Rezensionen: Filme

Filmkritik: „Joey“ (1985)

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Originaltitel: Joey
Regie: Roland Emmerich
Mit: Joshua Morrell, Tammy Shields, Jerry Hall u.a.
Land: USA
Laufzeit: ca. 98 Minuten
FSK: ab 12 freigegeben
Genre: Horror
Tags: Joey | Kind | Junge | Puppe | Vater | Tod | Gefahr | Telekinese

Zugeschlagen, wen habe ich in der Leitung ?

Kurzinhalt: Der neunjährige Joey ist in tiefer Trauer über seinen kürzlich verstorbenen Vater. Da er schon immer ein eher schüchterner Junge war, hat er auch nicht viele Freunde die ihn in dieser schweren Zeit unterstützen könnten – nur seine ihn liebende Mutter würde zu ihrem Sohn stehen, komme was wolle. Doch eines Tages geschieht das unglaubliche: allerlei Spielzeuge in Joey’s Zimmer fangen plötzlich an, wild umherzutanzen – und ein längst ausrangiertes Spielzeugtelefon beginnt verheißungsvoll zu leuchten. Joey nimmt den Hörer in die Hand – und spricht daraufhin mit seinem Vater. Ob er sich das Ganze nur ausdenkt oder nicht, bleibt vorerst offen – klar ist nur, dass seine Mitschüler davon erfahren und ihn deswegen nur umso mehr hänseln. Doch über eines kann wohl niemand hinwegsehen: Joey hat sein jenem Tag neue Fähigkeiten hinzugewonnen, die es ihm erlauben eine leichte Form der Telekinese auszuüben. Als er bald darauf ein verlassenes Haus erkundet und eine alte Spielzeugpuppe entdeckt, eskaliert die Situation – die Puppe erwacht zum Leben, und scheint nur darauf aus, dem ohnehin schon leidgeprüften Joey das Leben zur Hölle zu machen.

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Kritik: Achtung, Spoiler ! Roland Emmerich’s JOEY ist durchaus ein merkwürdiges, aus heutiger Sicht zusätzlich kurios erscheinendes Stück Film. Und das nicht nur, da das Machwerk um einen kleinen Jungen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten mitten in der kultig-klassischen und oftmals unverkennbaren US-Amerikanischen Filmperiode der 80er Jahre entstand – zu der diverse Stilmittel und vielleicht auch Eigenarten einfach dazugehörten. Das besondere: durch die in JOEY vorgelegte, schiere Zelebrierung der damals gängigen Stilmittel war Emmerich offenbar weniger darauf bedacht ein möglichst zeitloses Werk abzuliefern – er hat ein Kind der 80er kreiert, das auch eindeutig als solches zu identifizieren ist. Dass das durchaus Vorteile haben kann, weiß man nicht erst seit einigen grandiosen Kinderfilmen aus dieser Ära – man denke nur an den FLUG DES NAVIGATORS (1986, Link zum Review), der trotz des vergleichsweise exzessiven Einsatzes von Spezialeffekten noch immer eine überraschend zeitlose Wirkung entfalten kann. Doch kann sich dergleichen auch dezent nachteilig auswirken, wobei JOEY nicht unbedingt ein Paradebeispiel dafür ist – aber doch ein nennenswertes.

Dabei sind es gar nicht mal die oftmals nach billigstem Pappmaschee aussehenden Kulissen, die hoffnungslos plump herunterproduzierten Spezialeffekte oder die einstweilen unnatürlich geschminkt wirkenden (Kinder-)Darsteller die das Gesamterleben in Filmform zu stören wissen; sondern ein eventuell gänzlich unerwarteter Faktor. Die Rede ist vom Soundtrack von Hubert Bartholomae und Paul Gilreath – der nicht nur relativ künstlich wirkt, schrecklich klingt und auf allerlei schnelle Schockmomente aus ist; sondern des öfteren viel zu penetrant und in den unpassendsten Momenten eingesetzt wird. Hier fehlte es eindeutig an Fingerspitzengefühl und Timing – sodass gewisse nostalgische Gefühle (zumindest für entsprechend ältere Zuschauer) kaum auftreten werden, und man schlicht das Gefühl nicht los wird, als wollten die Verantwortlichen die ein oder andere Stelle des erzählerischen Leerlaufs dezent lautmalerisch ausstaffieren. Ein fataler Fehler wie sich zeigt, zumal man die Bilder für sich hätte sprechen lassen können und die Handlung auch so schon hinreichend; man nenne es experimentelle Ansätze aufweist.

Denn: JOEY ist nicht nur ein eindeutig den 80ern zuzuweisendes, vielleicht mit einem gewissen Augenzwinkern anzupackendes Machwerk – sondern auch ein Film der keine gängigen Genre-Grenzen kennt. Obwohl er allgemein als Horrorfilm anerkannt wird, erinnert seine Aufmachung nicht selten an einen Kinder- respektive Familienfilm – eine Stimmung, die spätestens mit den späteren Szenen des Anschleichens von einigen Nachbarskindern hin zu Joey’s Haus ihren Höhepunkt erreicht. Auch jene Herangehensweise ist eher ungewöhnlich und mutig, offenbart neben dem spontan aufkommenden Gefühl eines frischen Eindrucks aber kaum nennenswerte Vorteile. Das Problem ist, dass man beide Genre-Pfade stets unabhängig voneinander geht – und man zu keinem vernünftigen Ergebnis für zumindest eine der beiden Seiten kommt. Für erwachsene Zuschauer, die aus Interesse eines der früheren Werke von Emmerich sehen möchten oder auf der Suche nach möglichst kultigen Filmen der 80er Jahre sind, dürften viele der gezeigten Elemente zu kindisch; das heißt auch vereinfacht und verharmlost daherkommen – und gerade wenn man meint, ein solcher Film wäre vielleicht doch eher für jüngere geeignet, wird man von den mitunter hypnotischen Darstellungen der Gegenspieler-Puppe von Joey konfrontiert, gegen die selbst CHUCKY wie ein charmanter Raufbold daherkommt.

Interessanterweise reichte aber auch das Emmerich noch nicht – zu der Mischung aus dezent okkultem Horror (interessant, was diesbezüglich in einer Szene – die mit dem Fernseher – angedeutet wird), einer ungewöhnlich-übernatürlichen Familiengeschichte und der Erzählperspektive aus Kindersicht gesellen sich noch Elemente des Abenteuerfilms (siehe beispielsweise DIE GOONIES) und des Dramas hinzu. Dies wird besonders deutlich, je weite der Film voranschreitet – und je weiter man die eigentliche Grundidee des Films in das Rampenlicht stellt. Hier geht es schließlich um nicht weniger als ein Kind, das aus irgendeinem Grund Kontakt mit seinem verstorbenen Vater aufnehmen kann, zumindest will man das den Zuschauer glauben machen – und selbst wenn nicht, bleibt ein auffällig intensiver Umgang mit dem Thema des Verlusts und dem Tod. Wenn dann gegen Ende sogar noch eine Art transzendente Reise unternommen wird, wirkt das vielleicht im Ansatz sinnig – in der Endausführung aber nur noch kurios, da derlei emotionale Eindrücke kaum mit den vorhergegangen harmonieren wollen und der Zuschauer ohnehin über jedwede Aspekte, die über die spärlichen Dialoge und die kaum vorhandene Bildsprache transportiert werden; im unklaren gelassen wird.

Fazit: JOEY ist selbst bei bestem Willen kein Film, dem man vorschnell einen Kultstatus anheften sollte. Er ist reichlich durchtrieben, wirr, unentschlossen; und bedient sich nach Herzenslust an verschiedenen Inspirationsquellen (gefühlt) und Genres (offensichtlich). Doch nicht nur der Inhalt des Films wirkt unausgereift und schier beliebig durcheinandergewürfelt – auch hinsichtlich des Erzähltempos und der Atmosphäre gibt es immer wieder starke Einbrüche. Mal kommt der ein oder andere Höhepunkt zu früh (worauf eine unvermeidbare Durststrecke folgt), mal weiß man kaum ob man sich nun gruseln, lachen oder auch mal gehörig fremdschämen soll. Viel zu vieles wirkt unausgegoren und irgendwo auf der Konzept-Strecke liegengeblieben. Was genau wollte JOEY noch einmal sein – ein Gruselfilm für Kinder oder doch einer für Erwachsene, den man sich als Kind höchstens heimlich ansehen wird ? Im Endeffekt spielt das keine große Rolle, da beide Zielgruppen dezent verfehlt wurden und unzählige angeschnittene inhaltliche Elemente gnadenlos enttäuschen – wie die gesamte (reichlich lächerliche) Einbeziehung der Wissenschaftler. Wer einen guten Kinder- und Familienfilm sucht bei man sich zwar nicht unbedingt gruseln, dafür aber umso mehr lachen, weinen und staunen kann; sollte dringend zu DER FLUG DES NAVIGATORS greifen. Der verpackt seine übernatürlichen Elemente weitaus besser, fundierter und zeitloser – und hat auch handwerklich klar die Nase vorn.

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„Eine ungewöhnlich experimentelle Genre-Mixtur mit vielen unausgereiften Ideen.“

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3 replies »

  1. Puh…eigentlich ist es gar nicht mal so lange her, dass ich den Film mal wieder gesehen habe, aber trotzdem habe ich kaum noch Erinnerung an den Inhalt. Ich würde mal sagen es ist kein essentieller Film per se, aber wohl ein wichtiger Film für Emmerich, der sich zum damaligen Zeitpunkt noch beim „Einstieg“ befand und somit leise an die Pforten von Hollywood klopfte. Ich würde mit der Wertung gleichziehen.

    5.5/10

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