Metal-CD-Review: ANGRA – Angels Cry (1993)

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Album: Angels Cry | Band: Angra (weitere Band-Inhalte)

Land: Brasilien – Stil: Power Metal – Label: Rising Sun Records

Alben-Lineup:

Andre Matos – Gesang, Piano, Keyboard
Luís Mariutti – Bass
Rafael Bittencourt – Gitarre
Kiko Loureiro – Gitarre

01 Unfinished Allegro 01.14
02 Carry On
05.03
03 Time 05.56
04 Angels Cry 06.49
05 Stand Away 04.56
06 Never Understand 07.49
07 Wuthering Heights (Kate Bush Cover) 04.41
08 Streets Of Tomorrow 05.03
09 Evil Warning 06.42
10 Lasting Child (Part I: The Parting Words / Part II: Renaissance) 07.36

Power Metal-Geschichtsstunden, heute mit: ANGRA.

Kann man die Geschichte des Power Metal beleuchten, ohne die brasilianische Band ANGRA mit einzubeziehen ? Wohl kaum, sind ANGRA für Brasilien so etwas wie MANOWAR für die USA oder HELLOWEEN für Deutschland. Als eine der ersten bekannteren Bands aus brasilianischen Gefilden verschrieben sich ANGRA von Anfang an einem melodischen, temporeichen und hymnischen Power Metal – wo zuvor eher harsche und / oder rockige Klänge die musikalische Welt definierten. Die Symbiose aus harten, gradlinigen Metal-Elementen, einem harmonischen Gesang und verspielten Keyboard-Elementen sollte nun richtig aufgehen – und im internationalen Zusammenspiel zu einem weiteren Boom der Szene führen. Tatsächlich scheint es so, dass ANGRA seit ihren Gründungstagen enorm zur, nennen wir es Globalisierung des Power Metals beigetragen haben – ihre Fans stammen aus aller Herren Länder, und man inspirierte sich seit jeher gegenseitig. So sind auf ANGELS CRY durchaus einige Klänge zu hören, die stark an die frühen HELLOWEEN-Platten erinnern – etwa das zwischen Ballade und Midtempo balancierende TIME.

Beim Hören eines derart klassischen Albums wie ANGELS CRY, das immerhin aus dem Jahre 1993 stammt, ergeben sich immer besondere Gefühle. Seien es nostalgische – vor allem wenn man sich schon länger im Genre zuhause fühlt, oder schlicht leicht ungläubige – gerade wenn man das Genre zu einem deutlich späteren Zeitpunkt entdeckt hat. Schließlich meint man immer wieder grundlegende Ideen, Stimmungen und einzelne Passagen wahrzunehmen, die sich so auch in der heutigen Power Metal-Musikwelt zahlreich wiederfinden lassen. So kommt es nicht von ungefähr, dass auch eine Band wie ANGRA als eine der Wurzeln des Genres angesehen wird – zu Recht, und absolut nachvollziehbar, lässt man sich aus heutiger Sicht noch einmal auf den Geist des 1993’er Albums ein. Auch das sagenhafte Gäste-Lineup lässt einen wohlig erschaudern: Dirk Schlächter und KAI HANSEN von GAMMA RAY, Alex Holzwarth (später RHAPSODY OF FIRE) und Sascha Paeth (später LUCA TURILLI) gaben sich hier die Ehre – der Wahnsinn. Eine Folge: man ist stellenweise erschrocken, wie dicht der Sound dieses bald 20 Jahre alten Albums an den heutigen Produktionen liegt. Eines steht so zweifelsohne fest: ANGRA lieferten mit ANGELS CRY ein wahrlich zeitloses Album ab, welches das Genre bis heute prägt und vielen als Inspirationsquelle dient.

Stichwort Sound – der ist entsprechend des vergleichsweise hohen Alters nicht ganz auf der Höhe, will heissen produktionstechnisch nicht perfekt. Sicher spielt hier auch der Status des Albums als Debütwerk eine Rolle – andererseits klingt es für ein Debüt schon wieder auffällig versiert, auch was die handwerklichen Leistungen der Bandmitglieder anbelangt. Das knapp ein Jahr ältere Demo-Release REACHING HORIZONS scheint also seine Funktion erfüllt zu haben – und leitete so die unvergleichliche Erfolgsgeschichte einer brasilianischen Metal-Band ein. ANGELS CRY als Grundpfeiler jener Historie begeistert daher auch noch heute – und vermittelt einen zeitweise das Gefühl von Ehrfurcht, ganz ähnlich wie bei den ersten HELLOWEEN-Scheiben. Das besondere: neben zahlreichen vielschichtigen, komplexeren Nummern (a’la dem Titeltrack ANGELS CRY) finden sich auch wunderbar eingängige Mitsing-Hymnen wie CARRY ON – die von einem energetisch-lebendigen Instrumentalpart mitsamt Double-Bass und fetziger Gitarrensoli leben. Immer mit von der Partie ist Andre Matos – ein großer, wenn nicht gar riesiger Szene-Name, der bis heute das Bild des Genres prägt. Interessant und bemerkenswert ist, dass er mit ANGRA nicht nur den Weg für den brasilianischen Power Metal ebnete – sondern  einige Jahre zuvor schon die Heavy Metal-Band VIPER auf den Weg zur Spitze brachte. Diese wurde schon 1985 gegründet – Matos blieb ihr bis 1990 erhalten, um sich bald darauf voll und ganz dem Werk von ANGRA zu widmen.

Also, was hat ANGELS CRY noch zu bieten ? In erster Linie zahlreiche emotional-eindringliche Momente, die in abwechslungsreiche und vielschichtige Kompositionen eingebunden sind. Ein wahres Epos wie STAND AWAY, das von der beeindruckenden Gesangsperformance und markanten klassisch-symphonischen Einspielern geprägt ist; das melancholisch-prächtige STREETS OF TOMORROW, das temporeich-flotte und enorm melodieverliebte EVIL WARNING – einem der wohl stärksten und zeitlosesten Titel des Albums. Und auch das epische LASTING CHILD serviert zum Ausklang noch einmal eine gehörige Portion Power Metal mit tollen Instrumental-Parts. In der Tat: auch die Fusion aus Klassik und Power Metal sollte auf ANGELS CRY als eines der ersten Werke dieser Art in einer ansprechend professionellen Manier zelebriert werden.

Fazit: Es melde sich der, der sich auf seinem musikalischen Werdegang im Genre des Power Metal nicht von ANGRA hat beeinflussen und / oder inspirieren lassen. ANGELS CRY ist vielleicht eines der wichtigsten Power Metal-Alben überhaupt – ANGRA konnten sich so (verdientermaßen) auf eine Ebene mit MANOWAR, HELLOWEEN oder auch GAMMA RAY stellen, als Mitglied in der alten Schule des Power Metal, der einmal zahlreiche andere Künstler inspirieren sollte. Dennoch kann keine Höchstwertung vergeben werden – zum einen verhindert dies die Soundqualität (minimal), zum anderen der nicht immer treffsichere Gesang von Andre Matos, der je nach Gusto auch mal etwas nervenaufreibend ausfallen kann. Dennoch: wer dieses Album nicht in seinem Regal hat, verpasst einen wichtigen Teil der Geschichte des Power Metal.

Anspieltipps: CARRY ON, ANGELS CRY, EVIL WARNING, LASTING CHILD


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