Rezensionen: Filme

Filmkritik: „My Boy Jack“ (2007)

Originaltitel: My Boy Jack
Regie: Brian Kirk
Mit: Daniel Radcliffe – David Haig – Kim Cattrall u.a.
Laufzeit: 93 Minuten
FSK: Ab 12
Land: Großbritannien
Genre: (Kriegs-)Drama

„Harry Potter auf Abwegen“

Inhalt: John Kipling (Daniel Radcliffe), der Sohn des berühmten Schriftstellers Rudyard Kipling (David Haig), lebt in schwierigen Zeiten. Die Anfangsphase des ersten Weltkriegs ist bereits eingeläutet, über eine Million Deutsche stehen bereits an der belgischen Grenze bereit. Obwohl England dem nicht viel entgegenzusetzen hat, erklärt das Land Deutschland den Krieg. Bald schon werden die ersten englischen Truppen in Richtung Frankreich gesandt – auch John ist dabei, der sich trotz seiner Sehschwäche und den Bedenken des Vaters innerhalb kürzester Zeit zum Offizier gemausert hat. Letztendlich hat er es eben doch seinem Vater zu verdanken, dass er eine derart gute Position erreichen konnte – doch der bekommt spätestens mit der finalen Einberufung seines Sohnes erhebliche Bedenken. Derweil beginnt der Krieg mit all seinen Schrecken – und die Verluste auf allen Seiten steigen; mittendrin der junge John Kipling. Wird er es schaffen, diesem Wahnsinn noch rechtzeitig zu entkommen und zu seinen Eltern in England zurückzukehren ?

Kritiik: Ein Film, der statt des zweiten auch mal den ersten Weltkrieg (direkt oder als Hintergrundsetting) behandelt, verdient schon automatisch eine höhere Aufmerksamkeit und einen (zumindest dezenten) Zuspruch. Schließlich droht das Thema bei allem Aufarbeitungsbedarf des verheerenden Zweiten Weltkriegs schon mal in Vergessenheit – oder zumindest in den Hintergrund. Aber zählt nicht auch der erste Weltkrieg sowie die gesamte Kriegsggeschichte Deutschlands zum dafür benötigten Stoff, der bedrohliche Entwicklungen aufzeigt und so die Vorgeschichte erklärt ? My Boy Jack fokussiert sich hierbei allerdings weniger auf den Gesamtkontext des Krieges, als vielmehr auf die Intervention Großbritanniens und einer einzelnen, persönlichen (Lebens-)Geschichte. Die der Kipling-Familie nämlich – wobei ein recht dichtes Porträt mit einem hohen Drama-Potential entsteht. Stichwort Kipling: die erste Frage, die sich dem Zuschauer unweigerlich aufdrängen wird, ist die nach dem ‚warum‘. Warum möchte der Vater seinen noch so jungen Sohn unbedingt in der kämpfenden Armee unterbringen ? Liegt es an seinem eigenen Fokus (er ist Schriftsteller), der sich in Anbetracht der bedrohenden Lage ändert; will er doch noch seinen Teil zum tatsächlichen ‚Kampf‘ (der nicht mit Worten geführt wird) beitragen, und bewerkstelligt dies nun indirekt über seinen eigenen Sohn ?  Ein interessanter Aspekt, der einerseits ausführlich, andererseits relativ interpretationsfrei behandelt wird. In jedem Fall kämpft die Kipling-Familie – trotz vererbter Kurzsichtigkeit und mit jeweils unterschiedlichen Methoden.

Da erscheint es schon etwas schade, dass der Film hierbei ein auffällig rasches Erzähltempo vorlegt – offenbar ging es nicht anders bei einer Spieldauer von 93 Minuten (abzüglich Abspann). So wurde die ‚Karriere‘ von John beim Militär recht schnell abgehandelt, kaum ist er angekommen wird er auch schon zum Offizier befördert. Zweifelsohne entstehen so erzählerische Lücken, die im Raum stehen bleiben – im Gegensatz zu anderen Genrefilmen verzichtete man auch auf die Einblendung von Untertiteln, beispielsweise bei Zeitsprüngen. Die (teilweise plötzlichen) Ortswechsel dagegen verfehlen ihre Wirkung nicht: der Schrecken des Krieges zeigt sich besonders beim Sprung von der heimischen Idylle auf das schlammige Schlachtfeld. Niemand ist sicher, der Krieg betrifft alle – dies wird so noch einmal eindringlichst vermittelt. Andererseits zeigen die Macher das nötige Geschick, wenn es um das Porträt der Familiengeschichte geht – indem sie eine sehr humane und gefühlvolle Herangehensweise an den Tag legen. Die Mischung aus filmischer Spannung (> Unterhaltungswert) und tragischen Drama-Elementen geht dabei vollends auf. So entsteht ein zur Empathie auffordernder Film, der dieses Ziel mit Bravour erreicht – und mit starken einzelnen Szenen wie der ‚Geschichtenszene‘ (Gastauftritt von Jungdarsteller Bill Milner) noch zusätzlich aufrüttelnde Momente bereithält.

Ein Film wie My Boy Jack kann demnach nur funktionieren, wenn die Schauspielerriege ihr absolut Bestes gibt – und glücklicherweise ist das hier auch der Fall. Interessanterweise leisten alle Beteiligten eine hervorragende Arbeit, so auch der Jungschauspieler Daniel Radcliffe, der bis dato (2007) für noch nicht viel anderes als seine Rollen in Harry Potter bekannt war. Langsam aber sicher wird auch er erwachsen – und versucht mit differenten Rollen wie dieser hier seinem Stigma als Zauberlehrling zu entkommen. Dies gelingt ihm – er geizt nicht mit seinem schauspielerischen Talent, wohlgemerkt; bei einem noch recht jungen Jahrgang (1989). Seine Filmeltern stehen ihm hierbei natürlich in nichts nach – Kim Cattrall und David Haig sind eben alte Hasen im Showgeschäft. Insgesamt muss man bei My Boy Jack zweifelsohne von einem sehr guten Cast sprechen. Auch technisch ist der Film ebenfalls sehr versiert ausgefallen, sehr schön auch dass allzu ruckelige Kamerafahrten und Schnitte größtenteils vermieden wurden. So können die technischen Aspekte die gewisse erzählerische Ruhe und Emotionalität (trotz Kriegshintergrund) noch unterstützen – nicht zuletzt durch den stimmigen Soundtrack von Adrian Johnston. Ein überaus gelungenes Werk dass man so schnell nicht vergessen wird; vor allem nicht die einprägsame und gut gewählte Titelmelodie.

Fazit: My Boy Jack ist ein überdurchschnittlicher Film – aber kein perfekter. Zu geschliffen wirkt einstweilen die Familiengeschichte, Tatsachen werden in sehr großem Maße vereinfacht, vieles wird fast komplett ausgeblendet (wie das allgemeine Kriegsgeschehen) – sodass man dem Film durchaus eine gewisse, gefühlte ‚Lückenhaftigkeit‘ und fehlende Allgemeingültigkeit zuschreiben könnte. Das ist bei (Welt)Kriegsfilmen, die sich auf eine bestimmte Familiengeschichte spezialisieren zwar des öfteren der (auch notwendige) Fall, doch ein wenig mehr hätte es dann doch ruhig sein können.

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