Rezensionen: Filme

Filmkritik: „The Fall“ (2006)

the_fall_500

Originaltitel: The Fall
Regie: Tarsem Singh
Mit: Catinca Untaru, Justine Waddell, Kim Uylenbroek u.a.
Land: USA, Indien
Laufzeit: 117 Minuten
FSK: Ab 12 freigegeben
Genre: Fantasy / Drama
Tags: The Fall | Stuntman | Hollywood | Mädchen | Geschichte | Schicksal

Gemeinsam fallen, gemeinsam auferstehen.

Inhalt: Roy Walker (Lee Pace), ein Stuntman aus der Filmschmiede Hollywoods, liegt im Los Angeles der 1920’er Jahre in einem kirchlichen Krankenhaus, das auch eine Station für Kinder beherbergt.  Hier kümmert man sich um seine Beschwerden, doch offenbar scheint er gravierendere Verletzungen davongetragen zu haben, und das nicht nur physischer Art – ihn verlässt zusehends der Lebensmut. Dann jedoch lernt er eines der im Heim untergebrachten Kinder kennen, die junge Alexandria (Catinca Untaru). Diese schleicht sich wann immer sie kann zu jenem fremden Stuntman, der beginnt, ihr eine spannende Geschichte erzählen. Jene äusserst lebendige Geschichte baut dabei direkt auf dem Leben von Roy Walker auf, aber auch dem von Alexandria – sodass sich beide einstweilen in einer Fantasiewelt wiederfinden, die für beide eine Zuflucht darstellt. Eines Tages aber bittet Roy Alexandria um einen Gefallen – sie soll ihm ein Fläschen mit speziellen Pillen besorgen, da er sonst die Geschichte nicht weitererzählen könne. Eine verhängnisvolle Bitte, wie sich herausstellt.


the_fall_01

Kritik: Zumeist halten Filme, die nur mittelmäßig verbreitet sind aber dennoch in einem Atemzug mit großen Szene-Namen genannt werden, nicht immer das was sie versprechen. Auch der 2006’er Spielfilm THE FALL läuft Gefahr, ein solches eher überkandideltes Werk zu sein – schließlich sind es in diesem Fall gleich 2 hochkarätige Regisseure, die mit ihrem Namen Pate für dieses filmische Projekt standen. Dabei haben David Fincher und Spike Jonze nicht wirklich etwas mit THE FALL zu tun – vielmehr ist es der Name des eigentlichen Regisseurs Tarsem Singh, dem man Beachtung schenken sollte. Der tauchte im Jahre 2000 ganz unvermittelt auf der Bildfläche auf – mit der fantastisch angehauchten Krimi-Studie THE CELL im Gepäck. Danach wurde es vorerst wieder ruhig um den 1961 geborenen Amerikaner – bis, ja bis er die Welt mit seinem neuen Werk THE FALL konfrontierte. Interessanterweise schrieb er auch am Drehbuch mit – zusammen mit drei anderen Kollegen. Moment, gleich drei ? In der Tat ist THE FALL alles andere als ein typischer Hollywood-Blockbuster geworden. Vielmehr handelt es sich um einen außergewöhnlichen, komplexen Film voller Tiefgang, Metaphern und einem eigensinnigen Blick auf die Welt.

Jene Welt, die dem Zuschauer in THE FALL präsentiert wird, scheint dabei auf den ersten Blick gar nicht mal so ungewöhnlich zu sein. Die Kulisse eines Los Angeles der 1920’er Jahre, gepaart mit der Präsentation eines Kinderheims und eines neugierigen kleinen Mädchens, welches sich hier frohen Mutes durchs Leben schlägt; könnte so auch einem handfesten Drama entsprungen sein. Schon bald aber gesellt sich eine leicht an Guillermo Del Toro’s Schaffen erinnernde Stimmung hinzu – eine märchenhafte, fantasielastige; die das Erleben teils auch aus einer rein kindlichen Perspektive schildert. Dabei bleibt es allerdings nicht: denn jene Geschichte, die der lädierte Hauptprotagonist Roy Walker seinem neuen Schützling Alexandria (und damit auch dem Zuschauer) erzählt ist keine typische. Meistens präsentieren Filme, in denen es (augenscheinlich) um Geschichten und das Erleben eben solcher geht, eine von zwei Möglichkeiten: entweder, der Zuhörer (in diesem Falle das Mädchen) taucht hie und da in eine Geschichte ein; erlebt sie und lernt aus ihr, um dadurch auf die ein oder andere Weise ‚geläutert‘ oder wissend aus dem Prozess hervorzugehen (meist: Drama) – oder aber, er wird selbst zu einem Teil der Geschichte und gestaltet sie wesentlich mit (meist: Fantasy). THE FALL ist insofern eine Besonderheit, als dass er beide Elemente verknüpft – und ein regelrechtes Spiel mit Bedeutung spielt, die man einer erzählten Geschichte im allgemeinen beimessen würde.

Somit wird er auch für den Zuschauer für eine Herausforderung – schließlich gilt es, den Überblick zu behalten; Realität und Vision auseinanderzuhalten, etwaige Hinweise zu entschlüsseln. Gerade das Entdecken der realen, unmittelbar greifbaren Einflüsse auf die (lebendige, niemals festgelegte) Geschichte macht Spaß – da jene Elemente zwar versteckt, aber doch nicht unauffindbar sind. Im weiteren Verlauf folgen zwei wichtige Wendepunkte, die sich – dementsprechend – teils im wahren Leben der Protagonisten, und teils in der Geschichte abspielen. Gerade in diesen Momenten gelingt dem Regisseur großes; indem er nicht nur eine wahrlich doppeldeutige Geschichte nachvollziehbar erzählt – sondern auch überraschend tiefe Einblicke in die Seelenwelt der Charaktere zulässt. Geradezu wunderbar ist auch hier das Spiel mit der Rollenverteilung, die mehr und mehr verschwimmt. Roy, der anfänglich dominante und sich gar für seine egoistischen Ziele einsetzende Geschichtenerzähler, der sich immer deutlicher dem Schicksal seiner Zuhörerin öffnet; sie letztendlich zu einem unverzichtbaren Bestandteil seiner Geschichte (und damit auch seines Lebens) werden lässt – und Alexandria, die keinesfalls eine stille Zuhörerin bleiben möchte, bleiben kann. In diesen ungewöhnlichen, und trotz aller Fantasterei reichlich bodenständigen Charakterporträts liegt die eigentliche Stärke von THE FALL.

the_fall_02

Die anderen liegen offensichtlich in der Gestaltung jener Fantasiewelten selbst, in denen sich die zwei bewegen. Nach und nach nehmen sie immer mehr Raum in Anspruch, dominieren den Film – und lassen ihn so zu einer ungewöhnlich-erfrischenden Reise werden, die man voller Spannung verfolgen wird. Neben den ansprechenden inhaltlichen Aspekten, die sich mal auf zwei Ebenen, mal auf mehreren (denn auch in der Fantasiewelt gibt es massenhaft Symbolik und Inhalte, die man nicht immer leicht zuordnen kann) abspielen, sorgt vor allem die optische Gestaltung des Films für eine große Portion Atmosphäre, und einstweilen auch ein gewisses Abenteuer-Gefühl. Man bewegt sich hier vornehmlich in der Wüste oder kargen Landschaften – die auch mal wie surrealen Traumsequenzen anmuten können, da sich auch hier alles im Fluss der Bewegung und -Veränderung befindet. Markant: es gibt kaum aufwendige Sets oder Szenenaufbauten, größtenteils verlässt man sich auf die Wirkung der weitläufigen Schauplätze oder die der gezeigten Gebäude. Im Zusammenspiel mit der geschickten Kameraführung und dem gleichsam diffusen wie konzentriertem Fokus funktioniert das auch tadellos. Ein guter, stimmiger Soundtrack (unter anderem dient Beethovens Siebte Symphonie als Untermalung) kleidet den akustischen Part aus, ein noch beeindruckenderes, stets authentisch wirkendes Schauspiel rundet den perfekten Eindruck ab.

Fazit: THE FALL ist ein besonders Stück Film, dass es sich zu entdecken lohnt – insbesondere dann, wenn man einer filmischen Verknüpfung von mehreren Themen, die sich im Endeffekt nahtlos zusammenfügen interessiert ist. Das Schicksal eines lädierten Mannes und das eines kleinen, elternlosen Mädchens wird mithilfe einer fantasievollen Geschichte inklusive zahlreicher Momente der Vergangenheitsbewältigung und auch Schicksalsschläge verknüpft – ein Stoff, der in dieser Form einzigartig sein sollte. Zwischenmenschlichkeit und Vertrauen sind dabei nur zwei der Dinge, die in THE FALL auf eine ungewöhnliche Art und Weise interpretiert werden, und ihn so zu einem sehenswerten Werk machen. Man könnte lediglich einwerfen, dass es sich letztendlich nur um eine erweiterte Liebesgeschichte handelt – schließlich ist Roy’s ehemalige Frau / Freundin einer der Dreh- und Angelpunkte in der Geschichte – doch in THE FALL steckt weitaus mehr als eine plumpe Romanze. Und das ist nur gut so.

85oo10

Über Kommentare Freut Sich Jeder.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.