Filmkritik: „Ödipussi“ (1988)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Vicco von Bülow
Mit: Eberhard Fechner, Dario D’ambrosi, Piero Gerlini u.a.
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
FSK: ab 0 freigegeben
Genre: Komödie
Tags: Loriot | Vico von Bülow | Evelyn Hamann | Mutterkomplex | Klamauk | Slapstick

Mütter und Söhne auf Abwegen.

Inhalt: Eigentlich waren Paul Winkelmann (Vico von Bülow) und seine Mutter Louise (Katharina Brauren) schon immer ein eingespieltes Team. Als der Inhaber eines familieneigenen Möbel- und Dekorationsgeschäftes aber mehr oder weniger plötzlich beschließt, sich doch noch von seiner Mutter abzunabeln hängt der Haussegen schief. Die Tatsache, dass sich Paul zum ersten Mal eine eigene Wohnung nimmt hätte die Mutter vielleicht noch verkraften können – doch dass er sich ausgerechnet mit der Psychologin Margarethe Tietze (Evelyn Hamann) anfreundet, weckt in ihr einige Zweifel. Dennoch planen die beiden frisch verliebten einen Trip nach Italien, wo sie sich immer näher kommen. Dass die Mutter von Margarethe ebenfalls nicht wirklich mit der Beziehung einverstanden scheint, macht das Chaos perfekt – und eine Familienzusammenführung beinahe unmöglich…

Kritik: So oder so steht fest: wenn man nicht mindestens einen Sketch oder Film von und mit Vico von Bülow alias Loriot gesehen hat, hat man etwas verpasst. Ob es dabei ausgerechnet der 1987 abgedrehte und ein Jahr später erstveröffentlichte ÖDIPUSSI sein muss, ist eine andere Frage – denn ein wahres Meisterwerk hat der berühmt-berüchtigte Filmschaffende mit seiner aberwitzigen Mär um ein besonderes Mutter-Sohn-Gespann nicht erschaffen. Dennoch kann man kaum verhehlen, dass ÖDIPUSSI sein Prädikat als ebenso zeitloser wie zutiefst amüsanter Film verdient hat – und die im Minutentakt servierte Alltagskomik, die teils herrlich absurden Gespräche und die auch mal etwas flacheren Slapstick-Einlagen ihre Wirkung kaum verfehlen. Das gilt insbesondere dann, wenn man den Film aus der Warte einer eher familiären Zuschauergemeinschaft heraus betrachtet – schließlich bieten die hier gezeigten Geschehnisse Unterhaltung für jung und alt, wobei der Film auch niemals unter die Gürtellinie geht. Neben den abwechslungsreichen und gut inszenierten Schauplätzen liegt es dabei wie so oft am wunderbar harmonierenden, klassischen Darsteller-Duo aus Loriot und Evelyn Hamann, auch ÖPIPUSSI eine unverwechselbare Atmosphäre einzuverleiben – was ihnen auch tadellos gelingt. Einzig und allein der letztendlich recht überschaubare Inhalt, die guten aber eben auch recht einseitigen Figuren; sowie das Fehlen komödiantischer Inhalte die deutlicher über den simplen Handlungsrahmen hinausgehen verhindern hier weiteres. Dennoch, viel falschen machen kann man mit einem Film und sicher auch Komödien-Klassiker wie ÖDIPUSSI nicht.

Bilder / Promofotos / Screenshots: © Bavaria Film / Rialto GmbH

border_01

„Kein besonders herausragender, aber eben doch ein äußerst unterhaltsamer Loriot.“

filmkritikborder

Metal-CD-Review: RIOT – Thundersteel (1988)

Alben-Titel: Thundersteel
Künstler / Band: Riot (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 1988
Land: USA
Stil / Genre: Heavy / Power Metal
Label: CBS Associated Records

Alben-Lineup:

Tony Moore – Vocals
Mark Reale (R.I.P. 2012) – Guitars
Don Van Stavern – Bass
Bobby Jarzombek – Drums
Mark Edwards – Drums

Track-Liste:

1. Thundersteel (03:49)
2. Fight or Fall (04:25)
3. Sign of the Crimson Storm (04:40)
4. Flight of the Warrior (04:17)
5. On Wings of Eagles (05:41)
6. Johnny’s Back (05:32)
7. Bloodstreets (04:39)
8. Run for Your Life (04:08)
9. Buried Alive (Tell Tale Heart) (08:55)

Der frühe Vogel fängt den Wurm.

THUNDERSTEEL ist das 1988 erschienene, zum damaligen Zeitpunkt sechste offizielle Studioalbum der US-Amerikanischen Heavy- und Power Metaller von RIOT. Fakt ist: bei der bereits im Jahre 1975 (!) gegründeten Combo handelt es sich zweifelsfrei um eine der wohl frühesten Genre-Institutionen, die sich für eine jahrzehntelang währende Schaffensperiode großartiger Musik verantwortlich zeichnet. Und mehr noch: zusammen mit anderen frühen Pionieren des Genres wie etwa JUDAS PRIEST, MANILLA ROAD, RAINBOW, DIO oder IRON MAIDEN haben erst Musiker wie die von RIOT dafür gesorgt, dass der Weg für ein weltweites musikalisches Phänomen geebnet wurde. Eines, dass sich spätestens in der Mitte der 80er Jahre durch eine dezente Abspaltung vom übergeordneten Genre des Heavy Metal festigte – und heute gemeinhin als Power Metal bekannt ist. Entsprechend interessant und dabei eine fast schon andächtig anmutende Erfahrung ist demnach ein Genuss der ersten, klar mit einem wichtigen Wegbereiter-Status zu versehenden Alben – wie etwa das vorliegende THUNDERSTEEL mit seinen 9 enthaltenen Titeln. Zwar machten die Jungs von RIOT auch schon vorher gute Musik mit entsprechenden Metal-Qualitäten – doch erst mit THUNDERSTEEL gelang ihnen der bis dato wohl markanteste Rundumschlag.

Gründe dafür gibt es einige – wobei der vordergründigste schlicht darin besteht, dass das Album eine erstaunlich gute musikalische Figur macht. Und: dass es über die Jahre nichts von seiner Wirkungskraft eingebüßt hat. Im Gegenteil, im Zusammenspiel mit dem teils enorm hymnischen Faktor und der klassischen Ausrichtung inklusive eines jeweils ausgeprägten Fokus auf die Gitarren, den Bass und die Drums kann das auf THUNDERSTEEL enthaltene Material eine fast schon hypnotische Wirkung etablieren – zumindest wenn man dem übergeordneten Genre des Heavy Metal allgemein zugetan ist und nichts gegen eine Portion ehrlich-ungekünstelter Musik mit überzeugender Handarbeit einzuwenden hat. Die schon damals von den Mitgliedern erbrachten Leistungen sprechen jedenfalls Bände – wobei nicht nur der markante Leadgesang von Tony Moore gewisse Vorbild-Funktionen für später aufkommende Genre-Combos übernahm. So ist es immer wieder eine interessante Erkenntnis, dass sich einige Kollegen mehr oder weniger offensichtlich von einem Album wie THUNDERSTEEL haben inspirieren lassen – wie etwa die CRYSTAL EYES, die auf ihrem hervorragenden 1999’er Debütalbum WORLD OF BLACK AND SILVER (siehe Review) eine ganz ähnlich-klassische Marschrichtung eingeschlagen haben.

Und so kann man kaum anders als Nummern wie den schmackigen Opener und Titeltrack THUNDERSTEEL, das hymnische FIGHT OR FALL, das melodische FLIGHT OF THE WARRIOR (hier werden die Parallelen zu CRYSTAL EYES überdeutlich), das schier majestätische ON WINGS OF EAGLES oder das launige JOHNNY’S BACK einfach nur zu genießen. Selbst die potentiell kritischen Momente sind in diesem Fall keine: die etwas ruhigeren Titel SIGN OF THE CRIMSOM STORM und BLOODSTREETS bilden eine perfekte und äußerst Gitarren-intensive Alternative zu gemeinhin obligatorischen Balladen mit Kitsch-Gefahr, und der vergleichsweise überlange Rausschmeißer BURIED ALIVE wirkt dank seiner atmosphärischen Inszenierung alles andere als langatmig. Explizite schwache Momente hat das Album so keine – lediglich das flotte, aber mit einem etwas ungünstigen Refrain versehene RUN FOR YOUR LIFE muss dezent hinter den anderen Titeln anstehen. Unumstößlich fest steht aber: mit THUNDERSTEEL hat die Metal-Welt nicht nur ein für das frühe Genre wichtiges Album auf die Lauscher bekommen – sondern auch ein enorm gutes und bis heute nachhallendes.

Absolute Anspieltipps: THUNDERSTEEL, FIGHT OR FALL, FLIGHT OF THE WARRIOR, ON WINGS OF EAGLES, BURIED ALIVE


„Mehr Metal geht nicht – ein zeitloses Genre-Meisterwerk.“

Metal-CD-Review: BLIND GUARDIAN – Battalions Of Fear (1988)

blind-guardian_battalions-of-fear_500

Alben-Titel: Battalions Of Fear
Künstler / Band: Blind Guardian (mehr)
Veröffentlichungsdatum: 15. Februar 1988
Land: Deutschland
Stil / Genre: Speed Metal
Label: No Remorse Records

Alben-Lineup:

Hansi Kürsch – Bass, Vocals
André Olbrich – Guitars, Vocals (backing)
Marcus Siepen – Guitars, Vocals (backing)
Thomen Stauch – Drums

Track-Liste:

1. Majesty (07:31)
2. Guardian of the Blind (05:12)
3. Trial by the Archon (01:45)
4. Wizard’s Crown (03:50)
5. Run for the Night (03:36)
6. The Martyr (06:18)
7. Battalions of Fear (06:09)
8. By the Gates of Moria (02:53)

Die Geburt einer Legende.

Kurz nachdem eine neuartige Spielart des Metal erstmals über den deutschen Musikmarkt fegte und mit HELLOWEEN’s ersten Studiowerken salonfähig gemacht wurde, folgten zahlreiche Bands die auf den Zug der immer größeren Power Metal-Bewegung aufgesprungen sind. Die ersten wichtigen Kandidaten, die den deutschen Urgesteinen dabei in nichts nachstanden waren BLIND GUARDIAN – die auf eine ganz ähnliche Spielart im Bereich des Speed Metals setzten. Und, die ihre Fähigkeiten erstmals mit BATTALIONS OF FEAR unter Beweis stellen konnten. Das bereits zu Beginn des Jahres 1988 veröffentlichte Album genießt dabei bei vielen Hörern einen legendären Status – was leicht dahergesagt erscheint; sich aber spätestens dann bestätigt wenn man den Silberling einmal einlegt und komplett durchhört. Dass fällt nicht nur in Anbetracht der kurzen Spieldauer von knapp unter 40 Minuten leicht – sondern auch, da BLIND GUARDIAN hier eine besondere Form der Energie versprühen, die es so gut wie unmöglich macht sich der Wirkungskraft dieses Release zu entziehen.

Das mag mitunter auch daran liegen, dass das Album auf mindestens zweierlei Art und Weise charmant erscheint: zum einen klingt BATTALIONS OF FEAR schlicht nach einem besonders zeitlosen, aber eben doch in den 80er-Jahren zu verortenden Musikwerk; und zum anderen sorgen das allgemeine Tempo und die alles andere als glatt geschliffene Produktion für einen schön rauen und ungekünstelten Eindruck. Wie auch die Tatsache, dass mit André Olbrich und Marcus Siepen zwar enorm starke Gitarristen am werkeln sind – und man erst gar keine anderen Spielereien braucht, um das Album schön gehaltvoll (in Bezug auf die Instrumentalkulisse) klingen zu lassen. Das selbe gilt dann wohl auch für den eigentlichen Inhalt und die Aussagekraft des Albums; wobei es letztendlich gar keine so große Rolle spielt was hier besungen wird. Wenn ein Album derart ehrlich und, man nenne es straightforward klingt; so hat es zu Recht die Geschichte des Power Metals beeinflusst respektive gar maßgeblich geprägt.

Entsprechend schwer wird es auch, sich einzelne Nummern herauszupicken – man kann und sollte sie alle genießen; selbst das Interludium TRIAL BY ARCHON – welches ebenfalls und trotz seiner Kürze kongenial ausfällt. Die volle Ladung ungekünstelter und sich direkt in das Gedächtnis brennender Riffs, Soli und einen Leadgesang der sich gewaschen hat; findet sich dann an allen anderen Stellen – mit dem wahrlich heftigen MAJESTY als Vorbote. Überhaupt verdient die Leistung von Hansi Kürsch alle nur erdenklichen Lobpreisungen – er scheint geradezu vor Kraft zu explodieren, bleibt aber dennoch stets im Rhythmus und klingt trotz der anberaumten Aggressivität auf seine ganz eigene Art und Weise emotional. Gänsehaut ist dann auch bei einem Refrain wie GUARDIAN OF THE BLIND garantiert – einer zweifelsohne sehr gut zur passenden Hymne. Refrain ist überhaupt ein gutes Stichwort – wer auf besonders eingängige (aber eben nicht zu süßlich klingende) aus ist, kommt um eine Scheibe wie diese kaum herum. Lediglich der einstweilen noch etwas ungestüme Eindruck des Albums und die fehlende Diversität (tatsächlich sind die Nummern alle recht ähnlich aufgemacht) könnten den ein oder anderen stören.

Aber: BATTALIONS OF FEAR ist ein absolutes Muss für alle, die sich auch nur ansatzweise für den Power Metal und seine Geschichte interessieren – und sicherlich auch all jene, die einfach nur einen rundum gelungenen Silberling in den Händen halten wollen. Ob damals oder heute, das Debütalbum von BLIND GUARDIAN verfehlt kaum seinen Zweck und beweist, dass die Jungs heute zu Recht als eine der erfolgreichsten deutschen Metal-Combos das Antlitz unzähliger Bestenlisten zieren. Später klangen sie natürlich noch professioneller und vielleicht auch majestätischer; doch auch dieser energetische und raue Beginn der Karriere lässt sich sehr gut zelebrieren. Vielleicht; und wenn man so will sogar noch ein stückweit mehr…

Absolute Anspieltipps: MAJESTY, GUARDIAN OF THE BLIND, BATTALIONS OF FEAR


„Ein Klassiker für (fast) alle Fälle.“

Metal-CD-Review: MANOWAR – Kings Of Metal (1988)

manowar_kingsofmetal500

Alben-Titel: Kings Of Metal
Künstler / Band: Manowar (mehr)
Land: USA
Stil / Genre: Heavy Metal
Label: Atlantic Records

Alben-Lineup:

Joey DeMaio – Bass,  Piccolo
Ross The Boss – Guitars, Keyboards
Scott Columbus – Drums, Percussion
Eric Adams – Vocals

Track-Liste:

1. Wheels of Fire (04:11)
2. Kings of Metal (03:43)
3. Heart of Steel (05:10)
4. Sting of the Bumblebee (02:45)
5. The Crown and the Ring (Lament of the Kings) (04:46)
6. Kingdom Come (03:55)
7. Hail and Kill (05:54)
8. The Warriors Prayer (04:20)
9. Blood of the Kings (07:30)

Die unerfindlichen Wege eines Kriegers.

Bis 1987 hatten die US-Amerikanischen True Metaller von MANOWAR bereits 5 mehr oder weniger durchschlagskräftige Studioalben (siehe hier) veröffentlicht. Um das erste MANOWAR-Jahrzehnt der 1980 gegründeten Band nun noch krönend abzuschließen, schickte man 1988 KINGS OF METAL ins Rennen. Ein Album mit einem vielleicht gewagten Titel, der sich auf das bisher Erreichte bezog – und noch einmal eindringlichst die hart erkämpfte Stellung der Band postulierte. Aus der Sicht der Band, versteht sich – doch immerhin konnten sich MANOWAR auch auf die stetig wachsende Fangemeinde verlassen; die sicherlich nichts dagegen einzuwenden hatte dass sich ihre ‚Helden‘ nun auch als Könige des von ihnen heißgeliebten Genres bezeichneten. Doch wird das Album den großen Versprechen auch gerecht ?

KINGS OF METAL setzt wie auch schon der Vorgänger FIGHTING THE WORLD auf möglichst eingängige Genre-Hymnen; hie und da abgewechselt durch etwas episch-getragenere Nummern. Und doch liegen zwischen den beiden Veröffentlichungen… Kontinente, nicht Welten. Das auf KINGS OF METAL dargebotene Material klingt im direkten Vergleich einfach deutlich stilsicherer – das heißt vor allem härter, rauer und energetischer. Wo man zuvor noch in eine Art Halbschlaf gefallen war, regiert nun wieder die pure Manneskraft – was sich vor allem in den schrofferen Riffs, dem gesteigerten Tempo und der herrlich raubeinigen, dabei aber stets majestätischen Leistung von Leadsänger Eric Adams niederschlägt. Der wandert auch hier die Tonleiter rauf und runter; flüstert, schreit – immer so, dass es eine wahre Freude ist. Anders ausgedrückt: KINGS OF METAL hat einfach deutlich mehr Bumms. Auch wenn alles andere bei einem Alben-Titel wie diesem auch reichlich fatal wäre; sorgten und sorgen die Schwert-schwingenden Recken also doch noch für eine positive Überraschung.

Das heißt zwar noch lange nicht, dass die 10 enthaltenen Titel auch inhaltlich auffällige Zugewinne zu verzeichnen haben – doch wer will das schon bei einem Release wie diesem ? Denn immerhin hat sich musikalisch einiges getan; vielleicht sogar so viel, dass MANOWAR mit KINGS OF METAL alles bisher dagewesene in den Schatten stellen. Zumindest was die allgemeine Vielfalt angeht: so abwechslungsreich und sich in alle Richtungen austobend hat man die Band bis dato einfach noch nicht erlebt. Vom typischen, Riff-domiertem Kracher (WHEELS OF STEEL) über tatsächlich zu 100% funktionierende Balladen (HEART OF STEEL) bis hin zu durch-und-durch epischen Stampfern (KINGDOM COME) ist alles vertreten. Natürlich bleibt es nicht aus, dass auch hier mal eine etwas schwächere Nummer dazwischenfunkt (wie etwa der arg simple Titeltrack oder das makabere THE WARRIORS PRAYER) – doch insgesamt wirkt das Konzept gut durchdacht. Weiterhin sorgt es dafür, dass das Album kaum Längen aufweist; indem man sich von Titel zu Titel vorarbeitet und dabei immer wieder Steigerungen bzw. spannende Alternierungen erlebt.

Durch die gesteigerte Bandbreite rücken nun auch die einzelnen Instrumente deutlicher in den Fokus – ein jedes Mitglied bekommt hier hinreichend Möglichkeiten, sein Können zur Schau zu stellen. In dieser Hinsicht darf natürlich auch das obligatorische Bass-Solo nicht fehlen – dieses Mal in Form des verrückten STING OF THE BUMBLEBEE, bei welchem man sich bei Rimsky Korsakoff’s Flight of the Bumblebee bedient hat. Das ist ungewöhnlich, klingt aber sehr ansprechend – und macht auch diesen Solo-Track nicht zu einem Skip-Kandidaten (wie noch auf den Alben zuvor). Neben den wie immer stilsicheren, dieses Mal noch etwas variableren Gitarren bekommt nun auch das Keyboard eine wesentlich größere Bühne – ja, auch eine Band wie MANOWAR kann auf derlei Stilmittel setzen. Warum auch nicht, wenn das Ganze relativ dezent ausfällt und die ohnehin epische Wirkung noch zu unterstützen vermag (wie in THE CROWN AND THE KING) ? Selbige Nummer kommt zudem mit einem Chor daher, der sich etwas wegbewegt von der allgemeinen Hinterhof-Attitüde – und in etwa zu verstehen gibt, was mit dem Begriff des epischen Heavy Metals gemeint sein könnte.

Fazit: Nach dem eher behäbig-rockenden und etwas gleichförmigen FIGHTING THE WORLD konnten MANOWAR mit KINGS OF METAL wieder richtig auftrumpfen. Einem Album, welches den hoch gegriffenen Titel durchaus verdient – zeigt es auf, wie abwechslungsreich und dennoch aussagekräftig ein Metal-Album wie dieses ausfallen kann. Anders gesagt: das Album hat ‚Eier‘ – nicht nur in den Momenten die bestens dafür ausgelegt sind, sondern auch in den eher ruhigen oder gar balladesken. Eine kräftig-wohlklingende Produktion, die in der bisherigen MANOWAR-Diskografie ebenfalls ihresgleichen sucht, rundet das Ganze perfekt ab. Schade nur, dass sich doch 2 oder 3 deutlich schwächere Nummern eingeschlichen haben – ansonsten könnte man problemlos die volle Wertung vergeben.

Anspieltipps: WHEELS OF FIRE, KINGDOM COME, HAIL AND KILL

Vergleichsbands: VIRGIN STEELE | MAJESTY | OMEN | WARLORD

90button

„Dem Metal-Thron tatsächlich recht nah gekommen.“

Filmkritik: „Toll Treiben Es Die Wilden Zombies“ (1988)

roftld_teil2_500

Originaltitel: Return Of The Living Dead Part II
Regie: Ken Wiederhorn
Mit: Michael Kenworthy, Marsha Dietlein, Dana Ashbrook u.a.
Land: USA
Laufzeit: 85 Minuten
FSK: Ab 18 freigegeben
Genre: Horror / Splatter-Komödie
Tags: Zombies | Untote | Kind | Junge | Familie | Gräber | Giftgas | Makaber

Die wilden Zombies belästigen nun auch Kinder.

Inhalt: Während eines Militärtransportes verliert die US Army ein Fass mit einer geheimen toxischen Substanz, Trioxin genannt. Durch einen Zufall landet es in einem Abwassertunnel, den zu einem späteren Zeitpunkt drei sich streitende Kinder betreten. Diese entdecken das Fass und studieren es neugierig – einen solchen Fund macht man schließlich nicht alle Tage. Nur Jesse Wilson, der jüngste und von den anderen beiden drangsalierte Junge flüchtet – die anderen werden kurz darauf dem gefährlichen Gas ausgesetzt. Doch nicht nur das – das Gas breitet sich auch über einen nahegelegenen Friedhof und eine Krypta aus, in dem ein Leichenplünderer namens Ed gerade seinen neuen Gehilfen Joey anlernt. Dass die beiden dabei auf Widerstand stossen könnten, war ihnen bewusst – nicht jedoch, dass er von wiederauferstandenen, lebenden Toten ausgehen würde. Diese interessieren sich vor allem für menschliche Gehirne – und sind in ihrer Auswahl nicht gerade wählerisch. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod, in dem vor allem der junge Jesse, seine ältere Schwester und die bereits kontaminierten Leichenplünderer miteinbezogen sind.

roftld_teil2_01
Über manche (Moral-)Fragen lässt sich einfach nicht streiten !

Kritik: TOLL TREIBEN ES DIE WILDEN ZOMBIES, im Original RETURN OF THE LIVING DEAD II; ist der Nachfolger der 1985’er Zombie-Horrorkomödie VERDAMMT, DIE ZOMBIES KOMMEN (Review). Es handelt sich dabei jedoch nicht um ein Sequel im üblichen Sinne – vielmehr wird die im Originalfilm etablierte Handlung um die Auswirkungen eines gefährlichen Giftgases noch einmal neu, respektive alternativ erzählt. Vergleichbar ist dieses Vorgehen auch mit der Geschichte einer anderen Kult-Reihe aus dem Zombiegenre: TANZ DER TEUFEL (OT: EVIL DEAD). Auch hier war der zweite Teil vielmehr ein Remake denn ein Sequel des ersten, wobei der Charme des Originals weitestgehend beibehalten wurde. Über den Sinn und Unsinn einer solchen Vorgehensweise könnte man streiten – in jedem Fall können so neue Zuschauerschichten erschlossen und auch alteingesessene Fans einer Reihe bei der Stange gehalten werden. Genau das hat man nun auch mit dem vorliegenden Sequel (richtig: Remake) geschafft – jedoch mit noch weitaus größeren Veränderungen, als es bei EVIL DEAD der Fall war.

So wird die ehemalige, von Dan O‘ Bannon inszenierte Geschichte im zweiten Teil in einen gänzlich differenten Erzählrahmen gepackt – wobei nur der eigentliche Handlungs-Kern um ein abhanden gekommenes Fass voller Giftgas (inklusive einem gut erhaltenen Zombie-Exemplar) bestehen bleibt; sowie einige aus dem ersten Teil markanten Elemente. Anstelle einer wilden, durchtriebenen Gruppe von Musik- und Friedhofsbegeisterten Jugendlichen findet der herrlich makabere Zombie-Auferstehungswahnsinn nun in einem eher familiären Rahmen statt – wobei der Fokus besonders auf einen kleinen Jungen und seine große Schwester gelegt wird. Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten werden entsprechend gut genutzt – sei es der deutlich abenteuerlichere Touch des Films (ein Kind geht auf Entdeckungsreise und muss nicht nur um sein, sondern auch das Leben anderer bangen) oder der immer wieder angedeutete Geschwister-Zwist. Kurios: die grundsätzlich vom ersten Teil übernommenen Kontaminierungs- und Verwandlungsszenen der Grabräuber werden von den denselben Darstellern wie im Original gespielt – in dem auch die Rollenverteilung ähnlich ausfiel (Geschäftsinhaber und Lehrling, hier: Grabräuber und Lehrling). So bewegt sich TOLL TREIBEN ES DIE WILDEN ZOMBIES stets irgendwo zwischen einer gefühlten Fortsetzung und einem Remake des 1985’er Originals – der Charme, den er dabei versprüht; gleicht dabei aber in weiten Teilen dem der Vorlage.

roftld_teil2_02
Das Schicksal der nächsten Generation… pardon, falscher Film.

Auch der zweite Teil wird dabei die Lachmuskeln beanspruchen – wenn nicht sogar noch ein klein wenig mehr als der Vorgänger, der dafür mit einer entsprechend größeren Portion Originalität punkten konnte. Eine besondere Erwaähung verdient die Tatsache, dass sich der Film nicht nur nicht ernst nimmt und eher komödiantisch denn Horror-bezogen aufgebaut ist, wie auch schon das Original – sondern dabei auch immer wieder Seitenhiebe auf den Status als Remake zum Besten gibt. Sicher ist das reichlich kurios – doch einem Film wie diesem steht der Begriff Spaßprojekt quasi auf die Stirn geschrieben. RETURN OF THE LIVING DEAD II ist ein einziger filmischer Zirkus mit einer entsprechend bunten Bühne, auf der selbst ein Michael Jackson zitiert wird – schließlich hatte der mit seinem berühmten Musikvideo zur Single THRILLER die ein oder andere Vorlage für die Bewegungen der Zombies aus diesem Film hier geliefert. Sobald die Zombies, stilecht nach mehr Gehirn krächzend; einem Laster hinterherhumpeln um das ein oder andere Stücken (Tier-)Gehirn zu verzehren, sobald sich eine Abrechnung zwischen einem kleinen Jungen und seinem ehemaligen Drangsalierer (der nunmehr ebenfalls zur Zombie-Horde gehört) abzeichnet, sobald man eine vermeintlich finale Lösung für das Zombie-Problem bereithält – ist gute Unterhaltung garantiert.

In Sachen Schauspiel, Soundtrack und Szenengestaltung herrscht vor allem ein Begriff vor: Übertreibung. Das gnadenlose Over-Acting, der merkwürdige Soundtrack (mal auffallend rockig, mal auffallend schräg) und die kunterbunt-verspielten Zombiehorden und Schauplätze entsprechen ganz dem Sinne und Geist des Films. Sie unterstützen ihn in seiner (makaberen) Gesamtwirkung – an und für sich betrachtet; und in einem anderen Film platziert hätten sie sicher zu einer vorzeitigen Disqualifizierung geführt. So aber steigern sie den Spaßfaktor des Films, und tragen zum relativ einzigartigen Charakter desselben bei.

Fazit: TOLL TREIBEN ES DIE WILDEN ZOMBIES ist eine würdige Fortsetzung des Originals von 1985 – und gleichzeitig ein würdiges Remake. Wie auch immer man es dreht, der Spaßfaktor ist und bleibt enorm, die umgesetzten Ideen sind gut; die Mischung aus leichtem Horror (Design und Sprache der Zombies) und einem beinahe-Familienfilm (kleiner Junge rettet sich und seine große Schwester) amüsant. Lediglich die Tatsache, dass man sich nicht gerade unerheblich auf den Ansätzen des ersten Teils ausruht, und der ganz große Überraschungseffekt somit ausbleibt; schmälert den Gesamteindruck. Ansonsten gilt: nicht nur der deutsche Titel erscheint etwas kurioser und auf Witz getrimmt, sondern auch die deutsche Synchronisation – in der gerade der deutsche Sprecher von Homer Simpson entsprechend auffällt und für einige Lacher sorgt. Insgesamt ein guter zweiter Teil der kultigen Reihe – der mit einer entsprechenden Wertung honoriert wird.

75oo10

Filmkritik: „Hellraiser 2 – Hellbound“ (UNCUT, 1988)

hellraiser_1988_500

Originaltitel: Hellbound: Hellraiser II
Regie: Tony Randel
Mit: Claire Higgins, Ashley Laurence, Kenneth Cranham u.a.
Land: Großbritannien
Laufzeit: 99 Minuten (variiert aufgrund von Schnittfassungen)
FSK: ab 18 freigegeben
Genre: Horror
Tags: Hellraiser 2 | Hellbound | Hölle | Pinhead | Leviathan | Würfel | Makaber

Die Pforten zur Hölle öffnen sich ein weiteres Mal.

Inhalt: Nachdem dem dämonischen Treiben im Haus der Eltern von Kirsty (Ashley Laurence) vorerst ein Ende gesetzt wurde, konnte offenbar nur sie sich retten. Sie erwacht kurze Zeit später in einer psychiatrischen Klinik, die von Dr. Philip Channard (Kenneth Cranham) geleitet wird. Dort erzählt sie ihre Version der Geschichte einem Ermittler – der jedoch abwinkt und davon überzeugt ist, Kirsty an der richtigen Adresse abgeliefert zu haben. Schließlich deuten die Leichen und Blutspuren im Haus ihrer Eltern eindeutig auf ein Verbrechen hin – nur wohl eher keines in der von der verstörten Kirsty geschilderten Form. Oder vielleicht doch ? Denn offenbar scheint besonders Chefarzt Channard mehr zu wissen als er vorgibt. Tatsächlich beschäftigt er sich schon seit langem mit der Erforschung des menschlichen Körpers, der menschlichen Psyche – aber überraschenderweise auch mit den Geheimnissen eines mysteriösen Würfels, der eng mit Kirsty’s Fall verbunden zu sein scheint. Bald darauf lässt er sich eine blutverschmierte Matratze aus dem Haus der Eltern bringen – und erweckt damit die Totgeglaubte Julia (Clare Higgins), Kirsty’s Stiefmutter, wieder zum Leben. Es beginnt ein verstörendes Spiel um Leben und Tod – welches bis in die hintersten Ecken der Hölle reicht.

hellraiser_1988_01

Kritik: Nach dem erfolgreichen ersten HELLRAISER-Teil aus dem Jahr 1987 (Review) erschien bereits ein knappes Jahr später das Sequel – HELLRAISER II – HELLBOUND. Regie führte diesmal Tony Randel, also nicht der eigentliche Schöpfer Clive Barker – denn der hatte die Rechte hinsichtlich möglicher Fortsetzungen bereits an seine Produktionsfirma abgegeben. Dennoch hatte er erneut seine Finger mit im Spiel – neben der nunmehr etablierten Originalidee – und damit der eigentlichen Basis für das HELLRAISER-Franchise – war im zweiten Teil als Co-Autor und Koproduzent beteiligt; während das Drehbuch von einem seiner Freunde und Kollegen (Peter Atkin) stammte. Eine hochexplosive und hochkarätige Mischung, wie sich zeigte – denn HELLRAISER 2 ist alles andere als ein gewöhnliches Sequel.

Natürlich stellt sich bei einer Fortsetzung wie dieser immer die Frage, ob sie dem Original gerecht werden würde; beziehungsweise sinnig auf diesem aufbaut. Und in dieser Hinsicht kann man bei HELLRAISER II eigentlich nur geteilter Meinung sein. Einerseits wird die schaurige, mit einer ordentlichen Prise Mystik gespickte Erzählweise beibehalten, auch einen Großteil der Gesichter aus dem ersten Teil sieht man wieder – aber andererseits hievt HELLRAISER II die Erzählung um Höllenfürsten, seltsamen Zwischenwelten und den Schmerz als menschliche Erfahrung auf das nächste Level. In erster Linie auf ein expliziteres, dass nun eindeutigere Ausführungen möglich macht und deutlichere inhaltliche Anhaltspunkte vorgibt – und somit vielleicht doch den Geist und die Machart des Originals verrät ?

Nun – wo im ersten Teil der Zuschauer gefordert war, sich die Welten jenseits des Würfels auszumalen; bekommt er sie nun direkt und ausführlich präsentiert. Doch wider erwarten erweist sich diese Vorgehensweise nicht als Negativkriterium. Einige der in Teil 2 auftretenden Charaktere dringen hier aus unterschiedlichen Beweggründen in das Innenleben des Würfels (und damit je nach Interpretation in die Hölle oder in… andere Bereiche) vor, und sehen sich dort nicht nur mit den aus dem ersten Teil bekannten Zenobiten konfrontiert – sondern auch mit bisher unbekannten, größeren und geheimnisvolleren Mächten. Genau dieser Fakt erlaubt es dem Zuschauer, auch weiterhin eine ähnlich makabere Faszination für das HELLRAISER-Universum zu entwickeln als im ersten Teil. Die Originalidee wird längst nicht völlig aufgelöst, die auftretenden Fragen lediglich verschoben. So geht es beispielsweise nicht mehr vordergründig darum, wer die Zenobiten sind und was sie da tun – sondern stattdessen um jene Entität, die selbige Zenobiten unter ihre Kontrolle gebracht hat und nun für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Dabei bleibt es natürlich trotzdem nicht aus, dass besonders der Auftritt der Zenobiten ein wohliges Schauergefühl entstehen lässt, und deren Sprüche verdientermaßen in die Geschichte des Horrorfilms eingegangen sind.

Doch nicht nur das: gerade das Zusammenspiel des Settings in der diesseitigen Welt (eine Psychiatrie) und das der jenseitigen (ein riesiges, verwinkeltes Labyrinth) erlaubt zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten, und bietet (inhaltlich) faszinierend-morbiden Horrorstoff der Extraklasse. Es macht schier einen Heidenspaß, sich auf diese unwirklich erscheinende Reise einzulassen und zu spekulieren – sei es anhand der relativ auffällig eingestreuten Hinweise (der Chefarzt, der in der angeblichen ‚Krankheit‘ der Patienten mehr sieht als andere), oder schlicht anhand der düsteren, fantasievollen Bilder. Sicher muss man hier in Anbetracht des Produktionszeitraums wie auch schon beim ersten Teil kleinere Abstriche hinsichtlich der technischen Umsetzung und Gesamtwirkung machen – doch wirkt allein das Konzept und die Darstellung des Labyrinths allein schon deutlich zeitloser als beispielsweise die bunt-grellen Lichteffekte aus Teil 1. Dies lässt einen weiteren, allgemein eher seltenen Schluss zu: in Teil 2 steckt tatsächlich noch eine Prise mehr Aufwand und Herzblut (und nicht nur das…) als in Teil 1.

Denn natürlich werden auch beinharte Gore-Fans nicht enttäuscht. Auch wenn die schockierende Wirkung nicht mehr so eindringlich ausfällt – schließlich weichen die herrlich ekligen Manifestations-Szenen nun eher gradlinigen-brutalen Exzessen. Beinahe ebenso markant wie im ersten Teil sind aber die HELLRAISER-typischen,  ‚hautlosen‘ Körper: hier arbeitete man nun noch etwas detailreicher und ‚echter‘. In jedem Fall zeigt dies auf, wie viel man mit guter Handarbeit leisten kann, wo heutzutage (teurere, aber eben einfacher zu realisierende) Computereffekte herhalten müssen. Doch auch sonst wirkt HELLRAISER II gerade in handwerklichen Belangen absolut versiert (und teilweise dem Alter entsprechend, ohne dies negativ werten zu wollen): der Soundtrack wirkt kultig und keinesfalls aufdringlich, die Szenenaufbauten und Kostüme sind grandios, die Darsteller hinterlassen wie schon im ersten Teil einen ehrlichen und authentischen Eindruck.

Fazit: HELLRAISER II ist tatsächlich ein würdiger Nachfolger des ein Jahr älteren Originalfilms geworden – auch wenn er in eine etwas andere Richtung steuert. Eine weniger subtile – dafür aber ausufernd fantasievolle, morbide, letztendlich angenehm abgedrehte. Im Endeffekt ging man diesbezüglich vielleicht sogar einen Schritt zu weit – denn gerade die zweite Hälfte des Films kann einstweilen etwas konfus und überhastet erscheinen, während es in der ersten vergleichsweise behäbig zugeht. Aber: wenn man sich auf das Genie (oder den Wahnsinn) des Ideengebers einlässt, kann HELLRAISER II eine ebenso eindringliche Wirkung entfalten wie der Originalfilm – und dank der expliziteren Anhaltspunkte noch mehr Raum für Interpretationen bieten. Lediglich zwei Singe sollte man in Bezug auf den zweiten, aber auch den ersten Teil beachten: HELLRAISER ist kein Film über den oft zitierten und auf jedem Cover vertretenen ‚Pinhead‘, sondern weit mehr als ein eingeschränkt-einseitiges Porträt eines einzelnen Folterknechtes. Und: Filme wie dieser sind ausschließlich (!) in einer ungeschnittenen Fassung zu verköstigen – und im besten Fall noch in der Original-Sprachfassung. 

85oo10

Metal-CD-Review: HELLOWEEN – Keeper Of The Seven Keys Part 2 (1988)

Land: Deutschland – Genre: True Melodic Power / Speed Metal

Die Trackliste:

01. Invitation
02. Eagle Fly Free
03. You Always Walk Alone
04. Rise And Fall
05. Dr. Stein
06. We Got The Right
07. March Of Time
08. I Want Out
09. Keeper Of The Seven Keys
10. Save Us

Bereits der erste Teil war bombastisch… dann kann der zweite ja nur ÜBERIRDISCH sein.

Vorwort: Nach den (berechtigten !) Erfolgen und musikalischen Meilensteinen der Deutschen Metal-Kultformation HELLOWEEN in den Jahren 1985 (Walls Of Jericho) und 1987 (Keeper Of The Seven Keys Part  I) erschien bereits 1988 der zweite Teil der legendären KEEPERS-Sage. Abermals lieferten die Speed-Metaller um Kai Hansen und Michael Kiske einen gut bestückten Silberling mit 10 verheissungsvollen Titeln ab, die – wie man inzwischen weiss – fast alle zu zeitlosen Kult-Titeln geworden sind. Aber auch schon damals, vor sage und schreibe 23 (!) Jahren, muss es die Fans und alle Interessierten wie ein Schlag getroffen haben – endlich, eine Fortsetzung zum sagenhaft guten KEEPER OF THE SEVEN KEYS-Album, welches durch-und-durch positive Kritiken abstaubte ! Bevor ich jedoch in vorzeitigen Lobeshuldigungen versinke, wagen wir einen erneuten Blick auf das Album selbst, welches; und soviel darf schon vorher verraten werden, dem Vorgänger in Sachen Qualität und Innovation in nichts nachsteht.

Kritik: Beim ersten Teil wurde das Intro noch mit INITIATION betitelt – nun heisst es INVITATION. Zweifelsohne hat es auch einen etwas differenten Unterton – während es beim ersten teil darum ging, eine größtmögliche, epische Spannung aufzubauen regieren nun geradezu ‚majestätische‘ Klänge. Das Ganze klingt beinahe schon wie eine Fanfare für einen großen, feierlichen Siegeszug – den sich die Band schon damals redlich verdient hatte. Nun also sollte die glorreiche Bandgeschichte um ein weiteres Kapitel ergänzt werden – den Anfang macht hier das flotte EAGLE FLY FREE als Opener allererster Güteklasse. Das Teil bietet einen sagenhaften, unwiderstehlichen Drive; und strotzt nur so vor ‚Power‘ und Spielfreude. Überaus genial und zeitlos ist der gelungene Aufbau, der über die kräftig voranpreschenden Strophen bis hin zum absoluten Gänsehaut-Refrain seine volle Pracht entfaltet und bereits beim ersten Hören fesselt. Weder ‚zuviel‘ (Überladen) noch zu ‚wenig‘ (langatmig) – HELLOWEEN verstanden es als eine der ersten Power / Speed Metal Bands überhaupt, exakt die richtige Dosierung der einzelnen (Metal-) Zutaten zu finden und entsprechend anzuwenden. So gibt es in diesem Stück neben dem ohnehin schon genialen Instrumental- und Gesangspart von Michael Kiske einige Soli-Passagen, in denen unter anderem auch ein Bass-Solo zu hören ist. Der absolute Nummer-1-Moment ist und bleibt allerdings der, wenn man zum letzten Male den Refrain erreicht, und die Lyrics noch zusätzlich von einer dezenten Trompete untermalt werden. Übrigens: genau hinhören lohnt sich, im Hintergrund verstecken sich einige durchaus ’symphonische‘ Elemente, die man beim ersten Mal vielleicht gar nicht so direkt mitbekommt (wie eine Art leiser, sphärischer Chor im Refrain).

Nach so einem Uptempo-Kracher kann und sollte nur ein etwas gemäßigterer Titel folgen – und der kommt in Form des knackigen YOU’LL NEVER WALK ALONE daher. Hierbei handelt es sich um einen eher traditionellen Heavy Metal-Titel, in dem die Speed-Anleihen ein wenig zurückgefahren werden. Das heisst: es regieren fette Riffs, ein dezent wummernder (aber wenig aufdringlicher) Double-Bass, und die ein oder andere fidele Mitsing-Passage. Aber auch die Abwechslung kommt alles andere als zu kurz, seien es die mächtigen Soli-Passagen, stillere Momente oder die stilsicher inszenierten ‚Screams‘ von Michael Kiske- auf einem HELLOWEEN-Album ist eben immer was los. MIT RISE AND FALL folgt nun ein etwas… andersartiger Titel, der zweifelsohne eine etwas humorigere Seite der Band präsentiert. Sicher haben sich hier spätere Bands wie EDGUY & Konsorten das ein oder andere Element abgeschaut, und selbst wenn nicht – ein Titel wie dieser macht einfach nur Spaß, und sorgt für ein Höchstmaß an Unterhaltung. Reichlich makabere Hintergrundgeräusche werden überzeugend in den Kontext des Songs eingeflochten, der wieder einmal mit einem kultverdächtigen Refrain aufwarten kann. Mindestens ein kleines Schmunzeln sollte bei diesem Titel bei jedem drin sein. Aufdrehen und… abfeiern !

Es folgt das nunmehr allseits bekannte DR. STEIN, welches wie so viele andere Titel des Albums eine Vielzahl an Coverversionen spendiert bekommen hat. Und, noch besser; welches es damals sogar bis in die TOP-10 der deutschen Charts geschafft hat ! Warum das so war, ist leicht zu erkennen: der Titel ist ein absoluter Ohrwurm mit gute-Laune-Garantie. Allzu viel Schnickschnack ist gar nicht nötig, die HELLOWEEN-typischen Lyrics (die sich irgendwo zwischen Witz und Grusel bewegen) und die gelungene Gesamtkomposition reichen aus, um den Titel zu einer weiteren Abfeier-Hymne zu machen. Das nun folgende WE GOT IT RIGHT ist der erste Titel der Band überhaupt, der in eine etwas andere Richtung geht als die sonst übliche – als eine Art Ballade (aber mit denselben Instrumenten gespielt)  bietet er rein instrumentell wenig aufregendes, dafür ist der Gesang von Michael Kiske allerdings wieder mal erste Sahne. Und das auch in den höchsten Tonlagen… der Wahnsinn. Vielleicht wird man ein paar mehr Durchgänge brauchen als sonst – aber dann kann auch dieser Titel zünden, in den etwas ruhigeren Minuten. Aber dann folgt glücklicherweise auch schon der nächste Titel der Marke ‚Überhammer‘ oder ‚Zeitlos-Hymne‘ – MARCH OF TIME. Rumms, das sitzt – ein Refrain, der irgendwie ein wenig an die Anfangszeiten von STRATOVARIUS erinnert (die haben ihr erstes Album aber erst ein Jahr später, 1989, veröffentlicht – vielleicht wurden sie hier inspiriert ?), und auch sonst spürt man hier reichlich Glanz und Glorie.

Mit I WANT OUT folgt nun DAS HELLOWEEN-Lied, zu dem man eigentlich nicht mehr viel sagen braucht. Denn nicht zuletzt durch das dazu veröffentlichte Musikvideo (Kult – unten eingebettet) ging das Teil schon so oft über den Äther, das es beinahe jeder kennen sollte. Nur kurz: eine grandiose Leistung wie immer, bis heute ein absolutes Kult-Lied welches immer wieder gerne Live performt wird. Bleiben nur noch zwei Titel, von denen eines das überlange Titelstück (knapp 14 Minuten) KEEPER OF THE SEVEN KEYS ist. Zurücklehnen und geniessen… zum Finale gibt es dann noch das mächtige SAVE US auf dem Silbertablett, das ebenfalls ausserordentlich gut rockt.

Fazit: Was soll man noch sagen ? Sowohl der erste Teil der KEEPERS-Sage als auch dieser hier sind absolute Must-Have-Werke der Metal-Geschichte. Beide unterscheiden sich qualitativ nicht – sodass es kaum möglich ist zu sagen welcher Teil nun ‚besser‘ oder ‚origineller‘ ist. Immerhin bekommt man beim zweiten Teil mehr für’s Geld – schließlich ist die Spielzeit weitaus länger. Aber das soll ja nun wirklich kein ausschlaggebendes Merkmal sein. Man sollte es sich überlegen: diese Musik entstand vor 22 Jahren ! Wieviele Bands machen heute noch die Musik wie HELLOWEEN schon vor 2 Jahrzehnten, und das oftmals deutlich schlechter oder maximal genauso gut ? Richtig, Originalität muss belohnt werden. Und das sieht dann wie folgt aus…

TV-Kritik / Anime-Review: GUNBUSTER OVA

Typ: OVA (6-teilig)
Originaltitel: Toppu O Nerae !
Studio: Gainax
Idee & Regie: Hideaki Anno
Land: Japan
Genre: Science Fiction

Super… Inazuma… Kiiiiiiick !

 

Inhalt: In der nahen Zukunft – die Menschheit ist in Bezug auf den wissenschaftlichen und besonders den technischen Fortschritt nunmehr hoch entwickelt. Längst spielt sich das Leben nicht mehr nur auf dem Heimatplaneten Erde ab, sondern auch in den unendlichen Weiten des Weltalls – mit riesigen Raumschiffen und technischen Raffinessen wird jeder noch so entfernt erscheinende Ort schnell erreichbar. Doch all dies geschieht nicht zum Vergnügen oder zur Befriedigung der Entdeckerlust einiger weniger Auserwählte, sondern zur Verteidigung der menschlichen Rasse selbst: riesige, offenbar feindlich gesinnte Weltraumungeheuer haben der Menschheit den Krieg erklärt. Sie scheinen beinahe unbesiegbar, schon ob ihrer schieren Masse – doch die Menschen haben immerhin die Geheimwaffe Gunbuster in ihren Reihen. Im Jahre 2023 wird auch die junge und etwas unbeholfene Noriko Takaya auserwählt, an großen Projekt zur Verteidigung des Heimatplaneten mitzuwirken – nur weiss sie noch nichts davon, zumal ihre Fähigkeiten in Trainings-Kampfrobotern im Vergleich mit anderen eher hinterherhinken. Doch vielleicht ist es auch ihr besonderer Hintergrund, der sie an ein bestimmtes Schicksal bindet: sie ist die Tochter eines berühmten Admirals, der sich in einer der ersten Weltraumschlachten opferte. Durch seine Selbstaufopferung konnte ein gewisser Koichiro Ohta überleben – der Mann, der nun als ‚Coach‘ von Noriko fungiert. Zusammen mit Kazumi Amano sollen die beiden Mädchen die Buster Machine’s I und II steuern – doch erst einmal müssen sie sich an Bord der Exelion zurechtfinden, einem riesigen Kampfschiff der Menschen.

Kritik: Was ist Gunbuster doch für eine aussergewöhnliche Serie beziehungsweise OVA – und das in vielerlei Hinsicht. Als markantestes Merkmal sticht ohne Zweifel die Tatsache hervor, dass die gerade einmal 6 Teile a‘ 20 Minuten Laufzeit bis heute (2011) nichts von ihrer Faszinationskraft eingebüßt haben. Den Schöpfern hinter dieser OVA ist es also mehr als gelungen, ein zeitloses Werk abzuliefern – und das trotz offensichtlicher Alterseinbußen in Sachen Zeichnungs- und Animationsqualität. Besieht man die vollständige Liste der Beteiligten, wird (Kennern) auch schnell klar, warum: niemand geringerer als Hideaki Anno höchstselbst hat zu einem großen Teil dazu beigetragen, dass wir Gunbuster in genau dieser vorliegenden Form auf der Leinwand bewundern dürfen. Hideaki Anno ? Richtig – der Mann, der nur einige wenige Jahre nach der OVA zu Gunbuster seinen bahnbrechenden Erfolg mit der weltweit bekannten und beliebten Anime-Serie Neon Genesis Evangelion zelebrierte. Wenn man so will ist Gunbuster das erste Anime-Werk, bei dem der Altmeister erstmals eine etwas freiere Hand hatte als noch bei seinen Mitarbeiten an Nausicaä und Wings Of Honneamise. In der Tat – und so könnte Gunbuster vielleicht sogar als Grundstein für sein gesamtes Folgeschaffen betrachtet werden, das unter anderem aus Die Macht des Zaubersteins sowie (natürlich !) dem gesamten Neon Genesis Evangelion Franchise besteht, welches bis heute lebt und weiter gedeiht. Es lohnt sich also bereits aus dieser historisch-interessierten, nostalgischen Sicht; sich Gunbuster einmal zu Gemüte zu führen.

Weiterhin ist klar: Platz für Langeweile oder Leerlauf gibt es bei einer OVA-Gesamtspieldauer von etwa 120 Minuten nicht wirklich. Und dabei beginnt die erste Folge dann – zugegebenermaßen – erst doch recht seltsam. Nicht nur der Zeichenstil und die Animationsqualität wirken aus heutiger Sicht (verständlicherweise) etwas ‚altbacken‘ und zunächst gewöhnungsbedürftig, auch der Inhalt gestaltet sich zunächst unerwartet. Wir begleiten ein junges Mädchen während ihrer Erlebnisse im alltäglichen Schulleben, welches in dieser fiktiven Zukunft auch aus seltsam anmutenden Roboter-Trainingseinheiten besteht. So findet sie schnell ein Vorbild welches sie anhimmelt und zu der sie aufschaut (schließlich handelt es sich um eine Dame, die Dame, die bald darauf ihre Partnerin wird), und durch die harten Trainingseinheiten des ‚Coaches‘ kommt sie schnell zur Räson. Denn eigentlich erhält man als Zuschauer aufgrund der ersten Folge eher ein etwas… nerviges Porträt eines jungen Schulmädchens, welches nur allzu schnell in einen weinerlichen Ton verfällt und daneben nur wenige besondere Charaktermerkmale aufzuweisen scheint. Nur ihr Hintergrund ist ein interessanter, wenn natürlich auch tragischer: ihr Vater ist in einer Weltraumschlacht umgekommen beziehungsweise verschollen. Dies bringt einstweilen den nötigen ersten Unterton in das Geschehen, und soll später auch für das ein oder andere bewegende Porträt in Sachen ‚verzweifelter Hoffnung‘ dienen.

Hat man diese gewöhnungsbedürftige erste Episode allerdings hinter sich gelassen – dann beginnt sich langsam aber sicher das volle Story-Universum von Gunbuster, und damit auch das Potential der OVA, zu entfalten. Auf die (zeitgemäße, Anfang der 90’er Jahre) Optik und die recht überdrehten Sprecher (im japanischen O-Ton) wird man sich nun eingestellt haben, und quasi als ‚Belohnung‘ bekommt man nun prompt einen markanten Stimmungs- und Richtungswechsel präsentiert. Während das Genre ‚Sci-Fi‘ in der ersten Folge nur ansatzweise ersichtlich wurde, gerät es nun immer mehr in den Fokus und sorgt für eine wohlige Atmosphäre. Neben dem erst recht simpel anmutendem Setting offenbart sich nun also eine weitere, weitaus komplexere Ebene, die einstweilen schon für das berühmte ‚Mindfuck‘-Gefühl sorgen kann, welches in Neon Genesis Evangelion – neben den intensiven Charakterporträts Gang und Gebe ist. So sieht man sich als Zuschauer immer wieder mit Einstreuungen überaus interessante rund komplexer Themen konfrontiert, die insgeheim als Grundlage für Gunbuster dienen: Aspekte wie das Reisen mit Lichtgeschwindigkeit und die damit einhergehende Zeitdilatation werden ebenso behandelt wie das Denken in wahrlich atemberaubenden Dimensionen angeregt wird. Sei es die Anzahl der feindlichen Schiffe, die Größe der Kampfroboter und Mutterschiffe, sowie zuletzt besonders die der Buster Machine 3 – in Gunbuster pokert man ausschließlich mit den höchsten Karten. Eine Herangehensweise, die zweifelsohne funktioniert, und für ein wohliges Gänmsehautgefühl sorgen kann wenn man sich auf das Setting einlässt.

Da ist es schon beinahe etwas schade, dass es gerade wenn man sich so richtig eingelebt hat im Gunbuster-Universum, auch schon wieder vorbei ist mit der sagenhaften Geschichte – das Credo lautete hier ohne Zweifel mehr denn je ‚kurz und knackig‘. So wird ein jegliches Anbahnen von Leerlauf vermieden, was definitiv auf der Positivseite zu verbuchen ist – wichtige Hintergrundinformationen oder Erklärungen haben so aber kaum Platz, und werden entweder nur sehr seicht angeschnitten oder gar nicht behandelt. Wer also eine OVA erwartet, in dessen Universum man so richtig und vollends einsteigen kann könnte enttäuscht werden – da die 6 Teile allein schlicht zu wenig ‚Input‘ bieten. Und dennoch regt das Gezeigte die Fantasie an, sowie auch die Lust zu Nachforschungen: durch das geschickte einbringen von großen Namen oder Themen der Physik (Schwarze Löcher, Schwarzschildradius) oder Kopfzerbrecher-Themen wie das der Zeitdilatation bietet sich so interessierten noch immer ein kleiner mit der OVA einhergehender Mikrokosmos, der – Interesse, Lust und Zeit vorausgesetzt – schnell für die ein oder andere nachdenkliche Minute sorgen kann. Dass diese Form von ‚intelligenten‘ Animes, die eher geschickt Hinweise geben als jegliche Erklärungen auf dem Silbertablett darbieten, sich eher großer Beleibtheit erfreuen als allzu seichte – dass sollte Hideaki Anno Jahre später ohnehin noch beweisen.

Doch zurück zur OVA und zur Rezension. Eine nur 6-teilige OVA wie Gunbuster adäquat zu bewerten, ist sicherlich keine leichte Aufgabe, da sie sich so gut wie jeder üblichen Bewertungsgrundlage entzieht – es schließt sich der Kreis zur im ersten Satz der Kritik erwähnten Außergewöhnlichkeit. Zur einerseits komplexen, aber eben doch recht knapp behandelten Story kommt erschwerend hinzu, dass die Episoden sich untereinander ebenfalls stark unterscheiden. So ist die erste – wie bereits erwähnt – eher als Startepisode zu sehen, die sich nicht großartig von denen anderer Serien abheben kann und zudem noch etwas makaber wirkt – als Stichwort seien hier joggende und Liegestütze-absolvierende Kampfroboter auf einem Sportplatz erwähnt. Die darauffolgenden beschäftigen sich dann eher mit dem Innenleben von Noriko, zeigen ihre Ängste und Wünsche auf und behandeln gar ihre erste (tragische) Liebe. Die finale Episode setzt neben den überdimensionierten Elementen noch im stilistischen Sinne eins drauf – sie ist komplett in schwarz weiss gehalten. Das ist merkwürdig, in der Tat – immerhin bleibt sie noch aus weiteren Gründen im Gedächtnis. Die anderen 5 Episoden bieten eine grundsolide Optik, die vor allem mit den charmanten Darstellungen des Weltalls, den Raumschiffen und den Weltraum-Monstern punkten kann. Soundeffekte und Musik bewegen sich auf einem mehr als annehmbaren Niveau, auch wenn in dieser Hinsicht noch kein Meilenstein a’la Evangelion kreiert wurde. Doch sieht man das Ganze als Grundlage für eben diese Serie, und zudem noch durch eine etwas gemilderte Krtiker-Brille mit Altersbonus – so sollte man letztendlich doch und in fast allen Belangen den Hut vor Herrn Anno (und seinen Kollegen) ziehen.

Fazit: Gunbuster ist keine perfekte OVA, aber eine für die Geschichte des Animes unglaublich wichtige. Sucht man bei anderen Werken oftmals vergeblich nach einer Existenzberechtigung, so könnte man in diesem Fall (den Inhalt und die Qualität nur einmal hypothetisch beiseite gelassen) für einen Grund- und Meilenstein für das Produktionsstudio Gainax und insbesondere Hideaki Anno sprechen – wer weiss schon, wie die Anime-Welt ausgesehen hätte, hätte es Gunbuster nie gegeben. Doch auch der Inhalt der OVA braucht sich nicht hinter diesem hehren Nostalgie-Bonus zu verstecken. Die Geschichte fasziniert, und punktet sowohl im Drama- als auch Sci-Fi-Bereich. In der Kürze liegt die Würze… besonders wenn ein gewisser Herr Anno das Gericht serviert. Und das ist auch nach guten 22 Jahren noch nicht abgelaufen. Guten Appetit !


100button

„Gänsehaut garantiert.“

Filmkritik: „Akira“ (1988)

Originaltitel: Akira
Regie: Katsuhiro Ôtomo
Mit: Mitsuo Iwata – Nozomu Sasaki
Laufzeit: 124 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: Im verhängnisvollen Jahr 1988 wird das Tokio wie man es kennt von einer riesigen Explosion komplett zerstört – der Beginn des verheerenden dritten Weltkriegs ward eingeläutet. Viele Jahre später hat man die Stadt weitestgehend wiederaufgebaut, doch das sogenannte Neo-Tokio wirkt alles andere als einladend: Menschen sind auf den Straßen und rebellieren, Motorradbanden dominieren das Stadtbild. Shôtarô Kaneda ist einer der Anführer einer solchen Bande von Jugendlichen, die geradezu darauf aus sind sich mit anderen Gangs zu bekriegen. Ein wirkliches Ziel scheinen sie aber alle nicht zu verfolgen, ist das Stadtleben geprägt von einer tiefen Hoffnungs- und Perspektivslosigkeit. Und auch von einer enormen Hilflosigkeit: die Regierung scheint nur grob über die Stadt zu walten, und den Bürgern ohnehin alles nur von „ganz oben“ aufzudiktieren. Eines Tages trifft die Gang aber auf einen seltsamen Jungen, der wie ein Greis aussieht – wie sich herausstellt, ist er in Besitz einer Art übernatürlicher Kräfte. Deshalb ist auch ein gewisser Colonel Shikishima hinter ihm her, und will dafür sorgen dass er wieder gefangengenommen wird. Doch die Ereignisse beginnen sich gerade jetzt zu überschlagen: irgendwie geraten Shôtarô und seine Kumpels immer mehr in die politischen Intrigen und Machenschaften hinein – besonders, da sein bester Freund Tetsuo Shima nun ebenfalls eine geheimnisvolle Kraft zu entwickeln scheint. Und alsbald taucht auch der ominöse Name Akira auf – von dem noch keiner so genau weiss, wer oder was er überhaupt ist. Nur eines ist klar: möglicherweise läuft auch das „neue“ Tokio Gefahr, erneut zerstört zu werden…

Kritik: Es ist immer so eine Sache Filme zu rezensieren, die nicht nur einige Jahre auf dem Buckel haben – sondern auch längst einen gewissen Kultstatus erreicht haben und zweifelsohne als Meilensteine der Filmgeschichte beschrieben werden. Auch Akira ist so ein Fall – das 1988 erstmals in Filmform erschienene Epos über ein futuristisches Japan nach einem fiktiven dritten Weltkrieg gilt als Vorreiter und Inspirationsquelle von vielen weiteren Filmen und Serien. Die Geschichte basiert ursprünglich auf einem der ausführlichsten Mangas überhaupt – und ist dementsprechend episch und bedeutungsvoll in Szene gesetzt. Klar ist, dass in Bezug auf Manga-zu-Anime Portierungen Abstriche gemacht werden müssen was die Komplexität des jeweiligen Werkes angeht – doch im Gegensatz zum guten alten Westen, wo immer wieder zahlreiche Buchverlagen ein eher unrühmliche Umsetzung erhalten, beweisen gerade die Japaner ein Händchen für derartige Projekte. Auch im Fall von Akira scheint das Konzept aufgegangen zu sein: mit einer Spieldauer von immerhin knappen 2 Stunden und einer weitläufigen Themenbehandlung weiss der Anime eine komplexe Welt zu kreieren, die es vermag ein großes Interesse beim Zuschauer zu wecken. Genrezuordnungen erscheinen dementsprechend schwierig, denn der Film hat von allem ein wenig: sei es die erschreckende Prämisse, dass bereits ein dritter Weltkrieg stattgefunden hat; die düstere Zukunftsvision einer Cyberpunk-Welt voller merkwürdiger Gestalten und politischer Intrigen – Akira ist alles, nur kein oberflächliches Porträt einer vielleicht gar nicht so unwahrscheinlichen Entwicklung in Bezug auf die menschliche Zivilisation. Vielmehr rangiert dieser Anime nicht zu Unrecht unter den Filmen, die als „schwere Kost“ zu bezeichnen sind – was erst einmal eine völlig wertungsfreie Feststellung ist. Eines ist jedenfalls klar: für jüngere Zuschauer ist er definitiv nicht empfehlen (gerade ob der relativ heftigen Gewaltdarstellungen), und auch nicht als kleiner Filmspaß zwischendurch. Man muss sich entsprechend Zeit nehmen, um in diese düstere Welt einzutauchen – was sicher nicht ganz leicht fällt in Anbetracht der allgemeinen Morbidität.

Wenngleich der Film eine enorme Bandbreite an Themen abdeckt, sind es vor allem 3 Aspekte, die die Szenerie dominieren. Zum einen wäre da… 1. Die zukünftige Welt, die porträtiert wird. Schnell wird deutlich, dass sich der kreative Kopf hinter all diesen Ideen viel Schweiss und Herzblut in die Entwicklung einer so düsteren, aber immer stimmigen Vision gesteckt haben muss. Man bekommt als Zuschauer einen erschreckenden Einblick in das „neue Tokio“ nach dem großen Krieg, in dem das Gesetz der Straße zu herrschen scheint – und die eigentlichen Fäden im Hintergrund von den Politikern und dem Militär gesponnen werden. Die Menschen, vor allem die Jugendlichen; scheinen perspektivlos und dementsprechend verroht, sie organisieren sich in Motorradbanden und bekriegen einander. 2. Gerade die damit verbundenen Charaktere sind es, die diesem Tokio Leben einhauchen, wobei sie nicht viel mehr als Spielbälle der „Oberen“ zu sein scheinen. Als Zuschauer erhält man ein Bild von einigen speziell ausgewählten Jugendlichen, die sich alsbald als Hauptcharaktere herausstellen. Dabei bleibt der Fokus zumeist auf der Motorradgang, die durch einen Zufall in eine höchst mysteriöse Entwicklung mit hineingezogen wird. Auch die Regierung beziehungsweise das Militär wird beleuchtet, jedoch zu keinem Zeitpunkt so ausführlich wie die Jugendlichen. Als letzten, unübersehbaren Aspekt taucht dann, obwohl man es zu Anfangs (während der ersten Minuten) sicherlich noch nicht vermuten würde, 3. Der Fantasy- oder auch Sci-Fi-Aspekt auf. Wobei dieser das eigentliche Highlight des Films ausmacht, und ihn auf eine ganz besondere Ebene hievt. Denn die besagten, geradezu fantastischen Elemente sind nicht einfach aus der Luft gegriffen oder befassen sich mit altbekannten Fabelwesen et cetera – nein, hier wird eher über eine (fiktionale) wissenschaftliche Ebene gegangen. Eine, bei der eher methodisch vorgegangen wird, was das Ganze erschreckend authentisch und glaubwürdig erscheinen lässt.

So geht es um eine besondere Art der Kraft, welche von Akira ausgeht und die manchen Menschen zuteil wird – etwas schade ist, dass man als Zuschauer dabei nur wenig über die Ursprünge dieser Kraft erfährt und über die meisten Umstände im unklaren gelassen wird. So kann man nur rätseln, ob es sich bei Akira tatsächlich um einen Mensch gehandelt haben könnte (in einer Szene wird verschwindend kurz ein solcher Hinweis gegeben), oder aber um eine Art Energiewesen. Auch erfährt man nicht, wie und warum genau die Regierung derartige Experimente durchführt wie im Film gezeigt – in all diesen Belangen scheint der Anime (im Vergleich zum Manga) doch sehr „entschlackt“ worden zu sein. Man wird als Zuschauer eben stets nur des aktuellen Status Quo gewahr – was davor war oder was danach kommen könnte, bleibt schleierhaft und wird wenn dann nur höchst kryptisch dargestellt. Lediglich in einer der Dialogszenen gibt es so etwas wie einen leicht klärenden, „erhellenden“ Moment: als ein sinnbildlicher Vergleich in Bezug auf die Evolution und den daran beteiligten Lebewesen (und deren Kräften) angestellt wird. Von solchen hätten es ruhig noch mehr sein können – der allgemeinen, ohnehin omnipräsenten Komplexität hätte es sicher nicht geschadet. Ein weiteres Stilmittel erscheint ebenfalls fragwürdig: warum hat sich der Schöpfer dieser düsteren Geschichte gerade eine Motorradbande in dieser Konstellation erdacht ? Wenn man nur den Film kennt, offenbart sich so nämlich ein weiteres Problem – die zusätzlich erschwerte Möglichkeit, so etwas wie Empathie für die Beteiligten zu entwickeln. Alle der Charaktere werden entsprechend „vorbelastet“ oder gar hemmungslos dargestellt, sodass erst gar kein emotionales Dilemma oder eine Gegenüberstellung entstehen kann. So erscheinen letztendlich alle Charaktere grundsätzlich „böse“ oder zumindest fehlgeleitet, selbst innerhalb des Politik-Rates und des Militärs.

So zukunftsorientiert und originell die Geschichte auch ist, hinsichtlich der Gestaltung des Animes lässt sich heute (2011) die Feststellungen einiger Defizite nicht vermeiden. Die finden sich jedoch weniger im qualitativ-zeichnerischen Bereich, als vielmehr in den verwendeten Stilmitteln. So wirkt besonders der Soundtrack an einigen Stellen zu vordergründig und seltsam, zumal es sich nicht gerade um universelle (beispielsweise rein klassische) Klänge handelt. Auch die Gestaltung der Charaktere und der Welt wirkt nicht ganz so zeitlos wie beispielsweise in (noch früheren !) Ghibli-Werken, was das Ganze zumindest in technischer Hinsicht nicht zu einem Dauerbrenner gemacht hat. In einer Hinsicht ist der Film im technischen Sinne aber doch noch über jeden Zweifel erhaben: die Detailverliebtheit und die Lebendigkeit der Szenerie. Das zukünftige „neue Tokio“ wird offenbar genau so dargestellt, wie es beabsichtigt war: überall liegen Trümmer herum, immer wieder gibt es Explosionen, die Farben sind eher dunkel-matt, die Ansichten auf die Gebäude und die Menschen-Massenszenen wirken gar phänomenal. Optische „Hoffnungsschimmer gibt es nicht – was passend erscheint in Anbetracht der Story.

Fazit: Fragen über Fragen… als Resultat einer komplexen Darstellung einer düstern Endzeit-Welt, die Kopfzerbrechen bereitet. Gerade das Ende setzt dem Ganzen noch einmal die Krone auf, und sorgt für eine typische was zum… !? -Momente. Im Gegensatz zu späteren mythologischen Meisterwerken wie Neon Genesis Evangelion (die ähnlich oder sogar noch komplexer sind), will aber einfach keine ähnlich ausschweifende Begeisterung für das Akira-Universum aufkommen. Es wirkt nicht ganz so zeitlos und universell wie vielleicht beabsichtigt, die durch-und-durch düstere Darstellung der Welt und der Charaktere sorgt für einen schwierigen Zugang. Immerhin sollte man diesen Film als Anime-Liebhaber unbedingt gesehen haben, da sich offensichtliche Parallelen zu späteren Serien nicht verhehlen lassen (als markanteste Beispiel die Serie Elfenlied). Offenbar wurden einige durch dieses Werk inspiriert – die Frage ist nur, ob das tatsächlich die Verfilmung geschafft hat, oder doch eher der zugrundeliegende Manga. Ein Film, der unlängst zum Kult geworden ist – worauf auch die Tatsache schließen lässt, dass eine Realverfilmung in der Mache ist. Jedoch, an frühere Ghibli-Werke wie Nausicaä Aus Dem Tal Der Winde reicht er qualitativ nicht heran, auch wenn die jeweiligen Storys kaum zu vergleichen sind. Solide Unterhaltung für anspruchsvolle Manga- und Animefans – deutlich schwieriger wird es da schon, allgemeine Realfilmliebhaber einzig mit Akira überzeugen zu wollen (wie es Evangelion immer öfter schafft). Von daher gibt es diesmal auch keine Attributierung als zeitloses Meisterwerk, aber doch als sehr guter Anime.

Filmkritik: „Die Letzten Glühwürmchen“ (1988, Studio Ghibli #3)

Originaltitel: Hotaru No Haka
Regie: Isao Takahata
Mit: /
Laufzeit: 85 Minuten
Land: Japan
Genre: Animationsfilm

Inhalt: In den letzten Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation Japans im Jahre 1945 findet sich eine Familie inmitten eines Bombenhagels wieder. Die Stadt Kobe wird wie so viele andere hauptsächlich von Zivilisten bewohnte Gegenden Opfer der Bomben, wobei die vornehmlich aus Holz bestehenden Häuser sofort in Flammen aufgehen. Der 14-jährige Seita, dessen Vater bei der japanischen Marine ist, versucht sich mit seiner 4-jährigen Schwester Setsuko in Sicherheit zu bringen. Die Mutter ist bereits in einen Luftschutzbunker vorausgeeilt – doch wie Seita später erfährt, hat sie schwerste Verletzungen davongetragen. In Anbetracht der katastrophalen, unübersichtlichen Versorgungslage würde sie bald sterben – doch er bringt es nicht übers Herz, seiner kleinen Schwester die Wahrheit zu erzählen. So sagt er ihr, dass sie ihre Mutter erst einmal nicht besuchen können, und stattdessen bei einer Verwandten unterkommen werden. Auf dieser schrecklichen Odyssee des Krieges begegnen die beiden Kinder Leid, Tod; und müssen letztendlich notgedrungen für sich selbst sorgen.

Kritik: Bei diesem Ghibli-Film fehlen einem als Rezensenten erst einmal die Worte – vor allem, wenn das Filmerlebnis erst wenige Minuten zurückliegt. Selten, wirklich selten hat es ein Anime-Film geschafft, derart emotional zu sein. Während man bei grundsätzlich allen Ghibli-Filmen stets ein gewisses Maß an Empathie für die Charaktere entwickeln kann, so vermag gerade Die Letzten Glühwürmchen es, dieses Phänomen auf das höchste aller erdenklichen Niveaus zu heben. Als Zuschauer kommt man einfach nicht umher, am Schicksal der beiden Kriegskinder beteiligt zu sein – und zwar auf allen emotionalen Ebenen. Vor allem aber wird man Tränen in den Augen haben ob der schier unendlichen Traurigkeit, die diesem Werk innewohnt – welche aber keinesfalls plump „erzwungen“ wird, sondern sich aus den tragischen Ereignissen mehr und mehr herauskristallisiert. Unter anderem deswegen – weil der Film das Leid zweier vom Krieg gebeutelten Kinder porträtiert, und das unglaublich gut und intensiv – gehört Die Letzten Glühwürmchen zweifelsohne zu einem der eingängigsten, vielleicht sogar besten Kriegsfilme aller Zeiten. Und das trotz, oder gerade weil es ein Animationsfilm ist.

Jeder zweifelnde Zuschauer, der sich ob des Genres fragt, ob er wirklich von einem gezeichneten Film (das sind Animationsfilme nun mal) bewegt werden könnte, der hat diesen Film aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht gesehen. Und dabei ist dieser 1988 erstmals veröffentlichte Anime längst zu einem der bedeutendsten, wichtigsten Filme überhaupt geworden – in erster Linie natürlich für das Produktionsstudio Ghibli, aber eben auch für die internationale Anime-Filmgemeinde. Nicht nur im Jahre 1988, selbst bis heute ist dies der wohl apokalyptischste, traurigste Film des Studios – während die anderen Werke zumeist das aufwachsen von Kindern in mehr oder weniger fantasievollen Welten porträtieren. Wer sich also dieses Werk zu Gemüte führen möchte, sollte darauf vorbereitet sein, dass es eben nicht so bunt oder gar „fantastisch“ zugeht wie in anderen Ghibli-Produktionen (Das Schloss Im Himmel, Mein Nachbar Totoro). Nein, es regiert eine dem Szenario entsprechende Stimmung, die hauptsächlich durch eine mit dem Krieg einhergehende Verzweifelung gekennzeichnet ist. Zusätzlich dramatisch wird es dadurch, dass ausschließlich aus einer Kinder- beziehungsweise Jugendlichenperspektive erzählt wird – man weiss also auch als Zuschauer nicht (wenn die einzige Informationsquelle der Film wäre), was genau da gerade passiert, und vor allem nicht, warum. Oder wann es endlich aufhören würde; Hoffnung gibt es kaum. Oder eben doch… ? Denn das Porträt der beiden Geschwister ist so unglaublich menschlich und authentisch, dass es einen nur rühren kann. So findet Seita selbst in den dunkelsten Momenten stets eine Möglichkeit, seine kleine Schwester aufzuheitern – seine Schwester, um die er sich als nun einzigster naher Verwandter so rührend kümmert.

Stichwort Verwandte: Die Letzten Glühwürmchen zeigt neben den Erlebnissen der beiden Geschwister mit allen Höhen und Tiefen; oder besser: mit allen kleinen Höhen in der unendlichen Tiefe auf, dass Dinge wie Mitleid oder der soziale Gedanke in Ausnahmesituationen nicht mehr viel bedeuten. So fungiert er auch als verurteilendes Porträt, welches für mehr Menschlichkeit und ein größeres Gemeinwohl plädiert – stets auf eine sehr angenehme, da über die emotionale Komponente gehende Weise. Man will nicht unter allen Umständen Mitleid erhaschen, dies geschieht ohnehin automatisch – man will eine tragische Geschichte erzählen, und so auf eine ebenso tragische Epoche der Geschichte hinweisen. Gleichzeitig aber steht der Film sinnbildlich dafür, dass eine solche Epoche nicht für immer in der Vergangenheit liegen muss – sie kann so oder so ähnlich wiederkehren, und man sollte tunlichst aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Überaus grandios und markant: der Soundtrack zum Film, der die jeweiligen Situationen stets adäquat (das heisst meist: traurig-bewegend) zu untermalen weiss, das aber niemals zu aufdringlich. Ein großes Lob erscheint an dieser Stelle mehr als angebracht.

Fazit: Die größten, oftmals vergessenen Leidtragenden eines Krieges sind die Kinder – kein anderer Animationsfilm schafft es, diese Tatsache so emotional und anrührend auf die Leinwand zu bannen. Die Letzten Glühwürmchen ist ein trauriger, bewegender, dramatischer; und gleichzeitig noch enorm packender Film, der zu jedem wie-auch-immer gearteten Kriegsfilmprogramm einfach dazugehören muss. Ein zeitloser noch dazu – nie hat man das Gefühl, als wäre all dies „längst Vergangenheit“ oder würde „irgendwo anders, nur nicht hier“ stattfinden. Der Inhalt wirkt nicht nur so, nein; er ist bedeutsam und geht uns alle an. Zudem ist der Film auch in technischer Hinsicht noch überragend gut gemacht: die Bilder sind detailreich und stimmig, Aschefetzen fliegen umher, Flammen lodern unerbittlich, Leute laufen in Panik umher… und auch Leichen pflastern die Straßen. Unter anderem deshalb ist der Film auch nicht für die allerjüngsten bestimmt, und gerade in Anbetracht der Verletzten Mutter sollte man schon ein starkes Nervenkostüm mitbringen. Aber auch das wird in Anbetracht des Finales nicht viel helfen… wer hier nicht zumindest Tränen in den Augen hat, ist ein Eisblock. Ein episches (diesmal im traurigen, nachwirkenden Sinne), technisch überragendes Meisterwerk – ohne Zweifel einer der besten Filme aller Zeiten.