Rezensionen: Filme

Filmkritik: „Poesía Sin Fin Aka Endless Poetry“ (2016)

Filmtyp: Spielfilm
Basierend Auf: Originaldrehbuch
Regie: Alejandro Jodorowsky
Mit: Adan Jodorowsky, Jeremias Herskovits, Brontis Jodorowsky u.a.
Land: Frankreich / Chile
Laufzeit: ca. 128 Minuten
FSK: nicht geprüft
Genre: Drama
Tags: Poesie | Kunst | Freigeist | Chile | Ibanez

Von Künsten und Künstlern, die noch lange nachhallen werden.

Inhalt: Nachdem er und seine Eltern dem kleinen Hafenstädtchen Tocopilla den Rücken gekehrt und in Santiago de Chile angekommen sind, begeistert sich der junge Alejandro Jodorowsky (Jeremias Herskovits) mehr und mehr für die Kunst der Poesie. Und das sehr zum Missfallen seines strengen Vaters (Brontis Jodorowsky), wie sich herausstellt – der seinen Sohn am liebsten in einer ehrbaren Position als Arzt sehen möchte. Seine Mutter (Pamela Flores) hält sich dagegen weitestgehend aus der Diskussion heraus – sodass Alejandro sichtlich froh ist neue Freunde zu finden, die ihn auf seinem Weg hin zu einem anerkannten Künstler unterstützen. Als bereits einige Jahre älterer junger Mann (Adan Jodorowsky) lernt er schließlich Enrique Lihn (Leandro Taub:) kennen, so gesehen ein wahrer Freund im Geiste – mit dem er viele Höhen und Tiefen des Lebens gemeinsam erlebt und in Form seiner Kunst verarbeitet. Am Ende aber steht wie so oft die Frage: für welchen Lebensweg wird sich der junge Künstler entscheiden ?

Kritik: Man erinnert sich… 2013, also noch vor gar nicht allzu langer Zeit zelebrierte das mittlerweile in vielerlei Hinsicht legendäre Multitalent Alejandro Jodorowsky (El Topo, Montana Sacra – Der heilige Berg) sein überraschendes filmisches Comeback. Tatsächlich aber war und ist LA DANZA DE REALIDAD (siehe Review) nur der erste Teil einer groß angelegten filmischen Autobiografie; oder eher: ein wichtiges Teilstück auf dem Weg hin zu einem neuen Gesamtkunstwerk – mit dem man so nicht unbedingt hätte rechnen können. Ein Gesamtkunstwerk, welches Fans und Freunde des chilenischen Poeten nur allzu gerne annehmen – und an welches nun mit dem Nachfolger POESIA SIN FIN angeknüpft wird. In inhaltlicher Hinsicht (und das sogar fließend), aber selbstverständlich auch in Bezug auf den ureigenen Stil des Altmeisters. Jodorowksy, der mit diesem Werk nicht weniger versucht als sein gesamtes bisheriges (Künstler-)Leben aufzuarbeiten und für die Nachwelt festzuhalten, geht dabei grundsätzlich exakt so vor wie man es von ihm gewohnt ist – oder auch, wie man es von ihm erwarten würde. Damit ist POESIA SIN FIN – wie auch ein Großteil seiner bisherigen Filme – als Werk zu bezeichnen, das auf vielerlei Ebenen stattfindet und funktioniert.

Vor allem aber ist es natürlich das klassische Kino, das heißt der klassische Film dem er mit POESIA SIN FIN einen Tribut zollt. Ein Kino, in dem es vorrangig nicht um plumpe oder gar massentaugliche Unterhaltung geht, gehen sollte – sondern um eine Kunstform, die durchaus auch von einem gewissen Protest begleitet werden kann und darauf ausgelegt ist, eine emotionale Reaktion auf Seiten des Zuschauers zu generieren. Somit erscheint es geradezu passend, dass auch ganz andere Kunstformen einen Einzug in POESIA SIN FIN feiern respektive von Jodorowsky auf ein Podest gestellt werden – auf dass sich die (imaginären) Welten des Kinos, des Zirkus, des Theaters und anderer freier Formen künstlerischer Mitteilungsformen vereinen; und es im besten Fall ermöglichen einen Diskurs über die ganz großen, alles umgebenden Fragen des Lebens zu führen.

In jedem Fall hat Jodorowksy, der sich auch in POESIA SIN FIN einer mitunter gewaltigen Bildsprache bedient; dabei nichts von seinem ursprünglichen Handwerk verlernt. Ganz im Gegenteil – auch heute noch schafft er es, und das quasi nebenbei; aus seinen Filmen weit mehr zu machen als eine bloße Aneinanderreihung verschiedener Einzelszenen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger LA DANZA DE LA REALIDAD, der grob betrachtet eher die frühe Kindheit Jodorowsky’s behandelt; steht dieses Mal klar seine endgültige (Ver-)Wandlung hin zu einem Lebenskünstler im Fokus – der aufgrund seiner persönlichen Entscheidungen in einen starken Konflikt sowohl mit dem Elternhaus als auch der faschistischen Gesellschaft gerät. Wie, ja wie sollte man sein Leben glücklich leben können; wenn man ein Freigeist oder auch Künstler ist – während sich die Menschen um einen herum offenbar nur allzu gerne in ein diktatorisches Korsett zwängen lassen, um daraufhin jeden der von der neu festgesetzten Norm abweicht zu verfolgen ? Fragen wie diese ziehen sich in der ein oder anderen Form wie ein roter Faden durch den Film, der dabei natürlich auch nicht vor einigen; man nenne sie gewöhnungsbedürftigen Szenen Halt macht – in denen es vor allem um Nacktheit, Sex oder Gewalt geht.

Im Gegensatz zu den früheren Filmen Jodorowsky’s aber kann man hier relativ getrost von einer eher harmlosen Ausführung derselben sprechen – zumindest, wenn man nicht ganz so zart besaitet ist. Und auch die Angst oder Befürchtung mancher, der Film könnte allzu surrealistische Züge annehmen ist unbegründet – tatsächlich handelt es sich sogar um einen Film, dem man auch im herkömmlichen Sinne recht gut folgen kann. Mit dem Unterschied, dass sich einzelne Szenen oder Set-Designs (wie etwa alles im Zusammenhang mit der Bar) unweigerlich in das Gedächtnis des Zuschauers einprägen werden. Wie selbstverständlich auch etwaige kleinere Seltsamkeiten, etwa in Form der schwarz verhüllten Figuren – welche den Charakteren stets einige Dinge anreichen und somit als gesichtslose Diener fungieren. Wie schon zuvor ist an POESIA SIN FIN dabei vor allem eines markant: das schier grandiose Schauspiel, welches dem ursprünglichen Begriff dieser Kunstform – und das sicherlich zur Freude Jodorowsky’s – allemal gerecht wird. Allein die Liste der Darsteller zu lesen sollte bei manchem für ein angenehmes Kribbeln sorgen; schließlich sind es erneut die Familienmitglieder (und Freunde) aus dem Clan der Jodorowskys, die hier beherzt selbst mit anpacken – und dabei gar kultverdächtige Darbietungen abliefern. Aber auch das ist so gesehen nichts neues, sondern eher Tradition im Hause Jodorowsky – eine Tradition, die zeitlos ist und die man nur begrüßen kann.

Ein klein wenig Kritik muss sich POESIA SIN FIN dann aber doch gefallen lassen. Dabei sind es nicht unbedingt die bei einer Spielzeit von immerhin rund 130 Minuten auftretenden Längen, die sich als störend erweisen – sondern vielmehr ein; man nenne es fehlender Funke in der Gesamtwirkung. Der direkte Vorgänger LA DANZA DE LA REALIDAD wirkte insgesamt eben doch noch etwas runder, universeller, poetischer, majestätischer – was eventuell auch in der Tatsache begründet liegen könnte, dass Jodorowsky die vorherige Schaffenspause (zwischen The Rainbow Thief und LA DANZA DE LA REALIDAD liegen immerhin 23 Jahre) gut genutzt respektive für eine sinnvolle Entladung seiner gewissermaßen angesparten Kreativität gesorgt hat. POESIA SIN FIN dagegen wirkt dagegen – und im Vergleich – zumindest ein klein wenig vorhersehbarer, und wenn man so will auch konstruierter. Sicher, verflogen ist die Magie noch längst nicht – sodass es umso spannender wird, wenn irgendwann einmal der dritte Teil der Biografie in Filmform verwirklicht werden wird. Für einen Status als zeitloses Meisterwerk reicht es – in der einzeln betrachteten Form – aber leider nicht ganz. Dies wird sich vermutlich ändern, sobald die Trilogie als Ganzes erhältlich – und auch als Ganzes bewertbar – ist.


Bilder / Promofotos / Screenshots: © Pascale Montandon-Jodorowsky

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„Der Vorgänger war besser, aber dennoch – auch Poesia Sin Fin ist weniger ein Film als ein ganzheitliches Erlebnis.“

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