmen Endkampf zwischen zwei Parteien hinauslaufen wird; doch zwischendurch weicht der Fokus immer wieder von diesem Bezugspunkt ab und orientiert sich vor allem an kleineren Dingen, die das Leben der Charaktere beeinflussen und sie entsprechend beschäftigen. Höhnisch könnte man also fragen: spielt es wirklich eine so große Rolle, ob Person X und Y sich näher kommen, wenn das „Ende der Welt“ bevorsteht ? Doch gerade Escaflowne zeigt in einer ganz besonderen Art und Weise auf, dass es in gewissen Fällen genau darauf ankommen kann.

Fazit: Alles in allem kann The Vision Of Escaflowne durchaus als Anime-Klassier bezeichnet werden, der durch die fantasievolle Gestaltung der Zwischenwelt Gaia mit allerlei zeitlosen Elementen aufwartet. Es gibt zudem keine wirklich nennenswerten Durststrecken, man wird größtenteils gut unterhalten und erwartet voller Spannung die jeweils nächste Folge. Etwas schade erscheint nur, dass der Anime nicht sonderlich komplex, dafür aber leicht verwirrend daherkommt. Im Grunde wäre alles recht „einfach“ – doch die Dramaturgie der Serie sieht eben vor, dass um viele Dinge ein großes Geheimnis gemacht wird. Einige davon werden recht schnell aufgelöst oder sind ohnehin vorhersehbar, andere dagegen erst am absoluten Ende der Serie (Stichwort Dilandau), auf andere wird gar nicht mehr eingegangen. Die mythische Geschichte um Atlantis wird zwar ausreichend porträtiert, vermeintlich (!) weniger bedeutsame Aspekte wie der Anhänger Hitomi’s finden jedoch kaum Erwähnung, sodass man über einige Elemente nur rätseln kann. aber gerade das macht einstweilen ja auch den Reiz der Serie aus… nur das etwas enttäuschende, ein wenig unschlüssige und teilweise sehr vorhersehbare Ende verhindert eine (noch) höhere Wertung.


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„Schon jetzt ein Klassiker.“

Metal-CD-Review: BAL-SAGOTH – Starfire Burning Upon The Ice-Veiled Throne Of Ultima Thule (1996)

Land: England – Genre: Brutal Symphonic Metal

„Black Dragons Soar above the Mountain of Shadows (Prologue)“ – 3:05
„To Dethrone the Witch-Queen of Mytos K’unn (The Legend of the Battle of Blackhelm Vale)“ – 6:45
„As the Vortex Illumines the Crystalline Walls of Kor-Avul-Thaa“ – 6:35
„Starfire Burning Upon the Ice-Veiled Throne of Ultima Thule“ – 7:23
„Journey to the Isle of Mists (Over the Moonless Depths of Night-Dark Seas)“ – 1:11
„The Splendour of a Thousand Swords Gleaming Beneath the Blazon of the Hyperborean Empire“ – 6:03
„And Lo, When the Imperium Marches Against Gul-Kothoth, Then Dark Sorceries Shall Enshroud the Citadel of the Obsidian Crown“ – 6:28
„Summoning the Guardians of the Astral Gate“ – 6:09
„In the Raven-Haunted Forests of Darkenhold, Where Shadows Reign and the Hues of Sunlight Never Dance“ – 6:29
„At the Altar of the Dreaming Gods (Epilogue)“ – 2:29

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Kurze Titelbezeichnungen sind etwas für Weicheier.

Es ist schon höchst beeindruckend, wie „frisch“ und aktuell ein 1996’er Epic-Black-Symphonic-Metal-Album auch im Jahre 2011 noch klingen kann. Unter anderem deshalb, und weil ich die Band Bal-Sagoth erst just für mich entdeckt habe – Asche auf mein Haupt in Anbetracht der Erstveröffentlichung im Jahre 1994 – widme ich der Scheibe mit dem ellenlangen Titel Starfire Burning Upon The Ice-Veiled Throne Of Ultima Thule ein kleines Musik-Review.

Zuerst muss man festhalten, dass dieses Werk für mich als Power-Metaller grundsätzlich ein stückweit härter und düsterer daherkommt als ich es normalerweise gewöhnt bin. Doch eins ist klar – nur ein Narr halt sich an lächerlichen Genre-Grenzen innerhalb der Musikwelt auf. Und so bin auch ich stets offen für neue Inspirationen und Klangwelten – nach Equilibrium wird Bal-Sagoth nun also die zweite „härtere“ Band sein, die in meinem CD-Player rauf und runter laufen wird.

Härter ? Sicher, für manche mag dies alles noch harmlos erscheinen, doch ich bewege mich nun einmal nicht vornehmlich in Dark-, Death- oder Doom-Metal-Gefilden; hauptsächlich aus Gründen des Gesangs. De facto heisst das, dass eine Band aus diesen Genres mich schon irgendwie anders „ködern“ muss, damit meine Lauscher auch hängenbleiben. Und was bei Equilibrium die höchst melodischen Intrumentalpassagen mit enorm eingängigen Samples sind (womit ein interessanter Kontrast zwischen „schönen“ Melodien und eher schroffem Gesang entsteht) – sind bei Bal-Sagoth unglaublich komplexe Arrangements und generell ein gewisses Epic-Dragonslayer-Feeling, welches fantasievolle Bilder direkt vor dem inneren Auge des Zuhörers entstehen lässt. Zuletzt war mir dies bei Luca Turilli’s Prophet Of The Last Eclipse vorgekommen – der ja auch nicht gerade vor episch angelegten Metal-Synfonien zurückschreckt. Nur – die Stimmung ist eine andere. Deshalb möchte ich das Experiment wagen, und dieses Album hier die dunkle Version eines Cosmic-Power-Metal a’la Luca Turilli nennen.

Und dass sich Turilli und Bal-Sagoth in Sachen der musikalischen Erhabenheit in nichts nachstehen, erkennt man bereits am Intro. Ach ja, man verzeihe mir dass ich die Titel nicht mehr ausschreiben werde, wie man oben sieht, können sie recht länglich ausfallen. Nun: eine höchst eingängige Melodie, leichte epische Chorgesänge im Hintergrund, ein Grollen dass man noch nicht so recht einschätzen kann – macht dieses Intro nun Hoffnung oder weist es auf eine Verzweifelung hin… irgendwie ist es ein wenig von beidem. Doch in jedem Fall ist es gnadenlos episch ! Titel 2 beginnt sogleich mit einer kleinen Schlagzeug-Orgie, und macht die weitere musikalische Richtung deutlich. Nun lauscht man auch zum ersten Male dem Gesang, und einem „üblichen“ Songaufbau von Bal-Sagoth: der gewiss nicht allzu gewöhnlich ist ! Denn man sieht es bereits hier: schnelle Passagen wechseln sich mit langsameren ab, mal rückt ein Sprecher in den Vordergrund, mal sind es nur die hämmernden Instrumente, mal klingt es wie pure Filmmusik… unter Eintönigkeit versteht man wohl etwas gänzlich anderes.

Diese Abwechslung zieht sich durch das Ganze Album, und macht es zu einer sehr lebhaften Angelegenheit. Die Mischung aus brachialer Härte und ruhigeren, beinahe andächtigen Passagen ist angenehm und gut inszeniert. Alles in allem ein Album, welches in keiner anständigen Metal-Sammlung fehlen sollte. Mein persönlicher Favorit des Albums: höchst wahrscheinlich der gnadenlos-epische Track 4.


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„Ein Fall für sich – aber ein durchaus angenehmer.“