Rezensionen: Filme

Filmkritik: „Die Kinder Von Paris“ (2009)

Originaltitel: La Rafle
Regie: Rose Bosch
Mit: Mélanie Laurent – Jean Reno – Gad Elmaleh – Hugo Leverdez u.a.
Laufzeit: 120 Minuten
Land: Frankreich
FSK: Ab 12
Genre: Kriegsfilm (Link)

„Nicht nur die Deutschen haben Blut an ihren Händen kleben“

Inhalt: Im Frankreich der frühen 1940’er Jahre scheint sich – der Besetzung der Deutschen zum Trotz – nicht viel für die einheimischen Bürger geändert zu haben. Der 11-jährige jüdische Junge Jo Weismann (Hugo Leverdez) geht wie alle anderen zur Schule, wird von seinen Eltern geliebt und gefördert; und spielt mit seinen Freunden im Pariser Montmartre-Bezirk. Doch im Sommer 1942 verändert sich die augenscheinliche Idylle schnell in einen wahren Alptraum: die Deutschen setzen ihren perfiden Plan, der sich mit der sogenannten ‚Judenfrage‘ befasst, nach und nach in die Tat um. Es beginnt damit, dass alle Juden nun deutlich sichtbare Judensterne tragen, und sich den überzogenen neuen Regeln für ihr Volk unterwerfen müssen. Selbst diese menschenunwürdigen Maßnahmen können den Stolz der Juden nicht brechen – doch es kommt noch schlimmer. Eines Nachts tauchen plötzlich bewaffnete französische Polizisten auf, die alle Juden einer Wohngegend dazu auffordern, das wichtigste einzupacken und mitzukommen. Schnell wird klar: selbst die französische Polizei arbeitet mit den Nazis zusammen, und liefert die von Hitler ‚geforderten‘ Juden ohne großes Mitleid aus. Die nun Gefangenen werden im riesigen Vélodrom d’Hiver untergebracht, das sonst für Radrennen dient – und müssen unter katastrophalen Bedingungen einen harten Überlebenskampf führen. Doch das Ziel der Reise ist noch längst nicht erreicht, wenn es um Hitler und seine judenfeindlichen Pläne geht.

Kritik: Die Kinder Von Paris ist ein französischer Kriegsfilm aus dem Jahre 2009, der nach einem eher mäßigen Kinoerfolg in Deutschland seit 2011 auch in gut sortierten deutschen Videotheken gefunden werden kann (auf DVD als auch auf Blu-Ray). Dementsprechend liegt für das aufrüttelnde Werk eine deutsche Synchronisation vor, die jedoch nur höchst bedingt zu empfehlen ist: nicht alle Sprecher wirken passend ausgewählt, an einigen Stellen ist eine mangelnde (oder schlicht falsch gerichtete) Motivation der Sprecher spürbar – doch auf den deutschen Releases wurde weitestgehend (und den Hinweisen zum Trotz) auf den Zusatz der Originaltonspur sowie Untertitel verzichtet. Das ist ein Fauxpas der eigentlich nicht passieren darf – so bleibt dem Zuschauer nicht die Möglichkeit, auf den O-Ton + Untertitel zurückzugreifen, der sich nun zwingend mit der eher mäßigen deutschen Synchronisation konfrontiert sieht. Seit längerem heisst es nun also erstmals wieder: aufgrund einer unausweichlichen mittelmäßigen Synchronisation gibt es leichte Abzüge in der Gesamtnote (Anmerkung: die Qualität der Synchronisation fliesst im allgemeinen nicht in die Wertung von Oliverdsw.Wordpress mit ein, da es vorrangig um die Filme selbst geht).

Die Kinder Von Paris, der im Original sinniger La Rafle (in etwa: der Überfall, die Razzia) heisst, ist ein weiterer Kriegsfilm, der sich mit dem Thema des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzt – dabei aber versucht, einen möglichst und weitestgehend unbekannten Aspekt zu behandeln. So porträtiert der Film die Besatzungsphase der Deutschen aus französischer Sicht – und zeigt dabei auf, dass sich auch einzelne Franzosen eine Mitschuld aufgebürdet haben wenn es um die Kollaboration der Behörden in Bezug auf die ‚Judenfrage‘ geht. Regisseurin Rose Bosch gelingt dabei die Balance zwischen dem Porträt der ‚Ruhe vor Sturm‘ und der letztendlichen Gräueltaten der Nazis; vor allem, da sie einen Großteil der Ereignisse aus einer unbekümmerten (nicht: verharmlosenden) kindlichen Sichtweise erzählt. Es muss nicht explizit gezeigt werden, wie es für einen Großteil der Inhaftierten ausgeht – es genügen Andeutungen, die gleichsam oder gar noch erschreckender wirken. Was nicht heisst, dass es nicht doch einige explizitere Gewaltdarstellungen gibt – dies ist kaum zu vermeiden (und führt zu einer FSK 12, wobei auch eine FSK 16 sicher nicht verkehrt gewesen wäre), will man nicht in eben genannten Rahmen der ‚Verharmlosung‘ fallen. Dabei geht sie mit einer erschreckenden Authentizität und Detailtreue vor, sodass dem Zuschauer kaum etwas anderes bleibt als über einer übergeordneten Empathie auch Sympathien für den ein oder anderen Charakter zu entwickeln – und sie hautnah miterleben zu lassen, wie plötzlich und unerwartet die große ‚Razzia‘ für manche der in Frankreich lebenden Juden von statten ging.

Zwar wird dabei zu keinem Zeitpunkt die Klasse eines Das Leben Ist Schön erreicht, der sich in so manchen Punkten vergleichen lässt – doch zeitlose Filmkunst will eben nicht mit jedem Werk über den Zweiten Weltkrieg geschrieben werden. Die Kinder Von Paris ist handwerklich gut gemacht, leidet kaum unter inszenatorischen Schwächen – trifft es aber doch nicht so exakt auf den Punkt wie eben genanntes Meisterwerk. Ein Problem ist mitunter auch die (eingeschränkte) Perspektive, die nur teilweise aus der zugrundeliegenden kindlichen Sichtweise resultiert: irgendwie kann sich Rose Bosch nicht so recht entscheiden, was genau ihr Film denn nun sein soll. Ein historisch akkurates Porträt, wie es bereits der erklärende Schriftzug im Vorspann nahelegt ? Ein Drama, welches den Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive unschuldiger Kinder zeigt und daher nicht immer ein ‚allumfassendes‘ (und schon gar nicht politisches) Bild zeichnen kann und soll ? Oder vielleicht doch eher ein Kriegsfilm mit dem gewissen etwas; der aufzeigt; dass es nicht nur Opfer und Täter gab – sondern auch Menschen, die sich durch ihren unermüdlichen Einsatz und im Nahmen der Moral für einen besseren Ausgang des Unvermeidlichen einsetzten (als Galionsfigur dient hier die hilflose Krankenschwester) ? Es gibt keinen Zweifel: Die Kinder Von Paris hat von allem etwas, verfolgt keinen der angeschnittenen Aspekte wirklich konsequent – und besitzt somit nur bedingt eine filmeigene Identität.

Fazit: Die Kinder Von Paris ist ein nicht vollständig zufriedenstellendes, da viele wichtige Aspekte aussen vor lassendes Werk – das andererseits aber auch keine konsequente Erzählung aus Kindersicht (wie es der deutsche Titel vermuten lässt) verkörpert. Politische Aspekte tauchen so hier und da auf – doch verkommen größtenteils zu Nebensächlichkeiten. Hoch anzurechnen ist dem Titel allerdings der hohe Aufwand, der in den authentischen Settings zu sehen (und zu spüren ist), so wie auch die Leistungen der Beteiligten Darsteller. Anzumerken ist, dass Jean Reno eher eine Nebenrolle ausfüllt – der Hauptpart ist dem Nachwuchstalent Hugo Leverdez zuzusprechen, der eine sagenhafte Präsenz zeigt; die dem der ‚großen‘ in nichts nachsteht. Und auch die emotionale Komponente kommt keinesfalls zu kurz – sodass man dem Film eine nachhaltige Wirkung keinesfalls abzusprechen ist. Er wird im Gedächtnis bleiben – weniger als Film über den Zweiten Weltkrieg, eher als zeitloses Porträt über Gräueltaten, zu denen nur die Spezies Mensch fähig ist.

2 replies »

  1. Hier hast du nun eine Kritik zu einen meiner, wenn auch nicht Lieblingsfilme, dann doch zumindest einer meiner Favoriten geschrieben und natürlich möchte ich darauf gerne antworten. Nun, zunächst einmal musste ich meine DVD aus den Untiefen des Regals holen, um zu schauen, wie es sich tatsächlich mit etwaiger Ton- und Untertitelspur verhält, da ich an sich dachte, dass die französische Tonspur darauf zu finden gewesen wäre. Falsch gedacht. Du hast natürlich Recht. Für mich macht das freilich keinen Unterschied, da mein Französisch gerade einmal für ganz einfache Minimalsätze reicht und ich so zwangsläufig auf Deutsch umschalten müsste. Habe ja leider nicht immer den Nerv, mich auf eine Untertitelspur einen ganzen Film lang konzentrieren zu können. Trotzdem natürlich, ist gerade dieser Punkt schade. Schon aus Respekt vor den Land, in dem ein Werk produziert wurde. In diesen Punkt hast du, voll und ganz, meine Zustimmung.

    Doch, auch nur mit deutschen Ton versehen, verliert dieser Film nichts von der Wirkung, die Bosch in diesen Stück Geschichte gesehen hatte und so den Zuschauer näher bringen wollte. Tatsächlich hat die Regisseurin ein bedeutendes französisches Spielfilmdokument geschaffen, welches unseren Nachbarn die raue Wirklichkeit vor Augen hält und zeigt, dass sich auch nicht wenige Franzosen den Brutalitäten der Nazis entziehen konnten, ja sich sogar zu Mittätern machten, welche zwar im Namen der Deutschen handelten, aber sich ebenso schuldig machten. Und da ist Bosch Vorreiterin. So oft in Frankreich die bedeutende Rolle der französischen Resistance hochgehalten wird, so wenig wurde bis zu diesen Film über die jenigen gesprochen, die kollaborierten. Allein deshalb verdient es dieser Film, gesehen zu werden. Und das bitte von allen, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. In sofern finde ich die hier versehene FSK 12 als vollkommen gerechtfertigt. Schließlich war auch der echte Jo Weisman, dessen Lebensgeschichte hier in Teilen erzählt wird, ungefähr in diesen Alter und aus seiner Sicht werden die Dinge erzählt. Kinder, okay, mit 12 fast schon Jugendliche, können die hier zu sehenden Bilder verkraften und bewerten. Das passt schon.

    Mit den Vergleich zu den Film „Das Leben ist schön“ komme ich dagegen nicht überein. Wollte das denn die Regisseurin? War dass das Ziel? Davon war nie die Rede. Die hier eingeschränkte Sichtweise aus Kinderaugen ist dagegen gewollt, siehe Zusatzmaterial und Interview auf der DVD. Dieser Punkt muss also außerhalb der Kritik liegen. Genau dies darzustellen, war das Ziel von Bosch, kein anderes. Und der Krieg läuft, neben den unmittelbaren Geschehnissen, aus kindlicher Sicht, eh nur nebenher, gerade wenn die unmittelbaren erlebten Schrecken viel grausamer sind als das, was man landläufig als Krieg bezeichnet. Ein Kriegsfilm will „La Rafle“ also auch nicht sein, konnte ich zumindest nicht erkennen. Trotzdem müssen Politik und Krieg aber nebenbei vorkommen, schließlich spielen die Erwachsenen im Alltag der Kinder eine bedeutende Rolle. In sofern finde ich, haben die Franzosen bei dieser Verfilmung die richtigen Prioritäten gesetzt.

    Pluspunkte des Filmes und hier wieder meine Zustimmung, sind die aufwendigen Kulissen und Kostüme, authentische Szenarien an denen nicht gespart wurde, wie man es von einen Film unserer Nachbarn erwarten kann. Hier bestätigt sich dieses, positive, Vorurteil wieder. Die Franzosen können das sehr gut. Natürlich muss die schauspielerische Leistung von Hugo Leverdez gewürdigt werden. Sein Spiel trägt diesen Film ungemein. Schade, dass es bisher sein einziger Film gewesen ist. Aber auch die anderen Kinder und Erwachsenen machen ihre Sache gut.

    Zu guter Letzt möchte ich noch hinzufügen, dass der echte Jo Weisman diesen Film befürwortet. Er hat die Dreharbeiten und die Entstehung des Filmes begleitet, erklärt und der Regisseurin erläuterungen gegeben, wie er dieses oder jenes damals erlebt und gesehen hat. In sofern darf man wohl von seiner Zustimmung ausgehen. Weisman und sein Enkel sind sogar selbst im Film einige Sekunden zu sehen. Wo? Um das herauszufinden, muss man schon die Extras auf DVD schauen.

    Ich bewerte den Film, in aller Bescheidenheit, mit 8 Punkten. Einen ziehe ich wegen der Grundsätzlichkeit der nichtvorhandenen französischen Tonspur ab und einen, um etwas Luft nach oben zu lassen.

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    • Vielen Dank für diese ausführliche Kritik und die mal übereinstimmende, mal leicht abweichende Sicht auf den Film. Deiner (Kontext-)Klarstellung kann ich heute nur beipflichten – der Film möchte sich nicht mit anderen verglichen wissen, sondern steht für sich; und die dahinterstehende tragische Geschichte. Deine Wertung wurde entsprechend mit aufgenommen.

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