Rezensionen: Filme

Filmkritik: „Ein Kind Zu Töten“ (1976)

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Originaltitel: ¿Quién Puede Matar A Un Niño?
Regie: Narciso Ibáñez Serrador
MitLewis Fiander, Prunella Ransome, Luis Ciges u.a.
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 107 Minuten
FSK: Ab 18 freigegeben (seit 2009, vorher indiziert)
Genre: Horror, Thriller, Drama
Tags: Kinder | Einsame Insel | Verlassen | Opfer | Täter | Gewalt | Makaber

Wer ist in der Lage ein Kind zu töten, oder: eine grausame Parabel auf die Realität.

Kurzinhalt: Tom (Lewis Fiander) und Evelyne (Prunella Ransome) machen gerade Urlaub auf dem spanischen Festland – ohne ihren beiden Kinder, die sie daheim und in sicherer Obhut untergebracht wissen. Da Evelyne hochschwanger ist und vor allem viel Ruhe braucht, entscheiden sich die beiden später und ob des doch recht anstrengenden Touristen-Trubels mit einem geliehenen Boot auf eine vorgelagerten Insel zu fahren. Und tatsächlich finden sie hier eine geradezu idyllische Kulisse vor – die Sonne scheint auf das malerische Dorf, in dem man hie und da spielende Kinder entdeckt. Dabei erscheint es nur merkwürdig, dass zunächst keine Erwachsenen zu sehen sind. Tom vermutet, dass sich diese auf die andere Seite der Insel begeben haben um zu mal wieder ausgiebig zu feiern. Doch als die beiden erst in einer verlassenen Bar, einem Geschäft und dann in einem Hotel ohne Gäste Halt machen, scheint sich langsam aber sicher zu offenbaren dass hier irgendetwas nicht stimmt. Doch was könnte der Grund für das Verschwinden der Erwachsenen sein, die zu allem Überfluss auch noch ihre teils sehr jungen Kinder unbeaufsichtigt im Dorf zurückgelassen haben ?

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Es ist schon faszinierend zu sehen, was in den vergangenen Jahrzehnten alles an kuriosem Filmmaterial entstanden ist. Manche dieser gerne auch als einschlägig bezeichneten Werke sind dabei relativ bekannt, andere warten noch darauf auch von späteren Generationen entdeckt zu werden – wie vielleicht auch der kontroverse spanische Film QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO, der auf einem Buch von Juan José Plans basiert und in seinen internationalen Versionen gleich eine handvoll von Titeln spendiert bekam. Doch ob man nun von EIN KIND ZU TÖTEN, TÖDLICHE BEFEHLE AUS DEM ALL, ISLAND OF THE DAMNED oder den unzähligen anderen Varianten spricht – der Inhalt bleibt jeweils derselbe; das heißt vorrangig derselbe verstörende und mittlerweile von manchen gar mit einem Kultstatus versehene. Wie es der Titel bereits verrät, geht es um nicht weniger als die Frage wer in der Lage ist – oder es wäre – ein Kind zu töten. So weit, so gut; handelt es sich um eine offensichtlich rhetorische Frage, die ein jeder auch nur halbwegs vernünftig denkende sofort verneinen würde. Das markante, oder im eigentlichen Sinne verstörende: der Film spielt mit jener Fragestellung und stellt sie gehörig auf den Kopf. Das, und weitere Aspekte führten also nicht von ungefähr dazu, dass der Film hierzulande für viele Jahre auf dem Index landete und bestenfalls in stark geschnittenen Fassungen zu bekommen war.

Schließlich wird die Antwort auf die bereits im Titel enthaltene Frage schon etwas anders aussehen, wenn man sie im direkten Kontext des Films beleuchtet. Der sieht schließlich vor, dass eine Gruppe von Kindern eines Tages zu einer Art Gegenschlag ausholt – und alle Erwachsenen auf einer Insel tötet. Das Gedankenspiel, welches sich daraus ergibt ist ein gleichsam spannendes wie verstörendes – und steht möglicherweise stellvertretend für den Grund, warum man einem Film wie diesem überhaupt einen gewissen Kultstatus unterstellt. Der Hauptprotagonist hat offenbar allen Grund dazu ein Kind zu töten – aber nicht, weil er sich aus freien Stücken dazu entschieden hat. Vielmehr wird er selbst in eine lebensbedrohliche Situation gebracht, die Kinder werden zu schier unaufhaltsamen Aggressoren denen man sich schlicht entgegenstellen muss um nicht selbst getötet zu werden. Verbindet man nun jenen fiktiven Gedankengang mit dem Auftakt des Films, der wiederum echte Kriegsberichte und Zahlen präsentiert die auf erschreckende Opferzahlen während einiger besonders schlimmer Kriegsphasen hinweisen; entsteht eine durchaus geschickt verpackte Botschaft – zumindest wenn man so will und entsprechend abstrahiert. Warum fallen Kinder aus aller Welt immer wieder erschreckenden Verbrechen zum Opfer, wenn Ereignisse wie die im Film dargestellten doch nur auf reiner Fiktion basieren ? Oder andersherum: da es so etwas wie scheinbar grundlos mordende Kinder nur in der Fiktion oder Schauermärchen geben kann, wieso haben die erwachsenen Kriegstreiber aller Herren Ländern dennoch kein Problem damit, wenn ihnen und ihrer Schreckensherrschaft gleich hunderttausende unschuldige Kinder zum Opfer fallen ?

Hierbei handelt es sich um Gedankengänge, die in Anbetracht eines Films wie QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO entstehen können – aber nicht müssen. In jedem Fall offeriert der Film eine interessante, andersartige Ausgangssituation – eine, in der potentielle Gründe für das Verhalten der Kinder zumindest angedeutet werden; und scheinen sie noch so abstrus. Selbst der deutsche Titel TÖDLICHE BEFEHLE AUS DEM ALL könnte in diesem Zusammenhang durchaus Sinn machen. Hie und da eingestreute Elemente des Soundtracks und auch inhaltliche Kniffe könnten dezent darauf hinweisen – oder doch nur irreführende Stilmittel sein. Vielleicht hatte der verantwortliche Autor tatsächlich die Idee einer höheren Macht, die den Menschen nach all den jüngeren Gräueltaten schlichtweg genug Chancen eingeräumt hat. Diese Macht würde nun dafür sorgen, dass alle einen entsprechenden Preis dafür zu zahlen hätten; einen endgültigen – was sicher eine der etwas fantastischeren Varianten wäre. Vielleicht dachte er aber auch abstrakt-politisch, und betrachtet die Kinder als Rebellierende, die einen Umsturz der bisherigen Gesellschaftsordnung durchführen – einen, der trotz seiner Grausamkeit gerechter erscheint als alle anderen. Aber wie man es auch dreht und wendet, bereits durch diese angebotenen Möglichkeiten unterscheidet sich der Film mitunter gravierend von anderen, späteren Genrefilmen – in denen man es erst gar nicht für nötig hielt überhaupt auf potentielle Hintergründe einzugehen. Somit lebt QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO hauptsächlich von seinen gesellschaftskritischen Elementen – zumindest theoretisch.

Denn überraschenderweise führt der Film die grundsätzliche eingeschlagene Marschrichtung schnell wieder ad absurdum, indem er diesbezüglich einige inhaltliche Diskrepanzen offeriert und das Ganze doch wieder näher in Richtung eines eher metaphysischen Bereiches lenkt. Stellvertretend hierfür stehen die offenbar telepathischen Fähigkeiten der Kinder; die selbst dafür sorgen können dass ein ungeborenes Kind ein Mitglied ihrer nunmehr mordenden Gruppe wird. Spätestens hier gerät der Film leicht diffus, verschiedene Herangehensweisen scheinen sich gegeneinander auszuspielen. Analog zu jenem leicht faden Beigeschmack offenbaren sich indes noch weitere Schwächen, die vor allem dann sichtbar werden wenn man den Film seiner potentiellen Botschaft entzieht und auf eine jedwede moralische Auseinandersetzung mit den Inhalten pfeift. QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO fühlt sich grundsätzlich im Genre des Horrorfilms wohl – bedient dieses aber recht klischeehaft und weist neben der recht aufdringlichen, die Spannung künstlich in die Länge ziehenden Filmmusik auch keinen nennenswerten Grusel-Faktor auf. Auch gibt es wider erwarten keinen übermäßigen Gewaltgrad; potentiell problematische und fragwürdige Szenen finden sich lediglich in zwei oder drei späteren Einzelszenen. Allerdings drehte man entsprechend geschickt und sorgte dafür, dass die Kinderdarsteller selbst kaum mitbekommen haben was genau sie da eigentlich machen. Das ist nur gut und richtig so, doch wirkt der Film über weite Strecken relativ zahm und unspektakulär (aus heutiger Sicht natürlich mehr als aus damaliger) – ein Eindruck, den man beispielsweise mit anderen eingeschobenen Elementen wie dem einer intensiven Charakter- und Motivationszeichnung wieder hätte auffangen können.

Doch das haben die Macher offensichtlich verpasst – sodass sich vor allem der Mittelteil des Films auffällig in die Länge zieht, trotz der vermeintlich allgegenwärtigen Suspense. Sicher mag eine dialog- und handlungsarme Herangehensweise wie die in QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO an den Tag gelegte an frühere Kultfilme oder die Arbeit etwaiger altehrwürdiger Spezialisten des Horrors erinnern – doch reicht es nicht aus, sich allen darauf zu verlassen. Letztendlich kommen auch noch einige für (Horror-)Filme dieser Machart typische Ärgernisse hinzu – wie beispielsweise in Bezug auf das abstruse Verhalten der erwachsenen Charaktere. Warum genau sie solange Ruhe bewahren konnten, warum man plötzlich von der Insel fliehen und kurz darauf doch lieber der Dinge harren will die da noch kommen – bleibt rätselhaft und wenig nachvollziehbar. Als es dann quasi schon zu spät ist, muss plötzlich doch wieder alles ganz schnell gehen – was dazu führt, dass dem Film eine jede glaubwürdige Dynamik abhanden kommt. Warum genau der Hauptprotagonist seine hochschwangere Frau trotz der bereits entdeckten Leichen immer wieder alleine lässt und warum die Insel hie und da doch eine Einwohnerzahl aufzuweisen hat die weit über die genannten Zahlen hinausgeht, bleibt ebenfalls ein (schlecht gelöstes) Rätsel.

Fazit: Es ist schwierig, einen Film wie QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO adäquat zu bewerten. Einen gewissen Kultstatus mag er innehaben, doch das wohl allein aufgrund der Tatsache; dass er den Zuschauer zu interessanten und vielleicht auch wichtigen Gedankenspielen auffordert. An der Kombination der Faktoren Gewalt und Kinder allein kann es eigentlich nicht liegen – zumal man oft nur schwer einschätzen kann, was hier überhaupt für Voll zu nehmen ist und was nicht. Ein gewisser Hang zum Trash kommt dem Film schließlich ebenfalls nicht abhanden. Fraglich bleibt, welcher Zuschauergruppe der Film am ehesten zu empfehlen wäre. Freunde des gepflegten Horrors werden aufgrund seiner relativen Plattitüde und auch Vorhersagbarkeit der Inszenierung kaum in ihre Sessel gedrückt werden – und für einen Trashfilm der auf Unterhaltung abzielt ist er beileibe zu ernst und provozierend. QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO ist ein regelrechter weder-noch Kandidat, der lediglich Freunden einer eher kuriosen denn wirklich qualitativen Filmkost empfohlen werden kann – wobei die Tatsache, dass der Film über viele Jahre indiziert war; diesen Eindruck noch unterstützt. Neben der gelungenen Kamera-Arbeit und dem zwar merkwürdigen, aber doch annehmbaren Soundtrack schafft der Film aber vor allem eines: er bleibt in den Köpfen hängen.

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„Ein Kultfilm, der diese Attribuierung nur teilweise verdient.“

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