Metal-CD-Review: KELDIAN – The Bloodwater Rebellion (2022)

Alben-Titel: The Bloodwater Rebellion
Band: Keldian (mehr)
Veröffentlichung: 10. Juni 2022
Land: Norwegen
Spielart / Stil: Power Metal
Label: Galactic Butterfly Music

Lineup:

Christer Andresen – Bass, Guitars, Vocals
Arild Aardalen – Keyboards, Vocals (additional)

Track-Liste:

1. The Million Dollar Mile (05:10)
2. I Am The Taker (04:17)
3. Tundra (04:08)
4. The Lighthouse Burden (05:24)
5. Voices of the Dead (04:16)
6. A Ghost And A Promise (04:44)
7. We Are Rebellion (06:10)
8. The Legacy Lament (05:34)
9. Thunderstorm Of The Century (06:49)

Von Rebellionen und solchen, auf die man hätte verzichten können.

Ein jeder, der dem glücklicherweise recht breit gefächerten Genre des Power Metals auch nur ansatzweise zugetan ist; wird es neidlos zugestehen müssen: Momente, in denen die Jungs von KELDIAN etwas neues von sich hören lassen; sind generell wunderbare Momente. Nicht von ungefähr gilt die aus Norwegen stammenden 2-Mann-Combo als waschechter Geheimtipp – und das schon seit vielen Jahren. Wobei gerade das auch schon wieder relativ verwunderlich erscheint – müsste die Band doch schon längst über diesen Status hinausgekommen sein; nicht zuletzt in Anbetracht ihrer ureigenen musikalischen Qualitäten. Entsprechend handfeste Belege für das, wozu KELDIAN imstande sind; gibt es schließlich zuhauf: Alben wie HEAVEN’S GATE (Review), JOURNEY OF SOULS (Review) oder OUTBOUND (Review) stellten und stellen sich als wahre Leuchtfeuer in der hauseigenen Diskografie der Norweger heraus. Und das nicht nur, weil es sich im Hinblick auf das Handwerk relativ zweifelsfrei um sehr gute Power Metal-Alben handelt – sondern auch und vornehmlich, da KELDIAN seit jeher ihren ganz eigenen Stil an den Tag gelegt haben. Einen Stil, der mit keiner anderen damals oder derzeit aktiven Band vergleichbar ist – und der mitunter als sphärisch, mindestens aber angenehm abenteuerlich bezeichnet werden kann.

Auch das letztaktuelle Studiowerk DARKNESS AND LIGHT (Review) konnte, obwohl es insgesamt betrachtet dezent hinter den Vorgängern anstehen musste, meist selbst sonst eher kritische Hörer überzeugen – indem es einige für die Band eher frische und ungewohnte, dabei aber stets außerordentlich gut durchdachte und schier perfekt in Szene gesetzte Inhalte anzubieten wusste. Überhaupt erscheint es gerade in Anbetracht eines Albums wie DARKNESS AND LIGHT – und nun auch THE BLOODWATER REBELLION – äußerst schwierig zu sein, KELDIAN ausschließlich im Bereich eines eher klassischen Power Metals verorten zu wollen. Natürlich bedienen sie dieses Genre – und das mitunter so packend, emotional und meisterlich; dass einem die Tränen kommen könnten – doch sind ihre musikalischen Einflüsse weitaus zahlreicher. Seien es diverse Einflüsse aus der Popmusik-Kultur der 80er Jahre, Anleihen aus elektronischen Musik-Genres oder generell ein Handwerk, welches auch Genres wie die des Rocks und Hardrocks ausmacht – zusammen mit den meist etwas höher greifenden thematischen Inhalten haben KELDIAN seit jeher dafür gesorgt, dass ihr musikalischer Output zu etwas ganz besonderem wird.

Das erste relative Problem, welches speziell das neueste Album BLOODWATER REBELLION diesbezüglich offenbart; liegt indes schnell auf der Hand: KELDIAN haben dieses Mal weitestgehend darauf verzichtet, sich unter dem Banner ihres ursprünglich angepeilten Genres auszutoben. Anders gesagt: die Anteile des Power Metals (wie man in per Definition oder aber von der Vergangenheit KELDIANs kennt) wurden stark zurückgefahren, das Album fällt oberflächlich betrachtet deutlich weniger temporeich, unspektakulärer und zusätzlich in Richtung eines melodischen Elektro-Rocks getrimmten Stils aus. Sicher muss dies noch nichts schlechtes bedeuten, da sich eine jede Band im Laufe ihrer Karriere musikalisch weiterentwickelt, vielleicht auch weiterentwickeln sollte – doch gerade in diesem Fall handelt es sich dann doch um eine relativ schmerzvolle Erkenntnis. Denn, und das fällt insbesondere jetzt auf: KELDIAN waren immer dann besonders herausragend, wenn sie die Grenzen des Power Metals für sich ausgelotet haben. Also etwa, indem sie einige grundlegende Basis-Zutaten wie ein schnelles Tempo, prägnante Riffs und mitreißende Refrains mit ihren ganz persönlichen Soundmerkmalen garniert und zu einem ebenso komplexen wie zufriedenstellenden Ganzen verwoben haben.

Diese Ära in der Historie KELDIANs scheint nun allerdings – und leider – vorüber. Wobei die Probleme gar nicht erst mit der neuen stilistischen Ausrichtung beginnen, sondern bereits mit dem schier unsäglichen, sich im Sinne eines Alptraums in die Synapsen brennenden Cover-Artworks (gut, kann man so machen) sowie dem direkt auffallenden inhaltlich-thematischen Konzept. Es scheint offensichtlich, dass KELDIAN die Corona-Krise „genutzt“ haben – und sich aus den augenscheinlichen, mit ihr einhergehenden Problemen eine entsprechend düstere, dystopische Version einer Zukunft erdacht haben. Eine, die eigentlich gar nicht so erschreckend erscheint in Anbetracht der verstörenden Zeiten, in denen wir aktuell leben – was doch einiges an der eventuell beabsichtigten Wirkungskraft verpuffen lässt. Anders gesagt: die angesprochenen Probleme und Song-Ideen erscheinen, auch wenn sie durchaus einen aktuellen Bezug haben (wie es bereits anhand der Single-Auskopplung WE ARE REBELLION zu sehen war), eher merkwürdig gewichtet und mäandrierend, ohne auf einen wirklichen Punkt zu kommen. So kommt vor allem ein Gedanke auf: vielleicht hätten KELDIAN bei ihren bisherigen Themenfelder bleiben sollen; mit klaren Anti-Politik-Nummern wie SNAKES OF THE EARTH (der war auf DARKNESS AND LIGHT) als Ausnahme respektive besondere Beigabe. Themen, die den Zuhörer gefühlt in andere Sphären „entführt“ haben, auf dass man (im besten Fall) einen ganz anderen Blick auf die Welt erhält – anstatt sich nun relativ lehrerhaft und plakativ aufzeigen lassen zu müssen, was der Meinung KELDIANs nach alles schief läuft. Ob nun in unserer oder der Welt von BLOODWATER REBELLION, das spielt nicht wirklich eine Rolle.

Doch selbstverständlich handelt es sich bei derartigen inhaltlichen Interpretationen und Gedanken um höchst subjektive Gedanken, und es wird noch immer einige geben die diese neue Herangehensweise von KELDIAN umso mehr zu schätzen wissen. Ob das allerdings auch für die Musik selbst gelten kann, sei einmal dahingestellt. Denn: BLOODWATER REBELLION klingt schlicht verdammt; nun, heruntergeputzt. Heruntergeputzt oder heruntergeschraubt auf ein Minimum, mit vielen Passagen und Klängen die eher beschaulich vor sich dahinplätschern als wirklich mitzureißen. Schlimmer noch, manchmal gerät der Sound von KELDIAN sogar absolut banal, wie etwa im Opener THE MILLION DOLLAR MILE mit seiner spätestens seit STRATOVARIUS‘ HUNTING AND LOW allseits bekannten Anti-Gier-These und den unsäglichen „Yummy-Yummy“-Einwürfen. Das tut richtig weh, erst Recht in Anbetracht dessen dass KELDIAN noch immer ihr Handwerk verstehen – in Bezug auf die Instrumente und den Leadgesang gibt es (fast) nichts zu mäkeln, wobei der spätere Soli-Part sogar Erinnerungen an alte, glanzvolle Zeiten wach werden lässt. Aber was soll man machen, wenn die Ideen, der zündende Funke und vor allem die Energie fehlen ?

So gesellt sich eine eher schwergängige Nummer an die nächste. Schwergängig deshalb, weil nicht nur das Tempo und der gewohnte Druck fehlen – sondern auch, da KELDIAN weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Und tatsächlich: unspektakulär-säuselnde Postrock-Nummern wie I AM THE TAKER oder TUNDRA hätten es früher vielleicht auf irgendeine B-Seite geschafft, als Ergänzung – nun aber sollen sie ein ganzes Album stemmen, was einfach nicht funktioniert. Wo ist das Feuer, wo die Inspiration ? Einzig einige Instrumental-Strecken wissen zu überzeugen – aber auch gilt: früher hätte man daraus ein stimmiges Interlude, und keine(n) vollwertigen Titel gemacht. Wer meint, dass es nicht viel schlimmer geht; sollte sich allerdings erst Nummern wie A GHOST AND A PROMISE widmen. Hier werden ganz, ganz böse Parallelen zu den Kollegen von SONATA ARCTICA ersichtlich, die sich auf ihren neueren Alben ebenfalls in so manche Richtung ausprobiert haben. Ja, selbst eine Nummer wie THE LEGACY LAMENT klingt trotz des eigentlich von der Band bekannten sphärischen Anstrichs merkwürdig aufgesetzt. Zumal der (hörbar angestrengte) Leadgesang von Christer Andresen hier wahrlich nicht glänzt. Selbst die spätere Instrumentalpassage wird durch einen viel zu lauten Synthesizer zerstört – solche Abmischungs-Probleme sind bei KELDIAN bisher noch nicht vorgekommen.

Lediglich Nummern wie THE LIGHTHOUSE BURDEN, VOICES OF THE DEATH und eventuell WE ARE REBELLION lassen ein wenig des guten alten KELDIAN-Flairs durchklingen – allerdings noch immer auf einem deutlich mittelprächtigeren Niveau als zuvor. Insgesamt betrachtet handelt es sich hier also – und leider Gottes – um einen doppelten Reinfall. THE BLOODWATER REBELLION ist einerseits enttäuschend, da sich KELDIAN so weit weg von ihren musikalischen Wurzeln bewegen dass es schmerzt, auch wenn man durchaus Toleranz gegenüber Neuentwicklungen mitbringt – und andererseits, da es als Konzeptalbum nur wenig Aufsehen erregen kann. Viel zu flach und minimalistisch ist die Herangehensweise, viel zu uninspiriert und unemotional der Gesamteindruck. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Album eine Ausnahme ist und bleibt – und KELDIAN wieder zu alten Stärken zurückfinden. Ansonsten könnte es das nämlich gewesen sein mit dem „Geheimtipp“ aus Norwegen – wenngleich die älteren Alben natürlich niemals vergessen werden sollten.

Anspieltipps: THE LIGHTHOUSE BURDEN

„Mit etwas Glück nur ein Ausrutscher, mit etwas Pech der Niedergang einer Legende.“

Diese Wertung sorgt für einen Abstieg von KELDIAN in der Liste der besten Power Metal-Bands aller Zeiten.

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